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Full text of "Gesammelte Schriften Bd.3"

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Walter Benjamin 

Gesammelte Schriften 

in 

Herausgegeben von 
Hella Tiedemann-Bartels 



Suhrkamp 



Die Editionsarbeiten wurden durch 

die Stiftung Volkswagenwerk, die Fritz Thyssen Stiftung 

und die Hamburger Stiftung zur Forderung 

von Wissenschaft und Kultur ermoglicht. 

Die vorliegende Ausgabe ist text- und seitenidentisch 

mit Band III der gebundenen Ausgabe 

der Gesammelten Schriften Walter Benjamins. 



Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek 

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Pubhkation 

in der Deutschen Nationalbibliografie 

http://dnb.ddb.de 

suhrkamp taschenbuch wissenschaft 933 

Erste Auflage 1991 

© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1972 

Suhrkamp Taschenbuch Verlag 

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das 

des dffentlichen Vortrags, der Obertragung 

durch Rundfunk und Fernsehen 

sowie der Ubersetzung, auch einzelner Teile. 

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form 

(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) 

ohne schnftliche Genehmigung des Verlages reproduziert 

oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, 

vervielfaltigt oder verbreiret werden. 

Druck: Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 

Printed in Germany 

Umschlag nach Entwiirfen von 

Willy Fleckhaus und Rolf Scaudt 

ISBN 3-51S-2S533-5 

3 4 S 6 7 S - 11 10 09 08 07 06 



Inhaltsiibersicht 



Kritiken und Rezensionen 

19" 9 

1924 12 

1926 23 

I9V 54 

1928 86 

19*9 157 

1930 213 

1931 275 

1932 315 

1933 375 

1934 408 

1935 440 

1936 482 

1937 508 

1938 518 

1939/1940 557 



Anhang 

Entwurfe zu Rezensionen 599 

Vorschlage fur den Besprechungsteil der »Zeitschrift fur 
Sozialforschung« 601 



Anmerkungen der Herausgeberm 603 

Alphabetisches Verzeichnis 709 

Inhaltsverzeichnis 721 



Kritiken und Rezensionen 



1912 



Lily Brauns Manifest an die Schuljugend 1 

Eines fallt an dem neuen Buche Lily Brauns vor allem auf. Es 
mag ein Fehler sehr vieler padagogischer und schulreformatori- 
sdier Schriften sein, dafi sie ihr Schulideal an so manchen Ideen 
und Institutionen orientieren - an Staat oder Religion, allge- 
meiner Bildung oder dem Prinzip der Arbeit - nur nicht am 
Urspriinglichsten: an der Jugend. Und bei vielen Schulplanen 
wird ein soldier Fehler nicht einmal auffallen. Denn - paradox 
konnte man formulieren: die Menge der geplanten Reformen 
hat den Blick auf die eine wirkliche, werdende Jugend verbaut. 
Die Verfasserin aber schreibt »eine Rede an die Schuljugend«. 
Sie hat diese eine wirkliche und werdende Jugend erblickt, die 
sich ihrer selbst langsam bewufit wird, ihrer Rechte, ihrer Starke 
und ihrer Moglichkeiten, die zu Pflichten werden. Und doch — 
indem Lily Braun zu dieser Jugend von der Schule redet, ver- 
liert sie ihre Horer aus den Augen, schweift iiber sie hinweg zu 
irgendeinem leeren, negativen Ideal der Freiheit. Zieilosigkeit 
bei allem Fanatismus ist ein Hauptmerkmal der Schrift. 
Der Jugend weifi Lily Braun nichts weiter zuzurufen, als: Ihr 
seid rechtlos! In der Schule diirft ihr keine eigene Meinung 
entwickeln, im Hause mlifit ihr schweigen, die grundlegende, 
selbstverstandliche politische Bildung verbietet der Staat den 
Vierzehnjahrigen, die sich selber ihr Brot verdienen. Darum: 
Habt in der Schule den Mut eurer eigenen Meinung, und wenn 
man euch auch auf die letzte Bank setzte; darum: Versagt euren 
Eltern den Gehorsam. »Gehorsam ist keine Tugend, wenn er 
nicht ein freudiges Jasagen zum Befehle ist.« 
Es kann sich nicht um die Tatsachen handeln, von denen die 
Verfasserin ausgeht. Man mag 10 Ausnahmen und 100 Ausnah- 
men nennen, trotzdem bleibt das Prinzip, wie es sich in jeder 
Alltaglichkeit in der Schule aufiert, dasselbe - und nicht anders 
in der Familie. Von ganz bedeutender Wichtigkeit aber sind 

1 Lily Braun, Die Emanzipation der Kinder. Eine Rede an die Schuljugend. Mundien: 
Albert Langen (191 1). 28 S. 



io Kritiken und Rezensionen '1912 

Lily Brauns Folgerungen, ihre Vorschlage, mit denen sie aller- 
dings Wege angibt, ohne ein Ziel zu nennen. Denn die Freiheit 
ist zwar fur den Augenblick und fur den heutigen Schiiler ein 
Ziel, an sich aber nur ein Ausgangspunkt. Wohin der Weg der 
freien Jugend gehen sollte, daruber schweigt Lily Braun. Sie 
schweigt da, wo gerade der, der sich an die Jugend wendet, das 
Bedeutendste zu sagen hatte. 

Beachtenswert sind die Vorschlage der Verfasserin dennoch 
deswegen, weil sie keineswegs vereinzelt dastehen - hochstens 
so kategorisch in der OrTentlichkeit noch nicht geaufiert worden 
sind. Denn es sind Aufforderungen und Begeisterungen, wie sie 
in den Gesprachen kiihner, unruhiger Schiiler Tag fur Tag ge- 
aufiert werden; allerdings um bald in ihrer Undurchfiihrbarkeit 
erkannt zu werden oder dem allzu Mutigen ein oder mehrere 
Jahre seines Lebens zu verderben. Diese Vorschlage - ganz ab- 
gesehen da von, zu welchen positiven Zielen sie fiihren mogen - 
erweisen sich auf den ersten Blick jedem, der audi nur oberflach- 
lich mit den Verhaltnissen vertraut ist, als vollig undurchfiihr- 
bar, weil unter derSchulerschaft die Organisation und Solidaritat 
fehlt, die eine unerlafiliche Vorbedingung auch des geringsten 
Erfolges ware. Als undurchfuhrbar auch, weil es sich mit der 
Emanzipation der Kinder durchaus nicht so verhalt, wie mit je- 
nen gewaltigen Bewegungen, die die Verfasserin so freigebig 
zum Vergleich heranzieht, wie mit dem Befreiungskampfe, den 
»die Sklaven des Altertums, dieBauern des Mittelalters, die Biir- 
ger des Zeitalters der Revolution, die Arbeiter und Frauen der 
Gegenwart« fiihren. Hinter der Schulerschaft steht nicht die 
materielle, rohe Macht, die den Kampf, der einmal so fiirchter- 
lich eroffnet ware, durchhalten konnte. Und die Schulreform ist 
ein Kampf der Ideen, in dem die sozialen Momente, die jene 
erwahnten Kampfe so furchtbar gestalteten, zuriicktreten. 
Doch nicht der Mangel an klaren Zielen, nicht die ganzlich 
verfehlten Vorschlage allein entwerten die Schrift. Unwiirdig 
und emporend erscheint es, dafi die Verfasserin als der ersten 
eine, die zur Jugend spricht, nicht mehr als eine - sozusagen - 
politische Rede, nichts iiber einen aufreizenden Aufruf hinaus 
zu sagen hat. Dafi die Schrift, die agitatorisch mit widerlich 
schwuler Selbstmord-Romantik aufgeputzt ist (man lese die 
ersten Seiten!), nichts weiter zu sein scheint, als eine Aufforde- 



Lily Brauns Manifest an die Schuljugend 1 1 

rung zu brutaler Befreiung von brutaler Knechtschaft. Dafi 
dieses Eine ganz verkannt oder ganz verschwiegen ist: eine 
Reform der Jugend miifite hervorbrechen, auch wenn unsere 
Schule die vollkommenste ware. Von der neuen Jugend, die aus 
dem Bewufksein ihrer selbst als jugendlicher Menschen wieder 
einen hochsten Sinn und Zweck in ihr Dasein legt, sollte vor 
allem sprechen, wer sich an die Jugend wendet. 
Im Lichte einer solchen Anschauung erscheint die heutige Sdhiule 
von selbst als Ruine. 

Diejenigen, die den neuen Geist in der Jugend zum Bewufitsein 
seiner selbst bringen, werden die grofiten Reformatoren audi 
der Schule werden. 

Trotzdem im einzelnen die Schrift hie und da wahre Gedanken 
enthalt, kann man ihr nur wiinschen, daft der Schulreformer 
sie zu den Akten lege, dafi kein »kindlicher« Geist sich an ihrem 
gef ahrlichen Feuer entziinden moge. 



1924 



Karl Hobrecker, Alte vergessene KinderbUcher. Berlin: Mauri- 
tius-Verlav TQ2A. 160 V 



tius-Verlag 1924. 160 S. 



Ein Buch, dem niemand auf den ersten Blick sein bibliographi- 
sdies Fundament, seine Herkunft'aus vieljahrigem Sammler- 
studium ansieht: »Alte vergessene Kinderbucher« von Karl 
Hobrecker. So vorziiglich - sorgfaltig und temperamentvoll 
zugleich - hat der Mauritius- Verlag in Gemeinschaft mit dem 
Verfasser es auszustatten gewufit, dafi man glaubt, eines jener 
erfreulichen Werke selber in Handen zu haben, von denen es 
handelt. Die bunte Umschlagzeichnung, schwarze und farbige 
Textbilder in Fulle geben Proben aus dem Schatze der Samm- 
lung Hobrecker, von dessen Bedeutung die Bescheidenheit des 
Autors freilich nicht mehr verrat, als es der Gegenstand durch- 
aus erfordert. Ein hervorragendes Anschauungsmaterial wird 
selbst den Fliichtigen mit dem Charme benihren, dem jeder 
Sammler dieser Dinge einmal unterlegen sein mufi. 
Vom Sammler von Kinderbiichern als einem Typus kann man 
vielleicht erst seit dem Aufschwung der Bibliophilie reden, der 
zwischen 19 19 und 1923 aus teils mehr, teils minder erfreulichen 
Ursachen sich vollzog. Damals hatte Hobrecker langst seinen 
Posten bezogen und mit dem Gluck, das dem beharrlichen Lieb- 
haber hier sich nie verweigert, die Fiille dessen vereinigt, was 
heute als unauffindbar rangieren mut Aus dieser Sammlung, 
die ihr Bereich aus reiner, interesseloser Neigung zur Sache erst 
entdecktund gescharTen hat, ist diese erste Geschichte des Kinder- 
buches, die vom ziinftigen, padagogischen Standpunkt sich eman- 
zipiert hat, erwachsen. Dem entspricht die hier und da vernehm- 
lich streitbare Tonart, mit der die schulmeisterlichen Moralitaten, 
wie sie seit der Aufklarung mit wirklich erstaunlicher Zahigkeit 
im Schrifttum fiir Kinder sich gehalten haben, verabschiedet 
werden. Kurz und markant wird die Entstehung des eigent- 
lichen Kinderbuches aus Fibel, Marchen, Volksbuch, Lied und 
Klassik entwickelt. Bis in die dreifiiger Jahre des vorigen Jahr- 
hunderts wahrt die Vormundschaft des erbaulichen, des beleh- 



Karl Hobrecker 1 3 

renden, des moralischen Zwecks. Der Textteil erweist sich starrer 
und konservativer als die anschauliche Gestaltung des Buches, in 
dem schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Abbildung 
(audi aufierhalb der Ansdiauungsbilderbiicher - Comenius, 
Basedow -) an Raum und Bedeutung gewinnt. Mit dem Bieder- 
meier ist der farbige Kupfer fiir das Kinderbuch obligat ge- 
worden. Diese Periode, deren Reizen der Autor nidit fuhllos 
gegeniiber steht, wie seine schone Hymne auf ihre Koloristik 
zeigt, tritt ihm, dem bekannten Hosemann-Forscher, dodi zu- 
riick gegen die vierziger bis sechziger Jahre, den »H6hepunkt« 
- wie er sie iiberschreibt -, den die Herrschaft des grofien 
Berliner Jugendschriften-Verlages Winckelmann und Sonne be- 
zeidinet. Hier aber - und das ist vielleicht fiir Hobrecker den 
Sammler und Historiker das Charakteristische - erlahmt sein 
Interesse nicht, sondern geht ungebrochen ins Jahrhundert-Ende 
hinuber von Hosemann zu Oskar Pletsch, von Theodor Dielitz 
zu Julius Lohmeyer. Auf diesem letzten WegstUck diirfte seine 
Gefolgschaft sich vielleicht etwas lichten. Denn beim Auf schwung 
des Interesses fiir Kinderbucher spielt ganz unverkennbar kiinst- 
lerische und technische Anteilnahme an primitiven, rein hand- 
werklich gestimmten Dokumenten, wie sie mit dem Expressio- 
nismus aufkam, die grofite Rolle. Primitive, anonyme und hand- 
werkliche Produktion wird nach 1850 selten, die Fabrikation 
wird industrialisiert. Der Ruf des Kunstlers fallt mehr und mehr 
ins Gewicht. Und damit ist eine wachsende Abhangigkeit von 
dem problematischen Schonheits- .und Bildungsideal des Publi- 
kums gegeben. Schonheit, Kindlichkeit und Lieblichkeit der 
Typen findet sich weit robuster in den fniheren Arbeiten des 
Jahrhunderts bedeutet als in den epigonal gestimmten Sachen 
des Jahrhundert-Endes. So sind denn solche Stiicke in den 
Reproduktionen des Werkes mit Recht urn so weniger beriick- 
sichtigt, als es den alten vergessenen Kinderbuchern gewidmet 
ist. 

Im uniibersehbaren Meer dieser Literatur bezeichnet ein kata- 
logartiger Anhang mit mehr als 175 Titeln einige bibliogra- 
phische Inseln. Auf einem Gebiet, wo jedes 40. oder 50. Exem- 
plar ein Unikat ist, kann selbstverstandlich an eine formliche 
Bibliographie nicht gedacht werden, am wenigsten heute, da noch 
alle Vorarbeiten fehlen. Und fiir manchen Sammler diirfte Ho- 



14 Kritiken und Rezensionen • 1924 

breakers kleines Verzeichms mit einer Desideratenliste schon 
zusammenfailen. Deswegen wird er es ihm danken. 



»Alte vergessene Kinderbucher« 

»Warum sammeln Sie Biicher?« - Hat man jemals die Biblio- 
philen mit einer solchen Umfrage zur Selbstbesinnung aufge- 
fordert? Wie interessant waren die Antworten, zumindest die 
aufrichtigen. Denn nur der Uneingeweihte kann glauben, es gabe 
nicht audi hier zu verhehlen und zu beschonigen. Hochmut, 
Einsamkeit, Verbitterung - das ist die Nachtseite so mancher 
hochgebildeten und gliickhaften Sammlernatur. Hin und wieder 
zeigt jede Passion ihre damonischen Ziige; davon weifi die 
Geschidite der Bibliophilie zu sagen wie nur eine. - Nichts 
davon in dem Sammlercredo Karl Hobreckers, dessen grofie 
Sammlung von Kinderbuchern durch sein Werk 1 nun dem Publi- 
kum bekannt wird. Wem die freundliche, feine Person, wem 
das Buch auf jeder Seite es nicht sagen wiirde, dem ware die 
blofle Oberlegung genug: dieses Sammelgebiet - das Kinder- 
buch - entdecken konnte nur, wer der kindlichen Freude daran 
die Treue gehalten hat. Sie ist der Ursprung seiner Biicherei, 
und einen gleichen wird jede ahnliche brauchen, um zu gedeihen. 
Ein Buch, ja eine Buchseite, ein blofies Bild im altmodischen, 
vielleicht von Mutter und GroiSmutter her iiberkommenen 
Exemplar kann der Halt sein, um den die erste zarte Wurzel 
dieses Triebes sich rankt. Tut nichts, da& der Umschlag locker 
ist, Seiten fehlen und hin und wieder ungeschickte Hande die 
Holzschnitte betuscht haben. Die Suche nach dem schonen Exem- 
plar hat ihr Recht, aber gerade hier wird sie dem Pedanten den 
Hals brechen. Und es ist gut, da& die Patina, wie ungewaschene 
Kinderhande sie iiber die Blatter legen, den Biichersnob fern- 
halt. 

Als vor 25 Jahren Hobrecker seine Sammlung begriindete, 
waren alte Kinderbiicher Makulatur. Er zuerst hat ihnen ein 
Asyl eroffnet, wo sie auf absehbare Zeit vor der Papiermiihle 

1 Karl Hobrecker, Alte vergessene Kinderbiicher. Berlin: Mauritius- Verlag 1924. 
160 S. 



»Alte vergessene Kinderbucher« 15 

gesichert sind. Unter den mehreren tausend, die seine Schranke 
fiillen, mogen hunderte allein bei ihm, in einem letzten Exem- 
plar, sich finden. Durchaus nicht mit seiner Wiirde und Amts- 
miene tritt dieser erste Archivar des Kinderbuches mit seinem 
Werk vors Publikum. Er wirbt nicht um Anerkennung seiner 
Arbeit, sondern um Anteil an dem Schonen, das sie ihm er- 
schlossen hat. Alles Gelehrte, insbesondere ein bibliographischer 
Anhang von etwa zweihundert der wichtigsten Titel ist Bei- 
werk, das dem Sammler willkommen ist, ohne den Ferner- 
stehenden zu behelligen. Das deutsche Kinderbuch - so fiihrt 
der Autor in dessen Geschichte ein - entstand mit der Auf- 
klarung. Die Philanthropen machten mit ihrer Erziehung die 
Probe auf das Exempel des groften humanitaren Bildungs- 
programms. War der Mensch fromm, gut und gesellig von 
Natur, so mufke es gelingen, aus dem Kinde, dem Naturwesen 
schlechtweg, den frommsten, besten und geselligsten heranzu- 
ziehen. Und da in ailer theoretisch gestimmten Erziehung die 
Technik des sachlichen Einflusses erst spat entdeckt wird und die 
problematischen Vermahnungen den Anfang machen, so ist audi 
das Kinderbuch in den ersten Jahrzehnten erbaulich, morali- 
stisch und variiert den Katechismus samt Auslegung im Sinn des 
Deismus. Mit diesen Texten geht Hobrecker streng ins Gericht. 
Ihre Trockenheit, selbst Bedeutungslosigkeit fur das Kind wird 
sich oft nicht abstreiten lassen. Doch sind diese iiberwundenen 
Fehler geringfiigig gegen die Verirrungen, welche dank der 
vermeintlichen Einfuhlung in das kindliche Wesen heute im 
Schwange sind: die trostlose verzerrte Lustigkeit der gereimten 
Erzahlungen und die grinsenden Babyfratzen, die von gottver- 
lassenen Kinderfreunden dazu gemalt werden. Das Kind ver- 
langt vom Erwachsenen deutliche und verstandliche, doch nicht 
kindliche Darstellung. Am wenigsten aber das was der dafur zu 
halten pflegt. Und weil selbst fur den entlegenen und schweren 
Ernst, wcnri er nur aufrichtig und unreflektiert von Herzen 
kommt, das Kind genauen Sinn hat, mag auch fur jene alt- 
frankischen Texte sich manches sagen lassen. Neben Fibel und 
Katechismus steht am Anfang des Kinderbuches das Anschau- 
ungslexikon, das illustrierte Vokabelbuch oder wie man .den 
»Orbis pictus« des Amos Comenius sonst nennen will. Auch 
dieser Form hat die Aufklarung sich auf ihre Weise bemachtigt 



1 6 Kritiken und Rezensionen * 1924 

und das monumentale Basedowsche »Elementarwerk« geschaf- 
fen. Dies Buch ist vielfach auch textlich erfreulich. Denn neben 
einem weitschweifigen Universalunterricht, der zeitgemafi den 
»Nutzen« aller Dinge ins rechte Licht ruckt - den der Mathe- 
matik wie den des Seiltanzens - kommen moralische Geschichten 
von einer Drastik vor, die nicht unfreiwillig das Komische 
streift. Bei diesen beiden Werken hatte das spatere »Bilderbuch 
fur Kinder« eine Erwahnung verdient. Es umfafit zwolf Bande 
mit je hundert kolorierten Kupfertafeln und erschien unter 
F. J. Bertuchs Leitung in Weimar von 1792 bis 1847. Diese 
Bilderenzyklopadie beweist in ihrer sorgfaltigen Ausfiihrung, 
mit welcher Hingabe damals fur Kinder gearbeitet wurde. 
Heute wurden die meisten Eltern sich vor der Zumutung ent- 
setzen, eine solche Kostbarkeit in Kinderhande zu legen. Ber- 
tuch fordert in seiner Vorrede ganz unbefangen zum Ausschnei- 
den der Bilder auf. Endlich sind Marchen und Lied, in gewissem 
Abstand auch Volksbuch und Fabel ebenso viele Quellen fur den 
Textgehalt der Kinderbucher. Selbstverstandlich die reinsten. 
Ist es doch ein durch und durch modernes Vorurteil, aus dem die 
neuere romanartige Jugendschrift, ein wurzelloses Gebilde voll 
von triiben Saften, hervorgegangen ist. Dieses namlich, dafi 
Kinder so abseitige, inkommensurable Existenzen seien, dafi 
man ganz besonders erfinderisch zur Produktion ihrer Unter- 
haltung sein miisse. Es ist muflig, auf die Herstellung von Gegen- 
standen - Anschauungsmitteln, Spielzeug oder Biichern - die 
den Kindern gemafi waren, krampfhaft bedacht zu sein. Seit 
der Aufklarung ist das eine der muffigsten Griibeleien des 
Padagogen. In seiner Befangenheit ubersieht er, dafi die Erde 
voll von reinen unverfalschten Stoffen kindlicher Aufmerksam- 
keit ist. Und von den bestimmtesten. Kinder namlich sind auf 
besondere Art geneigt, jedwede Arbeitsstatte aufzusuchen, wo 
sichtbare Betatigung an den Dingen vor sich geht. Unwidersteh- 
lich fiihlen sie sich vom Abfall angezogen, der sei es beim Bauen, 
bei Garten- oder Tischlerarbeit, beim Schneidern oder wo sonst 
immer entsteht. In diesen Abfallprodukten erkennen sie das 
Gesicht, das die Dingwelt gerade ihnen, ihnen allein zukehrt. 
Mit diesen bilden sie die Werke von Erwachsenen nicht sowohl 
nach als dafi sie diese Rest- und Abfallstoffe in eine sprunghafte 
neue Beziehung zueinander setzen. Kinder bilden sich damit 



»Alte vergessene Kinderbiicher* 17 

ihre Dingwelt, eine kleine in der grofien, selbst. Ein solches 
Abfallprodukt ist das Marchen, das gewaltigste vielleicht, das 
im geistigen Leben der Menschheit sich findet: Abfall im Ent- 
stehungs- und Verfallsprozefi der Sage. Mit Marchenstoffen 
vermag das Kind so souveran und unbefangen zu schalten wie 
mit Stoffetzen und Bausteinen. In Marchenmotiven baut es seine 
Welt auf, verbindet es wenigstens ihre Elemente. Vom Lied gilt 
ahnliches. Und die Fabel - »die Fabel in ihrer guten Form 
kann ein Geistesprodukt von wunderbarer Tiefe darstellen, 
dessen Wert die Kinder wohl in den wenigsten Fallen erkennen. 
Wir diirfen auch bezweifeln, dafi die jugendlichen Leser sie der 
angehangten Moral wegen schatzten oder sie zur Schulung des 
Verstandes benutzten, wie es bisweilen kinderstubenfremde 
Weisheit vermutete und vor allem wiinschte. Die Kleinen freuen 
sich am menschlich redenden und vernunftig handelnden Tier 
sicherlich mehr als am gedankenreichsten Text.« »Die spezifische 
Jugendliteratur« - so heifit es an anderer Stelle - »begann mit 
einem grofien Fiasko, soviel ist sicher.« Und dabei, diirfen wir 
hinzufugen, ist es in sehr vielen Fallen geblieben. 
Eines rettet selbst den altmodischsten, befangensten Werken 
dieser Epoche das Interesse: die Illustration. Diese entzog sich 
der Kontrolle der philanthropischen Theorien, und schnell haben 
iiber die Kopfe der Padagogen hinweg Kiinstler und Kinder sich 
verstandigt. Nicht als ob diese ausschliefilich mit Riicksicht auf 
jene gearbeitet hatten. Die Fabelbiicher zeigen, dafi verwandte 
Schemata an den verschiedensten Stellen mehr oder weniger 
variiert auftauchen. Ebenso weisen die Anschauungsbucher z. B. 
in der Darstellung der sieben Weltwunder auf Kupfer des 
17. Jahrhunderts, vielleicht auch noch weiter, zuriick. Vermu- 
tungsweise sei gesagt, dafi die Illustration dieser Werke in 
historischem Zusammenhang mit der Emblematik des Barock 
stehe. Die Gebiete sind sich nicht so fremd wie man wohl denken 
mochte. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts tauchen Bilderbvicher 
auf, die eine bunte Menge von Sachen auf einem Blatte - und 
ohne irgend welche figurale Vermittlung - zusammenstellen. 
Es sind Gegenstande, die mit dem gleichen Buchstaben beginnen: 
Apfel, Anker, Acker, Atlas u. dgl. Ein oder mehrere fremd- 
sprachige Obersetzungen dieser Vokabeln sind beigegeben. Die 
kiinstlerische Aufgabe, so gestellt, ist derjenigen verwandt, 



1 8 Kritiken und Rezensionen • 1924 

welche die bilderschriftartige Kombination allegorischer Gegen- 
stande den Zeichnern des Barock stellte, und in beiden Epochen 
entstanden ingeniose hochbedeutende Losungen. Nichts auf- 
fallender, als dafi im 19. Jahrhundert, das fur seinen Zuwachs 
an universalem Wissen so reichlich Kulturgiiter des vorher- 
gehenden dahingeben muftte, das Kinderbuch weder textlich 
noch illustratlv Einbufie erlitt. Zwar kommen so fein kultivierte 
Werke wie die Wiener »Fabeln des Asopus« (Zweite Auflage 
bey Heinr. Friedr. Miiller, Wien o. J.), die Hobreckers Ver- 
zeichnis beifiigen zu konnen ich mich gliicklich schatze, nach 
18 10 nicht mehr vor. Es ist uberhaupt nicht das Raffinement in 
Stich und Kolorit, in dem das Kinderbuch des 19. Jahrhunderts 
mit den Vorgangern wetteifern konnte. Sein Reiz liegt zum 
guten Teil im Primitiven, in den Dokumenten einer Zeit, da die 
alte Manufaktur mit den Anfangen neuer Techniken sich aus- 
einandersetzt. Seit 1840 hatte die Lithographie die Herrschaft, 
wahrend vorher ImKupferstich noch haufig Motive des 18. Jahr- 
hunderts begegnen. Das Biedermeier, die zwanziger und dreifii- 
ger Jahre, sind nur im Kolorit charakteristisch und neu. »Mir 
scheint in jener biedermeierlichen Zeit eine Vorliebe fur Karmin, 
Orange und Ultramarin zu bestehen, auch ein leuchtendes Grun 
wird vlelfach verwendet. Wo bleiben neben diesen funkelnden 
Gewandern, neben dem Azur des Himmels, den wildwabern- 
den Flammen der Vulkane und Feuersbriinste, die einfach 
schwarz-weifien Kupfer und Steindrucke, wie sie fur die lang- 
weiligen grofien Leute im allgemeinen gut genug waren? Wo 
bliihen wieder solche Rosen, wo leuchten solch rotbackige Apfel 
und Gesichter, wo blinken noch solche Husaren in griinem Dol- 
man und gelbverschnurtem, krapprotem Waffenkleide? Selbst 
der schlichte, mausgraue Zylinder des edlen Vaters, die lohgelbe 
Kopfbedeckung der schonen Mutter rufen unsere Bewunderung 
wach.« Diese selbstgenugsam prangende Farbenwelt ist durchaus 
dem Kinderbuch vorbehalten. Die Malerei streift, wo in ihr die 
Farbigkeit, das Durchsichtige oder gluhend Bunte der Tone ihre 
Beziehung zuf Flache beeintrachtigt, den leeren Effekt. Bei den 
Bildern der Kinderbucher bewirkt es jedoch meist der Gegen- 
stand und die Selbstandigkeit der graphischen Unterlage, dafi an 
eine Synthese von Farbe und Flache nicht gedacht werden kann. 
In diesen Farbenspielen ergeht sich aller Verantwortung ent- 



»Alte vergessene Kinderbucher« 19 

bunden die blofie Phantasie. Die Kinderbiicher dienen ja nicht 
dazu, ihre Betrachter in die Welt der Gegenstande, Tiere und 
Menschen, in das sogenannte Leben unmittelbar einzufiihren. 
Ganz allmahlich findet deren Sinn im Aufien sich wieder und 
nur in dem Mafie wie es als ihnen gemafies Inneres ihnen ver- 
traut wird. Die Innerlichkeit dieser Anschauung steht in der 
Farbe und in deren Medium spielt das traumerische Leben sich 
ab, das die Dinge im Geiste der Kinder fiihren. Sie lernen am 
Bunten. Denn nirgends ist so wie in der Farbe die sehnsuchtslose 
sinnliche Kontemplation zuhause. 

Die merkwiirdigsten Erscheinungen aber treten gegen Ende des 
Biedermeier, mit den vierziger Jahren, gleichzeitig mit dem 
Aufschwung der technischen Zivilisation und jener Nivellierung 
der Kultur auf, die nicht ohne Zusammenhang damit war. Der 
Abbau der mittelalterlichen spharisch gestuften Lebensordnun- 
gen war damals vollendet. In ihm waren gerade die feinsten 
edelsten Substanzen oft zu unterst geraten, und so kommt es, 
dafi der Tieferblickende gerade in den Niederungen des Schrift- 
und Bildwerks, wie in den Kinderbiichern, diese Elemente findet, 
die er in den anerkannten Kulturdokumenten vergeblich sucht. 
Das Ineinandersinken aller geistigen Schichten und Aktions- 
weisen wird so recht deutlich an einer Bohemeexistenz jener 
Tage, die in Hobreckers Darstellung leider keinen Platz gefun- 
den hat, obwohl einige der vollendetsten, freilich audi seltensten 
Kinderbiicher ihr zu verdanken sind. Es ist Johann Peter Lyser, 
der Journalist, Dichter, Maler und Musiker. Das »Fabelbuch« 
von A. L. Grimm mit Lysers Bildern (Grimma 1827), das »Buch 
der Mahrchen fur Tochter und Sonne gebildeter Stande« (Leip- 
zig 1834), Text und BUder von Lyser, und »Linas Mahrchen- 
buch«, Text von A. L. Grimm, Bilder von Lyser (Grimma o. J.) 
- das sind drei seiner schonsten Kinderschriften. Das Kolorit 
ihrer Lithographien sticht von dem brennenden des Biedermeier 
ab und pafit um so besser zu dem verharmten, abgezehrten 
Ausdruck mancher Gestalten, der schattenhaften Landschaft, der 
Marchenstimmung, die nicht frei ist von einem ironisch-satani- 
schen Einschlag. Das Niveau der Kolportage, auf dem diese 
originale Kunst sich entwickelte, dokumentiert sich am schla- 
gendsten in den vielbandigen, mit selbstentworfenen Lithogra- 
phien gezierten »Abendlandischen tausendundeinen Nacht«. Ein 



20 Kritiken und Rezensionen ■ 1924 

grundsatzloses, aus triiben Quellen geschopftes Sammelsurium 
von Marchen, Sage, ortlicher Legende und Schauermar, welches 
in den dreifiiger Jahren bei F. W. Goedsche in MeiEen erschienen 
ist. Die banalsten Stadte Mitteldeutschlands - Meifien, Langen- 
salza, Potschappel, Grimma, Neuhaldensleben - treten fur den 
Sammler in einen magischen topographischen Zusammenhang. 
Oft mogen da Schullehrer als Schriftsteller und Illustratoren in 
einer Person gewirkt haben, und man male sich aus, wie es in 
einem Buchlein aussieht, das auf 32 Seiten und 8 Lithographien 
der Jugend von Langensalza die Gotter der Edda vorstellt. 
Fur Hobrecker aber liegt der Brennpunkt des Interesses weniger 
bier als in den vierziger bis sechziger Jahren. Und zwar in Ber- 
lin, wo der Zeichner Theodor Hosemann seine liebenswiirdige 
Begabung vor allem an die Illustration von Jugendschriften 
wandte. Audi den weniger durchgearbeiteten Blattern gibt eine 
anmutige Kalte der Farbe, eine sympathische Nuchternheit im 
Ausdruck der Figuren einen Stempel, an dem jeder geborne 
Berliner seine Freude haben kann. Freilich werden die fruheren, 
weniger schematischen und weniger haufigen Arbeiten des Mei- 
sters,wie die reizenden Illustrationen zur »Puppe Wunderhold«, 
ein Prachtstiick der Sammlung Hobrecker, fur den Kenner vor 
jenen gelaufigeren rangieren, die kenntlich am uniformen For- 
mat und Verlagsvermerk »Berlin Winckelmann & S6hne« in 
alien Antiquariaten begegnen. Neben Hosemann wirkten Ram- 
berg, Richter, Speckter, Pocci, von den Geringeren zu schweigen. 
Fur die kindliche Anschauung erorTnet in ihren schwarz-weifien 
Holzschnitten sich eine eigene Welt. Ihr ursprlinglicher Wert ist 
dem der kolorierten gleich: seine polare Erganzung. Das farbige 
Bild versenkt die kindliche Phantasie traumerisch in sich selbst. 
Der schwarz-weifte Holzschnitt, die niichterne prosaische Ab- 
bildung fiihrt es aus sich heraus. Mit der zwingenden Auffor- 
derung zur Beschreibung, die in dergleichen Bildern liegt, rufen 
sie im Kinde das Wort wach. Wie es aber diese Bilder mit Wor- 
ten beschreibt, so beschreibt es sie in der Tat. Es wohnt in ihnen. 
Ihre Flache ist nicht wie die farbige ein Noli me tangere — we- 
der ist sie's an sich noch fur das Kind. Vielmehr ist sie gleichsam 
nur andeutend bestellt und einer gewissen Verdichtung fahig. 
Das Kind dichtet in sie hinein. Und so kommt es, daE es audi in 
der anderen, der sinnlichen Bedeutung diese Bilder »beschreibt«. 



»Alte vergessene KinderbUcher« 21 

Es bekritzelt sie. Es lernt an ihnen zugleich mit der Sprache die 
Schrift: Hieroglyphik. Die echte Bedeutung dieser schlichten 
graphischen Kinderbiicher liegt also weit ab von der stumpfen 
Drastik, urn deretwillen die rationalistische Padagogik sie emp- 
fahl. Aber auch hier bestatigt sich: »Der Philister hat oft in der 
Sache Recht, aber nie in den Griinden.« Denn keine anderen 
Bilder fuhren wie diese das Kind in Sprache und Schrift ein - 
eine Wahrheit, in deren Gefiihl man den ersten Worten der 
alten Fibeln die Zeichnung dessen mitgab, was sie bedeuten. 
Farbige Fibelbilder wie sie jetzt aufkommen sind eine Verir- 
rung. Im Reich der farblosen Bilder erwacht das Kind, wie es in 
dem der bunten seine Traume austraumt. 

In aller Historiographie gehort die Auseinandersetzung iiber 
das Jiingstvergangene zum Strittigen. Das ist auch in der harm- 
losen Geschichte des Kinderbuches nicht anders. Ober die Ein- 
schatzung der Jugendbiicher vom letzten Viertel des 19. Jahr- 
hunderts an werden am leichtesten die Meinungen auseinander- 
gehen. Vielleicht hat Hobrecker, wenn er den aufdringlichen 
Schulmeisterton an den Pranger stellt, verstecktere Mifistande 
des neueren Jugendschrifttums weniger beachtet. Auch lag es 
seiner Aufgabe ferner. Der Stolz auf ein psychologisches Wissen 
vom kindlichen Innenleben, das an Tiefe und Lebenswert nir- 
gends mit einer alten Padagogik wie der Jean-Paulschen »Le- 
vana« zu messen ist, hat eine Literatur grofigezogen, die im 
selbstgefalligen Buhlen um die Aufmerksamkeit des Publikums 
den sittlichen Gehalt verloren hat, der den sprodesten Versuchen 
der klassizistischen Padagogik ihre Wiirde gibt. An seine Stelle 
ist die Abhangigkeit von den Schlagworten der Tagespresse ge- 
treten. Die heimliche Verstandigung zwischen dem anonymen 
Handwerker und dem kindlichen Betrachter fallt fort; Schreiber 
wie Illustrator wenden sich mehr und mehr durch das unlautere 
Medium der akuten Sorgen und Moden zum Kinde. Die suftliche 
Geste, die nicht dem Kinde, sondern den verdorbenen Vorstel- 
lungen von thm entspricht, wird in den Bildern heimisch. Das 
Format verliert die edle Unscheinbarkeit und wird aufdringlich. 
In all diesem Kitsch Hegen freilich die wertvollsten kultur- 
historischen Dokumente, aber sie sind noch zu neu, als dafi die 
Freude an ihnen rein sein konnte. 
Wie dem nun sei: in dem Hobreckerschen Werke selbst waltet, 



zz Kritiken und Rezensionen • 1924 

seiner innern wie aufiern Gestalt nach, der Charme der liebens- 
wiirdigsten romantischen Kinderbucher. Holzschnitte, farbige 
Vollbilder, Schattenrisse und feinkolorierte Darstellungen im 
Text machen es zu einem iiberaus erfreulichen Hausbuche, mit 
dem nicht allein der Erwachsene sein Vergniigen hat, sondern 
an dem sehr wohl sich Kinder versuchen konnen, um in den 
alten Fibeltexten zu buchstabieren oder unter den Bildern sich 
Malvorlagen zu suchen. Dem Sammler aber wird einzig die 
Befiirchtung, die Preise steigen zu sehen, einen Schatten auf 
seine Freude werfen. Dafur bleibt ihm die Hoffnung, ein oder 
das andere Bandchen, das achtlos der Zerstorung preisgegeben 
war, moge diesem Werke seine Erhaltung zu danken haben. 



1926 



Friedensware 



•Paris 1st unser ZielU 

In Rom, in Zurich, in Paris - kurz, hatte man den deutschen 
Boden einmal verlassen, wo man wollte - waren von 1920 bis 
1923 deutsche Erzeugnisse fiir die Halfte des Preises zu finden, 
den man im Ausland, ja in Deutschland selbst, sonst fiir die 
gleichen Waren anzulegen hatte. Damals begannen die Grenzen 
sich wieder zu ofTnen und der Reisende trat seine Tour an. Vom 
Ausverkauf mufke man leben und je hoher der Dollar stieg, 
desto grofier wurde der Kreis der Ausfuhrgiiter. Er schlofi im 
Hohepunkt der Katastrophe audi geistiges Kulturgut in sich ein. 
Die kantische Idee des ewigen Friedens - schon langst im geistig 
mittellosen Inland unanbringlich - stand unter jenen spirituel- 
len Ausfuhrartikeln an erster Stelle. Unkontrollierbar in ihrer 
Verarbeitung, nun seit zehn Jahren schon ein Ladenhuter, war 
sie lieferbar zu konkurrenzlosen Preisen und kam, die Wege des 
serioseren Exports zu ebnen, wie gerufen. An wahre Friedens- 
qualitat war nicht zu denken. Das rauhe hausgemachte Gedan- 
kengespinst Immanuel Kants hatte zwar als hochst strapazier- 
bar sich erwiesen, doch sagte es dem breiteren Publikum nicht zu. 
Hier gait es, dem modernen Geschmack der burgerlichen Demo- 
kratien Rechnung zu tragen, ein bunteres Fahnchen auf den 
Markt zu bringen und noch dazu den Reisenden zu finden, der 
liber jeden notigen Elan der Geste aus dem dreimal gelockerten 
Handgelenk des Journalisten und des Stifts zugleich verfiigte. 
Dafi der Reserveleutnant ehemals als Reisender besonders gern 
gesehen war, ist bekannt. Er war in besseren Kreisen gut einge- 
fiihrt. Das gilt denn auch durchaus von Herrn von Unruh, der 
1922 als Stadtreisender fiir den ewigen Frieden den pariser 
Platz bearbeitet hat. Freilich - und dies war danach angetan, 
fiir Augenblicke Herrn von Unruh selber stutzig zu machen - 
ist seine Einfiihrung in franzosische Kreise vor Jahren bei Ver- 
dun nicht ohne Aufsehen, nicht ohne Larm, nicht ohne Blutver- 



24 Kritiken und Rezensionen * 1926 

giefien abgegangen. Wie dem auch sei - der Bericht, den er 
vorlegt - »Fliigel der Nike - Buch einer Reise^ - besagt, dafi 
seine Fiihlung mit dem Kundenkreise sich behauptet hat, auch 
als er nicht mehr schwere Munition, sondern Friedensware be- 
mustert vorlegte. Nicht gleich bestimmt mag sich versichern las- 
sen, dafi die Veroffentlichung seines Reisejournals - die Liste 
seiner Kunden und getatigten Abschliisse - dem ferneren Ge- 
schaftsgang von Nutzen ist. Denn sie war nicht sobald erfolgt, 
als man die Ware aus Paris zu retournieren begann. 
In jedem Falle ist es aufierst lehrreich, den Pazifismus Herrn von 
Unruhs naher zu priifen. Seitdem sich die vermeinte Konver- 
genz der sittlichen Idee und der des Rechts, auf deren Voraus- 
setzung die europaische Evidenz der kantischen Friedenslehre 
beruhte, im Geist des 19. Jahrhunderts zu losen begann, wies 
immer deutlicher der deutsche »Friede« auf die Metaphysik als 
den Ort seiner Grundlegung. Das deutsche Friedensbild ent- 
springt der Mystik. Demgegemiber hat man langst bemerkt, dafi 
der Friedensgedanke der westeuropaischen Demokratien durch- 
aus ein weltlicher, politischer und letzten Endes juristisch ver- 
tretbarer ist. Die pax ist ihnen Ideal des Volkerrechts. Dem 
entspricht das Instrument der Schiedsgerichte und Vertrage 
praktisch. Von diesem grofien sittlichen Konflikt des schranken- 
losen und bewehrten Friedensrechts mit einer friedlichen Ge- 
rechtigkeit, von alledem was je im Laufe der Geschichte dies 
Thema mannigfach instrumentierte, ist ebenso wie von den 
weltgeschichtlichen Gegebenheiten dieser Stunde in Herrn von 
Unruhs Pazifismus nicht die Rede. Vielmehr sind die grofien 
Diners die einzigen internationalen Fakten, denen sein neuer 
Pazifismus Rechnung tragt. Im Frieden der gemeinsamen Ver- 
dauung ist seine Internationale ausgebriitet und das Galamenii 
ist die magna charta des kiinftigen Volkerfriedens. Und wie ein 
iibermutiger Kumpan beim Liebesmahl ein kostbares Gefafi 
zerschmeifit, so wird die sprode Terminologie des konigsberger 
Philosophen mit dem Tritt eines Kanonenstiefels zum Teufel 
befordert und was ubrigbleibt ist die Innerlichkeit des himmeln- 
den Auges in seiner schonen alkoholischen Glasigkeit. Das Bild 
des begnadeten Schwatzers mit tranenden Blicken, wie nur 

1 Fritz von Unruh, Fliigel der Nike. Buch einer Reise. Frankfurt a. M.: Societats- 
Druckerei, Abt. Buchverlag 1925. 404 S. 



Friedensware 25 

Shakespeare es festhalten konnte! - Die grofie Prosa aller Frie- 
denskiinder sprach vom Kriege. Die eigne Friedensltebe zu be- 
tonen, liegt denen nahe, die den Krieg gestiftet haben. Wer aber 
den Frieden will, der rede vom Krieg. Er rede vom vergangenen 
(heifit er nicht Fritz von Unruh, welcher gerade davon einzig 
und allein zu schweigen hatte), er rede von dem kommenden 
vor allem. Er rede von seinen drohenden Anstiftern, seinen ge- 
waltigern Ursachen, seinen entsetzlichsten Mitteln. Doch ware 
das vielleicht der einzige Diskurs, gegen den die Salons, die 
Herrn von Unruh sich geofTnet haben, vollkommen lautdicht 
abgeschlossen sind? Der vielberufene Friede, der schon da ist, 
erweist bei Licht besehen sich als der eine - und einzig »ewige«, 
der uns bekannt ist - dessen jene geniefien, die im Krieg kom- 
mandiert haben und beim Friedensfest tonangebend sein wollen. 
Das ist denn Herr von Unruh auch geworden. »Wehe« ruft sein 
kassandrisches Kauderwelsch iiber alle, die nicht zur rechten 
Zeit - das ware etwa zwischen Fisch und Braten - es inne wur- 
den, dafi die »innere Umkehr« die einzig passable Revoke ist 
und dafi die »Revolution des Brotes« (84) und die Machenschaf- 
ten der Kommunisten zugunsten einer vom Sou'per gelautert 
sich erhebenden Gemeinschaft der »Kommunionisten« (123) 
zuriickzustehen haben, deren Innungsschild - kein Zweifel - 
das Sektglas sein wird. Und akkurater konnte vor Versailles der 
Festpoet der Republik sich gar nicht aufiern: »Wenn ich zwi- 
schen den gekronten goldenen Gittern stehe - zerreifien mochte 
ich sie, diese ganze Buchsbaumanlage der Tyrannei!« (86) 
Wenn eins in alledem versohnend stimmt, so ist es d(e Pietat, 
mit welcher der herangewachsene Dichter der kleinsten Phrase 
seines »Neugebauer« oder »Ploetz« die Treue halt. In welche 
Raume ruft er nicht zuriick, wo der Schweizer ein »Landsmann 
Tells «, die Mappe des Brief tragers ein »Schicksalssack mit Leid 
und Freud« (17) und Apfelsinen >purpurne Sonnenfriichte< (90) 
gewesen sind! Wie der Pennaler in der letzten Stunde sich »gro- 
fie Manner« in die Schulbank schnitzt, so finden wir den Dichter, 
der verschlief, noch immer iiber den Lektionen seiner Flegeljahre 
sitzen. In Gegenden, durch die noch Schiitzengraben laufen, 
sieht er sich selber einziehen »wie Coriolan, als er in das Lager 
des Aufidius kam« (17), und traumt sich dann im Strom der 
Weltgeschichte weiter, bis er sich als den einzigen erkennt, der 



2.6 Kritiken und Rezensionen * 1926 

den »Mut hat . . . sich als Winkelried vor die Gegenwart hinzu- 
wagen« (62). Wie er so winkelfriedlich spinnt, erwachst in ihm 
»das Schicksal wie eine Blume von unaussprechlicher Ahnung« 
(382), daneben aber audi das duftlos bliihende Krautchen des 
schlichten Blodsinns. »Das Wasser der Meere werden wir ziin- 
den, dafi noch die Fische Begeisterung Iernen« (387) - so setzt 
er's sich und seinen Kameraden vor. Dann wieder schrillt ein 
PfifT in seine Traumerei und lost die Bilder pueriler Selbstbef rie- 
digung aus. »Immer noch heult die Heulboje wie der Schrei aller 
Frauen, die wir unter uns stiefien, ehe sie eine Stimme gehabt.« 
(330) Das Deutsch des Herrn von Unruh macht an das Gehaben 
der Morphinisten denken, welche Mahlzeit wie Lektiire und Ge- 
sprach auf Augenblicke unterbrechen miissen, um durch die Dro- 
ge Lebenskraft sich einzuspritzen. So brechen seine Satze jah ab 
und keine Periode findet zum Vorstofi die Kraft, ehe sie nicht an 
den Aromen einer fauligen Dingwelt noch einmal genippt. 
»>Nietzsche!< Der Diener prasentiert den hohen Aufbau eines 
Erdbeereises.« (204) »>Wollen Sie damit sagen<, kippt Melchior 
einen Grand-Marnier hinter die Zahne.« (394) Doch weil in die- 
sem Buch wie nirgends sonst Gourmets versorgt und Wort und 
Speise aufgefahren sind, von denen Tisch und Leser zum Bre- 
chen voll werden, so will audi ein erlesener Laut bisweilen nur 
unter dem Hautgout des faulen Stils geschmeckt sein. Dem Ken- 
ner wurzt ein holderlinsches »0« (»dafi du liebst . . .und Dein 
Auge so glanzt, das ist mir ein Wink, o ein 2eichen«) (379) im 
Stadium der Verwesung den Sprachbrei nur um so besser. 
Soviel vom Werdegang des desperaten Stils. Von dem Buche 
aber ein Mehreres. Da liegt nun der Abhub aller vierschrotigen 
Intimitaten, denen der Autor auf seinem Wege habhaft gewor- 
den ist. Ein wahrer Schindanger von Freundschaft, Dichterruhm 
und Frauenehre tut sich auf und wie frische Verstummlungen 
stechen iiberall die leidigen Vornamen heraus. Da ist der hart 
gestrafte, der beklagenswerte »Jaques«. Was immer seine Schuld 
als Gonner eines solchen Gastes mag gewesen sein - da steht er 
nun als Partner des unendlichen Gefasels und hat gebufit. Da 
sind »Age«, sind Valery, Drieu La Rochelle: sie alle in den 
oden Attitiiden, die auf der Schmiere den »Causeur« bezeichnen. 
Da, gleich auf dem dritten Blatt, erscheint - herangewinkt wie 
man einem Chauffeur winkt - der deutsche »Stefan« (13). Und 



Friedensware 27 

»die Noailles«, von deren »Schenkel« Unruh, sich »langsam aus 
den seidenen Polstern hebend« (215), abzuriicken versucht. - 
Wohin, als in die Kneipe, wo man nach erledigtem Geschaft den 
guten Abschlufi mit dem Kunden feiert, gehort diese ungewa- 
schene Vertraulichkeit? An die Geschaftstour schliefit der Bum- 
mel sich zwanglos an. Der Gast schleift seine Wirte durch die 
Stadt und vor dem Kneipendunst der Tafelrunde sperrt nun der 
Burger Mund und Ohren auf, da er sich endlich Zeuge werden 
sieht, wie*s unterm Kiinstlervolkchen so frei dahergeht. Der 
Verfasser riilpst sich in Herzenslauten, und in der Ehrlichkeit 
seines seraphischen Pazifismus erkennt der Spiefier freudig und 
erstaunt die sonore Bierehrlichkeit seiner friiheren Kommili- 
tonen wieder. Vom Abendstern gleitet immer wieder ein tranen- 
feuchter Blick zum Ordensstern herunter: denn das eiserne 
Kreuz erster Klasse (339) im Kriege war dieser Brust, was der 
Schlag des erstklassigen Herzens darunter im Frieden. Allmah- 
lich kommt dann unter Schwiiren und Gestandnissen die Stunde 
der Zote herauf. Durchdringender sind Schweinereien in kein 
Ohr gefliistert und zimperlicher niemals stihsiert worden (225, 
228, 303). Doch keine, der er ihre erbauliche Seite nicht abge- 
wonne. Und endlich heben alle europaischen Renkontres dem 
Schmock sich gegen einen Hintergrund »nachtlicher Dirnen« 
(380) ab, deren grobgemalter Prospekt das Reisepanorama 
schliefk. Bewandert in Palasten und in Puffs, vor Pfeilerspiegeln 
und vor Pfiitzen gleich sehr zu Hause (wo immer einer sich be- 
spiegeln kann: wie denn sein Bild in den eigenen Lackschuhen 
eine Abflucht von Tiefsinn im Autor wachrufb), kann er das 
Fazit seiner Reise nicht pragnanter fassen, als in dem Traum, 
von dem er uns erzahlt, dafi ein f ranzosischer und ein deutscher 
Genius - Rodin und Lehmbruck - ihn, den Friedensboten, 
unwiderstehlich nach sich ziehen - zu zwei Huren. Die Ge- 
schaftsreise endet als Bierreise und die Volkerverstandigung geht 
im Dreck aus. Denn weiter als die Dummheit dieses Buchs reicht 
die spiegelgeile Eitelkeit des Verfassers, hoher als die Eitelkeit 
des Autors uirmt der Unrat einer Produktion sich auf, an der 
ganz neu die theologische Erkenntnis sich bewahrt, daft die 
Werke der Eitelkeit Schmutz sind. Er ist hier uber beide Lander- 
breiten ausgegossen, dafi kein grofier und ehrlicher Name mehr 
bleibt, der von seinem Gestank nicht durchtrankt ware. 



28 Kritiken und Rezensionen * 1926 

Der PEN-Klub hat fur Fritz von Unruh ein Diner gegeben. 
Ein wenig Blut an den Flugeln des Friedensengels - das macht 
ja in Europa keinen mehr irre. Doch gait das Essen nur dem 
Friedensboten? Vor allem gait es wohl dem Autor Fritz von 
Unruh. An der Festtafel safi ja der Dichter des »Reiterliedes«. 

Reiterlied 

Ulanen, stolz von Liitzow her 
Mit Reitermut durchflogen, 
Beleidigt ist die deutsche Ehr', 
Auf ! in die Schlacht gezogen. 

Die Gaule raus, das Schwert zur Hand, 
Die Welt braucht uns Ulanen, 
Wir stiirmen frisch in Feindes Land 
und hoPn uns welsche Fahnen. 

O Dasein, herrlich slifies Gut, 
Jetzt lernen wir dich lieben: 
Furs Vaterland und deutsches Blut 
Bist du dem Tod verschrieben. 

Standarten hoch und vorwarts nun, 
Zu reden gibts nicht viel - 
Die heilge Pflicht, wir werden sie tun, 
Paris ist unser Ziel. 

Doch dieser Schwur sei ernst getan: 
Wie Gott audi blast die Flammen — 
Wir Liitzower stehn auf dem Plan 
Und hau'n die Welt zusammen. 

Hier regt der neue, der verinnerlichte Pazifismus zum ersten 
Male seine tiefschwarzen Fliigel. So fuhr der erste Schrei der 
Friedenskrahe liber die Schlachtfelder. Sie kam - in ihrem 
Schnabel hielt sie die Palme des Kleistpreises. Von langer Hand 
- B. Z. am Mittag, 16. August 1914 - ist Paris das Ziel ge- 
wesen. Es ist erreicht. 



Alfred Kuhn • Hugo von Hofmannsthal 29 

Alfred Kuhn, Das alte Spanien. Landschaft, Gescbkbte, Kunst. 
Berlin: Verlag Neufeld u. Henius (192$). 184 5. 

Das Buch lost seine Aufgabe, zur spanischen Reise zu stimmen, 
in durchaus sympathischer Weise. Es weckt die Neigung »eine 
Erde [zu] iiberqueren, deren Anblick von allem verschieden ist, 
was jenseits der Pyrenaen existiert«, und mit Recht erkennt die 
Vorrede in dem neuerwachten Interesse am elementar Ethni- 
schen in seiner engen Verbindung mit reiigiosen Lebensverfas- 
sungen einen Impuls von vielen, die sich heute nach Spanien 
aufmachen. In das Land, wo afrikanische Kultur sich mit ro- 
manischer mehr noch verschlingt als auseinandersetzt, der Islam 
und das Christentum sich die Entscheidungsschlacht um Europa 
geliefert haben, fuhrt der anspruchslose Text weiteste Kreise 
ein. Erfreulich beriihrt, dafi die Kunst in textlicher und biid- 
licher Darstellung geziemend berucksichtigt ist, ohne, wie das 
oft geschieht, so stupid in den Vordergrund zu drangen, daft die 
notwendigen topographischen, historischen und kulturellen Da- 
ten dariiber zu kurz kommen. Vielmehr sind »Landschaft, 
Mensch und Kunst« die drei Zentren, um welche die Darstellung 
sich gruppiert. 



Hugo von Hofmannsthal, Der Turm. Ein Trauerspiel In fiinf 
Aufziigen. (Munchen; Verlag der Bremer Presse 192$.) 1 $8 S. 

Mit seinem neuen Trauerspiel »Der Turm« greift Hofmannsthal 
auf die Gestaltenfulle des Barock zuriick. Als der geheimnis- 
reichsten einer aus der Menge tritt Calderons Prinz Sigismund in 
ein neues Leben. Dem Drama liegt ein StofT im eminenten Sinne, 
der des spanischen »La vida es sueno« zugrunde: Das Leben 
ein Traum. Der Kunstler aber wirkt nur in den StofT hinein, 
indem er ihm gehorcht. Heifk »dichten« einen StofT zur Ausein- 
andersetzung mit sich selber bringen, so fiihrt es oft durch eine 
Reihe von Stationen. Die grofien Themen stafTeln sich in For- 
men, von denen eine in die andere greift. Und nirgends gilt dies 
strenger als im Drama. Denn seine Form ist ein sehr wichtiger 
Index vom schopferischen Willen eines Kollektivs. Dessen Ge- 



30 Kritiken und Rezensionen -1926 

setz aber besagt, dafi in der Spannung zwischen Urform und 
Variante die echte, die produktive Intensitat sich ausschwingt. 
Sie ist zu aller blofien »Originalitat« der Gegensatz. Die Zahl 
der fruchtbaren dramatischen StofTe ist begrenzt; unendlich sind 
nur die Motive, die sie Form gewinnen lassen. Erfindung 
schlechtweg ist gerade im Dramatischen die Passion des Dilet- 
tanten. Der glaubt in ihr die »Originalitat« verbiirgt. Sie aber 
liegt, ihrem Begriffe nach, aufierhalb des Kraftfeldes der histori- 
schen Spannungen, die das eigenste Leben des grofien Dramas 
bestimmen. 

Die geschichtliche Spannung, wie dieses neue Werk sowohl in 
sich wie im Verhaltnis zu dem Calderonschen Urbild sie ent- 
faltet, macht ihr hochstes Interesse aus. Man weifi, im Mittel- 
punkte jenes Dramas steht der Traum. Ein Konigreich Polen 
»mehr der Sage als der Geschichte« ist dort, wie audi bei Hof- 
mannsthal, der Schauplatz. Darinnen herrscht BasiliusalsKonig. 
Von seiner verstorbenen Gemahlin hat er einen Sohn Sigismund. 
Die Astrologen sehen dessen Horoskop voll Unheil. Der Mutter 
brachte er im Wochenbett den Tod, der Vater furchtet weitere 
Erfiillung jenes Spruchs, der angibt, dafi der Sohn die vaterliche 
Krone rauben werde. Daher verbirgt man ihn an einem abge- 
legenen Ort. In einem Turme wachst der junge Sigismund heran. 
Mit niemandem als seinem Warter darf er reden, nicht frei um- 
hergehen, Ketten Schmieden ihn an sein Gefangnis. Der vater- 
liche Argwohn des Tyrannen steht bei Calderon, dem hohen 
Funktionar an Philipps Hofe, nicht auEer allem Verhaltnis zu 
Natur- und Staatsrecht. In seiner Weisheit gibt vielmehr der 
Fiirst dem Prinzen die Gelegenheit zu einer Probe. Den Schla- 
fenden entfuhrt man auf das vaterliche Schlofi, und hier erwacht 
er, wird als Prinz begrufk und zeigt in Spiel und Gegenspiel sein 
wahres Wesen. Zorn, Wollust, MiEgunst, Hochmut brechen aus 
dem Innern des furstlichen Caliban. Es bleibt nichts ubrig als 
ihn zu entfernen und dem von neuem in die Kerkernacht ver- 
senkten »Dies alles ist ein Traum gewesen« einzuscharfen. Was 
kommt, entscheidet sich in dieser zwiefach irrealen Schicht ver- 
meinten Traumens. Der Prinz im Grubeln, dekretiert am Ende: 
»Doch sey's Traum, seys Wahrheit eben: / Recht thun muss ich; 
war' es Wahrheit, / Desshalb, weil sie's ist; und war* es / 
Traum, um Freunde zu gewinnen, / Wenn die Zeit uns wird er- 



Hugo von Hojmannsthal 3 1 

wecken.« Da ruft der Vater aus freien Stiicken ihn auf den 
Thron, der Spruch der Weisen erfiillt sich zu aller Gluck, die 
Drohung der damonischen Natur aber hat christliche Vorsidit 
vereitelt. 

Dies ist der Stoff, der um neues Leben den Dichter anging. Der 
Traum als Angelpunkt historischen Geschehens - das ist seine 
faszinierende, befremdliche Formel. Was konnte Hofmannsthal 
bestimmen, ihrem Aufruf zu entsprechen? Durch das, was nur 
»Variante« eines Stoffes ist, gliickt ihm, aufs tiefste eine Form 
zu wandeln, zu bewegen. Calderon schrieb ein »Schauspiel«, in 
dem die spielerischen, die romanisch-romantischen Momente zu 
erstaunlichster Entfaltung kommen. Der Spanier umreifit die 
ganze, hochst barocke Spannung seines Stoffes innerlich. Als 
Reflexion, in der Volute rollt er ihn zusammen. Im »Turm« ist, 
was sich dort verschlungen, aufgerollt. Die Unnatur jener vater- 
lichen Gewalt, das Martyrium dieses prinzlichen Daseins sind 
beim Namen genannt. Vielmehr in einer - audi im Theatrali- 
schen - unvergleichlichen Hauptszene nennen sie sich selber 
beim Namen. In den Schranken dieser neuen »Traumszene« 
rast nicht die blinde Kreatur sich aus, die leidende halt liber 
ihren Peiniger Gericht. Und da der Vater aus Griinden der 
Staatsrason - um eine Rebellion zu stillen - seinen Sohn zu sich 
erheben will, schlagt Sigismund ihm ins Gesicht. »Wer bist du 
Satan, der mir Vater und Mutter unterschlagt? Beglaubige 
dich?« Damit hat die Funktion jenes Traums sich im tiefsten 
gewandelt. Wo er bei Calderon, wie ein Hohlspiegel, in einem 
unerme£lichen Grunde die Innerlichkeit als transzendenten sie- 
benten Himmel aufreiftt, da ist bei Hofmannsthal er eine wah- 
rere Welt, in welche ganz und gar die Wachwelt hineinwandert. 
»Wir wissen von keinem Ding wie es ist, und nichts ist, von dem 
wir sagen konnten, daft es anderer Natur sei als unsere Traume.« 
»Sie haben zu mir gesagt: du hast getraumt und immer wieder: 
du hast getraumt! Dadurch, wie wenn einer einen eisernen Fin- 
ger unter den Tiirangel steckt, haben sie vor mir eineTurausge- 
hoben und ich bin hinter eine Wand getreten, von wo ich alles 
hore, was ihr redet, aber ihr konnt nicht zu mir und ich bin 
sicher vor euren Handen!« Durchaus hat alles sich im Wirklichen 
zusammengezogen wie unter der Einwirkung einer atzenden 
Einsicht. Das breite Liebesspiel der spanischen Biihnentradition 



}2 Kritiken und Rezensionen • 1926 

ist ebenso dahingefallen wie die transzendente Moralitat des 
Traumlebens. Hofmannsthals Szenar kennt keine bedeutsamere 
Frauenrolle. Ein mannliches Nebenspiel tritt an den Platz der 
parallelen Liebeshandlung. Julian, der fiir den Prinzen haftet, 
ihn bewacht, liebt Sigismund und sucht dennoch zugleich fiir den 
Ehrgeiz seines eigenen Strebens ihn auszunutzen. Der Mann, 
dem nichts als ein winziges Aussetzen des Willens, ein einziger 
Moment der Hingabe fehlt, um des Hochsten teilhaft zuwerden, 
ist nie so leibhaft iiber die Bretter gegangen. Sein Gegenspieler, 
der Arzt, Herr seiner Kunst und Kundiger von ihren tiefsten 
Griinden, eine paracelsische Erscheinung, der seinesgleichen, 
seinen Oberen in der bloden Kreatur erkennt, als welche Sigis- 
mund am Anfang der Geschehnisse, fast ohne Sprachvermogen, 
aus dem Turme ihm entgegenkommt. 

Dieses Drama ist ein weiteres, entschiedenstes Vordringen in 
einem Bezirk, der gleich sehr dem dramatischen Gestalten seines 
Dichters wie der neueren Szene schlechtweg vorbestimmt scheint. 
Das »Vortragische« mag man ihn nennen. Aus dem Ritual ist 
das Drama erwachsen, Urtypus der dramatischen Spannung die 
Spannung zwischen Wort und Aktion. Nicht was man in lafi- 
licher Rede so nennt: nicht eine Spannung im Bereich der Worte 
selber (nicht die der Debatte) noch auch die des sprachlosen 
Ringens (des Kampfes schlechthin) ist dramatisch. Das ist allein 
die Spannung des Rituals, die zwischen Tun und Rede selber, im 
Polaren, iiberspringt. Dem so verstandenen innerlichsten Zirkel 
des Dramatischen ist selbst das Tragische schon aufierlich. Es 
tragt die Spannung zwischen Leib und Sprache - von Aktion 
und Wort - rein sprachlich aus und die Debatte als ein Spateres, 
ein Vereinzeltes und als Variante des Dramatischen schlechtweg 
kommt auf. Dieses Dramatische selbst aber ist ein Vortragisches. 
Als »Odipus«, »Elektra« und »AIkestis« des Dichters vor mehr 
als zwanzig Jahren erschienen, da drangte eine Auseinander- 
setzung mit der griechischen Tragodie ans Licht, wie sie der 
barocken Dramatik in Opitz* »Troerinnen« vorangegangen war. 
In ganz Europa wuchs damals die neue Form, die sich in Deutsch- 
land als das »Trauerspiel« wenn nicht am reinsten so am radi- 
kalsten pragte. Ein »Trauerspiel« heifit nicht umsonst der 
»Turm«. Und so entsagt er der Chimare einer neuen »Tragik«. 
Was er im Prinzen Sigismund beschwort, das ist vor allem der 



Hans Bethge 33 

geschundene Leib des Martyrers, dem gerade Spradie - nicht 
umsonst - sich weigert. Damit nimmt dieses letzte Drama des 
Dichters die kostbare Tradition der deutschen Biihne so kiihn 
wie sicher an dem Punkte auf, wo sie der Klassizismus unter- 
brach. Und wenn die Dramaturgen (die doch wahrlich nicht 
Oberflufi an edlen Materialien haben) den StofTen minder als 
den Kraften neuer Texte das wahrhaft Rechtzeiuge abzumerken 
trachten wurden, so ware vielleicht gerade dieses Werk heute 
schon iiber die deutschen Buhnen gegangen. Es sind Szenen 
darinnen, welche die gewaltigen Anforderungen an Darsteller 
und Spielleiter mit der tiefsten Erschutterung des Publikums 
lohnen wurden. Der blutige Konig, wie er sich, gleich Shake- 
speares Claudius ins Gebet, in die Schonheit eines Herbstabends 
verliert; der Prinz, wie er vorm Alkoven seiner Mutter zuriick- 
schauert und doch nicht wei(5, wovor er sich beflndet; Julian, 
sein Wachter, wie der Arzt ihm die Entscheidungsf rage stellt. 
Das alte Trauerspiel schlug seinen Bogen zwischen Kreatur und 
Christ. In dessen Scheitelhohe steht der vollkommene Prinz. Wo 
Calderons christlicher Optimismus den sah, da zeigt sich der 
Wahrhaftigkeit des neueren Autors Untergang. Sigismund geht 
zugrunde. Die damonischen Gewalten des Turms werden seiner 
Herr. Die Traume steigen aus der Erde auf und der christliche 
Himmel ist langst aus ihnen gewichen. Im Aufruhr tritt ein sa- 
genhafter »Kinderkonig« die wahre Erbschaft dieses Prinzen an, 
wie Fortinbras die Hamlets in der Thronbesteigung. Im Geist 
des Trauerspiels hat der Dichter den StofT des Romantischen 
entkleidet und uns blicken die strengen Ziige des deutschen 
Dramas daraus entgegen. 



Hans Bethge, Agyptische Reise. Ein Tagebuch. Berlin: Eupho- 
rion.Verlag (1926), 156 S. t 48 Abb. 

Durch die formvollendete Gestaltung, die alien Erzeugnissen 
dieses Verlages eignet, ladt das Buch zum Blattern geradezu ein. 
Die schonen Photographien (von Ernst Rathenau) sind an- 
sprechend und exakt wiedergegeben. Leider ist der Text trostlos. 
Es beleidigt das Auge, ein Betteldeutsch, das auf Rotations- 



34 Kntiken und Rezensionen * 1926 

papier gehort, auf solch edlem Material festgehalten zu sehen. 
Bereits in » Genua «, einem »Ereignis von starkem und besonde- 
rem Reiz«, macht man auf allerhand im weiteren Verlauf der 
Reise sich gefafit. Im Lande selber gibt es - beispielsweise - 
eine Museumsfiihrung, gegen die das Kauderwelsch des lausig- 
sten Fremdenfiihrers Musik ist. »Die agyptische Mythologie war 
immer verworren, die Religion von den Priestern niemals in ein 
festes System gebracht, es gleitet alles etwas ungewifl durchein- 
ander . . . Wenn ich Bildhauer ware und sollte den Gott des 
Weines oder den Gott der Schonheit darstellen, ich glaube nicht, 
dafi ich ihn wesentlich anders bilden konnte ak die Griechen den 
Bacchus oder den Apollo gebildet haben. Aphrodite als Gottin 
der Liebe: ja. Hathor, die agyptische Aphrodite mit dem ernsten 
Kuhgesicht: nein. Fur die tierkopfig drohende Gotterwelt der 
Agypter ist kein Raum in unserer Phantasie.« Aber schliefllich 
ist Bethge kein Bildhauer. Und ganz zu Hause ist er erst auf 
kritischem Gebiet. »Wer sich an einem Toten rachen und ihn aus 
den Wonnen des Paradieses vertreiben wollte, brauchte nur 
seinen Namen wegzumeifieln, und der Arme war der Ewigkeit 
verlustig. Das sind sehr kindlich-primitive Vorstellungen, die 
man mit der Idee der Unsterblichkeit verknupfte.« Nein, Herr 
Verfasser! Das sind sehr kindlich primitive Vorkenntnisse fiir 
eine Reise nach Agypten. So dafi man sich gar nicht wundern 
kann, von dem Pharao Mykerinos zu horen: »Er muE ein sym- 
pathischer Mensch gewesen sein.« Womit man denn wohlbehal- 
ten auf dem »Anhalter Bahnhof « sich wiederfindet. Doch in uns 
klingt, was wir da unten in dem fernen Wunderland gesehen 
und gehort noch nach: Bethge als Schmock: ja. Bethge als Schrift- 
steller mit dem ernsten Kuhgesicht: nein, 



»Bella« 1 

En Mediterran^e - par les Messageries Maritimes. So Iadt der 
Riicken dieses Buches ein, wenn Bellas Leben vor dem Leser 
abgelaufen ist. Man kann nicht besser ihr Gedachtnis feiern. 

1 Jean Giraudoux, Bella. Histoire des Fontranges. Paris: Bernard Grasset (1926). 

244 s. 



»Bella« 35 

Beim Lesen geht man gegen steifen Seewind an, und iiber den 
Dingen, auf die man trifft, liegt eine Salzkruste. 
Der Pressechef im Pariser Ministerium des Auswartigen, Jean 
Giraudoux, nimmt keinen nom de guerre an, wenn er Romane 
schreibt (von Fabre-Luce erscheint soeben die politische Roman- 
ze »Mars« unter dem schonen Dichternamen Jacques Sindral). 
Giraudoux bleibt als Autor hochgestellter Funktionar und bean- 
sprucht den technischen Apparat eines Biiros fur seine Phantasie 
mindestens ebensosehr wie in der Wahrnehmung seiner Berufs- 
geschafte. Man mochte seine Sachen sich im Amt geschrieben 
denken. Oder in einer Dichterschule als »theme en classe«. Er 
selber mul! aufs gliicklichste erfahren haben, was er von den 
gelehrten Brudern Dubardeau bemerkt: 

»Sie konnten ohne das alltagliche Bad in einer Flut Vertrauter, 
Halb-Bekannter, Flut von Stimmen und von Lacheln nicht aus- 
kommen. Es war audi nicht nur Sache der Gewohnheit, wes- 
wegen sie im Larm, in Zimmern, welche auf den Korridor hin- 
ausgehen, studieren mufken, wo immer Leute vorbeikamen, 
Leute, die Durand oder Dupont, Bloch oder Bechamort, La 
Rochefoucauld oder Uzes hiefien. Die Menschheit war das 
Ferment, das ihre Versuche gelingen lieft. Bei all ihren Experi- 
menten iiber Gasmischungen, hybride Pflanzen, die Lebensfahig- 
keit des neuen Osterreich, hatten sie der Aufzahlung der Mi- 
schungsbestandteile beifiigen konnen, >ich nehme hinzu: einen 
Menschen.< Die Anwesenheit eines belanglosen Individuums 
Labaville hatte beim Gelingen der Synthese den Ausschlag ge- 
geben. Wenn Labaville mit seinen Knopfen und seiner Kasch- 
mirkrawatte nicht da war, arbeitete Onkel Karl nicht gut. Sie 
alle brauchten ein Gesicht als Feder-Wischer oder Blick-Wischer, 
wenn sie die Augen von den chemischen Synthesen oder den 
Giften, die da wirkten, erhoben. Ja selbst der Astronom brauchte 
am Abend, wenn er dem Firmamente gegeniiberstand, den 
blassen Kopf von einem Sekretar in seiner Nahe.« 
Der Autor selber ist von diesem Stamm und schlagt in seinem 
Buche sich zu ihm. Als NefTe nimmt er an den Kampfen teil, die 
Rebendart, Ministerprasident, den grofien, freigesinnten Bru- 
dern liefert. Das Urbild dieses Rebendart heifk Poincare, und 
die Gestalt, die sich im Prisma der sechs Briider bricht, ist Ber- 
tholots. Denn gern setzt Giraudoux ein Kollektiv an Stelle eines 



36 Kritiken und Rezensionen ■ 1926 

Individuums. Die Rebendart erscheinen ebenfalls als Gruppe. 
Der Hafi, der sie mit primitiver Verve zeichnet, hat ihren 
Grofiten, Henri Poincare\ den Mathematiker, zugunsten jener 
Bnidergruppe annektiert. Was ubrigbleibt, ist eine gottverlas- 
sene Sippe, die auf dem Lande ihre Existenz vertrauern mufi, 
um nicht die wenigen aus ihrer Mine, die in der Hauptstadt eine 
Rolle spielen, blofizustellen. Die Zeichnung dieses Ministerprasi- 
denten erschopft ihr Modell, wie eine chinesische Marter den 
Strafling. »Alle Sonntage stand er zu Fii£en eines jener gufi- 
eisernen Soldaten, die leichter als er selbst zurechtzuhammern 
waren, hielt seine Rede und gab vor zu glauben, die Toten hat- 
ten sich nur etwas abgesondert, um u'ber die Summen, die 
Deutschland schuldet, sich schliissig zu werden.« 
Im politischen Feldlager spielt ein Liebeskomplott. Der Romeo 
- Philipp, der Berichterstatter - auf seiten seiner aufgeklarten 
Onkel, die Julia - Bella, eine junge Witwe - die Schwieger- 
tochter Rebendarts. Von dieser Liebeshandlung wird das siifieste 
Geflecht im Buche nicht gewoben, sondern aufgetrennt. Denn 
beide haben, eh noch die Erzahlung einsetzt, sich gehort und 
kannten nicht den wahren Namen voneinander. Nun bringt der 
Streit der Capulet und Montagu nur Trubsal, Gram, Entfrem- 
dung zwischen beide. Nicht allzuoft erscheint in der Geschichte 
Bella selbst; es ist darin von der Riicksicht des Liebhabers etwas, 
der seine Freundin unter Leuten nicht ermiiden will. Seitdem sie 
umeinander wissen, sind sie stumm. Die Szene - der begnadete 
Verrat der Bella - die ihnen voreinander und den andern die 
Sprache wiedergibt und Rebendart im Augenblicke, da sein 
Anschlag fallig ist, entwafTnet, wird der Tod der Frau. Ihr 
platzt ein Blutgefafi in der Erregung. 

Der Erzahler aber verliert nicht den Atem. Er saugt nur defer 
das geliebte Leben in sich und wendet die Geschichte Bellas 
Vater zu, verfolgt die Liebe in der Deszendenz, steigt zu den 
Quellen, endet im Motiv der sonderbarsten vaterlichen Trauer, 
in der die Tochter ihren Vater neu belebt. 

In dieses Gradnetz wurde die genaueste Geschichte eingetragen. 
In keiner fniheren konnte ahnlich scharf, worum es Giraudoux 
zu tun ist, sich entfalten. Selbst hier benimmt der Zauber der 
unglaublich leichten Hand, die das Geschehen wie einen Falten- 
wurf zurechtriickt, dem Leser beinahe den Begriff von dieser 



Ein Drama von Poe entdeckt 37 

Kunst und Form. Sie ist - mit einem Worte es zu sagen - die 
schonste Aktualisierung der Kreuzwortratsel. (Mithin: ganz 
eigentlich in ein Schema eingeschrieben.) Wenn dort Worte sich 
in den Buchstaben schneiden, so stehen hier Bilder, welche unter 
sich im Ding, im Namen, im Begriff sich Liberqueren. Ein Ratsel, 
dessen gelostes Bild die wildesten Zuge des politischen und 
erotischen Kampfes in seinen atemraubenden Kreuzungen gibt. 
Ausschnitte dieser Kreuzwortmetaphorik: das Parlament ist 
Riesenschreibmaschine, an deren Klaviatur der President sitzt; 
so leicht wie eine Urne tragt sich das Dossier mit einem Todes- 
urteil; ein Baum ist Grabmal und zugleich trigonometrisches 
Signal. »Le Puzzle du paradis perdu par Phomme« stellt in 
solchen Bruchstiicken sich wieder her. 

Auf solche Weise offnet man in Frankreich die Archive. Zerleg- 
bar ist das Personal selber, und der politische Mensch tut sich 
auf wie ein Safe. Eine Frauenhand greift hinein und langt einen 
Packen mit Liebesbriefen heraus. Man wird in Moskau dieses 
Buch verschlingen. 



Ein Drama von Poe entdeckt 

Vor wenigen Monaten hat sich in der Bibliothek Pierpont Mor- 
gan ein unbekanntes Manuskript von Poe gefunden. Es ist das 
Jugenddrama Politian, das damit im Entwurfe, liber den es nie 
hinausgedeihen sollte, vorliegt. Von zwolf ausgefiihrten Sze- 
nen ist nur die letzte, abschliefiende verloren. An sich selbst 
ist diese Szenenfolge ohne Interesse - unendlich merkwiirdig 
dagegen als erstes schattenhaftes Gestaltwerden eines Genius. 
Noch sind die Krafte allzu schwach, die ihn beschworen. Desto 
erstaunlicher, wie er hie und da voriibergehend Gestalt ge- 
winnt, um sofort in nichts zu zergehen. Selbst in mifiratenen 
Jugendwerken der Grofien erkennt der tiefere Blick nicht 
selten spater gleichsam die ungestalte, die konkave Innenseite 
einer Pragung, der scharf das souverane Medaillon des kom- 
menden Meisterwerkes entspricht. So konnten im Politian die 
komischen Szenen mifigliickter nicht sein, jedoch was hier 
gegorne sauerliche Komik ist, wird in den reifen Werken 



38 Kritiken und Rezensionen '1926 

atzendste Ironic Wo die Form dem Dichter noch nidit ge- 
horcht, ist eben dennoch die Inspiration schon die des Meisters. 
Das gilt audi vom StofT. Ein blutiges Ereignis aus der Chronik 
des jungen Staates Kentucky gab dieser Renaissancetragodie 
den Anstofi. Es fallt ins Jahr 1825. Ein junges Madchen wird 
von einem Obersten verfuhrt. Einige Jahre spater fafit ein 
anderer Mann fur dieses Madchen eine Leidenschaft. Es weist 
ihn lange ab und macht am Ende zur Vorbedingung einer 
Eheschliefiung die Rache, die ihr Brautigam an dem Verfuhrer 
zu vollziehen hat. Einem Duell weicht der Oberst aus. Da 
klopft eines Nachts der Verlobte an seine Tur, der Oberst 
offnet und wird erdolcht. Der Morder zum Tode verurteilt. 
Seine Braut darf bei ihm in der Zelle bleiben und wenige 
Tage vor dem Hinrichtungstermin suchen sich beide das Leben 
zu nehmen. Die Frau erliegt ihren Wunden, der Mann wird 
geheilt und gehangt. - Diesen beispiellosen Stoff hat Poe 
nicht am bizarren Ende der Kerkerszene aufgegriffen. So 
hatte er vielleicht spater getan. Die Handlung dieses Dramas 
spielt in einem rbmischen Palast sich ab. Wenn Poe die einzig- 
artige Gabe besafi, die Weihe klosterartiger Architekturen 
durch den Prunk der Palastgemacher nur noch zu steigern, mit 
denen er sie erfullt dachte, so gibt diese Verspannung der 
Phantasie auch fiir dieses Drama den Schlussel: die Dekora- 
tion, die im Geist vor dem Dichter stand, ist das wahre Gesetz 
der mifilungenen Tragodie. Und dazu stimmt, dafi er dem 
Plan bis an sein Lebensende nachgehangen hat. 



Deutsche Volkheit. 12 Bdnde. Jena: Eugen Dtederichs 1926. 

Der Verlag Diederichs entwickelt sein Programm neuerlich in 
einer von Zaunert edierten Sammlung »Deutsche Volkheit«. 
Die zwolf vorliegenden Bandchen umschreiben einen weiten 
Kreis: vom »Altgermanischen Frauenleben« bis zu »Sanssouci 
und Friedrich der Grofie«. Die geplante Ausgestaltung enthalt 
neben Interessantem manches Zinnsoldatenhaftige. »Der grofie 
Friedrich und seine Soldaten«, »Der alte Dessauer«, »August 
der Starke«. Tiefer in deutsches Volkstum wird Folkloristi- 



»Deuts<he Volkheiu • Ventura Garcia Calderon 39 

sches fiihren. Ein vorziiglicher Band »Pflanzen im deutschen 
Volksleben« von Heinrich Marzell behandelt die baurische 
Vegetationserfahrung. »2auber und Segen«, »Totenehre im 
alten Norden«, »Jahresfestspiel« und anderes werden uns in 
Aussicht gestellt. Alles in allem ein Diederichs in nuce mit seinen 
guten und schlechten Seiten. 



Ventura Garcia Calderon: La vengeance du Condor. Paris: 
Sans-Pareil 1925. 

Wie begliickend konnen nicht Namen in Buchern fiir Lesende 
sein. Davon ahnen gewohnlich die Kritiker nichts, well sie 
vergessen haben, wie sie als Jungen im Lederstrumpf oder 
Karl May an den Namen sich festsogen, weil sie nicht wissen, 
dafi fiir das lesende Dienstmadchen der Name des Helden der 
halbe Roman ist und weil sie keine Zeit haben, in Reisebe- 
schreibungen dem Rausch der fremden Worter fiir Stadte, 
Menschen und Tiere sich hinzugeben. Es ist auch seiten, dafi 
dem Erwachsenen Bucher in die Hand fallen, die durchsichtig 
und schlicht genug erzahlt sind, um den exotischen Namen 
ihren Zauber zu lassen. Wer ihn kennenlernen will (und lesen 
wie er nur als Junge gelesen hat), der greife (denn hier tut's 
nur der altmodische Konjunktiv) zu dem peruanischen Ge- 
schichtenbuch »La vengeance du Condor «. Da steht unter den 
zwanzig Erzahlungen kaum eine, die langer ware als zehn 
Seiten, und die meisten haben nur fiinf oder sechs. Gerade 
Raum genug, um Pferd und Reiter mitten im breiten epischen 
Zug von Gebirg oder Ebene ein paar Satze machen zu lassen, 
die an Schonheit und Vollkommenheit alle novellistische Schul- 
reiterei schlagen: Satze iiber Flufibetten oder Abgriinde, be- 
gleitet vom Schrei der Indianer und erzahlt in der nuchtern- 
sten Sprache des Bleichgesichts. Des unubertrefflichen Er- 
zahlers Ventura Garcia Calderon. 



40 Kritiken und Rezensionen • 1926 

Obersetzungen 

Wer iibersetzt, arbeitet in zwei Spradien. Sein Material - 
vielmehr: seiri Organ - ist neben seiner Muttersprache nicht 
sowohl der fremde Text als vielmehr dessen Spradie. Aus 
beiden Sprachen baut er etwas auf und kann gemeinhin schon 
von Gluck sagen, wenn sein Geriist ein wenig langer als ein 
Kartenhaus sich halt. Und wie beklommen folgt man der 
leichten Hand, die Vers auf Vers wie Stockwerk auf Stock- 
werk tiirmt, bis oftmals ein geringfiigiger Fehler im letzten 
das Ganze sang- und klanglos zu Fall bringt. Wie willig aber 
neigt dafiir das Ephemere, der Effekt, sich dieser Gattung; er 
hat im Schrifttum nirgendwo ein hoheres Recht als hier. Von 
neuem sieht man dies an Obertragungen Verlainischer Ge- 
dichte bestatigt, die Alfred Wolfenstein 1 soeben veroffentlicht. 
Es sind sehr gegluckte darunter. Bei Verlaine will das viel 
sagen. Vergebens griffe einer sehr weit aus, um diese Dich- 
tungen ins Deutsche einzubringen. Hier liegt die Kunst des 
Obersetzens in der Entspannung. Wie ein Traumender mit 
der schwachsten Gebarde, der kaum eben sich regenden Hand, 
in seiner Nahe langgesuchte Schatze zu greifen glaubt, so 
greift der deutsche Sprachgeist wirklich nur in seiner nachsten 
Nahe die Worte, aus denen Verlaines zogernder Stimmfall 
zurucktbnt. Was er in ihnen dichtet, ist deutscher Poesie 
unnennbar verwandt. Nur wer im allerbeschranktesten Raume 
die Sicherheit und die Gelassenheit der Geste sich wahrt, 
kommt zu Glucksfunden wie: Wehmutige Zwiesprache - 
Weisheit - Sonette VIII - Das Meer ist schoner - Kasper 
Hauser singt - Die Abendsuppe. Dafi gerade die restlose 
Obertragung der »Romances sans paroles« nur in einer liicken- 
losen Folge geneigtester Stunden gelingen konnte, beweist das 
beruhmte »Il pleut sur mon coeur«, das in deutscher Gestal- 
tung, nicht gerade glucklich, den Band erofTnet. Wenn anders- 
wo unscheinbare Zusatze, wie aus technischer Verlegenheit ein 
Obersetzer sie einschmuggelt, den Versbau (wie die Hollen- 
maschine einen Palast) verheeren, so ist das ein altes Leid- 
wesen, das sich natiirlich audi in diesem Bande hin und wieder 

1 Paul Verlaine, Armer Lelian. Gedichte der Schwermut, der Leidensdiaft und der 
Liebe. Obertr. von Alfred Wolfenstein. Berlin: Paul Cassirer 1925. 79 S. 



Obersetzungen 4 1 

bestatigt. Dem ungeachtet bleiben diese ehrfurcht- und liebe- 
vollen Obertragungen ein sehr wiirdiger Anlafi, erneut im 
Verlaine zu blattern. Man tare es mit ungestorterem Genufi, 
wenn das Register den Standort der einzelnen Stiicke in der 
grofien Messeinschen Ausgabe nachweisen wiirde. 
Gleichzeitig publiziert man eine Obersetzung Rimbauds, des 
»Antipoeten«, wie Wolfenstein diesen berufensten Wider- 
sacher der Dichtung kiirzlich genannt hat. In diesem Punkte 
ist sein Obersetzer, Franz von Rexroth 2 , ihm sehr kongenial. 
Dodi warum Ironie, geschweige denn Galle, an eine Neuer- 
scheinung verschwenden, welche die literarische Unmiindigkeit 
ihres Autors so entschieden bekundet, dafi die Kritik esbesten- 
falls mit dem Verlag als dessen Vormund zu tun hatte. Der 
Autor scheint auf Schonung ein Recht zumal in Anbetracht 
des Fleifies zu haben, der ihn von Rimbaud nicht allein alles, 
was nicht niet- und nagelfest (will sagen: nicht Prosa) ist, in 
zierliche Verschen im Sinne der Frida Schanz iibertragen hiefi, 
sondern dazu ihm eingab, die Leichtigkeit dieses Unternehmens 
dadurch zu bekraftigen, dafi er gelegentlich in »fehlerhaften« 
Sonetten Rimbauds im Vorbeigehen die obligaten vierfachen 
Reime nachtragt (Ma Boheme, Le Mai, Au Cabaret Vert). We- 
niger leicht als das Reimen fallt das Franzosische ihm: »Si 
jamais j*ai quelque or« iibersetzt er: »Wenn mir kein Gold mehr 
eigen«; Proben der eigentlich dichterischen Leistung mogen un- 
terbleiben. Wenn eine Einleitung von Dr. R. Dereich am Schlusse 
langerer ungemein »einfiihrender« Darlegungen uber Rimbaud 
bemerkt: »Die Neuiibertragungen Franz von Rexroths sind bei 
aller architektonischen und dichterischen Strenge erfiillt von 
einer inneren Musik und in ihremexpressionistischenFaltenwurf 
verbliirTend zeitgemafi«, so haben wir dem nichts hinzuzufugen 
als drei Ausrufungszeichen. 



2 Arthur Rimbaud, Gedidite. Ubertr. von Franz von Rexroth, Mit einer Einl. von 
Dr. R. Dereidi. Wiesbaden: Dioskurcn-Verlag [1925]. XIV, 109 S. 



42 Kritiken und Rezensionen • 1926 

Margaret Kennedy, Die treue Nymphe. Roman. (Aus dem 
Englischen von EfdithJ L[otte] Schiffer.) Mitncben: Kurt 
Wolff Verlag (1925). 400 S. 

Der Titel deutet auf den sagenhaften Liebeskampf von Mann 
und Nixe. Sie kann um dessentwillen, den sie Hebt, an die 
Oberwelt steigen, als Erdenweib dem Mann die Treue halten; 
dann aber bufit sie mit dem Tode dieses Menschengluck. Das 
Meer als vaterliches Schlofi der Nymphe ist in diesem Buch die 
Musik, der unterseeisch tonende Palast, wo in der Flut der 
vaterlichen Melodien die Nymphe mit den vielen Schwestern 
und Briidern sich tummelt. Diese Familie eines begnadeten 
Traumers und Musikers - in alien ihren Gliedern von den 
Brauchen der landfesten Gesellschaft ganzlich entbunden - 
lost nadi dem Tode ihres Oberhaupts, des Komponisten San- 
ger, sich auf. Sie wird ein Opfer burgerlicher Verstrickungen. 
Und ihre wesenhafteste Figur, Teresa Sanger, das nymphen- 
hafte Madchen, endet stumm in einer Leidenschaft, die sie zu 
einem Schuler ihres Vaters fafit, der ihre Welt (und seine 
wahre Heimat) der Ehe mit einer vortrerTlichen Burgerstoch- 
ter zum Opfer bringt. Dies laudose Verenden eines Merischen- 
wesens, das grausam sich in einer Welt vollzieht, wo nichts als 
nur Musik und wiederum Musik in Ansehen stent, bringt an 
den Tag, was aller Kunstbetrieb (weit strenger als der schop- 
ferische Aktus selber) an Grausamkeit mit jedem technischen 
und kommerziellen teilt. Das Lebenslicht einer Jugend legt in 
diesem harten glasernen Prisma zum wundervollen Spektrum 
seines Todes sich auseinander. Die ewige Ottilie der »Wahl- 
verwandtschaften« ersteht in einer Londoner Boheme zu neuem 
Sterben. Und sie erscheint wie vordem so auch nun in einer 
Umwelt guter, sympathischer Menschen. Die neuere Ent wick- 
lung des Romans geht auf die Aufhebung der Bosewichter; 
der schlechte Mensch gehort ins Raritatenkabinett des Roman- 
ciers. Zumindest mufi, wer diese heutige Gesellschaft auf ihrer 
burgerlichen Hohe darzustellen gedenkt, wissen, daE eine all- 
gemeine bona fides ihre subtilste Erfindung und das bose Ge- 
wissen ein Requisit ist, das sie den unteren Klassen zu belie- 
biger Verfiigung abgetreten hat. - Wie dieses Buch den Leser 
mit sich zieht, obwohl es keine aufierliche Spannung kennt, 



Margaret Kennedy - Carl Albrecht Bernoulli 43 

dankt es dem Zauber der unglaublich sanften Stromung. Man 
treibt auf ihr dahin wie auf der Stimme, die man liebt, wenn 
sie erzahlt. Ewig schade, dafi ihre »englische« (will sagen: 
angelsachsische und engelhafte) Intonation durch eine Ober- 
setzung getrubt wird, die im Philologisdien eben hinreichen mag, 
in allem Stilistischen jedodi durchaus versagt. Auf das - von 
der »Literarischen Welt« so streng denunzierte - amerikanische 
Publikum aber wirft es denn doch ein versohnendes Licht, dafi 
dniben dieser Roman monatelang »best seller«, meist gefragtes 
Buch gewesen ist. Das macht nicht nur die kindische Kinderliebe 
der Yankees, die an den fredien Wunder- und Naturkindern des 
Komponisten ihr Gefallen finden mufi, sondern die echte Naivi- 
tat, die an einer Liebesgeschichte ihre Freude hat, welche so schon 
ist, nur weil die Dichterin sie so ungemein rein vortragt. 



Carl Albrecht Bernoulli, Johann Jacob Bachofen und das 
Natursymbol. Ein Wurdigungsversucb. Basel: Benno Scbwabe 
u. Co. 1924. XXVI, 697 S. 

Es gibt eine »Geschichte der klassischen Mythologie und Reli- 
gionsgeschichte wahrend des Mittelalters im Abendland und wah- 
rend der Neuzeit«. Sie ist von Otto Gruppe, einer gelehrten Kapa- 
zitat, verfafit. Auf ihren 250 Seiten, die der verschrpbensten 
mythographischen Spekulationen gedenken, findet sich nir- 
gends von Bachofen auch nur der Name. Man hat es derge- 
stalt versiegelt und verbrieft, dafi dieser Baseler Forscher, der 
in der zweiten Halfte des vorigen Jahrhunderts seine Werke 
verfafite - die »Grabersymbolik der Alten«, das »Mutter- 
recht«, die »Sage von Tanaquil« sind die drei Hauptschriften 
- fiir den offiziellen Betrieb der Altertumswissenschaft nicht 
gelebt hat. Wenn's hoch kommt, gilt ihm dieser Forscher fiir 
einen Aufienseiter, dem eine grofie Gelehrsamkeit und ein 
grofies Vermogen erlaubte, privaten Passionen fiir antike 
Mystik nachzugehen. Man weifi, dafi demgegeniiber immer 
dort seine Name genannt wurde, wo die Soziologie, die Anthro- 
pologic, die Philosophic unbetretene Wege einzuschlagen sich 
anschickten. Bachofen begegnet bei Engels, bei Weininger und 



44 Kritiken und Rezensionen -1926 

neuerdings mit hochstem Nachdruck bei Ludwig Klages. Der 
»Kosmogonische Eros« dieses grofien Philosophen und An- 
thropologen - urn den uneigentlichen Terminus »Psychologe« 
Klages zum Trotz zu vermeiden - ruft erstmalig mit Autori- 
tat Bachofens Gedanken auf. Sein Buch entwirft ein System 
der naturlichen und anthropologischen Tatsachen, auf denen 
die Grundschicht der antiken Kultur beruht, als welche Bacl- 
ofen die patriardialische Religion des »Chthonismus« (Erd- 
und Totenkultus) erkennt. Unter den Wirklichkeiten der »na- 
turlichen Mythologie«, die Klages in seiner Forschung aus 
jahrtausendelanger Vergessenheit dem menschlichen Gedacht- 
nis zu erneuern sucht, stehen in erster Reihe die sogenannten 
»Bilder« als wirkliche und wifkende Bestandteile, kraft deren 
eine tiefere, in der Ekstase einzig sich erschliefiende Welt in 
die Welt der mechanischen Sinne durch das Medium des 
Menschen hineinwirkt. Bilder aber sind Seelen, seien es Ding- 
oder Menschenseelen; feme Vergangenheitsseelen bilden die 
Welt, in weldier das Bewufksein der Primitiven, das dem 
Traumbewufitsein der heutigen Menschen vergleichbar ist, 
seine Wahrnehmungen empfangt. Bernoullis Bachofenwerk ist 
Ludwig Klages gewidmet und sucht ins Gradnetz von dessen 
Gedankenschema die ganze Breite der Bachofenschen Welt 
piinktlich einzutragen. Dieses Unternehmen ist um so frucht- 
barer, als es zugleich die Auseinandersetzung mit Klages und 
seiner ausweglosen Verwerfung des gegebenen »technischen«, 
»mechanisierten« Weltzustandes mit sich fiihrt. Eine Ausein- 
andersetzung, die das philosophische, besser gesagt theologische 
Zentrum nicht umgangen hat, aus dem heraus Klages seine 
Untergangsprophetie mit einer Gewalt richtet, welche die Ver- 
suche anderer Kulturrichter, wie Georges Kreis sie hervorbrach- 
te, auf immer abgetan scheinen lafk. Siegreich werden wir frei- 
lich diese Auseinandersetzung nicht nennen konnen, wahrend 
wir von ihrer Notwendigkeit weit strenger noch als Bernoulli 
selbst iiberzeugt sind. Sie bleibt also noch zu liefern. Es ware 
sehr zu bedauern, wenn der unmaftige Umfang dieser Schrifl: der 
Aufmerksamkeit des philosophischen Lesers dieses ihr hoch- 
wichtiges Zentrum entgehen liefie. Leider hat Bernoulli sich 
verfiihren lassen, jede ephemerste Aktualitat, die irgendwo mit 
Bachofen zusammenhangt, aufzunehmen. Von daher lastet bis- 



Franz Hessel 45 

weilen ein schwiiler Boudoirdunst iiber der Darstellung. Was in 
Bernoullis Schrift iiber Overbeck und Nietzsche durch die pole- 
mischen Zwecke gerechtfertigt sein mochte, ist hier zu einem 
Anstofi geworden, den man in der gleichen Lassigkeit wie die 
zahlreichen sprachlichen Formlosigkeiten begriindet sehen wird. 
Dem aufierordentlichen Verdienst der Schrift tut das nicht Ab- 
bruch. Sie ist von dem alten Baseler Veriage Benno Schwabe, der 
das »Mutterrecht« in zweiter Auflage verlegte, wiirdig heraus- 
gebracht und mit einem ergreifend schonen Bildnis Bachofens 
versehen worden. 



Franz Hessel ' 

Umstande versetzen mich in die Lage, Aufklarung iiber Franz 
Hessel erteilen zu konnen. Der freundliche Leser mag sie als 
einen Beitrag zur Geisterkunde entgegen nehmen. Als ich klein 
war, gab es an dem geheimnisvollen Punkte der Leipziger 
Strafte, wo mitten im groften Wertheimpalast noch ein Laden 
stehen geblieben war, die altrenommierte Kolonialwarenhand- 
lung von Ehrecke. Im Schaufenster: Mehl la und Kaiserauszug, 
Makkaroni, Gries, Zuckerhiite, sowie Teigwaren leicht gefarbt. 
Mit diesen Viktualien hatte es seine besondere Bewandtnis. Es 
stand namlich unter ihnen, genau in der Mine, die Herme eines 
Chinesen. Dieser Chinese nickte tagaus, tagein. Im ganzen 
Warenhaus Wertheim war er noch nachts das einzig zuverlassige 
Lebewesen. Als Knabe konnte ich dies Nicken nicht deuten. Aber 
ich habe es mir gemerkt. Wie ich dann spater Franz Hessel be- 
gegnete, erkannte ich sofort den Chinesen von Ehrecke. (In- 
zwischen hatte der Laden bekanntlich geraumt werden miissen.) 
Es fehlten mir aber vorderhand die Beweisstiicke. Endlich hake 
ich sie in Gestalt seiner »Teigwaren, leicht gefarbt« ! in den 
Handen. Nun verstehe ich auch das Nicken. Er nickte namlich 
nicht etwa den Leuten zu. Mir dammerte auch schon damals, 
diese Gebarde sei eigentlich ein bescheidenes, erschiittertes Er- 
griffensein von der Qualitat seiner Ware. Aber es ist noch mehr: 
unter gesenkten Lidern der schrage Blick durch das Schaufenster. 

1 Franz Hessel, Teigwaren, ieicht gefarbt. Berlin: Ernst Rowohlt 1926. 148 S. 



46 Kritiken und Rezensionen • 1926 

Dieser blaue Chinese kennt das Berliner Publikum besser als 
irgendeiner von den Wertheimschen Verkaufern. Er hat auch 
aus dem ausgetretenen Asphalt vor seinem Laden als ein gelehr- 
ter Mandarin alles Verborgene abgelesen, was die Berliner Steine 
von Berlin zu sagen haben. (Vielmehr nicht eben Steine, die an 
Berlin nicht das Wichtige sind, sondern im Grunde gerade der 
Asphalt.) - »Leicht gefarbt« ist keine chinesische Floskel, son- 
dern fur solche Teigwaren - das sind: Nudeln - ganz einfach 
die Bedingung ihrer Haltbarkeit. »Ohne jeden Sauerteig«, 
»ganz trocken« definiert sie unter »Tabernakel - Unwillen« der 
Brockhaus. Diese in alien Wassern gewaschenen Nudeln miissen 
20 Minuten iiber leichtem inneren Feuer des Lesers aufgesetzt 
werden. Die Mahlzeit ist nahrhaft wie Marchen. Und schlieftlich 
sind im Grunde Marchen wohl die Region, in welcher dieser 
Chinese zustandig ist. Vor seinen Blicken geht alles gut aus und 
die Geschichten, die er weift, haben die Konstruktion von Zau- 
berspielzeug. Kurze Geschichten, aber keine short stories. Jede 
mit einem doppelten Boden: wenn man das obere Fach auf- 
macht - eine Moral, dreht er dann unversehns die Dose um - 
eine Wahrheit. Dazu nickt er. Nur wenn man ihn um eine Er- 
klarung bate, wiirde er den Kopf schiitteln. 



Der Kaufmann im Dichter 



Jeder Autor hat seine eigne Weise, seine Waare an den 
Mann zu bringen; - Ich meines Theils, mag vor den 
Tod nicht gerne in einem dunkeln Laden stehn und um 
ein Paar Dukaten mehr oder weniger drucken und 
dingen. 

Sterne, Tristram Shandy, I, 9. 

Den Dichter als Produzierenden unter die »Produzenten«, die 
»scharTenden Stande« einzubegreifen, ist schlecht und recht an- 
gangig. Nur muE man freilich davon absehen, wieviel Mes- 
quinerie und Frechheit unter dem Bilde des »geistigen Arbeiters« 
(wieFeuerwanzen unter einem Stein) sichverkriechen. Daft aber 
Dichter als Kaufleute dargestellt werden, ist neu, alles andere 



Der Kaufmann im Dichter 47 

als Floskel und eine Wendung, unter der soeben in Paris - die- 
ser einzigen Schule der guten Lebensart in der Kritik - eine 
elegante, treffende Variation der ublichen »Charakteristik« von 
Dichtern versucht wird. 

Hat nicht der Dichter wirklich vom Kaufmann mehr als man 
wahr haben will - mehr als bisweilen vom Produzenten? Ohne 
Zweifel gibt es deren genug, die da als grofier oder kleiner 
Handler uralte, edle Stoffe oder modische neue unter die Leute 
bringen und noch dazu den ganzen Apparat des Kaufmanns, das 
werbende Vorwort und die Schaufensterdekoration der Kapitel- 
chen, das servile »Ich« hinterm Ladentisch und die Kalkulatio- 
nen der Spannung, die Sonntagsruhe hinter jedem sechsten Ein- 
fall und das kassierende Inhaltsverzeichnis beanspruchen. Die 
Schriftsteller aber haben bei soldier Betrachtung mehr zu ge- 
winnen als von einer Mystik der Produktion, die meistens dem 
Budiker entspricht. 

Das alles steht nicht in dem Buch, von dem es gilt. Denn dieses 
hat den Vorzug, keinen Text zu besitzen. »Prochainement 
ouverture . . . de 6z boutiques litteraires presenters par Pierre 
Mac Orlan 



Henri Guilac 
Architecte 



Simon Kra 
Entrepreneur 



- dies alles auf eine griine Bretterwand, die der Buchdeckel 
darstellt, gepinselt, besagt zu deutsch: Henri Guilac hat dieses 
Buch gezeichnet, Pierre Mac Orlan es eingeleitet und Simon 
Kra es verlegt 1 . Die Bildseiten aber stellen 6z franzosische 
Dichter vor ihren imaginaren Kaufladen dar. Hier wiirde nun 
jeder Deutsche eine fulminante Satire erwarten. Ihn zu enttau- 
schen ist an diesem Buch das Pariserische. Denn diese Blatter, 
durchweg mit der Hand, sehr sauber und sehr leuchtend koloriert, 
haben eine candeur, eine Gutherzigkeit, die sie beinah fur alle 
62, die davon betrofTen werden, zu einem reinen Vergmigen 
machen mufL Sie stehen in Erwartung ihrer Kunden vor der 
Tur, sehen durchs Ladenfenster oder beugen sich iiber die Theke. 
Wie einleuchtend aber, dafi niemand erscheint! Und dies schon 
in Frankreich! Wie ausgestorben miiEten nicht bei uns solche 

1 Henri Guilac u. Pierre Mac Orlan, Prochainement ouverture . . . de 62 boutiques 
litteraires. Paris: Simon Kra (1925). 



48 Kritiken und Rezensionen * 1926 

Laden aussehen! Kunden zu malen, ging audi nicht wohl an: 
oder hatte man jedes Tausend der Auflageziffer durch ein 
Mannchen, das einkauft, darstellen sollen? Wie dem audi sei, 
die Strafie ist leer. Gide hat mit seinem Jugendwerk, den »Nour- 
ritures Terrestres«, sich eine Delikateftwarenhandlung einge- 
richtet, die Weine aus den »Caves du Vatican« zum Verkauf 
halt. Paul Morand steht als Schlepper in der Tiir eines zwei- 
deutigen Etablissements, dessen rote Laterne »Ouvert la Nuit« 
(»Nachtbetrieb«) anzeigt. »F. Carco« - Spezialist in Apachen- 
romanen - liest man auf einer grilnen Marquise, in deren diirf- 
tigem Schutze »Rien qu'une femme« ihre Briiste am Fenster 
zeigt. So reiht sich Haus an Haus in dieser literarischen Schla- 
raffenstadt: Kofferhandlung (Colette), Parfiimerie, Wechsel- 
stube, Backerei, Gartenwirtschaft (Eugene Montfort) und Reise- 
bureau (Charles Vildrac). Am Ende riickt man in die banlieue 
hinaus, wo eine ganze Buden-Foire, ein Jahrmarkt mit Lotto- 
zelt, anatomischem Kabinett, einem Quacksalberstand, einer 
Wutbude (mit dem schmachtigen Jean Cocteau als Inhaber), ein 
Stand mit alten Buchern »Les livres du Temps« sich findet, vor 
denen Paul Souday, der Literaturkritiker des »Temps« placiert 
ist. 

Man hort von einem alten, aufgegebenen Plan, literarische 
Marktschreierbuden in dieser Art wirklich zu bauen und den 
Dichter selber in ihnen aufzupflanzen. Mit Mac Orlan bedauert 
man, dafi so etwas bei der Exposition des Arts et Metiers nicht 
zustande gekommen ist. Denn sicher hat die Vorrede recht, in 
der er die Schriftsteller darauf hinweist, sie konnten sich keinen 
Begriff davon machen, in welchem Grade, was sie tun, dem Volk 
belanglos scheint, und da£ sie eines Tages dafiir wiirden zahlen 
miissen. Solche ingeniose Spielerei mit Literaturdingen konnte 
dem abhelfen, wenn sie bei allem Charme nicht sehr privat und 
sehr vereinzelt bliebe. So muE man sich denn ganz im stillen an 
ihr freuen, weil die Schwalbe, die keinen Sommer macht, das 
Haustier unseres Zeitalters ist. 



Ssofja Fedortschenko 49 

Ssofja Fedortschenko j Der Russe redet. Aufzeichnungen nach 
dem Stenogramm. Deutsch von Alexander Eliasberg. MUncben: 
Drei Masken Verlag [i$2j]. 140 5. 

Das Buch enthalt Satze, Perioden, Bruchstiicke, wie sie in den 
Jahren 191 5 und 1916 von der Verfasserin stenographist nach 
den Aufierungen von russischen Mannschaften festgehalten wur- 
den. Sie war bei ihnen an der Front. Unter der Arbeit, ohne 
dafi es auffiel, hat sie jedes Wort aufgezeichnet, das ihr be- 
merkenswert vorkam, keines mehr. Alle Angaben iiber die Per- 
son des Sprechenden und den Zusammenhang der vorgelegten 
Stelle fehlen. So tritt der Leser in dies Buch wie in die Stube: er 
weifi nicht, wovon die Rede ist. Er versteht schlechter, er hort 
scharfer, als wer im Bild ist. Vernimmt die Stimmen aus den 
unabsehbaren Gesprachen, deren epische Breite in ihren un- 
scheinbarsten Fragmenten noch liegt. Nichts vom Epigramm ist 
in all den Wendungen: die undurchdringlichen dunklen Gedan- 
ken heben sich wie Refrains eines Volksliedes ab, das in der 
durchgehaltenen Melodie den Russen und den Juden, Gott und 
Teufel, Vernunft und Niedertracht, Pogrom und Krieg, die 
Liebe und den Schlaf, die Weiber, Tiere, Gliick und Jammer 
laut werden lafk. Wer Bucher nicht am MafSe eitler Originalitat, 
sondern defer als aktuale, organisierende und bewahrende 
Krafte in den Zusammenhang des Lebens einstellt, mufi iiber 
diesem von einer Ehrfurcht beriihrt werden, die an seinem Teil 
gewifi dem russischen Menschen - dem Russen schlechtwegi der 
hier im Menschen zur Sprache gebracht wird - gilt, an ihrem 
Teile aber der unbegreiflichen Erscheinung der Verfasserin, die 
durch Monate und Jahre des tiefsten Schreckens »auf den Knien 
ihres Herzens« den reinsten wie den entstelltesten Stimmen die- 
ses russischen Menschen gelauscht haben raufi und erreichte, was 
der besonnensten Demut einzig erreichbar war: das wahre Ant- 
Htz dieses Krieges festzuhalten und sogar dies als das der Krea- 
tur in Leiden und Triumph noch zu erkennen. Diesem wunder- 
voll stillen dienenden Werk entspridit, dafi aus den wenigen 
Zeilen des Vorworts man nichts iiber die Verfasserin Ssofja 
Fedortschenko erfahrt. Woran alle »Vaterlandsliebe« ins Nichts 
der Beschamung zerrinnen mufi, das hat von neuem die mutter- 
liche Liebe zum Volkstum in diesem Buche gewiesen. 



50 Kritiken und Rezensionen • 1926 

Oskar Walzel, Das Wortkunstwerk, Mittel seiner Erforschung. 
Leipzig: Quelle und Meyer 1926. XVI, 349 S. 

Der Titel dieser Folge von asthetischen Essays besagt: man hat 
es hier mit einem typisch, wesenhaft modernen Buch zu tun, das 
heifit mit einem Buch, in dem das Richtige falsch und das Falsche 
richtig gedacht ist. Es ist, auf Anhieb, fesselnd, unanfechtbar, 
serids, gepflegt im Ausdruck, tolerant. Aber es ist darin nicht 
ein Motiv, das nicht wie Kork im Strom des Seminarbetriebes 
oben schwimmt, nicht ein Gedanke, der um einen Gegenstand, 
der es verlohnt, mit einem anderen Gedanken seine Kraft mifit, 
nicht eine Wendung, welche nur ein Denker, dem eine Dichtung 
sich erschlossen hat, zuwege bringt. In Untersuchungen, deren 
Entstehungszeit zum Teil bis 19 10 zuriickliegt, tragt sich die 
jeweils neueste Konvention der Forschung vor und ist sich im- 
mer selbst viel wichtiger als irgend einer ihrer Gegenstande. Sie 
gibt dem Tage, was des Tages ist, und hat die subalterne Aktua- 
litat, die von der wahren sich in der Nuance unterscheidet, daft 
ihr kein Widerspruch beschieden ist. Dies Sammelbuch darf 
einer giinstigen Aufnahme sicher sein. Es hat seinen Lohn da- 
hin. - Nicht daft es seine Leser unbelehrt entlafit. »Grundsatz- 
liches« und »Einzelfragen« geht der Verfasser in einer Reihe 
kluger, aufschluftreicher Oberlegungen durch. Nur: was er- 
schlossen wird, ist nicht die Dichtung, sondern das Schreiben und 
Reden dariiber. »Formanalyse« ist gewift an der Tagesordnung. 
Zweierlei aber bezeichnet man so. Einmal die Arbeit des begab- 
ten Spiirers und versierten Methodikers. Zum ander^ die des 
Meisters, der in Sachgehalte so tief eindringt, daft ihm-gelingt, 
die Kurve ihres Herzschlags als die Linie ihrer Formen aufzu- 
zeichnen. So einer ist der einzige Riegl gewesen, Verfasser jener 
»Spatr6mischen Kunstindustrie«, in der die tiefe Einsicht in das 
materiale Wollen einer Zeit begrifflich als die Analyse ihres 
Formenkanons wie von selbst sich ausspricht. Hier muftte sach- 
gemafte Untersuchung auf die formalen Tatbestande ganz ei- 
gentlich stoften und brauchte nicht als vorgefafite »Themata«, 
freischwebende »Probleme« sie zu erortern. Von solchen neueren 
Wendungen in der Asthetik ist Walzel zwar, wie er dies selbst 
betont, beeinfluftt worden; von Riegl freilich minder als von den 
abstrakteren, zweifelhafteren Schematismen Wolfflins. Wenn er 



Oskar Walzel • W. I. Lenin 5 1 

(trotz seiner dankenswerten Untersuchungen zur Form der 
Prosa) weit hinter seinem Vorbilde zuriicksteht, tragt die Schuld 
jene unmanierlidie »Einfiihrung«, wie sie fast alien literarhisto- 
rischen Untersuchungen das Konzept besudelt. Solange die Sippe 
der fatalen »Miterleber« (Walzel fiihlt nichts vom Schrecken 
dieses Worts und dieser Sache) nicht beseitigt ist, wird litera- 
rische Kritik haftlich und unfruchtbar wie eine alte Jungfer blei- 
ben und der Magister ihr alleiniger Galan sein. Solche Kritik 
wird immer durch die »Weite« ihrer Gegenstande, durch das 
»synthetische« Gebaren sich verraten. Der geile Drang aufs 
»Grofte Ganze« ist ihr Ungluck. Liebe zur Sache halt sich an die 
radikale Einzigkeit des Kunstwerks und geht aus dem schopfe- 
rischen IndifTerenzpunkt hervor, wo Einsicht in das Wesen des 
»Schonen« oder der »Kunst« mit der ins durchaus einmalige und 
einzige Werk sich verschrankt und durchdringt. Sie tritt in des- 
sen Inneres als in das einer Monade, die, wie wir wissen, keine 
Fenster hat, sondern in sich die Miniatur des Ganzen tragt. 
Solche Versuche finden sich selten genug. (Heilingraths Studie 
zu der Pindarlibertragung Holderlins war einer). Aber selbst 
der bescheidenste von ihnen desavouiert zehn Bucher von dem 
Schlage dieses typischen. 



W [ladimir] I[l)itsch] Lenin, Brief e an Maxim Gorki 1908- 
191 3. Mit Einleitung und Anmerkungen von L. Kamenew. 
Wien: Verlag fur Liter atur und Politik 1924. 126 S. 

Die Bnefe, welche Lenin in den Jahren 1908 bis 1913 an Gorki 
gerichtet hat, liegen den deutschen Lesern jetzt in einem kleinen 
Bande vor, zu dem Kamenew das Vorwort geschrieben hat. Dar- 
in sagt er: »Es gibt viel weniger Dokumente, die Hunderten und 
Tausenden Menschen die Moglichkeit geben, an Lenins Person- 
lichkeit, an die Grundziige seiner geistigen Erscheinung heranzu- 
treten, als solche, die ihn als Gelehrten, fiihrenden Politiker 
schildern. Es gibt ihrer nur sehr, sehr wenige. Unter diesen selte- 
nen Dokumenten sind die Briefe an Gorki wohl die wichtigsten.« 
Wer hieraus aber folgern wiirde, es seien nicht auch diese Briefe 
durch und durch politisch, der wiirde sehr irren. Denn passio- 



52 Kridken und Rezensionen • 1926 

nierend sind sie gerade dadurch, dafi das politische Geprage in 
ihnen die menschlichsten Beziehungen bestimmt. »Privat« und 
»6fTcntlich« stofien ja nicht aneinander wie Schlafzimmer und 
Ordination in einer Arztwohnung, sondern sind ineinander 
eingebaut. Wo das Privateste sich offentlich begibt, kommen 
dann audi die offentlichen Dinge privat zur Entscheidung und 
fiihren damit eine physische, politische Verantwortung herauf, 
die etwas ganz anderes als die metaphorische moralische 1st. Es 
haftet die Privatperson fur ihre offentlichen Akte, weil sie in 
ihrer jeden voll zur Stelle ist. Revolutionen statuieren immer 
diese Haftbarkeit (wo nicht noch hartere) und mit Lenin kam 
dieser Typ der Verantwortung als Diktatur des Proletariats 
weithin sichtbar zur Geltung. Es wohnt jedoch in Lenins dikta- 
torischer Unerbittlichkeit ein so unablenkbarer Sinn fur das 
Wirkliche, dafl diese Briefe stellenweise bei all ihrem Schroffen 
die Sufiigkeit von grofter Epik haben. Lenin muft mit dem Da- 
sein im reinen gewesen sein und sein Hafi gegen die herrschende 
Ordnung .viel inniger dessen dialektischen Frieden, dessen 
»schopferische Indifferenz« umfangen haben als manch anderer 
mystische Liebe. 

Theoretisch ist Lenins Stellungnahme gegen Gorki im Atheis- 
musstreit der Hauptgehalt dieser Briefreihe. Sie wenden sich in 
den vehementesten Ausfallen gegen sozialreligiose Bewegungen, 
wie sie unter dem Namen der »Gotterschaffung« eine Zeitlang 
vor allem von Lunatscharski in Rutland propagiert wurden. 
Gorki scheint ihnen nicht ohne Sympathie gegeniiber gestanden 
zu haben. »Nun, ist es denn nicht grauenhaft, was da bei Ihnen 
fur eine Sache herauskommt?« schreibt ihm daraufhin Lenin. 
Diese Drastik findet in alien Briefen sich wieder, ob sie an Gor- 
kis Einsiedelei auf Capri aus Genf, Bern, Krakau oder Paris sich 
richten - aus Paris, wo Lenin dann spater Marchen wahr wer- 
den liefi und, wie Giraudoux schon gesagt hat, unter alien Ver- 
sprechen, die Grofimiitter wohl kranken oder vertraumten Kin- 
dern machen, eines zumindest, und ein einziges, war eingelost 
worden. Und das kraft Lenin und Trotzki. »Denn mit Brot 
bedienten einen im Restaurant Grofineffen Puschkins und die 
Enkelinnen Iwans des Schrecklichen reichten das Salz.« Wenn 
aber Personliches durchbricht, und die Besorgnis fur das korper- 
liche Wohlergehen Gorkis laut wird, dann kommt in Lenin 



W.I.Lenin 53 

selber etwas Grofimutterlich-Gewaltiges mit fast erschreckender 
Autoritat zum Vorschein. »Danach zu urteilen, dafi Sie eine 
Ziege haben . . ., ist Ihre Stimmung gut und Ihre Geistesver- 
fassung die richtige und Ihr Leben normal. « 
Nicht als private Zeugnisse eines »Genies« im Sinne biirgerlicher 
Geschichtsschreibung sind diese Briefe zu lesen. Jede undialek- 
tische Konstruktion der Individualist - und die biirgerliche ist 
eine solche - mufi fallen. Die dialektische aber kristalliert sich 
um die Verantwortung. Einzig und weit ist die Person nicht in 
der Fiille dessen, wie sie lebt - sie reicht, soweit der Kreis der 
Dinge sich dehnt, fur welche sie haftet: haftbar gemacht werden 
mufi, nicht haftbar sich fiihlt. Grofie im Sinne des historischen 
Materialismus bestimmt sich, an dem Mafie, in welchem die 
»Indifferenz« der Person »schopferisch« durch Verantwortung 
wird. So gesehen sind diese Briefe, in welchen Freundschaft un- 
ter dem Diktat politischer Verantwortung sich zeigt, ein neues 
Zeugnis f iir Lenins Grofie. 



1927 



ElNIGE ALTERE UND NEUERE NEUDRUCKE 

Marsilio Ficino, Briefe des Mediceerkreises aus Marsilio Ficino's 
Epistolarium. Aus dem Lateinischen ubersetzt und eingeleitet von 
Karl Markgraf von Montoriola. Berlin: Axel Juncker Verlag [1925] 
276 S. 

Die Meinung dieser Ausgabe ist nicht leicht zu ergriinden. Denn 
unter denen, welche fiir dies Sammelwerk Ficinos interessiert 
sind, gibt es gewifi nicht viele, die nach einem andern Text als 
dem lateinischen des Originals Bediirfriis tragen. Und wenn zu 
diesen wenigen der Referent sich zahlt und somit vorab dankbar 
fiir ein solches Unternehmen eingenommen ist, macht dessen 
Ausfiihrung ihn wieder ratios. Seit Jahren haben Obersetzer wie 
Wesselski, wie Hefele mit groftem Gliick gezeigt, dafi mittel- 
alterliches Latein sich treu in eine deutsche Fassung iibertragen 
lafk, deren Schonheit gerade darin besteht, dafi die Syntax des 
Urtexts hindurchschimmert. Fiir den vorliegenden Band lafit der 
Grundsatz der »getreue[n] Wiedergebung . . . des Humanisten- 
lateins« nur seiner sprachlichen Fassung (nicht seinem Sinn) nach 
vermuten, wessen sich der Leser zu gewartigen hat. Ein diirres, 
schikanoses Ostermann-Deutsch macht dieses Buch zu einer ver- 
kappten Sammlung von Ubersetzungsaufgaben. Man fiihlt mit 
seinen Satzen Mitleid, mochte sie aus diesem Deutsch, in das 
man sie gepfercht hat, bef reien, und lateinische Heimatluft ihnen 
zuriickgeben. Wer aber das kann, schlagt das Buch gar nicht erst 
auf. Dazu kommt, daE eine heutige Ausgabe dieser Briefe sogar 
im Original, geschweige denn in einer Obersetzung, nach einem 
eingehenden Kommentar rufl, der ihr das Relief gibt, ohne 
welches sich allzu vieles als erbauliche Banalitat liest, was einst 
vielleicht ein Ausfall oder eine Stichelei gewesen ist. Lebendig 
ist an diesem Buche nur die sachliche, ausfuhrliche, hochst be- 
lehrende Einleitung. Der Umschlag aber — rund heraus — eine 
Schande: das niedertrachtigste Ornamentengezucht, das je auf 
einem Buch zu sehen gewesen ist. 



Einige altere und neuere Neudrucke 5 5 

Karl Wilhelm Jerusalem, Aufsatze und Briefe. Hrsg. von Heinrich 
Schneider. Heidelberg: Verlag von Richard Weifibach 192$. 246 S. 

Auf gefallige Weise erneuert eine typographisch hochst einleuch- 
tende Ausgabe der »Aufsatze und Briefe« das Andenken von 
C. W. Jerusalem. Bekanntlich war er seines Freitodes wegen das 
Urbild des »Werther«. Die »Aufsatze« sind Obungen eines 
jungen Mannes iiber die Tagesfragen des philosophischen Ratio- 
nalismus vor 150 Jahren. Aber wie schon halten nicht Vor- und 
Nachwort von Lessing diese unbestimmten Arbeiten seines 
jungen Freundes beisammen. Die Lessingschen Zusatze an ihrem 
urspriinglichen Ort wiederzufinden, der unvergleichlich heiteren 
Kindiichkeit dieses gereiften Deutsch sich erfreuen zu konnen, 1st 
hochst anziehend. Und wer da will, sieht iiber diesem sauberen 
Biichlein den Geisterkampf Goethes und Lessings: des Sch war- 
mers und des Denkers um das blasse Nachbild dieses jungen 
Toten hin- und herschwanken. 

Otto Deneke, Lessing und die Possen 1754. Heidelberg: Verlag von 
Richard Weifibach 1923. 80 S. (Stachelschrifien. Hrsg. von G. A.E. 
Bogeng. Neuere Reihe. 1.) 

Johann Friedrich Schink, Marionettentheater. Hrsg. von K. W. Herr- 
mann. Heidelberg: Verlag von Richard Weifibacb 1925. 224 S. 
(Stachelschrifien. Hrsg. von G. A. E. Bogeng. Neuere Reihe. 2.) 

Der renommierte Historiker der Bibliophilie Dr. jur. Bogeng 
gibt bei Weifibach eine Reihe von alten Streitschriften heraus, 
deren bisher in vorzuglicher Ausstattung zwei vorliegen. Im 
ersten Bandchen behandelt Otto Deneke (beruhmt durch seine 
hervorragende Sammlung deutscher Literatur) Lessing und die 
»Possen«. Cimelien aus seinem Besitz gaben Deneke Veranlas- 
sung zu einer lichtvollen Darstellung des sehr kuriosen Streites, 
der in den Anfangen der Lessingschen Schriftstellerei zwischen 
dem groften Autor und einem Anonymus - eben dem Verfasser 
der »Possen« - sich abspielte. Wie manierlich und elegant da 
auf blofien Titelblattern eine Polemik sich ausspinnt, mag man 
nachlesen. - Erheblich massiver ist das zweite Pamphlet der 
Reihe, Schinks » Marionettentheater «, das 1778 als Protest gegen 
das Geniewesen ans Licht trat. Nicht witzlos, doch mit der gan- 
zen Heftigkeit eines Apostaten verfaEt, den noch dazu die Ge- 



56 Kritiken und Rezensionen • 1927 

schichte ins Unrecht gesetzt hat. Literarhistorisch sind die beiden 
Stiicke des Bandes »Hanswurst von Salzburg mit dem holzernen 
Gat« - der Titel selbstverstandlich auf den »G6tz von Ber- 
lichingen mit der eisernen Hand« gemunzt - und »Der Staup- 
besen«, sehr interessant. Der Grobianismus des 16. Jahrhunderts 
prasentiert sich im Aufputz des Rokoko. 

C(arl) G(ustav) Caws, Reisen und Brlefe. Ausgewahlt von Eckart 
von Sydow. 2 Tie. Leipzig: E. Haberland [1926]. 224 S. t 28$ S. 
(Das Wunderhorn. 33! 34, 3^3^-) 

Wenn »das Grundprinzip der Klassik in der Vollendung und 
das der Romantik in der Unendlichkeit liegt, so darf man den 
Sachverhalt der Problematik von Carus' Leben bildlich so urn- 
reifien, dafi man sagt, Carus habe in seiner Art beide vereinigt, 
indem er auf sein heimliches Grunderlebnis der romantischen 
Unendlichkeit den offenbaren Stempel der klassischen Vollen- 
dung driickte«. So der Herausgeber, der hiernach Carus als das 
unvergleichlichste Genie verehren miifite. Doch damit ist es, 
Gott sei Dank, ihm selbst nicht ernst und dieser Schlufiapotheose 
geht eine mafivolle, verstandige Wiirdigung vorher. Es kann 
freilich deren Sache nicht sein, das auszusprechen, was sich fiir 
den Leser dieser beiden Bande letzthin ergibt: wie schal und 
bitter noch jede »Nachfolge Goethes« geschmeckt hat, ob die 
einstige eines Eckermann oder Carus oder die gegenwartige eines 
Hauptmann. Peinliche Nachbildungen Goetheschen Memorial- 
stils sind diese Reiseberichte, so sehr, dafi dort, wo inhaltliche 
Ahnlichkeiten hinzutreten - in den Notizen aus Italien 1828 - 
sie einen gewissen Kuriositatswert erhalten. Nichts ist melan- 
cholischer als jene iiberreife Klassik, die im Verlauf des 19. Jahr- 
hunderts langsam den Wohnsitz Goethes in die Residenz der 
Goethe-Gesellschaft iiberfiihrte. Carus ist einer ihrer lautersten, 
autorisiertesten Vertreter, seine »Symbolik« Frucht eines edleren 
Epigonentums als etwa die Novellistik des spaten Tieck. Zumal 
die »Briefe iiber Landschaftsmalerei« und die » Fragments eines 
malerischen Tagebuchs«, von denen einiges in dieser Auswahl zu 
finden ist, sind auf wirklich schone Weise sentimental und ein 
nie zu erreichender Text zu Caspar David Friedrich und Otto 
Runge. Darum ist diese ganze Produktion doch um nichts weni- 



Einige altere und neuere Neudrucke 57 

ger historisch und eine Neuausgabe zumal der »Reisen« be- 
schwort eine geistige Haltung herauf, von welcher Deutsdiland 
nichts mehr zu erwarten hat. 



Heinrich Bruno Schindler, Das magische Geistesleben. Ein Beitrag zur 
Psychologic. Nacb der Erstausgabe von 1857 mit einem Nachwort neu 
hrsg. von Curt Moreck. Celle: Niels Campmann 1927. 433 S. 

Diesem Neudruck von 433 Seiten fehlte jeder AnlafL Die Schrift 
des Mediziners Schindler ist ein typisches Dokument jener 
romantischen Psychologie, die als Lehre von den Traumen, von 
der Nachtseite der Seele, von den magnetischen Stromungen 
neben der Naturphilosophie von Ritter, Oken und andern ein- 
hergeht. Leider aber ist sie nur »typisch« - farblose Variante 
dessen, was Schubert, Carus, Ennemoser vorgebracht hatten, und 
im Quellenmaterial so unkritisch und verworren, daft man schon 
auf Gorres' »Christliche Mystik« zuriickgehen mufi, um ein ahn- 
liches Konvolut von Angaben »magischer« Vorfalle allerver- 
schiedenster Art zu finden. Dafi dem Buch nicht nur ein Register, 
sondern selbst das Inhaltsverzeichnis fehlt, ist fiir diese Art von 
Kompendien bezeichnend. Dabei mag die Schrift zu ihrer Zeit 
nicht unverdienstlich gewesen sein, wenn audi die schwachliche, 
moderantistische Theorie, die da aus dem einigermaEen be- 
schrankten Gesichtswinkel des dilettierenden Arztes entwickelt 
wurde, von vornherein etwas privat anmutet. Heute aber, da 
das erste Anliegen der Forschung die strenge Sonderung der 
vielen hochst heterogenen Dinge ist, die unter dem Begriff des 
»Magischen« vor hundert Jahren zuerst zusammengefaflt wur- 
den, ist der Neudruck dieser Schrift geradezu anstoflig. Von der 
aktuellen Sachlage auf diesem Gebiet verrat der Herausgeber in 
einem Nachwort, das ebenso unprazise ist wie das Buch, keine 
Kenntnis. Der Forscher, wenn anders er es zu benutzen hatte, 
findet es auf jeder Bibiiothek. Wer sonst sich an den vielen 
Geistergeschichten erbauen will, mag immerhin zugreifen. 



58 Kritiken und Rezensionen • 1927 

Friedrich Heinrich Jacobi, Die Schriflen. In Auswahl und mit einer 
Einleitung hrsg. von Leo Matthias. Berlin: Verlag »Die Schmieden 

1926. 22J S. 

Von Weishaupt, dem Begriinder des Illuminatenordens, hat 
Jacobi gelegentlich einmal bemerkt, er sei fiir den Versuch viel 
zu gut, »aus dem Geist unserer Zeit, der ein Gespenst ist, ein 
lebendiges handelndes Wesen zu machen. Aber selbst bei diesem 
Mifigriff hat er sich genommen wie ein Mann.« Jacobi hat dies 
Gespenst - den Zeitgeist der Aufklarung zu exorzieren ver- 
sucht. Man kann nicht durchaus sagen, dafi er sich als Mann 
dabei »genommen« hatte. Aber die Texte dieser Exorzismen 
bleiben denkwiirdig. Jacobi hat Religion nicht aus orthodoxer 
Beschranktheit gepredigt. Friiher als andere, mit Bewufitsein, 
hat er gesehen, was Religion der Ordnung des profanen Lebens 
bei den einzelnen wie bei den Volkern bedeutet. Er hat, wie das 
Matthias sehr gut darlegt, als erster eine menschliche und zu- 
gleich politische Notigung zu »glauben« gesehen, selbst die- 
ser Notigung nicht wahrhaft zu folgen vermocht und, mit 
einem antirationalistischen Puppentheater, gewissermafien, die 
Disputationen Dostojewskischer und Kierkegaardscher Men- 
schen vorbereitet. Sein bestes Wissen blieb stets ein »Wissen, 
dafi nicht . . .«, es ist kein Zufall, daf? die Kritik des kanrischen 
Kritizismus von allem, was er schrieb, am tiefsten gewirkt hat. 
Was er dagegen positiv zu sagen wufite, fiel in gefahrlichem 
Sinne beschrankt und privat aus, ohne sich innerlich so durchzu- 
bilden, dafi wie bei Hamann dem urspriinglichen Protest in der 
Fiille der sprachlich-stilistischen Variationen die besten Gedan- 
ken erst zufielen. Als Philosoph der Systemlosigkeit bleibt 
Hamann Jacobi, dem systematischen Streiter gegen Systeme, 
sehr iiberlegen. Hamann ist ebenso sehr mannlich, satyrhaft, wie 
Jacobi weiblich und weibisch. Diese Weiblichkeit ist nicht ohne 
Sinn fiir das Schone, im Tiefsten aber unsicher gewesen. Und 
eine Unsicherheit, die dem mannlich ringenden Denker Ursprung 
von wahrem Pathos hatte werden mussen, wird in dem weib- 
lichen Ingenium, das die aufgeklarte Despotie des Gefiihls zu 
errichten strebt, etwas sehr Peinliches. Oder, wie Friedrich 
Schlegel in der Besprechung von Jacobis »Woldemar« zu dessen 
Vorsatz, »Menschheit, wie sie ist, erklarlich oder unerklarlich, 
aufs gewissenhafteste vor Augen zu legen«, bemerkte, im Grun- 



Paul Hankamer 59 

de sei »hier unter >Menschheit< nur die Ansicht eines Individu- 
ums von derselben verstanden . . . und daf? es also eigentlich 
heifien sollte: >Friedricb-Heinricb-Jacobiheit, wie sie ist, erklar- 
lich oder unerklarlich, aufs gewissenhafteste vor Augen zu 
legen<«. Das ist mit dieser Auswahl vorbildlich gesdiehen und 
die meisten werden sie heute dem »Woldemar« vorziehen. 



Paul Hankamer y Die Sprache, ihr Begriff und ihre Deutung 
im 16. und ij. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Frage der lite- 
rarhistorischen Gliederung des Zeitraums. Bonn: Friedrich Co- 
ben 192J. XVI, 2oj S. 

Es ist nodi nicht lange her, dafi die deutsche Literaturgeschichte 
dem XVII. Jahrhundert sich mit Elan und Freude an seiner 
Geistesart zuwandte. Historisch gesehen ist diese Neuorientie- 
rung eine Folge des Expressionismus, vor allem aber der sprach- 
lichen Umwertungen gewesen, die von der Denkungsweise 
Georges ausgingen. 

Gerade das wird audi in diesen jungsten Forschungen deutlich. 
Paul Hankamer hat sie in einem Buche niedergelegt, dessen 
Erscheinen sehr zu begruften ist. Es war eine Notwendigkeit, an 
den »Schwulst« der barocken Diditer endlich mit der genauen 
Frage nach dem geheimen Wollen, den bedachten Oberzeugun- 
gen, die sich in dieser Sprachform pragten, heranzutreten. Das 
ist mit volliger wissenschaftlicher Zuverlassigkeit und einem 
Takt, wie Wissenschafl: in sprachlichen Dingen ihn nicht immer 
aufbringt, gesdiehen. 

Aber gerade weil dieses Buch, auf lange hinaus, mafigeblich 
seine Stelle in der Sprachgeschichte jenes Zeitraums ausfiillt, 
braucht man nicht zu verschweigen, wo es dennoch zu kritischem 
Bedenken AnlaE geben kann. Die Arbeit fuhrt vorzliglich in die 
Quellen und in ihr tieferes Verstandnis ein. Und doch kann man 
nicht sagen, daft sie - im hochsten Sinn gesprochen - sie er- 
forsche. Sie setzt sich vielmehr, wie es in den meisten, audi 
besten literarhistorischen Buchern die Regel ist, am Ende des 
behandelten Zeitraums im Werke eines Mannes oder einer 
Schule - es ist in diesem Falle das des Jakob Bohme - einen 



60 Kritiken und Rezensionen • 1927 

Punktj auf welchen zu die Fluchtlinien der Deutung laufen, 
statt perspektivisch in das Innerste der Zeit zu fuhren. In 
historischen, geistesgeschichtlichen Werken ist die Tendenz auf 
etwas, was »im Wesenskerne heute giiltig und immer« ist, wenn 
es nicht aus geschichtlicher Deutung der Quellen erzeugt, son- 
dern in ihrem Wortlaut ihnen entnommen wird, stets eine etwas 
arbitrare Halbheit. Wenn dieses ausgezeichnete Buch hin und 
wieder im Innern sich Widerstande erzeugt, so tragt daran die 
Schuld die Erscheinung von Bdhme, welche ein wenig aus den 
historischen Schranken - die sind in diesem Falle aber das Ge- 
riist der Deutung - ins vage Absolute hinausgreift. In ganz 
genau dem gleichen Sinne lassen sich Einwande gegen die kos- 
misch-naturphilosophische Bestimmung der barocken Sprach- 
philosophie, so wie sie beim Verfasser sich darstellt, erheben. In 
diesen fraglos notwendigen, im einzelnen oft treffenden Aus- 
fiihrungen ist eine unerlafiliche Vorsicht verabsaumt worden. 
Der Begriff des Kosmischen und der der Natur scheint allzu 
sehr in einem modernen, in einem gelaufigen Sinne verstanden. 
Es ist die sehr entscheidende gegenreformatorische, mit einem 
Wort: die eigentlich barocke Pragung im Naturbegriff des XVII. 
Jahrhunderts durchaus nicht zu ihrem Rechte gekommen. Ba- 
rock wird die Sprachtheorie jener Zeit im Zeichen der Lehre von 
der »Natursprache« erst durch die vollig unverwechselbare Ge- 
stalt, die der Naturbegriff damals gewinnt. (Die »Sakularisie- 
rung« alles Zeitlichen im Raume ist ihr Schema.) Das »Unend- 
liche«, vor allem das »All-Wirkliche« sind Ausdrucke, die im 
Zusammenhang dieses Jahrhunderts nicht angebracht sind. Der 
Einsicht, in der Sprachbewegung des Barock liege ein Element 
der Gegenreformation, kommt der Verfasser sehr nahe, spricht 
sie auch wohl gelegentlich aus. Aber eine erschopfende Deutung 
der Quellen wiirde darin ihr Hauptinstrument sehen, wiirde 
erkennen, wie sich Wort und Schnftwort aus theologischer Iso- 
liertheit losen - der Isoliertheit, in der sie Luther verdeutschte - 
und wie sie sich als Schrift zu sakularisieren, sich emblematisch 
im Naturraum niederzuschlagen streben. 

Seinen Abhandlungen uber das Barock, dem seine eigentliche Lie- 
be zu gelten scheint, hat der Verfasser einen groften Abschnitt 
iiber den Sprachbegriff im XVI. Jahrhundert vielleicht nur 
propadeutisch vorangeschickt. Und dennoch liegt moglicherweise 



Fjodor Gladkow 61 

in ihm das hochste wissenschaftliche Verdienst der Arbeit. Der 
sproden, undichterischen Materie, den Schriften Wyles, Eybs, 
Brants, Murners hat der Autor glanzende Analysen abgewon- 
nen. Wo man vorher nur die sprachliche Silhouette der Zeit sah, 
entdeckt sein scharfes Auge auf dem dunklen Grunde Sprachbau 
und sprachliche Gewandungen in den zartesten Strichen. 



Fjodor Gladkow, Zement. Roman. (Aus dem Russischen Ubertr. 
von Olga Halpern.) Berlin: Verlag fur Liter aim und Politik 
(1927). 464 S- 

Gladkow hat in Rufiland Epoche gemacht. Sein Hauptwerk 
»Zement« war der erste Roman aus der Periode des Wiederauf- 
baus. Alsbald wurde die Umwelt, die er darin aufstellt, Schau- 
platz; von der Prosa aus eroberte sie die Buhne, auf der »Ze- 
ment« sich nun seit Monaten behauptet. Dramatische Versionen 
erfolgreicher Stoffe sind in Rutland nichts Seltenes. Aber nie hat 
dergleichen nahergelegen als hier. Denn der Roman hat seine 
Hohepunkte im Dialog. Er brachte den Argot der Bolschewiken 
in die Literatur ein. Diese sprachliche Leistung ist es, die - noch 
bedeutungsvoller als die stoffliche - den informatorischen Wert 
des Buches ausmacht. Mit ihr erfahrt der Leser in dem Medium 
einer seltenen vollendeten Obersetzung, welche Umgangsformen 
und welche Sprache, welches Zeremoniell und welche Debattier- 
kunst sich in der Praxis der Kongresse und der Kommissionen 
ausgebildet hat. Er lernt zu gleicher Zeit die Typen kennen, die 
der Befreiungskampf der Proletarier hat entstehen lassen. Weifi 
Gott nicht samt und sonders Fiihrertypen; Menschen, die von 
der Macht, die ihnen zufiel, im Denken und im Sprechen wie 
durch einen Schlaganfall betroffen wurden; finstere Biirokraten, 
die verschlagen in ihrem Paragraphenbau wie Fiichse hausen; 
Agitatoren, die an Ideenflucht leiden; Geheimagenten, deren 
Wirksamkeit auch ihnen selber Geheimnis bleibt - dazwischen 
aber junge Funktionare, die jeden Augenblick bereit sind, nicht 
allein das Leben, sondern den Tag, die Stunde, die Minute rest- 
los in das vollziehende Organ des hoheren Willens, wo immer er 
sie ansetzt, zu verwandeln; Fanatiker, die nichts versprechen, 



62 Kridken und Rezensionen • 1927 

nichts von sich verraten und schweigsam, unvermutet immer an 
der exponiertesten Frontstelle auftauchen; Erneuerer, die dem 
proletarischen Programm kraft ihres revolutionaren Selbstge- 
fiihls audi gegen Komitees und Sowjets zum Siege verhelfen. 
Von solchem Schlage ist die Hauptperson: der Rotarmist, der in 
die Heimatstadt am Schwarzen Meer, nachdem er an der Front 
des Burgerkriegs gefochten hat, zuriickkehrt. Der wirtschaftliche 
Schliissel dieser Stadt ist das grofte Zementwerk, das stilliegt, 
vermodert, die ganze Stadt in seinen Verfallsprozefi mithinein- 
reifk. Es ist der eine Mann, der dieses Werk in Monaten eines er- 
bitterten Ringens, das bald das Lager der Genossen in zwei Teile 
teilt, wieder in Gang setzt. In der gleichen Zeit geht seine Frau 
ihm verloren. Niemand wiifke zu sagen, warum. Dafi die Ar- 
beit sie der Familie entfremdet - und sie ist eine unvergleich- 
. liche Arbeiterin - das wird zwar, und von ihr selber, erklart. 
Dafi aber diese Erklarung dem Leser nichts sagt, das dankt er 
einer Darstellung von dem Verhaltnis dieser beiden Menschen, 
an deren unkonstruierbarer Wahrheit jegliche Abieitung zunich- 
te wird. Hier hat eine grofie Erfahrung sich gultig gestaltet: 
nicht nur die Bindung, audi die Entfremdung der Gatten hat 
kanonische Formen, die mit den Zeitaltern sich verandern 
und oft, so unaussprechlich wie die Liebesformen selber, die 
Ziige dieses ihres Alters tragen. Allmahlich pragt sich, anders 
als die aufgeklarten Philanthropen es erwartet haben (wie fur 
Rutland, so audi fiir Europa), das wahre Antlitz einer Emanzi- 
pation der Frau. Wenn wirklich die Befehls- und Herrsch- 
gewalten weiblich werden, dann wandeln sich diese Gewalten, 
wandelt das Weltalter, wandelt das Weibliche selber sich. 
Wandelt sich nicht ins vage Menschliche, sondern es schickt 
sich an, ein neues, ein ratselhafteres Antlitz erstehen zu lassen: 
ein politisches Ratsel, wenn man so will, ein Sphinxgesicht, mit 
dem verglichen alle Boudoifmysterien verbrauchten Scherzfra- 
gen ahnlich sehen. Dieses Gesicht ragt in das Buch hinein. Es 
ware eine gro£e Dichtung, wenn der Autor aus diesem Bild es 
hatte wachsen lassen. Aber einen epischen Brennpunkt besitzt es 
nicht. Der Kampf des Mannes um die Wiederherstellung des 
Zementwerks ist weniger das innere Geriist des Vorgangs als 
Leitfaden durch eine bilderreiche Vielfalt der Ereignisse. Mit 
anderen Worten: die Spannung dieses Kampf es bleibt aufierlich, 



Iwan Schmeljow 63 

sie wird nidit zum zentralen Kraftfeld des Geschehens. Um sie 
zu dem zu machen, hatte das alles eines weiteren Raumes, eines 
freieren Panoramas bedurft. Meeresprospekt und Berge schlie- 
fien falsch und idyllisch den Horizont. Eine Zementfabrik kann 
episch nidit gegen einen landschaftlichen, nur gegen ihren wirt- 
schaftlichen Hintergrund profiliert werden. Hier steht sie im 
Raum einer Miniatur. Diese Schwache der Konstruktion setzt 
sich deutlidi im Schlufi durch. Der typische Effekt, die Apo- 
theose, mit der so viele russische Romane die offizielle Geltung 
sich zu sichern suchen, entstellt ein Werk, in welchem der Primat 
des Politischen so energisch sich durchgesetzt hat, dafi seine 
aufierliche Bekraftigung nachhinkt. Es konnte allerdings nur 
einer, der nichts von den Bedingungen russischen Schrifttums 
weift, von solchen Unsicherheiten viel Aufhebens machen. Ehe 
hier neue Formen ihre neue Sicherheit bringen, sind noch viele 
Versuche fallig. Mit Boris Pilniaks »Nacktem Jahr«, Konstantin 
Fedins »Stadten und Jahren« (die deutsche Ausgabe des letzte- 
ren wird vom Malik-Verlag vorbereitet) gehort Gladkows 
»Zement« zu den entscheidenden Werken der neuen russischen 
Dichtung. Fiir den, der sie verfolgt, ist - ganz besonders, wenn 
er nur das im Deutschen zu tun vermag - seine Kenntnis durch 
nichts zu ersetzen. 



Iwan Schmeljow, Der Kellner. (Vbertr. aus dem Russischen von 
Kate Rosenberg.) Berlin: S. Fischer-Verlag (i$2j). 23 j S. 

Die russischen Autoren der Vorkriegszeit verstehen nicht, dem 
Dasein Kontur zu geben. Sie konnen - ausgenommen Tolstoi - 
kein Schicksal zeichnen. Ihnen stellt alles von der Innenseite des 
Erlebnisses sich dar. Jedoch, sie haben die Dynamik des Ge- 
schehens fiir den Roman entdeckt, den allseitig geschlossenen 
Spannungsraum. Damit hat sich der russische Roman aus der 
zweiten Halfte des vorigen Jahrhunderts, wie er am giiltigsten 
von Dostojewski vertreten wird, einen neuen Typus des Lesers 
geschafren. Das ist so zu verstehen: schliefte ich einen Roman 
von Stendhal oder Flaubert, einen Roman von Dickens oder von 
Keller, ist mir, als trate ich aus einem Haus ins Freie. Wie tief 



64 Kritiken und Rezensionen • 1927 

ich immer ins Erzahlte mag versunken gewesen sein, ich blieb ich 
selber, fiihlte, in sehr verschiedener Art und Starke, mich be- 
stimmt, aber doch Immer wie durch Proportionen eines Raums, 
in dem ich weile, will sagen, ohne mich in der Substanz zu wan- 
deln und die Kontrolle des Bewufkseins zu verlieren. Habe ich 
aber ein Buch Dostojewskis geendet, so muR ich erst zu mir kom- 
men, mich sammeln. Ich habe, wie erwachend, mich zurecht zu 
finden, fiihlte mich selbst im Lesen nur so schattenhaft, als sei ich 
Traumer. Denn Dostojewski liefert mein Bewufksein gefesselt in 
das furchtbare Laboratorium seiner Phantasie, setzt es Gescheh- 
nissen, Visionen und Stimmen aus, in denen es mir fremd wird 
und sich auflost. Noch den geringsten seiner Figuren ist es auf 
Gnade und Ungnade preisgegeben, ist gebunden ihm ausgelie- 
fert. Dieses an sich nicht unproblematische Verfahren wird durch 
die Grofte des Versuchs beglaubigt, welchen der Dichter in dem 
Raume der rellgiosen und moralischen Erfahrung veranstaltet. 
Das gleiche Verfahren mufi seine Fragwiirdigkeit an jedem klei- 
neren Unternehmen verraten. Es hilft also nichts, dafi Schmel- 
jow es mit ungemeiner Gewandtheit, mit Gewissenhaftigkeit in 
seinem beschrankten Bezirke handhabt. Der Kellner, der in die- 
sem Buch Bericht von einigen Monaten seines Lebens erstattet, ist 
eine beliebige Nebenfigur aus der Welt Dostojewskis, in Wort 
und in Gebarde meisterhaft vergegenwartigt. Nur eben 1st von 
jener Welt nichts um ihn. Sein Jammerdasein bleibt ein »Innen- 
leben«, das einer Aufienwelt nur korrespondiert, sie nirgends in 
sich hineinzieht und hell macht. Darum ist dieses Buch ein Ge- 
bilde, das alle Spannungen des Dostojewskischen Romans, ge- 
reinigt von Erschiitterungen, dem Leser mitteilt, ein unschad- 
liches Narkotikum, vollendet geschriebene (nicht minder voll- 
endet iibertragene) Unterhaltungslektiire. 



»Europaiscbe Lyrik der GegenwarU 65 

Europdische Lyrik der Gegenwart. 1900-192$. In Nachdich- 
tungen von Josef Kalmer, Wien> Leipzig: Verlagsanstalt Dr. 
Zahn und Dr. Diamant (1927). 320 S. (Weltanthologie des 
XX. Jahrhunderts. 1.) 

Zunachst, wie es nicht anders zu erwarten ist, zahllose Namen. 
Man kann nicht sagen, dafi kein Prinzip der Auswahl in ihnen 
lage. Doch es begreift sich, was dabei herauskommt, wenn man 
von moglichst jeder Schule einen Vertreter zu Wort kommen 
lafit. Man erfahrt damit, wie es in Kopfen aussieht, denen das 
Bild einer »Weltanthologie« vorschwebt. Ein Gedicht ist ihnen 
vor allem Reprasentant: das Gedicht reprasentiert seinen Dich- 
ter, der Dichter reprasentiert seine Schule, die Schule reprasen- 
tiert die Lyrik ihrer Nation. Und so versammelt denn der Ober- 
setzer nach seinem allgemeinen, gleichen und geheimen Wahl- 
recht eine konstituierende Versversammlung, als deren President 
er der begreiflichen Illusion unterliegt, Verhandlungssprache 
dieser Assemblee sei die Poesie. Er setzt zur Einfiihrung in ihre 
Grammatik eine eigene, von ihm besonders gelungen erachtete 
Rimbaud-Obertragung neben entsprechende von Zweig, Stefan 
George, Rexroth u. a. Diese Geschmacklosigkeit ist bezeichnend 
fiir das terre-a-terre seiner Sammlung. »Gedichte sind uns 
heute ein Genufimittel - mit dem Strohhalm zu saugen.« So 
Josef Kalmer. 

Obersetzt einer Drucksorten, Kataloge, so verlangt man von 
ihm nichts weiter, als dafi er die Sprache, in der er liest, und die 
Sprache, in der er schreibt, hinreichend kenne. Wie tief diese 
Kenntnis im iibrigen geht, ob sie gewachsen oder improvisiert, 
vermittelt oder direkt erworben, tut nichts zur Sache. Verse 
aber sind keine Informationen. Kommt einer, der aus fiinfzehn 
oder zwanzig Sprachen lyrische Dichtungen iibersetzt, erwartet 
man von ihm vor allem einen Hinweis, wie er dazu gekommen, 
wie es moglich war, dafi so ein ungeheurer Sprachkreis lebendig 
konnte ausgemessen und erfahren werden. Den Wert der Lexika 
in alien Ehren - beim Obersetzer fremder Dichtung sind wir 
gewohnt, berechtigt tiefere Quellen des Vertrautseins anzu- 
setzen. Audi gibt es keinen, der behaupten diirfte, zur »Lyrik« 
iiberhaupt ein inniges Verhaltnis - es sei denn hochstenfalles 
eins zur turkischen, zur angelsachsischen, zur russischen, kurz 



66 Kritiken und Rezensionen • 1927 

eine Liebe, welche zuvorderst die bestimmte Neigung zu der 
bestimmten Sprache ist - zu hegen. Wie nun so ein linguistischer 
Don Juan seine Eroberungen gemacht hat, das zu erfahren ware 
tausendmal wissenswerter als eine noch so getreue Beschreibung 
der Schonen, die er in den verschiedenen Zungengenossen. Und 
wer imstande ist, uber einen so brillanten und siifSen, aber auch 
anstoftigen Wandel im Worte sich auszuschweigen, als ob er 
harmlos und alltaglich ware, der macht uns unwillkiirlich gegen 
seine bonne fortune ein wenig skeptisch. Wir schlagen daher 
nicht ohne Beklemmung dies neue Leporello-Album auf. Und 
in der Tat: uns klingen die Ohren. 

So viel (mehr als genug), weil das Unternehmen verspricht, jene 
unvorstellbare Synthese von Bildung und Respektlosigkeit, die 
eigentliche Quintessenz des deutschen Philisteriums, in einer 
Folge weiterer Anthologien zu belegen. Und das in einer Zeit, 
die in Mannern wie George, wie Borchardt die Meisterschaft, 
Mannern wie Schroder, Wolde, Hefele die Gewissenhaftigkeit 
der Obertragung erneuert hat. 



Gaston Baty y Le masque et Vencensoir, Introduction a une 
esthetique du theatre. Preface de Maurice Brillant. Paris: Li- 
brairie Bloud et Gay 1926. J28 S. 

Die erste Bewegung zur Erneuerung des franzosischen Theaters, 
der erste praktische Protest gegen das Boulevard-Theater ging 
vor zehn Jahren von Jacques Copeau aus. Er griindete das 
Theatre du Vieux Colombier, das in puritanischen Auffuhrun- 
gen dem Ziele nachstrebte, die Dichtung als solche, ohne Ein- 
mischung fremder Elemente auf die Biihne zu bringen. Copeau 
konnte sich in Paris nicht halten. Er wollte das Theater zahmen 
anstatt es zu bandigen. Bandigen hat in jedem Falle den ganzen 
Reichtum und die ganze Wildheit der ursprunglichen Natur zur 
Voraussetzung, arbeitet geradezu mit ihr. Ihr gegeniiber zeigte 
Copeau sich sprode. Baty hat sie zu seinem Element gemacht. 
Nach schweren Jahren ist er durchgedrungen und heute als 
Direktor des Studio des Champs Elysees der anerkannte Fiihrer 
des Theaters der Avantgarde. Noch ist seine Biihne klein, aber 



Gaston Baty 6j 

es wird eine Frage kiirzester Zeit sein, ihn als Direktor einer der 
grofien zu sehen. Was er jetzt in winzigem Raume zustande 
bringt ist ein Wunder. - Baty stent mit seinen theoretischen 
Oberzeugungen an der Spitze derjenigen Bewegung, die heme in 
alien Landern Europas, besonders nachdriicklich in Rutland, die 
Reorganisation des Theaters eher von einer neuen Biihne, vom 
Regisseur, als von einem neuen Drama, vom Dichter, erhofft. 
Die Praxis gibt dieser Schule recht. Wo ist die Phalanx der 
Dramatiker, die der von Regisseuren wie Meyerhold, Jessner, 
Martin, Reich, Baty entsprache? Der Niedergang des Theaters, 
hat einer von ihnen gesagt, beginnt mit dem Augenblick, da 
man das Drama als die hohe Kunstform ansah, der das Theater 
schlechterdings zu dienen habe. Kurz: mit der Herrschaft des 
Dramas ubers Theater, die das neunzehnte Jahrhundert ge- 
bracht hat. Dem entsprach der Primat des gesprochenen Wortes 
in der Regie. Er ist es, gegen den mit aller Entschiedenheit Baty 
sich auflehnt. Er hat den Stumpfsinn des Boulevard-Theaters 
darin erkannt, daft alle Mimik, jede Geste nur Wiederholung 
des gesprochenen Wortes darstellt. Demgegeniiber erhebt er die 
Forderung: Wort, Geste, Buhnenbild Kaben sich nicht zu decken, 
kaum zu schneiden. Das Leben der Szene hangt daran, dafi 
jedes fiir sich zum Ausdruck bringt, was unter alien andern 
einzig und allein es zu verkorpern im Stande ist. Im Kampfe 
gegen die philistrose, rationalistische Herrschaft des Wortes 
wurde die Losung vom »Theater des Schweigens« gepragt, des- 
sen bedeutendster Autor Jean-Jacques Bernard ist. »Martine« 
ist ein Drama, in dem auf langen Strecken das Wort brach liegt, 
um spater um so besser Frucht zu tragen. Ist der Primat des 
Wortes einmal beseitigt, so fallt von selber der der Literatur. 
Theater und Drama bilden liberall da, wo sie auf der Hohe der 
Kraft stehen, in der Antike, bei Shakespeare, im spanischen 
Barock untrennbar Eines. Ganz ebenso aber im Mittelalter. Das 
darzulegen ist die Absicht von Batys Schrift. Es gibt die Analyse 
des Mysteriums vom Standpunkt des Regisseurs und findet in 
ihm Ecksteine einer BLihnenkunst, die heute auf den Triimmern 
des biirgerlichen Literaturtheaters muhselig neu erbaut werden 
mufi. Baty, der seinem Stoff - und damit dem Katholizismus 
des geistlichen Schauspiels - sehr nahe stent, kommt aus den 
materiellen Notwendigkeiten heraus zu ganz ahnlichen Forde- 



68 Kritiken und Rezensionen • 1927 

rungen, wie sie die Biihne des neuen Rutland bestimmen. Und 
das will nur besagen, dafi der revolutionare Wille heute den 
konservativen dialektisch in sich enthalt: dafi er heute der einzi- 
ge Weg zu den Dingen ist, als deren Hiker die Bourgeoisie schon 
langst zu Unrecht sich ansieht. 



Paul Leautaud, Le theatre de Maurice Boissard. 1907-1923. 
Bd. 1. Paris: Librairie Gallimard (1926). 2jo S, 

Schriftsteller sollten daran gewohnt werden, das Wortchen »Ich« 
als ihre eiserne Ration zu betrachten. Wie Soldaten vor Ablauf 
von dreifiig Tagen die ihrige nicht anriihren diirfen, so sollten 
Schriftsteller nicht vor geendigtem dreiEigstem Jahr das »Ich« 
auskramen. Je friiher sie darauf zuriickgreifen, desto schlechter 
verstehen sie sich auf ihr Handwerk. Es gibt aber Ausnahmen. 
Ausnahmen sind die grofien Polemiker. Ihr »Ich« ist eine kon- 
struktive Leistung. Es ist durchsichtig und prismatisch angelegt 
und jede Reaktion in ihnen untersteht moralischen Gesetzen, 
die exakt sind wie die Gesetze uber die BrechungswinkeL 2ur 
Zeit ist Karl Kraus bekanntlich der grofke europaische Ver- 
treter dieses Typus. Der Deutlichkeit halber nennen wir Shaw, 
damit wir ganz genau erfahren, wie wir uns diesen Typus nicht 
vorzustellen haben. Ich weifi nicht, ob Paul Leautaud aufierhalb 
von Paris einen Namen hat. Aufierhalb Frankreichs hat er ihn 
nicht. Es ware ein schoner Gegenstand zu zeigen, warum die 
groEe Satire nur in eingeschrankterem Wirkungskreise und aus 
kleinen Anlassen sich entwickeln kann, wie Wien die Starke von 
Kraus, Paris die von Leautaud ausmacht, wie beide ihre Verve 
in geringen Dingen, und als Theaterrezensenten, zu entfalten 
wissen. Es ist auch gar nicht zu ubersehen, daft der grofie Satiri- 
ker, noch mehr als der grofie Schriftsteller iiberhaupt, dem 
technischen Betrieb nicht nahe genug stehen kann. Kraus ediert 
seine eigene Zeitschrift und Leautaud ist in den Jahren, da er 
fur den »Mercure de France« die Theaterkritik besorgte, Ange- 
stellter dieses Verlages gewesen. Die souverane Haltung dieser 
Kritiken hat etwas derartiges zur Voraussetzung. Nur jemand, 
der nach Person und Leistung in einem grofien literarischen Be- 



Paul Leautaud 69 

trieb einen bestimmten Posten ausfiillt, konnte sich eine Kritik 
erlauben, die oft in einem seitenlangen Referat dem fraglichen 
Theaterabend nur drei Zeilen widmet, um Raum - wofiir? - 
fur alles zu gewinnen, das dem Verfasser gerade in den Sinn 
kommt. Es gibt bestimmt Leute, die mehr von Dramaturgic 
verstehen als Leautaud, und hie und da (wenn audi nicht ge- 
rade in der Presse) kompetentere Fachleute fur Regie. Man darf 
sogar behaupten, daft sich Kunst von anderm Standort aus 
sichten lafit als dem eines Rationalismus, der freilich in seiner 
Erscheinung bei Leautaud unendlich viel tiefer 1st als die My- 
stik des von ihm - und von wem denn sonst noch? - durch- 
schauten Claudel. Aber nie hat es einen Kritiker gegeben, der 
den Vorgang des Kritisierens selbst so erstaunlich und wahr 
zu gestalten gewufit hat. Das ist die aufierordentliche Kunst 
dieses Mannes. Er muftte um das Ziel zu erreichen sich so 
schrankenlos exponieren: von seinen Feinden und Freunden, 
seinen Nachbarn im Theater und zu Hause, seinen Tieren und 
seinen Schriften, seinen politischen Oberzeugungen und seinen 
Rankiinen, seinen Leidenschaften und seinen Verwandten spre- 
chen. Es ist fur einen Leser dieses Buches beinahe selbstver- 
standlich, dafi dieser Mann ein enragierter Menschenfeind und 
Sonderling ist, unzuganglich von jeher, sich mehr und mehr auf 
seinen Umgang mit den Katzen und Hunden zuruckzieht, die er 
auf der Strafte gefunden und zu sich genommen hat. Audi darin 
dem klassischen Charakterbilde der groEen Satiriker vollig 
entsprechend. Nur ein sehr einsamer Mensch kann sein Ich so 
unverbraucht und unbestechlich mitten ins sachliche Bereich 
hineinstellen, 50 entscheidend mit dessen fluchtigsten Gedanken- 
blitzen es erleuchten. Dies Boulevardtheater der Flers et Cailla- 
vet, der Bernstein, der Porto-Riche ist ganz einfach am eigenen 
Leibe von diesem Mann als Plage empfunden worden, als 
menschenunwurdige wie die Miicken- oder die Heuschrecken- 
plage; sein Kampf dagegen hat die ganze Oberlegenheit und 
Resignation, aber auch den Einschlag bewuEter und weiser 
Komik, den ein Kampf gegen Ungeziefer besitzen kann. 



yo Kritiken und Rezensionen • 1927 

Ramon Gomez de la Serna, Le cirque. Paris: Simon Kra 1927. 
214 S. 

Die Krisis des europaischen Theaters riickt alle aufkrtheatrali- 
schen Formen des Schauspiels in neue Beleuchtung. Eine grofie 
Literatur iiber den Zirkus gab es langst; sie war aber Fachlite- 
ratur, wollte nur ihrem Gegenstand dienen und legte weniger 
Wert darauf, fiir ihn zu werben. Seit einigen Jahren hat sich 
das geandert. Der Zirkus wurde erforscht; man suchte nach dem 
grofien Kunstgriff, der aus dem billigsten volkstiimlichen Amu- 
sement etwas gemacht hat, was unerschiittert wie Romerbauten 
durch die Jahrhunderte dauerte. Man interessierte sich fiir die 
wirklichen, die nicht gespielten Dinge, die im Inneren einer 
Arena, der altesten Form, in der je Publikum ist angeordnet 
worden, vor sich gingen. Man sah audi die sinnliche Atmosphare 
des Zirkus seit Seurat und Picasso mit neuen Augen. Der 
spanische Romancier Gomez de la Serna hat ein Buch mit No- 
tizen iiber den Zirkus erscheinen lassen, das dies erneuerte 
Interesse dokumentarisch bezeugt, aber auch dessen Herkunft 
aus der prekaren Situation der Massen, ihrer verminderten 
Todesfurcht, ihrer zunehmenden Skepsis gegen Anstalten der 
Vergeistigung und der Verdummung sehr deutlich macht. Welter 
ist dieses Buch deshalb sympathisch, weil es - ein aufierordent- 
lich seltener Fall - keinen Schritt iiber die Einsicht des Autors 
hinausgeht. Es ist daher kein Traktat iiber den Zirkus als 
»Symbol« neueren Lebensgefuhls, sondern eine Notizensamm- 
lung geworden, die der Wirklichkeit allerdings etwas knapp wie 
dem Clown sein Frack sitzt. Liebhaber der Psychologte gehen 
hier selbstverstandlich leer aus. Im Zirkus mu6 ja selbst dem 
Borniertesten aufgehen, um wie viel naher am Wesentlichen, 
wenn man will am Wunder, gewisse physische Leistungen stehen 
als die Phanomene der Innerlichkeit, die manchmal nur die 
banale Erscheinungsform sind, die solche Innervationen in den 
Augen des Idealisten besitzen. Es ist also ganz sachgemaft, dafi 
Serna seine Aufmerksamkeit unter die Nummern einer Zirkus- 
vorstellung aufgeteilt hat und sein Buch Kapitel iiber Magne- 
tiseure, Illusionisten, Schlangenmenschen, Amazonen u. s. w. 
enthalt. Es geht aber noch weit besser ins Einzelne. Ober das 
Kuchengeschirr und den Garderobenstander des Zauberers, die 



Ramon Gomez de la Serna 71 

Matte, auf der der Elephant sich die Fiifie abtritt, die Schemel, 
Pyramidenstiimpfe und Tonnen, die von dressierten Tieren 
bestiegen werden, die samtverbramte Polsterung, auf welche die 
Athletin wahrend ihrer Nummer sich bettet, kurz iiber das 
gesamte Inventar des Zirkus sagen seine Notizen das Wichtigste: 
namlich wie sehr es unserer Phantasie vertraut, im Grunde 
abgenutztes Trauminventar ist. Es gibt noch keine geistreiche 
Konvention, die anleitet, iiber Dinge des Zirkus zu schwatzen. 
Sein Publikum ist weit respektvoller als das irgend welcher 
Theater oder Konzertsale. Das hangt damit zusammen, daft im 
Zirkus die Wirkiichkeit das Wort hat, nicht der Schein. Es ist 
immer noch eher denkbar, dafi wahrend Hamlet den Polonius 
totsticht, ein Herr im Publikum den Nachbar um das Programm 
bittet als wahrend der Akrobat von der Kuppel den doppelten 
Salto mortale macht. Eben deshalb ist freilich das Zirkuspubli- 
kum im Ganzen audi das unselbstandigste: in alle Schranken 
gepferchtes Kleinbiirgertum, das selbst als Artist, als Clown 
oder Kunstreiterin diese Schranken nur jeweils auf Stunden, um 
sie mit denen der Manege zu vertauschen, verlafk. Der Zirkus 
ist vielleicht ein soziologischer Naturschutzpark, in dem das 
Ineinanderspiel einer Herrenkaste von Pferdezuchtern und 
Dompteuren mit einem gefiigigen Proletariat, der plebs der 
Clowns und der Stalljungen noch ohne MiEton, ohne revolutio- 
nares Grollen sich vollzieht. Er ist ein (etwas unheimlicher) Ort 
des Klassenfriedens. Aber er ist auch ein Ort des Friedens in 
anderm Sinne: mit Recht hat Serna in einer beruhmten Rede, 
die er in einem Mailander Zirkus, vom Trapez herab, hielt, 
gesagt, der wahre Volkerfriede werde einst in einem groften 
Zirkus besiegelt werden. Mir scheint, es gibt nur zwei Profes- 
sionen, die von Natur aus Vertraute des Friedens sind, und gar 
nicht die, von denen man es denken sollte. Nicht die sehr zwei- 
felhaften barmherzigen Schwestern (die schliefilich auf den 
Krieg, nur anders als die Generale, warten) noch auch die 
Pazifisten (die von Knegsgefahr, nur anders als die Riistungs- 
lieferanten, leben) sondern die Mathematiker und die Clowns: 
die Meister des abstrakten Denkens und der abstrakten Physis. 
Der Frieden, der von ihren Unterschriften garantiert ware, ware 
der einzige, dem ich vertrauen wiirde. Dieser im grofien Zirkus 
besiegelte Friede ware auch Friede im Zeichen der Tierwelt, die 



7 1 Kriuken und Rezensionen • 1927 

das Patronat iiber die Menschheit genommen hat. Denn das ist 
ja das Geheimnis des besonderen Gefuhls, mit dem ein jeder den 
Zirkus betritt: Im Zirkus ist der Mensch ein Gast des Tierreichs. 
Die Tiere stehen doch nur scheinbar unter der Botmafiigkek des 
Dompteurs, die Kunststiicke, die sie machen, sind ihre Art den 
jiingeren Bruder zu unterhalten und zu zerstreuen, da sie ja 
Besseres mit ihm nicht anfangen konnen. Die Zirkusleute haben 
von ihnen gelernt. Wie Vogel von Ast zu Ast, so fliegen von 
Trapez zu Trapez Akrobaten, die Hande des Zauberers schieften 
durch den Raum wie zwei Wiesel, als Schmetterling lafk auf den 
Pferderiicken die Schulreiterin sich nieder, der dumme August 
schnuppert wie ein Tapir sich durch den Sand der Manege und 
nur der Stallmeister mit der Peitsche fallt als der Herr der 
Schopfung aus dem anarchischen Tierparadiese heraus. Wie sie 
so ist im Zirkus auch alles andere bis in die Umgange, Passagen, 
Tore hinein von animalischem Leben erfiillt. In den Pausen 
drangt sich das Publikum zum Buffet, denn nichts macht Appetit 
wie ein Abend im Zirkus. 



Philippe Sotipault, Le coeur d'or. Paris: Bernard Grasset 1927. 
260 S. 

Der beriihmte »Surrealismus« ist als Theorie jetzt gegen drei 
Jahre alt. Als Praxis ist er bedeutend alter. Diese uralte Praxis 
volliger Entspannung, die er als Grundlage der dichterischen 
Arbeit vorschreibt, macht das ganze Interesse der Theorie aus. 
Man versteht auf den ersten Blick, warum sie unter dem Ein- 
fluft Freuds, der in Frankreich erst spat aber nachhaltig auftrat, 
formuliert werden muftte. In der Tat hat der Surrealismus mit 
einer »vague de reves« in Paris seinen Einzug gehalten, einer 
Traumschlaf-Epidemie, der Fiihrer und Adepten sich hingaben. 
Man hat aber bei alledem iibersehen, dafi die Prazepte einer 
Produktion aus dem entspannten Innern, aus einem unbewufi- 
ten Fundus, den zu Tage zu fordern die ganze »Kunst« macht, 
vielleicht fiir Kiinstler von Beruf viel schwerer als fur den 
Amateur sich verwirklichen lassen. Wir sehen ein, dafi der pri- 
vate Dilettant an die Schablonen des Dichtens oder des Malens, 



Philippe Soupault 73 

wie sie jeweilen gelten, enger gebunden bleibt als der Kiinstler, 
weil er sie weniger erfafit und durchschaut. Wir sehen ein, dafi 
dieser Dilettant als solcher notwendig unfrei ist, weil in be- 
stimmten Dingen Freiheit ausschliefilich aus Wissen und Obung 
kommt. Ober diese Freiheit verfiigt der Kiinstler. Aber er ist 
von ganz andrer Seite gefahrdet. Die gliickliche Konstellation, 
die phantastische Evidenz stellen in diesen tiefsten Schichten nur 
intermittierend, gelegentlich sich dar und jede Praxis, die ihnen 
gegeniiber den Geist gefiigiger, prompter, geschickter macht, 
gerat in Gefahr, die wichtigsten Daten zu falschen: Zeit, Ort 
und Umstand unter denen sie vernehmlich werden. Nicht tech- 
nische sondern vitale Notwendigkeit, mit andern Worten, die 
exakteste Bestimmung durch alle Beilaufigkeiten in Raum und 
Zeit gibt gerade dilettantischen Produkten von Kindern, Priva- 
tiers, Wahnsinnigen jene Selbstandigkeit im Banalen, jene Fri- 
sche im Grafilichen, die den surrealistischen Sachen trotz allem 
oft fehlen. Und wenn nun gar das StofTbereich sehr gegenstand- 
lich, etwa die Schilderung eines Orts, die Erzahlung von etwas 
Erlebtem, die Entwicklung eines Gedankens ist (wahrend es 
docii dies alles dauernd simultan und in Einem sein sollte), so 
miifke die Pragnanz des willenlosen, entspannten Eingedenkens 
schon sehr groft sein, um ihr das Traumhafte zu gewahrleisten. 
Ist es dagegen die bewufke Erinnerung, welche der Autor post 
festum in das Unbewufke erst transponiert, so lafit der traurige 
Erfolg nicht auf sich warten. Undeutlich, nicht phantastisch, 
monoton, nicht traumhaft werden die Dinge abrollen. Darauf 
hat leider in seinem letzten Buch Soupault das Exempel gemacht. 
An ihm - der Fall verdient vermerkt zu werden - ist nichts 
gut als der Waschzettel. Darauf steht: »Cceur d'or - coeur soli- 
taire (Proverbe de Montrouge)«. Diese Geschichte handelt von 
der Einsamkeit, stellt sie in einer langen Bilderfolge dar, die 
unterbrochen und wie gerahmt yon schmalen Gegenwarten der 
Geliebten wird. Sie zu lesen ist qualend, sie zu leben war qua- 
lender, sie zu schreiben war nicht sehr schwer. Der Mann, der 
das gelitten hat, was dieses Buch erzahlt, hat als Autor den Ab- 
hang, den er muhsam als Liebhaber hat erklimmen miissen, 
behaglich auf der andern Seite sich herunter rutschen lassen. 
Und der Leser geht leer aus. Vor kurzem hat in einem hubschen 
Wort Paul Valery die merklichen Gefahren der neuen Dichter- 



74 Kritiken und Rezensionen • 1927 

schule angedeutet. Es spielt auf die Pariser Wiirfelbuden an, die 
auf den grofSen Markt- und StrafSenfesten das Publikum mit 
schreienden Plakaten an sich Ziehen. Da heifJt es »Jeder Wurf 
ein Treffer«. »Chaque coup gagne« - das nennt er den Grund- 
satz der neuen Schule. Gewifi nicht mehr als ein kleines Bon- 
mot, aber gerade genug um ein schwaches Buch aufzuwiegen. 



Henry Poulaille y Uenfantement de la paix. Roman. Paris: 
Bernard Grasset 1926. 266 S. 

Henry Poulaille hat sein letztes Buch Heinrich Mann gewidmet. 
Er bestatigt so das Gefiihl der tiefen Verwandtschaft beider 
Autoren, das sich dem Leser sehr bald ergibt. Es handelt sich 
um mehr als um die stofflichen Analogien ihrer Werke. Immer- 
hin besagen aber bei diesen Autoren die stofflichen Analogien 
mehr als sonst. Beide gehoren dem aktivistischen Typ an; beide 
sind Dichter, die in der Darstellung dem Gegenstand zum Maxi- 
mum seiner Wirkung verhelfen. Da dieser Gegenstand das Pro- 
letariat ist, so ist die Wirkung dieser Bucher revolutionar. 
Poulaille setzt ein, wo Heinrich Manns Romanfolge, in deren 
Mitte der deutsche Burger im Zeitalter des Wilhelminischen 
Imperialismus stand, aufhort: mit dem Kriege. Genauer gesagt, 
mit dessen Ende. Man wird sogar finden, dafl dieser Roman 
sogleich im Eingang die Hohe seines geschicht lichen Gegenstan- 
des erreicht. Es ist ein guter und edit epischer Gedankej den 
letzten Morgen des Weltkrieges zum Ausgang einer Erzahlung 
zu machen. Sie stellt in ihrem weiteren Gange die ganze Bitter- 
keit des Friedens dar. Es braucht nicht der Kritik der diploma- 
tischen Instrumente, an der die burgerliche Presse sich nicht 
genug tun kann, um darzulegen, wie die Lugenwelt des Krieges 
im Frieden ihr Dasein weitergefristet hat: man kann audi ohne 
okonomische Kritik der Inflation und des Wiederaufbaus am 
Schicksal von Proletariern das anschaulich machen. Poulaille hat 
in seiner Erzahlung die niederschlagendste Rechenschaft von der 
Entrechtung und der Ohnmacht der »Heimgekehrten« gegeben. 
Umsonst versuchen sie, im Innern sich zu sammeln und die Fiih- 
lung, die die Front ihnen aufzwang, im Angesicht des Klassen- 



Henry Poulaille 75 

gegners zu behaupten. Mit der Strategic des Verrats und des 
Vergessens tritt die Gesellschaft ihnen entgegen und es ergibt 
sich, da£ - fur den Augenblick zumindest - sechs Jahre des 
imperialistischen Krieges sie nicht gestahlt sondern erschlafft 
haben. Jeder verfallt seinem Einzelgeschick. Ohne dem Gang 
seines gradlmigen Berichts untreu zu werden, hat Poulaille es 
verstanden, diese Geschicke in ihrer gesellschaftlichen Struktur 
zu zeigen. Er lafit in ihr wie ein Triebwerk geoffnetes Innere 
schauen und man gewahrt die Funktion der einzelnen Teile: den 
Transmissionsriemen »Ehe«, der die sozialen, kollektiven Ener- 
gien an tausend Kettchen und Radchen des Alltags abgibt, das 
Zahnrad »Hunger«, das in die Fugen der »Angst« greift, den 
grofien Heizkessel »Schande«, dessen Manometer niemals auf 
Explosion zeigt. Wann endlich dies Triebwerk in den Millionen 
von isolierten, einander entfremdeten Menschen zum Stehen 
wird gebracht werden konnen, darauf erofTnet sich hier freilich 
kein Ausblick, geschweige, daft irgend ein Schleichweg, eine 
private Versohnung gilt. Das Buch erzahlt die Dinge wie sie 
sind. Wahrend aber der Realismus der alten Schule sich daran 
genug tat und so, auf einem Umweg, auf ein Tart pour l'art 
(nur ein banales, schwachliches) hinauslief, hat Poulaille diese 
Dinge unter den Gesichtspunkt ihres wirkenden Ausdrucks ge- 
stellt, und seine grofie Erzahlergabe ist ihnen nichts schuldig 
geblieben. 



Henry Poulaille, Ames neuves. Paris: Bernard Gr asset 192$, 
2j6 S. 

»Ames neuves« sind eine Sammlung von Kindergeschichten. 
Man weifi, ein wie harter Priifstein fur das Konnen und fur die 
Lauterkeit eines Autors solche Erzahlungen sind. Poulaille hat 
sich an ihnen bewahrt. Was er auf diesen Seiten darstellt, ist 
immer wieder: das Erwachen der Kinder zum BewuEtsein der 
Armut und ihre Art, mit dem Elend sich abzufinden. Erfahrung 
und Beobachtung haben diese Erzahlungen vor alien Chimaren 
der »Kinderpsychologie« bewahrt. Dieselbe schone Einfachkeit 
und der gleiche Ernst wie sie in seinem Roman sich bekunden, 



y6 Kritiken und Rezensionen • 1927 

bestimmen den Tonfall dieser kurzen Geschichten. Es ist nichts 
von dem »Humor« darinnen, der gerade den trostlosesten 
Philistern obligat scheint, so bald sie iiber Kinder oder gar mit 
Kindern reden sollen. Desto scharfer sind audi hier die Demar- 
kationslinien der Klassen gezogen. 



Pierre Girard, Connaissez mieux le coeur des femmes. Paris: 
Simon Kra (1927). VIII, 168 S. (Collection europeenne. 2j.) 

Das Komische ist wie eine Pflanze, die im Flachland iiberall 
vorkommt, je hoher man aber in der geistigen Landschaft hin- 
aufsteigt desto seltener wird, um dafiir tiefere Farben und 
charaktervollere Formen anzunehmen. Alle europaischen Litera- 
turen sind an Komischem dieser hoheren Regionen arm, und 
jedes Werk, das es einbringt, ist sozusagen ein Geschenk an Eu- 
ropa. Und es ist angenehm zu denken, daft ein Buch, in dem 
solch seltenes Exemplar der Gattung geprefk ist, wie andere 
europaische Geschenke (wir meinen aber das Asylrecht, nicht 
den Volkerbund!) aus der Schweiz kommt. Das Unbeschwerte, 
Heitere in ihrem Schrifttum ist nicht so haufig, daft es nicht eine 
freundliche Oberraschung ware. Es gibt zur Zeit nur zwei 
schweizerdeutsche Autoren, bei denen man sich deren immer wie- 
der zu versehen hat. Das sind Robert Walser und Pierre Girard. 
Walsers Humor liegt das Verschachtelte, Sprode des schweizer- 
deutschen Charakters zu Grunde. Bei Girard dagegen handelt es 
sich um eine Emanzipation franzosischer Anmut von romani- 
schen Formen und Konventionen. Bei Walser kommt ein ge- 
schwatziger Tiefsinn zu Tage, der an alte Schnurren und Scherze 
wie die Lugenmarchen erinnert; Girard drangt zu einer mora- 
lisch didaktischen Fabelwelt, die keine andere ist als die der 
schonsten contes de fees. Der »Prinz Liebling« seiner neuen 
Geschichte ist ein Genfer Biirgersohnchen, das man im Zustand 
der Verzauberung unter der Horigkeit der bosen Feen »Sdiiich- 
ternheit« und »Bravheit« kennen lernt. Man nimmt an alien 
Mifigeschicken seiner Liebe teil, will audi die Hoffnung aufs 
Entzaubertwerden bis zur letzten Seite nicht aufgeben. Da laEt 
ihn denn freilich der Autor im Stich. Und dieser Augenblick - 



Pierre Girard • Martin Maurice 77 

da es aufhbrt - ist der einzig unangenehme des Buches. Ein 
Marchen, selbst ein didaktisches, das traurig ausgeht, will man 
nicht recht wahr haben. Man erhofTt sich, und nicht darum 
allein, eine Fortsetzung dieses charmanten, liebenswerten Bu- 
ches. 



Martin Maurice, Nuit et jour. Paris: Gallimard (1927). 224 S. 

Es gibt bei Marcel Proust eine hinreichend merkwiirdige Defini- 
tion des Romanciers, die vom technischen Standpunkt ausgeht. 
Da, so sagt Proust, die Dinge, die einem Menschen im Lauf 
seines Lebens begegnen, fur dessen Nebenmenschen nur an ganz 
bestimmten, umgrenzten Reaktionen seines Wesens sichtbar 
werden, ja audi ihn selber niemals in der ganzen Breite seines 
Daseins sondern, wie tief sie immer gehen, nur partiell betrefTen, 
bestand im Grunde die verdienstvolle »Erfindung« des ersten 
Romanciers in nichts anderm, als alles von der wirklichen Per- 
son, was nicht durch die Geschicke, die er im Roman erdichtet, 
mitberuhrt wird, ganz einfach fortzulassen und ein Wesen zu 
konstruieren, das in den Reaktionen auf ein Phantasiegeschehen 
aufgeht. Wenn das richtig ist, so hat die Romantechnik mit 
»Nuit et jour« einen Fortschritt gemacht. Hier namlich ist das 
Reaktionsfeld weiterhin und so radikal beschrankt worden, dafl 
eigentlich vom Innenleben eines Mannes nur das noch trans- 
parent bleibt, was ihn im Bett betrifft. Das ware nun, je nach- 
dem, langweilig oder obszon, oder beides, wenn der StofT dieser 
Technik entgegenkame und es um eine Reihe von Coucherien 
sich handelte. Aber das Gegenteil ist der Fall. Das Thema des 
Buches ist eines der altesten Fabelmotive: die Geschichte von den 
zwei Seelen des Mannes, kurz von der irdischen und himmli- 
schen Liebe. Es gibt nichts Verbrauchteres. Und an diesem ver- 
brauchtesten Gegenstand hat der Verfasser einen atemrauben- 
den, verwegenen Gewaltstreich geleistet: er hat das Ganze dieses 
Motivs, die himmlische samt der irdischen Liebe, ins Sexuelle 
transponiert und aus dem Sexuellen heraus geformt wie der 
Plastiker eine Gruppe aus Lehm. Das Ganze ist synthetisch, 
bruchlos, konstruktiv als Sexualgeschehen erfaftt und hat daher 



78 Kritiken und Rezensionen • 1927 

den ganzen substantiellen Reichtum der alten Succubi- und 
Incubi-Maren. Mit ihnen hat das Erzahlte die Fulle einer echten 
Erfahrung gemein, die sich in Worten Fixierung, nicht Ausdruck 
sucht. Und in der Tat fixiert sie der Verfasser: ein Feldvermesser 
des Bettes, der im Terrain der Sexualitat die Hohen und Tiefen 
absteckt, gleichgiiltig ob sie nun »Isoldenwaldchen« oder »Teu- 
felsschanze«, »Philosophenweg« oder »Wolfsschlucht« sich nen- 
nen mogen. Auf dieser weichen, heifien Insel bewegt er sich als 
hatte nie ein Missionar kirchlicher oder psychoanalytischer 
Lehren sie betreten und als sei in ihren weifien Bergen und 
Talern nichts kenntlich als die Spur von wilden Europaern. 



Anthologie de la nouvelle prose frangaise. Paris: Simon Kra 
(1926). 404 S. 

Es gibt drei Arten von Anthologien. Die der ersten sind Doku- 
mente der hohen Literatur, machen jedenfalls darauf Anspruch: 
Auswahlsammlungen, die von einem mehr oder minder berufe- 
nen Literaten nach Grundsatzen gemacht sind, die, eingestande- 
nermaften oder nicht, einen normativen Charakter haben. Solche 
Sammlungen konnen groEes Interesse besitzen. Man braucht nur 
den Namen des deutschen Dichters Rudolf Borchardt zu nennen, 
um anzudeuten in welchem Grade sie eigentliche literarische 
Dokumente darstellen konnen und als solche der Kritik aus- 
gesetzt sind. Die zweite und seltenere Gattung setzt sich rein 
informatorische Ziele. Ihr ist gema£, dafi der Herausgeber 
anonym bleibt, wenn man es nicht uberhaupt mit einer grofieren 
Gruppe von Editoren dabei zu tun hat. Die haufigste aber 
unerfreuliche Gattung ist die dritte; ein undeutliches Ineinander 
eklektischer und informatorischer Gesichtspunkte sucht das nutz- 
lose Spiel eines Unberufenen dem Publikum gegeniiber interes- 
sant zu machen. Die vorliegende Sammlung ist ein reiner Typ 
der zweiten Gattung, die augenblicklich die willkommenste 
zu nennen ist. Vor anderthalb Jahren kam der Verlag Simon 
Kra mit seiner »Anthologie de la nouvelle poesie francaise« 
heraus. Nun erscheint als Gegenstiick dazu die »Anthologie 
de la nouvelle prose francaise«. Beurteilen kann solche Werke 



»Anthologie de la nouvelle prose frangaise* * Drei Franzosen 79 

nur ein grofier Kenner der Literatur, ihrem ganzen Werte 
nach schatzen nur der Neuling. So sind sie insbesondere fur den 
Auslander, der sich ein Bild vom Stand des franzosischen Schrift- 
tums machen will, wie geschaffen. Als eine Art von Baedeker 
durchs geistige Paris (die meisten namhaften Autoren leben in 
der Hauptstadt) sind sie dem Provinzialen nahezu ebenso wich- 
tig. Das neuere Buch ist sogar noch etwas mehr: Forschungs- 
bericht aus unbereisten Gegenden, wenn man so will. Denn der 
Verlag hat Wert darauf gelegt, neben »klassischen« Proben der 
neuen Autoren von jedem audi einige ungedruckte Seiten zu 
bringen. Mit grofiem Interesse wird man insbesondere zwei 
Novellen des im Ausland noch ganzlich unbekannten Marcel 
Jouhandeau lesen. 



Drei Franzosen 1 

Proust, Gide und Valery, das ist, wenn man so will, das 
gleichseitige Dreieck der neuen franzosischen Literatur und 
Souday hat mit seiner kritischen Feder den umgeschriebenen 
Kreis darum geschlagen. Es wurde also eine fast kanonische 
Figur. Und dazu pafk, dafi ihre Linien auf dem groften Papier 
verlaufen, das mit dem Namen »Temps« gestempelt ist. Souday 
ist literarischer Chronist des Blattes. Das sichert dieser Samm- 
lung von Referaten vorab den dokumentarischen Wert. Das 
lockere Hin und Wieder seiner Reflexionen, die mit jedem Buche 
von neuem einsetzen, hat alle Chancen, die besondere Atmo- 
sphare, die beim Erscheinen um die 40 Bande war, die hier be- 
handelt sind, den heutigen Lesern fuhlbar zu machen. 

Das ist am interessantesten im Falle Proust. Souday war 191 3 
einer der wenigen, die in dem ersten Werk der groften -Folge - 
»Du cote de chez Swann« - etwas anderes sahen als ein ver- 
drieftliches Geflecht nichtssagender Notizen und krankhafler 

1 Paul Souday, Marcel Proust. »Les Documentaires«. Paris: Simon Kra (1927). 
107 S. - Paul Souday, Andre Gide. »Les Documentaires*. Paris: Simon Kra (1927). 
126 S. - Paul Souday, Paul Valery. »Les Documentaires«. Paris: Simon Kra (1927). 

145 s. 



80 Kritiken und Rezensionen • 1927 

Griibeleien. Nichts schwieriger fiir einen Rezensenten als dieses 
Werk, ich sage nicht, zu lesen, zu erfassen, sondern dem Publi- 
kum vorzustellen. Ehe der Krieg mit einem Schlage alien, indem 
er sie hart vor ihr Lebensende stellte, das eigene Dasein in der 
scharf verkiirzten Perspektive zeigte, die Proust als Kranker auf 
sein Schicksal hatte, ehe der Krieg fiir ihn ein Publikum for- 
mierte, hat dieser Kritiker es verstanden, den Charme, die - 
Distinktion des verwirrenden Buches ins Licht zu setzen. Die 
Masse seiner Kollegen brauchte sechs Jahre, ihm auf den vor- 
geschobenen Posten zu folgen. Dann fallt im Jahre 191 9 der 
Goncourtpreis an den Dichter und von da ab verwandelt die 
Kritik seines Werks sich mehr und mehr in Geschichtschreibung 
seines Ruhms. Weil aber eine »Genesis des Ruhmes« trotz Julian 
Hirschs vorziiglicher Studie noch immer zu schreiben bleibt, ist 
das, was hier auf sehr verschiedene Art an den drei Dichtern 
sich darstellt, so fesselnd. Andererseits darf man es gerade dar- 
um bedauern, dafi der Verfasser den journalistischen Ursprung 
seiner Notizen in etwas verwischte. Man vermiftt das bei solchen 
Sammlungen iibliche Vorwort und das Erscheinungsdatum der 
einzelnen Rezensionen. Wie dem nun sei: in kleinsten Wolkchen 
iiberm intellektuellen Horizont der Zeit hat dieses Auge die 
Staublawine eines nahenden Ruhmes erkannt. Ob es dann 
spater auch in jedem Falle sie durchdrang und genau begriff, was 
dahinter vorging, ist eine zweite und komplexere Frage. 

Einiges, was hier iiber Gide zu lesen stent, konnte deren Beant- 
wortung zweifelhaft machen. Auch diesem Autor gegeniiber ist 
Souday, als die Erstlingswerke in den neunziger Jahren er- 
schienen, erstaunlich schnell im Bilde gewesen. Aber damit war 
fiir die Folge noch nichts gesichert. Proust mag sehr vielenLesern 
verschlossen bleiben. Doch wem er sich eroffnet (jeder Satz kann 
Torspalt dieses Sesams werden), der ist in seinem Bannkreise 
ein fiir allemal zu Hause. Nichts dergleichen bei Gide. Hier 
haben Bann und Zauber nichts zu schaffen. Denn er gehort zu 
jener schrecklichen Rasse von Dichtern, welche im Publikum 
nicht die Menschheit, den Gott, das Weib sehen, sondern die 
Bestie. Gide - darin Oskar Wilde verwandt - ist dompteur es 
lettres. Ein in Freiheit dressiertes Publikum ist sein Traum. Und 
man vernahm in ganz Paris das Grollen, mit dem es letzthin 



Drei Franzosen 81 

einige Nummern verdarb, in denen es sein Bandiger zu zeigen 
gedachte. An diesen neuen Unbotmafiigkeiten ist Souday nicht 
ganz schuldlos. 

Aber er ware nicht der Referent des »Temps«, nicht der gebil- 
dete, geistvolle Reprasentant einer biirgerlich gefestigten Mitte, 
wenn er gegen die »Faux Monnayeurs«, den »Corydon« und 
die schone Autobiographic von Gide, die unterm Titel »Si le 
grain ne meurt« erschienen ist, nicht die Rechte des »gesunden« 
Instinkts mit einiger Rucksichtslosigkeit in Schutz nahme. So 
eigenwillig namlich dieser Publizist seine besonderen Maximen 
und Launen herausstellt, im Grunde ist er an den besten Tradi- 
tionen des franzosischen Burgers geschult. Hugo ist sein Gott, 
der Klerus sein rotes Tuch und die Demokratie sein Glaubens- 
bekenntnis. Ein durch und durch humanistischer Rationalismus 
macht ihn denn wie von selber zu einem der interessantesten 
unter den vielen, nicht immer willkommenen Interpreten von 
Valery. Man kennt diesen Dichter und Philosophen als den 
bedeutendsten unter den Gegnern der surrealistischen, tiefen- 
psychologischen, psychoanalytischen Stromungen, der Kulte des 
Unbewufken und der Inspiration. Das hat nicht hindern kon- 
nen, daft mit dem Augenblick seines Ruhms, als die Konturen 
dieser erstaunlichen Existenz mit dem Mafi seiner ofTentlichen 
Beachtung an Sicherheit einbiiftten, ein schongeistiger Abbe sich 
einiger seiner besten Gedanken bemachtigte und eine blaEliche, 
nichtssagende Erorterung uber die Verwandtschaft der poesie 
pure mit dem Gebet monatelang in Revuen sich breit machte. 
In der Auseinandersetzung mit dergleichen Spielereien, denen 
Valery (nicht zu seiner Ehre) sich leiht, findet man diesen 
Mann in seinem eigensten Element: der Polemik. Und wenn er 
damit dem Durchschnittstypus des franzosischen Kritikers fern- 
ruckt, so wird er deutschen Lesern gerade darin um so leichter 
eingehen. Fur sie sind diese drei Bandchen der angenehmste 
Abrifi der neusten franzosischen Literaturkampfe, den sie sich 
wiinschen konnen. 



82 Kritiken und Rezensionen • 1927 

Franz Hessel, Heimliches Berlin. Roman. Berlin: Ernst Ro- 
woblt-Verlag 1927. 183 S. 

Die kleinen Treppen, die saulengetragenen Vorhallen, die Friese 
und Architrave der Tiergartenvillen sind in diesem Buche beim 
Wort genommen. Der »alte« Westen wurde der antike, aus dem 
die westlichen Winde den Schiffern kommen, die ihren Kahn mit 
den Apfeln der Hesperiden langsam den Landwehrkanal her- 
aufflofien, urn bei der Brucke des Herakles anzulegen. So unver- 
wechselbar hebt dies Quartier sich aus dem Hausermeer der 
Stadt heraus, als hiiteten seinen Zugang Schwellen und Tore. 
Sein Dichter ist ein Schwellenkundiger in jedem Sinn - es sei 
denn dem fragwiirdigen der experimentellen Psychologie, die er 
nicht (iebt. Die Schwellen aber, die Situationen, Stunden, Minu- 
ten und Worte voneinander trennen und abheben, fuhlt er ein- 
dringlicher unter den Sohlen als irgendeiner. 
Und eben, weil er audi die Stadt so fuhlt, erwarte man von ihr 
nicht Beschreibungen oder Stimmungsgemalde bei ihm zu fin- 
den. »HeimIich« an diesem Berlin ist kein windiges Wispern, 
kein leidiges Liebeln, einzig dies strenge und antike Bild-Sein 
einer Stadt, einer Strafie, eines Hauses, ja einer Stube, die als 
cella das Mafi des Geschehens in diesem Buche wie das von 
Tanzfiguren in sich fafk. 

Jede Architektur, die den Namen verdient, lafit ihr Bestes nicht 
bloflen Blicken sondern dem Raumsinn zugute kommen. So 
iibt auch jener schmale Uferstreifen zwischen Landwehrkanal 
und Tiergartenstrafie seine Kraft an den Menschen auf sanfte, 
geleitende Art: hermetisch und hodegetrisch. In Dialogen schrei- 
ten sie hin und wieder die steinerne Boschung ab. Und wie in 
den vierzehn erdachten Gestalten seiner »Sieben Dialoge« ! der 
Autor das Romerherz zum Schlagen, die griechische Zunge zum 
Reden bewegte, so auch in diesen gebrechlichen Kindern der 
Welt. Es sind nicht Griechen oder Romer in modernen Kostii- 
men, noch weniger Zeitgenossen in humanistischen Karnevals- 
trachten, sondern dies Buch steht technisch der Photomontage 
nahe: Hausfrauen, Kunstler, mondaine Damen, Kaufherren, 

1 Franz Hessel, Sieben Dialoge. Mit sieben Radierungen von Ren£e Sintenis, Berlin 
1924. 



Franz Hessel 83 

Gelehrte sind von den schattenhaften Umrissen platomscher und 
menandrischer Maskentrager scharf iiberschnitten. 
Denn dieses heimliche Berlin ist die Biihne eines alexandrini- 
schen S.ingspiels. Vom Griechendrama hat es die Einheit des 
Orts und der Zeit: in vierundzwanzig Stunden schurzt und lost 
sich die Liebesverwirrung. Von der Philosophic die aufgeho- 
bene, die grofie griechische Fragemoral, die vordem, in ihrer 
klassischen Formung, der Geschichte von der Matrone zu Ephe- 
sos, der Dichter in einem Versstiick 2 behandelt hat. Von der 
Griechensprache seine musikalische Instrumentierung. Es gibt 
heute keinen Autor, der der deutscb-griechischen Neigung zur 
Wortverbindung verstandnisvoller und freier entgegenkame als 
dieser. In seinem Munde werden die Worte Magneten, die 
andere Worte unwiderstehlich anziehen. Seine Prosa ist von 
solchen magnetischen Ketten durchsetzt. Er weift, eine Schon- 
heit kann »nordblond«, eine Kassiererin »Sitzgottin«, eine 
Friseurwitwe »kuchenschon«, ein fader Tugendbold ein »Tu- 
nichtbos« und der Zwerg ein »Gerneklein« sein. 
Auf andere Weise aber sind auch die niemals zweisamen, immer 
und immer freundgesaumten Liebespaare, die diesen Roman 
durchziehen, nur eben Glieder einer wohlgefiigten magnetischen 
Kette. Und ob wir nun an die Geschichte vom »Schwan kleb 
an« oder ans Rattenfangerlied erinnern - Clemens Kestner 
heifit hier der Rattenfanger - es bleibt dabei, dafi diese Prozes- 
sion junger Berliner Menschen, so wenig musterhaft der Ein- 
zelne, so wenig beneidenswert sein Lebensweg sei, den Leser auf 
der schmalen Uferstrafte hinter sich drein zieht, vorbei an der 
»Uferlandschaft mit der geschwungenen Fuftgangerbriicke, den 
gabeligen Kastanienasten und den drei Trauerweiden«, die 
»etwas Fernostliches behalten, wie es in manchen Augenblicken 
einige der kleinen markischen Seen haben«. 
Woher stammt dem Erzahler die Gabe, das winzige Revier 
seiner Geschichte so ratselhaft mit alien Perspektiven der Feme 
und der Vergangenheit auszuweiten? In einer Generation von 
Dichtern, deren kaum einer von der Erscheinung Stefan Georges 
unbertihrt- geblieben ist, hat Hessel Jahre, die anderen iiber der 

2 Franz Hessel, Die Witwe von Ephesos. Dramatisches Gedidit in 2 Szenen, Berlin 
1925* 



84 Kritiken und Rezensionen -1927 

Verbreitung von Dogmen, iiber einem schon wankenden Bau der 
Erziehung vergingen, mythologischen Studien, Homer und dem 
Obersetzen zugut kommen lassen. Wer seine Biicher zu lesen 
versteht, fiihlt, wie sie alle zwischen den Mauern alternder 
Grofistadte, den Ruinen des vorigen Jahrhunderts, die Antike 
beschworen. Doch wenn er so mit weitgespanntem Bogen seine 
Lebens- und SchafTenskreise durch Griechenland, Paris, Italien 
schlagt, die Mitte dieses Zirkels hat immer in seiner Stube am 
Tiergarten aufgeruht, die seine Freunde selten ohne ein Wissen 
von der Gef ahr betreten, in Helden verwandelt zu werden. 



Aus Gottfried Kellers glticklicher Zeit. Der Dichter im Brief- 
wechsel mit Marie und Adolf Exner. Wien: F. G. Speidelscbe 
Verlagsbucbhandlung (1927). 184 S. 

Kellers Briefe sind fast ausnahmslos wichtig. Nicht als Doku- 
mente des Lebenslaufes, den man ja angeblich bei keinem Dich- 
ter weniger als bei dem, von dem jeweilen die Rede ist, von 
seinem Werk trennen kann, sondern in ernsthaftem Sinn: nam- 
lich stilistisch und charakterologisch. In ihnen konnte er sich 
weit eher als im Werk in die tausendspiraligen Gehause seiner 
Wortform zuruckziehen, schnode aus ihnen schnuppernd oder 
gramlich darin verschwindend. Wie sich seine Brief schreiberei 
dem Adressaten prasentiert haben mag, kann man sich vor- 
stellen, wenn man, im vorliegenden Bande, auf folgenden 
Gluckwunsch fiir eine junge Mutter gerat: »Auf Ihr Kindchen 
freue ich mich: das wird gewift ein allerliebstes Tierchen! Wenn 
es ordentlich genahrt ist, so wollen wir's braten und essen, wenn 
ich nach Wien komme, mit einem schonen Kartoffelsalat und 
kleinen Zwiebeln und Gewurznagelein. Auch eine halbe Zitrone 
tut man dran!« Die Briefe der Geschwister Exner sind an sich 
nicht bedeutend. Aber das sollte in dergleichen Fallen gar nicht 
in Frage stehen. Briefe »grofter Manner« ohne die ihrer Korre- 
spondenten herausziigeben, ist eine Barbarei. Nicht nur alsunge- 
kiirzter Briefwechsel, sondern auch durch seine Beigaben, seine 
Ausstattung ist dies ein musterhafter Dokumentenband zu 
Keller. Schone, farbige Wiedergaben Kellerscher Malereien, ge- 



pAhs Gottfried Kellers glucklicher ZeiU 8 5 

schmacivoll gewahlte Portrats der Korrespondenten, ein aus- 
reichendes Namenregister und der bemerkenswert schone Druck 
machen ihn zu einer sehr erfreulichen Neuerscheinung. 



1928 



PORTRAT EINES BAROCKPOETEN 

Im ganzen Gebiet der Literarhistorie ist kaum etwas ausfindig 
zu machen, was undankbarer ware, als ein Portrat - ein Lebens- 
und ein Geistesbild - der deutschen Barockpoeten einem heuti- 
gen Leser vorzustellen. Dieser Aufgabe hat sich Gundolf, nach 
seinen letzten Veroffentlichungen zu schlieften, annehmen wol- 
len. Die Schwierigkeiten liegen hier schon in der Methode. Von 
dem in dieser Form Moglichen, Gebotenen und Erlaubten sind 
die Vorstellungen nur schattenhaft; bis in die Ausgeburt, den 
Hterarhistorischen Roman, gibt es keine Entartung, die sie nicht 
schon an sich erfahren hatte. Aber daf? und wie diese Fragen 
von Gundolf in friiheren Schriften gelost wurden, weifi man. 
Und auch wer diese Losung anficht, von Virtus und Fortuna, 
Kairos und Tyche in diesen Zusammenhangen nichts wissen 
will, wird ihm die Methode vorgeben miissen und bei Schriften 
wie dem »Gryphius« 1 vor allem auf den baren Gewinn an 
sachlicher Einsicht in Gestalt und Schaffen des Dichters achten. 
Diese Einsicht trifft auf Widerstande, die jenseits des methodisch 
Kontroversen liegen. 

Die Dichterfigur des deutschen Barocks als Typus ist alien den 
kanonischen Gestalten - olympischen Gottersohnen wie roman- 
tischen Traumwandlern -, die sich das vorige Jahrhundert vom 
Dichter gemacht hat, gleich fremd. Wer heutzutag im Gryphius 
blattern will, mufi eine gliickliche Hand haben oder tut besser, 
zu einer jener Anthologien zu greifen, mit denen der Teufel 
Buchern, die ihre Seele an ihn verkauft haben, junge, unschul- 
dige Leser in Haufen zufuhrt. (Dieser Barockanthologien schrei- 
bende Teufel - diab. erud. comm. - nennt sich, je nach Um- 
standen, Klabund oder Unus.) Und wenn die Bucher dem Neu- 
ling verschlossen bleiben, so hat das Schicksal dieser Dichter 
ihm nicht mehr zu sagen. Opitz, Lohenstein, Gryphius sind 
Burokraten, hohe Beamte im Dienste des schlesischen Adels oder 

1 Friedrich Gundolf* Andreas Gryphius, Heidelberg: Weifi'sdie Universitatsbuch- 
handlung 1927. 63 S. 



Portrat eines Barockpoeten 87 

der schlesischen Stadte gewesen, und ihre Lebenslinie fasziniert 
bei aller Willkiir ebenso wenig wie die Silhouette der reichen 
Amtstracht, in der das Frontispiz ihrer Bticher sie darstellt. 
Beschaftigung mit deren Formenwelt, das ist der einzige Zugang 
zu dieser Dichtung. Und damit hat es seine eigene Bewandtnis. 
Denn diese Form wirkt um so sproder und grandioser, je besser 
dem Betrachtenden gelingt, sie lediglich als solche, in ihrem 
Umrifi, unangesehen der Gestalt, die sie im Einzelwerke an- 
nimmt, ins Auge zu fassen. Das heifit aber im Grunde nichts 
anderes, als man begreift sie nur aus der Sprache. 
Die Formen der barocken Dichtung Deutschlands, welche im 
Trauerspiel, das alle anderen umfafit, den Gipfel haben, sind 
vor allem Formen des Ausdruckes, dann erst (und in gewissem 
Sinne sogar nie) der Kunst. Mag diese Dichtung in der Formen- 
sprache wie immer dunkel und sinnlos scheinen, das Studium 
ihrer Sprachform erhellt sie. Aber was hilft es, hier zu insi- 
stieren? Gundolfs Gedankengange und die Wege der Barock- 
forschung sind durchaus divergierende Linien, bilden noch nicht 
einmal den rechten Winkel der Negation, der in seinem Kleist- 
buch so sehr frappierte. Von der Formenwelt Gryphiusscher 
Dichtung, der der Trauerspiele zumal, ist dem Verfasser nichts 
aufgegangen. »Gryphius' Dramen«, so meint er, »unterscheiden 
sich von seiner Lyrik grundsatzlich nur durch den Umfang.« 
Man kann sich nicht radikaler vergreifen. Der Konig, der 
Intrigant, das Martyrium, der Schauplatz, die Apotheose sind 
ebensoviel sachliche Kristallisationszentren. Genauer, sie bilden 
das Geriist des Martyrerdramas. »K6rperliches Leiden als sol- 
ches«, wirfl Gundolf ein, »ist nicht tragisch«. So hat einst 
Lessing diesem Drama den Prozefi gemacht. Nichts hoffnungs- 
loser als die magistrale Haltung, magisterhaft ihm nachtun zu 
wollen. Lessings Recht - des Polemikers, der mit lebendigen 
Kraften im Streit lag - kann nicht das Recht des Historikers 
sein und kann dem neueren Denker nicht ersparen, den Dingen 
sachlich auf den Grund zu gehen. Davon ist Gundolf hier weit 
entfernt. Hegels grofte Entdeckung: der Geist sei im historischen 
Verlaufe niemals, was er sich glaubt, diese magna charta der 
wahren Geschichtschreibung ist ihm so fremd, dafi er genau im 
Sinn der uberkommenen Walzer das Drama der Epoche aus 
ihrer Dramaturgic erklart. 



88 Kritiken und Rezensionen * 1928 

Befreiend wirkt einzig seine Behandlung des Gryphiusschen 
Lustspiels. Hier wird der professoralen Stupiditat, die im 
»Horribilicribrifax« den Vorlaufer einer deutschen Komodie 
erblickt, der iiberfallige Bescheid erteilt. Im iibrigen bleibt alles 
beim alten. Und darum hat es nicht viel zu heifien, wenn der 
Verfasser im Vorwort den »modischen Taumel, der die er- 
wiinschte Neuerforschung der deutschen Barockpoesie beglei- 
tet«, Snobismus schilt und seine eigene Untersuchung nach 
Mafigabe der ewigen Normen und Werte zu fiihren verspricht. 
Mufi gerade ihm entgegengehalten werden, dafi Normen nur 
gestaltet, in Bildern leben? Und was hat ihn bewogen, an 
Gryphius zu riihren, wenn er sie nicht in seinem Trauerspiel 
erkannt hat? 



Landschaft und Reisen 

Johann Jacob Bachofen, Griechische Reise. Hrsg. von Georg Schmidt, 
Heidelberg: Richard Weifibacb 192J. 2j8 5. 

Acht Jahre vor dem Erscheinen seines ersten Hauptwerks, der 
»Grabersymbolik der Alten«, im Jahre 1851 hat Bachofen seine 
grofie, klassische Reise nach Griechenland, durch Attika, den 
Peloponnes, Argolis und Arkadien gemacht. Klassisch ist diese 
Reise in dreifachem Sinne. Der Statte nach, durch ihre kanoni- 
sche Bedeutung fiir ihn selber (seine iibrigen griechischen Reisen 
treten gegen diese zuriick), endlich durch ihre goethische Hal- 
tung. Mit Recht hat Ludwig Klages, dem als einem der ersten 
das Manuskript von Bachofens Reisejournal vorlag, es in die 
Nahe der »ltalienischen Reise« geriickt. Wenn damit ausge- 
sprochen wird, dafi hier das Deutsche um einige grofie Stiicke 
beschreibender Prosa, das deutsche Sehnen nach Hellas um eine 
seiner sufiesten Erfiillungen bereichert ist, so heifit das doch auf 
der andern Seite, dafi zu Gestaltung und Verstandnis von 
Bachofens Lehre diese Blatter nichts Neues oder Entscheidendes 
beitragen. Sie stellen damit den Forscher vor eine interessante 
Alternative: Waren dem Reisenden selber um diese Zeit die 
Grundgedanken seines spateren Wirkens noch unbewufit? Oder 
wirkt auch hier die seltsame Zwiespaltigkeit, die fiir Bachofens 



Landsdiaft und Reisen 89 

Wesen bezeichnend ist? Wie bei Wilhelm von Humboldt, dem 
schweizerischsten unter den grofien deutschen Denkern, das 
eindringiichste Wissen um das Unvergleichliche und Unredu- 
zierbare jedweder Sprache mit dem Dogma der unbedingten 
Oberlegenheit der altgriechischen dauernd im Streite gelegen 
hat, ahnlich ringen bei dem Mythologen Baciiofen eindring- 
lichstes Wissen um die ethnologischen Urphanomene des Mythi- 
schen mit riicksichtsloser Bejahung des Apollinischen bis hinein 
in das Christliche, das ihm wahrscheinlich nichts anderes ge- 
wesen ist als der letzte weltgeschichtliche Sieg des Apollon. 
AufSerlich gesehen zerfallt dieses Tagebuch in zwei Teile. Der 
mittlere Abschnitt der Reise, der von Patras uber Korinth bis 
Epidauros fiihrt, liegt in einer literarisch gestalteten Bearbeitung 
vor, der Rest, Beginn und Ende, in Notizen. Von diesen hat der 
Herausgeber nur die ersten, den Reiseweg von Basel bis Patras 
markierenden, aufgenommen. Da ist es denn sehr bezeichnend, 
wie auf den ersten zwanzig Seiten des Buches aus dem Innern 
des Reisenden selbst etwas wie ein unterirdisches Stohnen in die 
Seligkeit des sudlichen Himmels hineinklingt; storende Laute, 
wenn man so will, die aber Bachofens besten Lesern teuer sein 
werden, weil sie dies junge Reiseepos an sein spateres didak- 
tisches »Grabersymbolik«, »Mutterrecht«, »Tanaquil« binden. 
Aber solche Reflexionen, so zwingend sie sich audi einstellen, 
waren am unrechten Ort, wenn sie diesem Buche sein Recht 
schmalern wollten, genommen zu werden als das was es ist: Die 
Reise durch ein archaologisch noch wenig erschlossenes Griechen- 
land, Pferderitt durch vereinsamte Hochtaler an der Seke eines 
schonen, griechischen Bauernknaben, Quartier in abgelegenen 
Dorfern, wo unter feierlichem Nachthimmel Madchenlachen an 
das Ohr des einsamen Reisenden schlagt. 

Graf Paul Yorck von Wartenburg, Italtenisches Tagebuch. (Hrsg. 
von Sigrid v. d, Schulenburg.) Darmstadt: Otto Reichl Verlag i$zy, 
XX, 242 s. 

Es ist durchaus keine reine Freude, iiber dieses Buch zu berich- 
ten. Unmoglich kann man den Verfasser schelten, der in No- 
tizen, die er niemals fur den Druck bestimmt hat, sich nach Art 
eines gewissenhaften deutschen Reisenden alteren Schlages Re- 



90 Kritiken und Rezensionen '1928 

chenschaft von einem vielmonatlichen Aufenthalt in Italien 
abgelegt hat. Und dem Herausgeber, der in einem mafivollen, 
sachlichen Vorwort alle denkbaren Einwande gegen diese Publi- 
kation vorwegzunehmen sucht, bestatigt man vielleicht nur sein 
innerstes Fiihlen, wenn man feststellt, dafi diese Aufzeichnungen 
doch eben nur an allzu seltenen Stellen ein mehr als privates 
Interesse haben. Ware nicht die Person, die aus ihnen spricht, 
so besonders kultiviert und sympathisch, sie w'aren rundweg 
zuriickzuweisen. Aber audi so wie sie sind, wird der unvorein- 
genommene Leser nur wenig Durchschlagendes in ihnen finden. 
Yorck von Wartenburg stand im Begriff, von den uberlieferten 
Schablonen in der Anschauung Italiens sich zu befreien. Dafi 
und wie er es tat, bekundet ein historisch und sachlich hochst 
interessanter Exkurs iiber die Mosaiken von Ravenna und Ce- 
falu. Er ist aber auf diesem seinem neuen Wege zu schiichtern 
vorgedrungen, als dafi heute - da die Erneuerung des Bildes 
von Italien, die ihm ahnte, langst sich vollzogen hat - sein 
Tagebuch noch viel zu bedeuten hatte. Das darf um so eher 
gesagt werden, als bereits Wartenburgs Briefwechsel mit Dilthey 
auffallend iiberschatzt worden ist, und die Publikation dieses 
Tagebuchs in einem Verlag, der dem Grafen Keyserling nahe- 
steht, zu der Vermutung berechtigt, die neue feudale Schule im 
deutschen Feuilletonismus wolle Yorck von Wartenburg zu den 
Ihren rechnen. Das ware aber ein Anspruch, der diesem be- 
sonnenen und vornehmen Dilettanten mehr Unrecht tate, als 
ware nie ein Wort von seinem Nachlafi unter die Presse ge- 
kommen. 



Georg Lichey, Italien und wir. Eine Italienreise. Dresden: Carl Rei fi- 
ner 1927. 296 S. 

Man miifite eine Kartothek der Sprach- und Gedankensudelei 
zur Verfugung haben, wie einzig Karl Kraus siebesitzen konnte, 
um dieses Buch in seinen rechten Zusammenhang einzustellen. 
»Christus oder Casar . . . rangen um eine fur beide Telle gleich 
empfangliche Seele.« Es ist die Rede von der Seele des Herrn 
Lichey, die wir den Vorgenannten neidlos iiberlassen. Leider 
wohnt sie dem Kampfspiel auf einem Miillhaufen bei, der die 
Gestalt eines Buches hat. 



Landschaft und Reisen 91 

Aber es ist gut, dafi dies Buch gedruckt wurde. Nun erst be- 
sitzen wir das Idealportrat des »Mitreisenden«, dem zu ent- 
gehen von jeher der beste und schwierigste Teil aller Reisetech- 
nik gewesen ist. Aber werden wir je ihm entrinnen, dem Seufzer: 
»Es ist etwas Unerhortes, diese Sixtina« und dem Gestand- 
nis: »Zu dem Schock von lebenden Aquarellen kam auf diese 
Weise noch eins hinzu« und dem stolzen Vorbehalt: »SeIbst die 
Kuppel . . . kam nicht an das heran, was ich mir von ihr er- 
traumt hatte.« Der reisende Pobel selber hat hier chonsche 
Stimme bekommen. Alle, die »Anschluft suchen«, sich »durch- 
drangeln«, ihren »Namen eingraben«, kurz, »denen es ein Er- 
lebnis gewesen ist«, sind mit diesem Buch ein fur allemal zu 
Worte gekommen. 

»Italien! Heifit dieses Thema anschlagen nicht Eulen nach 
Athen tragen?« 

Erstaunlich aber, wie der Autor durch ein einziges Motto auf 
alles Fernere den Leser harmonisch zu stimmen vermochte. 
»Sind auch der Dinge Formen abertausend, 
Ist Dir nur Eine, Meine, sie zu kiinden. 

Goethe: Faust« 
Der Vers ist von George, der Faust ist von Goethe. Das Ganze 
aber ist von Herrn Ltchey, dem, wie er selber sehr schon er- 
klart, »nur das Ganze und immer nur das Ganze« vor Augen 
schwebte. 
Wir kommen ihm mit einem Ganzen nach! 



Der Deutsche in der Landschaft. Besorgt von Rudolf Borchardt. 
(Miinchen:) Verlag der Bremer Presse (lyzy). 524 S. 

Die Anthologienfolge der Bremer Presse nimmt immer deut- 
licher einen groften, einheitlichen Charakter an, der zu fast 
allem, was es bisher in dieser Form gegeben hat, in den er- 
freulichsten Gegensatz tritt. Denn wenn der iibhchen Bliitenlese 
und Auswahl - mag sie sich popularisierend, modernisierend, 
asthetisierend geben - Immer das Odium der Pliinderung, der 
unbefugten Ausbeutung eines jungfraulichen Bestandes bleibt, 
ruht auf diesen ein sichtlicher Segen. Sichtlich darin, dafi diese 
Bande, was sie bringen, zu einer neuen Gestalt, einer Grofie 
verbinden, die nun nicht im abstrakten Sinne »historisch«, son- 



92 Kritiken und Rezensionen • 1928 

dern unmittelbares, wenn audi bedachteres, wehrhafteres Fort- 
bliihn des Alten ist. Was hier gewirkt wird, ist Wirkung des 
urspriinglichen Schrifttums selber, gehort in den Lebenskreis 
seiner Groften genau so hinein, wie Obersetzungen und Kom- 
mentare ihrer Schriften. Nichts dient an ihnen dem abstrakten 
Ungefahr der Bildung, und im gegriindeten Bewufksein davon 
spricht, hier zum ersten Male, Borchardt sich iiber den Geist 
dieser Sammlungen aus: »Sie sind nicht objektiv, wie man sagt, 
oder Aufreihungen von Objekten, ohne Zeit, ohne Stil, ohne 
Willen, und im Grunde ohne Anlass; Anlass und Zeit, Willen 
und Stil sind an ihnen unablassig im Stillen am Werke, sie sind 
ein Teil von ihnen. Wir iibergeben der Nation, da wir als Sonne 
des neunzehnten Jahrhunderts an die Machte der Personlichkeit 
glauben, niemals Gegenstande gegenstandlich, sondern immer 
und immer nur Bilder der Gegenstande bildlich, nur Formen, 
diederGegenstandbeimDurchgangedurch den organischen Geist 
sich umwandelnd empfangen hat, und iibergeben damit, in 
immer neuen Abwandlungen und Anwendungen, immer neue 
Bilder dieses organischen Geistes selber. Darum konnen diese 
Sammlungen sich nicht vorgenommen haben, mit irgend welchen 
sonst bestehenden zu concurrieren, und sie sind vielmehr mit 
ihnen iiberhaupt nicht zu vergleichen.« Sie sind Anthologien 
im hochsten Sinne, Kranze wie der des Meleager von Gadara, 
den wir, ob wir auch alle seine Bliiten beim Namen nennen, uns 
nicht mehr aufgelost zu denken wiifken. 

Diese hohere Einheit aufterhalb des Buches, in dem sie anschau- 
lich ist, grundsatzlich, abgezogen zu vermitteln, das ware frei- 
lich nicht, und am allerwenigsten fiir den vorliegenden Band, 
Sache eines gefalligen Improvisierens. Wie vier Hauptansichten 
des Erdkorpers, die sich im neunzehnten Jahrhundert den Deut- 
schen erschlossen - die streng geographische, die naturwissen- 
schaftlich beschreibende, die landschaftlich schildernde, die histo- 
rische -, in diesem Buch sich verbinden, das zu entwickeln, 
hie^e ein zweites schreiben. Hier muft durchaus geniigen, auszu- 
sprechen, wie sich gewisse Stellen des Werkes untereinander 
wieder zu geistigen Landschaften zusammenschlieften (deren 
schonste vielleicht gegen Mine, wo Kleist, Immermann, Schin- 
kel, Ludwig Richter und Annette von Droste einander folgen), 
ja wie das Ganze eine platonische Landschaft, ein topos hyper- 



Landschaft und Reisen 93 

ouranios ist, in dem anschaulich und als Urbilder Stadte, Pro- 
vinzen und vergessene Erdwinkel liegen. 

Wie die Vorherrschaft von AllgemeinbegrifTen als Verodung, so 
macht die von entwicklungsfahigen Anschauungen (Ideen) im 
Sprachlichen als Belebung sich fiihlbar. Darum ist hier so wenig 
wie irgend sonst das geistesgeschichtliche Werk dieses Verlages 
von seinem literarischen trennbar. In diesem Bande, dessen 
sprachliches Niveau eine schwellenlose Hodiebene darstellt, tritt 
doch die dichterische Prosa gegen die wissenschaftlich beschrei- 
bende, die wissenschaftlich konstruierende so sehr zuruck, dafi 
etwa unter all den erstaunlichen Stiicken das grofiartigste die 
»Kurische Nehrung«, eine Heimatskizze des Juristen Passarge 
sein konnte. Gewtft durften hier jene Dichter nicht fehlen, die ihr 
Bild auf immer mit einer Landschaft verbunden haben, es sei 
denn, sie hatten wie EichendorfTs oder Jean Pauls ihren Kontur 
gegen den schwarmerisch gliihenden Himmel verloren. Aber 
gerade ein Leser, der ganz von diesen vereinzelten Dichter- 
erscheinungen absahe, diirfte sich fragen, ob die stilistische und 
sinnliche Sonderart franzosischer, englischer, italienischer Pro- 
saisten ebenso klar gerade aus einem Landschaftsbuche heraus- 
trate, so klar, daft auch aus deren Texten wie aus diesen deut- 
schen als Selbstportrat, schauenden Auges, vor einer feinen, 
hintergriindigen Landschaft der Kopf des Schreibers selig und 
geruhig, und alle ihre Ziige in den seinen sammelnd, hervor- 
tauclien wiirde? Mufi es ihm nicht zu denken geben, wie durch- 
aus heil die deutsche Reflexion iiber Landschaft und Sprache, wie 
hitzig die uber Staat und Volk von jeher ausfiel? Und ist die 
allerorten ofTenkundige Verlassenheit der besten Deutschen, die 
einer gleichgestimmten Umwelt, einer volkhaften, gefiigten 
Perspektive ins Vergangene entbehrten, vielleicht viel weniger 
Grund - so mag er sich fragen -, denn Ausdruck dieses strengen 
erfahrungssatten Daseins in der Landschaft? 
Aber dies Buch ware nicht streng iiber alle Exaktheit, nicht 
belehrend iiber alles Gelehrte, vor allem, es ware kein deut- 
sches, kame seine Fiille nicht aus der Not, ware nicht jeder land- 
schaftliche Umkreis, den hier Historiker und Forscher durch- 
messen, einem anderen, ihm aber nachstverwandten deutschen 
Typus als Bannkreis, als gefahrvoller, schicksalhafter Natur- 
raum erfahrbar oder erlebt. »Deuter«, so spricht es Hofmanns- 



94 Kritiken und Rezensionen • 1928 

thai, als er von diesem Ingenium und seiner leidvollsten, ver- 
hangnisvollsten Schickung handelt, einmal aus, »Deuter sind sie 
in ihren hochsten Augenblicken, Seher - das witternde, ahnende 
deutsche Wesen tritt in ihnen wieder hervor, witternd nach 
Urnatur im Menschen und in der Welt, deutend die Seelen und 
die Leiber, die Gesichter und die Geschichte, deutend die Sied- 
lung und die Sitte, die Landschaft und den Stamm«. Das hat in 
seiner lichtesten Figur Herder und funfzig Jahre spater in seiner 
dunkelsten Ludwig Hermann Wolfram verkorpert. »Wie lockt 
Natur«, so verkiindet der Pontifex seiner verschollenen Faust- 
dichtung, »den geistdurchdrungnen Dichter«? »Strom wird der 
Bach, ergiefiend sich in Meerfluth / Wird niedre Blum' zur hohen 
Cactussaule, / Wird Weidenbaum zu Urwalds macht'gen Riesen, 
/ Wird Ginsterbliith' zur Riesenlotusblume,« So hat, vom 
kleinen deutschen Dorfbezirk bis zu dem des javanischen Ur- 
walds ein Jahrhundert iang jede Erdgestaltung ihr physiogno- 
misches Siegel in die Schriften der deutschen Geographen, Rei- 
senden und Dichter gegraben. Darum ist der Titel dieses Buches 
mehr als eine gliickliche Formulierung: eine Entdeckung, und 
die Hoffnung seines Herausgebers, mit ihm ein Stuck »ver- 
lorener deutscher Geistergrosse« einzubringen, wird jeder Leser 
an sich erfiillt finden. 



Drei kleine Kritiken von Reisebuchern 

Venedig in Bildern. (Aufnabmen von Alinari-Florenz und Bruno 
Reiffenstein-Wten. Hrsg. von Johannes Eckardt.) Leipzig und Wien: 
Verlag Dr. Epstein 1928. 19; S., 96 Abb. 

Biicher verlegen mud eine ebenso unbezwingliche Leidenschaft 
sein wie Biicher schreiben. Wenigstens mochte man »in den 
geheimsten Falten des menschlichen Herzens« der Ursache nach- 
spiiren, die einen Verleger zur Herstellung dieses Bilderbuches 
»Venedig« veranlassen konnte. Denn wie man zu den bekann- 
ten Versuchen der neueren Landschafts- und Stadtephotographie 
auch stehen mag - und neben deren Verdiensten soil auch ihr 
Problematisches nicht iibersehen werden - der Sul jener »Pracht- 



Drei kleine Kritiken von Reisebiichern 95 

werke«, die tote Fassaden abzirkeln, genrehafte Veduten aus 
Architekturen stellen, Perspektiven mit der StafFage vertraum- 
ter Mufiigganger verschonen, durfte seit Jahren fiir begraben 
gelten. Hier feiert er Auferstehung. Aus Ladenhiitern der Firma 
Alinari, Florenz, und der »Kamerabeute« eines Herrn ReifTen- 
stein hat man ein Herbarium ungeschickt geprefker Architek- 
turen zusammengestoppelt. Blieb an den Originalen etwas zu 
verderben, so hat die Reproduktion es besorgt. Sie bringt es mit 
sich, daft der Himmel liber dieser Stadt wie iiber Tromso oder 
Hammerfest zu lasten scheint. Ein Kupfertiefdruckgebiet hat 
sich gegen die Adria vorgeschoben. Am Ende hat dann wohl der 
Herausgeber ziemlich ratios vor der Bescherung gestanden und 
sich nichts Besseres gewufk, als einige Ausziige aus Goethe, Justi 
und Hehn dem Bande voranstellen. 

Alfred Mans f eld, Westafrika. Aus Urwald und Steppe zwischen 
Cross flu fl und Benue. Geologischer Teil, [bearb.J von H(ans) Reck. 
Miinchen: Georg Muller 1928. VIII, j6 S., 144 Abb. 

Zu anschaulichen Tafeln bietet das Buch einen soliden Text: 
zweihundertfunfzig Seiten photographisches und literarisches 
Tatsachenmaterial. Es fehlen auch nicht Reflexionen teils sym- 
pathischer, teils fragwiirdiger Art. Trotzdem und trotz mancher 
lehrreicher Anekdoten, bezeichnender Einzelheiten hat dasGanze 
die Dlirre einer Denkschrift. Das Buch stammt von einem hohen 
Beamten der ehemaligen deutschen Kolonie Kamerun: vielleicht 
ist es darum. Bestimmt ware das Werk erfreulicher ausgefallen, 
wenn der Verfasser sich Referate iiber Literatur, Kunst, Reli- 
gion der Neger geschenkt hatte, um desto genauer auf das 
Wirtschaftliche und Administrative einzugehen. Denn was er 
iiber die Kultur der Eingeborenen zu sagen weift, beschrankt 
sich auf mehr oder weniger zusammenhanglose Einzelheiten und 
ist von den groften Gedanken der neueren Ethnologie vollig 
unberuhrt. Wer sich fiir Kamerun interessiert oder wer sein 
afrikanisches Bilderarchiv vervollstandigen will, wird sich das 
Buch unbedingt anschaffen miissen. Einen weiteren Leserkreis 
geht es wenig an. 



96 Kritiken und Rezensionen • 1928 

Helmuth von Glasenapp, Heilige St'dtten Indiens. Die Wallfahrtsorte 
der Hindus, Jainas und Buddbisten, ihre Legenden und ihr Kultus. 
Munchen; Georg M tiller Verlag 1928. XVI, 184 S, y 266 Abb. 

Das grofiartig ausgestattete Werk ist eine Art von kritischem 
Tempelkatalog Indiens. Es zerfallt in drei Teile: Heiligtumer 
der Hindus, der Jainas, der Buddhisten. Der Verfasser ist als 
Automat auf dem Gebiet der indischen Religionsgeschichte 
langst bekannt. Auswahl und technische Beschaffenheit des 
groften Bilderteils sind ersten Ranges. 



Eva Fiesel, Die Sprachphilosophie der deutschen Romantik. 
Tubingen: J. C. B. Mohr 1927. IV y 259 S. 

Dieses Werk, ursprunglich wohl eine Dissertation oder aus einer 
soichen erwachsen, steht hoch iiber dem Durchschnitt germani- 
stischer Doktorarbeiten. Diese Feststellung ist voranzuschicken, 
urn die zweite vor Mifiverstandnissen zu bewahren: es ist eine 
typische Frauenarbeit. Das will sagen: die Schulung, das Niveau, 
die Sorgfalt stehen auEer Verhaltnis zu dem geringen MafS von 
innerer Souveranitat und wahrem Anteil an der Sache. Das 
romantische Denken iiber die Sprache ist eine Phase im allge- 
meinen Sprachdenken der Menschheit; ein Wind, ja ein Sturm 
von weither, der dem Forscher sein SchifFchen zum Kentern 
bringt, wenn keiner drin sitzt, welcher klug die Segel setzt und 
das Ziel seiner Fahrt im Auge behalt. Kurz: iiber diesen Gegen- 
stand arbeiten kann nur, wer eine eigene Oberzeugung von 
dessen Wesen hat. Kein unbeteiligt Registrierender kommt ihm 
nahe, kann auch nur seinen Beitrag zur Charakteristik des ihm 
zugewandten Denkens erkennen. StorTmassen mag man hin und 
wieder gliicklich kombinieren - und was hier iiber die jung- 
deutsche Philosophic der Sprache zu lesen steht, ist in diesem 
Sinne gliicklich zu nennen - aber kein Scharfsinn, keine Kom- 
binatorik kann das erreichen, was nur der eigene Einblick in 
die Welt der Sprache leistet, um welche die romantischen De- 
batten kreisten. Denn entscheidend erhellen sich die Zusammen- 
hange stets nur aus Zentren, die dem jeweils in Frage stehenden 
Denken unbekannt waren. Und eine eigene Stellung des Autors 



Eva Fiesel 97 

zu diesem Denken war nicht sowohl um ihrer selbst zu verlan- 
gen, als weil die innersten Strukturen des Vergangenen sich 
jeder Gcgenwart nur in dem Licht erhellen, das von der Weifi- 
glut ihrer Aktualitaten ausgeht. .In solchem Lichte ware die 
»mystische Terminologies die August Wilhelm Schlegel seinem 
Bruder nachruhmt, ware die sprachphilosophische Seite der 
romantischen BegrifTsmystik deutlich geworden. Gewift erfahrt 
man aus diesem Buche genau die Dogmen, Oberzeugungen und 
Lehren von der Sprache, die in der Romantik im Schwange 
gingen. Es ist, das sei nochmals betont, eine tiichtige Arbeit. 
Leider aber in ihrer Beschranktheit auch eine typische. Typisch 
fur einen unmannlichen Historizismus. Denn weil es mit den 
Philosophien nicht anders steht wie, nach Lichtenberg, mit den 
Leuten, so kommt es wenlger darauf an, was fur Gedanken eine 
hat, als was diese Gedanken denn aus ihr machen. Hier aber 
wird nur abgeschiedenem Denken ein Kenotaph gebaut, um den 
Girlanden aus Zitaten welken. Die gleiche Frostigkeit regiert im 
Bibliographischen. Die Arbeit zitiert ausschlieftlich Quellen- 
schriften. Sie tut es auf die ungewohnteste Art, ohne genaue 
Angabe der Edition, vor allem ohne Hinweis auf den Fundort 
der Stelle. Sei's. Interessanter ist, daft offenbar bewuftt alle 
Literaturangaben uber dieses Gebiet beiseite gelassen wurden. 
Wissenschaftliche Nacktkultur: Wege zu Kraft und Schonheit. 
Die »Quellcn« als Gottes freie Natur, Literatur dariiber als 
trostlose Rohrleitung, die dasQuellwasser in die siindigen Stadte 
leitet. Wenn je, so ist hier Anlaft es auszusprechen, daft Wissen- 
schaft nicht Ermittelung von Informationen uber Gewesenes 
(und sei es auch gewesenes Denken) ist, sondern in einem Tra- 
ditionsraum steht, dessen Gesetze sie wenn nicht zu achten, so 
zu kennen hat. Die Bibliographic als Wissenschaft ist das Zere- 
monial dieses Raumes und hat wie jedes andere seinen guten 
Grund. Jede geistesgeschichtliche Wahrheit ist zugleich Erkennt- 
nis von ihrem Werden: das Literaturverzeichnis ist ein Beitrag 
zu dessen Geschichte. Und mehr als das. Wer eingeladen ist und 
die Tur, durch die er eintrat, hinter sich zuschlagt, verfahrt 
nicht anders, als wer uber die »Sprachphilosophie der deutschen 
Romantik* ein Buch ohne Literaturangaben verfaftt. Namlich 
unerzogen. 



98 Kritiken und Rezensionen • 1928 

Hugo von Hofmannsthals »Turm« 
Anlaftlich der Urauf fiihrung in Miinchen und Hamburg 

Hugo von Hofmannsthals »Turm« hat in diesen Wochen seinen 
Weg iiber die deutschen Biihnen begonnen. Da8 die Biihnenfas- 
sung 1 von der Urform, die 1925 in den »Neuen deutschen Bei- 
tragen« erschienen ist, sich sehr wesentlich unterscheidet, ja einen 
vollig neu verfafiten vierten und funften Akt bringt, mochte - 
an dieser Stelle zumindest - einen Vergleich beider Fassungen 
noch nicht rechtfertigen. Nein,was denAnlafi gibt, trotz unserer 
Anzeige in Nr. 15/II der »L[iterarischen] W[elt]«,auf das Drama 
zuriickzukommen, sind die aufierordentlichen Einblicke, die der 
Fortschritt von einer Fassung zur andern in die Arbeitsweise des 
Dichters und die Struktur seines Stoffes eroffnet. Man weifi, daf? 
er den einem Werk von Calderon »Das Leben ein Traum« ent- 
nahm. Dieser formelhafte Titel, in dem das dramatische Wollen 
der Zeit einen gewaltigen Ausdruck fand, heifit bei Calderon 
zweierlei. Er sagt: Das Leben ist nicht mehr als ein Traum, seine 
Giiter sind Spreu. Das ist seine weitliche Weisheit. Aber er sagt 
audi: So wie ein Nichts - dies Leben - liber unsere Seligkeit 
entscheidet, vor Gott gewogen und gerichtet wird, so entrinnen 
wir sogar traumend, in der Scheinwelt des Traumes, nicht 
Gott. Traum und Wachen - sie sind vor Gott nicht geschiedener 
als Leben und Tod; die christliche Achse ragt ungebrochen 
durch beide. Dieses zweite Motiv des Titels: der Traum als 
theologisches Paradigma konnte der neuere Dichter unmog- 
lich sich aneignen wollen. Und aus einer ganzlich verander- 
ten Fassung des Traummotivs schien ein neues Dratna sich 
mit zwingender Logik als Variante herauszubilden. Der Traum 
namlich hat in der ersten Fassung des »Turms« alle Akzente 
eines chthonischen Ursprungs. Der letzte Akt der Urfassung 
insbesondere zeigt Sigismund, den Prinzen, als beschworenden 
Meister der finsteren Gewalten, denen er dennoch, inebendiesem 
Endkampf, schliefilich weichen muE. So liefi in einem gewissen 
Sinne sich sagen, der Prinz sei an Machten zugrunde gegangen, 
die aus dem eigenen Innern gegen ihn aufstanden. Spielt nun ein 
soldier Vorgang in das Tragische hiniiber, so hat doch der Dich- 

1 Hugo von Hofmannsthal, Der Turm. Ein Trauerspiel in fiinf Aufziigen. 2., ver- 
anderte Fassung. Berlin: S. Fischer Verlag (1927). 149 S. 



Hugo von Hofmannsthals »Turm« 99 

ter eben nicht ohne Absicht sein Stuck »Trauerspiel«, nicht 
»Tragodie« genannt. Und es ist unverkennbar, wie in der neuen 
Fassung die reinen Ziige einer Duldergestalt im Sinne des christ- 
lichen Trauerspiels immer deutlicher nach Gestaltung verlangten, 
das urspriingliche Traummotiv damit zuriicktrat, und die Aura 
um Sigismund lichter wurde. 

Dafi auf den Lippen dieses Unmundigen jeder Laut zum Laute 
der Klage sich formen mufke - weil Klage der Urlaut der Krea- 
tur ist - darin lag eine der ergreif endsten Schonheiten der ersten 
Fassung. Aber audi der gewagtesten. Denn die Losung der Kla- 
ge aus den Banden des Verses ist ein unerhortes, seit der Prosa 
des Sturmes und Dranges nie unternommenes Vorhaben, von 
dem nichts weniger als gesichert ist, ob es im Rahmen des Dra- 
matischen vollig zu gliicken vermochte. Freilich ist audi der 
stillere, bestimmtere Sigismund dieser zweiten Fassung Glied 
jener Kette, welche immer wieder von den Dichtern aufgegrif- 
fen ward, wenn sie die heimliche Bindung wortlosen Duldens 
an all das, was nebelhaft, urmiitterlich um friihe Kindheit braut, 
gestaltet haben. Der Prinz, audi in der neuen Gestalt, ist vom 
Schlage des Kaspar Hauser. Auch in dem neu gestalteten Helden 
tauchen die Worte aus dem aufgewiihlten Lautmeer nur fliichtig 
hervor, mit erdfremdem Najadenblick um sich schauend. Es ist 
der gleiche, welcher heute in der Sprache der Kinder, der Visio- 
nare oder der Irren uns so tief betrifTt. In den Urlauten der 
Sprache, nicht in ihren hochsten, kunstvollsten aber auch ab- 
hangigsten Gebilden, hat der Dichter deren gewahigste Krafte 
aufgerufen, als Nothelfer in ihren Kampf sie eingestellt, der 
der seine ist. Nur wandte das kreaturliche Wort, mit dem der 
Dichter seinen ersten Sigismund begabte, sich gegen Ende immer 
finsterer ins Chthonische, Drauende. Dagegen dringt, wo in der 
neuen Fassung das lichte Schweigen des Prinzen wie Morgen- 
nebel zerreifk, das unverstellte Wort der anima naturaliter 
christiana wie Lerchenruf zu uns. Das Chthonische, das mit dem 
Fortfall des Traummotivs sein Gewicht verlor, klingt nur noch 
verhallend nach. Und nichts ist fur die strenge und gelassene 
Haltung, in der der Dichter an die neue Fassung ging, bezeicb- 
nender, als dafi selbst das schrecklichste Wahrzeichen des krea- 
tiirlichen Innern, der aufgeschnittene Bauch eines Schweins, das 
Sigismund vor Zeiten schauernd beim Bauern, seinem Pflege- 



ioo Kritiken und Rezensionen * 1928 

vater, am Querholz erblickte, nun seine Bedeutung gewandelt 
hat: »Die Morgensonne fiel ins Innere, das war dunkel; denn die 
Seele war abgerufen und anderswo geflogen. Es sind alles freu- 
dige Zeichen, aber inwiefern, das kann ich euch nicht erklaren.« 
Mit ganz anderem Nachdruck als vordem gruppiert sich nun- 
mehr das Geschehen um die politische Aktion. Abgesehen von 
zwei Szenen, ist Schauplatz die Burg des Konigs. Diese Wen- 
dung rechtfertigt sich nicht allein durch einen sehr viel strafferen 
Aufbau der Handlung, sondern bewahrt sich besonders glucklich 
in der Darstellung des Aufstands, der fur den Zuschauer etwas 
von dem Gesicht einer Palastrevolte erhalt, und damit dem »in 
der Atmosphare dem siebzehnten« Jahrhundert verwandten 
Ablauf dieses Geschehens sich sicherer einfugt als vorher. In der 
Verschworung, auf die es hinauslauft, durchdringen sich das 
politische und das eschatologische Element. Mit diesem Wider- 
spiel ergrifT der Dichter ein Ewiges, Providenticlles aller Revo- 
lution. Wie denn viellcicht ewige politische Konstellationen 
kaum je in neuere Geschichte bleibender, bewuftter als in ihr 
siebzehntes Jahrhundert sich pragten. Die Macht jedoch, die 
von Gewalttiitigen und Schwarmgeistern getragen wird, behielt 
mit ihrem schwarmerischen Fiihrer, dem Kinderkonig, in der 
ersten Fassung das letzte Wort, wahrend in der zweiten die 
Landsknechtsfigur, Olivier, am Ende als Befehlender dasteht. 
Das macht: Sigismund selber hat die Figur des Kinderkonigs in 
sich aufgenommen. Der Zwiespalt, der ihn wollen und nicht- 
wollen lieft, ist vom Dichter geschlichtet, und jetzt erst tritt mit 
ganzer Bedeutung heraus, was er seinem Meister, dem Lenker 
der Revoke und dem Wegbereiter seiner Herrschaft, zu sagen 
hat: »Du hast mich ins Stroh gelegt wie einen Apfel, und ich bin 
reif geworden, und jetzt weif5 ich meinen Platz. Aber der ist 
nicht dort, wohin du mich haben willst.« Nicht im Kriegslager 
und als Herr iiber Truppen und Fiirsten stirbt Sigismund, son- 
dern als Wanderer an der Landstrafte, die da in »ein weites 
ofTenes Land« fiihrt. »Es riecht nach Erde und Salz. Dort werde 
ich hingehen.« 

Wenn im Verscheiden iiber seine Lippen die Worte: »Mir ist viel 
zu wohl zum HofTen« kommen, was heiftt das anderes als 
Hamlets: »In Bereitschaft sein ist alles. Da kein Mensch weift, 
was er verlafit, was kommt darauf an, fruhzeitig zu verlassen?« 



Eine neue gnostische Liebesdichtung 101 

Daher ist es vielleicht nicht voreilig, den dichterischen Raum, 
den diese beiden Verslonen des »Turms« erfiillen, von den 
gleichen Kraften durchwaltet zu denken, die die blutige Fatali- 
tat des vorshakespearischen Dramas in die Welt der christlichen 
Trauer wandeln, die im »Hamlet« begrundet ist. Der grofie 
Dichter darf in der Spanne weniger Jahre inneren Notwendig- 
keiten der Formen und StofTe gerecht werden, die im Ursprung 
Jahrzehnte brauchten, sich zu erfiillen. 



Eine neue gnostische Liebesdichtung 1 

Es gibt Bucher, die dem Leser Gewalt antun. Und das sind nicht 
die sogenannten Tendenzromane, die im ganzen doch nur an 
denen ihre Wirkung bewahren, die ihnen zu willen sind. Dies 
neue Buch von Brust aber lieft mich nicht los, trotzdem ich - und 
ich werde noch sagen warum - ihm ganz und gar nicht zu willen 
gewesen bin. Ja, es zu lesen hat mich mitgenommen, und dop- 
pelt, weil der starke gegriindete Widerwille gegen die Welt, mit 
der der Autor hier wie schon friiher sich einlieft, durchkreuzt 
wird von der Bewunderung fur die begnadete, episch schlich- 
tende Hand, mit der er sie darstellt. 

Man hat in diesem Buch ein jungstes Zeugnis des alten Ringens 
zwischen der christlichen und der germanischen Lebenserfah- 
rung und Lebenslehre vor Augen. Ich weifi, es gibt Menschen, 
die uberzeugt sind, dafi heute keiner aus Eigenem, Erlebtem und 
Durchlittenem zu solch altem, verdammernden Riesenkampf 
sich zu auftern vermag. Aber dies Ringen, so alt es ist, ist unge- 
schlichtet geblieben, und wir wissen alle, aus welchen Kraften der 
bodennahere - der es im Doppelsinn des Wortes ist: dem 
Unterliegen und der Muttererde Nahere - der heidnisch-ger- 
manische Partner sich wieder zu regen beginnt. Die ersten Jahr- 
zehnte dieses Jahrhunderts stehen im Zeichen der Technik. Gut! 
Aber das sagt nur denen etwas, die wissen, daft sie auch im 
Zeichen der wiedererwachenden ritualen und kultischen Tradi- 
tionen verlaufen. Man kann daher das dichterische Schrifttum 

1 Alfred Brust, Jutt und Jula. Geschichte eincr jungen Liebe. Berlin-Grunewald: 
Horen-Verlag 1928. 1 68 S. 



102 Kritiken und Rezensionen * 1928 

von Mannern wie Brust, das wissenschaftliche von Mannern wie 
Klages trotz allem nicht als Atavismen abtun. So muf$ man 
denn, in der Erwartung auf ein Fundament dieser Dinge zu 
stofien, in Kauf nehmen, was zu lesen einen nicht freut. »Wir 
Germanen brauchen den sich ausbreitenden indischen Geist nicht. 
Wir haben eine grofSere Vergangenheit . . . Die Weisheiten der 
Schwache, wollen wir audi den schwacheren Nationen iiber- 
lassen. Wir haben ja unsere Meister, die wahrlichreineres Wissen 
verbreiteten, als die schemenhaften Auslegungen jenes Misch- 
maschs eines rauch-, e£- und fluchlustigen polnischen Mediums. 
Wir Germanen haben nach Israel die groflten Propheten gehabt.. 
Wir haben Paracelsus, Eckehart, Tauler, Seuse, die deutsche 
Theologie, wir haben den schlesischen Engel und den Schuster 
Bohme aus Gorlitz. Diese Deutschen haben die kommende 
germanische Religion in schneeiger Reinheit umrissen.« Gewifi 
hat so etwas einen Nachhall wie aus verraucherten stuckverzier- 
ten Versammlungssalen. Seinen Ursprung aber, zum wenigsten 
seine sauberlichste Verfassung, erfahrt es auf dem Lande, am 
besten im bittersten Flachlande, wo die atmospharischen, topo- 
graphischen Krafte seit Jahrhunderten ihre Richtung nicht 
wandelten. Und es kann keinen erstaunen, zu horen, dafi dieser 
Dichter in Heidekrug, einem einsamen Dorfe bei Memel, siedelt. 
Nun aber kennt er diese Erde. Wo er nicht als gluckloser Kiin- 
der germanischer Wolkenreiche, auf ihr gelagert, »dafi der Leib 
ein Pentagramm« beschreibt, sondern als Landmann, als Spa- 
zierganger, als Gartner sie antritt, da gliickt es ihm. Da kommt 
ihm der schone, lebendige Einfall, diese Liebesgeschichte statt 
auf irgendeinem banalen Gutshof in die Einsamkeit einer gro- 
fien Kultur von Heil- und Arzneipflanzen zu verlegen, die 
einzig in ganz Deutschland gedacht ist. Der Leser fuhlt: wo 
immer er sich befindet - und zweifelhaft genug sind die geisti- 
gen Strome, die iiber diesem Boden kreisen - dieser Boden sel- 
ber bluht wunderbar unter der beschreibenden Hand. Die un- 
endliche Peinlichkeit aller Heimatkunst ist diesem Buche und 
seinem Dichter fern. Was aus ihm wird, wenn er sich seinen 
leicht verschleierten Blicken statt dem ekstatisch aufgerissenen 
Auge uberlafk, das sagt am schonsten ein Kapitelschlufi, der 
seinen Helden auf einem Waldweg mit einmal, grundlos, uner- 
klarlich woher, auf einen Gnomen geraten lafk. Von diesen 



Eine neue gnostische Oebesdiclitung 103 

erstaunlichen dreifiig Zeilen mogen die letzten hier folgen: 
»Und das bose Mannchen lief hinweg. Aber es lief behutsam 
und im Zickzack und in langen Bogen, als verfolge es einen 
vorgezeichneten Weg und als sei rechts und links von diesem 
unsichtbaren Wege alles undurchdringlich fiir den kleinen Geist 
verbaut.« 

Was hilft es? das Buch bliebe sich selber nicht treu, nahme es 
nicht an seinem Teil alle zerreifienden Spannungen auf, welche 
die eigentlich christliche Erscheinung der Natur sind. Sie grup- 
pieren sich um die Forderung der Reinheit. Das geschieht nun 
aber durchaus nicht im kirchlichen, orthodoxen Verstande. Dafi 
vielmehr jeder akute Zusammenstofi der christlichen Welt mit 
der Welt der Volker, der Heiden, im heftigen Aufflammen 
gnostischer Spekulationen sich kundtut, dafiir ist dieses Autors 
bisheriges Werk ein neuer Beweis. Und insofern riickt es nahe 
genug an das Lebenswerk desjenigen Mannes, der in der unver- 
gleichlich umfassendsten, giiltigsten und entschiedendsten Form 
diesen Geisterkampf durchlitt und bestand - das Werk eines in 
Deutschland noch immer fast Unbekannten, Brusts und meines 
gemeinsamen Freundes Florens Christian Rang. Dessen Ge- 
dankenwelt spricht mich an, wenn in dieser Novelle das Wort 
vom »Sich-freisiindigen« mir begegnet und in eben diesem Wort 
der entscheidende Einspruch, der gegen die halbheidnischen 
Begriffe von »Reinheit«, die hier regieren, laut werden mufi. 
Echt religioses Anliegen ist von jeher, viel mehr als Reinheit 
bewahren, sie wiedergewinnen. Und die Forderung ihrer Be- 
wahrung ohne die Aussicht, wie die verlorene sich zu erneuern 
vermoge, flihrt ebenso tief in ein zweideutiges Sektiererwesen, 
wie jener ungeheuerliche widermoralische Vorgang der »Prii- 
fung«, in dem Brust die Feuer- und Wasserprobe seiner Liebes- 
leute erblickt. Es hat namlich der Mann sich dort zu iiberwinden, 
die Braut dem Propheten - und auf dessen Geheifi - nackend 
zu senden, und die Braut dem Geheifi des Geliebten zu folgen. 
Hier gahnt der Abgrund blutiger Barbarei, in welchem Schemen 
aller christlichen Walpurgisnachte durcheinander geistern. 
Spielarten apokrypher gnostischer Lehren durchziehen die ganze 
Erzahlung. Hier deutet einer durch ein Schweigen an, Christus, 
der grofie Liebende, sei wohl zu schwach gewesen, »die Last 
der Siinde aller Suchenden kommender Gezeiten auf sich zu 



104 Kritiken und Rezensionen * 1928 

nehmen, wie es die Kirchen durch sein Wort verkiinden«. 
An anderer Stelle wieder heifit es im Tischgebet: »Der Gott ist 
gnadig. Seine Giite ist ewig. Alles danken wir ihm!« Oder es 
tauchen alte Sagen auf, Maria sei das Weib Jesu gewesen. Irren 
wir? sind hier nicht wirklich uralte beklemmende Krafte am 
Werke, denen verwandt, die im ersten christlichen Zeitraum den 
gnostischen Doketismus entstehen liefien: die Lehre, Gottes Sohn 
habe zwar auf Erden gewirkt und gewandelt, als aber das voll- 
bracht war und er ans Kreuz geschlagen werden sollte, da habe 
der Vater einen Scheinleib das Martyrium erdulden lassen, 
wahrend der echte in die Glorie entriickt ward. Das ist gewifi 
zunachst nicht mehr als eine theologische Spekulation. Wer aber 
weifi, ob nicht die uberschwengliche Verbindung der hochsten 
Majestat und tiefsten Leidens, also das Bild des Kruzifixus, von 
jeher einen Stich ins Unwirkliche, Schein-Heilige hatte? So 
etwas haftet der gegorenen Nacktheit bayerischer Glasbilder, 
auch der Heiligengestalt dieses Buches an, mit ihrem nur augen- 
scheinlich so keuschen Namen »Der Innige«. 
Das Werk nimmt die Mitte zwischen Traktat und Erzahlung. 
Damit tritt es romantischen Formen der Novelle sehr nahe, und 
ist etwas wie ein heidenchristliches Gegenstiick zur »Lucinde« 
geworden. Geschichten, Reflexionen, eingestreute Gedichte durch- 
ziehen eine Liebeshandlung, die in einzelnen Stellen - vor allem 
dem gemeinsamen Bade der Liebenden - den unvergleichlichsten 
Episoden des Schlegelschen Buches zur Seite zu riicken ist. Und 
wenn das meiste von dem, was hier iiber Liebe gesagt ist, die 
Erstlinge seiner Wahrheit und Einsicht den drohenden Machten 
zum Opfer bringt, so ist, was dem profanen Denken bleibt, um 
so heller und besser. Soviel vom Gefiige. Der UmriE aber, die 
Fabel hat eine straffere, strengere Gestalt, die der verschlossenen 
Entschiedenheit des Autors, aber auch allem Verbogenen und 
Starren seines Werkes entspricht. Ein Testament, das zwei Erben 
bedenkt, giiltig nur unter der Voraussetzung ihrer gegenseitigen 
Heirat; ein fremder Wanderer von irgendwoher und irgend- 
wohin; ein geheimnisvoller Brief und zum Schlufi entdeckte 
Vaterschaft an einem unehelichen Kinde: die Strome der Kol- 
portage und der Gnosis begegnen einander. Kurzschlufi der 
Traditionen gewiE. Aber der Funke, der hier herausspringt, ist 
edit, nur kann er weder erhellen noch zunden. 



Michael Sostschenko • *Au$ unbekannten Schriflen* 105 

Michael Sostschenko, So lacht Rutland! Humoresken. Aus dem 
Russischen von Mary v. Pruss-Glowatzky und Elsa Brod. Prag: 
Verlag von Adolf Synek 192J. i$2 S. 

In Rufiland ist das Politische noch fur das breiteste, harmloseste 
Gelachter der Resonanzboden. Aus den Begriffen und Schlag- 
worten des Parteilebens holt Sostschenko eine (iberwaltigende 
Komik heraus. Er tut es, ohne sie audi nur im mindesten ironisch 
zu behandeln, einfach, indem er seine Spiefier mit ihnen kon- 
frontiert. »Burger, wie geht es an der Familienfront zu? Die 
Manner sind ganz unterdriickt. Besonders jene, deren Frauen 
sich mit Fortschrittsfragen beschaftigen.« Oder: »Der Weltkrieg 
und die verschiedenen Schiitzengraben, Burger, das alles hat 
seine Folgen zuriickgelassen.« So beginnen diese kleinen Ge- 
schiditen. Und das kennzeichnet audi den Stil, den der Verfasser 
in ihnen sich schuf: eine Kombination aus der Ausdrucksweise 
des Querulanten, des berufsmafiigen Versammlungsredners und 
der »Zuschriften aus dem Leserkreis«. Der russische Schwatzer 
sieht sich in uberlebensgroikr Gestalt auf eine Tribune entruckt 
und kann die Konfessionen seines verpfuschten Daseins in einer 
nicht endenwollenden Reihe von Beschwerden und Anekdoten 
vor seinem Publikum ausbreiten. So taucht vor dessen und des 
Lesers Blicken der russische Alltag auf, nicht wie die Revolution 
ihn schuf, sondern wie er von ihr verabschiedet ward: miifiig, 
verkniffen, schamrot bis uber die Ohren. Dem tont hier Rufi- 
lands Gelachter nach. 



Aus unbekannten Schriflen. Festgabe fiir Martin Buber zum 
jo. Geburtstag. ([Mit Beitrdgen von] Leo Baeck, Richard 
Beer-Hofmann, Arthur Bonus [u. a.].) Berlin: Verlag Lambert 
Schneider 1928. 245 S. 

In Schriflen wie der vorliegenden, in denen ein Kreis von Freun- 
den bei festlicher Gelegenheit dem Gefeierten seine Widmungs- 
geschenke versammelt, hat bis vor kurzem noch ein barocker 
Geschmack geherrscht. Es waren schwere Bande, die in ihren 
hohen Formaten ein bibliophysisches Denkmal der »Ehrung«, 



106 Kritiken und Rezensionen • 1928 

nicht aber eine eigentliche Festgabe waren. Dies Buch jedoch, 
das Lambert Schneider verlegt, Hegner ganz ausgezeichnet 
gedruckt hat, ist seiner Gestaltung und seinem Format nach 
wirklich Gabe, nicht zuletzt dieser beiden Verleger an ihren 
Autor, der dem einen durch seine Bibeliibersetzung, dem andern 
durch seine Erschliefiung des chassidischen Schrifttums verbun- 
den ist. Ebenso eindringlich und glUcklich wie das schmale 
Aufiere des Bandes ist sein Aufbau im Innern. Die sogenannte 
Originalitat ist, sehr im Sinne des Beschenkten, beiseite geblie- 
ben. Und wie man einem Freund bisweilen lieber als eigens 
Erstandenes etwas aus eigenem Besitz schenkt, eine Sache, an der 
man schon lange hiiig, in der man alle Reflexionen und alle 
Erfahrung, die an ihr haften, dem Empfanger widmet, so sind 
aus ungelesenen Schriften hier Formeln und Dicta (wie aus den 
Veden, aus dem Talmud, aus Heraklit und aus Platon) oder 
langere Abschnitte (wie aus Nicolaus Cusanus, Carus, George 
Fox) dargebracht worden. Die gute Eingebung, aus der das 
kam, ist dann noch weiter fruchtbar geworden. Um all die ver- 
schollenen oder mifideuteten Stellen sind kleine Kommentare 
der Spender erwachsen. Und damit bringt dies Buch in der 
unaufdringlichsten, natiirlichsten Art eine Grundform judischen 
Denkens zur Geltung, in der nun auch einander Fremdes und 
Abgelegenes als in einem geselligen geistigen Raum miteinander 
kommuniziert. In diesem Sinne ist die gluckliche, beziehungs- 
reiche Wahl des Wolfkehlschen Beitrags - ein althochdeutsches 
Schlummerlied in einer judischen Oberlieferung - besonders 
bezeichnend. Unter den eigentlich judischen erscheint - einge- 
leitet und iibertragen von Gerhard Scholem - eine gewaltige 
Rede des Rabbi Abraham ben Elieser Halewi iiber den Tod der 
Martyrer. Ernst Simon gibt die scharfsinnige, iiberzeugende 
Paraphrase einer Talmudstelle, die vorschreibt, sich am Purim- 
feste zu berauschen, bis man nicht mehr unterscheidet »zwischen 
dem verfluchten Haman und dem gesegneten Mardechai«. Aus 
dem Kreis der religiosen Bewegung Sudwestdeutschlands, der 
Buber seit langem verbunden ist, ein theologischer Beitrag von 
Hermann Herrigel, ein Beitrag des Anglisten Theodor Spira 
und vor allem ein Selbstzeugnis Florens Christian Rangs, das 
aus einem Brief iiber seinen letzten Aufenthalt in Italien von 
seinem Sohne Bernhard dargebracht ist. Es steht hier am rechten 



Drei Bucher 107 

Orte, um alle, die die Gedankenwelt dieses grofien Deutschen 
angeht, an den Dank zu erinnern, den sie dem literarischen 
Verwalter dieses kostbaren Nachlasses, dem Herausgeber der 
»Kreatur«, die fortlaufend grofiere Stiicke aus diesem Schatze 
ans Licht stellt, schulden. Auch das alte Deutschland des 17. und 
18. Jahrhunderts ist in Gedanken von Paracelsus, Blumhardt, 
Goethe, Holderlin, Brentano gewissermafSen als der grofte 
Hintergrund gegeben, von dem hier die gedrangten Kopfe der 
Neueren sich abheben. Andere Spuren wieder fiihren ins Prager 
Judentum, zu Kafka, aus dessen Nachlafi Brod Tagebuchfrag- 
mente beisteuert, und zu Thieberger, der eine Erinnerung an 
Salomon Buber, den beriihmten Groftvater Martin Bubers, hier- 
hergesetzt hat. Das Buch beschlieEt ein Stiick aus Martin Bubers 
Dissertation, die Gabe seines Freundes und Mitarbeiters Franz 
Rosenzweig, in welcher jiidischer Bibliographengeist und Esprit 
des ancien regime sich auf vollig einmalige Weise verbunden 
haben. 



Drei Bucher 

Viktor Schklowski, »Sentimentale Reise durch Rufiland«; 

Alfred Polgar, »Ich bin 2euge«; Julien Benda, »Der Verrat der 

Intellektuellen« 

Gemeinsam ist den drei Biichern, die wir hier vor den Leser 
legen, dieses: es sind in der Form essayistischer oder tagebuch- 
artiger Aufzeichnungen ebenso scharfe Abbilder des heutigen 
Europa wie lebendige Portrats ihrer Autoren. Schklowski, der 
Russe, schreibt die Chronik der Revolution im aufiersten Osten 
des Riesenreiches, der Wiener Polgar stellt die Diagnose des 
fiebernden Erdballs mit der zartlichen Akribie eines Arztes und 
der Franzose Benda nimmt im Augenblick der schwersten Krisis 
aller im Humanismus ehemals gesicherten BegrifTe von Gerech- 
tigkeit, Wahrheit und Freiheit die besten Traditionen seines 
Landes auf, um die Intelligenz, die diese Losungen verraten hat, 
von neuem unter ihnen zu sammeln. Der bolschewistische Epi- 
ker, der deutsche Meister der kleinen Form, der gallische und 
grundliche Polemiker - sie alle sind politische Autoren. Ohne 



108 Kritiken und Rezensionen * 1928 

die begrifTliche Sprache der Zeitungen und Broschiiren zu reden, 
stellen sie dar, wie grade das geschulteste, strengste Denken heut 
in politische Aktivitat umzuschlagen gezwungen ist. Und nicht 
von jeher? 

Viktor Schklowski gehort der Vereinigung der Serapionsbruder 
an. Mit Wsewolod Iwanov und Konstantin Fedin bildete er die 
Gruppe der Fiihrer. Er hat mehrere Schiiler gehabt, von denen 
Michael Slommski der bekannteste ist, Man kann in der »Senti- 
mentalen Reise« lesen, wie Schklowski in dem Frost- und Hun- 
ger-Winter 1921 in Leningrad am kunstgeschichtlichen Institut 
Kurse iiber die Schriftstellerei abgehalten hat. Damals kam er 
aus der verwilderten ■ Ukraine zuriick. Es ist nicht leicht zu 
sagen, was dazu gehorte, nach Schreckensjahren, wie sie hinter 
ihm lagen, im Nu (wie man von einem Pferd aufs andere 
springt) die Herrschaft iiber seine eigenen Theorien und iiber 
seine Hbrer zu gewinnen. An diesen Theorien gibt es nichts 
Banales. Man stofk auf Stellen wie die folgende: »In ihrem 
Ursprung ist die Kunst destruktiv und iromsch. Ihr Ziel ist die 
Erzeugung von Ungleichheiten. Dahin gelangt sie mittels des 
Vergleichs. Durch die Kanonisierung subalterner Formen er- 
schafft sie sich neue. So geht Puschkin von der Dichtform im 
Poesiealbum aus; Nekrassow vom Vaudeville; Blok von der 
Romanze der Zigeuner; und Majakowski von der humoristi- 
schen Dichtung. Das Schicksal der Helden, die Zeit der Hand- 
lung, alles dient nur der Motivierung der Form.« Schklowski 
bekennt hier und sonst sich 2um Formalismus. Aber das mufi 
eine neue Form sein, so gut wie eine neue Sentimentalitat, denen 
er dieses formlose, unsentimentale Buch, »Die Sentimentale 
Reise« 1 , unterstellt hat. Man versteht, was er meint, wenn er 
»Feuer« von Barbusse ablehnt; das Buch ist ihm viel zu gut 
komponiert. Schklowskis Kriegsbuch hat keine Komposition; 
seine Form liegt nicht in der Darstellung sondern liegt vorher 
im Erfahrenen, im Wahrgenommenen selber. In ihnen ist die 
neue Disziplin erstaunlich. Gewohnlich wollen autobiographi- 
sche Aufzeichnungen einen mehr oder weniger hohen BegrifT 
von der Wirksamkeit ihres Autors geben. Anders bei Schklow- 
ski. Als Kommissar der provisorischen Regierung von Kerenski 

1 Victor Chklovski, Voyage sentimental. (Traduction de Vladimir Poszner.) Paris: 
Simon Kra 1926. 274 S. 



Drei Bucher 109 

kam er an die Front, um die Truppen zum Widerstand zu 
bewegen, hatte d.ann monatelang in Persien den Riickzug der 
Armee in seine Bahn zu leiten, setzt in Pogromen fur die Perser 
sein Leben ein, zieht vor Cherson auf Patrouille gegen die 
Weiften und geht zu guter Letzt, wie mans ihm prophezeit hat, 
bei einem Sprengversuche in die Luft. Und er sagt sich, in allc- 
dem, wo keiner wirken konnte, nichts gewirkt zu haben. »Ich 
ging wie eine Nadel ohne Faden durch das Gewebe.« Das Genie 
seiner Beobachtung kommt aus der tiefsten skeptischen Be- 
sonnenheit, aus einer Selbstkontrolle ohne alle Eitelkeit. Und 
wenn er recht hat und die Energie, der Mut, die Liebe, die er 
dem Chaos gegenuber einsetzt, nichts gewirkt haben, so ist die 
klare, iiberzeugte Geste dieses Mannes sein Buch: eine unver- 
geftliche Geste voll riicksichtsloser Trauer und voll herrischer 
Zartheit. Um es mit einem Worte auszusprechen: den Geist des 
dix-huitieme siecle atmet dies Buch. Es liest sich in seiner fran- 
zosischen Obcrsetzung vielleicht deshalb so gut, weil es der 
mannlichen, der passionierten Skepsis der groften Revolutionise 
so nahe ist, die 1792 in den Kellern der Conciergerie saften. Man 
sieht vor sich, wie leer die Zimmer waren, in denen dieses Buch 
geschrieben wurde. Aus dem pragmatischen Bericht von Fakten 
heben sich Anekdoten so heraus wie aus den Texten eines Xeno- 
phon. Sie sind mehr als ein Dokument dieser Vorgange: sie 
sagen, was fiir Menschen sich in thnen formen. Es sind Menschenj 
die alle Arten des Duldens, die stoische und die epikuraische, die 
christliche, die aufgcklarte und die zynische zum eigensten Ge- 
brauche neu entdecken muftten. Vielleicht heiftt darum diese 
Reise durch das Rutland der Schreckensjahre die »sentimen- 
tale«. Und sicher konnte nur ein solches Wort, das seine Kraft in 
zwei Jahrhunderten gesammelt hat, den Titel dieses Buches 
abgeben. Es ist so schnell wie moglich deutsch herauszubringen. 
Freuen wir uns, daft es iibersetzbar ist. Und daft wir Polgar 2 im 
Deutschen besitzen. Denn was in Obersetzung von ihm bleiben 
wurde, ergabe nicht den mindesten Begriff von seiner Kunst, 
wenn schon noch immer einen klaren von ihrem Ursprung. Der 
liegt namlich nicht in seinem bezaubernden Konnen oder der 
blendenden Leichtigkeit, sondern in der Gerechtigkeit, einer, die 
umso schwermutvoller ist, je mehr aller Fanatismus ihr fern 

2 Alfred Polgar, Ich bin Zeuge. Berlin: Ernst Rowohlt Verlag 1928. XVI, 288 S. 



no Kritiken und Rezensionen * 1928 

bleibt. Ware die Philosophic der Kunst weniger von asthetischen 
Floskeln iiberwuchert als es seit 50 Jahren der Fall ist, man 
konnte sichrer auf ein Verstandnis fur diesen einfachen, gewich- 
tigen Tatbestand rechnen: dafi aller Humor in Gerechtigkeit 
seinen Ursprung hat. Freilich in einer, die den Menschen nicht 
wichtig nimmt, sondern die Sachen, sodafi ihr die sittliche Ord- 
nung statt als Gesinnung oder als Handlung in einer rechten, 
gegluckten Verfassung der Welt oder vielmehr im nicht minder 
entscheidenden Aufbau des einzelnen Falles - des Zufalls - 
erscheint. »Die Zeit ist aus den Fugen, Schmach und Gram / Dafi 
ich zur Welt, sie einzurenken, kam« - um dieses Leid weifi 
jeder echte Bajazzo, auch dieser Wiener. Nur weil eben der 
Humor die Dinge - nicht aber dieses Aussichtslose: die Men- 
schen - ins Lot zu bringen sich vorsetzt, sieht er scheel, mifi- 
trauisch auf deren sittliches Pathos. Daher Polgars moralische 
Skepsis, die Ironie, die nur die Aufienseite von jenem Takt 1st, 
den die strengen, zarten, gesichtslosen Dinge verlangen. Der 
ist ein andrer als der Kavalierstakt: der revolutionare, der je 
und je aus dem Volk kommt und der aus seiner Wiener Tradi- 
tion, aus Abraham a Santa Clara, Stranitzky, Nestroy hier 
wieder frei wird. Aus ihm versteht man erst ganz und gar die 
schone Bescheidenheit dieses Autors. Auch sie keine private 
Haltung sondern verantwortliches, in Form gebanntes Verhal- 
ten. Und zwar in jene »Kleine Form«, die Glosse, von der es 
einmal bei Polgar heifit: »Ich nehme meine Arbeit ernst . . . aber 
ich nehme sie nicht wichtig; zumindest nicht fiir die andern. Und 
das mache ich als Tugend geltend, als Qualification zum Schrift- 
steller.« Denn: »Das Leben ist zu kurz fiir lange Literatur, zu 
fliichtig fiir verweilendes Schildern und Betrachten, zu psycho- 
pathisch fiir Psychologie, zu romanhaft fiir Romane, zu rasch 
verfallen der Garung und Zersetzung, als dafi es sich in langen 
und breiten Biichern lang und breit bewahren liefie.« Und end- 
lich: »Ich hake episodische Kurze fiir durchaus angemessen der 
Rolle, die heute der Schriftstellerei zukommt.« 
Dafi aber diese Rolle so wenig von dem klassischen Text, der 
Sprache der Gerechtigkeit und Wahrheit beibehielt, die einst im 
Drama europaischer Geschichte der Literatur war anvertraut 
worden (so wenig, dafi sie zu den grofien Spafimachern und 
Aufruhrern sich hat fluchten miissen), davon handelt in seinem 



Drei Biidier 1 1 1 

neuesten Buche 3 der franzosische Literat Julien Benda. Und 
zwar beschaftigt er sich mit der Stellung, die im Laufe der 
letzten Jahrzehnte die Intellektuellen zur Politik einzunehmen 
begannen. Benda behauptet: Von jeher ist, seitdem es Intellek- 
tuelle gibt, ihr weltgeschichtlidies Amt gewesen, die allgemeinen 
und abstrakten Menschheitswerte: Freiheit und Recht und 
Menschlichkeit zu lehren und die Hierarchie der Werte zu kiin- 
den. Und nun begannen sie mit Maurras und Peguy, mit 
d'Annunzio und Marinetti, mit Kipling und Conan Doyle, mit 
Rudolf Borchardt und Spengler die Giiter zu verraten, zu deren 
Wachter Jahrtausende sie bestellt haben. Zweierlei bezeichnet 
die neue Wendung. Einmal.die beispiellose Aktualitat, die das 
Politische fur die Literaten bekommen hat. Politisierende Ro- 
manciers, politisierende Lyriker, politisierende Historiker, poli- 
tisierende Rezensenten, politisierende Metaphysiker wohin man 
blickt. - Aber nicht nur die politische Leidenschaft selbst ist hier 
das Unglaubwiirdige, Unerhorte. Befremdender, unheilvoller 
erscheint sie, erfahrt man den Inhalt ihrer Entscheidung, die 
Parolen einer Intelligenz, die die Sache der Nationen gegen die 
Menschheit, der Parteien gegen das Recht, der Macht gegen den 
Geist fiihrt. Wenn so der Literat die politischen Aspirationen 
des Augenblicks zu seinen eigenen macht, bringt er ihnen, ist er 
Kiinstler, den ungeheueren Zuwachs seiner Phantasie, ist er 
Denker, den seiner Logik, und sein moralisches Prestige in bei- 
den Fallen. Vielleicht liegt darin das Entscheidende. Denn die 
bitteren Notwendigkeiten des Wirklichen, die Maximen der 
Realpolitik sind auch friiher schon von den »clercs« vertreten 
worden, aber mit dem Pathos der sittlichen Vorschrift hat nicht 
einmal ein Machiavell sie hinstellen wollen. - Diese politische 
Streitschrift gewinnt ihre besondere Intensitat dadurch, dafi sie 
die Gedankenwelt ihrer Gegner mit einer Folgerichtigkeit und 
Scharfe darlegt, die deren ursprungliche eigene weit ubertrifTt. 
Die souverane Gruppierung aller ihm widerstrebenden Lehren 
durch dieses Buch ist freilich Grund nicht nur fiir die Annehm- 
lichkeit seiner Lektlire und jenen aufsehenerregenden Erfolg, 
der beim Erscheinen einer Obersetzung gewifi auch hierher iiber- 
greifen wiirde, sondern auch fiir seine augenfalligste Schwache. 
In der Tat, es fehlt diesem grofiartigen polemischen Gedanken- 

3 Julien Benda, La trahison des clercs. Paris: Bernard Grasset 1927, 308 S. 



ii2 Kritiken und Rezensionen • 1928 

zuge jedwede Gegenstromung, und die Exposition der heutigen 
Lage ist zu klar, zu drastisch, zu blendend, urn so unmittelbar, 
wie Benda es glaubt, zu deren Abfertigung zu fiihren. Er er- 
kennt zwar ganz gut, daft das unwiderstehlichste Motiv der 
von ihm denunzierten Gesinnung in dem Entschluft der Intelli- 
genz liegt, aus dem Stadium der ewigen Diskussionen heraus 
und um jeden Preis zur Entscheidung zu kommen. Aber den 
grimmigen Ernst dieser Haltung versteht er ebensowenig wie 
ihren Zusammenhang rmt der Krisis der Wissenschaft, der Er- 
schiitterung des Dogmas einer »voraussetzungslosen« Forschung, 
und er scheint nicht zu sehen, wie die Verhaftung der Intelligenz 
an die politischen Vorurteile der Klassen und Vblker nur ein 
meist unheilvoller, meist zu kurz gegriffener Versuch ist, aus 
den idealistischen Abstraktionen heraus und der Wirklichkeit 
wieder nah, ja naher als je auf den Leib zu riicken. Gewalttatig 
und krampfhaft genug fiel diese Begegnung denn freilich aus. 
Statt aber i'hr beherrschtere, gemaftere Formen zu suchen, sie 
riickgangig machen, den Literaten wieder der Klausur des 
utopischen Idealismus iiberantworten wollen, das verrat - 
dariiber kann audi die Berufung auf die Ideale der Demokratie 
nicht tauschen - eine streng reaktionare Geistesverfassung. Man 
kann Benda sonst den Vorwurf nicht machen, er suche sie zu 
vertuschen. Die These, die er seinem Buch zugrunde legt, be- 
hauptet eine doppelte Moral in aller Form: die der Gewalt fur 
die Staaten und Volker, die des christlichen Humanismus fiir die 
Intelligenz. Und er beklagt viel weniger, daft die christlich 
humanitaren Normen keinen entscheidenden Einfluft auf das 
Weltgeschehen iiben, als daft sie sich mehr und mehr dieses An- 
spruchs begeben, weil die Intelligenz zur Partei der Macht iiber- 
ging. Hier aber, wo man ein Recht hat zu horen, wie der Ver- 
fasser Rede stehen wiirde und wie er seinen paradoxen Satz 
yertritt, werden die logischen Konturen unscharf. Ist nicht das 
alles schon vor Jahrtausenden ausgesprochen worden? »Gebt 
dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist.« Und 
was hat es der Welt geholfen? Dazu kommt, daft Benda den 
Katholizismus, der ihm diese Grundhaltung vorschreibt, viel- 
leicht absichtlich mehr zuriickstellt als in friiheren Schriften. Dies 
gesagt, muft man die Virtuositat bewundern, mit der er sich im 
Vordergrunde der Probleme halt und, um nur eines zuerwahnen, 



Kulturgeschichte des Spielzeugs 113 

wortlos am Kommunismus voriibergeht, der die Politisierung 
der Intelligenz in weit grofierem Format und auf viel weniger 
anfechtbare Art, als die Bourgeoisie tat, vollzogen hat. Der 
Untergang der freien Intelligenz ist eben wenn nicht allein so 
doch entscheidend wirtschaftlich bedingt. Und wenn in Frank- 
reich ihre reprasentativsten Geister den Anschlufi an die extre- 
men Nationalisten, in Deutschland aber an die linksradikalen 
gewonnen haben, so hangt das nicht nur mit nationalen Unter- 
schieden sondern auch mit dem wirtschaftlich etwas widerstands- 
fahigeren Kleinbiirgertum Frankreichs zusammen. 
Diese Biicher, jedes beherzt und tiichtig auf seine Art, haben 
miteinander das beste gemein: eine illusionslose Anschauung 
europaischer Dinge. Ihre Perspektive auf Zeit und Welt ist in 
sich selber finster genug und stellt man sie zusammen so be- 
schatten sie noch einander. Dem sei wie ihm wolle: einen den- 
kenden Leser lehren sie mehr als die verdachtigen Fernblicke auf 
eine europaische Kultur, von welcher nicht viel mehr heut abzu- 
sehen oder wirklich ist als ihre namenlose Gefahrdung. 



KULTURGESCHICHTE DES SPIELZEUGS 

Am Anfang des Werkes von Karl Grober, »Kinderspielzeug aus 
alter Zeit** 1 steht die Bescheidung. Der Verfasser versagt sich, 
vom kindlichen Spielen zu handeln, um in ausdriicklicher Be- 
schrankung auf sein gegenstandliches Material sich ganz der 
Geschichte des Spielzeugs selber zu widmen. Er hat sich, wie 
weniger die Sache als die aufierordentliche Soliditat seines Vor- 
gehens es nahelegte, auf den europaischen Kulturkreis konzen- 
triert. War somit Deutschland geographische Mitte, so ist es doch 
in diesem Bereich auch die geistige. Denn wir diirfen ein gut 
Teil der schonsten Spielsachen, die noch jetzt in Museen und 
Kinderstuben begegnen, ein deutsches Geschenk an Europa 
nennen. Niirnberg ist die Heimat der Zinnsoldaten und der ge- 
striegelten Tierwelt der Arche Noah; das alteste bekannte 
Puppenhaus stammt aus Miinchen. Aber auch wer von Prion- 

1 Karl Grober, Kinderspielzeug aus alter Zeit. Eine Gesdiichte des Spielzeugs. Berlin: 
Deutscher Kunstverlag 1928. VII, €Z S., 306 Abb., 12 farbige Tafeln. 



ii4 Kridken und Rezensionen * 1928 

tatsfragen, die im Grunde hier wenig sagen, nichts wissen will, 
wird gesteheri, in den holzernen Puppen von Sonneberg (Abb. 
192), den erzgebirgischen »Spanbaumen« (Abb. 190), der Ober- 
ammergauer Festung (Abb. 165), den Spezereigeschaften und 
Haubenladen (Abb. 274, 275, Tafel X), dem zinnernen Ernte- 
fest aus Hannover (Abb. 263) untibertreffliche Muster schlich- 
tester Schonheit vor sich zu haben. 

Solch Spielzeug ist nun allerdings anfanglich nicht Erfindung 
von Spielwarenfabrikanten gewesen, vielmehr erstmals aus den 
Werkstatten der Holzschnitzer, der Zinngiefler usw. ans Licht 
getreten. Nicht vor dem 19. Jahrhundert wird die Spielzeug- 
herstellung Sache eines eigenen Gewerbes. Stil und Schonheit der 
alteren Typen sind iiberhaupt nur aus dem Umstand zu er- 
fassen, dafi ehemals Spielzeug ein Nebenprodukt in den vielen 
ziinftig umschrankten Handwerksbetrieben war, von denen 
jeder nur fabrizieren durfte, was in seinen Bereich fiel. Als dann 
im Laufe des 18. Jahrhunderts die Anfange einer spezialisierten 
Fabrikation aufkamen, stieften sie uberall gegen die Zunft- 
schranken. Die untersagten es dem Drechsler, seine Piippchen 
selbst zu bemalen, zwangen bei der Verfertigung von Spielzeug 
aus unterschiedlichen StorTen verschiedene Gewerbe, die ein- 
fachste Arbeit unter sich aufzuteilen, und verteuerten so die 
Ware. 

Hiernach versteht es sich beinahe von selbst, daE auch der Ver- 
trieb, zumindest der Detailumsatz, von Spielzeug zunachst nicht 
Sache bestimmter Handler war. Wie man beim Drechsler holz- 
geschnitzte Tiere fand, so die Zinnsoldaten beim Kesselschmied, 
die Tragantfiguren beim Zuckerbacker, die wachsernen Pup- 
pen beim Lichtzieher. Etwas anders stand es mit dem Zwischen- 
handel, dem Grofivertrieb. Auch dieser sogenannte »Verlag« 
taucht zuerst in Niirnberg auf. Dort begannen Exportunter- 
nehmer, das Spielzeug, das aus dem stadtischen Handwerk, 
vor allem aber aus der Heimindustrie der Umgegend hervor- 
ging, aufzukaufen und auf den Kleinhandel zu verteilen. Um 
die gleiche Zeit notigte die vordringende Reformation viele 
Kiinstler, die sonst fur die Kirche geschaffen hatten, sich »auf 
die Herstellung von kunstgewerblichem Bedarf umzustellen 
und statt der grofiformatigen Werke kleinere Kunstgegenstande 
fiirs Haus« zu verfertigen. So kam es zu der ungeheuren Ver- 



Kulturgesdiichte des Spielzeugs x 1 5 

breitung jener winzigen Dingwelt, die damals in den Spiel- 
schranken die Freude der Kleinen, in den Kunst- und Wunder- 
kammern die der Erwachsenen machte, und mit dem Ruhm 
dieses »Nurnbergischen Tandes« zu der bis heute unerschtitter- 
ten Vorherrschaft deutscher Spielwaren auf dem Weltmarkt. 
Uberblickt man die gesamte Geschichte des Spielzeugs, so scheint 
in ihr das Format viel grofiere Bedeutung zu haben, als man 
zunachst es vermuten wiirde. In der zweiten Halfte des 19. 
Jahrhunderts namlich, als der nachhaltige Verfall dieser Dinge 
beginnt, bemerkt man, wie die Spielsachen grofier werden, das 
Unscheinbare, Winzige, Verspielte ihnen langsam abhanden 
kommt. Erhalt das Kind jetzt erst abgesonderte Spielzimmer, 
jetzt erst einen Schrank, in dem es z. B. die Bucher getrennt von 
denen der Eltern aufheben kann? Kein Zweifel, die alteren 
Bandchen in ihren kleinen Formaten erforderten viel inniger die 
Anwesenheit der Mutter, die neueren Quartos mit ihrer faden 
und gedehnten Zartlichkeit sind eher bestimmt, liber deren 
Fernsein hinwegzusetzen. Eine Emanzipation des Spielzeugs 
setzt ein; es entzieht sich, je welter die Industrialisierung nun 
durchdringt, der Kontrolle der Familie desto entschiedener und 
wird den Kindern, aber audi den Eltern immer fremder. 
Nun lag der falschen Einfachheit des neuen Spielzeugs freilich 
die echte Sehnsucht zugrunde, den AnschluE an die Primitive 
wiederzugewinnen, an den Stil einer Heimindustrie, die doch 
um eben diese Zeit in Thiiringen, im Erzgebirge einen immer 
aussichtsloseren Kampf um ihr Dasein fiihrte, Wer die Lohn- 
statistik dieser Industrien verfolgt, weift, dafi sie ihrem Ende 
entgegengehen. Das mag man doppelt beklagen, wenn man sich 
klar macht, daE unter samthchen Materialien durch seine Wider- 
standsfahigkeit und die Bereitschaft, Farbe anzunehmen, dem 
Spielzeug keines mehr entgegenkommt als das Holz. Oberhaupt 
ist es dieser auEerlichste Blickpunkt - die Frage nach Technik 
und Material - der den Betrachter tief in die Spielwelt ein- 
dringen laftt. Wie Grober ihn hier zur Geltung bringt, ist hochst 
anschaulich und belehrend. Wendet man dariiber hinaus einen 
Gedanken an das spielende Kind, so kann man von einem 
antinomischen Verhaltnis sprechen. Auf der einen Seite stellt es 
sich so dar: Nichts ist dem Kind gemafier als die heterogensten 
Stofife - Steine, Plastilin, Holz, Papier - in seinen Bauten ge- 



116 Kritiken und Rezensionen • 1928 

schwisterlich zu verbinden. Auf der anderen Seite ist niemand 
den Stoffen gegeniiber keuscher als Kinder: Ein blofSes Stiick- 
chen Holz, ein Tannenzapfen, ein Steinchen umfafit in der 
Ungebrochenheit, der Eindeutigkeit seines StofTes doch eine 
Fulle der verschiedensten Figuren. Und wenn Erwachsene Kin- 
dern Puppen aus Birkenrinde oder aus Stroh, eine Wiege aus 
Glas, Schiffe aus Zinn zugedacht haben, so umspielen sie deren 
Fiihlen auf ihre Weise. Holz, Knochen, Flechtwerk, Ton sind in 
diesem Mrkrokosmos die wichtigsten Stoffe und samtlich schon 
in patriarchalischen Zeiten, in denen Spielzeug noch das Stiick 
des Produktionsprozesses gewesen ist, welches Eltern und Kin- 
der verband, benutzt worden. Sparer kamen Metalle, Glas, 
Papier, ja selbst Alabaster dazu. Den Alabasterbusen, den die 
Dichter des 17. Jahrhunderts besangen, haben nur die Puppen 
gehabt und ihn oft genug mit ihrem gebrechlichen Dasein be- 
zahlen miissen. 

Auf die Fulle dieser Arbeit, die Gnindlichkeit ihrer Anlage, die 
gewinnende Sachlichkeit ihres Auftretens kann eine Anzeige 
nur eben hinweisen. Wer dieses auch im Technischen vollig 
gegliickte Tafelwerk nicht aufmerksam durchliest, weifi eigent- 
lich kaum, was Spielzeug iiberhaupt ist, geschweige was es be- 
deutet. Diese letzte Frage fiihrt denn freilich iiber dessen Rah- 
men hinaus auf eine philosophische Klassiflkation des Spiel- 
zeugs. Solange der sture Naturalismus herrschte, war keine 
Aussicht, das wahre Gesicht des spielenden Kindes zur Geltung 
zu bringen. Heute darf man vielleicht schon hofTen, den grtind- 
lichen Irrtum zu tiberwinden, der da vermeint, der Vorstellungs- 
gehalt seines Spielzeugs bestimme das Spiel des Kindes, da es in 
Wahrheit eher sich umgekehrt verhalt. Das Kind will etwas 
Ziehen und wird Pferd, will mit Sand spielen und wird Backer, 
will sich verstecken und wird Rauber oder Gendarm. Vollends 
wissen wir von einigen uralten, alle Vorstellungsmasken ver- 
schmahenden Spiel- (doch einst vermutlich kultischen) Geraten: 
Ball, Reifen, Federrad, Drache - echten Spielsachen, »um so 
echter, je weniger sie dem Erwachsenen sagen«. Denn je an- 
sprechender im gewohnlichen -Sinne Spielsachen «ind, urn so 
weiter sind sie vom Spielgerate entfernt; je schrankenloser in 
ihnen die Nachahmung sich bekundet, desto weiter fuhren sie 
vom lebendigen Spielen ab. Dafiir sind die mancherlei Puppen- 



Giacomo Leopardi 117 

hauser bezeichnend, die Grober bringt. Nachahmung - so lafk 
sidi das formulieren — ist im Spiel, nicht im Spielzeug zu 
Hause. 

Aber freilich, man kame iiberhaupt weder zur Wirklichkelt noch 
zum Begriff des Spielzeugs, versuchte man es einzig aus dem 
Geist der Kinder zu erklaren. Ist doch das Kind kein Robinson, 
sind doch audi Kinder keine abgesonderte Gemeinschaft, son- 
dern ein Teil des Volkes und der Klasse, aus der sie kommen. So 
gibt denn auch ihr Spielzeug nicht von einem autonomen Son- 
derleben Zeugnis, sondern ist stummer Zeichendialog zwischen 
ihm und dem Volk. Ein Zeichendialog, zu dessen Entzifferung 
. dieses Werk ein gesichertes Fundament bildet. 



Giacomo Leopardi, Gedanken. Deutsch von Richard Peters. 
Mit einem Geleitwort von Theodor Lessing. Hamburg-Berge- 
dorf: Fackelreiter-Verlag 1928. 84 S. 

Um den Deutschen diesen als Hymmker wie als Prosaisten 
gleich sproden Dichter nahezubringen, hat man immer wieder zu 
dem Vergleich mit Holderlin gegrifTen. In der Tat tritt in der 
Vereiriigung dieser Namen zutage, was in beiden Dichtern sich 
tief verwandt ist: die schmerzhafte Lauterkeit ihres Lebens und 
SchafTens. Sie brach mit Strahlenspeeren aus ihnen heraus, um in 
der ihnen anerschaffenen Aura der Verlassenheit doppelt zu 
flammen. 

Leopardi ist 1837 im Alter von neununddreiEig Jahren ge- 
storben, zu einer Zeit also, da Holderlins Geist schon lange 
erloschen war. Keiner von beiden hat im SchafTen das Mannes- 
alter erreicht. Sie zahlen zu denen, in deren engerem Lebens- 
raum Erfiillen und Planen groftartiger und gefahrlicher aufein- 
andergeturmt sind als sonst. Nichts selbstverstandlicher als dafi 
das Leben der Jugend, das in ihnen Gestalt gewann, der satu- 
rierten Geschichts- und Kunstbetrachtung des 19. Jahrhunderts 
ganz unzuganglich geblieben ist und sie veranlafk hat, hier ganz 
besonders beharrlich mit ihren Schlagworten aufzutrumpfen. Bei 
Holderlin spricht sie von Idealismus ohne gewahr zu werden, 
da£ nur ein deutsches Biirgertum, das seinem utopischen Bilde 



n8 Kritiken und Rezensionen * 1928 

von Hellas - nicht ahnlich, aber - zugeneigt gewesen ware, wie 
die franzosische Bourgeoisie einem Idealbild des Romertums, die 
Jahrhundertwende hatte bestehen konnen, ohne sich zu ver- 
lieren. An Leopardi tut die gleichen Dienste - sein SchafTen 
ins Abstrakte zu verwandeln - das Kennwort des »Pessimis- 
mus«. 

Nun wird das Jugendalter eines wahrhaft bedeutenden Men- 
schen am ehesten eine dustere Welt aus sich herausstellen, und 
Leopardi hat seiner Jugend immer die Treue gehaken. Aber das 
geschah nicht nur in Elegien, sondern in einer prosaischen Pro- 
duktion voll satirischer Entschiedenheit und revohierender Bit- 
ternis. In seinem grofien Werk liber den Dichter hat Voftler 
dafiir die bezeichnendsten Worte gefunden. »Ihrer Lebensfiih- 
rung nach waren beide, Holderlin und Leopardi, arme, hilflose 
Menschen, die man von der Wiege bis ins Grab hat schonen 
und gangeln miissen. Aber die geistige Stellungnahme zum 
natiirlichen Lauf der Welt ist bei Leopardi mehr und mehr eine 
Auflehnung, bei Holderlin die Ergebenheit. Der eine liebt es, 
sich innerlich zu sehen und darzustellen als einen Zweifler, 
Spotter, Verachter und Emporer: Bruto minore; der andere als 
einen Frommen, Glaubigen und Stifter einer grofien Religion: 
Empedokles.« Dem kontemplativen und resignierten Typus des 
Pessimisten stellt in dem Dichter sich ein anderer: der paradoxe 
Praktiker, der ironische Engel entgegen. Der schlagt vielleicht 
erst in der Totenmaske (im Buche abgebildet) ganz die Augen 
auf. Denn in der schlechtesten Welt das Rechte durchsetzen, ist 
bei ihm nicht nur Sache des Heroismus, sondern der Aus- 
dauer und des Scharfsinns, der Verschlagenheit und der Neu- 
gier. Es ist dies todesmutige Experimentieren mit dem Explosiv- 
stofTe »Welt«, was die »Pensieri« so hinreiEend macht. Sie sind 
ein Handorakel, eine Kunst der Weltkiugheit fur Rebellen. In 
der Tat, ihr greller, zerreifiender Moralismus steht niemandem 
naher als dem Spanier Gracian. Nur hat, was Leopardi in der 
Einsamkeit von Recanati und Florenz sich abgerungen, nicht die 
Gelassenheit und Fiille, die Gracian dem Hofleben dankte. 
Manchen dieser Maximen bleibt etwas Altkluges. Dafiir sind sie 
voll schoner Reflexe dieser einsamen Jugend, gedankenvollen 
Zitaten aus antiken Autoren, die oft des Dichters einziger Urn- 
gang waren. 



Ober die Kritik ubersetzter Werke 119 

Sainte-Beuve hat an einer beriihmten Stelle die intelligence- 
miroir und die intelligence-glaive einander gegenubergestellt. 
Das Schwert ist diesem Jiingling manchmal entfallen. Aber er 
hielt stand, gepanzert. In dieser Riistung spiegelt sich die Welt, 
verzerrt und golden: intelligence-cuirasse. 

Das Nachwort, das Dr. Richard Peters zu seiner Obersetzung 
geschrieben hat, enthalt einen Hinweis auf die wichtigsten bis- 
her in deutscher Sprache veroffentlichten Leopardi-Obersetzun- 
gen. So verdienstlich das ist, so bedauerlich, dafi er gerade die 
erste Obersetzung der »Pensieri« unerwahnt lafit, zumal es sich 
dabei nicht um ein vergilbtes Biichlein aus dem vorigen Jahr- 
hundert handelt, das seiner Aufmerksamkeit zur Not hatte 
entgehen konnen, sondern um die zwar unvollstandige aber 
verdienstliche Ausgabe, die Gustav Gliick und Alois Trost im 
Jahr 1922 als Band 6288 der Reclamschen Universal-Bibliothek 
haben erscheinen lassen. Gerade dieser Bibliothek sollte ein 
deutscher Literat bei jeder Gelegenheit die Ehre geben, die ihr 
gebuhrt. 



Ein grundsatzlicher Briefwechsel uber die Kritik 
ubersetzter werke 

Herrn Dr. Walter Benjamin, Berlin 

Gottingen, den . . . 
Sehr verehrter Herr Doktor! 

Die Existenz der Pensieri-Obersetzung von Gustav Gliick und Alois 

Trost im Verlage von Reclam ist mir tatsadilich entgangen,und ich bin durch- 
aus geneigt, der verdienten Reclam-Sammlung die Ehre zu geben, die ihr ge- 
biihrt. Meine Obersetzung der »Pensieri« I ist bereits im Jahre 1921, also vor 
Erscheinen der anderen Obersetzung, begonnen worden; dafi ich sie erst jetzt 
publizieren konnte, hat seinen Grund in den Schwierigkeiten, fur derartige 
Arbeiten einen Verleger zu finden. — Wenn auch meine bibliographischen 
Bemerkungen nicht den Anspruch auf Vollstandigkelt machen, so haben Sie 
gewift ein gutes Recht zu bemangeln, dafi ich die gewifi verdienstliche Publi- 

1 Leopardis »PensIcri«, iibertragcn von Dr. Richard Peters, im Fackelreiter-Verlag. 
Besprochcn In der »L[itcrariscnen] W[elt]« vom 18. Mai 1928 von Walter Benjamin, 
der die Mangelhaftigkeit der bibliographischen Angaben getadelt hat. 



120 Kritiken und Rezensionen ■ 1928 

kation von Gluck und Trost nicht gekannt und nicht genannt habe. Doch 
diese Obersetzung, die ich nunmehr eingesehen habe, gibt meines Eradirens 
einige der wichtigsten Stellen der, Pensieri recht entstellt wieder (z. B. in 
104: »i giovani . . . si fanno ribelli agli cducatorW mit »baumen sich auf 
gegen die Erzieher« und »avrebbero potuto regolarlo* mit »den jugendlichen 
Ungestiim im Zaume zu halten«), und sie lafit audi ganz im allgemeinen 
in Satzbau und Sprachstil den typisdi italienischen Charme von Leopardis 
Sprache vermissen. — Sie verwenden, sehr verehrter Herr Doktor, fiir ein 
kleines Versehen von mir ganze 17 Zeilen und finden nicht ein einziges 
Wort der Stellungnahme oder Kritik fiir meine Obersetzung. Darin kann ich 
nicht eine loyale Art der Buchbesprechung erblicken. Dies ist mir um so 
schmerzlicher, als ich fiir Sie persbnlich wie fiir Ihr literarisches ScharTen 
nach wie vor die allergrofite Hochschatzung bewahre und ich jedem Ihrer 
herrlichen Worte iiber Leopardi selbst zustimmen kann. Vielleicht finden Sie 
selbst es berechtigt, wenn ich Sie bitte, mit einigen kurzen Worten in der 
»L[iterarischen] W[elt]« noch einmal auf das Neue und Eigene meiner Ober- 
setzung zuruckzukommen. 
Ich verbleibe in vorziiglicher Hochachtung Ihr sehr ergebener 

Dr. Richard Peters 



Berlin, den . . . 
Sehr verehrter Herr Doktor Peters, 

Ihre Zeilen mochte ich um so lieber beantworten, als sie zwei 
Fragen von grundsatzlichem Interesse aufwerfen. Die erste 
Frage will ich so formulieren: Wie ist eine bibliographische 
Notiz zu bewerten, die - das ist der Fall der Ihren - die einzige 
einschlagige Arbeit, die es auf ihrem engsten Gebiete gibt, iiber- 
sieht? Bevor ich antworte, eine naheliegende Einrede: »Eine 
Obersetzung ist keine wissenschaftliche Arbeit. Dem Leopardi- 
Obersetzer, der in Unkenntnis der Arbeit eines Vorgangers ist, 
kann daraus ebensowenig ein Vorwurf gemacht werden wie 
einem Romancier, der ein Buch iiber die Zeit Karls des GroKen 
schriebe, es vorgehalten werden diirfte, wenn ihm ein wichtiges 
Buch liber Karl den Grofien entgangen ware.« Auf diese nahe- 
liegende Einrede wiirde die naheliegende Ausrede lauten: so sei 
es wohl bei Versiibersetzungen, nicht aber bei Prosaubersetzun- 
gen zumal philosophischer Schriften. Aber in eine solche Argu- 
mentation mochte ich mich nicht einlassen, sondern lieber klar 
und deutlich aussprechen: Eine Obersetzung ist eine Arbeit, die 
neben gewissen anderen Mafistaben audi denen der Wissenschaft 



Dber dieKntik iibersetzter Werke 121 

geniigen mufi. Sie 1st eine der gar nidit wenigen Disziplinen, die 
Wissenschaft auf die Kunst anwenden, genau so wie andere sie 
fur die Industrie und die Architektur verwerten. In all solchen 
Fallen entsteht eine Technik, die strengen wissenschaft] ichen 
Gesetzen unterliegt, um selber aufterwissenschaftlichen Gebilden 
zu dienen. Obersetzen von dieser Seite gesehen, ist eine philolo- 
gische Technik, die ihre Hilfswissenschaften hat. Die Biblio- 
graphic ist eine von ihnen. Und zwar steigt deren Wichtigkeit 
mit dem Steigen der Buchproduktion. Nun gibt es Weniges, was 
fur die kritische Lage der Wissenschaft so durchaus charakte- 
ristisch ist wie der Umstand, dafi dieser steigenden Wichtigkeit 
der Bibliographic ihre sinkende Beachtung seit Jahren parallel 
geht. Der Fall Ihrer Leopardi-Obersetzung - Unkenntnis der 
Gluckschen Obersetzung, die einen grofien Teil des von Ihnen 
Geleisteten schon Ihrerseits und gestatten Sie mir, trotz Ihrer 
Riige dabei zu bleiben, nicht schlechter geleistet hat - war im 
Sinne soldier Oberlegungen bezeichnend und wert, hervorge- 
hoben zu werden. Ich improvisiere hier nicht, sondern bin be- 
reits friiher an ganz anderer Stelle und mit ganz anderem Nach- 
druck auf diese Dinge zu sprechen gekommen 2 . Und ich werde 
weiterhin hierin um so aufmerksamer verfahren, je weniger 
nicht nur die Autoren, sondern audi die Rezensenten gemeinhin 
Lust haben, mit diesen Dingen sich aufzuhalten. Gegenstand- 
liche Arbeit in alien Ehren. Die Bibliographic ist gewifi nicht 
der geistige Teil einer Wissenschaft. Jedoch sie spielt in ihrer 
Physiologie eine zentrale Rolle, ist nicht ihr Nervengeflecht, 
aber das System ihrer Gefafie. Mit Bibliographie ist die Wissen- 
schaft grofi geworden, und eines Tages wird sich zeigen, dafi 
sogar ihre heutige Krisis zum guten Teile bibliograph'ischer Art 
ist. 

»Nun«, sagen Sie und stellen damit die zweite Prinzipienfrage, 
»ein Rezensent, der es so genau mit dem Bibliographischen 
nimmt, wird es doch wohl mit der Obersetzung ebenso halten 
miissen. Sie aber bringen iiber die meine kein Wort.« Beides ist 
richtig. Die Erklarung ist einfach. Die grofie Mehrzahl aller 
Ubersetzer hat keine andere Absicht, als ein fremdsprachliches 
Buch dem deutschen Leser zuganglich zu machen. Dabei handelt 
es sich oft genug um wertlose Sachen. Der Kritiker sagt sein 

2 Siehc Literaturblatt der Frankfurter Zcitung 1928, Nr. 9. 



122 Kritiken und Rezensionen • 1928 

Wort, indem er das feststellt. Keiner wird ihm zumuten, eine 
solche Obersetzung auch nodi durchzusehen. Umgekehrt liegt 
der Fall bei Ihrem Leopardi. Hier ist das Werk von iiberragen- 
dem Interesse; die Obersetzung, in der es vorliegt, eine ausge- 
glichene, unproblematische Arbeit. Durch die Druckanordnung 
machte ich kenntlich, dafi diese Rezension im Hauptteil sich 
ausschlieftlich um Leopardi drehe (wie die unmittelbar ihr fol- 
gende ausschlieftlich um George Moore) und schickte die biblio- 
graphische Bemerkung als eine Art von Postskriptum nach. Die 
intensive Teilnahme, wie sie hier Ihrem Autor gewidmet wurde, 
ist immer noch zugleich eine Reverenz an den Obersetzer ge- 
wesen. Ganz anders steht es mit einer dritten Klasse von Wer- 
ken, an denen die Obersetzung als Wagnis, als gefahrliches 
Kunststiick sich darstellt. Ein Typus dieser Klasse war der 
deutsche Proust, der von verschiedenen Autoren, zuletzt von 
Franz Hessel und mir, vorgelegt wurde. Derartigen Arbeiten 
gegeniiber wird man das Schweigen des Rezensenten proble- 
matischer empfinden. Aber auch damals haben angesehene Zeit- 
schriften, wie die »Literarische Welt« jund die »Weltbuhne«, 
ausfuhrliche Kritiken gebracht, die sich ausschliefilich mit dem 
Originalwerk beschaftigen. Solange eben ein international es 
Fachblatt fiir Obersetzungen, das dringend zu wtinschen ist, 
aussteht, wird in den meisten Fallen der Grundsatz Qui tacet 
consentire videtur sein Recht behalten. Damit mochte ich Ihnen, 
sehr verehrter Herr Doktor, die Meinung meiner Besprechung 
verdeutlichen, die, ich bin davon iiberzeugt, deren Leser schon 
lange richtig erfafSt hatten, indem sie mit Vertrauen zu Ihrer 
Ausgabe griflen. 
In vorziiglicher Hochachtung 

Ihr sehr ergebener 

Walter Benjamin 



George Moore 123 

George Moore, Albert und Hubert. Erzdhlung. Deutsch von 
Max Meyer {eld. Berlin: S. Fischer Verlag 1928. 102 S. 

George Moore 1st em grower Erzahler - kein Epiker. Denn 
seine Welt ist gesetzlos. Ihn hat nicht die Vision einer Epoche 
und einer Stadt regiert wie Balzac, nicht ein Kanon von Leiden- 
schaft vorgeschwebt wie Stendhal, nicht eine politische Idee 
bezwungen wie Zola. Er hat auf Balzac, auf Zola geschworen, 
alle erdenklichen Einfliisse, den von Bourget, von James er- 
fahren, aber bestimmt wurde er doch immer von unberechen- 
baren Impulsen, und das Bezeichnendste bleiben daher seine 
autobiographischen Schriften, in denen, wie Chesterton sagt, 
»die Ruinen George Moores im Mondlicht sich ausbreiten«. In 
der Tat ist das Atmospharische die Starke dieses irischen Dich- 
ters. Moore hat bekanntlich als Maler begonnen und in seinen 
Pariser Jahren im engsten Verkehr mit den Impressionisten 
gestanden. Wufke man das nicht, so bliebe dennoch erkennbar, 
dafi seine Novellistik das einzige literarische Gegenstiick zur 
Kunst eines Sisley, einer Morisot ist. Diese Verwandtschaft, 
diese Isolierung bezeichnen ebenso genau sein Konnen wie die 
Grenzen seiner Bedeutung. Er hat sie mit der Wendigkeit und 
Zerstreutheit seines SchafTens sich selber gesetzt. Wenn die ihn 
aber um das Hochste brachten, so haben sie ihm dafur doch 
eines geschenkt: die wunderbare Frische seiner Schriften. 
Diese Frische hat auch dies Buch von den beiden Frauen. Albert 
und Hubert namlich sind Frauen in Mannertracht. Sie begegnen 
sich auf die seltsamste Art, kreuzen sich einmal, haben nichts 
miteinander zu scharTen. Dies eine Mai aber ist genug, damit die 
eine gliicklichere von beiden ins Leben ihrer Sen icksalssch wester 
eine Losung wirft. Und wie die andere nun um dieses Schlussel- 
wort ihr ganzes Leben aufbaut, das ist der Hergang dieser Ge- 
schichte. Wie lautet diese Parole? »Mach es wie ich! Heirate ein 
Madchen !« Die Schonheit und die feenhafte Wahrheit in alle- 
dem ist aber dies: es geht hier nicht um Sexualia, die beiden 
Madchen sind nicht Transvesuten, sind Proletarierinnen, die ein 
Zufall des Broterwerbs in diese Kleider gesteckt hat, die ihnen 
langsam auf den Leib gewachsen sind. Albert aber findet kein 
Madchen, sondern nur die wahrste, triibseligste aller Liebschaf- 
ten auf ihrem Wege. »Wie sag ich's ihr? Wie bring* ich's uber 



124 Kritiken und Rezensionen • 1928 

die Lippen? Wie hat denn Hubert es ihrem Madchen gesagt?« 
Sie wird ait, und ihr ungelebtes Leben beginnt in Gestalt einer 
Leidenschaft an ihr Rache zu nehmen. Der Geiz bemachtigt sich 
ihrer. Das ist sehr wahr, und vieileicht hatte eine anekdotische 
Wendung den Schlufi dieser Erzahlung ihrem Ablaufe eben- 
biirtig gemacht. Wir leiden ungern, dafi der Tod uns dies Buch 
vor den Augen zuschlagt. 

Ich Hebe Geschichten, in denen nicht von Regen und Sonnen- 
schein die Rede ist und zu denen ich mir das Wetter selbst 
machen kann. Von diesem Schlage ist die vorliegende. Und 
wenn die wahrsten, verborgensten Freuden des Lesers sind, 
Orte, Menschen und Stunden, von denen ein Buch ihm erzahlt, 
auf seine Weise von der Phantasie umdunkeln oder erhellen zu 
lassen, um einen Namen, eine Beschreibung ein Netz von Er- 
innerungen und Fragen zu weben, so ist er bei keinem lieber zu 
Hause als bei George Moore. 



Alexander J M[oritz] Frey, Aufienseiter. Zwolf seltsame Ge- 
schichten. Munchen; Drei Masken Verlag (1927). ji$ S. 

Frey hat vor Jahren mit seinem Roman »Solneman der Un- 
sichtbare« bewiesen, ein wie sympathisches Talent er ist. Leider 
ist ihm zu diesem Band nicht genug eingefallen. Vieileicht ist 
nichts dagegen zu sagen, dafi Verfasser sogenannter »grotesker«, 
»seltsamer«, »phantastischer« Geschichten wahrend des ersten 
Viertels ihrer Erzahlungen von der gespannten Phantasie des 
Lesers wie eine Turbine von starkem Gefalle sich treiben lassen; 
nur dafi dem Leser, wenn er am Schlusse leer ausgeht, das Ge- 
fuhl bleibt, man habe ihm die Phantasie abgezapft. Die meisten 
unter den zwolf neuen Geschichten von Frey hinterlassen in der 
Tat eine gewisse Verstimmung, Eine der wenigen Ausnahmen 
ist »Hiitlein«, die ungequalt, natiirlich erwachsene Phantasie 
vom Ende eines Schizophrenen. 



A. M. Frey * Zwei Kommentare 125 

Zwei Kommentare 

R(ichard) Finger, Diplomatisches Reden. Ein Bach der Lebenskunst 
im Sinne des Spaniers Gracian. Berlin: Verlag von Struppe u. Wink- 
ler 192J. 94 S. 

Liegt Ihnen daran, zu erfahren, wie man in zehn Zeilen E. v. d. 
Straten-Sternberg, Sophokles, Moszkowsky, Dr. Stresemann 
und Gracian in einen Zusammenhang bringen kann, so erwer- 
ben Sie das Buch des Dr. R. Finger. Von einer andern Seite her 
aber kann dieses trostlose Machwerk bestimmt kein Interesse 
beanspruchen. 

Gracian ist nicht nur ein grofier Autor, sondern gerade heute 
einer der interessantesten. Es lebt in Paris ein Mann (ehemals 
Zeichner, heute Schriftsteller) Andre Rouveyre, einer der unzu- 
ganglichsten und verschrobensten, aber audi kliigsten und ehr- 
lichsten Franzosen, der dem Gracian einen ebenso gliihenden 
wie geistvollen Kult geweiht hat. Dieser Rouveyre hat Gracia- 
nisches an sich. Bei seinem deutschen Doppelganger ist der gleiche 
Kult nur aus der entgegengesetzten Ursache zu verstehen: er 
sucht, was ihm fehlt. Leider hat er es nicht gefunden. Er liest 
Gracian mit den Augen des Bildungsphilisters, sieht in ihm 
einen Idealisten »im edlen und echten Sinne des Wortes«, auch 
einen Lehrer der »ewigen durchaus bestimmten Lehren der 
>H6f 1 i chkei t <«. Das alles hat historisch genau so viel Hand 
und Fufi, wie die grenzenlos komische Theorie eines »deutschen 
Schweigens«, dafi es »historisch« gabe. Namlich: die Deutschen 
seien in Rutland Nemetzi genannt worden. Nun heifk dies 
Wort nicht die Schweigenden sondern die Stummen. Und so 
wurden bekanntlich zunachst die deutschen, eigentlich hollandi- 
schen Arbeiter genannt, die Peter der Grofie fiir seine Werften 
nach Ru£land zog, Leute, die, der Landessprache nicht kundig, 
wie die Stummen sich nur durch Zeichen verstandlich machen 
konnten. Das Buch ist eine Fundgrube von Geschmacklosigkei- 
ten und Naivitaten. Ungracianischer von Gracian zu handeln, 
war gar nicht moglich. Freilich erklart der Verfasser selbst, er 
habe seinen Autor von der »barocken Dameilung«, welche dem 
heutigen Geschmack nicht mehr entspricht, »reinigen« wollen. 
Das ist, als wollte einer das »Jahr der Seele«, von den Floskeln 



126 Kritiken und Rezensionen -1928 

Georgescher Schreibart gereinigt, in sein geliebtes Esperanto 

iibertragen. 

Em Gracian fur Budiker, der war bis heute noch nicht da, und 

nun haben wir ihn. 



Elisabeth hzerott, Bemerkungen zu Triedrich Hebbels Tagebuch- 
aufzeichnungen im Lichte christllcher Weltanschauung. Berlin, Leip- 
zig: B. Behrs Verlag/Friedrich Feddersen 192J. J3$ S. 

Das Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar ist gewifi nicht schon. 
Was wiirde man aber sagen, wenn einer kommt und behauptet, 
es sei nur die nach auflen getretene Gebarde, der verkorperte 
Geist des Goethe-Schillerschen Briefwechsels. Gewifi, der Mann 
iibertreibt. Aber es ist vie] Wahres in seinen Behauptungen. 
Und jedenfalls dies: dafi nur selten das wiirdigste Standbild des 
Kiinstlers von ihm selber gemeifielt wird. Hat er es aber einmal 
unternommen, dann versteht die Nachwelt mit den verungliick- 
ten Statuen im Hain der Klassik so wenig Spafi wie mit der 
Siegesallee. Daher kame audi heute noch jemand, der sich un- 
mifiverstandlich zum Goethe-Schillerschen Briefwechsel, zu Stif- 
ters Korrespondenz, zu den Hebbelschen Tagebiichern zu au- 
fiern gedachte, nicht glimpflich davon. 

Dennoch sind bei dieser Gelegenheit einige Worte zu jenen Tage- 
biichern selbst, die hier die sonderbarste Exegetin gefunden 
haben, nicht zu umgehen. Es ist - und damit kommt man dem 
vorliegenden Werke schon naher - verstandlich, dafi gerade ein 
innig und unbekiimmert vor sich hin denkender Mensch, wie die 
Verfasserin dieser »Bemerkungen« es ist, auf das Buch dieses 
gleich weit durch Leidenschaft wie durch Mangel an Disziplin 
von dem Denken der Schulen entfernten Mannes verfallen 
konnte. Weil aber dieses Denken kleinbiirgerlich in seinem Kern 
war, so muEten gerade Leidenschaft und Tiefe es zu abstrusen, roh 
improvisierten, ja brutalen Gebilden fiihren. »Am Feierabend« 
steht mit grofien Lettern iiber dem Hebbelschen Denken geschrie- 
ben. Nach TagesMuh , und Arbeit zieht es Hebbel, den Tagebuch- 
verfasser,in eine Laubenkolonie desDenkens,woGrubeleisichan 
spiraligen Sophismen urns Spalier rankt. Hemdsarmlig, polternd 
oder maulend, macht er sich ansWerk.Und niemals ist man den 
grofiten Gegenstanden breitspuriger, unzarter nahegetreten. 



Spielzeug und Spielen 127 

Darum lafit es, so gern mans versuchte, sich schwerlich ver- 
kennen: Mit diesem Buche ist ihm bitteres Recht geschehen. Im 
»Lichte christlicher Weltanschauung« hat hier ein frommes, aber 
siiffisantes Gemiit seine Glossen zu Hebbel gemacht. Ein Autor 
ohne alle Einsicht in die Theologie und ohne alle Kenntnis des 
christlichen Denkens, das historisch auf diesen Namen ein Recht 
hat, ganz an vagen Gemeinplatzen des erbaulichen Schrifttums 
und gegen emen schemenhaften Pantheismus ausgerichtet. Hafi- 
liche Bleistiftstriche, wie man in zerlesenen Banden sie findet, 
haben sich hier unleidlich artikuliert. Und wenn es schon im 
Charakter der Hebbelschen Tagebiicher begriindet ist, Leser wie 
die Verfasserin anzuziehen, so bleibt denn doch der doppelt 
peinliche Eindruck, die grofie alte Form des religiosen Denkens, 
die Interpretation, so sinnlos gehandhabt und Hebbel einem so 
belanglosen und schulmeisterlichen Traktate verquickt zu sehen. 



Spielzeug und Spielen 
Randbemerkungen zu einem Monumentalwerk * 

Es wird lange dauern, bis man dazu kommt, in diesem Buche 
zu lesen, so faszinierend ist der Anblick der unabsehbaren Spiel- 
zeugwelt, die der Tafelteil vor dem Leser ausbreitet. Regimen- 
ter, Karossen, Theater, Sanften, Geschirre - alles ist liliputa- 
nisch noch einmal da. Es mufite endlich der Stammbaum der 
Schaukelpferde und Bleisoldaten versammelt, die Archaologie 
der Kaufmannsladen und Puppenstuben geschrieben werden. 
Das ist in aller wissenschaftlichen Zuverlassigkeit und ohne 
archivalische Pedanterie in dem Textteil dieses Buches geschehen, 
der ebenbiirtig neben dem Bilderteile besteht. Es ist ein Werk 
aus einem Gufi, dem man nirgends von den Miihen seiner Her- 
stellung etwas anmerkt, und von dem man nun, da es vorliegt, 
nicht mehr versteht, wie es fehlen konnte. 

Im iibrigen liegt die Neigung zu solcher Forschung im Zuge der 
Zeit. Das Deutsche Museum in Munchen, das Spielzeugmuseum 
in Moskau, die Spielzeugabteilung des Musee des Arts Deco- 

1 Karl Grober, Kinderspielzeug aus alter Zeit. Eine Gesdiichte des Spiel2eugs. Berlin: 
Deutsdier Kunstverlag 1928. VII, 68 S., 306 Abb., 12 farbige Tafeln. 



128 Kritiken und Rezensionen • 1928 

ratifs in Paris - Schopfungen jungster Vergangenheit oder der 
Gegenwart - zeigen an, daft iiberall und wohl aus guten Griin- 
den das Interesse am rechtschafTenen Spielzeug erwacht. Die 
Ara der Charakterpuppen, da die Erwachsenen kindliche Be- 
diirfnisse vorschoben, um ihren eigenen kindischen zu genugen, 
ist abgelaufen; der schematische Individualismus des Kunstge- 
werbes und das individualpsychologische Bild vom Kinde, die 
im Grunde einander so gut verstanden, wurden von innen ge- 
sprengt. Gleichzeitig wagte man die ersten Schritte aus dem 
Bannkreis der Psychologie und des Asthetizismus heraus zu tun. 
Die Volkskunst und das kindliche Weltbild wollten als kollek- 
tive Gebilde begrifTen werden. 

Diesem jiingsten Stande der Forschung entspricht im ganzen das 
vorliegende Werk, wenn anders man ein Standardwerk von 
dokumentarischem Charakter auf eine theoretische Haltung 
verpflichten kann. Denn in der Tat muft diese Stufe den Ober- 
gang zu einer genaueren Fixierung der Dinge bilden. Wie nam- 
lich die Merkwelt des Kindes iiberall von Spuren der alteren 
Generation durchzogen ist und mit ihnen sich auseinandersetzt, 
so auch in seinen Spielen. Unmoglich, sie in einem Phantasie- 
bereiche, im Feenlande einer reinen Kindheit oder Kunst zu 
konstruieren. Das Spielzeug ist, auch wo es dem Gerat der Er- 
wachsenen nicht nachgeahmt ist, Auseinandersetzung, und zwar 
weniger des Kindes mit den Erwachsenen, als der Erwachsenen 
mit ihm. Wer liefert denn zu Anfang dem Kinde sein Spielgerat 
wenn nicht sie? Und mag ihm ein gewisses Belieben bleiben, die 
Dinge anzunehmen oder zu verwerfen: nicht weniges vom 
altesten Spielzeug (Ball, Reifen, Federrad, Drachen) wird ihm 
als kultisches Gerat, das erst Spielzeug geworden ist, und freilich 
dank seiner Bildkraft auch werden durfte, gewissermafien ok- 
troyiert worden sein. 

Es ist also ein grofier Irrtum in der Annahme, dafi schlankweg 
die Kinder selber mit ihrem Bediirfnis alles Spielzeug bestim- 
men. Toricht, wenn ein sonst verdienstliches neueres Werk ver- 
meint, beispielsweise die Klapper des Sauglings mit der Be- 
hauptung deduzieren zu konnen: »In der Regel verlangt zu- 
nachst das Ohr nach Beschaftigung« - da doch von altersher die 
Rassel ein Instrument zur Abwehr boser Geister ist, das man 
gerade dem Neugeborenen in die Hand geben mufi. Und sollte 



Spielzeug und Spielen 129 

nicht mit folgender Bemerkung selbst der Verfasser dieses 
Werkes irren? »Nur was das Kind bei den Grofien sieht und 
kennt, will es bei seiner Puppe. Deswegen war bis ins 19. Jahr- 
hundert die Puppe nur im Kleid der Erwachsenen beliebt, das 
Wickelkind oder das Baby, wie es heutzutage den Spielzeug- 
markt beherrscht, fehlte friiher ganz.« Nein, nicht auf die 
Kinder geht das zuriick; dem spielenden Kinde ist seine Puppe 
bald grofl, bald klein, und gewifi als ein untergebenes Wesen 
oft eher das letztere. Vielmehr war eben bis ins neunzehnte 
Jahrhundert hinein der Saugling als geistgestaltes Wesen vollig 
unbekannt und andererseits der Erwachsene dem Erzieher das 
Ideal, nacli dem er die Kinder zu bilden gedachte. Und in die- 
sem heut so gern belachelten Rationalismus, der im Kinde den 
kleinen Erwachsenen sah, ist jedenfalls dem Ernst als der Kin- 
dern gemafien Sphare sein Recht geworden. Dagegen tritt der 
subalterne » Humor « im Spielzeug als ein Ausdruck jener Un- 
sicherheit, die der Bourgeois im Umgang mit Kindern nicht los 
wird, zugleich mit den grofien Formaten auf. Die Lustigkeit aus 
Schuldbewufitsein kommt bei den albernen Verzerrungen ins 
Grofie, Breite vorzuglich auf ihre Rechnung. Wer Lust hat, dem 
Warenkapital in die Fratze zu sehen, braucht nur an eine Spiel- 
zeughandlung zu denken, wie sie bis vor fiinf Jahren typisch 
gewesen und in kleinen Stadten noch heute die Regel ist. Holli- 
sche Ausgelassenheit ist die Grundstimmung. Von den Deckeln 
der Gesellschaftsspiele, aus dem Kopf der Charakterpuppen 
grinsten Larven, lockten aus dem schwarzen Kanonenrohr, 
kicherten in den sinnreichen »Katastrophenwagen«, die beim 
falligen Eisenbahnungliick in die vorgesehenen Teile zerfielen. 
Kaum aber hatte hier die militante Bosheit sich verkrochen, so 
kam der Klassencharakter dieses Spielzeugs an anderer Stelle 
zum Durchbruch. Die »Einfachheit« wurde ein kunstgewerbli- 
ches Schlagwort. Die liegt nun aber in Wahrheit fur Spielzeug 
nicht in den Formen sondern in der Durchsichtigkeit seines Her- 
stellungsprozesses. Sie kann also nicht nach einem abstrakten 
Kanon beurteilt werden, variiert vielmehr in den verschiedenen 
Regionen und hat mit formaler um so weniger zu tun, als 
manche Verarbeitungsarten - besonders das Schnitzen - alle 
spielende Willkiir an einem Objekt entfalten konnen, ohne 
darum im mindesten unverstandlich zu werden. Wie denn auch 



130 Kritiken und Rezensionen ■ 1928 

ehemals die echte und selbstverstandliche Einfachheit von Spiel- 
sachen keine Angelegenheit formalistischer Konstruktion son- 
dern eben der Technik war. Denn ein charakteristischer Zug 
aller Volkskunst - Nachbildung feiner Technik in Verbindung 
mit kostbarem Material durch primitive Technik in Verbindung 
mit groberem - lafit sich gerade am Spielzeug deutlich verfol- 
gen. Porzellane aus den grofien zaristischen Manufakturen, die 
auf russische Dorfer verschlagen wurden, gaben das Vorbild zu 
Puppen und Genreszenen in Holzschnitzerei. Die neuere Folk- 
loristik ist langst von dem Glauben zuruckgekommen, das 
Primitivere sei unter alien Umstanden auch das Altere. Oft ist 
die sogenannte Volkskunst nur gesunkenes Kulturgut einer 
herrschenden Klasse, das, in ein breiteres Kollektivum aufge- 
nommen, sich erneuert. 

Es ist nicht das kleinste Verdienst des Groberschen Werkes, 
diese Bedingtheit des Spielzeugs durch die okonomische und 
ganz besonders durch die technische Kultur der Kollektiva 
schlagend gezeigt zu haben. Hatte man aber Spielzeug bis heute 
allzu sehr als Schopfung fur das Kind, wenn nicht als Schopfung 
des Kindes betrachtet, so wird das Spielen wiederum noch 
immer allzu sehr vom Erwachsenen her, allzu ausschliefilich 
unter dem Gesichtspunkt der Nachahmung angesehen. Und es 
lafit sich nicht leugnen, dafi es nur dieser Enzyklopadie des 
Spielzeugs bedurfte, um die Theorie des Spiels, die, seit Karl 
Groos im Jahre 1899 seine bedeutenden »Spiele der Menschen« 
erscheinen liefi, nie wieder im Zusammenhang behandelt wor- 
den ist, neu zu beleben. Sie hatte sich zuvorderst mit jener 
»Gestaltlehre der Spielgesten« zu befassen, von denen hier vor 
kurzem (18. Mai 1928) Willy Haas die drei wichtigsten auf- 
fiihrte: Erstens: Katze und Maus (jedes Fangspiel); zweitens: 
die Tiermutter, die ihr Nest mit Jungen verteidigt (z. B. der 
Goalwachter, der Tennisspieler); drittens: der Kampf zwischen 
zwei Tieren um die Beute, den Knochen oder das Liebesobjekt 
(um den Fufiball, den Poloball usw.). Sie hatte weiterhin die 
ratselhafte Zweiheit Stock und Reifen, Kreisel und Peitsche, 
Murmel und Schieber, den Magnetismus, der sich zwischen 
beiden Teilen bildet, zu erforschen. Wahrscheinlich ist es so: 
bevor wir im Aufierunssein der Liebe in das Dasein und den oft 
feindlichen, nicht mehr durchdrungenen Rhythmus eines frem- 



Spielzeug und Spielen 131 

den menschlichen Wesens eingehen, experimentieren wir friih 
mit urspriinglichen Rhythmen, die in dergleichem Spiel mit 
Unbelebtem in den einfachsten Formen sich kundtun. Oder viel- 
mehr, es sind eben diese Rhythmen, an denen wir zuerst unserer 
selbst habhaft werden. 

Endlich hatte eine solche Studie dem grofien Gesetz nachzu- 
gehen, dafi iiber alien einzelnen Regeln und Rhythmen die 
ganze Welt der Spiele regiert: dem Gesetze der Wiederholung. 
Wir wissen, dafi sie dem Kind die Seele des Spiels ist; dafi nichts 
es mehr begluckt, als »noch einmal«. Der dunkle Drang nach 
Wiederholung ist hier im Spiel kaum minder gewaltig, kaum 
minder durchtrieben am Werke als in der Liebe der Geschlechts- 
trieb. Und nicht umsonst hat Freud ein »Jenseits des Lust- 
prinzips« in ihm zu entdecken geglaubt. In der Tat: jedwede 
tiefste Erfahrung will unersattlich, will bis am Ende aller Dinge 
Wiederholung und Wiederkehr, Wiederherstellung einer Ur- 
situation, von der sie den Ausgang nahm. »Es liefie sich alles 
trefflich schlichten, / Konnte man die Sachen zweimal verrichten«, 
nach diesem Goetheschen Spriichlein handelt das Kind. Nur gilt 
ihm: nicht zweimal, sondern immer wieder, hundert- und tau- 
sendmal. Das ist nicht nur der Weg, durch Abstumpfung, mut- 
willige Beschworung, Parodie, furchtbarer Urerfahrungen Herr 
zu werden, sondern auch Triumphe und Siege aufs intensivste 
immer wieder durchzukosten. Der Erwachsene entlastet sein 
Herz von Schrecken, geniefit ein Gliick verdoppelt, indem er's 
erzahlt. Das Kind schafFt sich die ganze Sache von neuem, fangt 
noch einmal von vorn an. Vielleicht ist hier die tiefste Wurzel 
fiir den Doppelsinn in deutschen »Spielen«: Dasselbe wieder- 
holen ware das eigentlich Gemeinsame. Nicht ein »So-tun-als- 
ob«, ein »Immer-wieder-tun«, Verwandlung der erschutternd- 
sten Erfahrung in Gewohnheit, das ist das Wesen des Spielens. 
Denn Spiel, nichts sonst, ist die Wehmutter jeder Gewohnheit. 
Essen, schlafen, anziehen, waschen, miissen dem kleinen zucken- 
den Balg spielhaft, nach dem Rhythmus begleitender Verschen 
eingeimpft werden. Als Spiel tritt die Gewohnheit ins Leben, 
und in ihr, ihren starrsten Formen noch, iiberdauert ein Rest- 
chen Spiel bis ans Ende. Unkenntlich gewordene versteinerte 
Formen unseres ersten Gliicks, unseres ersten Grauens, das sind 
die Gewohnheiten. Und noch der trockenste Pedant spielt, ohne 



132 Kritiken und Rezensionen * 1928 

es zu wissen, kindisch nicht kindlich, am meisten, wo er am 
meisten Pedant ist. Er wird sich seiner Spiele nur nicht erinnern; 
ihm allein bliebe ein Werk wie dieses hier stumm. Wenn aber 
ein moderner Dichter sagt, es gebe fiir jeden ein Bild, iiber dem 
die ganze Welt ihm versinkt, wie vielen steigt es nicht aus einer 
alten Spielzeugschachtel auf ? 



Jakob Job, Neapel. Reisebilder und Skizzen. Zurich: Rascher 
u. Cie. A.-G. 1928. 255 5., 32 Abb. 

Vom Meere aus Neapel zu lieben ist leicht. Hat man den Fufi 
erst an Land gesetzt, ist man gar auf dem glutheifien laby- 
rinthischen Bahnhof dem Zug entstiegen, in einer ausgeleierten 
vettura, durch Wolken von Betonstaub, iiber ein Strafienpflaster, 
das so wenig je zur Ruhe kommt wie der Vesuv, umsonst vor 
uberfullten Gasthofen vorgefahren, so wendet sich schon das 
Blatt. Dann kommen die Erf ahrungen des ersten Tages, und sie 
zeigen, wie wenige dem unverstellten Bilde dieses Lebens — 
einem Dasein ohne Stille und Schatten — ins Auge sehen konnen. 
In wem bei der Beriihrung mit diesem Boden nicht alles abstirbt, 
was um Komfort weifi, der geht einem aussichtslosen Kampfe 
entgegen. Die andern freilich, denen in dieser Stadt das schmut- 
zigste, aber audi leidenschaftlichste und erschrockenste Antlitz 
begegnet, aus dem je Armut der Befreiung entgegenstrahlte, 
schliefit die Erinnerung an sie zu einer Kamorra zusammen. Fiir 
alles, was man von entwendeten Portefeuilles, verschleppten 
Madchen und verwanzten Betten zu erzahlen weifi, bleibt ihnen 
nur ein ungeriihrtes Lacheln. Sollten sie den Verfasser dieses 
Buches unter sich aufnehmen — so viel Liebe, gepaart mit so 
wenig Verstandnis, nimmt fiir ihn ein — so werden sie seinen 
Beitritt zum Bunde von der Leistung eines Schweigegeliibdes auf 
ewige Zeiten abhangig machen, sei es audi nur, weil sein Deutsch 
das inkorrekteste ist, das sich denken lafit. 

Wir blattern und finden vielversprechende Uberschriften: Ca- 
maldoli, Sorrent, Herbsttage in Seiano, Ravello. Wir lesen, und 
es ist vielleicht immer noch schon. Denn was dasteht, ist so ohne 
Gewicht, so riihrend, so trocken wie das geprefite Blatt eines 



Jakob Job 133 

Weinstocks von irgendeiner Vigne am Golf. Wunderbar lafit 
sidi traumen wahrend wirs halten. Da steht »Positano«, und 
ich sehe midi wieder auf der Strafie, die in Kehren den Ort 
durchzieht. Es ist Nacht. Wir sind eine kleine Gesellschaft: Ernst 
Bloch, der Philosoph, der trinkfeste Tavolato, Alfred Sohn- 
Rethel, ein jiingstes Glied aus der Familie des deutsch-romischen 
Malers. Der Mond stand am Himmel, und es war eine jener 
sudiichen Nachte, in denen sein Licht nicht auf den Schauplatz 
unseres Tagesdaseins zu fallen scheint, sondern auf eine Gegen-, 
eine Neben-Erde. Es war ein anderes Positano, das wir durch- 
zogen. Scharfer hoben sich iiberall die verlassenen Teile der 
grofien Stadt von denen ab, wo die wenigen Nachfahren einer 
Bevolkerung von einst vierzigtausend Seelen heut hausen. Denn 
so gewaltig war diese Siedlung im Mittelalter. Ich wufite gut, 
was hier fiir Erzahlungen umgehen, hielt aber nicht viel von den 
penetranten Gespenstergeschichten, die immer aufkommen, wo 
ein intellektuelles Wanderproletariat mit einer eingesessenen 
primitiven Bevolkerung zusammentrifft, sei es hier, in Ascona 
oder in Dachau. Es war also bestimmt nicht die Neigung, das 
Gruseln zu lernen und kaum ein ernstliches Interesse, das mich 
iiberkam, als ich plotzlich meine Begleiter bat, an der Strafie auf 
mich zu warten, um mich einige Schritte bergwarts, in eines der 
ausgestorbenen Quartiere, das gerade iiber mir aufstieg, machen 
zu lassen. Die Steinstufen waren riesig; ich liefi mir Zeit und 
nahm bedachtig eine nach der andern. So mochte ich dreifiig 
grofie Schritte getan haben, alles war still, und von der Strafie 
horte ich die Stimmen der Wartenden. Meine Lust weiterzu- 
steigen, hielt an. Aber bald wurde es schwerer. Ich spiirte, wie 
ich denen da unten entglitt, trotzdem ich in Hor- und Seh- 
weite, denkbar nah, blieb. Mich umgab eine Stille, eine Ver- 
lassenheit voller Ereignis. Leiblich drang ich mit jedem Schritte 
in ein Geschehn vor, von dem ich weder Bild noch Begriff hatte 
und das mich nicht dulden wollte. Plotzlich hielt ich zwischen 
Gemauer und Fensterhohlen, in einem Stachelwald scharfer 
Mondschatten inne. Um keinen Preis hatte ich einen Schritt 
weiter tun wollen. Und hier, unter den Augen memer vollig ins 
Wesenlose entriickten Begleiter, machte ich die Erfahrung, was 
es heifit, einem Bannkreis sich nahern. Ich kehrte um. 
Diese Erfahrung ist kein Kuriosum. Jeder kann sie dort machen. 



134 Kritiken und Rezensionen • 1928 

Darum ist es doppelt notwendig, sie vor Klischees zu bewahren 
wie diesem: »Nachts geht man in einem gespenstigen Dunkel. 
Aus schmalen Lochern, aus engen Nischen, aus hallenden Ge- 
wolben scheinen Fabelwesen uns anzufallen.« Das ist Positano, 
»wie es im Buch steht«. Das papierne Dorfchen, das der Ver- 
fasser uns aufbaut, weift natiirlich audi nichts von den Kraften, 
die an Clavels beriihmtem Turm gebaut haben. Es wird im 
Herbst ein Jahr, dafi dieser unvergessene Basler Sonderling 
gestorben ist: ein Mann, der sich sein Leben in die Erde hinein- 
gebaut, der in den Fundamenten seines Turmes schopferisch 
gehaust hat und an dem grofien carrefour der Zeiten, Volker 
und Klassen, das der Golf von Sorrent ist, Auskunft erteilen 
konnte wie wenige und in einem kleinen Briefe 1 mehr vori seiner 
Landschaft zu sagen hat als dies ganze Buch. 
Und doch: wenn ein Fundus von Erlebtem und Wissen die Be- 
dingung aller Reisebeschreibungen ist, wo fande sie in Europa 
einen Gegenstand wie Neapel, das allstiindlich den Reisenden 
so gut wie den Einheimischen zu Zeugen macht, wie uralter 
Aberglaube und allerneuester Schwindel sich zu zweckmaftigen 
Prozeduren vereinen, deren Nutzniefter oder Opfer er ist. Wie 
unvergleichlich durchdringen sie sich in den Festen, die diese 
Stadt verzehnfacht besitzt, weil jedes Quartier seinen eigenen 
Heiligen feiert, an dessen Namenstage es die andern Quartiere 
zu Gast ladt. Wie leicht liefie in der Darstellung dieser Feste 
eine stichhaltige, bereichernde Kenntnis von den Lokalitaten 
und den Sitten der Stadt sich einbringen - ein Aspektder Reise- 
beschreibung, auf den die deutschen Leser freilich, kaum fiinfzig 
Jahre nach Gregorovius und Hehn, schon ganzlich zu verzichten 
haben lernen miissen. Selbst das vorliegende Buch gewinnt seine 
besten Seiten der Schilderung festlicher Prozessionen ab. Aber 
hatte nicht mehr als die eingehende, allzu farb- und urteilslose 
Darstellung vom Blutwunder des heiligen Januarius ein einziger 
unter den Gebrauchen dieses Festes gesagt? Wenn der Tag ge- 
kommen ist und die Menge Stunde urn Stunde unter innigen 
Gebeten im Dom und im Vorhof des Wunders harrend auf den 
Knien liegt, dann haben die unter den Neapolitanern, deren 
Stammbaum auf die Familie des Heiligen zuruckftihrt, das 

1 s. Gilbert Gavel, Brief an Carl Albrecht Bernoulli vom 27. 8. 1927. In: Die Anna- 
len. Eine schweizerische Monatsschrift, Ho rgen -Zurich, 1927, S. 953-955. 



Anja und Georg Mendelssohn 135 

Redit, seiner saumigen Neigung fiir seine Schutzbefohlenen mit 
lautem Schimpfen, herrischen Fluchen so lange nachzuhelfen, bis 
ein winkendes Taschentuch vom Altar her verkundet, das Wun- 
der sei eingetreten, das Blut fliissig geworden. Warum horen wir 
nichts von Piedigrotta, dem orgiastischen Larmkult der Nacht 
vom aditen September und den gewaltigen Festgelagen, zu 
denen die Neapolitaner, wie die Nordlander in die Lebensver- 
sicherung, allwochentlich bei ihrem Kramer mit einigen Soldi 
sich einkaufen, urn, wenn die Zeit gekommen, iiber jedes Mafi 
und Vermogen schlemmen zu konnen. Den traditionellen Be- 
schlufi dieser Mahlzeit macht ein Flasdichen Rizinusol. Und das 
heidnische Larmen der Piedigrottanacht setzt sich in den alltag- 
lichen Festen fort, die der Neapolitaner mit der Technik begeht. 
Wenn er dem Ziel seiner Wunsche sich nahert, ein Motorrad 
erwerben zu konnen, probiert er gewissenhaft alle erreichbaren 
durch, um das gerauschvollste zu behalten. Nie werde ich die 
Eroffnung der Untergrundbahn vergessen, die tagelang nicht, zu 
benutzen war, weil alle Schalter von der Strafienjugend belagert 
waren, die den drohnend einfahrenden Zug drohnender iiber- 
schrie und die Tunnel wahrend der Fahrt mit einem zerreiflen- 
den Heulen erfiillte. Und noch die »Landpartie«, die Fahrt in 
Autokarawanen nach St. Elmo oder den Vomero herauf, mufi in 
Staub und Getose gebadet sein, um die rechte Freude zu 
machen. 

Zu alledem eroffnet des Autors Buch keinen Zugang. Dennoch 
wird derjenige Leser ihm dankbar sein, den es, seinem Thema 
zu, von sich selbst soweit abfiihrt, wie uns in dieser Besprechung. 
Und wenn wir einen Augenblick an die beigegeberien vorzug- 
lichen Aufnahmen des Verfassers denken, so konnen wir uns 
ohne Ironie diesem Leser anschliefien. 



Anja und Georg Mendelssohn, Der Mensch in der Handschrift. 
Leipzig: Verlag von E. A. Seemann (i928-)i9jo. VIII, 100 S. 

Braucht dies Werk eine Empfehlung? Ich glaube nicht. Es wird 

ein grofle"r Erfolg werden. Und ein durchaus verdienter. 

Es steht auf der Hohe der graphologischen Wissenschaft. Es 



136 Kritiken und Rezensionen • 1928 

steht auf der Hohe der graphologischen Intuition. Es steht auf 
der Hohe der sprachlichen Darstellungskunst. 
Es zeugt zudem - bei Werken mit psychoanalytischem Em- 
schlag ist das erwahnenswert - von hochstem Takt. Wenigstens 
stellen Kiirze und Prazision dieses Buches sich von einer gewis- 
sen Seite als Takt dar. Es sagt nirgends zu viel und sagt nichtis 
zu oft. Daher ist seine Stimme mindestens ebensosehr erweckend 
wie unterweisend. Endlich ist es von jener seltenen produktiven 
Bescheidenheit, die den bezeichnet, der ganz und gar im Innern 
seiner Sadie lebt, dem der Gedanke, ihr gegenuber selbstgefallig 
sich in Positur zu setzen, gar nicht kommen kann. 
Wenn es etwas gegeben hat, was am Betrieb der Graphologie 
fiir den lauteren Menschen peinlich sein konnte, so war es die 
Siiffisanz, mit der sie, in ihren vulgaren Vertretern, sich an die 
Neugier und an die Klatschsucht der Spiefier wandte, um denen 
nun >Die Wahrheit< iiber Krethi und Plethi, eine Galerie ent- 
schleierter Charaktere von der Urahne bis zur Stutze der Haus- 
frau zu eroffnen. Die neueren wissenschaftlichen Versuche von 
Klages, von Ivanovic und anderen haben damit natiirlich gar 
nichts zu schaffen. Aber so wehrhaft und eifersiichtig hat wohl 
das integrale Ratsel Mensch, das durch alle Analysen nur immer 
reiner ins Ratsel gelautert hindurchgeht, noch keiner gewahrt. 
Das ist der ruhmllche Ausdruck einer Methode, von welcher der 
erwahnte Takt der Darstellung nur die Erscheinung ist. Neu ist 
diese Methode nicht. In welchem Grade aber hier mit ihr Ernst 
gemacht wurde, das ist an diesem Werk das Entscheidende. Es 
stellt den Versuch dar, die Handschrift auch des zivilisierten 
Menschen durchaus als Bilderschrift zu erfassen. Und die Auto- 
ren haben den Kontakt mit der Bilderwelt in einem vordem 
unerreichten Mafi zu bewahren verstanden. Man hat das Rechts 
und Links, das Oben und Unten, das Schrag und Steil, das 
Schwer und Fein einer Handschrift von jeher fiir ausschlag- 
gebend gehalten. Aber darinnen geisterte immer noch ein vager 
Rest von Analogie und Metapher. Wenn es bei einer engen 
Schrift hiefi: »Der halt das Seine zusammen, d. h. er ist spar- 
sam«, so war das zwar richtig, aber die Sprache hatte die Ko- 
sten der graphologischen Einsicht zu tragen. Auch die »seelische 
Schaukraft«, die Klages aufruft, um sie zum Richter iiber das 
Formniveau, iiber das Mehr oder Minder von Reichtum, Fiille, 



Anja und Georg Mendelssohn 137 

Sda were, Warme, Dichtigkeit oder Tiefe der Sdirift zu madien, 
wird an entscheidenden Stellen auf das Bild stofien, das wir 
schreibend in unsere Handschrift wickeln. Und daher das rela- 
tive Recht, gegen Klages es geltend zu madien, dafi die Er- 
klarung der Handschrift als »fixierte Ausdrucksbewegung« nicht 
hinreicht. Denn »sie sagt: die Schrift ist determiniert durch die 
Geste - aber man kann diese Theorie erweitern: die Geste ist 
ihrerseits determiniert durch das innere Bild«. 
Es liefie sich leicht entwickeln, wie gerade diese Bindung an das 
Bild die Gabe hat, im Graphologen den Widerstand gegen die 
Versuchung moralischer Schriftauswertung hervorzubringen, der 
heut und bis auf weiteres von ihm verlangt werden mufi. Es 
ware ja noch schoner, wenn er von sich aus liber dergleichen 
Fragen sich mehr zu sagen getraute, als heute ein Mann von 
Ehre verantworten kann - namlich gar nichts. Oder mit den 
Worten der Verfasser zu reden: »Die Beobachtung [. . .] lehrt, 
dafi der Mensch sowohl die Licht- als audi die Schattenseiten 
seiner Eigenart in sich tragt.« Alles Moralische ist ohne Physio- 
gnomic, ein Ausdrucksloses, das unsichtbar oder blendend aus 
der konkreten Situation herausspringt. Es kann gewahrleistet, 
aber nie und nimmer gewahrsagt werden. Wohin es fiihrt, 
dariiber sich hinwegzusetzen, hat gerade die bedeutende Gra- 
phologie von Klages gezeigt. Wenn die Verfasser von seinem 
Grundbegriff, dem Formniveau, abriicken, an dessen Hohe oder 
Tiefe Klages zugleich den sittlichen Gradmesser fiir den Charak- 
ter des Schreibenden zu besitzen glaubt, so wird das durch die 
Abstrusitaten gerechtfertigt, die durch die Lebensphilosophie 
dieses Forschers seiner Graphologie auferlegt worden sind. 
»Lebensfiille der Menschheit und Ausdrucksgehalt ihrer seeli- 
schen Niederschlage sind seit der Renaissance in bestandigem, 
seit der franzosischen Revolution in reifiendem Absinken be- 
griffen; dergestalt, dafi auch die reichste und begabteste Person- 
lichkeit von heute als an einem unvergleichlich armeren Medium 
partizipierend, nur allerhochstens die Fiille dessen erreicht, was 
vor vier oder fiinf Jahrhunderten Durchschnitt war.« Dafi 
solche Gedankengange fiir den Streiter Klages ihren Ort und 
ihr Recht haben, ist nichts Neues. Es ware aber unleidlich, die 
Graphologie als Schwingungsmedium fiir solche Lebensphilo- 
sophien oder Geheimlehren sich denken zu miissen. In welchem 



138 Kritiken und Rezensionen • 1928 

Grade es ihr gelingt, von jedem Sektenwesen unabhangig sich 
zu behaupten, ist fur den Augenblick ihre Existenzfrage. Und es 
ist klar, dafl die Antwort nicht im Sinne einer Abschliefiung, 
sondern nur der schopferischen Indifferenz, eines »extreme 
milieu« moglich ist. 

Der Standort soldier schopferischen Indifferenz ist natiirlich 
niemals auf der goldenen Mittelstrafie zu suchen. Denn diese 
Indifferenz ist dialektischer, unablassig erneuter Ausgleich, kein 
geometrischer Ort sondern Bannkreis eines Geschehens, Kraft- 
feld einer Entladung. Fur die Theorie der Handschriftendeutung 
nun liefie, andeutungsweise, dieser Bereich geradezu durch den 
dynamischen (nicht median ischen) Ausgleich zwischen den Leh- 
ren von Mendelssohn und von Klages sich darstellen. Ihr 
Antagonismus ist darum so wichtig, weil er so fruchtbar ist. Er 
liegt begriindet in jenem von Leib und Sprache. 
Die Sprache hat einen Leib und der Leib hat eine Sprache. Den- 
noch - die Welt grundet auf dem, was am Leibe nicht Sprache 
ist (dem Moralischen) und an der Sprache nicht Leib (dem 
Ausdruckslosen). Dahingegen hat freilich die Graphologiedurch- 
aus es mit dem zu tun, was an der Sprache der Handschrift das 
Leibhafte, am Leibe der Handschrift das Sprechende ist. Klages 
geht von der Sprache aus: will sagen vom Ausdruck, Mendels- 
sohn vom Leibe: will sagen vom Bild. 

Gliickliche Hinweise fuhren in den bisher noch kaum geahnten 
Reichtum dieser Bilddimension ein. In vielem gehen die Ver- 
fasser auf Bachofen und auf Freud zuriick. Aber sie sind aufge- 
schlossen genug, audi im Unscheinbaren, wo nur immer es Wert 
und Ausdruck fur unser Lebensgefiihl gewann, sich einen Bilder- 
fonds zu eroffnen. Nichts geistvoller und doch sachgemafter als 
der folgende Vergleich zwischen Handschrift und Kinderzeich- 
nung, in dem die Zeile den Erdboden darstellt. »Die Buchstaben 
stehen seit einem gewissen Punkt ihrer Entwicklung [. . .] auf 
der Zeile, wie ihre Urbilder, Menschen, Tiere und Dinge, auf 
dem Erdboden standen. Man darf sich durch die Tatsache der 
unter die Erdoberflache stofienden Unterlangen nidit davon 
abhalten lassen, die Beine auf der Zeile zu suchen, wenn man 
sich Buchstaben in korperliche Darstellungen zuriickverwandelt. 
Auf gleicher Hohe, daneben, konnen in anderen Buchstaben 
Kopf, Auge, Mund, Hand stehen, ebenso wie in der friihen 



Paris als Gottin 139 

Kinderzeichnung, die eine Zusammenordnung und Proportio- 
nierung von Korperteilen nochnicht kennt.« Ebenso bedeutungs- 
voll sind die skizzierten Umrisse einer kublschen Graphologie. 
Die Handschrift ist nur scheinbar ein flachenhaftes Gebilde. Die 
Druckgebung zeigt an, dafi eine plastische Tiefe, ein Raum 
hinter der Schriftebene fiir den Schreibenden existiert, und auf 
der anderen Seite verraten Unterbrechungen in den Schriftziigen 
die wenigen Stellen, an denen die Feder in den Raum vor der 
Schriftebene zurucktritt, um ihre »immateriellen Kurven« darin 
zu beschreiben. Ob der kubische Bildraum der Schrift ein mikro- 
kosmisches Abbild des Erscheinungsraumes der Hellsicht ist? Ob 
in ihm die telepathischen Schriftdeuter wie Rafael Scherman ihre 
Aufschliisse holen? Jedenfalls eroffnet die Theorie vom kubi- 
schen Schriftbild die Aussicht, eines Tages die Handschriften- 
deutung der Erforschung telepathischer Vorgange dienstbar zu 
machen. 

Dafi eine Lehre in so weit vorgeschobener Position alles Apolo- 
getische, mit dem die alteren Werke einzusetzen pflegten, ebenso 
ausscheidet wie alle Polemik, ist selbstverstandlich. Das Buch 
entwickelt, was es zu sagen hat, von innen heraus* Selbst Hand- 
schriftenproben findet man hier nicht so zahlreich wie sonst in 
dergleichen Biichern. Die graphologische Anschauung ist so in- 
tensiv, daE die Autoren fast das Wagnis hatten unternehmen 
konnen, an einer einzigen Handschrift die Elemente ihrer 
Wissenschaft - besser gesagt: ihrer Praktik - aufzurollen. Wer 
zu sehen versteht wie sie, fiir den ist jeder Fetzen beschriebenen 
Papiers ein Freibillett fiirs grofte Welttheater. Ihm zeigt er die 
Pantomime des ganzen Menschenwesens und Menschenlebens in 
hunderttausendfacher Verkleinerung. 



Paris als Gottin 
Phantasie iiber den neuen Roman der Fiirstin Bibesco J . 

Eine bibliographische Allegorie: Die Gottin der Hauptstadt von 
Frankreich, in ihrem Boudoir, traumerisch ruhend. Ein Mar- 

1 Marthe Bibesco, Catherine-Paris. Roman. (Dcutsch von Kathe Illich.) Wien, Leip- 
zig: F. G. Speidcl'sche Verlagsbuchhandlung {1928). 36s S. (Die Oberseuung ist gut.) 



140 Kritiken und Rezensionen -1928 

morkamin, Gesimse, schwellende Polster, Tierfelle uber Diwan 
und Estrich. Und Nippes, Nippes uberall. Modelle vom Pont 
des Arts und von der Tour Eiffel. Auf Sockeln, um die Erinne- 
rung an so viel Verschollenes wachzurufen, in winzigem Mafi- 
stab Tuilerien, Temple und Chateau d'Eau. In einer Vase die 
zehn Lilien des stadtischen Wappens. Doch all dies malerische 
bric-a-brac gesteigert, iibertrumpft, begraben durch die unuber- 
sehbare Menge' tausendgestaltiger Bucher — Sedeze, Duodeze, 
Oktavos, Quartos und Folios aller Grofie und Farbe — von 
unbelesenen Amoretten aus den Liiften dargeboten, von Faunen 
aus dem Fullhorn der Portieren ausgeschiittet, von Genien 
kniend vor ihr ausgebreitet: Die Huldigungen des dichtenden 
Erdballs. Keusche, mit SchlieCen versicherte, in geschrumpftes 
Leder gewandete Strafienverzeichnisse aus der Jugend der Stadt, 
dem wahren Kenner weit verfiihrender als die schwelgerisch 
sich entblatternden Bilderatlanten; schamlos in aller schwarzen 
Pracht der Kupferdrucke erschlossene »Mys teres de Paris «; 
eitle Bande, die dieser Stadt einzig von ihrem Verfasser reden, 
von seinem Scharfblick, seiner Distinktion, wenn nicht gar von 
den glucklichen Augenblicken, die er bei ihr genossen, und Bu- 
cher von der adligen Demut kristallener Spiegel, in denen die 
hohe Gefeierte sich in alien Gestalten zugleich erblickt, die sie 
im Lauf der Jahrhunderte annahm. Das wichtigste Kennzeichen 
des barocken Emblems, das wir hier post festum entwerfen, 
nicht zu vergessen: wie im Vordergrund die Biicherflut, uber die 
wolbige Rampe des Boudoirs sich ergiefiend, zu Fiifien eines 
Rezensentenkollegiums aufschlagt, das alle Hande voll zu tun 
hat, sie zu teilen und abzufangen. 

Von allem, was hier angespiilt werden mag, hat das Buch der 
Furstin Bibesco die Grundsubstanzen. Dieser Roman hat Ge- 
schichte, Statistik, Topographie von Paris auf gute Art in sich 
integriert. Sproder und phantasievoller ist der Stadt selten 
gehuldigt worden. Eine Leidenschaft bricht hindurch, wie nur 
die Fremden sie kennen. Denn die Furstin Bibesco ist Rumanin. 
Ihre Heldin iibrigens audi. Legt das schon nahe, Gestandnisse 
hier zu sehen und den Schlussel fur die Personen zu suchen, so 
sind die inneren Griinde dafiir noch besser. Die gottliche Imper- 
tinenz der Heldin konnte sie wohl, wenn sie sich einmal zum 
Schreiben entschlosse — und wer sagt, dafi sie es hier nicht getan 



Paris als Gottin 141 

hat? — zur Verfasserin eines Schliisselromanes machen. Und 
vielleicht kame man sogar dem Charme und Wert des Buches 
genauer auf die Spur, entschlosse man sich einmal, hypothetisch, 
den Schliisselroman als Kunstform zu sehen. Man brauchte dann 
nicht, wie der erste Gatte der Verfasserin, ein hochgeborener 
polnischer Magnat zu sein, um gestehen zu miissen, dafi er 
gegliickt ist. In Polen hat man sich denn aber bei kunsttheoreti- 
schen Subtilitaten nicht aufgehalten, und die Moral der Erzah- 
lung, im Einklang mit einer Lebenserfahrung der Verfasserin, in 
den schlichten Worten gesehen: On n' Spouse pas un Polonais. 
Gegenstiick zu der resignierten Oberschrift des vierten Kapitels: 
On n 5 epouse pas une ville — namlich Paris, das sie denn schliefi- 
lich doch in Gestalt eines Fliegerleutnants sich antraut. 
Wie dem nun sei, der Schliisselroman ist eine echt romantische 
Variante der Romanform. Es stimmt dazu vorziiglich, dafi die 
Furstin ganz offenbar bei dem romantischsten Romancier unter 
den Heutigen sich geschult hat. Wenn man ihr Werk sich vor- 
nimmt, sieht man erst, was dieser Giraudoux fur ein grofier 
literarischer Prinzenerzieher ist. Von rechtswegen. Niemand 
praktiziert den romantischen Absolutismus virtuoser als er. Von 
Giraudoux stammt jener merkwiirdige Facettenreichtum, der 
vorher im Roman ganz unbekannt war. Es lohnt die Miihe, ihn 
zu betrachten. Er hat nichts mit der Geschliffenheit der Rede- 
weise Wildescher Figuren zu tun; ist vielmehr die geschliffene 
Kantigkeit und die tausendflachige Transparenz der Figuren 
selbst. Der Verfasser hat es in ihnen mit Prismen zu tun, an 
denen seine Geflihle in den feurigsten Farben sich brechen. So 
weit der Lyrismus dieser neuen Romanform. In welchem Glanze 
er sich geltend macht, zeigt eins seiner letzten, exzentrischsten 
Bucher, die »Eglantine«. In anderem Sinne aber ist hier »Bella« 
heranzuziehen. Nicht umsonst auch sie ein Schliisselroman oder, 
wie Horatio sagen wiirde, »ein Stuck von ihm«. Denn das ist 
das andere Element: die Aktualitat, die Prasenz des Sportlichen, 
des Politischen, des Mondanen. Von hier droht diesen Biichern 
die Gefahr des Snobismus wie vom Lyrischen die des Preziosen. 
Zwischen diesen beiden Polen sind die Romane dieses neuen 
Typs der fulminante Ausgleich. Oder, weil in diesem Bild die 
Autoren zu kurz kommen: Leitartikel und Liebeslied sind die 
beiden Pfosten, zwischen denen das Seil gespannt ist, und wel- 



142 Kritiken und Rezensionen • 1928 

diem die Verfasser mit der Balancierstange ihrer Gescheitheit 
sich hin und her zu bewegen haben. Und die Furstin Bibesco ist 
wirklich klug. Die Weisheit des Herzens und die Erfahrungen 
des Hoflebens durchdringen sich ihr in einem barocken En- 
semble, das von fern an die grofien schreibenden Praktiker, 
Krieger und Kirchenfursten, des siebzehnten Jahrhunderts er- 
innert. »Er wufke vielleicht, was alle Ehrgeizigen, wenn sie ihr 
Ziel erst erreicht haben, wissen, dafi der Besitz der Macht nur 
eine einzige Wollust kennt: die Macht zu verachten« - ist das 
nicht eines Vauvenargues wiirdig? 

So mag sich denn die Verfasserin audi eine barocke Apotheose 
gefallen lassen: Gegenbild eines beliebten Vorwurfs der alten 
Meister. Wie oft zeigen sie uns nicht den siegreichen Feldherrn, 
wenn er mit reprasentativer Gebarde die Schlussel einer erober- 
ten Stadt in Empfang nimmt? Hier iiberreicht mit gleich grofier 
Geste ein erobertes Herz der Stadtgottin seine Schlussel. 



Alexys A. Sidorow, Moskau. (Hrsg. unter Mitwirkung von 
M. P. Block.) Berlin: Albertus-Verlag (1928). XXIV S. 3 2000 
Abb. (Das Gesicbt der Stddte.) 

Da sind sie also: die VorstadtstrafSen mit den stotternden Gat- 
tern, die sich endlos dahinziehen, die Putten von den nichts- 
nutzigen Standbildern, die Pudowkin zu allegorischem Bruch- 
eisen zerschlug, die in Kuppeln erstickten Turme, von zwei- 
tausend ein gutes Hundert, die Kirchlein des altesten Kreml, die 
wie Hiitten von Waldfrauen sind, die da hausen mochten, ehe 
dieser sanfteste, thronendste Hiigel gerodet wurde, chram 
spassitelja, die Erloserkirche, nichtssagend wie ein Zarengesicht, 
hart wie das Herz eines Gouverneurs, die unzahligen Segeltuch- 
schwingen, die an Markttagen auf den Arbat und den Ssucha- 
rewsky-Platz in Schwarmen sich niederlassen, und den Ssucha- 
rewsky-Turm selber, dieser riesige Kachelofen, der sich nicht 
heizen lafit, die wiisten, welligen Platze, an deren Rande die 
Bahnhofe Moskaus schwankend vor Anker liegen, die Hauser 
Mosselprom und des Gosstorg, aus Glas- und Betonklotzen, die 
ersten »selbstgebauten« der Bolschewiken, der Strasnoy-Platz 



Alexys A, Sidorow 143 

mit seinem Sparbiichs-Kloster,.der Rote Platz, in welchen von 
alien Seiten die russische Steppe hineinflutet, um an die Kreml- 
mauer zu branden, und diese Mauer selbst mit den anbetungs- 
wiirdigen Zinnen, die in sich wie ein russisches Frauenantlitz 
Siifiigkeit und Roheit vermahlen, die neuen Trickplakate des 
neuen Moskau - rauchende Moslem, Autos und Filmstars in 
natiirlicher Grofie - die in dieser »Prarie der Architektur« wie 
bei uns am Bahndamm entlang sich staffeln, und wieder die 
Profile des Kreml, auf den der Himmel braver und treuer 
herunterschneit als auf sonst einen Flecken auf Erden, und die 
Kremltore, die fester als alle Tore Europas Ehrfurcht und 
Schrecken in ihrer Leibung zu halten wufken, die Moskwa, vor 
deren Ufern die Stadt freundlicher blickt wie ein Bauernmad- 
chen, das an den Spiegel herantritt, die Gewerkschaftshauser, 
Fabriken, Konsumpalaste, deren Fassaden an roten Feiertagen 
der rote Wandkalender des Proletariats sind, die Dorfkirchen 
der nahen Umgebung, die wie Dacher sind, die man sauber ins 
tiefe Gras stellte, und das Dach der Basilius-Kathedrale - ein 
groftes, verholztes Steppendorf ohne Turen und Fenster -, das 
Historische Museum, das hier mit einem Male nach Moskau, 
und nur in Moskau nach Charlottenburg aussieht, die Tvers- 
kaja, deren enge Laden versteinerte Marktbuden sind, Datschen, 
Sommerhauschen unweit der Stadt, deren schiefe Gatter dem 
Fremden mehr winken als wehren, und Datschen im Winter, 
die tiefer und trauriger schlafen als das verschneiteste Feld und 
der einsamste Kirchhof. Und in all diesen Bildern, klein und 
verschwimmend oder plastisch und groft die Menschen, die diese 
Stadt schufen und schandeten, verrieten und forderten, liebten 
und lasterten, die dichte oder lichte Masse, die sie bezwang oder 
von ihr bezwungen wurde, die in Parks und auf Platzen singt 
und friert, hungert und heult, jubelt und turnt, und aus welcher 
sich diese Manner zusammengefunden haben, die ihrer Heimat 
den scharfen, tiefen Blick in ihr Antlitz taten, aus dem dies 
durch und durch erf reuliche Buch entstand. 



144 Kritiken und Rezensionen • 1928 

I[saac] Benrubi, Philosophische Stromungen der Gegenwart in 
Frankreicb. Leipzig: Meiner 1928. VIII, $50 5. 

Ein niitzliches Werk, in dem die verschiedenen franzosischen 
Philosophenschulen mit dem ganzen Stab ihrer Schiiler vorbei- 
ziehen. Jeder halt ein Fahnchen mit dem Verzeichnis seiner 
wichtigsten Schriften. Einige Fiihrergestalten: Comte, Ribot, 
Durkheim, Renouvier, eine imposante Menge von Sorbonnards, 
deren Abhandlungen die letzten fiinfzig Jahrgange der Fach- 
zeitschriften ausfiillen und im Ganzen da bleiben konnen, und 
schiiefilich die paar markanten Outsider, von denen wir mit viel 
Interesse erfahren, in welcher Gesellschaft sie vor Jahren einmal 
ausmarschierten. Heute beschworen uns Namen wie George 
Sorel, Albert Thibaudet, Julien Benda, Jules de Gaultier nicht 
immer das Tableau der ideologischen Kampfe, an denen sie in 
ihrer Jugend teilhatten. Dadurch wird eine Darstellung, die 
audi sie aus dem Gesichtspunkt der allgemeinen Geistesbewe- 
gung behandelt, um so interessanter. 



Feuergeiz-Saga 1 

Man kennt die einsamen Landsitze des nordlichen Amerika, aus 
denen Poe die traurigen Feenschlosser der Arnheim, der Landor 
und der Usher erstehen liefi. Nun taucht von neuem und wie fiir 
ewig ein solches Bauwerk in seiner Umfriedung von Tannen 
mit dem Blick iiber Park und Waldung bis auf die fernen 
blauenden Hiigel auf. Und niemand, der als Leser da eintrat, 
kann sagen, was er gesehen hat. Denn schwerlich gibt es Ro- 
mane, die unerzahlbarer bleiben, unerzahlbarer von Anfang an 
waren als die Werke von Julien Green. Keine mit andern Wor- 
ten, vor denen nach einem »Schlussel« oder »Erlebnis« zu fahn- 
den oberflachlicher oder perverser ware. Keine, die sich strenger 
verschlieflen. Keine, die klassischer waren. Wo liegt dann aber 
das lebendige Prinzip soldier Werke? 
Dies hier ist nicht Ausgeburt von einem Erlebnis. Es ist vielmehr 

1 Julien Green, Mont-Cinere. Roman. (Deutsch von Rosa Breuer-Lucka.) Wien, Leip- 
zig: F. G. Speidel'sche Verlagsbudihandlung (1928). 336 S. 



/. Benrubi ■ Feuergeiz-Saga 145 

erfahrbare Wirklichkeit an sich selber. Ein Wettersturz bricht 
iiber den Leser herein. Was hier vorgeht, ist ein meteorologischer 
Ausgleich zwischen dem Klima menschlicher Urgeschichte und 
dem unserer heudgen Zonen, der nicht anders als katastrophal 
sich vollziehen kann. Diesen Roman nacherzahlen? Genau so 
gut konnte man einenvzumuten, ein nachtliches Gewitter her- 
zuerzahlen. 

Wenn die Blitze den Nachthimmel spalten, reifit eine Helle den 
Blick auf tausendstel Sekunden in fernste Fernen. So tun hier, 
eine nach der andern, fahl und fluchtig, die Lichtungen der 
Zeiten sich auf. Dies Haus »im allereinfachsten Stil amerikani- 
scher Wohnbauten, truhenformig, mit einem Saulenvorbau, der 
fast iiber die ganze Lange der Front sich hinzieht«, ist bald im 
Unwetter wie ein Nachthimmel transparent und eine Abflucht 
von Hohlen, Kammern und Galerien geworden, die sich in die 
Urzeit der Menschheit verlieren. 

Wohnen - noch immer ist es also ein Hausen, ein Geschehen 
voller Angst und Magie, das vielleicht niemals verzehrender 
war, als unter der Decke des zivilisierten Daseins und der 
biirgerlich-christlichen Kleinwelt? Denn es glimmt und schwelt 
unter dieser Decke; kalte Flammen des Geizes lecken an den 
Wanden des frostigen Hauses. Wenn am Ende eine Feuersbrunst 
seine Fenster erleuchtet und aus dem Dachstuhi emporschlagt, ist 
es zum ersten Male erwarmt. 

Die Urgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts, deren Monu- 
mente seit den Surrealisten immer vernehmlicher zu uns spre- 
chen, 1st urn ein unvergeflliches Zeugnis reicher. Wenn eines der 
tiefsten, legitimsten Motive der neuen Architektenschukn darin 
zu suchen ist, die magischen Gewalten zu liquidieren, denen wir 
in Zimmern und Mobiliar unfehlbar und ahnungslos unter- 
stehen, wenn sie uns aus Bewohnern in Benutzer der Hauser, 
aus stolzen Besitzern in praktische Verachter verwandeln wol- 
len, so ist das nur die Kehrseite von Erleuchtungen, wie sie 
dieses Werk inspiriert haben. Hier ist das Bett wirklich noch 
Thron, den die Traumenden beziehen oder die Sterbenden, das 
Feuer im Kamin wirklich noch ewige Herdflamme, wie die 
schreckliche Vestalin, die Heldin des Buches es nahrt, die Nah- 
kunst wirklich noch der Schicksalszauber, den selbst die letzte 
Magd mit den Parzen teilt. Und mit dem Umkreis der primitiv- 



146 Kritiken und Rezensionen * 1928 

sten Verrichtungen ist audi das Inventar des Hauses schon 
erschopft, das Vokabular des Autors geschlossen. Die morali- 
schen Begriffe des Katechismus, die Gegenstandswelt der Fibel - 
das sind die Runen, aus denen diese drei Frauen, die der Dichter 
in seinen Kreis lud, streng, achtlos, vertraumt sich ihr Schicksal 
zusammenlesen. 

Diese Sagenwelt liegt genau so tief unter der Erdoberflache wie 
die Marchenwelt liber ihr. Emily ist das Marchenkind - nur 
gespiegelt. Wie im Marchen, in all seiner Anmut das Sonntags- 
kind hilflos und siegreich dasteht, so steht hier drohend, schreck- 
lich, dennoch unterliegend, die Heldin dieser Geschichte. Gabe 
es einen Werktag vor anderen, stiinde das Grau aller Wochen- 
tage in Einem gesammelt, das ware der Geburtstag der Heldin, 
ware ihr Lebenstag. Ja, er ist es, denn das ist der Tag, der 
jahraus, jahrein iiber Mont-Cinere liegt. Dies Alltags-Werk- 
tags-Miihsalskind, das ungelautert und auf verrufenen Wegen 
in wenigen Jahren das Greisenalter gewann und nichts von der 
schrecklichen Torheit der Fruhzeit verlpr, steht zwischen ihrer 
eigenen und deren Mutter, nach Natur und Alter dieser viel 
naher als jener. Jene - das ist die fromme, die arme, treu- 
sorgende Witwe der Marchen. Aber gespiegelt: so fromm wie 
herzlos; so treu und sorglich mit Leinen, Hausrat und Brenn- 
holz wie treulos und sorglos gegen Mutter und Kind; so arm 
und reich, wie nur ein Geizhals es sein kann. Diese - die Grofi- 
mutter, die, wie wir aus Marchen es kennen, dem Kind an 
langen Winterabenden Geschichten erzahlt; aber es sind Ge- 
schichten, wie der Verfolgungswahn sie der Irren zuraunt und 
denen das Kind sich nur darum preisgibt, weil der Kimin im 
Zimmer der Kranken der einzige ist, wo ein Feuer breriht. Und 
da ist Stevens, der Gartnerbursche, der torichte Glucksprinz, 
der die Prinzessin erlost. Nur gespiegelt: denn nun erst, nach 
der Hochzeit, beginnt die wahre Geschichte, und wenn sie nicht 
verbrannt sind, so brennen sie heute noch. Die Marchenwelt, wie 
sie im nachtschwarzen Wasser des Todes sich spiegelt. »Ach weh! 
Frau Mutter, wie weh!« sang der junge Brentano, als er den 
Blick in den gleichen Spiegel hineintat. 

Emily sitzt im Schaukelstuhle, am Fenster. Sie sieht in die Land- 
schaft hinaus. Sie betrachtet sie aufmerksam wie ein Bild. »Ihr 
Blick glitt unaufhorlich von einem Punkte zum andern. Man 



Feuergeiz-Saga 147 

fiihlte: das war eine unter vielen kleinen Zerstreuungen, wie sie 
ein Leben ohne grofie Beschaftigungen ausfiillten. Und eine, die 
zur Regel geworden war.« Es ist ein Tag wie tausend andere. 
Vielleicht aber doch nicht: Vielleicht ist es der geheimnisvolle 
Tag, von dem ein grower zeitgenossischer Denker, Franz Rosen- 
zweig, schreibt: »Das Selbst iiberfallt den Menschen eines Tages 
wie ein gewappneter Mann und nimmt von allem Gut seines 
Hauses Besitz.« Dies tief Verschlossene, in sich vertrotzte Selbst, 
das Erbe samtlicher Gestalten dieses Dichters, tritt hier als 
stummer Hochmut des Besitzes in die Heldin ein. Und nicht so 
bald erscheint es, ist dies Kind in seinem Pratendententrotz 
erstarrt wie Odipus in seiner Verblendung, Antigone in ihrer 
Pflicht, Elektra in ihrer Rache. Es ist nicht zuletzt die aufier- 
ordentliche Komposition, die diese Vergleiche heraufruft. Ein 
Menschenschlag, ein sagenhaftes Geschlecht, das in der griechi- 
schen Tragodie die Verhaftung im Mythos zum erstenmal 
durchbricht - nichts anderes als diese Durchbruchstelle ist die 
Tragodie — , taucht hier mitten in der gespenstischen Helle und 
Niichternheit des vorigen Jahrhunderts in sein finsterst.es, ge- 
bundenstes, ausweglosestes Dasein von neuem unter. Daher 
konnte das Aufierordentliche eintreten: ein Roman die Not- 
wendigkeit der antiken Tragodie erreichen, ja eine hoffnungs- 
losere und strengere. Denn hier mussen die Tore fehlen, durch 
welche der Chor sich eindrangt. 

Doch ist es nicht im Grunde germanische viel eher als griechische 
Antike, der Todestrotz germanischer Frauengestalten, der hier 
im Geiz sich auf das unheilvollste mit jener scheelen, verkiim- 
merten Dingwelt verklammert? Der Trotz hat sich aufs Unna- 
tiirlichste geworfen und den Besitz zum Charakter geschlagen. 
So ist die Heldin von Mont-Cinere in friiher Jugend schon von 
Leidenschaft verholzt, durchwachsen. In allem ihrem Tun ein 
einziges, atemraubendes Widerspiel zu dem reinen, sachlichen 
Kinde, das in den Marchen handelt. Dem miissen alle Dinge 
zum besten dienen. Es hat eine gluckliche Hand. Wie anders 
hier. Wie glanzend besteht dies Kind die Marchenprufung von 
den sechs Armenhemdchen, und dennoch wird die Fee, die 
tapfere Methodistenschwester, die sich seiner annimmt, mit 
ihrem Segen nur Not und Tod stiften. Denn der Geiz ist immer 
in Todesnoten, ihm werden alle Dinge zum Strohhalm, an 



148 Kritiken und Rezensionen • 1928 

welchen er in letzter Angst sich klammert. Dem Geiz kommt 
iiberall der Boden der Kassette zum Vorschein. Die Welt ist ihm 
fadenscheinig von Anfang an. Er ist immer Matthai am letzten. 
Giotto vergafi ihn unter den Allegorien der Laster in Padua. 
Aber mit jeder ihrer Gebarden sind die Gestalten dieses Werkes 
bereit, in den ewigen Zyklus seiner Fresken hineinzutreten. 



Johann Wolfgang von Goethe, Farbenlehre. Herausgegeben und 
eingeleitet von Hans Wohlbold. Jena: Eugen Diederichs 1928. 
559 $• 

Im vergangenen Winter hat der Berliner Bibliophilen-Abend 
an seine Mitglieder als Festgabe eine Faksimile-Ausgabe der 
Goetheschen »Beitrage zur Optik« verteilen lassen. Vielleicht ist 
unter den Beschenkten manchem — wie dem unterfertigten 
Zaungast — der Gedanke gekommen, ob man dies Werk nicht 
gerade als das enfant terrible unter den Goetheschen Geistes- 
kindern fur so besonders geeignet gehalten hat, in eine ge- 
schlossene Gesellschaft zitiert zu werden. Hiefi es nicht, die 
Freiheit dieser Tafelrunde auf das schmeichelhafteste sich zum 
Bewufksein bringen? Wer so vor sich hinspann, wird nun be- 
sonders erfreut sein, dafi inzwischen ein Verleger und ein 
Herausgeber sich recht offentlich und ausdriicklich zu ihm be- 
kannt und auch die Kosten und Bemiihungen nicht gescheut 
haben, es zwar weniger altfrankisch, aber adrett gekleidet und 
vor allem mit seinem ganzen vielfarbigen Spielgerat unter die 
Leute zu schicken. 

So diffizil die Sache fiir jeden Laien, jeden Physiker, jeden 
Goethe-Forscher sich anlafit, zeigt sich doch bald, daft sie sich 
von mehreren Seiten mit Nutzen betrachten lafit. Und zwar 
auch dann, wenn man die nachstliegende Frage: Newton oder 
Goethe - wer hatte recht? vorerst aus dem Spiel lafit. Denn 
erstens gibt es bekanntlich in der »Farbenlehre« mehrere Kapi- 
tel, die mit der mathematischen Physik nichts zu tun haben. 
Unter ihnen hat man das letzte von der »Sinnlich-Sittlichen 
Wirkung der Farbe« von jeher besonders gern gelten lassen. Es 
fiihrt in das unerschopfliche Gebiet der Farbensymbolik, wo 



Goethe, Farbenlehre 149 

man den Dichter und seine Leser mit tausend Freuden sich selbst 
iiberliefi. Mit diesem Brauche ist leider auch diesmal nicht ge- 
brochen worden. Interessante Vergleiche, wie sie zum Beispiel 
zwischen Goethes Farbendeutung und der aufierordentlichen in 
Kandinskys Werk »£Jber das Geistige in der Kunst« nahegele- 
gen hatten, darf man hier nicht suchen. Desto wichtiger sind die 
Hinweise, die der Herausgeber in einer anderen Richtung ge- 
geben hat. So gewifi namlich die Farbenlehre ihrem physikali- 
schen Wahrheitsgehalte nach auflerhalb des Goetheschen For- 
schungszusammenhanges zustandig ist, so gewifi gehort sie nach 
ihrem philosophischen Gehalt in dessen Zentrum. Und ganz 
ausgezeichnet hat Wohlbold die »Farbenlehre« als ein Gegen- 
stiick zur »Metamorphose der Pflanze« darzustellen verstanden. 
»So wie die Urpflanze als Idee sich in der Stoffwelt zur sinn- 
lichen Pflanze zu gestalten sucht, will sich das Licht in der 
Finsternis Ausdruck schafTen. Deshalb konnen wir hier wie 
dort von einer Metamorphose sprechen.« Goethes Lehre »bildet 
sich nicht ein, Farben aus dem Licht zu entwickeln; sie sucht uns 
vielmehr zu iiberzeugen, dafi die Farbe zugleich von dem Lichte 
und von dem, was sich ihm entgegenstellt, hervorgebracht 
werde«. Das ist der Kern der Sache. Das ist der Sinn des be- 
ruhmten Wortes: »Die Farben sind die Taten und Leiden des 
Lichtes.« 

Es ist schade, sehr schade, daft es gerade der angelaufene Zerr- 
spiegel von Rudolf Steiners Weltbild ist, in dem der Heraus- 
geber diese Wahrheiten am adaquatesten erblickt haben will. 
Das kummerliche, fahrige Wesen, das durch die Erzeugnisse 
dieser Schule geht, hat ihm denn auch eine wichtige Seite seines 
wohlangelegten Manuskriptes ganz gehorig verwischt. Es gibt 
namlich in der hundertjahrigen Debatte iiber die Goethesche 
Optik eine bestimmte, entscheidende Frage, die nun nicht mehr, 
nicht wieder durfle verschleiert werden: Steht Goethes physi- 
kalische Farbenlehre zu der Newtons disparat - d. h. lafit sie 
sich unter Umstanden unabhangig von der Newtonschen hal- 
ten? oder kontrar - d. h. mufi, wenn die eine wahr ist, die 
andere falsch sein und umgekehrt? Und wenn wirklich Newton 
keine Instanz gegen Goethe ist, und es richtig sein sollte, der 
Physik stehe »ein Urteil iiber Goethes Farbenlehre gar nicht 
zu«, und wenn sie »in dieser Frage nicht kompetent« ist, so 



1 50 Kritiken und Rezensionen * 1928 

hatte die Exaktheit erfordert, zu betonen, dafi Goethe selber, 
der von Newton, dem »Anfiihrer der Kosaken« bekanntlich in 
den drastischsten Ausdriicken redet, sicli uber dieses Verhaltnis 
durchaus nicht klar war. Eines aber diirfte doch feststehen: daf$ 
namlich die Sache sich keineswegs so behandeln lafit, wie der 
Herausgeber es traumt. Er erklart: »Schliefilich kommt es nicht 
auf Berechnungen und auftere Beweise an. Es gibt ein Empfin- 
den, einen Instinkt, konnte man fast sagen, fur das, was ein 
rechter und ein falscher Weg ist. Beweise liegen, wie des Schick- 
sals Sterne, in der eigenen Brust. Mafigebend ist letzten Endes 
der innere Gewinn. Wenn Naturbetrachtung einen Wert haben 
soil, so kann dieser doch schliefilich nur in einer Erhohung des 
Menschentums liegen, in einer Steigerung des Erlebens, einer 
inneren Gestaltung und Verwandlung.« Das ist nun in der Tat 
die Sprache eines »HLiters der Schwelle«. Bedenklich genug, dafi 
es die des physikalischen Kabinetts im Goethe-Haus ist, zu 
dessen optischen Sammlungen der Herausgeber den Katalog 
verfafite 1 . 

Die Auseinandersetzung der Goetheaner und der Physiker ist 
ein Jahrhundert lang ein Stellungskampf geblieben. Unleugbar 
ist der Verfasser in Goethes Pbsitionen heimisch. Goethes Ober- 
zeugungen, daf? die rein naturhafte, physisch-psychische Ausstat- 
tung des Menschen ihm diejenigen Bilder des Daseins liefert, die 
fur ihn die wichtigsten sind, dafi die Optik beim »Hindurch- 
qualen der Spektra durch viele enge Spalten und Glaser« nichts 
zu gewinnen habe, sind die seinen. Aber in diese Voraussetzun- 
gen der Goetheschen Haltung hat schon Simmel tiefe Blicke 
getan. Man kann gewifi nur gewinnen, wenn man sich fiir die 
immanenten Zusammenhange der Goetheschen Optik an beide 
halt, an Simmel und Wohlbold, Aber man wird dann auch nicht 
vergessen diirfen, was gerade iiber die wichtigste Frage, die 
Frage der Auseinandersetzung und der Entscheidung von einem " 
der glanzendsten Interpreten der Farbenlehre, S. Friedlander, 
in seiner viel zu wenig bekannten »Schopferischen Indifferenz« 
geschrieben wurde: »Die wahre Aufklarung wird hier nur durch 
einen mathematisch gebildeten Goetheaner geschehen konnen; 
und Goethesche Mathematik ist weniger ein holzernes Eisen als 
vielmehr das holzerne Pferd, mit dessen Hilfe Goethes Griechen 

1 Er steht ubrigens in keinem weiteren Verhaltnis zum Goethe-National-Museum. 

i 



Neues von Blumen 151 

endlich das barbarische Troja der Optik erobern und die ihnen 
geraubte Helena der Farbenschonheit . wiedergewinnen wer- 
den.« 



Neues von Blumen 1 

Kritisieren ist eine geselltge Kunst. Auf das Urteil des Rezen- 
senten pfeift ein gesunder Leser. Aber was er im Tiefsten gou- 
tiert, ist die schone Unart, uneingeladen mitzuhalten, wenn der 
andere liest. Das Buch auf solche Weise aufzuschlagen, so dafi es 
winkt wie ein gedeckter Tisch, an dem wir mit all unseren Ein- 
fallen, Fragen, Oberzeugungen, Schrullen, Vorurteilen, Gedan- 
ken Platz nehmen, so daft die paar hundert Leser (sind es so 
viele?) in dieser Gesellschaft verschwinden und gerade darum 
sich*s wohl sein lassen - das ist Kritik. Zumindest die einzige, 
die dem Leser Appetit auf ein Buch macht. 

Sind wir fur diesmal einig, so soil auf den elnhundertzwanzig 
Tafeln dieses Buches fur zahllose Betrachtungen und zahllose 
Betrachter gedeckt sein. Ja, so viel Freunde wiinschen wir die- 
sem reichen und nur mit Worten kargenden Werke. Man wird 
aber das Schweigen des Forschers ehren, der diese Bilder hier 
vorlegt. Vielleicht gehort sein Wissen zu jener Art, die den 
stumm macht, der es besitzt. Und hier ist wichtiger als das 
Wissen das Konnen. Wer diese Sammlung von Pflanzenphotos 
zustande brachte, kann mehr als Brot essen. Er hat in jener 
groften Oberpriifung des Wahrnehmungsinventars, die unser 
Weltbild noch unabsehbar verandern wird, das Seine geleistet. 
Er hat bewiesen, wie recht der Pionier des neuen Lichtbilds, 
Moholy-Nagy hat, wenn er sagt: »Die Grenzen der Photo- 
graphic sind nicht abzusehen. Hier ist alles noch so neu, daft 
selbst das Suchen schon zu schopferischen Resultaten fiihrt. Die 
Technik ist der selbstverstandliche Wegbereiter dazu. Nicht der 
Schrift- sondern der Photographieunkundige wird der Analpha- 
bet der Zukunft sein.« Ob wir das Wachsen einer Pflanze mit 

1 Karl BlofSfcIdt, Urformcn der Kunst. PhotographiscJic Pflanzcnbildcr, Herausgcge- 
ben mit einer Einleitung von Karl Nierendorf. Berlin: Ernst Wasmuth [1928]. XVIII, 
120 S. 



152 Kritiken und Rezensionen ■ 1928 

dem ZeitrafFer beschleunigen oder ihre Gestalt in vierzigfacher 
Vergrofierung zeigen - in beiden Fallen zischt an Stellen des 
Daseins, von denen wir es am wenigsten dachten, ein Geysir 
neuer Bilderwelten auf. 

Diese Photographien erschliefien im Pflanzendasein einen gan- 
zen unvermuteten Schatz von Analogien und Formen. Nur die 
Photographie vermag das. Denn es bedarf einer starken Ver- 
grofterung, ehe diese Formen den Schleier, den unsere Tragheit 
viber sie geworfen hat, von sich abtun. Was ist von einem Be- 
trachter zu sagen, dem sie schon in der Verhullung ihre Signale 
geben? Nichts kann die wahrhaft neue Sachlidikeit seines Vor- 
gehens besser dartun, als der Vergleich mit jenem einstigen 
unsachlichen und doch so genialen Verfahren, kraft dessen der 
ebenso geschatzte wie unverstandene Grandville in seinen 
»Fleurs animees« den ganzen Kosmos aus dem Pflanzenreiche 
hervorgehen lie£. Er greift es vom entgegengesetzten Ende - 
weifi Gott nicht zart - an. Er stempelt diesen reinen Natur- 
kindern das Straflingsbrandmal der Kreatur, das Menschen- 
gesicht, mitten in die Blute hinein. Dieser grofie Vorlaufer der 
Reklame beherrschte eines ihrer Grundprinzipien, den graphi- 
schen Sadismus, wie kaum ein anderer. Ist es nicht merkwurdig, 
hier nun ein anderes Prinzip der Reklame, die Vergrofierung ins 
Riesenhafte der Pflanzenwelt, sanft die Wunden heilen zu 
sehen, die die Karikatur ihr schlug? 

»Urformen der Kunst« - gewifi. Was kann das aber anderes 
heifien als Urformen der Natur? Formen also, die niemals ein 
blofies Vorbild der Kunst, sondern von Beginn an als Urformen 
in allem Geschaffenen am Werke waren. Im iibrigen mul! es 
dem nuchternsten Betrachter zu denken geben, wie hier die Ver- 
groEerung des Grofien - z. B. der Pflanze oder ihrer Knospe 
oder des Blattes - in so ganz andere Formenreiche hineinfiihrt, 
wie die des Kleinen, etwa der Pflanzenzelle im Mikroskop. Und 
wenn wir uns sagen mussen, dafi neue Maler wie Klee und mehr 
noch Kandinski seit langem damit beschaftigt sind, mit den 
Reichen uns anzufreunden, in die das Mikroskop uns barsch und 
gewaltsam entfiihren mochte, so begegnen in diesen vergrofter- 
ten Pflanzen eher vegetabilische »Stilformen«. In dem Bischof- 
stab, den ein StraufSfarn darstellt, im Rittersporn und der Bliite 
des Steinbrech, die audi an Kathedralen als Fensterrose ihrem 



»Adrienne Mesurat« 153 

Namen Ehre macht, indem sie die Mauern durchstofit, spiirt 
man ein gotisches parti-pris. Daneben freilich taudien in Schach- 
telhalmen alteste Saulenformen, im zehnfach vergrofierten 
Kastanien- und Ahornsprofi Totembaume auf, und der Sprofi 
eines Eisenhufes entfaltet sich wie der Korper einer begnadeten 
Tanzerin. Aus jedem Kelche und jedem Blatte springen uns 
innere Bildnotwendigkeiten entgegen, die in alien Phasen und 
Stadien des Gezeugten als Metamorphosen das letzte Wort be- 
halten. Das riihrt an eine der tiefsten, unergriindlichsten For- 
men des Schopferischen, an die Variante, die immer vor andern 
die Form des Genius, der schopferischen Kollektiva und der 
Natur war. Sie ist der fruchtbare, der dialektische Gegensatz 
zur Erfindung: das Natura non facit saltus der Alten. Das weib- 
liche und vegetabilische Lebensprinzip selber mochte man mit 
einer kiihnen Vermutung sie nennen diirfen. Die Variante ist 
das Nachgeben und das Beipflichten, das Schmiegsame und das, 
was kein Ende findet, das Schlaue und das Allgegenwartige. 
Wir Betrachtenden aber wandeln unter diesen Riesenpflanzen 
wie Liliputaner. Briiderlichen Riesengeistern, sonnenhaften Au- 
gen, wie Goethe und Herder sie hatten, ist es noch vorbehalten, 
alle Siifie aus diesen Kelchen zu saugen. 



»Adrienne Mesurat« 1 

Der hervorragende Pariser Romancier und Chronist Paul 
L^autaud hat einmal gesagt: »Die Biicher, die zahlen, sind von 
Anfang bis zu Ende in gleichem Ton ohne Paradestucke und 
efFektvolle Stellen geschrieben. Paradestucke und effektvolle 
Stellen sind ein Merkmal minderwertiger Biicher. « Die homo- 
gene Schlichtheit der Erzahlung kann nicht weiter getrieben 
werden, als es der junge Julien Green in seinen beiden ersten 
Romanen getan hat. Nun wissen wir alle, dafi nichts schwerer 
ist als solch schwellen- und nuancenloses Berichten. Und diese 
Schwierigkeit ist wahrhaftig keine stilistische. Man versteht 
Green sehr gut, wenn er sagt, dafi ihm Stil etwas ist, was er 

1 Julien Green, Adrienne Mesurat. Paris: Plon 1927. 355 S. 



154 Kritiken und Rezensionen • 1928 

hafit, Stil ist in seinem Sinne ein Kunstgriff, dem Xrmlichen, 
Banalen der Erfahrung und des Gedankens einen Anflug von 
Originalitat zu geben. Je weniger forciert, je schlichter und 
fafilicher dagegen ein Bericht ausfallt, desto dichter und aufier- 
ordentlicher mufi die Welt sein, aus der er stammt. Andernfalls 
wird er bei aller Sachlichkeit nur urn so nichtiger wirken. Kurz: 
Schlichtheit, um zu bestehen, mufi auf den Grund der Dinge 
vordringen. Ein oberflachlicher Naturalismus mag stilisiert zur 
Not wie etwas Lesbares aussehen. (Beispiele wiirden Seiten 
fiillen, und nicht mit den schleditesten Namen.) Aber ein Werk 
von der sprachlichen Niichternheit der »Adrienne Mesurat« 
mufi aus der metaphysischen Grundschicht des Wirklichen stam- 
men, um Gehalt und Bedeutung zu haben. 

Wirklich ist der Roman dem Naturalismus niemals ferner ge- 
wesen als in diesem Werk. Eben daher dessen innere Wahrheit, 
die in der Kunst der aufiern immer widerspricht. Kunst heifit 
die Wirklichkeit gegen den Strich bursten. Sie glatten und polie- 
ren ist Tapeziererarbeit. Wie eines aus dem andern in »logischer 
Folge sidi abrollt«, wie die Menschen »so lebenswahr und so 
plastisdi geschildert sind« - kleinburgerliche Polsterkiinste. 
Aber die Kunst ist hart. Sie will nicht »eins aus dem andern« 
entwickeln, sondern vieles aus wenigem. Sie lafit uns wie das 
Russische Theater Meyerholds in den Schnurboden der Leiden- 
schaften hineinsehen und zeigt das simple, zackige Raderwerk: 
Einsamkeit, Furcht, Hafi, Liebe, Trotz, das hinter jedem Ge- 
schehen steht. Und nicht als »psychologische Motive « bewegen 
diese Gewalten die Handelnden: sie schaffen sich in ihrem 
Schicksal Ausdruck. 

Greens Abstand von dem iiblichen Typus des Romanciers ist in 
der Kluft zwischen Vergegenwartigung und Schilderung einbe- 
griffen. Green schildert die Menschen nicht, er vergegenwartigt 
sie in schicksalhaften Momenten. Das heifit: sie gebarden sich 
ganz so, wie wenn sie Erscheinungen waren. Adrienne Mesurat, 
die im Staubwischen innehalt, um Familienportrats zu betrach- 
ten, der alte Mesurat, der sich den Bart streicht, Madame Le- 
gras, die mit Adriennes Kette das Weite sucht - so und nicht 
anders waren jede ihrer Gebarden, wenn sie als arme Seelen 
jenseits des Grabes diese Augenblicke von neuem durchleben 
mufiten. Diesen Blick in die trostlose Stereotypic aller schicksal- 



» Adrienne Mesurat« 1 5 5 

haften Momente hat Green nur mit Einem gemein. Es ist der- 
selbe Blick, den Pirandello auf die sechs Personen wirft, die 
ihren Autor suchen. Der gleiche Blick, nur aus dem unbewegli- 
chen, leidenschaftslosen Auge des nordischen Menschen. Aus 
einem Malerauge dazu. Dieser geburtige Amerikaner war bis 
zu seinem dreiundzwanzigsten Jahre Maler. Dann schrieb er in 
fiinf Monaten seinen ersten Roman »Mont-Cinere«. Probe- 
weise, wie er sich ausdriickt und beinah mit der Gewifiheit, auf 
vollige Interesselosigkeit zu stoEen. 

»Meine Neigung geht dahin, mir auszusinnen, was mir am 
fernsten liegt. Was nicht ausgedacht ist, ist wertlos fiir mich. 
Und ich ware nicht fahig, den mindesten Strafienunfall, den ich 
als Augenzeuge erlebte, wiederzugeben.« Das stimmt durchaus 
zu dem seltsamen Eindruck, der alien Werken des Dichters 
eignet. Trotz ihrer prazisen Details, ihrer drastischen Kata- 
strophe geben sie denn doch das Gefiihl, es konne, ja vielleicht 
es miisse einer sie geschrieben haben, der fast nichts, geschweige 
denn solches erlebte. Und schlimm genug, wenn es paradox 
klingt: aber nur die lautersten, gewaltigsten Werke konnen 
solchen Eindruck im Leser wecken. (Oder sehen vielleicht »Don 
Quichote«, »Krieg und Frieden« im entferntesten Sinne erlebt 
aus?) Aber das Befremdliche geht, in gleicher Richtung, noch 
weiter. Wie dieses Werk - »Adrienne Mesurat«- - nicht Erleb- 
nissen sondern einer Vision entstieg, so ist es audi nicht zeit- 
gemaE im Sinne der Heutigen, vielmehr ein unscheinbares und 
freilich um so wesentlicheres Beweisstuck in einem historischen 
Prozefiverfahren, das noch gar nicht eroffnet wurde. » Adrienne 
Mesurat« gehort gleich Stendhals Romanen einer Gattung von 
Werken an, deren Aktualitat im Zeitpunkt ihres Erscheinens 
latent ist, so daft kaum einer sich ihrer versieht, und erst im 
Licht des Nachruhms erkennbar wird, wodurch sie das Innerste 
ihrer Epoche bekunden. Alles an dieser Erzahlung von den 
primitiven Kraften im Menschen bis zu den nicht minder ur- 
spriinglichen seiner Umwelt scheint derart zeitlos, da£ wir uns 
kaum vorzustellen vermogen, man werde spater auf den ersten 
Blick erkennen, sie sei heute geschrieben. Es sei denn - um zum 
Schlufi das Grundmotiv wenigstens anzuschlagen -, wir ge- 
stehen uns ein,da£ die Vision der Liebe, die es beherrscht, in der 
Tat nur heute aufsteigen konnte: eine Gestalt zwischen Scheuer- 



i$6 Kritiken und Rezensionen • 1928 

weib und Erinnye, wie sie den feuchten Lappen, den Menschen- 
leib, solange in ihren gewaltigen Handen wringt, bis der letzte 
Tropfen Leben aus ihm herausflofi. 



1929 



RUCKBLICK AUF CHAPLIN 

Der »Zirkus« ist das erste Alterswerk der Filmkunst. Charlie 
ist alter geworden seit seinem letzten Film. Aber er spielt sich 
audi so. Und das Ergreifendste an diesem neuen Film ist, zu 
fuhlen, dafi Chaplin den Kreis seiner Wirkungsmoglichkeiten 
nun iiberblickt, entschlossen ist, mit ihnen und nur mit ihnen 
seine Sadie zu Ende zu fiihren. Oberall geht die Variante seiner 
grofiten Motive in voller Herrlichkeit auf. Die Verfolgung ist 
in einen Irrgarten verlegt, das unerwartete Auftauchen mufi 
einen Zauberer verbliifTen, die Maske des Unbeteiligtseins macht 
ihn zur Marionette in einer Jahrmarktsbude . . . 
Die Lehre und die Mahnung, die aus diesem grofien Werke 
herausblicken, haben Philippe Soupault den Anstofi zu einem 
ersten Versuche gegeben, das Bild von Chaplin als historische 
Erscheinung zu beschworen. Die ausgezeichnete Pariser Revue 
»Europe« (Rieder, Paris), auf die wir demnachst ausfiihrlicher 
hinweisen werden, brachte im Novemberheft einen Essay des 
Dichters, der eine Reihe von Gedanken entwickelt, um die ein 
endgiiltiges Bild des grofien Kunstlers sich eines Tages wird 
kristallisieren konnen 1 . 

Da ist zunachst einmal mit allem Nachdruck gesagt, dafi Chap- 
lins Verhaltnis zum Film im Grunde ganz und gar nicht das des 
Akteurs, geschweige des Stars ist. In Soupaults Sinne dlirfte man 
geradezu sagen: Chaplin ist, in seiner Totalitat gesehen, so 
wenig Akteur wie der Schauspieler William Shakespeare. Sou- 
pault sagt es und sagt es mit Recht: »Die unbestreitbare Ober- 
legenheit von Chaplins Filmen . . . beruht darauf, dafi in ihnen 
eine Poesie waltet, auf die jeder im Leben stofit, ohne es freilich 
immer zu wissen.« Natiirlich heifit das nicht, Chaplin sei 
»Dichter« seiner Yilmmanuskripte. Er ist eben Dichter von sei- 
nen Filmen, d. h. Regisseur. Soupault hat gesehen, dafi Chaplin 
zuerst (die Russen sind ihm darin gefolgt) den Film auf Thema, 

1 Philippe Soupault, Charlie Chaplin. In: Europe. Revue mensuelle, Bd. 18, Paris 
1928, S. 379-402- 



158 Kritiken und Rezensionen * 1929 

Variation, kurz auf Komposition, gestellt hat, und dafi das 
Alles zum herkommlichen Begriff von spannender Handlung in 
volligem Gegensatz steht. Soupault hat darum audi so ent- 
schieden wie bisher wohl noch niemand, den Gipfel von Chap- 
lins Produktion in »L'opinion publique« erkannt. Jenem Film, 
in dem er selbst bekanntlich gar nicht auftritt und der in 
Deutschland unter dem torichten Titel »Die Nachte einer scho- 
nen Frau« lief. (Die »Kamera« sollte ihn jedes halbe Jahr 
wiederholen. Er ist eine Stiftungsurkunde der Filmkunst.) 
Wenn wir erfahren, daft fur dieses Werk von 3000 m 125 000 m 
gedreht wurden, so gibt das einen Begriff von der gewaltigen 
hingebenden Arbeit, die in Chaplins Hauptwerken steckt. Es 
gibt aber audi einen Begriff von den Kapitalien, die dieser 
Mann mindestens so notig wie ein Nansen oder Amundsen 
braucht, um seine Entdeckungsfahrten nadi den Polen der Film- 
kunst auszuriisten. Man mufi Soupaults Besorgnisse teilen, dafi 
die ge'fahrlichen finanziellen Anspriiche von Chaplins zweiter 
Frau im Verein mit dem Konkurrenzkampf, den die amerikani- 
schen Trusts gegen ihn fiihren, die Produktion des Mannes 
lahmlegen. Chaplin soil einen Napoleon- und einen Christus- 
Film planen. Mtissen wir nicht befiirchten, solche Projekte seien 
riesige Paravents, hinter denen der grofie Kunstler seine Miidig- 
keit birgt? 

Es ist gut und nutzlich, dafi im Augenblick, da das Alter sich 
zum erstenmal in Chaplins Zugen abzeichnet, Soupault an die 
Jugend und den territorialen Ursprung seiner Kunst erinnert. 
Naturlich ist dieses Territorium die Groftstadt, London. »Auf 
seinen endlosen Gangen durch die Londoner Straften mit ihren 
schwarzen und roten Hausern lernte Chaplin beobachten. Er 
selbst hat erzahlt, daft der Gedanke, den Typ des Mannes mit 
der Melone, den Hackschrittchen, dem kleinen kurzgeschnitte- 
nen Schnurrbart und dem Bambusstabchen in die Welt zu 
setzen, ihm zum erstenmal beim Anblick der kleinen Angestell- 
ten vom Strand kam. Ihm sprach aus dieser Haltung und Klei- 
dung die Gesinnung des Mannes, der etwas auf sich halt. Aber 
audi die andern Typen, die ihn in seinen Filmen umgeben, 
stammen aus London: das junge, schuchterne, gewinnende Mad- 
chen, der vierschrotige Flegel, der immer drauf und dran ist, 
mit den Fausten um sich zu schlagen, und wenn er sieht, dafi 



Riickblick auf Chaplin • Russische Romane 159 

man vor ihm nicht Angst hat, Reifiaus zu nehmen, der an- 
mafknde Gentleman, den man am Zylinder erkennt.« An dieses 
Selbstzeugnis schliefit Soupault eine Parallele zwischen Chaplin 
und Dickens an, die man nachlesen und weiterverfolgen mag. 
Chaplin bestatigt mit seiner Kunst die alte Erkenntnis, dafi nur 
eine sozial, national und territorial aufs strengste bedingte Aus- 
druckswelt die grofie unabgesetzte unddoch hochst differen- 
zierte Resonanz von Volk zu Volk findet. In Rufiland weinten 
die Leute, als sie den Pelerin sahen, in Deutschland interessiert 
die theoretische Seite seiner Komodien, in England liebt man 
seinen Humor. Kein Wunder, dafi diese Unterschiede Chaplin 
selbst verwundern und faszinieren. Mit nichts gibt ja der Film 
so unverwechselbar zu erkennen, welche gewaltige Bedeutung 
er haben wird, als dafi niemand auf die Idee kam oder kommen 
konnte, dem Publikum eine hohere Instanz iiberzuordnen. 
Chaplin hat sich in seinen Filmen an den zugleich international- 
sten und revolutionarsten AfTekt der Massen gewandt, das Ge- 
lachter. »Allerdings«, sagt Soupault, »Chaplin bringt nur zum 
Lachen. Aber abgesehen davon, dafi das das Schwerste ist, was 
es gibt, ist es audi im sozialen Sinne das Wichtigste.« 



Russische Romane 

F. Panferow, Die Genossenschaft der Habenichtse. Roman. (Aus dem 
Russischen iibertr. von Edith Hajos.) Berlin: Verlag filr Liter atur 
und Politik [1928]. 436 S. 

Im Zivilisationsprozefi der letzten hundert Jahre ist es dem 
Dorf seltsam ergangen. Zunachst - und fast bis in die jungste 
Zeit - ist die Kluft zwischen Stadt und Land immer weiter ge- 
worden. Der Fortschritt der Zivilisation beruhte zum grofSten 
Teil auf Bedingungen, die im Dorf nicht zu schaffen waren. 
Plotzlich, im Laufe weniger Jahrzehnte, ist hier alles anders 
geworden. Kam es ehemals nicht in Frage, Gasanstalten fiir 
Dorfer zu bauen, so versorgen Oberlandzentralen das kleinste 
Dorf so gut wie die Grofistadt mit elektrischem Licht. Kein 
noch so mittelmafiiges Orchester konnte an Gastspielreisen in 



160 Kritiken und Rezensionen * 1929 

Dorfer denken - im Radio spielen grofie Dirigenten fiir jedes 
Wirtshaus. Friiher war, wenn es hoch kam, ab und zu die Vor- 
stellung einer Schmiere zu sehen - im Kino sieht der Bauer so 
gut wie der Snob die Stars. Wenn auch dies alles nur schematisch 
zutrifft und sehr verschieden sich bewerten liefie - die Tatsache 
selbst ist unbedingt festzuhalten. Denn sie 1st im Begriff, aus 
dem sozialokonomischen Wesen »Dorf « etwas vollig Neues zu 
machen. 

Natlirlich mufi diese Entwicklung am grellsten zutage treten, wo 
es im Dorfe am finstersten war. In Rutland also. Mit ihr hat 
Panferows Buch es zu tun. Es belauscht sie, mit unerhorter 
Diskretion, als einen biologischen Prozefi. Es halt sich engstens 
an die Wirklichkeit, meidet die Utopie, auch die bescheidenste. 
Von Elektrifizierung des Dorfes, Industrialisierung der Land- 
wirtschafl: und wie die Schlagworte des Parteiprogramms heifien, 
horen wir also nichts. Desto wichtiger ist der Traktor - der 
eine, erste, den die Genossenschaft der Habenichtse, der armen 
Bauern, sich von der Kreisbehorde auf Kredit beschafft, um ihn 
auf einem harten, wiisten Landstiick anzusetzen, das sie kollek- 
tiv in Besitz nimmt. Unsagliche Schwierigkeiten. Viele fallen ab. 
Sabotage. Im Verborgenen operieren die reichen Bauern, die 
natiirlichen Feinde der Sowjets. Die Revolution nahm ihnen, 
was sie erspart hatten und die alte Vormacht im Dorf und das 
Recht, sie von neuem sich zu erobern. Das Recht, aber nicht 
immer die Kraft. Die Zahigkeit ihres Widerstandes, die Ge- 
schicklichkeit ihrer Manover, die Meisterschaft ihrer primitiven 
Diplomatic, ihre Skrupellosigkeit, ihre Dummheit, die sie im 
entscheidenden Augenblick um den Erfolg bringt, kommen mit 
unendlichem Variantenreichtum zum Vorschein. Gerade ermacht 
das kunstvolle Leben des Buches. In der ganzen Erzahlungstofit 
man nur ein einziges Mai auf den politischen terminus technicus 
fiir den Feind, den reichen Bauern: Kulak. So weit ist man hier 
von Schablonen entfernt. Aber den lebenswarmen, schwierigen, 
nachtlichen Nahraum des Dorfes, das Dorf, das wohl im Allge- 
meinen, nicht aber im Einzelnen, sondern dann erst wieder im 
Unscheinbarsten, in der Nuance genau so ist, wie der Leninismus 
es konstruiert: das dargestellt zu haben, ist Panferow rund und 
erfrischend gelungen. Anders also, als die Plakate es haben 
wollen, wo »auf der einen Seite der Feind der Revolution, der 



Russische Romane 1 6 1 

Kulak, auf der anderen Seite der Verteidiger der Revolution, 
der Kleinbauer« zu sehen ist, »wahrend der Mittelbauer abseits 
stent und unentschlossen auf der Lippe kaut«. 
Panferow ist selbst aus dem Bauernstande hervorgegangen; 
daher diese leisen Sarkasmen auf jeden burokratischen Aspekt 
vom Dorfe. Aber hier spricht nicht nur ein grofier Kenner, son- 
dern ein Verdichter und Durchdringer. Wie die Bauern, so gehen 
audi ihre Tage lautlos, auf Fufiwickeln, durch das Dorf, Schau- 
platz und Jahreszeiten wechseln unaufdringlich und zart, aber 
hart und genau ist, was sie bringen. Schweif?, Kampf, Liebe und 
Tod. Hart und genau ist audi das Budi entstanden, in Stunden, 
die nach der Arbeit in der Redaktion der »Krestanskaja Gazie- 
ta«, der Arbeiterzeitung, dem Dichter blieben. Und ihrer waren 
nicht wenige. Denn Panferow war wohnungslos, als er dies Buch 
schrieb, nachtigte im Bureau. Das Erscheinen dieses Werkes hat 
seine Lage verandert. Es war ein grofier Erfolg. 30 000 Exem- 
plare waren in drei Wochen abgesetzt. Das Sowkino erwarb 
die Filmrechte. Offizielle Weihen kamen dazu. Lunartscharski 
begriifite das Buch in der »Prawda«; Rufiland stellt diesen Auf- 
bauroman der Landwirtschaft neben Gladkows ahnlich gerich- 
teten Industrieroman »2ement«. 

Den deutschen Rezensenten aber mufi unmittelbarer ein Anderes 
betreffen: Wie ist dies mit Geruch und Klima der Wolga-Niede- 
rung gesattigte Werk doch gastlich, frei, nach alien Seiten ofTen, 
kurz ganz das Gegenteil der suffisanten, kleinbiirgerlichen Enge, 
die hierzulande »Heimatkunst« genannt wird. Die Erwartun- 
gen, Erfahrungen, Hoffnungen, Parolen der Sowjetpolitik sind 
freilich unter diesen Bauern erst im EntgHmmen. Im Buche aber 
sind sie strahlend da und dringen in das Dorf wie riesenhafte 
Scheinwerfer ein, die dem Raum mit ihren einander iiberschnei- 
denden Kegeln ein ungeahntes neues Gesicht geben. 

Tarassow-Rodionow, Februar. Roman. Ubersetzung aus dem Russi- 
scben von Olga Halpern. Potsdam: Gustav Kiepenbeuer Verlag 1928* 
$88 S. 

Rodionow Tarassow ist bisher im Deutschen nur mit der ausge- 
zeichneten, viel zu wenig bekannten Novelle »Schokolade« 
erschienen, einem eindringlichen Portrat des Kriegs-Kommunis- 



1 62 Kritiken und Rezensionen • 1929 

mus. Audi das neue Werk kommt aus dem Stoffkreis der Revo- 
lution. »Februar« ist der erste Teil einer Trilogie »Schwere 
Schritte«. Sie wird mit den beiden folgenden Banden »Juni« 
und »Oktober« die ganze Geschichte der Revolution in der 
Form der Roman-Chronik umfassen. Der vorliegende Band 
fuhrt bis zum Sturz der Kerenski-Regierung. Tarassow bemuht 
sich, den Vorgang dokumentarisch, unter Beibehaltung aller 
Daten und Namen aufzuzeichnen. Er hat aber nicht nur die 
Archive studiert, sondern als Rot-Armist selber mitten in den 
Befreiungskampfen gestanden. Das gibt der Darstellung jene 
scharfe, emotionelle Bewegung, die schon im Vorwort sich an- 
kiindigt. Don macht zu Beginn des grofien Unternehmens der 
Verfasser den Einwurf: Ist es nicht noch zu friih, eine iiber- 
schauende, zusammenfassende Darstellung jener Vorgange anzu- 
streben? Und er erwidert sich selbst: »Wie kann es aber zu friih 
sein, wenn der Uhrzeiger, der schon Milliarden Sekunden durch- 
lief, ein immer dichteres Netz der Vergessenheit spinnt, in dem 
die grellen Bilder jener nicht wiederkehrenden Tage immer 
defer und tiefer versinken.« Der vorliegende Band lafit die 
nachfolgenden mit Spannung erwarten. Wir werden nach ihrem 
Erscheinen auf das Ganze zuriickkommen. 



ZWEI BtJCHER UBER LYRIK 

Franz Hey den i Deutsche Lyrik. Nacbschaffende Betrachtungen lyri- 
scher Gedichte. Hamburg, Berlin, Leipzig: Hanseatische Verlagsan- 
stalt (1929). 236 S. 

Die Situation: »So singt es und klingt es, die Sinne in bestrik- 

kendem Wohllaut umschmeichelnd, schier endlos.« Heyden: 

Deutsche Lyrik, S. $9. 

Es gibt Situationen, da kann einer gar nichts kliigeres tun, als 

sich dumm stellen. Es sind nicht die Ungefahrlichsten, die diese 

Taktik verlangen. Und wir rechnen die Situation, in die diese 

»Nachschaffenden Betrachtungen lyrischer Gedichte « den Leser 

versetzen, nicht zu den harmlosen. 

Der Verfasser nimmt keinen Anstand, zum Genufi lyrischer 



Zwei Bucher iiber Lyrik 163 

Dichtungen einzuladen. Andere an dem »im Genuf$« Empfun- 
denen teilnehmen zu lassen, das ist eingestandenermafien die 
Absicht. Bleiben wir beim Genuft. Auf dem Tisch steht eine 
Schokoladentorte. Bestimmt wird die gute Hausfrau zum Ge- 
nusse derselben einladen. Aber wird sie in der »nachschafTenden 
Betrachtung« der Torte Mittel zu dessen Steigerung oder gar 
dessen Wesen sehen? Bestihimt nicht. Sie wird sogar diese nach- 
schaffende Betrachtung eher zu vermeiden suchen. Und es ist 
gar nicht erfindlich, warum wir ihren guten Tischsitten nicht an 
geisterhafteren Tafeln Respekt verschaffen. 
Bleiben wir begriffsstutzig. Stutzen wir bei dem Begriffe: Ge- 
nufi. Der ist doch nur die erste Etappe, das Vorspiel der Einver- 
leibung. Mit der Einverleibung, die dem Genufi folgt, setzt das 
Hauptstiick des Vorgangs erst ein. Was hielten wir von einer 
Physiologie der Ernahrung, die es nur mit den Freuden des 
Geschmacksinns zu tun hat? Nichts. Genau so viel von dem 
Buch, das hier vorliegt. Denn gerade fur das lyrische Gedicht 
wie fur sonst nichts im Schrifttum gilt: nur wo es einem ganz zu 
Fleisch und Blut geworden ist, beginnt es sein Werk. Der Schau- 
platz aber alles Forderlichen, Nahrhaften, Nutzbaren, das der 
Lyrik einwohnt, heifit Gedachtnis und ist in diesem Buche 
nirgends betreteh. »Werde auswendig«, das ist das Geheift, mit 
dem jede lyrische Dichtung ins Leben tritt. Schauplatz seiner 
Erfiillung ist das Gedachtnis. 

»Nicht die Starke, sondern die Dauer des grofien Gefiihls macht 
den grofien Menschen« schreibt Nietzsche. Nun - das Gedicht 
ist die besondere Speise, die Starke des Gefiihls in organische 
Dauer umzusetzen bestimmt ist, die Gefiihle uberwaltigt und 
einverleibt. Das ist sein einzig echter, einzig erheblicher »pad- 
agogischer« Sinn. Und in nichts dem reformpadagogischen Vor- 
witz verwandt, der hier ein witterndes Naschen vorwagt. 
Wie ein Gedicht nach jahrelangem Wissen Gewohnheit wird, 
das bestimmt sein Ethos. Namlich griechisch: Ethos — Gewohn- 
heit. Dann hat ein herbes Werk der Zersetzung es in solchem 
Grade verwandelt und so sehr jenseits von alledem was einst an 
ihm »genu£reich« war gestellt, daft nun von ihm zu reden 
moglich wird. »Auswendig« heben wir das Gedicht aus den An- 
geln. Wie geringer ist es geworden und nur weniges an ihm 
fuhlbar. 



164 Kritiken und Rezensionen • 1929 

Es ist die Klosterzelle, das Gedachtnis, in dem die Satze, Verse, 
Worte wie Trappisten stumm in die Sarge ihrer Buchstablich- 
keit sich zur Ruhe legem Von diesem rechten, sprengenden, ja 
in Stiicke sprengendem Sterben des Werkes hatte der Verfasser 
wohl etwas erkennen konnen, wenn er in der neuen, nachgeor- 
gischen Lyrik sich umgetan, Brecht und Ringelnatz auf seinem 
Schreibtisch gefunden und so die Todeskrisis einer ganzen Gat- 
tung von Lyrik sich fur ihn erschlossen hatte. Des Liedes nam- 
lich. Denn das Lied, das noch in seinem hohlsten Nachklang 
(Falke, Brandes) dem Verfasser das A und O der Lyrik bedeu- 
tet, ist doch selbst in seinen erhabensten Lauten diesem recht- 
zeitig-zeitweiligen Verstummen gerade jetzt ausgeliefert. Seine 
Betrachtung kann nur so trostlose Begriffe wie den der »unei- 
gentlichen Sprache«, des »seelischen Fluidums«, des »lyrischen 
Hauches« zutage fordern. Fiir den »Deutschunterricht« sind sie 
kein »Fortschritt«, fiir den Schuler eine Qual, fiir den Denken- 
den Unfug. 

Alexander Mette, Vber Beziehungen zwischen Spracheigentumlich- 
keiten Schizophrener und dichterischer Produktion. Dessau, Dresden: 
Dion-Verlag 1928. 99 S. 

»Die Holderlinkrankheit des angehenden zwanzigsten Jahr- 
hunderts ist wie die Ossiankrankheit des endenden achtzehnten 
dafiir reif, . . . von nobleren Leserklassen abgeschuttelt zu wer- 
den« schrieb unlangst Rudolf Borchardt in der Anmerkung zu 
seinem Aufsatz »H6lderIin und endlich ein Ende«. Man kann 
sich fragen, ob dies strenge und nicht restlos gerechte Urteil bei 
Gelegenheit einer Schrift zu erinnern ist, die im einzelnen sehr 
gewinnende Ziige hat. Auch ist Holderlins Krankheitsproduk- 
tion - so konnte man einwenden - fiir sie nicht Gegenstand, 
sondern nur Beispiel. Zugegeben. Aber was ist dem Autor Ge- 
genstand? Worum geht es ihm? Das »Fazit« seiner Unter- 
suchung liegt ganz und gar im Rahmen jener popularen »Genie- 
und-Irrsinn«-Schablone, die bei wechselndem wissenschaftlichen 
Anstrich seit Lombroso dieselbe geblieben ist. Das Miftver- 
hiiltnis zwischen der GroEartigkeit des Materials auf der einen, 
dem gedanklichen Ertrag auf der anderen Seite fallt hier urn 
so viel deutlicher der Fragestellung zur Last, als die Sorgfalt 



Zwei Bucher iiber Lyrik 165 

der Untersuchung gewachsen ist. Der Leser wird Bewunderung 
fur die Konzentration und die Erfahrung fiihlen, die dem Ver- 
fasser die Deutung von schwierigen Krankentexten erlaubt 
und das hohe Maf5 von Menschlichkeit, das aus ihr spricht, 
jedem Psychiater wiinschen. Nichtsdestoweniger wird er gut 
tun, dem, was hier getrieben wird, fernzubleiben. Denn die 
Intentionen des Autors sind bei weitem nicht tief und urn- 
fassend genug, um das Operieren mit so gefahrlichen Sprach- 
gemengen zu rechtfertigen. Weder die Schizophrenic noch die 
Lyrik sind hier neu, ja uberhaupt nur gedacht worden. Darum 
hat dies Spiel mit Symptomen, dies Kombinieren schizophrener 
und lyrischer Texte etwas Desperates. Dem Verfasser fehlte die 
Entschlossenheit, seine scharfen und glucklichen Analysen fur 
eine Theorie der Krankheit zu verwerten, ja ihr zugrunde zu 
legen, statt sie in einer Psychologie des lyrischen Dichters zu 
strapazieren. Er hatte dann weder bei den unfruchtbaren De- 
markationsversuchen zwischen schizophrener und dichterischer 
Produktion sich aufgehalten, noch, statisch und typologisch, den 
Wahnsinnigen mit dem Gesunden verglichen. Vielmehr hatte er 
die Schizophrenic, dialektisch und kollektivistisch, als Bewegung 
im Medium der Sprache, und damit als eine Erscheinung er- 
kannt, die nur in ihrem lebendigen Gegensatz zur Sprachge- 
meinschaft verstandlich ist. Die Urzeit - im Bilde zu reden: 
die Tiefsee - der Sprache, das ist das Medium, in das sie beide, 
der Dichter und der Kranke, herabtauchen. Der Lyriker tut es 
in der Taucherglocke der Kunstform, verantwortlich und auf 
Zeit, der Kranke nackt und blofi, so dafi er bei den Schatzen 
da unten, die er zu heben nicht imstande ist, verbleibt. Hat man 
dergestalt den Raum der Individualist mit ihrem triigerischen 
KunstbegrifT verlassen, so klaren sich die Dinge von selber. 
Denn audi hier tritt da$ wahrhaft Aktuelle uns am Ende einer 
historischen Perspektive entgegen. Dagegen ist es beim Ver- 
fasser zu kurz gegrifTen. Sein apologetisches Interesse fur die 
Lyrik des Expressionismus ist dafiir der beste Beweis. Denn 
nicht darum versagt der Schizophrene in seinem expressioni- 
stischen Bediirfnis nach »Wesenserfassung, unmittelbarer Wie- 
dergabe des Gefiihlten . . ., weil zu seiner Objektivierung ein 
geistiger Fond und ein sprachliches und logisches Leistungs- 
vermogen notig ware, die nur dem genialen Dichter und Philo- 



166 Kritiken und Rezensionen • 1929 

sophen zur Verfugung stehen«, sondern weil diese Objektivie- 
rung kollektiv von der Sprache selber bereits geleistet und der 
Kranke bemiiht ist, in einem SprachprozefS Berufung einzu- 
legen, der in der letzten Instanz vor Jahrhunderten ist ent- 
schieden worden. 



Arthur Holitscher, Es geschah in Moskau. Roman. Berlin: S. 
Fischer Verlag 1929. 272 S. 

Ein historischer Roman aus der Zeit der Nep - der »neuen 
okonomischen Politik«. So miifiten wir sagen, wenn wir uns an 
Holitschers Untertitel »Ein Roman« halten. Aber ist es iiber- 
haupt einer? Dichtung und Wahrheit geben einen solchen ja nur 
in einem ganz bestimmten stofTlichen Mischungsverhaltnis, bei 
einer ganz bestimmten geistigen Temperatur, in einer ganz 
bestimmten technischen Versuchsanordnung. Hier durchdrin- 
gen sich beide Elemente nur unvollstandig. Immer wieder treten 
der Held dieser Seiten - das Moskau des Jahres 1924 - und 
der erlebte dokumentarische Bestand auseinander. Holltscher 
hat diesen letzten schon friiher in einer Anzahl instruktiver und 
einflufireicher Berichte entwickelt. Hier aber kommt ein Neues 
dazu. Die kompositorische Ironie der Erzahlung erlaubt ihm, 
dem Auge des Lesers den Nebel sichtbar zu machen, in dem die 
grofien politischen Revirements vom Kreml heruntersteigen, die 
Atmosphare der Unsicherheit und des Mifkrauens zu zeigen, die 
sie verbreiten, und den ungeheuren Heroismus greifbar zu 
machen, der in jenen Tagen der Priifung fur viele uberzeugte 
Parteiarbeiter Loyalitat und Disziplin (Dinge, die nur im We- 
sten so simpel scheinen) gewahrleisten mu£te. In dieser Dar- 
stellung der Nep ihrer internen atmospharischen Auswirkung 
nadi liegen die besten Seiten dieses politischen Romans, des 
ersten einer Romantrilogie, »die in drei Weltstadten spielt und 
die Zeitspanne zwischen dem letzten und dem nachsten Welt- 
krieg umfafit«. HorTen wir, sie wird noch zur Zeit fertig! 



Arthur Holitscher • Robert Faesi 167 

Robert Faesi, Die Ernte schweizerischer Lyrik. Deutsche, fran- 
zosische, ttalienische, ratoromanische und lateinische Gedichte 
und Volks-Lieder. Zurich: Rascher u. Cie. 1928, 352 S. 

Es gibt drei Arten von Anthologien. Die ersten sind Dokumente 
der hohen Literatur, machen jedenfalls darauf Anspruch: Aus- 
wahlsammlungen, die von einem mehr oder minder berufenen 
Literaten nach Grundsatzen gemacht sind, die, eingestandener- 
mafien oder nicht, einen normativen Charakter haben. Solche 
Sammlungen konnen groftes Interesse besitzen. Man braucht nur 
den Namen Rudolf Borchardt zu nennen, um anzudeuten, in 
welchem Grade sie eigentliche literarische Dokumente darstellen 
konnen und als solche der Kritik ausgesetzt sind. Dies ist die 
zweite und seltenere Gattung viel weniger. Sie setzt sich rein 
informatorische Ziele. Ihr Herausgeber tritt als Person zuriick, 
die Auswahl, die er gibt, ist gewissermaften die technische der 
Raffung und Verkiirzung in der Vogelperspektive. Die hauflg- 
ste, aber unerfreulichste Gattung ist die dritte: ein undeutliches 
Ineinander eklektischer und informatorischer Gesichtspunkte 
sucht das muftige Spiel eines Unberufenen fur das Publikum 
interessant zu machen. Die vorliegende Sammlung ist ein reines, 
geglucktes Exemplar der zweiten Gattung, die fur die schweize- 
rische Dichtung schon wegen der Mannigfaltigkeit der Sprachen 
und Dialekte an erster Stelle erfordert scheint. Und naturgema'E 
kommt gerade die Lyrik dem anthologischen Prinzip besonders 
entgegen. Die Frage aber, die hier - gerade weil der Heraus- 
geber mit Kenntnis und Umsicht seines Amtes gewaltet hat - 
sich einstellen konnte, ist: auch der schweizerischen Eigenart? 
Vielleicht geht Faesi eines Tages an eine Anthologie schweize- 
rischer Prosa. Dann wird sich zeigen, daft auch die Namen aller 
groften Schweizer Lyriker in ihr vertreten waren, wahrend auf 
diesen Blattern Gotthelfs Name notwendig fehlen mufite. 



1 68 Kritiken und Rezensionen • 1929 

Nicolas von Arseniew, Die russische Liter atur der Neuzeit und 
Gegenwart in ihren geistigen Zusammenhangen in Einzeldar- 
stellungen. Mainz: Dioskuren-Verlag 1929. (Welt und Geist; 
Die Literaturen der Gegenwart.) 410 S. 

Dies ganz hervorragend schlechte Buch wirft eine Reihe unlos- 
barer Fragen auf. Wie hat es einen Verlag gefunden? Denn wer 
wird dieses Sammelsurium erzbanaler Redensarten kaufen? Wie 
hat es einen Herausgeber gefunden? Denn wer konnte es verant- 
worten, diese dilettantisdie Schongeisterei mit seinem Namen zu 
decken? Wie hat es einen Setzer und Korrektor gefunden, der 
die zahllosen Solozismen ihm durchgehen liefi? Ja, wie hat es 
einen Autor gefunden, da doch selbst Einer, der von seinem 
Gegenstand keinen Dunst hat, fahig sein sollte, zwischen zwei 
Schreibarten eines Namens (Jesenin S. 308; Esenin S. 311) sich 
zu entscheiden. Genug. Und nun einige Proben: 
Die Syntax: »Seine krankhafte, wilderregte Einbildungskraft 
(der krankhaft erregte Zug noch gestarkt durch vieles Trinken) 
gebar schemenartige phantastische Visionen - es ist aber eine 
verniinftelnde Phantasie, kein freier poetischer Flug, eine kiinst- 
lich erregte Phantasie - es mangelt seinen Gestalten sogar am 
phantastischen Leben (ganz anders ist es bei Hoffmann!), sie 
sind abstrakt konstruierte Marionettengestalten. Wo er diese 
unreife, pseudo-philosophische, wahrer Bildung ermangelnde (L. 
Andreev war recht oberflachlich gebildet, obwohl er das Gym- 
nasium und die juristische Fakultat beendigt hatte), aber audi 
natiirlicher kraftiger Urspriinglichkeit ermangelnde, krankhaft 
iiberwuchernde Einbildungskraft in Ziigeln halt, konnen sich 
seine Augen fur die Wirklichkeit 6ffnen.« (S. 187.) 
Das Vokabular: »Die Erzahlung >Das Kind< zeigt das Ruchlose 
dieser bolschewistischen revolutionaren Psychologie, wie sie im 
niederen Volk bei primitiv-einfachen Menschen zum Ausdruck 
gelangt.« (S. 314.) Gemeint ist naturlich Psyche, vgl. S. 334. 
Die Mentalitat: »Dieselbe abgeschmackte, aber dabei speziell 
sentimental-sadistische Art, die nach dem blutigen Greuel des 
Burgerkrieges riecht, verbunden mit dem schongeistigen Bolsche- 
wismus einiger Moskauer kommunistischen literarischen (!) >Sa- 
lons< finden wir bei dem russisch-judischen Literaten Babel.« 
(S.330.) 



Nicolas von Arseniew • Bucher, die lebendig geblieben sind 169 

Das Niveau: »In der russischen Literatur und im russischen 
Geistesleben wird er [sc. Gorki] besonders als der Vorbote 
der bolschewistischen Revolution . . . leben, eine nicht besonders 
schmeichelhafte Auszeichnung.« (S. 183.) 

Die Sachlichkeit: »Auch das sittlicbe Gesetz wird im Bolschewis- 
mus verneint, ubrigens durchaus folgerichtig: da es nichts Gott- 
liches gibt und dazu audi keine Seele, wie konnte es ein sittliches 
Gesetz geben? . . . Ein ungeheuer hoher Prozeritsatz von Kin- 
dern (in den Petersburger Scfaulen bis 5 2 %) ist mit Geschlechts- 
krankheiten angesteckt . . . Audi keine Familie soil es geben. « 

(s.134.) 

Der Mann, der hier mit dem Begriffsschatz und dem Horizont 
eines Pogromkosaken an die gewaltigen Leistungen der russi- 
schen Epik herangeht, ist, wie der Titel lehrt, Professor in 
Saratow gewesen, zurzeit aber Privatdozent in Konigsberg. 
Und somit ist sein Buch, wenn schon nicht absolut unerlafilich 
zur Kenntnis des russischen Schrifttums, fur die der deutschen 
Universitaten desto belangvoller, wo man mitunter offenbar 
nicht einmal Deutsch zu konnen braucht, wenn man nur das 
Herz auf dem rechten Fleck hat. 



BiJCHER, DIE LEBENDIG GEBLIEBEN SIND 

Was in den letzten Wochen an dieser Stelle genannt wurde, liefie 
sich um zahlreiche ebenso unbekannte wie bedeutende Dichtun- 
gen vermehren. Nur ist zu furchten: je mehr derart in dieser 
Rubrik erscheint, desto mehr heben die einzelnen Posten ein- 
ander auf. Eher ware vielleicht der eine oder andere ISfame, der 
hier erschien, mit Nachdruck zu wiederholen. Gern tue ich das mit 
Robert Walsers »Gehilfe«, den Max Brod erwahnt hat, ohne zu 
verraten, dafi dieses wundervolle Jugendwerk ein Lieblingsbuch 
von Franz Kafka gewesen ist. Aber vielleicht ist es im Augenblick 
das Angebrachteste, den Blick auf einige grofie Werke deutscher 
Wissenschaft zu lenken. Auf gelehrte Bekenntnisschriften, deren 
Verborgenheit in den Fachbibliotheken nur eine besondere Spiel- 
art des Vergessenseins darstellt. Fur heute auf ein kunsthistori- 
sches, ein architektonisches, ein theologisches, ein okonomisches. 



170 Kritiken und Rezensionen * 1929 

Das erste und alteste ist Alois Riegls »Spdtromiscbe Kunst- 
industrie« (Wien 1901) 1 , Dieses epochemachende Werk trug das 
Stilgefiihl und die Einsichten des zwanzig Jahre spateren Ex- 
pressionismus mit prophetischer Sicherheit an die Denkmaler der 
spateren Kaiserzeit heran, brach mit der Theorie der »Verfalls- 
zeiten« und erkannte in dem, was bisher »Ruckfall in die Bar- 
barei« geheifien hatte, ein neues Raumgefuhl, ein neues Kunst- 
wollen. Zugleich ist dieses Buch einer der schlagendsten Belege 
dafur, dafi jede grofie wissenschaftliche Entdeckung ganz von 
selbst, audi ohne es zu pratendieren, eine Revolution des Ver- 
fahrens bedeutet. In der Tat hat in den letzten Jahrzehnten 
kein kunstwissenschaftliches Buch sachlich und methodisch gleich 
fruchtbar gewirkt. 

Das Zweite: Alfred Gotthold Meyers »Eisenbattten« (Efilingen 
1907) 2 . Dies Buch erstaunt immer wieder von neuem durch den 
Weitblick, mit dem zu Anfang des Jahrhunderts Gesetzlich- 
keiten der technischen Konstruktion, die durch das Wohnhaus zu 
Gesetzlichkeiten des Lebens selbst werden, erkannt und mit 
kompromifiloser Deutlichkeit beim Namen gerufen wurden. 
Wenn Riegl den Expressionismus vorweg nahm, so dieses Buch 
die neue Sachlichkeit. Zwanzig Jahre mufiten vergehen, ehe 
Sigfried Giedion in einem ebenfalls ganz ungewohnlichen Werk 
(»Bauen in Frankreich. Eisen und Eisenbeton«) Gleiches an 
einem schon reicheren, gelaufigeren Tatsachenmaterial entwik- 
keln konnte. Durchaus unvergleichlich aber ist Meyers Buch 
durch die Sicherheit, mit der es den Eisenbau des neunzehnten 
Jahrhunderts fortlaufend ins Verhaltnis zu Geschichte und Ur- 
geschichte des Bauens, des Hauses selber zu setzen weift. Es sind 
Prolegomena zu einer jeden kiinftigen historisch-materialisti- 
schen Geschichte der Architektur. 

Das Dritte: Franz Rosenzweigs »Stern der Erlosung* (Frank- 
furt a. M. 1921) 3 . Ein System der judischen Theologie. Denk- 
wiirdig wie das Werk seine Entstehung in den Schutzengraben 

1 Alois Riegl, Die spatromische Kunst-Industrie nadi den Funden in Dsterreidi- 
Ungarn. Wien: Hof- und Staatsdruckerei 1901. 

2 Alfred Gotthold Meyer, Eisenbauten. Ihre Geschidite und Xsthetik. Nach des Ver- 
fassers Tode zu Ende gefuhrt von Wilhclm Frh. von Tettau. Mit einem Geleitwort 
von Julius Lessing. Efilingen: P. Neff 1907. 

3 Franz Rosenzweig, Der Stern der Erlosung. Frankfurt a. M.: J. Kauffmann 1921. 



Die dritte Freiheit 171 

von Mazedonien. Siegreicher Einbruch der Hegelschen Dialektik 
in Hermann Cohens »Religion der Vernunft aus den Quellen 
des Judentums«. 

Das Vierte: Georg Lukdcs »Geschichte und Klassenbewufit- 
sein* (Berlin 1923) 4 . Das geschlossenste philosophische Werk 
der marxistischen Literatur. Seine Einzigartigkeit beruht in der 
Sicherheit, mit der es in der kritischen Situation der Philosophic 
die kritische Situation des Klassenkampfes und in der falligen 
konkreten Revolution die absolute Voraussetzung, ja den abso- 
luten Vollzug und das letzte Wort der theoretischen Erkenntnis 
erfafit hat. Die Polemik, die von den Instanzen der Kommuni- 
stischen Partei unter Fiihrung Deborins gegen dies Werk ver- 
off entlicht wurde, bestatigt auf ihre Art dessen Tragweite. 



Die dritte Freiheit 
Zu Hermann Kestens Roman »Ein ausschweifender Mensch« 1 

»Frei wozu?« fragte Nietzsche und rift damit die Dialektik der 
Freiheit auf. Er glaubte, die anarchistische Thesis, das »Frei 
wovon?« zu zerschlagen. Aber er gab ihr nur die Antithesis. 
Und erst die dritte, die synthetische Figur der Freiheit lost den 
Zwiespalt und gibt damit der ersten ihr Recht zuriick. 
Nicht diese dritte, nur die erste, simple, undialektische, anarchi- 
sche Freiheit meint Lenin, wenn er schreibt: »Die Freiheit ist 
ein burgerliches Vorurteil.« Kesten hat diesen Satz zum Motto 
genommen. Er ist nicht an den Haaren herbeigezogen, das mufi 
man ihm lassen. Josef Bar - so heifit der »ausschweifende 
Mensch« - soil namlich ins Gefangnis. Und nun klammert er 
sich an das besagte burgerliche Vorurteil mit aller Kraft. Mift- 
billigend schaut der Autor ihm dabei zu. 

Das ist der Aufrifi des uberaus ironisch verschachtelten Ge- 
schehens, das Kesten vor uns aufbaut. Da haben wir also erstens 
die Freiheit in ihrer ganzen aufregenden, unerhellten Vieldeu- 

4 Georg Lukdcs, Geschichte und Klassenbewufitsein. Studien iiber marxistische Dia- 
lektik. Berlin: Malik- Verlag (1923). 

1 Hermann Kesten, Ein ausschweifender Mensch. (Das Leben eines Tolpels.) Roman. 
Berlin: Gustav Kiepenheuer Verlag 1929. 226 S. 



172 Kritiken und Rezensionen • 1929 

tigkeit, zweitens in seiner ganzen gottgewollten Schabigkeit den 
Helden, zuletzt in seiner ganzen produktiven Unverschamtheit 
den Verfasser, der hier auf gut romantische Weise zum Personal 
des Buches gehort, um bald sich dumm zu stellen, als ginge ihn 
das Ganze nichts an, bald ungeschickt, als sei es nicht seine 
Schuld, wenn sein Held sich an alien Ecken und Enden kompro- 
mittiert. 

Es ist so, wie es dasteht, ein eingreifendes Werk, das, wo es 
darauf ankommt, scharf ins Zeug geht, und uns von Dingen und 
in Worten unterhalt, die gelten. »Er war frei. Er hatte Geld.« 
Das ist eine Sprache, die zu Herzen geht und die Debatte mehr 
fordert als alles iiberalterte Geschwatz von innerer Freiheit. Wie 
sehen nun aber so befreiende Summen bei Kesten aus? Gesetzt, 
es seien 47 Mark und 74 Pfennig, die der Held einem Anwaltfiir 
seine Beratung entrichtet. »Es waren drei Fiinfmarkscheine in 
Papier, ein Zwanzigmarkstuck mit dem Bildnis Kaiser Wil- 
helms II., Brustbild mit Helm, Bar sah es genau, zwolf Mark in 
Silber, vier Talerstiicke namlich mit Bildern verschiedener deut- 
scher Potentaten geschmiickt, sieben Nickelzehner und vier 
Kupferpfennige.« Man sieht, hier trifft der Blick der neuen 
Sachlichkeit mit aufierordentlichem Nachdruck die Stelle, wo die 
Welt mit Brettern vernagelt ist. Der Nahblick, das erstaunliche 
Organ der grofien Satire, hat nicht nur hier, nicht nur bei diesem 
Autor, seit kurzem etwas Glotzendes bekommen. 
Das darlegen, es in seinen Ursachen entfalten, hieEe, den ideolo- 
gischen Standort der ganz neuen deutschen Satire bezeichnen. 
Zugleich, den jahen Aufschwung dieser Gattung erklaren. Sie 
stellt mit derart grund- und wertverschiedenen Geistern wie 
Polgar, Kastner, Mehring, Peter Panter, Kesten eine sehr 
spezifische Haltung der Intelligenz dar und was an ihr be- 
zeichnend ist, sagt die Konfrontation mit dem einzigen Karl 
Kraus. Es ist die Selbstironie des Intellektuellen, die in dem 
Augenblick aufhorte, billig zu sein, da sie zum Eingestandnis 
seiner ausweglosen Lage wurde. Von Tucholsky stammt die 
abschliefiende Formel: Der deutsche Intellektuelle steht immer 
etwas links von sich selber. 

Kestens Verhaltnis zu seinem Helden ist die beste Illustration 
dieses Satzes. Es geht nicht weiter. Es riickt und ruhrt nicht. Und 
dafiir hatte der Autor im ersten Band dieser Josefs-Geschichte 



Die dritte Freiheit 173 

einen virtuosen formalen Ausdruck gefunden. Dort spielte sich 
fiir den Helden das ganze Geschehen an einem einzigen Tag ab. 
Diesmal durchmifit er eine langere Spanne. Er erlebt viel Aben- 
teuer. Mit den Behorden, mit den Madchen, mit dem »Popanz 
Freiheit« vor allem. Was ihm fehlt, hier wie im ersten Bande, 
hier noch mehr, das ist der Segen des Autors. Die Skala seiner 
Titulaturen allein mufi ihm verraten, wie sehr der ihn en baga- 
telle behandelt. Hier nennt er ihn einen Mann von rascher 
Auffassungsgabe und andcrswo einen halben Jungen, wenn er 
schlecht gefruhstiickt hat, einfach Herrn Bar, und wenn er 
leutselig sein will, den Jiingling Josef. 

Man mufi es Kesten nachsagen: diese Schnodigkeit der Diktion 
feit ihn gegen alle Arten von Stimmung. Das Buch ist wunder- 
voll ventiliert. Seinem Leser ergeht es wie in Rohbauten, wo 
man treppauf, treppab klettern kann, ohne je aus der frischen 
Luft und der ungeschwachten Tageshelle herauszutreten. Der 
Autor aber scheint hier nicht selten eben die Freiheit sich zu 
erlauben, die er seinem Helden verekeln will. In seiner Ironie 
ist ein Einschlag von Verantwortungslosigkeit. 
»Jeder Satz ein Meisterwerk, jede Seite musterhaft, jedes Kapi- 
tel ein Genufi, das Ganze passabel.« So sagte vor Jahren Ernst 
Rowohlt von einem nun leider verschollenen Buch seines ersten 
Verlags, Philipp Kellers »Gemischten Gefuhlen«. Nicht nur im 
Titel eine Verwandtschaft mit Kestens Buch, die sich ausspinnen 
und an Niveau und Haltung bewahren liefie. Das tut nichts zur 
Sache. Wohl aber, dafi in Kellers Buche noch deutlich der wahre 
Ursprung dieser gesamten Kritik der Freiheit zu spiiren ist. 
Namlich Flaubert. 

Schon Flaubert hat den Illusionscharakter dieser Freiheit durch- 
schaut. Vieles hat sich seit der »Education Sentimentale« gean- 
dert. Die Tranenfeuchte iiber diesen unvergefilichen Seiten hat 
sich zu Lachgas verfluchtigt. Aber noch diese neueste Kritik der 
Freiheit bleibt an das Schema des Erziehungsromans, sein 
individuell-anarchisches Experiment gebunden. Frei wovon? 
Gewifi und unbedenklich: von allem! Und da steht die Chimare 
zur Rechten. Frei wozu? Gewifi und noch einmal: zu allem! Und 
da steht sie zur Linken. Die dritte Freiheit erst sprengt das 
Reich der spekulativen Ethik. Und sie gehorcht der Frage: 
Frei mit wemf 



174 Kritiken und Rezensionen '1929 

Wir stellen sie an Kestens Held, der am Ende des zweiten 
Buches als entschlossener Rebell, wie der Autor versichert, das 
Gefangnis verlafit. Wird er die Antwort finden: »Mit Allen U 
Wird er erkennen, dafi der Klassenkampf sie vollzieht? Kommt 
da mit seinem Josef eine der seltenen deutschen Romanfiguren 
herauf, die zum Mann werden? 



BiJCHER, DIE UBERSETZT WERDEN SOLLTEN 

Pierre Mac Orlan, Sous la lumiere froide. Port d'eaux mortes - 
Docks. Les feux du »Batavia«. Paris: Editions Emile-Paul Freres 
192J. 240 S. 

Fur Ideologic und geistige Verfassung der europaischen Intelli- 
genz im Zeitalter des Hochkapitalismus ist das gespannte, un- 
ausgesetzte Interesse fur die Welt des Lumpenproletariats und 
besonders fur ihre geschlechtlichen Brennpunkte - die Hure, den 
Apachen - hochst bezeichnend. Seit mehr als fiinfundzwanzig 
Jahren behaupten diese Typen ununterbrochen die Szene. Berge 
von belletristischer, von essayistischer Literatur haben sich um 
sie geturmt, und die grofistadtische Boheme richtet in ihren 
individuellen und politischen Sympathien, ihren intimeren Le- 
bensformen und ihren Festlichkeiten wie fasziniert an ihnen 
sich aus. 

Diese Gefiihlswelt kiindigt in ihrer Mischung von sexueller 
Oberspannung und vagem revolutionaren Biirgerhafi zuerst bei 
Flaubert sich an, von welchem das verraterische Wort stammt: 
»De toute la politique je ne comprends qu'une chose, l^meute«, 
und der auch von der Liebe, wie wir wissen, am besten die 
sexuelle Revolte dagegen begrifTen hat. Im Laufe des Jahrhun- 
derts ist dieses unterirdische Kommunizieren der Intelligenz 
mit der Hefe des Proletariats allmahlich deutlicher geworden, 
bis am Ende die sogenannten Poetes Maudits es publik machten. 
Dieser Vorgang hatte sich nicht so stetig gesteigert, wenn nicht 
sehr viele Krafte des gesellschaftlichen Daseins in ihm zusam- 
mengewirkt hatten. Von ihnen steht an erster Stelle der Verfall 
der »freien« Intelligenz. Die Bourgeoisie ist nicht mehr stark 



Blicher, die ubersetzt werden sollten 175 

genug, den Luxus einer »klassenIosen«c Intelligenz sich zu leisten, 
die fruher einmal ihre menschlichsten Interessen auf lange Sicht 
und gliicklich vertreten hat. Zum zweiten Male formiert sie 
eine intellektuelle Front mit rauher, kriegerischer Disziplin. Die 
erste war die Front von 1789 bis 1848: die der biirgerlichen 
Offensive in den europaischen Klassenkriegen. In ihnen fand die 
Intelligenz einen fuhrenden Platz. Ganz anders ist es in der 
neuen Front der Defensive, in der nicht die geistige Initiative, 
sondern die klassenmafiige Zuverlassigkeit das Haupterforder- 
nis ist. Ob nun die Intelligenz dieser Disziplin sich fiigt oder 
widersetzt - ihre Freiheit verliert sie auf alle Falle. Die Posi- 
tion eines humanistischen Anarchismus, die sie ein halbes Jahr- 
hundert lang zu halten vermeinte - und in gewissem Sinne 
wirklich hielt - ist unrettbar verloren. Daher bildete sich die 
fata morgana eines neuen Emanzipiertseins, einer Freiheit 
zwischen den Klassen, will sagen, der des Lumpenproletariats. 
Der Intellektuelle nimmt die Mimikry der proletarischen Exi- 
stenz an, ohne darum im mindesten der Arbeiterklasse verbun- 
den zu sein. Damit sucht er den illusorischen 2 week zu erreichen, 
fiber den Klassen zu stehen, vor allem: sich aufierhalb der 
Biirgerklasse zu wissen. Es ist eine Obergangsposition, und man 
hat das Recht, sie unhaltbar zu finden, nur darf man nicht ver- 
gessen, dafi sie schon heute an die funfzig Jahre dauert. 
Es sind mit dieser neuen Wendung der Intelligenz vor allem in 
Paris, dem das Anarchische und Refraktare am tiefsten in den 
Knochen steckt, eine Anzahl sehr interessanter Physiognomien 
hervorgetreten. Mac Orlan ist eine der wichtigsten. Wahrend 
Francis Carco der gefiihlsselige Schilderer, etwa der Richardson, 
dieser neuen Freiheit wurde, ist Mac Orlan ihr ironischer Mora- 
list, sozusagen ihr Sterne. Die drei kurzen Erzahlungen, die in 
seinem letzten Buche »Sous la lumiere froide«, einem der 
besten, die er gemacht hat, vereinigt sind, verfiihren formlich zu 
einer marxistischen Analyse. Alle drei spielen in Hafen als in 
den feuerfesten, iiberhitzten Retorten, in welchen am besten die 
seltensten, schwierigsten Klassenmischungen gelingen. »La lu- 
miere froide« ist das kalte Licht, das uber die Zement- und 
Betonwusten der Quaimauern und der Docks sich breitet. 
Beitrage zu einer Mystik der Konjunktur sind die beiden Haupt- 
stiicke, von denen die etwas schwachere Kindergeschichte, die die 



ij6 Kritiken und Rezensionen • 1929 

Mitte des Bandes bildet, umrahmt wird. Im hinteren »Salon« 
einer Hafenkneipe sitzen vier Manner beim dumpfen Gelage 
hinter den Karten, felern Abschied und spielen urn ihre »Chan- 
ce« - um das Gliick, um Fortuna. So setzt die erste Geschichte 
ein. Und wie der Erzahler aus dem Ausgang dieser einzigen 
Nacht das Sdiidcsal der vier entwickelt, zeigt ihn den klassi- 
schen Aufgaben der Novelle auf meisterhafte Weise gewachsen, 
Vor Jahren schrieb Mac Orlan einen »Petit manuel du parfait 
aventurier«. Das Abenteuer als die verkiirzte und ineinander 
verschrankte Vielfalt der Berufsgefahren von Boxer, Borsen- 
jobber und Spion ist ein Gegenstand, dessen Anziehungskraft 
fiir ihn sich niemals vermindert. Die dritte Erzahlung des Ban- 
des durchleuchtet ein Exemplar aus dieser geheimnisvollen 
Spezies »Abenteuer« mit X-Strahlen, das diirftige Skelett seines 
Riesenleibs in Gestalt des Geriichts, einer Kunde, um welche 
wochenlang die Kombinationen und die Geschafte der Zuhalter 
und Huren von Marseille sich bewegen. Erwarten sie doch von 
einer zur anderen Nacht die »Feux du Batavia« - die Feuer des 
transatlantischen Riesendampfers — auftauchen zu sehen, der 
den goldenen Regen der Milliardare iiber die schmutzigen Betten 
ergiefien wird. Aber die »Batavia« ist ein Geriicht, es gibt kein 
Schiff dieses Namens. Und in den scharfen, kompromifilosen 
Ziigen dieses romantischen Abenteuers erkennt das leidig-wirk- 
liche des Verfassers und ungezahlter verwandter Geister sein 
eigenstes Bild. Denn chimarischer ist kein Dasein als das Dasein 
zwischen den Klassenfronten im Augenblick, da sie sich fertig- 
machen, aufeinander zu prallen. 

Guillaume Apollinaire y Le flaneur des deux rives, Paris: Gallimard 
1928. 116 5. 

Zugegeben, dafi diese Besprechung ein Vorwand ist. Da aber 
diese Rubrik es nur mit Neuerscheinungen halten will, so bleibt 
ihr nichts iibrig, als vom »Flaneur des deux rives« zu sprechen, 
wenn sie es unternimmt, die Aufmerksamkeit nachhaltiger auf 
Guillaume Apollinaire zu lenken. Und doch besteht noch ein 
tieferes Recht von dieser Sammlung kurzer Plaudereien zu 
handeln. Apollinaire war Dichter, ja Mensch, a propos de tout 
et rien. Er hat sich mit so angespanntem Flihlen an den Augen- 



Biicher, die ubersetzt werden sollten 177 

blick verloren und doch, zugleich, so eigenwillig im Vergangenen 
sich behagt, dafi er viel eher als irgendwelchen Dicbtern oder 
Kiinstlern den grofien anonymen Schopfern der Pariser Mode 
vergleichbar ist. In der Tat, solange dieser Mann lebte, ist keine 
radikale, exzentrische Mode in Malerei oder Scbrifttum erschie- 
nen, die er nicht geschaffen oder zumindest lanciert hat. Mit 
Marinetti gab er, in seinen Anfangen, die Losungen des Futuris- 
mus aus; dann propagierte er Dada; die neue Malerei von Pi- 
casso bis zu Max Ernst; zuletzt den Surrealismus, dem er in der 
Vorrede seines letzten Dramas »Les Mamelles de Tiresias« den 
Namen schenkte. Das E i gen turn! iche aber war, daft im Stil seines 
Schreibens und seines Daseins all diese Theorien und Parolen 
schon wie bereit lagen. Er holte sie aus seiner Existenz wie ein 
Zauberer aus dem Zylinderhut, was man gerade von ihm ver- 
langt: Eierkuchen, Goldfische, Ballkleider, Taschenuhren. Er 
war der Bellachini der Literatur. 

Urn seine Dichterstimme rangen sein Lebtag ein Prophet und ein 
Charlatan. Namenlos und melancholisch der eine, frech und 
besessen der andere. Derselbe Mann, der vor den dumpfen In- 
stinkten der Masse zittert, in seiner Dichter-Apokalypse sie die 
Poeten massakrieren sieht, spekulierte in pornographischen 
Schriften auf ihre Kauflust. Derselbe, dem das Leben im Schiit- 
zengraben unter den Tausenden unbekannter Soldaten unver- 
geEliche Verse einglbt und dem der Feldpostbrief zur Stegreif- 
dichtung wird, kann noch als Heimgekehrter sich von seiner 
Uniform nicht trennen und hat an seinen Epauletten einen 
neuen Lorbeer. 

Aber dieser »cote' galon«, der seine Freunde bei Apollinaire ge- 
krankt hat, konnte die Burger nicht mit ihm aussohnen. Wenn 
etwas ihn noch zweideutiger erscheinen Heft als seine Schriften, 
war es sein Umgang. Als die Mona Lisa gestohlen wurde, fiel 
der Verdacht auf Apollinaire. So verfemt war er. So viel traute 
man ihm zu. Und mit Recht. Das Lacheln der Mona Lisa, das 
hatte nur er vor Tucholsky auffangen konnen und vielleicht zu 
schallendem Lachen gesteigert. Von dieser Fahigkeit, Kitsch, 
Klatsch und Kunst in einem und demselben Lebensraume, dem 
seines eigenen Daseins, zu organisieren, zeugt dieser Nachlafi- 
band. Man mufi ihn neben die »Anecdotiques« stellen, in der 
die Glossen gesammelt sind, die der Dichter langere Zeit regel- 



178 Kritiken und Rezensionen • 1929 

mafiig im »Mercure de France« veroffentlicht hat. Dazu den 
»Apollinaire vivant« von Billy und den kleinen »Apollinaire« 
von Soupault. Die Gedichte aber, in denen die Essenz seiner 
Kunst am unvermischtesten ruht, wird man suchen, von einem 
zu horen, der sie nodi von ihm selber vernommen hat. Wenn 
man nicht in Paris sich die Platte verschafft, in welche eines 
Tages Apollinaire zu seinem Stolze einige Verse hineinsprechen 
durfte. Da hatte sich ein Punkt seines groften Programms erfullt: 
die Lyriker hatten heutzutage nicht Bucher zu hinterlassen, 
sondern Schallplatten. 

Diese Gedichte sind fur seine Generation entscheidend gewor- 
den. Das Zentrum ihrer Inspiration ist an Reinheit und Scharfe 
am besten mit dem Mallarmes vergleichbar. Doch ihm strikt 
gegensatzlich. Mallarmes Gedicht ist die »tour d*ivoire«, der 
elfenbeinerne Turm, so weifi und blendend, dafi er kaum mehr 
sichtbar im sehweigenden Ather badet. Und der Dichter ist zu 
einem Reflex in seinem hochsten Fenster geworden. Von Apolli- 
naires Versen dagegen mochte man sagen, sie steigen aus einem 
geselligen Larmen auf, enthalten Seelen von Gesprachen, baden 
ganz in jenem Alltag, an den sich der Dichter verlor. Sie sind 
so unfeierlich, beschamen die Prosa. Man kann sie lesen wie ein 
leises Summen, das dem »Flaneur des deux rives« uber die Lip- 
pen kommt, wenn er abends am Kai entlang schlendert. 

Gabriel d'Aubarede, Agnes. Paris: Librairie Plon (1928). 246 S. 

Briefschreiben ist uns in unserem personlichen Umgang eine 
zweideutige und lastige Sache geworden. Wir geben, ohne zu 
empfangen, denn von der Briefform empfangen wir in der Tat 
nichts mehr. Solch winzige Umstande sind oft Brennpunkte, in 
denen die Bestimmungskrafte einer Zeit sich sammeln. Und 
darum ist, als Vorwurf einer heutigen Liebeshandlung, die 
Wartezeit zweier Verlobter, die nach kurzer Begegnung sich 
weit voneinander entfernen und vereinbart haben, einander 
nicht zu schreiben, fruchtbar und deutlich. D'Aubarede kam es 
nun darauf an, dieses Motiv nach innen — weniger zeitkritisch 
als moralisch — sich entwickeln, die unbekannten Opfer und 
Gefahren sichtbar werden zu lassen, mit denen diese neue, 
strengere und reduziertere Gestalt menschlicher Verhaltnisse 



Biicher, die ubersetzt werden sollten 179 

erkauft wird. Es sind die Opfer und Gefahren der Leidenschaft 
in ihrer iiberschwenglichen Steigerung. Denn wenn alle Leiden- 
schaft in ihrer hochsten Glut nicht nur dem Weltlauf feindlich, 
sondern ihrem eigenen Gegenstande todlich ist, so ist Einsamkeit 
der Blasebalg dieser Gluten. Leidenschaft sucht die Nahe der 
Geliebten ja nicht, sich zu entfachen, sondern sich zu kiihlen. 
Darum ist das Schweigen, das die beiden Verlobten hier einan- 
der versprochen haben, nicht nur ein zeitgemafies, sondern ein 
gefahrliches Experiment in der Liebe. Ein Jahr, wahrend dessen 
sie an nichts sich halten konnen als die fixierten taglichen fiinf 
Minuten, in denen sie ausschliefUicher als sonst im Geiste beiein- 
ander sein wollen. Wie in diesem Ritus das Herz des Madchens 
sich aushohlt, ihr Tag zu diesen Minuten, ihr Leib zur Schatulle 
dieses Gelubde schrumpft, und die erste Regung, ins Leben 
zuruckzufinden, ein Briefentwurf an den Freund, die Katastro- 
phe herauffuhrt, das ist hochst sparsam, beherrscht und drastisch 
um den Mittelpunkt dieser Erzahlung gruppiert, jenen so wirk- 
lichen wie unergrundlichen Vorgang, der uns auf den Gedanken 
bringen konnte, der Mensch verhinge Lieben liber sich als Strafe, 
und es erlosche von selber, wenn er gesiihnt: dafi namlich Liebe 
sich am eigenen Leid ersattigt, und wenn das Opfer verbrannt 
ist, der Altar, auf dem es flammte, als Granit des Hochmuts 
zum Vorschein kommt. Als nach Jahresfrist .der Geliebte sich 
einstellt, ist es mit Agnes soweit gekommen. Sie schickt ihn 
fort und treibt die Dinge in ihrem zerstorenden Hochmut da- 
hin, wo nichts als das Erbarmen des Geliebten zwischen ihr und 
dem elenden Tode steht. Wie dies Erbarmen langsam und wie 
aus einer schonenden Verpackung von Ha£ sich auswickelt, wie 
man, noch schonender, in dem Erbarmen die Liebe durchfiihlt, 
das gehort zu den schonsten dieser erstaunlich fein und treu 
erfaftten Vorgange. Hatte nun d'Aubarede seine Helden zu 
Prototypen des neuen lakonischen Lebensstils und ihre Liebe 
exemplarischer gestalten wollen, es ware ein merkwiirdiges 
Gegenstuck zu dem Buche entstanden, das er wirklich geschrie- 
ben hat. Denn so viel wird deutlich geworden sein, er wahlte die 
romantische Variante des Vorwurfs. Darum darf seine Heidi n 
einer Honoratiorenfamilie Lyons entstammeh und mag den 
Kreisen, aus denen sie kommt, so tief und gefahrlich verwandt 
sein, daft sie in ihren Gefiihlen die Mutter verleugnen mull, um 



180 Kritiken und Rezensionen • 1929 

zu sich selber zu finden. Darum kann ihre Flucht sie ins Kloster 
und endlich hart bis an das Bett eines kiimmerlichen Jungge- 
sellen jagen, den die Familie ihr antraut. Darum gehort diese 
schone Erzahlung in die Gattung der »Liebesgeschichten«, von 
denen wir Abschied nehmen miissen und in Deutschland langst 
Abschied genommen haben. Wir wissen, aus wie triftigen Griin- 
den und werden dennoch ein so zartes und klangvolles Buch urn 
so lieber haben, als unsere guten Autoren so etwas nicht mehr 
schreiben und die schlechten es noch immer versuchen. 



Margel Brlon, Bartholomee de Las Casas. »Pere des Indiens*. Paris: 
Editions Plon 1928. 309 S. 

Die Kolonialgeschichte der europaischen Volker beginnt mit 
dem ungeheuerlichen Vorgang der Conquista, der die ganze 
neueroberte Welt in eine Folterkammer verwandelt. Der Zu- 
sammenprall der spanischen Soldateska mit den gewaltigen 
Gold- und Silberschatzen Amerikas hat eine Geistesverfassung 
geschaffen, die niemand ohne Grauen sich vergegenwartigen 
kann. Nichts triiber und staunenswerter, als daft der Mann, von 
dessen Wirken die vorliegende Schrift Zeugnis ablegt, durchaus 
ein Einzelner, ein heroischer Streiter auf dem verlorensten 
Posten gewesen ist. Las Casas ist mit vierundzwanzig Jahren 
als Mitglied der dritten Expedition des Kolumbus (1498) zum 
ersten Male nach Amerika gekommen. Dort hat er bald einen 
Oberblick tiber die trostlose Lage der Eingeborenen gewonnen 
und sich mit nie versagender Energie ein Leben lang um ihre 
Verbesserung bemuht. Da er als Priester (zuletzt Bischof von 
Chiapas) seine Aktion auf die Moralyorschriften der katholi- 
schen Kirche aufbauen mufSte, die Theoretiker der conquista 
aber erst recht ihre Anspruche auf die vom Papst dem Kaiser 
zugesprochene Herrschaft iiber »Indien« sowie auf die Katho- 
lizitat der erobernden Spanier im allgemeinen griindeten, so 
haben die Debatten einen durchaus juridisch-theologischen Cha- 
rakter. Es ist das grofte Verdienst von Brion, das sehr entschie- 
den und ebenso fesselnd herausgearbeitet, dazu in einem gelehr- 
ten Anhang ausfiihrlich belegt und erlautert zu haben. Sehr 
interessant ist es zu verfolgen, wie hier die wirtschaftliche Not- 
wendigkeit einer Kolonisation, die noch nicht die imperialistische 



Biicher, die iibersetzt werden solhen 181 

war - damals brauchte man Tributlander, nicht Markte -, sich 
ihre theoretische Rechtfertigung sucht: Amerika sei herrenloses 
Gut; die Unterjochung sei die Vorbedingung der Mission; gegen 
die Menschenopfer der Mexikaner einzuschreiten sei Christen- 
pflicht. Der Theoretiker der Staatsraison - die sich aber nicht 
offen als solche gab -, war der Hofchronist Sepulveda. Der 
Disput, der zwischen den beiden Gegnern i$$o in Valladolid 
stattfand, bezeichnet den Hohepunkt in Las Casas Leben - und 
leider audi seines Wirkens. Denn so nahen Kontakt dieser 
Mann mit der Wirklichkeit nahm, der Erfolg seiner Aktion 
blieb doch im Ganzen auf Spanien beschrankt. Nach der Dispu- 
tation von Valladolid erliefi Karl V. Verordnungen, die die 
Sklaverei aufhoben, die sogenannte »encomienda«, das »Patro- 
nat«, das eine ihrer sadistischsten Formen war, abschaffte usw. 
Aber gleiche oder ahnliche Mafinahmen waren schon vorher, so 
gut wie erfolglos, erlassen. Und als Las Casas 1566 zu Madrid 
in einem Dominikanerkloster starb, da hatte zwar er das Seinige 
getan, gleichzeitig aber war das Werk der Zerstorung vollbracht. 
Brions tiefdringende Arbeit zeigt hier im moralischen Gebiet 
die gleiche geschichtliche Dialektik, der wir auf kulturellem 
begegnen: im Namen des Katholizismus tritt ein Priester den 
Greueln entgegen, die im Namen des Katholizismus begangen 
wurden; so hat ein Priester, Sahagun, durch sein Werk »Historia 
general de Las Casas de nueva Espana« die Oberlieferung von 
dem gerettet, was unter dem Protektorat des Katholizismus 
zugrunde gegangen ist. Brion hat uns um eine ausgezeichnete 
Darstellung politischer Dogmenkampfe bereichert, die gerade 
jetzt von neuem auf Interesse und Verstandnis stoEen. 

Leon Deubel, CEuvres. Preface de Georges DuhameL Parts: Mercure 
de France 1929. 286 S. 

»La chanson balbutiante« - »Leliancolies« - »La lumiere na- 
tale« - »Ailleurs« - »Regner« - das sind einige unter den 
schonen und merkwiirdigen Titeln, mit denen in den Jahren 
1899 bis 191 3 Leon Deubels Gedichte in die Welt hinausgingen. 
Hier von »WeIt« zu sprechen ist freilich nicht angangig. Die 
durchschnittliche AuflagezifTer dieser Bandchen lag zwischen 
dreiEig und sechzig, und damit noch immer hoch iiber dem, was 



182 Kritiken und Rezensionen * 1929 

der Dichter als sein Ideal sich ersehnte: seine Biicher in fiinf 
Exemplaren drucken zu lassen. Es sieht ja aus, als liefie sich 
dergleichen heute nicht mehr verstehen. Dabei ist es sehr ein- 
fach. Deubel lebte mit seinen Versen, und er lebte so iiberaus 
intensiv mit ihnen, weil nicht nur er sie notig hatte, sondern sie 
ihn. Denn diese Verse sind nicht immer die starksten. Deubel 
war eine grofie Begabung. Aber auf dieser grofien Begabung 
lagen, wie auf dem schwerfalligen Manne selber, Triibsal und 
Lebensangst, die sein Dasein und Dichten in eine Einsamkeit 
zwangen, der ebenso Bewahrung wie Zuspruch fehlten. Er 
verschlofi sich also mit seinem Tun in den fiirstlichen, nun aber 
verlassenen und stickigen Wohnungen derer, die ihm vorange- 
gangen waren, Baudelaires zumal, und die Samen seiner Bilder 
schossen darinnen in kelchigen, strahligen, schaftigen Formen 
ins Kraut. Er selber hat dies geile Bilderwesen als die grofie 
Gefahr seiner Dichtung empfunden, und einmal schreibt er, 
unbeholfen genug: »Ich will nicht so verschwenderisch mit 
Bildern sein, das ermiidet den Leser.« Er hat von dieser Seite, 
seiner wesentlichsten, Verwandtschaft mit Heym. Dessen we- 
hende, flammende, knatternde Bilder aber waren Standarten, 
unter denen die Lyrik zum letzten siegreichen Sturm auf die 
Grofistadt sich riistete. Deubel hat die Stadt nicht geliebt. Sie 
war ihm nur eine Station auf dem Leidenswege, der schwarze 
Katarakt, den er in einem schonen Gedicht sein Lebensschiff 
heil durchziehen hiefi. Sein Wille ist ihm nicht in Erfiillung ge- 
gangen. Mit vierunddreifSig Jahren nahm sich Deubel das Leben, 
einer der letzten, die an der Poesie zugrunde gegangen sind. 
Unter denen, die etwas fiir ihn getan haben, ist Alfred Richard 
Meyer, der Verleger der schonen nun schon seltenen Plaquette 
»Ailleurs«. Spater hat er dem Toten ein Bandchen »In Memo- 
riam L£on DeubeU nachgeschickt - leider von unaussprech- 
lichen Obersetzungen entstellt. Einen gliicklidieren Versuch 
unternahm Paul Zech im zweiten Heft der »Neuen Kunst«. 
Mit zwanzig oder dreifiig seiner schonsten Verse sollte Deubel 
in der besten aller deutschen Republiken, dem alten Freistaat 
ihrer Obersetzungen, das Heimatrecht verliehen werden. 



Gebrauchslyrik? Aber nicht so! 183 

Gebrauchslyrik? Aber nicht so! 

Das Chanson, wie es vom Montmartre zu uns heruntergekom- 
men ist, war ein Feuer, an dem der Bohemien sich den Riicken 
warmte, jederzeit bereit, einen Scheit zu ergreifen und ihn als 
Brandfackel in die Palais zu schleudern. Weil aber der Arme 
alles verkaufen mulS, so mufite er's audi dulden, dafi der Reiche 
sich Zutritt zu seinem Asyl erzwang und sich's bei einem Feuer 
gemutlich machte, das darauf brannte, ihn zu verzehren. Das 
ist der Ursprung des Kabaretts. Schwer ist es den Schiilern 
Aristide Bruants nicht geworden, sich auf die soziale Zweideu- 
tigkeit der Gattung einzulassen. Die sexuelle findet sich schnell 
dazu. Aber audi die Zote war noch Revoke, Aufstand des 
Sexus gegen die Liebe, und bei Wedekind geht es hart her. Erst 
recht geht es hart her bei Brecht, dem besten Chansonnier seit 
Wedekind, und dem lehrreicheren, weil bei ihm um den Waage- 
balkeri der Not die beiden Schalen Hunger und Geschlecht ge- 
rechter spielen. Mit Brecht hat das Chanson sich vom Brettl 
emanzipiert, die Decadence begann historisch zu werden. Sein 
Hooligan ist die Hohlform, in die dereinst mit besserem, volle- 
rem Stoff das Bild des klassenlosen Menschen soil gegossen 
werden. Damit fand die Gattung ihre scharfe aktuelle Bestim- 
mung. Es reicht nicht mehr aus, Gaunersprache und Piatt, Argot 
und Slang zu parlieren, um hier mitreden zu diirfen. Und, die 
Wahrheit zu sagen: nie hat es ausgereicht. Wenn es in den Krei- 
sen der »Vaterlandslosen«, »Entwurzelten« so etwas wie Hei- 
matkunst gibt, dann ist es das Chanson, das aus dem engen 
rauchgeschwarzten Kneipenwinkel kommt. Und wo dergleichen 
Weisen etwas taugen, da haben einmal Manner beisammen ge- 
sessen. Mehring 1 mag allerlei Qualitaten haben, mag der Spra- 
che rabeleske Toupets, balladeske Tollen oder bierbaumsche 
Schmachtlocken drehen — er hat nie an ungehobelten Tischen 
gesessen. Das Unverniinftige, Verbissene, Herbe, Verachtliche, 
Heimweh und amor fati des Verrufenen sind ihm fremd — 
trotz »Ketzerbrevier« und »Legenden«. Sein Chanson ist ein 
Esperanto der Dichtung, der EfFekt ist sein letztes Wort und 
niemals liegt er in der Nuance. Ein Mann wie Brecht kann 

1 Die Gedichte, Lieder und Chansons des Walter Mehring. Berlin: S. Fischer Verlag 
(1929). 255 S. 



184 Kritiken und Rezensionen • 1929 

das Massivste anheben, wir werden immer unsere Freude daran 
haben, wie zart er es niederlegt. Mehring kann gar nicht athle- 
tisch genug stemmen, aber wenn man dagegen klopft, klingt es 
so hohl wie dies: 

Und acherontisch donnert der Metrozug, 

Apokalyptisch reist der Passagier. 
Die Oberlieferungen der Decadence sind gerade in Deutschland 
zu schwer erkauft und zu lauter - man braucht hier nur den 
Namen Hardekopf zu nennen -, um sich diese akademische 
Kopie gefallen zu lassen, der ihre Herkunft aus dem Amusier- 
betrieb der Groftstadt an der Stirn geschrieben steht. Diese 
Sachen haben keine verandernde Kraft; sie werden keine Um- 
gruppierung verschulden. Denn sie sind nicht von der Nieder- 
tracht, sondern vom Masochismus eines burgerlichen Publikums 
inspiriert. 



Willa Cather, Frau im Zwielicht. (Ubertr. von Magda Kabn.) 
Freiburg i. Br.: Urban Verlag [1929]. 227 S. 

Dies Buch ist schauerlich gegeri die Welt abgedichtet. Soviel 
Portieren verstecken das Pfortchen, an dem die Phantasie die 
concierge ist. So viele Teppiche sind liber die Schwelle gelegt, 
so viel ewige Lampen der Sehnsucht hangen in alien Eckchen. 
Der Leser kommt sich vor wie ein Kanarienvogel, der mitten 
in der Geschichte im Bauer sitzt. Die siifien Aromen des Ehe- 
bruchs, den man nicht weift, schwangern die Atmosphare wie 
Weihrauchkerzen. Ware das Buch nicht so verdammt zart, man 
mochte es verdammt unverschamt nennen. So imponierend ist 
die Technik, die diese stubenreinen Liebesspielchen uns wieder- 
gibt und im Vorbeigehen Tranen unserer Ruhrung als Gottes- 
lohn abfangt. Ein ganz und gar kunstvolles und ein ganz und 
gar nichtiges Buch. 



Willa Cather • Curt Elwenspoek 185 

Curt Elwenspoek, Rinaldo Rinaldini, der romantische Rauber- 
fiirst. Das wabre Gesicht des geheimnisvollen Rauber-»Don 
Juan«, durch erstmalige Quellenforschungen enthiillt. Stuttgart: 
Siiddeutsches Verlagshaus 1929. 198 S. 

Rinaldo Rinaldini - es gab keinen, der so hieK. Der Name ist 
eine Erfindung von Vulpius. Aber ofFenbar war er mehr als eine 
gelungene modische Pragung der empfindsamen Zeit. Offenbar 
ist er ein onomatopoetischer Ausdruck - nicht zwar des Rauber- 
lebens, aber der ewigen Sehnsucht nacii ihm. In diesem Namen 
wohnt das Waldesecho des vieux souvenir, von welchem Baude- 
laire gedichtet hat, es dringe »wie Hornruf« zu uns. Die Leit- 
motive »Einsamkeit«, »Gerechtigkeit« und »Freiheit« sind in 
diesem Zauberklange verschmolzen. 

Der war nun in der Tat Eingebung eines elenden Skribenten. 
Der Erzahler phantastischer Kolportagegeschichten, der Vulpius 
blieb, audi als er langst von Goethes Gnaden zum Bibliotheks- 
sekretar war gemacht worden, hat seinem Helden ein Leben 
gedichtet, das in seinen Schicksalen einiges, in seiner Farbung 
aber nicht das Mindeste mit dem historischen Rauberleben 
Angelo Ducas zu tun hat, das in Italien schon lange ehe Vulpius 
es sich zum Vorbild nahm Gegenstand romantischer Epen ge- 
wesen war. Um seinem deutschen Publikum des Rokoko ihn 
nahezubringen, mufite Vulpius dem Rinaldo vor allem einige 
donjuaneske Liebesgeschichten andiditen, die ihn von dem offen- 
bar mannerbundisch gesinnten Ducas vollig entfernen. Den 
heutigen Leser wiederum wird eher eine trockene pragmatische 
Abfassung fur den Helden gewinnen. Und man kann der 
chronistischen Darstellung, die hier vorliegt, nichts Besseres 
nachsagen, als dafi der Wunsch zu werben, der Sinn fur das 
unbedingt Liebenswiirdige einer Gestalt, die ein Jahrhundert 
lang im Volke gelebt hat, an seiner Quelle stand. Im iibrigen 
hat der Verfasser mit Recht neben seiner eigenen die Umrisse 
der Vulpiusschen Darstellung geben wollen. Ein Auszug aus 
dessen dreibandigem Werke bildet das mittlere Drittel des 
Buches. Natiirlich enthalt er das beriihmte Rauberlied, diesen 
wundervollen Singsang, mit welchem das Banditenleben aus 
dem Schlaflied aufsteigt, um in grofiem, romantischem Bogen in 
das Eiapopeia der Liebe zuriickzusinken. 



186 Kritiken und Rezensionen • 1929 

Einsamkeit, Gereohtigkeit und Freiheit . . . als idealer Outsider 
stand der romantische Bandit an der Stelle, die heute der ro- 
mantische Millionar geraumiger einnimmt. Denn Rinaldini ist 
der Vorlaufer des Miliionar-Bolschewismus. Der stellt sich den 
Sozialismus ja audi als gerechte Verteilung vor, freilich, um 
dann folgendermafien zu argumentieren: Wenn wir Millionare 
zusammenlegten, und teilten es unter die Armen, - was kame 
dann schon auf Jeden? Der reiche Theoretiker hat recht: Wenn 
man das Kapital an die Proleten aufteilt, ergibt sich, daft sie 
von den Zinsen nicht leben konnen! Rinaldo aber - oder viel- 
mehr Angelo Duca - ging iiber diese Rechnung zur Tagesord- 
nung (iber. Seine Leute hatten etwas von ihm. Nicht nur die 
Mitglieder seiner Bande, sondern all das Volk von Lucanien. Er 
durfte sich mit gutem Gewissen eine Fahne malen lassen, »auf 
der man ihn inmitten der kampfenden Seinen, umgeben von 
Toten und Verwundeten, erblickte, wahrend eine Schar von 
Bettlern ihm zujubelte, der mit der Miene eines sanften Heiligen 
auf sie herabblickte«. 

Zu dem Bilde, das man hiernach von seinem Helden sich macht, 
pafit nicht schlecht, daft der Verfasser dessen Sache auf etwas 
beschrankte, spieftbiirgerliche Manier fiihrt. Menschen, die sich 
bis heute Kontakt mit dem Dichten und Spintisieren des Volkes 
bewahrten, stellt man sich gern als Burger einer Hoffmannesken 
Welt vor, in der ja die Philister und Burokraten vom Schlage 
eines Aktuarius Lindhorst zugleich die grofien Sachverstandigen 
des Nachtlichen, Obelberufenen sind. Selbst die exakte Quellen- 
kunde, die der Verfasser nicht ohne Pedanterie an den Tag legt, 
bestatigen uns dies Bild des sympathischen Autors. Aber er 
weifi doch seine Haltung auch mit weniger altvaterischen Mit- 
teln zum Ausdruck zu bringen, und die schone Aufnahme, die, 
neben anderen Abbildungen, hier von der Via Angelo Duca in 
San Gregorio Magno zu finden ist, wurde allein bezeugen, daft 
dieser Mann vom Genius eines Ones und seines Helden nach- 
driicklich genug gestreift worden ist. 



Der arkadische Schmock 187 

Der arkadische Schmock 1 

» Theseus drehte sich zuriick und erhob Iangsam die Klinge. 
Dann sprang er zu und hieb sie, den Schild spaltend, bis in die 
Mitte hinein, wo sie stecken blieb und zerbrach. Theseus hob 
mit einem Lacheln das Heft uber die Stirn empor. Leer wie 
eine Hand, sagte er und liefi das Heft und liefi sich selber mit 
einem schluchzenden Gelachter kopfiiber der Tiefe zuf alien. « 
Oder so: »Einzig der Wechsel — wie drinn in der Lunge Ein- 
gang und Ausgang der windigen Lufte - war ihm das Leben, 
ein immer veriibter, und niemals bemerkter, goldner Betrug.« 
Oder so: »Unubersehbar ergofi sich griine rauschende Tiefe zu 
Kranzen blauender Walder. Die Giocke des Himmels bliihte 
dariiber in hauchender Blaue, wo schwebend Wolken wie Mu- 
schel-Inneres rosig leuchteten. Der Westen atmete in flehendem 
Grun dem versunkenen Gotte nach, und aus Scharen grower 
Reiher-Vogel, die uber der Dammerung aufblitzend zuriick- 
fielen, kam ein Saiten-Schwirren melodisch.« 
So stur ist keiner, daft ihm nicht aufging, hier spricht ein Dich- 
ter, der aus dem Vollen schopft, mit der antiken Sinnenfreude 
auf Du und Du steht und, wenn er den Mund ofTnet, da be- 
ginnt, wo dem Dichter der »Penthesilea« der Atem ausging. Er 
hat die Stimme von »Jenseits« gehort, mit welcher Zeus die 
Europa anspricht, ihm ist sogar das >innere Licht< nicht ent- 
gangen, das dem Herakles die Reflexe am Speer »zum Schein 
eines Gesichts« macht. Er weifi, was die Zitronenfalter im 
trojanischen Kriege getrieben haben und wie die Gotter so 
anschaulich reden und hort Athene, wie sie gesprachsweis, vom 
Herakles aufiert: »SeineTaten sindso viel, wie iiber ihm Friichte 
hangen.« Der Leser aber geht in sich und beginnt sich des Bettels 
zu schamen, den Grimm und Schwab, Bechstein und MollenhofT 
in ihren Sagenbuchern dem Volke hinwarfen. Und sein einziger 
Trost, in diesem Gefiihl mit einem Autor ubereinzustimmen, 
der iiber seinen Vorganger, Schwab, sagt: »Eine Darstellung 
muE es darum verfehlen, die es wagt, auf Heroismus oder Pa- 
thos besondere Lichter zu setzen. Wenn etwa Schwab die Anti- 
gone >Heldenjungfrau< nennt, so mififallt uns nicht nur das 

1 Albrccht Schaeffer, Griechtsche Helden-Sagen. Neu erzahlt nach den alten Quellen. 
Folge 1. Leipzig: Insel-Verlag, [1929], 248 S. 



1 88 Kritiken und Rezensionen • 1929 

Gezierte des Ausdrucks, sondern das aufgesetzte Glanzlicht, das 
die Grofie kiinstlich erscheinen lafit.« Hat man aber alle Anstalt 
getroffen, diesen Nachfolger mit Ehren in das Regal zu stellen, 
so stofit man, im nachsten Absatz dieser sonderbaren Selbst- 
anzeige, Selbstbezichtigung des Verf assers, auf dieWorte: »Den- 
noch sind wir Kinder unseres Jahrhunderts, wir wollen, audi 
wenn wir poetische Felder betreten, den bitteren Lehrgang 
durchPsychologie undPathologie nidit umsonst geleistet haben.« 
Ob nicht am Ende das Betreten poetischer Felder verboten ist, 
ob und wie jemand einen Lehrgang leistet, soil nicht erortert 
werden. Befremdliches genug bleibt noch iibrig. 
Handgreiflich ist am ganzen Programm des Autors am ehesten 
das Verhaltnis zu Schwab. Dem mufi man nachgehen. Schwabs 
»Sagen des klassischen Altertums« sind in der Geschichte der 
Sage ein Markstein. Keine Neubelebung, sondern der epochale 
Abschlufi. Zum ersten Male wird bei Schwab die Sage als Werk- 
zeug klassischer Bildung kodifiziert. Damals aber legitimierte 
der Humanismus sich noch in einer Leistung an die Nation, die 
bis in die fruheste kindliche Bildung hinuntergriff. Die durch- 
sichtige, selbst Kindern zugangliche Fassung der Schwabschen 
Sagen gibt die Gewahr fur die Lauterkeit einer Bestimmung, die 
sie snobistischem Urteil entriickt. Schwabs Verhaltnis zu Tiefe 
und Umfang der Sagenwelt ist dem der abschliefienden Banali- 
taten der Chorverse zum Ganzen einer griechischen Tragodie 
vergleichbar. Nur als Banalitat, nicht anders, konnte damals 
das Grofke an dieser Sagengestaltung des schwabischen Pfarrers 
sich auspragen: Dafi er der Oberlieferung die Autoritat wahrte. 
Dies aber ist fur jede Niederschrift von Sagen der Priifstein. 
Wir besitzen in den »Deutschen Sagen« der Grimm das vollen- 
dete Muster, das noch der zwanzig Jahre spateren Sammlung 
Schwabs die Richtung gewiesen hat. Der Stil der Sage, wie diese 
Groften ihn nicht sowohl gescharTen wie geborgen haben, liegt 
im Lakonismus. Mit jedem Satze bringt die Sage ein neues 
Geschehen. Sie meidet die Oberschneidungen, aus denen die 
Stimmung kommt. Sie schliefk den Dialog aus, der ihre epische 
Besinnung herabmindert. Sie hafk die Nuance, die der Tod aller 
Autoritat ist. 

Stimmung, Dialog und Nuance machen bei SchaerTer die Sage. 
Eine verweichlichte, jedem Einfall horige Prosa gibt sich fiir 



Edit Ingolstadter Originalnovellen 189 

Oberlieferung. Wo einer klassisch war, konnen tausend roman- 
tisch sein. Einer von diesen tausend ist SchaefTer. Ein Nichts. 
Eine lacherliche Minoritat. Wer glaubt ihm seine »epera pte- 
roenta«, seine Wolkenschimmer und Vogeltriller? Was soil uns 
diese nagelneue Kunde vom Alten? Gliicken konnte dies Buch 
nicht. Dafi es aber so schlecht werden mufite, als es nur irgend 
werden konnte, das ist das Werk der Krafte, welche strenger 
als je die weltgeschichtliche Brache der Sage huten. Bachofens 
Studium hatte sie dem Verfasser vernehmlich gemacht. Kann 
aber dem geholfen werden, den das Studium antiker Quellen 
nicht vor dem Modischsten: der Mischung von Impressionismus 
und Symbolik bewahrte, die den Schmock definiert? Die Danai- 
denarbeit dieser Nachschopfung tragt ihre Strafe in sich. 



Echt Ingolstadter Originalnovellen 

Wenn die Marieluise Fleisser Novellen 1 schreibt und auf den 
Titel setzt »Marieluise Fleisser aus Ingolstadt«, so kann das 
schon Koketterie* sein, aber eine sehr wissende und die ihre 
Mittel kennt. Vor allem ist es bestimmt nicht Ressentiment. 
Diese Frau bereichert unsere Literatur um das seltene Schauspiel 
ganz unverbohrten provinzialen Stolzes. Sie hat einfach die 
Oberzeugung, dafi man in der Provinz Erfahrungen macht, die 
es mit dem grofkn Leben der Metropolen aufnehmen konnen, 
ja sie halt diese Erfahrungen fur wichtig genug, um ihre Person 
und ihre Autorschaft an ihnen zu bilden. Die Denkungsart, in 
der sie das tut, gibt ihr alien Anspruch auf Beachtung und Dank. 
Denn wer sich unter der provinziellen Literatur in Deutschland 
umsieht, erkennt; Sachwalter des Landschaftlichen und Stammi- 
schen sind beinah immer verstockte, reaktionare Geister. Man 
kann aber auch mit den wenigen Ausnahmen, mit Hermann 
Stehr, dem Schlesier, Alfred Brust, dem Ostpreuften, die Fleisser 
nicht in eine Reihe stellen. Die Formel wiirde nicht auf sie 
passen. Ein Mann wie Brust sucht die Enge der Umwelt durch 
eine oft sehr gewaltsame Weitung der Innenwelt auszugleichen. 

1 Ein Pfund Orangcn und neun andere Gcschichten der Marieluise Fleisser aus Ingol- 
stadt. Berlin: Gustav Kiepenheuer Verlag 1929. 208 S. 



19° Kritiken und Rezensionen • 1929 

Dichtungen dieses Schlages unternehmen ihre Sache auf eigne 
Faust und hinterm Riicken dessen, was in Europa vorgeht. 
Maneluise Fleisser ist nicht weniger stolz aber disziplinierter. 
Sie pfeift auf Anschlufi, aber sie bemiiht sich um Einordnung. 
Ihre »Pioniere in Ingolstadt« haben gezeigt, mit welchem Gliick 
sie verstanden hat, die unliterarische, aber keineswegs naturali- 
stische Sprache, die Leute wie Brecht heute suchen, in Anlehnung 
an den ebenfalls gar nicht naturalistischen Volksmund zu 
schaffen. Ihr neues Buch geht in Richtung auf diese Sprache 
einen Schritt weker. Sie spricht sie nicht mehr als dramatischer 
Autor in ihren Personen, sie nimmt sie in die Sprache ihrer 
Epik auf, solidarisiert sich mit ihr. Man hore: »Aber gerade 
dann hat der Herr seinen Kaffee immer so interessant gefunden, 
er tauchte formlich hinein mit starren angewarmten Augen und 
war von der Gtite des Getranks uberzeugt.« »Der Mann merkte 
was und legte sich weg.« »Mit der Gelegenheit langten wir an 
dem bewufken Kreuzweg an, wo sich mein Fraulein zum ersten- 
mal von mir trennen wollte. Und so lang, wie die Nacht 
war, wenn wieder so ein Abschied kam, habe ich mir jedes- 
mal die Stelle mit Bezugauf mein Fraulein gemerkt, es war 
hinterher eine ganze Sammlung.« Die Fleisser hat am Sprach- 
kleid iiberall die Spuren der Ingolstadter Mauern, die sie 
streifte. »Mensch, Du hast woll die Wand mitjenommen«, sagt 
der Berliner, und das ware ihr hochstes Lob. Sie halt wirklich 
nicht Abstand und streift, dafi es schon mehr ein Rempeln ist, 
an den Dingen hin. So aggressiv und storrisch sie an die Sachen 
herangeht - ungeschickt ist sie dabei nur scheinbar. Ja der 
aufsassige Dialekt, der die Heimatkunst von innen heraus 
sprengt, ist nur die eine Seite des sprachlichen Konnens, das in 
diesen Novellen steckt. Es gibt da namlich noch eine Verstiegen- 
heit, die fluchtigen Lesern als Restbestand eines provinziellen 
Expressionismus erscheinen konnte, in Wahrheit aber, und 
mindestens aufterdem, etwas Anderes und Besseres darstellt: 
die namenlose Verwirrung namlich, mit der das volkstiimliche 
Sprechen sich auf den Weg macht, die Stufen der sozialen Rede- 
leiter hinanzuklimmen, das »feine«, »gehobene« Deutsch der 
herrschenden Klassen zu sprechen. Diese Verwirrung, diese 
hochstaplerische Schlichtheit, ist hier ein Kunstmittel ersten 
Ranges geworden. Die Verfasserin hat diese Sprachgebarde als 



Hans Heckel 191 

das erkannt, was sie ist, als soziale Zauberei, linguistischen 
Fetischismus, bestimmt durdi eine Reihe von Beschworungs- 
formeln die Wande weichen zu machen, die sich zwischen den 
Klassen erheben. Und diese Rudimente von Magie im Sprechen 
geben den gekuschten, ausgepowerten Existenzen, die im Mittel- 
punkt dieser Erzahlungen stehen, der »armen Lovise« oder 
dem Maurergesellen vom »Abenteuer aus dem Englischen Gar- 
ten« das Faszinierende. Fur die Verfasserin lauert da aber eine 
Gefahr. Wenn sie »Gott« sagt, wozu im Laufe dieser Erzahlun- 
gen mehr als einmal Anlafi ist, gibt es Satze wie den: »Gott 
hangte seine Fahne uber sie, auf der der Name stand dieser 
Kreatur: Girl.« Und das ist vielleicht noch sehr gut, deutet 
aber doch an: dies Deutsch ist fiir Epik eine zu schmale Basis. 
Hier ist noch eine letzte Beschranktheit zu brechen, damit auf 
so viel mutiges dichterisches Experimentieren die reine Leistung 
folge. Kommt sie zustande, dann werden wir an den Schriften 
der Fleisser nicht nur vollkommene, sondern padagogisch hochst 
brauchbare Stiicke haben, und die Johanna Spyri einer eisen- 
fresserischen Jugend in ihr begriiEen. 



Hans Heckel, Geschichte der deutschen Literatur in Schlesien. 
Bd. 1: Von den Anfdngen bis zum Ausgang des Barock. Bres- 
lau: Ostdeutsche Verlagsanstalt 1929. (Einzelschriften zur schle- 
sischen Geschichte. 2.) X^iS S. 

Die historische Kommission fiir Schlesien zeichnet als Heraus- 
geberin dieser Literaturgeschichte. Damit ist ein bestimmtes 
wissenschaftliches Minimum gewahrleistet. Man kann nicht 
sagen, dafi die Leistung iiber das Gewahrleistete hinausgeht. 
Fleifliger Nachweis der genealogischen und biographischen Da- 
ten, ausfuhrliche Inhaltsangaben, Proben der Lyrik usw. - in 
dieser Schicht liegen die Verdienste des Buches. Es gehort einem 
Typus an, dem man in Obergangs- und Umwertungszeiten der 
Wissenschaft immer wieder begegnen wird. Ein Autor, unfahig 
solche Umwertung an seinem Teile zu vollziehen oder auch nur 
zu erfassen, sucht ihr auf opportunistische Weise entgegenzu- 
kommen und meint, neuen Maftstaben gerecht werden zu kon- 



i<? 2 Kritiken und Rezensionen • 1929 

nen durch Beugung und Nachgiebigkeit in der Handhabung 
iiberkommener. Wir denken hier an seine Darstellung der 
schlesischen Barockdichtung, die die zweite Halfte des Buches 
einnimmt und nicht nur unter den hier behandelten Epochen 
dem gegenwartigen Brennpunkt der Forschung am nachsten 
steht sondern audi eine der wichtigsten Manifestationen Schle- 
siens gewesen ist. Wer sich das vergegenwartigt, wer sich sagt, 
wieviel nach Nadlers anregenden Entwiirfen in der »Literatur- 
gesdiidite der deutschen Stamme« hier noch zu leisten gewesen 
ware, welch seltene Gelegenheit es zu leisten (400 grofie Seiten 
sind fur die Darstellung von 1300 bis 1700 in Anspruch genom- 
men worden), der mufi zu dem Ergebnis gelangen, dafi wenig 
geschehen ist. Und wenn er von der unentschiedenen Haltung 
des Autors, der die Chancen gar nicht zu nutzen wufite, die 
gerade die heutige Forschung ihm bietet, auch absieht, so wird 
er sich doch keinesfalls von einer bloften Chronik dessen, was 
im Lande Schlesien in Dingen der Literatur sich ereignete, be- 
friedigt erklaren. Das Land, seine Menschen, seine sozialen 
Verhaltnisse erhellen sich im gemachlichen Verlaufe dieser Er- 
zahlung nur notdiirftig und sporadisch. Die grofk Aufgabe, die 
literarische Monographic einer Landschaft zu schreiben, mag 
man ihr nun die wirtschaftlichen oder die stammesgeschichtlichen 
Verhaltnisse zugrunde legen, ist offenbar iiberhaupt nicht ins 
Blickfeld des Verfassers getreten. So scheint uns Jahr fiir Jahr 
die Hoffnung zii triigen, es mochte endlich ein gescharfteres und 
strengeres Wesen auch in die Geschichte der Literatur einziehen. 
Wird sie sich nicht endlich Rechenschaft davon geben, dafi ein 
trages Beharren auf den Akzenten, die die Forschung des neun- 
zehnten Jahrhunderts in diesem Bereiche gesetzt hat, nunmehr 
die Wissenschaft in nachste Nahe des Feuilletons riickt? Die 
Geilheit der barocken Liebesdichtung, die Schrecken und Greuel 
der Martyrerdramen, der Byz'antinismus der Gelegenheitsge- 
dichte und Widmungen, das Pathos der Sonette und Monologe - 
wir wollen nicht wissen, ob sie beim einen aufrichtiger, psycho- 
logisch vertiefter, entschuldbarer, formvollendeter als beim 
anderen sind. Wir wollen vorerst einmal erfahren: Was sind sie 
selbst? Was spricht aus ihnen? Warum mufken sie sich einstel- 
len? Wer sich in ein Phanomen zu vertiefen weifi, der trifft 
zuletzt darin immer auf das »Moderne«; der Vermittler, der 



Hans Heckel 193 

von vornherein bedacht ist, die Mafistabe des heutigen Lese- 
publikums (statt der Einsichten der heutigen Wissenschaft) an- 
zusetzen, baut gebrechliche Briicken. Es sei zugegeben, dafi auf 
vielen, die der Verfasser hier in der Gestalt von ausgewahlten 
Versen im Texte anbringt, sich's angenehm geht. Trotzdem ist 
diesem opportunistischen Verfahren, das sich um den Ausgleich 
des supponierten alten »Geschmacks« mit dem neuern bemiiht, 
der Kampf um so nachdriicklicher anzusagen, je mehr es ver- 
breitet ist. Man kann auch darstellerisch eine scharfere Profi- 
lierung der Autoren gegeneinander nie und nimmer charaktero- 
logisch, menschlich, asthetisch zu erwirken hoflen, sondern nur 
durch immer strengere, detailliertere Untersuchung der Art und 
Weise, in der die Einzelnen mit ihrer literarischen und kulturel- 
len Umwelt sich auseinandersetzen. Gerade in solcher prinzipiell 
unabsehbaren DifTerenzierung liegt das allein lebendige metho- 
dische Prinzip einer Literaturgeschichte. Die wie auch immer 
versteckte Zweiteilung von Darstellung und Wurdigung schlagt 
ihm ins Gesicht. Der Typus des barocken Literators ist ja in den 
grobsten Umrissen von Heckel wie auch schon von anderen ge- 
zeichnet worden. Aber es versinkt alles wieder in der gemach- 
lichen, komfortablen Darstellung der Viten und Werke. Wenn 
wir mehr fordern als das niitzliche Handbuch, das Heckel 
vorlegt, so berechtigt dazu eine Epoche, die wie wenige andere 
ein vertieftes Studium der Lkeratur in ihrer sozialen und land- 
schaftlichen Bedingtheit nicht nur ermoglicht sondern anregt. 
Wir brauchen ein Buch, das die Genesis des barocken Trauer- 
spiels im engen Zusammenhang mit dem Entstehen der Biiro- 
kratie, die Einheit der Zeit und der Handlung im engen Zu- 
sammenhang mit den dunklen Amtsstuben des Absolutismus, 
die geile Liebesdichtung mit der Schwangerschaftsinquisition des 
entstehenden Polizeistaats, die Schlufiapotheose der Operndra- 
men mit der rechtsphilosophischen Struktur der Souveranitat 
darstellt. Dann wird sich zugleich zeigen, was hier im Ursprung 
landschaftlich und stammisch bedingt war und wie die Krafte 
und Antagonismen des Barock bis Schiller (wie Nadler gezeigt 
hat), ja bis in das Widerspiel von Hebbel und Nestroy fortwir- 
ken. Um von dem besten Lohn, dem elektrischen Kontakt mit der 
heutigen Lage zu schweigen. Der Leser von Heckel hat ihn nicht 
zu besorgen. Er steckt in historizistischen Filzpantoffeln. 



i£4 Kritiken und Rezensionen * 1929 

Die Wiederkehr des Flaneurs 1 

Wenn man alle Stadteschilderungen, die es gibt, nach dem Ge- 
burtsorte der Verfasser in zwei Gruppen teilen wollte, dann 
wiirde sich bestimmt herausstellen, dafi die von Einheimischen 
verfafiten sehr in der Minderzahl sind. Der oberflachliche An- 
lafi, das Exotische, Pittoreske wirkt nur auf Fremde. Als Ein- 
heimischer zum Bild einer Stadt zu kommen, erfordert andere, 
tiefere Motive. Motive dessen, der ins Vergangene statt ins 
Feme reist. Immer wird das Stadtbuch des Einheimischen Ver- 
wandtschaft mit Memoiren haben, der Schreiber hat nicht um- 
sonst seine Kindheit am Ort verlebt. So in Berlin Franz Hessel 
die seine. Und wenn er sich nun aufmacht und durch die Stadt 
geht, so kennt er nicht den aufgeregten Impressionisms, mit 
dem so oft der Beschreibende seinen Gegenstand antritt. Denn 
Hessel beschreibt nicht, er erzahlt. Mehr, er erzahlt wieder, was 
er gehort hat. »Spazieren in Berlin« ist ein Echo von dem, was 
die Stadt dem Kinde von friih auf erzahlte. Ein ganz und gar 
episches Buch, ein Memorieren im Schlendern, ein Buch, fiir das 
Erinnerung nicht die Quelle, sondern die Muse war. Sie geht die 
Straflen voran, und eine jede ist ihr abschussig. Sie fiihrt hinab, 
wenn nicht zu den Muttern, so doch in eine Vergangenheit, die 
um so bannender sein kann, als sie nicht nur des Autors eigne, 
private ist. Im Asphalt, iiber den er hingeht, wecken seine 
Schritte eine erstaunliche Resonanz. Das Gaslicht, das auf das 
Pflaster herunterscheint, wirft ein zweideutiges Licht iiber diesen 
doppelten Boden. Die Stadt als mnemotechnischer Behelf des 
einsam Spazierenden, sie ruft mehr herauf als dessen Kindheit 
und Jugend, mehr als ihre eigene Geschichte. 
Was sie eroffnet, ist das unabsehbare Schauspiel der Flanerie, 
das wir endgiiltig abgesetzt glaubten. Und nun sollte es hier, in 
Berlin, wo es niemals in hoher Bliite stand, sich erneuern? Dazu 
mufi man wissen, daft die Berliner andre geworden sind. Lang- 
sam beginnt ihr problematischer Griinderstolz auf die Haupt- 
stadt der Neigung zu Berlin als Heimat Platz zu machen. Und 
zugleich hat in Europa der Wirklichkeitssinn, der Sinn fiir 
Chronik, Dokument, Detail sich gescharft. In diese Situation 

1 Franz Hessel, Spazicren in Berlin. Leipzig und Wien: Verlag Dr. Hans Epstein 
1929. 300 S. 



Die Wiederkehr des Flaneurs 195 

tritt nun einer, der gerade Jung genug ist, um diesen Wandel 
mitzuerfahren, und gerade alt genug, um den letzten Klassikern 
der Flanerie, einem Apollinaire, einem Leautaud personlich 
nahegestanden zu haben. Den Typus des Flaneurs schuf ja Paris. 
Dafi nicht Rom es war, ist das Wunderbare. Aber zieht nicht in 
Rom selbst das Traumen schon allzu gebahnte StrafSen? Und ist 
die Stadt nicht zu voll von Tempeln, umfriedeten Platzen, na- 
tionalen Heiligtiimern, um ungeteilt mit jedem Pflasterstein, 
jedem Ladenschild, jeder Stufe und jeder Torfahrt in den Traum 
des Passanten eingehen zu konnen? Die grofien Reminiszenzen, 
die historischen Schauer - sie sind dem wahren Flaneur ja ein 
Bettel, den er gerne dem Reisenden iiberlaftt. Und all sein Wis- 
sen von Kunstlerklausen, Geburtsstatten oder furstlichen Domi- 
zilen gibt er fiir die Witterung einer einzigen Schwelle oder das 
Tastgefiihl einer einzigen Fliese dahin, wie der erstbeste Haus- 
hund sie mit davontragt. Auch mag manches am Charakter der 
Romer liegen. Denn Paris haben nicht die Fremden, sondern sie 
selbst, die Pariser, zum gelobten Land des Flaneurs, zu der 
»Landschaft aus lauter Leben gebaut«, wie Hofmannsthal sie 
einmal nannte, gemacht. Landschaft - das wird sie in der Tat 
dem Flanierenden. Oder genauer: ihm tritt die Stadt in ihre 
dialektischen Pole auseinander. Sie eroffnet sich ihm als Land- 
schaft, sie umschlieEt ihn als Stube. 

»Gebt der Stadt ein biftchen ab von eurer Liebe zur Landschaft«, 
sagt Franz Hessel zu den Berlinern. Wollten sie nur die Land- 
schaft in ihrer Stadt sehen. Hatten sie auch nicht den Tiergarten, 
diesen heiligen Hain der Flanerie mit seinen Blicken auf die 
sakralen Fassaden der Tiergartenvillen, die Zelte, in denen man 
wahrend des Jazz das Laub schwermutiger als sonst zu Boden 
sinken sehen kann, den Neuen See, von dem hier die Buchten 
und Bauminseln in Gedanken gezeichnet sind, »wo wir im 
Winter kunstvoll hollandernd grofte Achter ins Eis schrieben 
und im Herbst von der Holzbrucke am Bootshaus in den Kahn 
stiegen mit der Herzensdame, die unser Ruder steuerte« - ware 
dies alles nicht, die Stadt ware noch immer voll Landschaft. 
Spiirten sie nur den Himmel iiber Hochbahnbogen so blau wie 
iiber Engadiner Ketten sich spannen, aus dem Getose die Stille 
wie aus einer Brandung sich heben und kleine Straften im 
Stadtinnern die Tageszeiten so deutlich wie eine Bergmulde 



196 Kritiken und Rezensionen * 1929 

widerspiegeln. Freilich das wahre, die Stadt randvoll erflillende 
Dasein des Stadters in ihr, ohne das es dieses Wissen nicht gibt, 
ist nichts Billiges. »Wir Berliner«, sagt Hessel, »miissen unsere 
Stadt noch viel mehr - bewohnen.« Bestimmt will er das wort- 
lich verstanden wissen, weniger von den Hausern als von den 
StraEen. Denn sie sind ja die Wohnung des ewig unruhigen, 
ewig bewegten Wesens, das zwischen Hausmauern soviel erlebt, 
erfahrt, erkennt und ersinnt, wie das Individuum im Schutze 
seiner vier Wande. Der Masse - und mit ihr lebt der Flaneur - 
sind die glanzenden, emaillierten Firmenschilder so gut und 
besser ein Wandschmuck wie im Salon dem Burger ein Dlge- 
malde, Brandmauern ihr Schreibpult, Zeitungskioske ihre Bi- 
bliotheken, Briefkasten ihre Bronzen, Banke ihr Boudoir und die 
Cafeterrasse der Erker, von wo sie auf ihr Hauswesen herab- 
sieht. Wo am Gitter Asphaltarbeiter den Rock hangen haben, ist 
ihr Vestibul und die Torfahrt, die aus der Flucht der Hofe ins 
Freie leitet, der Zugang in die Kammern der Stadt. 
Schon in der meisterhaften »Vorschule des Journalismus« 2 war 
die Erforschung dessen, was -Wohnen ist, als unterirdisches 
Motiv erkennbar. Wie jede stichhaltige und erprobte Erfahrung 
ihr Gegenteil mit umfafit, so hier die vollendete Kunst des 
Flaneurs das Wissen vom Wohnen. Urbild des Wohnens aber ist 
die matrix oder das Gehause. Das also, von dem man genau die 
Figur dessen abliest, der es bewohnt. Will mansichnun erinnern, 
dafi nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch Geister, und 
vor allem die Bilder wohnen, so liegt greifbar vor Augen, was 
den Flaneur beschaftigt und was er sucht. Namlich die Bilder wo 
immer sie hausen. Der Flaneur ist der Priester des genius loci. 
Dieser unscheinbare Passant mit der Priesterwiirde und dem 
Spiirsinn eines Detektivs - es ist um seine leise Allwissenheit 
etwas wie um Chestertons Pater Brown, diesen Meister der 
Kriminalistik. Man mufi dem Autor in den »Alten Westen« fol- 
gen, um ihn von dieser Seite kennen zu lernen: wie er die Laren 
unter der Schwelle aufspurt, wie er die letzten Denkmale einer 
alten Wohnkultur feiert. Die letzten: denn in der Signatur dieser 
Zeitenwende steht, dafi dem Wohnen im alten Sinne, dem die 
Geborgenheit an erster Stelle stand, die Stunde geschlagen hat. 
Giedion, Mendelssohn, Corbusier machen den Aufenthaltsort 

2 s. Franz Hessel, Nadifeier. Berlin: Ernst Rowohlt 1929. 



Die Wiederkehr des Flaneurs 197 

von Menschen vor allem zum Durchgangsraum aller erdenk- 
lichen Krafte und Wellen von Licht und Luft. Was kommt, steht 
im Zeichen der Transparenz: nicht nur der Raume, sondern, 
wenn wir den Russen glauben, die jetzt die Abschaffung des, 
Sonntags zugunsten von beweglichen Feierschichten vorhaben, 
sogar der Wochen. Man meine aber nicht, ein pietatvoll, am 
Musealen haftender Blick sei genug, um die ganze Antike des 
»Alten Westens«, in den Hessel seine Leser ftihrt, zu entdecken. 
Nur ein Mann, in dem das Neue sich, wenn audi still, so sehr 
deutlich ankiindigt, kann einen so originalen, so frtihen Blick 
auf dies eben erst Alte tun. 

Unter der plebs deorum der Kariatyden und Atlanten, der 
Pomonen und Putten, mit deren Entdeckung er den Leser hier 
aufnimmt, sind ihm die liebsten doch jene einst herrschenden, 
nun zu Penaten, unscheinbaren Schwellengottern gewordenen 
Figuren, die angestaubt auf Treppenabsatzen, namenlos in 
Flurnischen einquartiert, die Hiiterinnen der rites de passage 
sind, die ehemals jeden Schritt iiber eine holzerne oder meta- 
phorische Schwelle begleiteten. Von ihnen kommt er nicht los 
und ihr Waken weht ihn noch an, wo ihre Abbilder langst nicht 
mehr oder unkenntlich stehen. Berlin hat wenig Tore, aber die- 
ser groEe Schwellenkundige kennt die geringeren Obergange, 
die Stadt von Flachland, Stadtteil von Stadtteil abheben: Bau- 
stellen, Briicken, Stadtbahnbogen und Squares, und sie alle sind 
hier geehrt und beachtet,jganz zu schweigen von den schwelli- 
gen Stunden, den heiligen zwolf Minuten oder Sekunden des 
kleinen Lebens, die den makrokosmischen twelf-nights ent- 
sprechen und auf den ersten Blick so unheilig aussehen konnen. 
»Die Tanztees der Friedrichstadt«, weiC der Autor, »haben 
audi ihre lehrreichste Stunde, bevor der Betrieb losgeht, wenn 
im Dammer nah bei den noch eingehiillten Instrumenten die 
Ballettdame einen ImbifJ einnimmt und sich dabei mit der 
Garderobefrau oder dem Kellner unterhalt.« 
Baudelaire hat das grausame Wort von der Stadt, die schneller 
als ein Menschenherz sich wandle, gesprochen. Hessels Buch ist 
voll trostlicher Abschiedsformeln fur ihre Bewohner. Ein wahrer 
Briefsteller des Scheidens ist es, und wer bekame nicht Lust, Ab- 
schiedzu nehmen, konnte er mitseinen Worten Berlin so insHerz 
dringen wie Hessel seinen Musen aus der Magdeburger Strafie. 



198 Kritiken und Rezensionen • 1929 

»Sie sind inzwischen verschwunden. Bruchsteinern standen sie da 
und hielten artig, soweit sie noch Hande hatten, ihre Kugel oder 
ihren Stift. Sie verfolgten mit ihren weiften Steinaugen unsern 
Weg, und es ist ein Teil von uns geworden, daft diese Heiden- 
madchen uns angesehen haben.« »Nur was uns anschaut sehen 
wir. Wir konnen nur -, wofiir wir nichts konnen. « Man hat die 
Philosophic des Flaneurs niemals tiefer erfafit als es Hessel mit 
diesen Worten getan hat. Er geht einmal durch Paris und da 
sind die Conciergefrauen, die nachmittags in kiihlen Hausgan- 
gen sitzen und nahen, von denen fiihlt er sich angesehen wie von 
seiner Amme. Und nichts ist fiir das Verhaltnis der beiden 
Stadte - Paris, seiner spaten und reifen Heimat, und Berlins, 
seiner friihen und strengen - bezeichnender, als daft den Ber- 
linern dieser grofte Spazierganger baldigst auffallend und su- 
spect wird. »Der Verdachtige« heiftt darum der erste Abschnitt 
in diesem Buche. In ihm ermessen wir die atmospharischen 
Widerstande, die sich in dieser Stadt der Flanerie in den Weg 
stellen und wie bitter der nachschauende Blick aus Dingen und 
Menschen in ihr auf den Traumer zu fallen droht. Hier und 
nicht in Paris versteht man, wie der Flaneur vom philosophi- 
schen Spazierganger sich entfernen und die Ziige des unstet in 
der sozialen Wildnis schweifenden Werwolfs bekommen konnte, 
den Poe in seinem »Mann der Menge« fiir immer fixiert hat. 
So viel vom »Verdachtigen«. Der zweite Abschnitt aber ist 
tiberschrieben »Ich lerne«. Das ist nun wieder ein Lieblingswort 
des Verfassers. Schriftsteller nennen es meist »studieren«, wie 
sie sich einer Stadt nahern. Zwischen diesen Worten liegt eine 
Welt. Studieren kann jeder, Iernen nur, wer aufs Dauernde aus 
ist. Eine souverane Neigung zum Dauernden, ein aristokrati- 
scher Widerwille gegen Nuancen hat bei Hessel das Wort. Er- 
lebnis will das Einmalige und die Sensation, Erfahrung das 
Immergleiche. »Paris«, so hiefi es vor Jahren, »das ist der 
schmale Gitterbalkon vor tausend Fenstern, die rote Blechzi- 
garre vor tausend Tabakverschleifien, die Zinkplatte der kleinen 
Bar, die Katze der Concierge.« So memoriert der Flaneur wie 
ein Kind, so besteht er hart wie das Alter auf seiner Weisheit. 
Nun ist auch fiir Berlin ein solches Register, solch agyptisches 
Traumbuch des Wachenden zusammengetragen. Und wenn erst 
der Berliner in seiner Stadt nach andren Verheifiungen forscht 



Alfred Polgar 199 

als denen der Lichtreklamen, dann wird es ihm sehr ans Herz 
wachsen. 



Alfred Polgar, Hinterland. Berlin: Ernst Rowohlt Verlag 1929. 
275 s. 

»Natur ist, wo du ohne dich allein bist« - in dieser Definition 
steckt nicht nur Polgars ganze Sprachkunst; sie ist der archime- 
dische Punkt, von wo aus er die Welt sieht. »Der archimedische 
Punkt, von wo aus er die Welt sieht« - das ist es eben: er 
wird die Welt nicht bewegen, sondern beschauen. Wieso aber 
sein Weltbeschauen dennoch Aktion ist, und er also im Hebel- 
punkte philosophiert, davon spater. Das wollen wir aber an 
seinem BegrifT von Natur gleich festhalten, dafi er Partei nimmt. 
Unbedingt gegen den Menschen, wo er nicht »ohne sich allein« 
ist, wie Liebende oder Kinder. Diese Natur liebt er, die in sich 
versunken ist, den welthistonschen Belangen den Riicken kehrt, 
Wien und das Salzkammergut im Schofi halt, Suftes fur ihre 
Kinder, aber nichts fur ihre Erwachsenen ubrig hat. In ihrem 
Schatten hat sich sein Spott gekuhlt und seine Trauer ist auf 
ihren Hohen wetterfest geworden. Und nun ermesse man, was 
in ihm vorging, als eines Tages alle Menschenschmach begann, 
iiber die Gewaltige hinzuspiilen. Er blieb ihr aber nur desto 
eigensinniger treu und erduldete was geschah »aus der Perspek- 
tive von damals; aus der Ohnmachts-Perspektive also«. Heute 
veroffentlicht er »Hinterland«, die Folge im Weltkrieg und im 
anschlieftenden Weltfrieden erschienener Skizzen, die sich so 
scharf von den »Schilderungen« abheben, der gut abgehangenen, 
durchraucherten Schwarte Weltgeschichte, die vorsorgliche Auto- 
ren zur Zeit aus dem Rauchfang holen. Der Leser dieser Polgar- 
schen Skizzen stoftt, post festum, auf die Befehle und Direkti- 
ven, die damals nur verstohlen uber Nacht der groften Forma- 
tion der Refraktare, Simulanten, Defaitisten zugestellt wurden, 
den Korps, die im Riicken des uniformierten Heeres den Hel- 
denkampf auf seiten der Natur und gegen die Gesellschaft 
gefochten haben. Der Krieg hat die iiberraschendsten Avance- 
ments gesehen und eines von ihnen war das dieses Epikuraers, 



200 Kritiken und Rezensionen * 1929 

des soignierten Herrn, der, was es nur Vertrauenswiirdiges, 
Beruhigendes gibt, die Verlafilichkeit des jiidischen Ames, des 
jiidischen Bankiers, des jiidischen Anwalts in sich vereint, zum 
Wortflihrer aller Streitkrafte der passiven Resistenz. Daft ein 
Osterreicher dies werden mufite, war vorbestimmt. Es 1st nach- 
gerade iiberhaupt die europaische Rolle des Dsterreichertums 
geworden, aus seinem ausgepowerten Barockhimmel die letzten 
Erscheinungen, die apokalyptischen Reiter der Biirokratie zu 
entsenden: Kraus, den Fiirsten der Querulanten, Pallenberg, 
den geheimsten der Konfusionsrate, Kubin, den Geisterseher in 
der Amtsstube, Polgar, den Obersten der Saboteure. Und diese 
seine osterreichische Rolle fiihrt er in jeder erdenklichen Aus- 
staffierung, vom Ketzer zum Kasperl, vom Terroristen zum 
Trottel durch und kann dabei in so unscheinbaren Kostiimen wie 
dem des Panoramadieners vor der »Schlacht beim Berge Isel« 
erscheinen, wo uberall Tote Hegen, aber »bei den Franzosen 
viel, viel mehr als bei den Tirolern. Warum? - Nur der Pano- 
ramadiener kann das erklaren.« Wirklich kann er's. Von der 
strotzenden Volute des Kanzelredners bis zur idiosynkratischen 
Reflektionsspirale von Nestroy verschlingen sich in seiner Spra- 
che noch einmal alle Abbreviaturen und Arabesken des Wiene- 
rischen. Abraham a Santa Claras Beredsamkeit hat kein 
grofiartigeres Bild gefunden als Polgar fur den Frieden von 
Brest-Litowsk. »Das Rad des Geschehens ging iiber den Frie- 
densvertrag, nahm ihn mit, wie das Wagenrad ein Stuck Papier 
mitnimmt, das auf dem Fahrweg liegt. - Nach ein paar Urn- 
drehungen verschwindet es im Schmutz der Straf5e.« Dieser 
emblematische Lakonismus herrscht uberall. Wie ein Ausschlag 
kam am verfallenden Wien eine verborgene Bildwelt zum Vor- 
schein, und an den Hauserwanden, von denen der Kalk sich 
loste, erschien als weifier Flecken das Siegel unter dem Mene- 
tekel, das Polgar langst auf ihnen gelesen hatte. Darum ist diese 
von seinen wienerischen Schriften die Quintessenz. Endlich be- 
ginnt die Stadt, die so lange unter seinem Brennglas gelegen hat, 
Feuer zu fangen. Und da sitzt er im »Abendlande des Unter- 
ganges«, der Heurige treibt ihm die Tranen aus beiden Augen, 
auf der Estrade wird der letzte Zapfenstreich angezettelt und 
der Wiener Strudl verschlingt den Gast. 



Joseph Gregor 201 

Joseph Gregor, Die Schwestern von Prag und andere Novellen. 
Munchen: R. Piper u. Co, Verlag (1929). 244 5. 

Joseph Gregor ist Theaterfachmann und hat als soldier eine 
Anzahl materialreicher Schriften iiber die Biihne erscheinen 
lassen, bei denen man iiber das auffallend schlechte Deutsch zur 
Tagesordnung iibergehen konnte. Angesichts der vorliegenden 
Novellen ist das leider nicht moglich und audi der Theaterfach- 
mann verrat sich in ihnen nur wie der Teufel am Pferdefufi. 
Sie sind namlich ganz und gar im Kostiim und Dekor erstickt 
und in was fiir einem, davon m'acht der Leser sich einen BegrifT, 
wenn er erfahrt, wie in dieser preziosen und bis zum Schwach- 
sinn feierlichen Prosa, in der das Wort »Schlafwagen« keinen 
Platz hat, ein soldier beschrieben wird: »Es war das Milieu der 
eleganten, konventionellen Vereinsamung, das, rasend durch 
die Nacht, keinem Weltmenschen fremd ist.« Das Wort »Kna- 
benfreundschaft«, geschweige »Paderastie« darf in diesem Voka- 
bular nicht vorkommen. Das wird, in sechster Besetzung sozu- 
sagen, folgendermafien gegeben; »einejener ratselhaften Freund- 
schaften, der man im Zeitalter Platons Rosen wand und die 
man heute psychoanalysiert.« Nirgends wird man Orgien be- 
schrieben finden wie hier, es sei denn in den Inseraten der 
Nachtlokale, denen aber die Wendung vom Nackttanz, der »die 
Sinne einer Millionenstadt zur Explosion brachte«, nicht ent- 
stammt, und die verglichen mit soldier Schilderung eines Spiel- 
tischs - »Gelbe Hande flatterten Verzweiflung iiber dem griinen 
Tuche, die Kugel surrte in der Rouletteschale« - stilistische 
Kunstwerke sind. Die Geschichten smd lang und nicht nur aus 
sprachlichen Griinden unlesbar. Schade, denn die Vereinigung 
mondaner und damonischer Ziige, die ihr Motiv ist, ware ge- 
nau, was die Nuttenkopfe auf dem Umschlag der Magazins 
ihren Lesern versprechen. 



202 Kritiken und Rezensionen * 1929 

Magnus Hirschfeld, Berndt Gotz, Das erotische Weltbild. Helle- 
rau bei Dresden: Avalun-Verlag (2929). 208 S. 

Es war ein gliicklidier Gedanke, einem grofien Publikum die 
Grundziige einer Lehre vom magischen Menschen an dem zu 
entwickeln, was jeder in der Reflexion und ohne die Muhe der 
Selbstversenkung in sich vorfinden kann: an der Verfassung 
des Liebenden. Gedichte, Bilder, Briefstellen bilden das An- 
schauungsmaterial, das von friihkindlichen Zeugnissen, gelegent- 
lich audi von Hinweisen auf Psychotische wirksam gestiitzt 
wird. Die Oberschriften »Von der Liebesbereitschaft«, »Vom 
Erlebnis des Leibes«, »Vom magischen Erleben der Zeit« usw. 
kennzeichnen den Gehalt und zugleich die aphoristische, nicht 
immer verbindliche Formulierung, die bei Werken dieser Art 
angebracht ist. 



Familienbriefe Jeremias Gotthelfs. Hrsg. von Hedwig Wdber. 
Frauenfeld und Leipzig: Verlag Ruber «. Co, ■ AktiengeselU 
schaft (1929). 122 5., 8 Abb. und eine Handschriftenprobe. 

Diese Briefe sind ein, wie man so sagt, erfreulicher Zuwachs fur 
die Gotthelf-Forschung. Der schlichte Leser Jeremias Gotthelfs 
wird von ihnen nicht viel mehr als die Kenntnis mitnehmen, 
dafi dieser grofie Autor seine Sprach- und Gedankenschatze fiir 
sein Werk sparte. Ob das vorwiegend in der Art seiner Korre- 
spondenten oder in seiner Natur begriindet lag, konnen wir hier 
nicht entscheiden. Erfreulich, dafi die Ausgabe dieser Sachlage 
Rechnung tragt und sich in Vorwort und Apparat auf das 
Archivalische und Lexikographische beschrankt. 



Hirschfeld und Gotz * »Familienbriefe Gottheljs« 203 

Hebel gegen einen neuen Bewunderer verteidigt 1 

Da hat sich an Hebel wieder einmal eine Null angehangt. Und 
so wenig der unermefiliche Wert dieses Autors davon beruhrt 
wird, darf man das zum Anlafi nehmen, ihn von neuem sich 
schatzungsweise vor Augen zu fuhren. Was diesem Schriftsteller 
not tate, ware freilich nicht die Gefolgschaft der Nullen, sondern 
der Eine, der ein fur allemal die erste Stelle mit markanten 
Ziigen fixierte. Ansatze, welche dazu gemacht wurden, sind 
seinem neuen Bewunderer unbekannt geblieben. Noch einmal 
modelt er das Nippesfigurchen »Hebel« in Thorwaldsenscher 
Siifie aus dem Biskuitgufi allgemeiner Bildung. 
Es ist urns Popularisieren eine wichtige Sache. Nicht zum wenig- 
sten wegen des Doppelsinns, der darin steckt. Denn Bildung als 
Befreiungsmittel der Beherrschten und »Bildung« als ein Instru- 
ment der Unterdriicker dringen beide aufs Allgemeinverstand- 
liche, Populare. Nun ist die »allgemeine« Bildung, die vor 
hundert Jahren als Kulturparole der herrschenden Klasse auf- 
kam, ein Herrschafts-, kein Befreiungsinstrument gewesen. Die 
Befreiung nimmt gerade das Spezialistentum zum Ausgang und 
fuhrt zur Demaskierung dieses Kulturprogramms. Ist aber 
schliefilich der Gegensatz der beiden mdglichen Funktionen 
popularen Wissens - der unterdriickenden und der befreien- 
den — allzu deutlich geworden, so verliert dieses Herrschafts- 
instrument seinen Wert. Und das ist die Signatur des gegen- 
wartigen Augenblicks, Wir sehen die allgemeine Bildung aus 
den Handen der wahrhaften Machthaber in die der Pseudo- 
herrscher ubergehen, die ihre fetischistische Freude am Instru- 
ment als solchem haben, ohne zu erkennen, wie untauglich es zu 
werden anfangt. Die wahren Machthaber jedoch sind sich dar- 
iiber im klaren und iiberlassen neidlos diesen anderen das ausge- 
leierte Werkzeug. Niemandem lage es naher, diese Verhaltnisse 
zu durchschauen, als einer akademischen Elite. Um so trister, 
gerade in einer akademischen Schriftenreihe die allgemeine 
Bildung im Stadium ihrer ganzlichen Auflosung anzutreffen. 
Es ist der Kohlerglaube an die Gegensatze, der dieses Stadium 
kennzeichnet. Der idealistische Optimismus der goldenen Mine 

1 Hanns Burgisser, Johann Peter Hebel als Erzahler. Ho rgen- Zurich, Leipzig: Verlag 
der Miinster-Presse 1929. 11} S. (Wcge zur Dichtung. 7.) 



204 Kritiken und Rezensionen * 1929 

mag unmittelbarer Ausdruck des gebildeten SpieiSers sein - 
theoretisch ist er nur mittelbar und die Wirkung der hoffnungs- 
losen Starre, der der Arme verfallt, da er sich rings von gott- 
gewolken ehernen Gegensatzen umlagert sieht. Befangener als 
dieser neue Hebel-Interpret kann man im Glauben an diese 
Idole nicht sein. Der Epiker und der Lyriker, der dichterische 
und der Verstandesmensch, der Polytheist und der Pantheist - 
als Kampf derartiger Kolosse spielt die Untersuchung sich ab, 
und der Verfasser steht dazwischen und freut sich an dem durch 
keinerlei diaiektisches Artikulieren gestorten Getose ihrer Zu- 
sammenstofie. Denn die allgemeine Bildung ist nicht nur die 
Kombination von Fakten und Floskeln, als die man sie im 
besten Fall entlarvt, sie ist vor allem breitspurige Befassung mit 
»Gegensatzen«, »Weltanschauungen«, »Problemen«, die unauf- 
horlich »ausgewertet«, »abgewogen«, »gewurdigt« sein wollen. 
Die konventionelle Bewunderung, die hier Hebel gezollt wird, 
ist teuer genug mit den Zensuren erkauft, die >die plane Ver- 
standigkeit der Aufklarung<, >die konventionellen Spielereien 
der Anakreontik<, »die gewaltsamen Analogien von Menschen- 
und Naturleben, welche wir bei Lenau, Heine, Riickert . . . 
haufig finden« und was nicht sonst in unertraglicher Folge be- 
trefTen. Unwissenheit und Engstirnigkeit fuhren einen allzu 
beschrankten Haushalt, um die Pfennige ihres Lobes anders als 
gegen blanke Deckung durch den Tadel je zu verausgaben. 
Die Fehler und Entgleisungen des Werkes sind andere als in 
philologischen Arbeiten alteren Stils. Das Wort hat die neue 
synthetische Richtung der Literaturgeschichte und ihr gehort 
nach seinem vielversprechenden Programm - es will die Welt- 
anschauung, das StofTerlebnis, die innere und die auEere Form 
bei Hebel behandeln - das Werk auch an. Trotzdem wird sie 
mit Recht die Verantwortung fiir eine Arbeit ablehnen, die 
uberall an ihrem wichtigsten Gegenstande vorbeigeht. Hatte 
sie, statt eine Analyse der Hebelschen Frommigkeit mit alien 
Kategorien der Religionsgeschichte ins Werk zu setzen, vielmehr 
von seinem Formenschatz gehandelt, sie ware von selbst auf die 
zustandigen Begriffe gestoEen: nicht religionsgeschichtliche; theo- 
logische. Hebels Werk ist namlich vor allem anderen erbaulich; 
dabei von einer Welt- und Geistesweite wie wohl kein zweites 
der Gattung seit dem Ende des Mittelalters. Der Gerechte - das 



Hebel gegen emen neuen Bewunderer verteidigt 205 

Wort im biblischen Sinne verstanden - ist die Hauptrolle auf 
seinem theatrum mundi. Weil aber eigentlich keiner ihr ge- 
wachsen ist, so wandert sie von einem zum andern, bald ist es 
der Schacherjude, bald der Strolch, bald der Beschrankte, der 
einspringt, um diesen Part durchzufiihren. Immer ist es ein 
Gastspiel von Fall zu Fall, eine moralische Improvisation. Hebel 
ist Kasuist wie alle wirklichen Moralisten. Er solidarisiert sich 
um keinen Preis mit irgendeinem Prinzip, weist aber audi keins 
ab, denn jedes wird einmal Instrument des Gerechten, und die 
rebellische Verschlagenheit seiner Strolche und Lumpen am 
allermeisten. Es steht mit seiner Chronik des Alltags wie mit 
der seines grofiten Zeitraums, den funfzig Jahren im »Unver- 
hofften Wiedersehen«: sie liest sich wie aus Akten des jiingsten 
Gerichts. Nur dafi alles Eschatologische fehlt. Die ganze Erde 
ist bei ihm zum Rhodos der gottlichen Gerechtigkeit gewor- 
den. 

Es ist militarische Bereitschaft in seiner Moral. Immer ist ihre 
Losung verbliifTend und ais wolle sie die Postenkette der From- 
men sichern. Wie ganzlich windschief steht sie nicht beispiels- 
weise in der »Probe« zu allem, worauf sich der Leser gefafit 
macht. Es scheint gar nicht mehr das Wichtige, daft man sich 
unbestechlich erweisen solle, denn man wisse nie, mit wem 
man's zu tun habe. Nein, es sieht geradezu aus, als wolle Hebel 
mit der Sphare der honorigen Biirgersleute (unter denen es also 
denn doch auch etwas wie Spitzel geben muft) gar nicht langer 
sich einlassen und schlage sich im Augenblick, wo alles sich um 
das »Merke« dreht, auf die Seite der Spitzbuben: »Item an 
einem solchen Orte mag es nicht gut sein, ein Spitzbube zu sein, 
wo ein Hatschier dem andern nicht trauen darf.« 
Als wolle der Dichter eben die honette Moral vom Riegel neh- 
men, die da hangt wie eine Melone, und nun setzt er sie mit 
einer unglaublich frechen Gebarde schief auf den Kopf und 
verlafk das Lokal mit der Tur knallend. Auf solche Weise macht 
er die Moral, die beim durchschnittlichen Geschichtenschreiber 
ein Fremdkorper ist, zur Fortsetzung der Epik mit anderen Mit- 
teln. Man erkennt das, wenn man an Hebels Verhaltnis zur 
judischen Welt denkt. Es lafk sich an Lebendigkeit und Tiefe. 
nur mit dem Lichtenbergschen vergleichen. Es reicht von der 
nachsten, warmsten Beziehung zum judischen Proletariat bis 



io6 Kridken und Rezensionen • 1929 

zu so schrecklichen Beschworungen der Pogromstimmung wie den 
»Zwei Postillonen«. Diese Verwandtschaft zum Jiidischen gip- 
felt eben im haggadischen Einschlag seiner Erzahlungen, die 
vor der Moral nicht kapitulieren, sondern auch sie mit Kraft 
und List zum epischen Gute schlagen. 

Wenn Hebels Geschichten ein Uhrwerk sind, dann ist das 
»Merke« ihr Zeiger. Aber man mufi diese kleine Weltenuhr 
eben lesen konnen. Ihr neuer Interessent steht mit einer Hilf- 
losigkeit davor, die sich in seiner Sprache ebenso verrat wie in 
seiner Gedankenarmut. Im Grunde sind beide dasselbe. Das 
beweist sein Abschnitt uber Hebels epischen Stil, in dem auf 
zwei Seiten die Worte »behaglich« und »Behaglichkeit« achtmal 
wiederkehren, von ihren Synonymen »gemutlich« und »be- 
schaulich« zu schweigen. In die Anschauung, die aus diesem 
Vokabular erhellt, gipfelt die Untersuchung. 
Wege zur Dichtung? Nein! Die staubige Landstrafie von Semi- 
narikon nach Doktorswyl. 



ElNE KOMMUNISTISCHE PADAGOGIK 

Psychologie und Ethik sind die Pole, um die sich die burgerliche 
Padagogik gruppiert. Man soil nicht annehmen, sie stagniere. Es 
sind in ihr beflissene und bisweilen auch bedeutende Krafte am 
Werk. Nur konnen sie nichts dawider, dafi die Denkungsart des 
Biirgertums hier wie in alien Bereichen auf eine undialektische 
Weise gespalten und in sich zerrissen ist. Auf der einen Seite die 
Frage nach der Natur des Zoglings: Psychologie der Kindheit, 
des Jugendalters, auf der anderen das Erziehungsziel: der Voll- 
mensch, der Staatsbiirger. Die offizielle Padagogik ist das Ver- 
fahren, diese beiden Momente - die abstrakte Naturanlage und 
das chimarische Ideal - einander anzupassen, und ihre Fort- 
schritte liegen dabei in der Linie, zunehmend List an Stelle der 
Gewalt zu setzen. Die burgerliche Gesellschaft hypostasiert ein 
absolutes Kindsein oder Jungsein, dem sie das Nirwana der 
Wandervogel, der Boyscouts anweist, sie hypostasiert ein ebenso 
absolutes Menschsein und Biirgersein, das sie mit den Attributen 
der idealistischen Philosophic schmuckt. In Wirklichkeit sind 



Eine kommunistische Padagogik 207 

beides aufeinander eingespielte Masken des tauglichen, sozial 
verlafilichen, standesbewufiten Mitbiirgers. Das ist der unbe- 
wufke Charakter dieser Erziehung, dem eine Strategic der 
Insinuationen und Einfiihlungen entspricht. »Die Kinder brau- 
chen unsnotiger alswir sie«,das ist dieuneingestandeneMaxime 
dieser Klasse, die nodi den subtilsten Spekulationen ihrer Pad- 
agogik genau so zugrunde liegt wie ihrer Praxis der Fortpflan- 
zung. Dem Biirgertum steht sein Nachwuchs gegeniiber als 
Erbe; den Enterbten als Heifer, Racher, Befreier. Das ist der 
hinreichend drastische Unterschied. Seine padagogischen Folgen 
sind unabsehbar. 

Zunachst geht die proletarische Padagogik nicht von zwei 
abstrakten Daten aus, sondern von einem konkreten. Das Pro- 
letarierkind ist hineingeboren in seine Klasse. Genauer in den 
Nachwuchs seiner Klasse, nicht in die Familie. Es ist von vorn- 
herein ein Element dieses Nachwuchses, und was aus ihm wer- 
den soil, bestimmt kein doktrinares Erziehungsziel, sondern die 
Lage der Klasse. Diese Lage ergreift ihn vom ersten Augenblick 
an, ja schon im Mutterleibe, wie das Leben selbst, und die Be- 
ruhrung mit ihr ist ganz danach angetan, von friih auf in der 
Schule von Not und Leiden sein Bewufitsein zu scharfen. Es 
wird zum Klassenbewufitsein. Denn die Proletarierfamilie ist 
dem Kinde kein besserer Schutz vor schneidender sozialer Er- 
kenntnis, als sein zerfranstes Sommermantelchen vorm schnei- 
denden Winterwind. Edwin Hoernle 1 gibt Beispiele genug von 
revolutionaren Kinderorganisationen, spontanen Schulstreiks, 
Kinderstreiks bei der KartofTelernte usw. Was seine Gedanken- 
gange noch von den aufrichtigsten und besten auf biirgerlicher 
Seite unterscheidet, ist, dafi sie nicht das Kind, die kindliche Na- 
tur allein ernst nehmen, sondern audi die gesellschaftliche Lage 
des Kindes selbst, die sich der »Schulreformer« niemals wirklich 
kann zum Problem werden lassen. Ihm hat Hoernle den ein- 
dringlichen SchluEabsatz seines Buches gewidmet. Dieser hat es mit 
den »Austromarxistischen Schulreformern« und dem »Scheinre- 
volutionaren padagogischen Idealismus« zu tun, die gegen die 
»Politisierung des Kindes« Protest erheben. Aber - weist 
Hoernle nach - was sind Volks- und Berufsschule, Militarismus 

1 Edwin Hoernle, Grundfragen der proletarischen Erziehung. Berlin: Verlag der 
Jugendinternationale (1929). 212 S. 



208 Kritiken und Rezensionen • 1929 

und Kirche, Jugendverbande und Pfadfinder ihrer verborge- 
nen, doch exakten Funktion nach anderes als Werkzeuge einer 
antiproletarischen Schulung der Proletarier? Ihnen stellt sich 
die kommunistische Erziehung freilich nicht defensiv, sondern 
als eine Funktion des Klassenkampfes entgegen. Des Kampfs 
der Klasse fur die Kinder, die ihr gehoren und fur die sie 
da 1st. 

Erziehung ist Funktion des Klassenkampfes, aber nicht nur das. 
Sie stellt dem kommunistischen Credo nach die restlose Aus- 
wertung der gegebenen Umwelt im Dienst der revolutionaren 
Ziele dar. Da diese Umwelt nicht nur Kampf ist sondern Arbeit, 
stellt die Erziehung sich zugleich als revolutlonare Arbeits- 
erziehung dar. In deren Programm gibt die Schrift ihr Bestes. 
Sie fiihrt damit zugleich in das der Bolschewisten an einem sehr 
entscheidenden Punkte ein. In Rufiland hat in der Ara Lenin die 
bedeutungsvolle Auseinandersetzung der mono- und der poly- 
technischen Bildung stattgefunden. Spezialisierung oder Uni- 
versalismus der Arbeit? Die Antwort des Marxismus lautet: 
Universalismus. Nur indem der Mensch die verschiedensten 
Milieuveranderungen erfahrt, in jeder Umwelt von neuem 
seine Energien im Dienst der Klasse mobil macht, kommt er zu 
jener universalen Aktionsbereitschaft, die das kommunistische 
Programm dem entgegenstellt, was Lenin als den »widerlich- 
sten Zug der alten burgerlichen Gesellschaft« bezeichnet: dem 
Auseinanderklaffen von Praxis und Theorie, Die kiihne, unbe- 
rechenbare Personalpolitik der Russen ist ganzlich das Erzeug- 
nis dieser neuen, nicht humanistischen und kontemplativen, 
sondern aktiven und praktischen Universalitat; der Universali- 
tat des Bereitseins. Die unabsehbare Verwendungsmoglichkeit 
der nackten menschlichen Arbeitskraft, die das Kapital dem 
Ausgebeuteten allstundlich zum Bewufitsein bringt, kehrt auf 
hochster Stufe als polytechnische Durchbildung des Menschen 
im Gegensatz zur spezialistischen wieder. Das sind Grundsatze 
der Massenerziehung, deren Fruchtbarkeit fiir die der Heran- 
wachsenden mit Handen zu greifen ist. 

Trotzdem ist es nicht leicht, Hoernles Formulierung, daft die 
Erziehung der Kinder sich in nichts Wesentlichem von der 
erwachsener Massen unterscheide, ohne Vorbehalt hinzuneh- 
men. So gewagte Erkenntnisse bringen es zum Bewufksein, wie 



Was schenke ich einem Snob? 209 

wiinschenswert, ja notig es gewesen ware, das politische Expose^ 
das hier vorliegt, durch ein philosophisches zu erganzen. Aber 
freilich: alle Vorarbeiten zu einer marxistischen, dialektischen 
Anthropologic des proletarischen Kindes fehlen. (Wie denn 
audi das Studium des erwachsenen Proletariers seit Marx nichts 
Wesentliches gewonnen hat.) Diese Anthropologic ware nichts 
anderes als eine Auseinandersetzung mit der Psychologie des 
Kindes, an deren Stelle die ausfuhrlichen, nach den Prinzipien 
materialistischer Dialektik durchgearbeiteten Protokolle der- 
jenigen Erfahrungen zu treten hatten, die in den proletarischen 
Kindergarten, Jugendgruppen, Kindertheatern, Wanderbiinden 
gemacht worden sind. Das vorliegende Handbuch ist baldmog- 
lichst durch sie zu erganzen. 

Ein Handbuch in der Tat, aber mehr als das. In Deutschland 
gibt es aufierhalb des politischen und okonomischen Schrifttums 
keine orthodox-marxistische Literatur. Das ist die Hauptur- 
sache von der erstaunlichen Unwissenheit der Intellektuellen - 
mit Einschlufi der linken - in marxistischen Dingen. Die Schrift 
von Hoernle belegt an einem der elementarsten Stoffe, der 
Padagogik, mit autoritativer Scharfe, was orthodox-marxisti- 
sches Denken ist und wohin es fiihrt. Man soil sie zu Herzen 
nehmen. 



<Was schenke ich einem Snob?) 

Einen Snob beschenken heifk, sich auf eine Pokerpartie ein- 
lassen. Die Seele des Snobismus ist namlich der Bluff. Bluff aus 
Frechheit oder aus Angst, das kann man hier so wenig wie im 
Poker unterscheiden. Jedenfalls konnte man gar keinen grofte- 
ren Fehler machen als in die Defensive zu gehen, als sich 
schiichtern zu fragen: Was kann er gegen ein Reisenecessaire 
einwenden, wie wird er sich zum Muster des Pyjamas aufkrn, 
welche Fratze wird er zu einem Cointreau ziehen? Snobs sollen 
provoziert werden. Je verachtlicher sie den Weihnachtstisch 
zu inspizieren pflegen, desto beilaufiger soil man ihnen das Ihre 
zuschieben. Man erspare ihnen keine Zweideutigkeiten. Bucher 
nur eingewickelt schenken. Preis deutlich mit Bleistift nach- 



210 Kridken und Rezensionen • 1929 

Ziehen. Noch wichtiger als die Auswahl der Biicher selbst - und 
Snobs kann man gar nicht aggressiver, verschlagener als mit 
Biichern beschenken - ist die Geste, mit dem man seinen hoflich 
tastenden Blick als Netzball zuriickschlagt. Charlotte Wester- 
mann: »Knabenbriefe« (Georg Miiller). Er wird mit dem 
schmalen Band etwas ratios dastehen. Und dann werden Sie 
sagen: »Ich verschenke namlich nur Bucher, die ich selbst habe. 
Ich lese es hin und wieder. Es hat der Verfasserin weder Namen 
noch Geld gebracht, es ist nicht Auftakt eines zweiten Buches 
geworden, nur ein Erkennungszeichen fur ein paar Leute, die es 
gelesen haben und sich nicht da von trennen wollen.« Sie werden, 
wie Sie hieraus ersehen, vermeiden, dem Snob die Stichworte 
zur Verfugung zu stellen, die ihm sein asoziales Gewerbe er- 
leichtern. Sie werden also hier ebensowenig von Conrad Ferdi- 
nand Meyer sprechen, wie auf Wedekind anspielen, wenn Sie 
statt dieses klassizistischen etwa ein gleich verschollenes aber 
dekadentes Frauenbuch ihm unter seinen Mistelzweig (Weih- 
nachtsbaum lehnt der Snob ab) legen: Henriette Riemanns 
»Pierrot im Schnee« (Erich Reifi). Das konnten Sie um so eher 
wahlen, als es ein rechtschaffen schlechtes und dennoch inter- 
essantes Buch ist und aus einer Zeit stammt, wo beim Zu- 
sammenprall der Bohemienne mit dem Libertin noch die Fun- 
ken stoben. Oberhaupt schenken Sie was Sie wollen. Das Ent- 
legendste, Vergilbteste kann ihn genau so wehrlos machen wie 
»lm Westen nichts Neues* (Ullstein). Nur hiiten Sie sich vor 
Einem. Nichts wiirde der gesunde, durchtrainierte Snob Ihnen 
mehr veriibeln als die Rucksicht auf seine Interessensphare. Da 
hatte er leichtes Spiel. Sie werden sie also im besten Fall persi- 
flieren. Ist er Politiker, so schenken Sie »Bella« (Insel-Verlag), 
das wahre Snobsbuch der Politik. Ist er Regisseur, so bekommt 
er ein Handbuch der Liturgie. Hat jemand Beziehungen zu den 
Herren, die den Tresoreinbruch amWittenbergplatzgekonnt ha- 
ben (es ist alles zu wetten, daft sie Snobs sind), so soil er ihnen 
das »Bastelbuch« schenken. Vielleicht ist er aber liber Weih- 
nachten auf ein Gut eingeladen. Der Gutsherr ist leidenschaft- 
licher Snob und interessiert sich fur nichts als fur seine Treib- 
hauser. Man miifSte dann schon so borniert wie er selbst sein, um 
ihm mit einschlagiger Literatur oder selbst mit alten, kostbaren 
Parkatlanten zu kommen. Eine kleine Novelle aber, die vor 



G.F. Hartlaub 211 

vielen Jahren bei Reifi erschien, wird ihn bis m die Wurzeln 
seines Stammbaums erschuttern. Sie heifit: »Die Menschen- 
zwiebel Kzradock oder der friihlingsfrische Methusalem« . 1st 
er zudem Familienvater und hat er Kinder, so schenken Sie 
ihm (nicht denen) noch aufierdem das schonste aller neuen 
Kinderbiicher: »Das ZauberbooU (Herbert Staffer). Nun mag 
er zusehen, wie er in den Feiertagen mit seinen Kindern sich 
auseinandersetzt. Gutwillig wird er es nicht aus den Handen 
geben. - Schenken ist eine friedliche Kunst. Aber dem Snob 
gegeniiber mufi sie martialisch gehandhabt werden. Freilich 
konnte da eine Komplikation entstehen: Wenn Sie ihn lieben. 
Fur diesen aufierordentlichen Tatbestand gibt es nun freilich 
auch einige aufierordentliche Nothelfer. Das sind die Klassiker 
des Snobs, die grofien Dichter, die beim Schreiben nichts so 
entsetzte wie der Gedanke, sie konnten vor dem Snob, den sie 
selber im Innern trugen - »le serpent« hat Baudelaire ihn in 
einem Gedichte genannt - sich bloftstellen. Stendhal (Insel- 
Verlag) und Thackeray (Georg Muller) sind die groftten. Die 
schenken Sie ihm vielleicht in alten Ausgaben. Und wollen Sie 
ein iibriges tun, so schreiben Sie, mit Rundschrift, hinein: »Weih- 
nachten 1929 von Deiner . . .« 



G. F. Hartlaub , Der Genius im Kinde. Ein Versuch liber die 
zeichnerische Anlage des Kindes. 2. stark umgearbeitete und 
erweiterte Auflage. Breslau: Ferdinand Hirt 1930. 230 S., 
3} farbige u. 92 Schwarzdruckbilder. 

Dies Buch, das sich mit seinem ersten Erscheinen einen Aus- 
nahmeplatz in der Literatur iiber Kinderzeichnungen sicherte, 
liegt nun in zweiter >stark umgearbeiteter und erweiterter< 
Auflage vor. Es verbindet mit einer sehr exakten Analyse des 
Stils, des Ausdrucks und der Form der Kinderzeichnung den 
offenen Sinn fur alles, was an kunstlerischen, individualpsycho- 
logischen, padagogischen Problemen, Analogien urgeschichtli- 
chen und psychopathischen Ursprungs daran grenzt. Viele El- 
tern sollten es lesen, und ware es auch nur, um mehr von den 
Kritzeleien und Tuschbildern zu haben, mit denen die Kinder 



212 Kritiken und Rezensionen • 1929 

sie Alltags und Festtags beschenken. Fur Zeichenlehrer aber ist 
die Lektiire des Werks um so mehr obligatorisch, als es vom 
Sonderfall der Zeichnung her deutliche Weisungen fur den 
Umgang mit Kindern enthalt. Alle falschen Angleichungen an 
das Schaffen bewufiter Kiinstler sind hier vermieden. Nicht um- 
sonst heifit es »Der Genius im Kinde«, nicht das Genie. Hart- 
laub sagt es mit einem Satze: Das Kind spricht nicht sich durch 
die Dinge, sondern die Dinge durch sich aus. Schaffen und 
Subjektivitat haben im Kinde noch nicht ihre verwegene Be- 
gegnung gefeiert. - Der Abbildungsteil ist nach Material und 
Ausstattung vorziiglich und wlirde jedem schlechteren Texte als 
diesem gefahrlich werden. 



193° 



Lob der Puppe 
Kritische Glossen zu Max v. Boehns »Puppen und Puppenspiele« x 

Max v. Boehns Biicher gehoren zu denen, die man gern und 
glucklich als »Fundgruben« bezeichnet. Gewifi nicht in dem 
groften, originaren Sinne, in dem die Werke eines Gorres, Ba- 
stian oder selbst Borinski es sind, die zum Teil noch aus erster 
Hand schopfen. Aber audi Boehn hat die Fiille des Materials, 
die manchmal wtllkiirlich scheinende Verwirrung, die Vorliebe 
fur das Entlegene und Unbekannte, die mit ihrem nackten 
stofflichen Reiz das Wesen des wissenschaftlichen Schmokers 
ausmacht, auf den nur Pedanten herabsehen werden. Kommt 
nun, wie in den weit verbreiteten Modenbuchern des Autors so 
audi in diesem, eine leuchtende Bilderfolge hinzu, so ist man 
schnell zum Lesen und Betrachten gestimmt. Und man wird sich 
diese Stimmung audi durch einige kritisdie Reflexionen nicht 
verderben lassen, die einem der Text, manchmal etwas auf- 
dringlich, nahelegt. 

Die erste betrifTt die Darstellung und konnte die oberflachlichste 
scheinen. Und doch ist die Fragwiirdigkeit groKer Partien des 
Buches mit ihr schon hinlanglich gekennzeichnet. Diese mono- 
tone Folge von Hauptsatzen (man zahlt Seiten, wo deren sieben, 
ja zehn hintereinander stehen) bildet sprachlich die Geste ab, 
mit der ein Fremdenfuhrer eher als ein Besitzer die Kostbar- 
keiten einer Raritatenkammer, die fur ihn selber nichts Geheim- 
nisvolles mehr besitzen, dem Publikum vorweist. Gewifi ist die 
Durchdringung dieses ungeheuer ausgedehnten Stoffes nichts 
Leichtes; und die Flut schwillt hier um so bedrohlicher, als sich 
wissenschaftliche Auswahlprinzipien mit dem Charakter der 
Boehnschen Biicher nun einmal schwer vertragen. Dennoch aber 
(oder vielleicht eben darum; denn Vollstandigkeit konnte hier 
nicht verlangt werden) verursacht es ein leises Mifibehagen in 
den Teilen, die von der Gegenwart handeln, die artistische 

1 Max von Boehn, Puppen und Puppenspiele. 2 Bde. Mundien: F. Bruckmann (1929). 
293 S., 292 S. 



214 Kritiken und Rezensionen • 1930 

kunstgewerbliche, an Namen gebundene Produktion so uberhell 
auf Kosten der heute noch lebendigen volkstiimlichen belichtet 
zu sehen. Nicht nur Kate Kruse, Lotte Pritzel (die sehr gut 
charakterisiert ist), Marion Kaulitz, sondern audi Zweifelhaf- 
tere fallen auf. Und wenn wir da zehn Nymphenburger Por- 
zellanpuppen reproduziert sehen, so fragen wir, wo bleiben die 
aufierordentlichen Tonpuppen, die aus keiner staatlichen Manu- 
faktur, sondern aus den Handen der Bauern des Gouverne- 
ments Wjatka kommen? Statt der nichtsnutzigen lustigen Gram- 
mophonstoffpuppen sahen wir gern die aus Papier geklebten 
Schornsteinfeger, Marktweiber, Herrschaftskutscher, Backer und 
Schulmadchen, die man in Riga fur wenige Santimes in Spiel- 
warengeschaften und Papierladen kauft. Mehr als die hysterische 
Exotik der Relly Mailander Puppen 'geht uns denn doch die 
unscheinbare der barcelonischen an, die statt des Herzens eine 
Zuckerkugel im Innern tragen. 

Nah genug streift ja der Verfasser die Pole des Puppenerdballs: 
Liebe und Spiel. Aber steuerlos, ohne Kompafi und Erdkarte. 
Vom Geist des Spiels weifi er wenig, und was er von der andern 
Halbkugel heimgebracht hat, ist sparlich; unterm Kennwort 
»Puppenfetischismus« nachzulesen. Das grofie, das kanonische 
Gestandnis, das heifie Lippen in die Puppenohren stammeln, hat 
er nie gehort. »Wenn ich dich liebe, was geht's dich an.« Wer 
will uns denn weismachen, es sei die Demut des Liebhabers, die 
das flustert. Es ist der Wunsch, der tollgewordene Wunsch 
selber, und sein Wunschbild die Puppe. Oder mufi es heifien: 
die Leiche? Denn dafi nur dies: das zu Tod gehetzte Liebesbild 
selber fur das Lieben ein Ziel macht, das gibt dem starren oder 
ausgeleierten Balg, dessen Blick nicht stumpf ist sondern ge- 
brochen, den unerschopflichen Magnetism us. Hoffmanns Olym- 
pia hat sie und Kubins Madame Lampenbogen; und ich kannte 
einen, der auf einen rauhen, unbemalten Rucken, wie ihn die 
Holzpuppen in Neapel haben, die Worte von Baudelaire schrieb: 
»Que m'importe que tu sois sage« 2 und sie verschenkte, um 
seine Ruhe wiederzufinden. Der Eros, der da geschunden wieder 
in die Puppe zurlickflattert, ist doch derselbe, der sich in den 
warmen Kinderhanden einst aus ihr loste, weswegen der schrul- 
lenhafteste Sammler und Liebhaber hier dem Kinde noch naher 

2 »Was ist an Deinen Sitten mir gelegen.« 



Lob der Puppe 215 

ist als der treuherzige Padagog, der sich einfuhlt. Denn Kind 
und Sammler, ja selbst Kind und Fetischist - sie stehen auf 
gleichem Boden, freilich auf verschiedenen Seiten des schroffen, 
zerrissenen Massivs sexueller Erfahrung. 

Des Autors verbissene Neigung furs Juste milieu, die dieser 
spannungsreichen Welt der Puppen nie ganz gerecht werden 
kann, verrat sich uberdeutlich in der Diskussion, die er, ein 
wenig unvorsichtig, iiber Kleists Marionettenaufsatz eroffnet 
Er will da auf nichts geringeres hinaus als diese Seiten, die alien 
philosophischen Freunden der Marionetten (und welcher Mario- 
nettenfreund ware nicht Philosoph) fiir den Schliissel zu ihrer 
Erkenntnis galten, aus der Diskussion dieser Frage ein fiir alle- 
mal auszuschalten. Mit welchen Griinden? Kleist habe hier 
gleichnisweise, um vor der Zensur sie sicherzustellen, politische 
Gedankengange entwickelt. Welche, erklart Boehn nicht. Mir 
aber war es der gewiinschteste Anlafi, zum vierten oder fiinften- 
mal diesen Essay vorzunehmen, von dem da behauptet wird, 
nur Leute, die ihn nie gelesen hatten, konnten, in diesem Zu- 
sammenhang, so viel Aufhebens davon machen. Wie hier die 
Marionette mit dem Gotte konfrontiert wird, der Mensch in 
seinen reflexiven Schranken hilflos zwischen beiden hangt, das 
ist freilich ein so unvergeEliches Bild, dafi es schon mancherlei 
Unausgesprochenes decken konnte. Allein davon wissen wir 
nichts. Und hatte der Verfasser schlicht und recht sich hier ans 
Ausgesprochene gehalten, so ware der gedankenreiche Elan, mit 
dem sich die Romantik vor hundert Jahren seines Themas be- 
machtigt hat, ihm nicht verloren gewesen. 

Gleich hinter dieser zweifelhaften Kleist-Exegese aber hat man 
die Freude, auf die »Verwandlungspuppen oder Metamor- 
phosen« zu stofien. Boehn nennt als ihren Erflnder Franz Gene- 
sius. Sie spielten eine Hauptrolle in dem Puppentheater von 
Schwiegerling, gewifi eines der grofken Puppenspieler aller 
Zeiten. Heute scheint es schon schwer geworden zu sein, Mate- 
rial iiber sein Theater zu finden, und darum will ich hier mit- 
teilen, was ich noch von der Vorstellung, die das Schwieger- 
lingsche Marionettentheater 19 18 in Bern gab, erinnere. Dies 
Marionettentheater war eigentlich mehr eine Zauberbude. Es 
gab nur ein Theaterstiick jeden Abend. Vorher aber produzier- 
ten sich seine Kunstpuppen. Zwei Nummern stehen mir noch 



2.i6 Kritiken und Rezensionen • 1930 

deutlich vor Augen. Kasperl kommt tanzend mit einer schonen 
Dame herein. Plotzlich, wie die Musik gerade am suftesten spielt, 
klappt die Dame ein, verwandelt sich in einen Luftballon, der 
Kasperl, weil er ihn aus Liebe festhalt, in den Himmel ent- 
fiihrt. Eine Minute bleibt die Biihne ganz leer, dann kommt 
Kasperl mit einem furchtbaren Krach heruntergefallen. Die 
andere Nummer war traurig. Auf einem Leierkasten spielt ein 
Madchen, das aussieht, als ware es eine verwunschene Prin- 
zessin, eine traurige Melodie. Auf einmal klappt der Leierkasten 
ein. Zwolf zuckerwinzige Tauben fliegen heraus. Die Prinzessin 
aber versinkt mit hochgehobenen Armen stumm in der Erde. 
Und eben, wie ich dies schreibe, kommt mir nodi eine andere 
Erinnerung von damals. Ein langer Clown steht auf der Biihne, 
verbeugt sich, beginnt zu tanzen. Wahrend des Tanzens schiittelt 
er einen kleinen Zwergclown aus dem Armel, der genau so rot- 
gelb gebliimt gekleidet ist wie er; und so bei jedem zwolften 
Walzertakt einen neuen. Bis schliefilich zwolf ganz gleiche 
Zwergen- oder Babyclowns urn ihn im Kreise herumtanzen. 
Unleugbar, ganz besonders hier beim Puppenspiele, wird es 
manchen verdriefien, wie dies beharrliche Befafitsein mit dem 
Sonderbaren, dies unermudliche Kramen im Kuriositatenschatze 
des Daseins, so ganzlich ohne Leidenschaft (ohne ordnende 
versteht sich, aber ach auch ohne verwiihlende) so kiihl und so 
emsig vonstatten geht. Welcher Sympathie ware nicht der Ver- 
fasser gewift, wenn er nur einmal uber einer Puppe oder Mario- 
nette sein Thema und sein Manuskript, den Verleger und das 
Publikum, sein Tempo und vor allem sich selber vergafle. Wie 
ware ihm nicht die Haltung des Sammlers zustatten gekommen, 
die ihm leider (und unbeschadet der Frage ob er es ist oder 
nicht) vollig fernliegt. Und diese Genauigkeit, dieses Aufhaspeln 
des Stoffes, dieses vollstandige Inventar aller Daten ware nicht 
Sammlerart? In der Tat nicht. Die wahre, sehr verkannte Lei- 
denschaft des Sammlers ist immer anarchistisch, destruktiv. 
Denn dies ist ihre Dialektik: Mit der Treue zum Ding, zum 
Einzelnen, bei ihm Geborgenen, den eigensinnigen subversiven 
Protest gegen das Typische, Klassifizierbare zu verbinden. Das 
Besitzverhaltnis setzt vollig irrationale Akzente. Dem Sammler 
ist in jedem seiner Gegenstande die Welt prasent. Und zwar 
geordnet. Geordnet aber nach einem uberraschenden, ja dem 



Lob der Puppe 217 

Profanen unverstandlichen Zusammenhange. Man erinnere doch 
nur, von welchem Belang fiir jeden Sammler nicht nur sein 
Objekt, sondern auch dessen ganze Vergangenheit ist, ebenso die 
zu dessen Entstehung und sachlichen Qualifizierung gehorige 
wie die Details aus dessen scheinbar aufierlicher Geschichte: Vor- 
besitzer, Erstehungspreis, Wert usw. Dies alles, die wissenschaft- 
lichen Sachverhalte wie jene anderen, riicken fiir den wahren 
Sammler in jedem einzelnen seiner Besitztiimer zu einer magi- 
schen Enzyklopadie, zu einer Weltordnung zusammen, deren 
Abrifi das Schicksal seines Gegenstandes ist. Sammler sind 
Physiognomiker der Dingwelt. Man braucht nur einen zu 
beobachten, wie er die Gegenstande seiner Vitrine handhabt. 
Kaum halt er sie in Handen, scheint er inspiriert durch sie, 
scheint wie ein Magier durch sie hindurch in ihre Feme zu 
schauen. 

Nichts dergleichen bei Boehn. Und doch hatte man ein Recht, es 
zu erwarten. Denn der Autor halt ja im ubrigen mit seiner 
Subjektivitat so wenig zurtick, daft uns aus manchen Stellen 
statt des sufien Lack- und Moderduftes neuer und alter Puppen 
der Bierdunst hitlerischer Versammlungslokale entgegenweht. 
»Wir wissen alle, an welchen tiefgehenden Schaden unser Volks- 
tum leidet und wer die Schuldigen sind, die ein Interesse . . ., 
das sich in Mark und Pfennigen ausdriicken lafk, daran haben, 
dafi das deutsche Volk sich nicht auf sich selbst besinne und 
christliche und deutsche Belange nicht zu Worte kommen.« Man 
kennt diese Sprache, wiifke wo sie gesprochen wird, auch wenn 
einem der Verfasser »seine Unzufriedenheit« mit dem Reklame- 
geschrei und dem Mangel an Geschmack, der fiir alle Berliner 
Veranstaltungen so bezeichnend ist, vorenthielte. Im ^Grunde 
aber wiirden wir uns vielleicht gar nicht ungern einen alten, 
verraunzten Landadligen vorstellen, der uns in seine verspon- 
nensten Schatzkammern laftt, ein oder das andere der schonen 
Stiicke heraushebt und zwischendurch auch seinen unmaftgeb- 
lichen Gefiihlen freien Lauf lafit. Doch wo ist hier in einem 
Werk, das hundertfach dazu den Anlaft gabe, das Liebens- 
wiirdige, Gewinnende, das uns dergleichen (freilich wohl kaum 
in der Sprache der Leitartike!) gern in Kauf nehmen liefte. 
Soweit die Glossen. Schlieftlich wird man doch zu versohnliche- 
ren Betrachtungen zuriickfinden, und der Stoff legt fiir seinen 



2i 8 Kritiken und Rezensionen • 1930 

Autor Furbitte ein. Nichts scheint ja kurzweiliger, unverbind- 
licher, leichter als ein Spiel mit Kuriositaten. Scheinbar im 
Machtbereich jedes Feuilletonisten ist es in Wahrheit doch allein 
das Genie, das diese Findlinge recht zu behandeln weifi. Keiner 
so wie Jean Paul, welcher sie seinem Zettelkasten entnahm, um 
sie als Gleichnisse tief in die epische Holzwolle seiner Romane 
hinei'nzusenken, und der Nachwelt unbesdiadigt zu iiberliefern. 
Manchem Leser dieses Puppenbuchs konnte geschehen, da(5 er 
sich Jean Paulsche Texte ersinnt, um so allegorischen Sachver- 
halten ihr Recht werden zu lassen, wie der Marionette des 
Gehangten, der am Galgen inStucken fault, die sich nachherwie- 
der zusammensetzen. Oder Kasperles lebendigem Tier, in Wien 
ein Karnickel, in Hamburg eine Taube, in Lyon eine Katze. Die 
Goncourts, Bewohner des sittenlosen Paris, auf das Boehn 
schiecht zu sprechen ist, haben doch einmal pragnanter als jeder 
andere das ausgesprochen, worum es seinen Moden- und Pup- 
penbiichern zu tun ist: »Geschichte aus dem Abfall von Geschichte 
madien.« Und das ist und bleibt etwas Ruhmenswertes. 



Frangois Porche, Der Leidensweg des Dichters Baudelaire. (Deut- 
sche Vbertragung von Clara Stern.) Berlin: Ernst Rowohlt 
Verlag 1930. 279 S. 

Dieses Buch ist Jacques Crepet gewidmet. Crepet ist die fiihren- 
de Autoritat der Baudelaire-Forschung. Da die beiden Manner 
sich personlich unbekannt sind, so ist das eine Geste, mit der 
Porche sein Buch vor der Wissenschaft verantwortet. Das kann 
er mit gutem Gewissen tun. Die Arbeit ist hervorragend solide, 
wie denn uberhaupt diesem Verfasser der Ruf der Zuverlassig- 
keit voraufgeht. Die Vorurteile, die die Gattung einer »bio- 
graphie romanc^e« mit Recht erwecken konnte, haben an die- 
sem Werk keinen Anhalt. Desto mehr verdient hervorgehoben 
zu werden, dafi es bei aller Vollstandigkeit, Sachlichkeit und 
Exaktheit sich aufterordentlich angenehm liest. Wenn dem Ver- 
fasser vorgeschwebt hat, Baudelaires Leben einem moglichst 
grofien Pubiikum anstandig und zugleich auf eine Art, die des- 
sen Anteil erweckt, zu erzahlen, so ist ihm das resdos gelungen. 



Francois Porche • Ein Auftenseiter macht sich bemerkbar 2 1 9 

Er hat dabei den Takt besessen, auf das Werk des Dichters, so- 
weit es sich nicht in der Biographie spiegelt, iiberhaupt nicht 
einzugehen. Auf andere Weise hatte er nur dem Charakter 
seiner Erzahlung Abbruch getan, wahrscheinlich ohne darum 
Wesentliches Liber Baudelaires Werk auszusagen. Das laftt sich 
namlich in Kiirze nicht machen. Wenn schon in Frankreich 
dieses Buch einen Platz einnimmt, den es mit keinem anderen zu 
teilen braucht, so ist es fur Deutschland iiberhaupt die einzige 
Biographie Baudelaires. Es ist ein Buch, dasdem Interesse aller 
Deutschen, die mit dem Namen Baudelaires einen Begriff ver- 
binden, ausgezeichnet entgegenkommt. 



Ein Aussenseiter macht sich bemerkbar 
Zu S. Kracauer, »Die Angestellten« 1 

Uralt, vielleicht so alt wie das Schrifttum selber, ist in ihm der 
Typus des Mifivergniigten. Thersites, der homerische Lasterer, 
der erste, zweite, dritte Verschworene der Shakespeareschen 
Konigsdramen, der Norgler aus dem einzigen grofien Drama 
des Weltkrieges, sind wechselnde Inkarnationen dieser einen 
Gestalt. Aber der literarische Ruhm der'Gattung scheint ihren 
lebendigen Exemplaren niclit Mut gemacht zu haben. Sie pfle- 
gen anonym und verschlossen durchs Dasein zu gehen, und fur 
den Physiognomiker ist es schon ein Ereignis, wenn einer aus 
der Sippe sich einmal bemerkbar macht und auf offener Strafte 
erklart, daft er nicht mehr mitspiele. So ganz namentlich freilich 
audi der nicht, mit dem wir es diesmal zu tun haben. Ein lakoni- 
sches S. vor dem Nachnamen warnt uns, zu schnell uns einen 
Vers auf seine Erscheinung zu machen. Auf andere Weise be- 
gegnet der Leser diesem Lakonismus im Innern: als Geburt der 
Humanitat aus dem Geiste der Ironie. S. tut einen Blick in die 
Sale des Arbeitsgerichts und das unbarmherzige Licht enthiillt 
ihm selbst hier »nicht eigentlich armselige Menschen, sondern 
Zustande, die armselig machen«. Soviel steht immerhin fest: dafi 
dieser Mann nicht mehr mitspielt. Dafi er es ablehnt, fur den 

1 Sfiegfried] Kracauer, Die Angestellten. Aus dem Neuesten Deutschland. Frank- 
furt a. M.: Frankfurter Societatsdruckerei 1930. 148 S. 



220 Kritiken und Rezensionen • 1930 

Karneval, den die Mitwelt auffiihrt, sich zu maskieren - sogar 
den Doktorhut des Soziologen hat er zu Hause gelassen - und 
daJS er sich grobianisch durch die Masse hindurchrempelt, um hie 
und da einem besonders Kessen die Maske zu liiften. 
Leicht zu verstehen, wenn er sich dagegen verwahrt, sein Unter- 
nehmen eine Reportage nennen zu lassen. Erstens sind neu- 
berliner Radikalismus und neue Sachlichkeit, diese Paten der Re- 
portage, ihm in gleichem Mafie verhafit. Zweitens lafit sich ein 
Stbrenfried, der die Maske liiftet, nicht gerne einen Portratisten 
schimpfen. Entlarven ist diesem Autor Passion. Und nicht als 
orthodoxer Marxist, noch weniger als praktischer Agitator, 
dringt er dialektisch ins Dasein der Angestellten, sondern weil 
dialektisch eindringen heifk: entlarven. Marx hat gesagt, daf$ 
das gesellschaftliche Sein das Bewufksein bestimmt, zugleich 
aber, dafi erst in der klassenlosen Gesellschaft das Bewufksein 
jenem Sein adaquat werde. Das gesellschaftliche Sein im Klas- 
senstaat, folgt daraus, ist in dem Grade unmenschlich, dafi das 
Bewufksein der verschiedenen Klassen ihm nicht adaquat, son- 
dern nur sehr vermittelt, uneigentlich und verschoben entspre- 
chen kann. Und da ein solches falsches Bewufksein der unteren 
Klassen im Interesse der oberen, der oberen in den Wider- 
spriichen ihrer okonomischen Lage begrundet liegt, so ist die 
Herbeifiihrung eines richtigen Bewufkseins - und zwar erst in 
den Unterklassen, welche von ihm alles zu erwarten haben - die 
erste Aufgabe des Marxismus. In diesem Sinne, und ursprting- 
lich nur in ihm, denkt der Verfasser marxistisch. Freilich fiihrt 
gerade sein Vorhaben ihn um so tiefer in den Gesamtaufbau des 
Marxismus, als die Ideologic der Angestellten eine einzigartige 
Oberblendung der gegebenen okonomischen Wirklichkeit, die 
der des Proletariers sehr nahe kommt, durch Erinnerungs- und 
Wunschbilder aus dem Biirgertum darstellt. Es gibt heute keine 
Klasse, deren Denken und Fiihlen der konkreten Wirklichkeit 
ihres Alltags entfremdeter ware als die Angestellten. Mit ande- 
ren Worten aber will das heiEen: Die Anpassung an die men- 
schenunwiirdige Seite der heutigen Ordnung ist beim Angestell- 
ten weiter gediehen als beim Lohnarbeiter. Seiner indirekteren 
Beziehung zum Produktionsprozefi entspricht ein viel direkteres 
EinbegrifTensein in gerade jene Formen zwischenmenschlicher 
Beziehung, die diesem Produktionsprozefi entsprechen. Und da 



Ein Auftenseiter macht sich bemerkbar 221 

die Organisation das eigentliche Medium ist, in welchem die 
Verdinglichung der menschlichen Beziehungen sich abspielt - 
das einzige iibrigens auch in dem sie konnte iiberwunden wer- 
den -, so kommt der Verfasser notwendig zu einer Kritik am 
Gewerkschaftswesen. 

Diese Kritik ist nicht partei- oder lohnpolitisch. Sie ist auch 
weniger mit einer Stelle zu belegen als aus alien herauszulesen. 
Kracauer hat es nicht mit dem zu tun, was die Gewerkschaft fur 
den Angestellten leistet. Er fragt: Wie schult sie ihn? Was tut 
sie, um ihn aus dem Bann von Ideologien zu befreien, die ihn 
fesseln? Bei der Antwort auf diese Fragen kommt nun sein kon- 
sequentes Aufienseitertum ihm sehr zu statten. Er ist auf nichts 
von alledem festgelegt, womit Autoritaten, um ihn zur Ruhe zu 
verweisen, auftrumpfen konnten. Die Gemeinschaftsidee? Er 
entlarvt sie als Spielart eines wirtschaftsfriedlichen Opportunis- 
ms. Der hohere Bildungsgrad des Angestellten? Er nennt ihn 
illusorisch und beweist, wie ohnmachtig der verstiegene Anspruch 
auf Bildung den Angestellten in der Wahrung seiner Rechte 
macht. Die Kulturgiiter? Sie fixieren, heifit fiir ihn, jener Mei- 
nung Vorschub zu leisten, derzufolge »die Nachteile der Mecha- 
nisierung mit Hilfe geistiger Inhalte zu beseitigen seien, die wie 
Medikamente eingeflofk werden«. Diese ganze ideologische 
Konstruktion »ist selber noch ein Ausdruck der Verdinglichung, 
gegen deren Wirkungen sie sich richtet. Sie wird von der Auf- 
fassung getragen, daf$ die Gehalte fertige Gegebenheiten dar- 
stellten, die sich ins Haus liefern lassen wie Waren.« In solchen 
Satzen spricht nicht nur die Stellung zu einem Problem. Dies 
ganze Buch ist vielmehr Auseinandersetzung mit einem Stuck 
vom Alltag, bebautem Hier, gelebtem Jetzt geworden. Der 
Wirklichkeit wird so sehr zugesetzt, dafi sie Farbe bekennen 
und Namen nennen muf5. 

Der Name ist Berlin, das dem Verfasser die Angestelltenstadt 
par excellence ist; so sehr, daft er sich durchaus bewufk ist, 
einen wichtigen Beitrag zur Physiologie der Hauptstadt gelie- 
fert zu haben. »Berlin ist heute die Stadt der ausgesprochenen 
Angestelltenkultur; das heiftt einer Kultur, die von Angestellten 
fiir Angestellte gemacht und von den meisten Angestellten fiir. 
eine Kultur gehalten wird. Nur in Berlin, wo die Bindungen an 
Herkunft und Scholle soweit zuriickgedrangt sind, daE das 



222 Kritiken und Rezensionen • 1930 

Weekend grofie Mode werden kann, ist die Wirklichkeit der 
Angestellten zu erfassen.« Zum Weekend gehort auch der Sport. 
Die Kritik der Sportbegeisterung unter den Angestellten be- 
weist, wie wenig der Verfasser gesonnen ist, seine ironische 
Behandlung der Kulturideale bei Wohlgesinnten durch ein desto 
innigeres Bekenntnis zur Natur wettzumachen, weit entfernt. 
Der Instinktunsicherheit, wie sie von der herrschenden Klasse 
gcziichtet wird, tritt hier gerade der Literat als Wahrer unver- 
dorbener sozialer Instinkte entgegen. Er hat sich auf seine 
Starke besonnen, die darin besteht, die burgerlichen Ideologien, 
wenn schon nicht restlos, so in allem zu durchschauen, wo sie 
noch mit dem Kleinburgertum in Verbindung stehen. »Die Aus- 
breitung des Sports«, heifit es bei Kracauer, »lost nicht Kom- 
plexe auf, sondern ist unter anderem eine Verdrangungser- 
scheinnng grofien Stils; sie fordert nicht die Umgestaltung, der 
sozialen Verhaltnisse, sondern ist insgesamt ein Hauptmittel der 
Entpolitisierung.« Und noch entschiedener an anderer Stelle: 
»Man richtet ein vermeintlich.es Naturrecht gegen das heutige 
Wirtschaftssystem auf, ohne sich dariiber klar zu sein, dafi 
gerade die Natur, die sich ja auch in den kapitalistischen Be- 
gierden verkorpert, einer seiner machtigsten Verbiindeten ist 
und ihre ungebrochene Verherrlichung zudem der planmafiigen 
Organisation des Wirtschaftslebens widerstreitet.« Dieser Na- 
turfeindschaft entspricht, dafi der Verfasser eben da »Natur« 
denunziert, wo die herkommliche Soziologie von Entartungen 
reden wiirde. Ihm dagegen ist ein gewisser Reisender in Tabak- 
fabrikaten, die Kefiheit und Versiertheit selber, Natur. Daft bei 
so konsequenter Durchdenkung der Dkonomik, die den elemen- 
taren, urn nicht zu sagen, den barbarischen Charakter der Pro- 
duktions- und Tauschverhaltnisse noch in ihren heutigen, ab- 
gezogenen Formen aufdeckt, die vielberufene Mechanisierung 
einen sehr anderen Akzent gewinnt als sie fur die Sozialpasto- 
ren ihn besitzt, bedarf kaum des Hinweises. Wieviel verhei- 
flungsvoller ist diesem Betrachter der seelenlose mechanisierte 
Handgriff des ungelernten Arbeiters, als das so ganz organische 
»Moralisch-Rosa«, das nach der unschatzbaren Formulierung 
eines Personalchefs der Teint des guten Angestellten zeigen soil. 
Moralisch-Rosa - das ist also die Farbe, die die Wirklichkeit 
des Angestelltendaseins bekennt. 



Ein Auftenseiter macht sich bernerkbar 223 

Die Redeblume des Personalchefs beweist, in welchem Grade 
der Jargon der Angestellten mit der Sprache des Verfassers 
kommuniziert, welch Einverstandnis zwischen diesem AufSen- 
seiter und der Sprache des Kollektivs ist, auf das er es abgesehen 
hat. Ganz von selbst erfahren wir, was Blutorangen und Rad- 
fahrer, was Sclileimtrompeten und Prinzessinnen sind. Und je 
genauer wir mit alldem Bekanntschaft machen, desto mehr sehen 
wir, wie Erkenntnis und Menschlichkeit in Spitznamen und 
Metaphern gefluchtet sind, urn dem breitspurigen Vokabular 
der Gewerkschaftssekretare und Professoren aus dem Wege zu 
gehen. Oder handelt es sich in all den Artikeln zur Erneuerung, 
Durchseelung, Vertiefung der Lohnarbeit weniger um ein Voka- 
bular als um eine Pervertierung der Sprache selber, die mit dem 
innigsten Wort die schabigste Wirklichkeit, mit dem vornehm- 
sten die gemeinste, mit dem friedfertigsten die feindseligste 
deckt? Wie dem auch sei, es liegen in Kracauers Analysen, be- 
sonders der akademischen tayloristischen Gutachten, Anfange 
der lebendigsten Satire, die ja langst sich aus dem politischen 
Witzblatt zuriickzog, um einen epischen Spielraum zu bean- 
spruchen, der der UnermefiHchkeit ihres Gegenstandes ent- 
spricht. Ach, diese Unermeftlichkeit ist Trostlosigkeit. Und je 
griindlicher sie aus dem Bewufttsein der von ihr erfafken Scbich- 
ten verdrangt ist, desto schopferischer erweist sie sich - dem 
Gesetz der Verdrangung gemaE - in der Bilderzeugung. Es liegt 
sehr nahe, die Vorgange, in denen eine unertraglich angespannte 
okonomische Situation ein falsches Bewufksein erzeugt, mit 
denen zu vergleichen, die den Neurotiker, den Geisteskranken 
aus unertraglich angespannten Privatkonflikten zu seinem fal- 
schen Bewufttsein fiihren. Solange wenigstens die marxistische 
Lehre vom Oberbau nicht durch die dringend erforderliche von 
der Entstehung des falschen BewuEtseins erganzt ist, wird es 
kaum anders mdglich sein, als die Frage: Wie entsteht aus den 
Widerspriichen einer okonomischen Situation ein ihr unange- 
messenes BewuEtsein? nach dem Schema der Verdrangung zu 
beantworten. Die Erzeugnisse des falschen Bewufitseins gleichen 
Vexierbildern, in denen die Hauptsache aus Wolken, Laub und 
Schatten nur eben hervorlugt. Und der Verfasser ist bis in die 
Inserate der Angestelltenzeitungen herabgestiegen, um jene 
Hauptsachen ausfindig zu machen, die in den Phantasmagorien 



224 Kritiken und Rezensionen • 1930 

von Glanz und Jugend, Bildung und Personlichkeit vexierhaft 
eingebettet erscheinen: namlich Konversationslexika und Betten, 
Kreppsohlen, Schreibkrampf-Federhalter und Qualitatspianos, 
Verjiingungsmittel und weifie Zahne. Aber das Hohere begniigt 
sich nicht mit der Phantasieexistenz, und setzt sich seinerseits im 
Alltag des Betriebes genau so vexierhaft durch wie das Elend 
im Glanz der Zerstreuung. So erkennt Kracauer im neopatri- 
archaliscben Bureaubetrieb, der schliefilich auf unbezahlte Ober- 
stunden hinauskommt, das Schema der mechanischen Orgel, der 
verschollene Klangfolgen entsteigen, oder in der Fingerfertig- 
keit der Stenotypistin die kleinburgerliche Trostlosigkeit der 
Klavieretlide. Die eigentHchen Symbolzentralen dieser Welt 
sind die »PIasierkasernen« 5 der stein-, vielmehr der stuckge- 
wordene Wunschtraum des Angestellten. In der Durchforschung 
dieser »Asyle fiir Obdaclilose« erweist dietraumgerechteSprache 
des Verfassers ihre ganze Verschlagenheit. Erstaunlich, wie sie 
gefugig all diesen stimmungsvollen Kiinstlerkellern, all diesen 
lauschigen Alkasaren, all diesen intimen Mokkabuchten sich 
anschmiegt, um sie als ebenso viele Schwellungen und Geschwiire 
abgegossen dem Licht der Vernunft preiszugeben. Wunderkind 
und enfant terrible in einer Person, plaudert der Verfasser hier 
aus der Traumschule. Und viel zu sehr ist er im Bilde, um diese 
Anstalten etwa nur als Verdummungsinstrumente im Intercsse 
der herrschenden Klasse betrachten und ihr die alleinige Ver- 
antwortung fiir sie geben zu wollen. So eingreifend seine Kritik 
am Unternehmertum ist, es teilt fiir ihn, als Klasse betrachtet, 
mit der ihm untergebenen den Charakter des Subalterhen zu 
sehr, um als eigentlich bewegende Kraft und zurechnungsfahiger 
Kopf im Wirtschaftschaos anerkannt werden zu konnen. 
Auf politische Wirkung, wie man sie heute versteht - auf 
demagogische also - wird diese Schrift nicht nur um solcher 
Einschatzung des Unternehmertums willen verzichten miissen. 
Das Bewufttsein - um nicht zu sagen das SelbstbewufStsein - 
davon wirft Licht auf des Verfassers Abneigung gegen alles, was 
mit Reportage und neuer Sachlichkeit zusammenhangt. Diese 
linksradikale Schule mag sich gebarden wie sie will, sie kann 
niemals die Tatsache aus der Welt schaffen, dafi selbst die Pro- 
letarisicrung des Intellektuellen fast nie einen Proletarier schafft. 
Warum? Weil ihm die Biirgerklasse in Gestalt der Bildung von 



1 Ein Aufienseiter macht sich bemerkbar 225 

Kindheit auf ein Produktionsmittel mitgab, das ihn auf Grund 
des Bildungsprivilegs mit ihr und, das vielleicht noch mehr, sie 
mit ihm solidarisch macht. Diese Solidaritat kann sich im Vor- 
dergrund verwischen, ja zersetzen; fast immer aber bleibt sie 
stark genug, den Intellektuellen von der standigen Alarmbereit- 
schaft, der Frontexistenz des wahren Proletariers streng aus- 
zuschliefien. Kracauer hat mit diesen Erkenntnissen Ernst ge- 
macht. Darum ist seine Schrift im Gegensatz zu den radikalen 
Modeprodukten der neuesten Schule ein Markstein auf dem 
Wege der Politisierung der Intelligenz. Dort der Horror von 
Theorie und Erkenntnis, der sie der Sensationslust der Snobs 
empfiehlt, hier eine konstruktive theoretische Schulung, die sich 
weder an den Snob noch an den Arbeiter wendet, dafiir aber 
etwas Wirkliches, Nachweisbares zu fordern imstande ist: nam- 
lich die Politisierung der eigenen Klasse. Diese indirekte Wir- 
kung ist die einzige, die ein schreibender Revolutionar aus der 
Burgerklasse heute sich vorsetzen kann. Direkte Wirksamkeit 
kann nur aus der Praxis hervorgehen. Er aber wird sich arri- 
vierten Kollegen gegeniiber in Gedanken an Lenin halten, 
dessen Schriften am besten beweisen, wie sehr der literarische 
Wert politischer Praxis, die direkte Wirkung von dem riiden 
Fakten- und Reportierkram entfernt ist, der sich heut fur sie 
ausgibt. 

So steht von Rechts wegen dieser Autor am Schlufi da: als ein 
Einzelner. Ein Mifivergniigter, kein Fuhrer. Kein Griinder, ein 
Spielverderber. Und wollen wir ganz fur sich uns in der Ein- 
samkeit seines Gewerbes und Trachtens ihn vorstellen, so sehen 
wir: Einen Lumpensammler fruhe im Morgengrauen, der mit 
seinem Stock die Redelumpen und Sprachfetzen aufsticht, um 
sie murrend und storrisch, ein wenig versoffen, in seinen Karren 
zu werfen, nicht ohne ab und zu einen oder den anderen dieser 
ausgeblichenen Kattune »Menschentum«, »Innerlichkeit«, »Ver- 
tief ung« spottisch im Morgenwinde flattern zu lassen. Ein 
Lumpensammler, friihe — im Morgengrauen des Revolutions- 
tages. 



22.6 Kritiken und Rezensionen * 1930 

S[iegfried] Kracauer, Die Angestellten. Aus dem Neuesten 
Deutschland. Frankfurt a. M.: Frankfurter Societatsdruckerei 
1930. 148 S. 

Die Zeiten, da es liblich gewesen ist, Untersuchungen »Zur 
Soziologie . . .« - der und der Gruppe, dieser und jener Er- 
scheinung - zu uberschreiben, werden noch in vieler Erinnerung 
sein. Damals hatte diese Schrift »Zur Soziologie des Angestell- 
ten« geheifien. Vielmehr, sie ware gar nicht geschrieben worden. 
Denn was die Mode dieser Titel aussprach, war eigentlich nur, 
wie sehr man davor zuriickschreckte, politische Gegenstande 
politisch klarzustellen, um sie statt dessen in ein Gespinst aka- 
demischer Floskeln zu wickeln, in dem ihre Ecken und Kanten 
keinem mehr weh tun konnten. Das ist Kracauers Sache nicht. 
Er hat aber diese alte Art, um die Dinge herumzukommen, nicht 
verlassen, um statt dessen eine neue zu wahlen. Insbesondere ist 
ihm die Reportage, diese moderne Umgehungsstrategie politi- 
scher Tatbestande unterm Deckmanover der linken Phrasen 
genau so verhaftt wie das euphemistische Gelispel der Soziolo- 
gie. »Die Wirklichkeit«, sagt er, »ist eine Konstruktion. Gewifi 
mull das Leben beobachtet werden, damit sie erstehe. Keines- 
wegs jedoch ist sie in der mehr oder minder zufalligen Beobach- 
tungsfolge der Reportage enthalten, vielmehr steckt sie einzig 
und allein in dem Mosaik, das aus den einzelnen Beobachtungen 
auf Grund der Erkenntnis ihres Gehalts zusammengestiftet 
wird.« Soziologisches Wissen und Beobachtungsmaterial sind also 
blofie Vorbedingungen dieser Arbeitsweise, die ebensosehr we- 
gen der Originalitat als wegen der Durchschlagskrafl ihrer Er- 
gebnisse genaue Betrachtung verlohnt. 

Dafi hier einer sich auf eigene Faust auf den Weg macht, ver- 
rat schon die Sprache. Storrisch und stofSig sucht sie sich ihre 
Fixpunkte mit einem Eigensinn, den ihr ein Abraham a Santa 
Clara hatte neiden konnen, wenn er seine Bufipredigten von 
Kalauer zu Kalauer fiihrte. Nur: in den »Angestellten« hat der 
Bilderwitz die Rolle des Wortwitzes iibernommen. Und so 
wenig jener Kalauer etwas Zufalliges ist, da er vielmehr mit 
dem Sprachleben des Barockzeitalters zusammenhangt, so wenig 
kommt ein Bilderwitz von ungefahr, der bei Kracauer auf jene 
surrealistischen Oberblendungen ausgeht, die nicht nur, wie wir 



5. Kracauer izy 

es von Freud erfahren haben, den Traum, nicht nur, wie wir 
von Klee und von Max Ernst es wissen, die sinnliche Welt, 
sondern eben audi die soziale Wirklichkeit kennzeichnen. »Im 
Lunapark«, heifit es bei Kracauer, »wird abends mitunter eine 
bengalisch beleuchtete Wasserkunst vorgefiihrt. Immer neuge- 
formte Strahlenbiischel fliehen rot, gelb, griin ins DunkeL 1st die 
Pracht dahin, so zeigt sich, dafi sie dem armlichen Knorpel- 
gebilde einiger Rohrchen entfuhr. Die Wasserkunst gleicht dem 
Leben vieler Angestellten. Aus seiner Dlirftigkeit rettet es sich in 
die Zerstreuung, lafk sich bengalisch beleuchten und lost sich, 
seines Ursprungs uneingedenk, in der nachtlichen Leere auf.« 
Natiirlich ist das mehr als eine Metapher. Denn dieses bengali- 
sdie Licht gliiht ja fur die Angestellten selbst auf. Und damit 
wird klar, welche politische Helligkeit aus soldier Oberblendung 
herausspriiht. 

Woher dem politischen Traumdeuter diese Kiinste kommen? 
Von literarischen Einfliissen sei diesmal abgesehen. Was der 
Verfasser, sprachlich vor allem, dem anonymen Autor des 
»Ginster« verdankt, mag auf sich beruhen. Soviel stent fest, 
daE seine Deuterpraxis aus dem genauen Studium eigenster 
Erfahrung erwachsen ist. (Wie weifier Zauber ja mit strenger 
und nuchterner Betrachtung des Erfahrenen Hand in Hand 
geht, wo der schwarze nie iiber Bannkreis und Mysterium hin- 
auskommt.) Die Erfahrung aber, die hier zugrunde liegt, ist 
einfach die des Intellektuellen. Der Intellektuelle ist der ge- 
borene Feind des Kieinburgertums, weil er es standig in sich 
selbst iiberwinden muf$. Hier hat er sich auf seine Starke be- 
sonnen, die darin besteht, die btirgerlichen Ideologien, wenn 
schon nicht restlos, so in allem zu durchschauen, wo sie noch mit 
dem Kleinbiirgertum zusammenhangen. In den Angestellten 
aber kommt nun ein neues, uniformierteres, erstarrteres, ge- 
drilheres Kleinbiirgertum herauf. Es ist unendlich viel armer an 
Typen, Originalen, verschrobenen, aber versohnlichen Men- 
schenbildern als das verflossene. Dafiir unendlich . viel reicher 
an Illuslonen und an Verdrangungen. Mit ihnen nimmt der 
Verfasser es auf. Nicht in der Art eines Gregers Werle, der 
gegen die »Lebensliige«, wie Don Quichote gegen Windmiihlen, 
angeht. Sein Interesse gilt nicht dem Einzelnen, gilt vielmehr 
der Verfassung einer homogenen Masse und den Zustanden, in 



228 Kritiken und Rezensionen * 1930 

denen diese sich spiegelt. Die Summe dieser Zustande deckt ihm 
der Name Berlin. »Berlin ist heute die Stadt der ausgesproche- 
nen Angestelltenkultur; das heifSt einer Kultur, die von Ange- 
stellten fiir Angestellte gemacht und von den meisten Ange- 
stellten fiir eine Kultur gehaken wird.« Wenn Joseph Roth mit 
der Behauptung im Reclit ist, die er vor kurzem an dieser Stelle 
aufgestellt hat, die Aufgabe des Schrlftstellers sei, nicht zu ver- 
klaren, sondern zu entlarven, so ist der Autor der »Angestell- 
ten« hochst schriftstellerisch an Berlin herangetreten. Das ist an 
diesem wichtigen Buche nicht das Unwichtigste. Im Augenblick, 
da die ersten Spuren einer tatigen Liebe zur Hauptstadt sich 
zeigen, geht man zum ersten Male ihren Gebrechen nach. Eben 
gab in seinem Monumentalwerk »Das steinerne Berlin« Hege- 
mann die politische Baugeschichte der Mietkaserne, wie sie aus 
dem Grundbesitze entstand, nun folgt Kracauer mit der Dar- 
stellung der Berliner Biiro- und Vergniigungspalaste als Ab- 
druck der Angestelltenmentalitat, die bis hoch in die Unter- 
nehmerkreise hinaufreicht. Gleichzeitig hat er den Posten eines 
Berliner Berichterstatters der » Frankfurter 2eitung« ubernom- 
men. Es ist gut fiir die Stadt, diesen Feind in ihren Mauern zu 
haben. HofFen wir, daE sie verstehen wird, ihn zum Schweigen 
zu bringen. Wie? Nun, indem sie ihren besten Zwecken ihn 
nutzbar macht. 



ElN BUCH FUR DIE, DIE ROMANE SATT HABEN 

Vor kurzem erschien eln Buch »Men without women « ! . Es ist 
eine Novellensammlung. Hier aber soil von einer Sammlung 
von Essays die Rede sein, die es samtlich mit wirklichen Men- 
schen zu tun haben: Mystikern, Arztcn, Seefahrern, Dichtern; 
Deutschen, Schweizern, Englandern, Spaniern. Immer am Leit- 
faden ihrer Selbstbiographie oder ihrer Werke. Und auch dies 
Buch - »Studien zur europaischen Literatur« von Fritz Ernst 2 - 

1 Dcutsch unter dem Titel »Manner«. [Ernest Hemingway, Manner, Ubertr. von 
Anncmarie Horschitz, Berlin 19^9-] 

2 Fritz Ernst, Studien zur europaischen Literatur. Zurich: Verlag der Neuen Schwei- 
zer Rundschau (1930). 222 S. 



Ein Budi fiir die, die Romane satt haben 229 

konnte gut »Manner ohne Frauen« betitelt sein. Nicht, dafi sie 
alle unverheiratet, geschweige frauenlos geblieben waren. Aber 
es ist das Mannliche, das, je nachdem, keines Trostes Bediirftige 
oder das Untrostbare, worum es dem Autor zu tun war. Es 
mufi ein solches Buch vielleicht hin und wieder geschrieben 
werden, um einem klar zu machen, wie uppig, wie besonnt und 
wie schlaff die Lebensziige »grofier Manner« meistens dargestellt 
werden. Die Satze unseres Autors dagegen mochte man mit 
einem Baldachin vergleichen. Sie ehren, aber beschatten zugleich, 
wen sie meinen. 

Solche Darstellung trifft kein Wissen, dem nicht eine moralische 
Haltung sich innig verbindet. Hier ist es nicht die Bewunderung, 
die so oft zum Unartikulierten oder Banalen fiihrt, sondern 
besonnene in Erfahrung begriindete Dankbarkeit. »Les Egyp- 
tiens avoient une loi contre Tingratitude. Cette loi s'est per- 
due.* So steht nicht umsonst als Motto vor diesem Bande. Dank- 
barkeit: denn jede einzelne dieser trostentriickten Existenzen ist 
dem Verfasser selber Trost geworden. Nicht ihr blofks Dasein 
an sich, noch weniger aber dessen Produkte, sondern die verlas- 
senen, die verwiisteten Lebensbreiten als Nahrboden seltener, 
verborgenster Heilkrauter. Wirkliche Dankbarkeit leitet den 
Mann, sein Blick fiir das versteckte, entscheidende Kennzeichen 
ist der des Kindes, das Krauter fiir einen Kranken sammelt. Ein 
Schwyzer Kind, von dem wir vielleicht einmal ein zweites 
»Chrut und Uchrut« fiir die arme Europa erwarten konnen. 
Dafi er die Wunderkrafte der Sprache kennt, beweist nicht sein 
Reichtum an Themen allein, sondern mehr noch die Haltung, 
mit der er sie darbrmgt. Etwas wie diesen »Pestalozzi« flndet 
man nicht leicht ohne ihn. »Das Wunder Pestalozzi« ruft der 
Verfasser, aber dann rechtfertigt er solchen Titel mit ganz ein- 
fachen, ungeriihrten Feststellungen. »Er durfte nicht das Unge- 
wohnliche, sondern nur das Gewohnliche auf unerhorte Art 
vollbringen.« »Es scheint keinen menschlichen Mangel zu geben, 
den zu beheben ihn nicht Leidenschaft ergriffen hatte.« Oder er 
stellt die wohltemperierte Dde von Gontscharows Existenz dar 
und belegt sie mit dem triibseligsten Emblem: »Sein Lieblings- 
tier war das uralte Steckenpferd der Klugheit, namlich der 
gemafiigte Fortschritt, inshesondere solange sich dieser mit dem 
Bereich materieller Dinge begniigte.« Es ist ein im hohen litera- 



230 Kritiken und Rezensionen * 1930 

risdien Sinne farbloses Buch; denken wir an Gide, der den Deut- 
schen die hochste Stilkunst, die Fahigkeit rein zeichnerischer 
Darstellung abspricht, so werden wir ihn hier mit Freuden 
Liigen strafen. Kann man denn sicherer und silberstiftiger iiber 
Kiigelgens »Jugenderinnerungen eines alten Mannes« schreiben, 
als mit den Worten: »Es geht eine eigentiimlich greifbare Treue 
durch das Ganze«? Die Darstellung Kiigelgens macht neben 
der Pestalozzis nicht nur den Gipfel, sondern audi das Grund- 
motiv dieses Buches sichtbar: das gedampfteste, Dantesdie »Be- 
siegt siegt er im Gnadeniiberschwange«. 

Dem Verfasser ist nichts so nahe gegangen wie dies Bezwungen- 
wordensein im Leben der Groften. Seine Kunst ist, aus Frost und 
Nebel, in dem ihr Dasein verstrich, die Wintersonne ihrer Un- 
sterblichkeit zu locken. Mit nichts anderem, als ungeblendet 
einen Lichtkern fixieren zu konnen, lafk die erstaunliche An- 
ziehungskraft dieses Buchs sich vergleichen. 



Krisis des Romans 
Zu Doblins »Berlin Alexanderplatz« 1 

Das Dasein ist im Sinne der Epik ein Meer. Es gibt nichts 
Epischeres als das Meer. Man kann sich naturlich zum Meer sehr 
verschieden verhalten. Zum Beispiel an den Strand legen, der 
Brandung zuhoren und die Muscheln, die sie anspiilt, sammeln. 
Das tut der Epiker. Man kann das Meer auch befahren. Zu 
vielen Zwecken und zwecklos. Man kann eine Meerfahrt machen 
und dann dort draufien, nngsum kein Landstnch, Meer und 
Himmel, kreuzen. Das tut der Romancier. Er ist der wirklich 
Einsame, Stumme. Der epische Mensch ruht nur aus. Im Epos 
ruht das Volk nach dem Tagwerk; lauscht, traumt und sammelt. 
Der Romancier hat sich abgeschieden vom Volk und von dem, 
was es treibt. Die Geburtskammer des Romans ist das Indivi- 
duum in seiner Einsamkeit, das sich iiber seine wichtigsten 
Anliegen nicht mehr exemplarisch aussprechen kann, selbst un- 
beraten ist und keinem Rat geben kann. Einen Roman schreiben 

1 Alfred Doblin, Berlin Alexanderplatz, Die Gesdiichte vom Franz Biberkopf. 
Berlin: S. Fischer Verlag 1929. 530 S. 



Krisis des Romans 231 

heifJt, in der Darstellung des menschlichen Daseins das Inkom- 
mensurable auf die Spitze treiben. Was den Roman vom eigent- 
lichen Epos trennt, ftihlt jeder, der an die homerischen Werke 
oder an das dantesche denkt. Das mundlich Tradierbare, das 
Gut der Epik, ist von anderer BeschafTenheit als das, was den 
Bestand des Romans ausmacht. Es hebt den Roman gegen alle 
iibrigen Formen der Prosa - Marchen, Sage, Sprichwort, 
Schwank - ab, dafi er aus miindlicher Tradition weder kommt 
noch in sie eingeht. Vor allem aber gegen das Erzahlen, das in 
der Prosa das epische Wesen am reinsten darstellt. Ja, nichts 
tragt so sehr zum gefahrlichen Verstummen des inneren Men- 
schen bei, nichts totet den Geist des Erzahlens so griindlich ab 
wie die unverschamte Ausdehnung, die in unser aller Existenz 
das Romanlesen annimmt. Es ist daher die Stimme des gebore- 
nen Erzahlers, die sich gegen den Romancier so vernehmen 
lafit: »Ich will auch nicht davon sprechen, daft ich die Befreiung 
des epischen Werks vom Buch fiir . . . nutzlich halte, nikzlich 
insbesondere in Hinsicht auf die Sprache. Das Buch ist der Tod 
der wirklichen Sprachen. Dem Epiker, der nur schreibt, entgehen 
die wichtigsten formbildenden Krafte der Sprache.« So hatte 
Flaubert nicht gesprochen. Diese These ist Doblins. Er hat 
dariiber im ersten Jahrbuche der Sektion fiir Dichtung an der 
Preufiischen Akademie der Kunste eine sehr umfassende Re- 
chenschaft abgelegt, und sein »Bau des epischen Werks« ist ein 
meisterhafter und dokumentarischer Beitrag zu jener Krise des 
Romans, die mit der Restitution des Epischen einsetzt, der wir 
allerorten und bis Ins Drama begegnen. Wer diesen Doblinschen 
Vortrag durchdenkt, braucht sich gar nicht mehr bei den aufieren 
Anzeichen dieser Krisis, dieses Erstarkens des Radikal-Epischen 
aufzuhalten. Die Sturmflut biographischer, historischer Romane 
verliert fiir ihn alles Erstaunliche. Der Theoretiker Doblin, 
weit entfernt, mit dieser Krisis sich abzufinden, eilt ihr voraus 
und macht ihre Sache zu seiner eigenen. Sein letztes Buch zeigt, 
dafi Theorie und Praxis seines Schaffens sich decken. 
Es ist aber nichts aufschlufireicher als diese Doblinsche Haltung 
mit der gleich souveranen, gleich beherzt in praxi durchgefuhr- 
ten, gleich exakten und doch in allem gegensatzlichen zu ver- 
gleichen, die Andre* Gide in seinem »Tagebuch der Falsch- 
miinzer« kiirzlich an den Tag gelegt hat. Im Widerspiel dieser 



232 Kritiken und Rezensionen • 1930 

kritischen Intelligenzen kommt die heutige Situation der Epik 
am scharfsten zum Ausdruck. Gide entwickelt in diesem auto- 
biographischen Kommentar seines letzten Romans die Lehre 
vom »roman pur«. Dort hat er's mit erdenklichster Subtilitat 
darauf angelegt, alle schlichte, geradlinig aneinanderreihende 
Erzahlung (alle epischen Grofien ersten Grades) zugunsten sinn- 
reicher, rein romanhafter (und das heifk hier zugleich auch 
romantischer) Verfahrungsweisen beiseite zu setzen. Die Stel- 
lung der Personen zu dem, was vorgeht, die Stellung des Dich- 
ters zu ihnen und seiner Technik, all das soil Bestandteil seines 
Romans selbst werden. Kurz, dieser »roman pur« ist eigentlich 
reines Innen, kennt kein Aufien, und somit aufierster Gegenpol 
zur reinen epischen Haltung, die das Erzahlen ist. Gides Ideal 
des Romans ist - so lafit er sich im strengen Gegensatz zu 
Doblin darstellen - der reine Schreibroman. Er halt die Flau- 
bertschen Positionen vielleicht zum letzten Male aufrecht. Und 
es kann nicht Wunder nehmen, in Doblins Vortrag auch auf diese 
Leistung die denkbar scharfste Entgegnung zu finden, »Sie 
werden die Hande iiber dem Kopf zusammenschlagen, wenn ich 
den Autoren rate, in der epischen Arbeit entschlossen lyrisch, 
dramatisch, ja reflexiv zu sein. Aber ich beharre dabei.« 
Wie unerschrocken er's tut, dafiir ist die Ratlosigkeit mancher 
Leser vor diesem neuen Buche ein Zeichen. Nun ist es wahr, dafi 
selten auf solche Weise erzahlt wurde, so hohe Wellen von Er- 
eignis und Reflex haben selten die Gemutlichkeit des Lesers in 
Frage gestellt, so hat die Gischt der wirklichen gesprochenen 
Sprache ihn noch nte bis auf die Knochen durchnaf5t. Aber es 
ware nicht notig gewesen, darum mit Kunstausdrucken zu ope- 
rieren, vom »dialogue intcrieur« zu reden oder auf Joyce zu 
verweisen. In Wirklichkeit handelt es sich um etwas ganz ande- 
res. Stilprinzip dieses Buches ist die Montage. Kleinbiirgerliche 
Drucksachen, Skandalgeschichten, Ungliicksfalle, Sensationen 
von 28, Volkslieder, Inserate schneien in diesen Text. Die 
Montage sprengt den »Roman«, sprengt ihn im Aufbau wie 
auch stilistisch, und eroffnet neue, sehr epische Moglichkeiten. 
Im Formalen vor allem. Das Material der Montage ist ja 
durchaus kein beliebiges. Echte Montage beruht auf dem Doku- 
ment. Der Dadaismus hat sich in seinem fanatischen Kampf 
gegen das Kunstwerk durch sie das tagliche Leben zum Bundes- 



Krisis des Romans 233 

genossen gemadit. Er hat zuerst, wenn audi unsicher, die Allein- 
herrschaft des Authentischen proklamiert. Der Film in seinen 
besten Augenblicken machte Miene, uns an sie zu gewohnen. 
Hier ist sie zum ersten Male fur die Epik nutzbar geworden. 
Die Bibelverse, Statistiken, Schlagertexte sind es, kraft deren 
Doblin dem epischen Vorgang Autoritat verleiht. Sie entspre- 
chen den formelhaften Versen der alten Epik. 
So dicht ist diese Montierung, dafi der Autor schwer darunter zu 
Wort kommt. Die moritatenahnlichen Kapitelansagen hat er 
sich vorbehalten; im ubrigen ist's ihm nicht eilig, sich verneh- 
men zu lassen. (Aber er wird sein Wort noch anbringen.) Er- 
staunlich, wie lange er seinen Figuren folgt, ehe er's riskiert, sie 
zur Rede zu stellen. Sacht, wie der Epiker es soil, geht er an die 
Dinge heran. Was geschieht, auch das Plotzlichste, scheint von 
langer Hand vorbereitet. In dieser Haltung aber inspiriert ihn 
der berlinische Sprachgeist selbst. Sacht ist das Zeitmafi seiner 
Bewegung. Denn der Berliner spricht als Kenner und mit Liebe 
zu dem, wie er's sagt. Er kostet es aus. Wenn er schimpft, spottet 
und droht, will er dazu sich Zeit nehmen, genau wie zum Friih- 
stiick. Glafibrenner pointierte das Berlinische dramatisch. Hier 
ist es nun in seiner epischen Tiefe ermessen; Franz Biberkopfs 
Lebensschiffchen hat schwer geladen und braucht doch nirgends 
auf Grund zu stolen. Das Buch ist ein Monument des Berlini- 
schen, weil der Erzahler keinen Wert darauf legte, heimat- 
kiinstlerisch, werbend zur Stadt zu stehen. Er spricht aus ihr. 
Berlin ist sein Megaphon. Sein Dialekt ist eine von den Kraften, 
die sich gegen die Verschlossenheit des alten Romans kehren. 
Denn verschlossen ist dieses Buch nicht. Es hat seine Moral, die 
sogar den Berliner was angeht. (Tiecks »Abraham Tonelli« hat 
die Berliner Schnauze schon so entfesselt, aber noch niemand 
hatte sich sie zu kurieren getraut.) 

Es ist lohnend, der Kur an Franz Biberkopf nachzugehen. Was 
geschieht ihm? - Aber zunachst: Warum heifit es: »Berlin 
Alexanderplatz«, und »Die Geschichte vom Franz Biberkopf« 
nur darunter? Was ist der Alexanderplatz in Berlin? Das ist die 
Stelle, wo seit zwei Jahren die gewaltsamsten Veranderungen 
vorgehen, Bagger und Rammen ununterbrochen in Tatigkeit 
sind, der Boden von ihren Stolen, von den Kolonnen der Auto- 
busse und U-Bahnen zittert, tiefer als sonstwo die Eingeweide 



234 Kritiken und Rezensionen • 1930 

der Grofistadt, die Hinterhofe urn den Georgenkirchplatz sich 
aufgetan, und stiller als anderswo in den unberuhrten Laby- 
rinthen um die Marsiliusstrafte (wo die Sekretare der Fremden- 
polizei in eine Mietskaserne gepfercht sind), um die Kaiser- 
strafie (in der die Huren abends ihren alten Trott machen), 
sich Gegenden aus den neunziger Jahren gehalten haben. Kein 
Industrieviertel; Handel vor allem; Kleinbiirgertum. Und dann 
sein soziologisches Negativ: die Ganoven, die von den Arbeits- 
losen ihren Zuzug bekommen. Einer von denen ist Biberkopf. 
Als Arbeitsloser verlafit er dasZuchthausTegel, bleibt eineWeile 
anstandig, eroffnet einen Handel an ein paar Strafienecken, 
fallt ab und wird Mitglied der Pumsbande. Eintausend Meter, 
langer ist der Radius nicht, der den Bannkreis dieser Existenz 
um den Platz schlagt. Der Alexanderplatz regiert sein Dasein. 
Ein grausamer Regent, wenn man will. Ein unumschrankter. 
Denn der Leser vergifit alles neben und aufier ihm, lernt seine 
Existenz in diesem Raum fiihlen und wie wenig man von ihm 
wufite. Es ist ja alles anders, als der Leser, der dieses Werk dem 
Mahagonispind entnimmt, sich's vorstellt. Es schmeckt so gar 
nicht nach »sozialem Roman«. Keiner iibernachtet hier in der 
Palme. Die haben immer ein Zimmer. Man trifft sie auch nie 
auf der Zimmersuche. Selbst der Erste scheint um den Alexan- 
derplatz herum seine Schrecken verloren zu haben. Elend sind 
diese Leute schoh. Immerhin sind sie elend in ihren Zimmern. 
Was ist das? Wie kommt das eigentlich? 

Zweierlei ist das. Etwas Grofies und etwas Beschrankendes. 
Etwas GrofSes: Denn das Elend ist in der Tat nicht, wie der 
kleine Moritz sich's vorstellt. Das wirkliche wenigstens, im Ge- 
gensatz zum gefurchteten. Nicht die Menschen allein, sondern 
auch Not und Jammer miissen sich nach der Decke strecken, 
miissen sehen,wie sie sich durchschlagen.AuchihreAgenten,Liebe 
und Alkohol, werden manchmal aufsassig. Und es gibt nichts so 
Schlimmes, daf5 sich nicht eine Weile damit Ieben lief5e. In die- 
sem Buch kehrt das Elend seine joviale Seite heraus. Es lafit sich 
mit den Menschen am gleichen Tisch nieder, aber das Gesprach 
bricht darum nicht ab, man setzt sich zurecht und lafk es sich 
weiter schmecken. Das ist eine Wahrheit, von der der neue Hin- 
tertreppennaturalismus nichts wissen will. Darum mufite ein 
grofier Erzahler kommen, um ihr wieder einmal zu ihrem Recht 



Krisis des Romans 235 

zu verhelfen. Von Lenin sagt man, er habe nur eins fanatischer 
gehafk als das Elend selber: Mit ihm paktieren. Das ist nun in 
der Tat etwas Burgerliches; nicht nur in den kleinen mesquinen 
Formen der Schlamperei, sondern audi in den grofien der Weis- 
heit. In diesem Sinn ist Doblins Geschichte biirgerlich, und zwar 
viel beschrankender als nachTendenz undAbsicht, namlich nach 
Abkunft. Was hier bestrickend und mit unverminderter Kraft 
von neuem auftaucht, das ist der groEe Zauber von Charles 
Dickens, bei dem Burger und Verbrecher so herrlich aufeinander 
eingespielt sind, weil sie ihre Interessen (entgegengesetzte frei- 
lich) in einer und derselben Welt haben. Die Welt dieser Gano- 
ven ist der Biirgerwelt homogen; Franz Biberkopfs Weg zum 
Zuhalter bis zum Kleinburger beschreibt nur. eine heroische 
Metamorphose des biirgerlichen Bewufitseins. 
Der Roman, konnte einer auf die Theorie des »roman pur« 
antworten, ist wie das Meer. Er hat keine andere Reinheit als 
Salz. Was ist nun das Salz dieses Buches? Es ist aber mit dem 
epischen Salze wie mit dem mineralischen: Es macht die Dinge 
dauerhaft, mit denen es sich verbindet. Und Dauer ist in ganz 
anderer Weise als fiir die iibrigen Werke der Dichtung ein 
Kriterium des Epischen. Dauer, namlich nicht in der Zeit, son- 
dern im Leser. Der wahre Leser liest Epik, um zu »behalten«. 
Und ganz bestimmt behalt er zweierlei aus diesem Buch: Die 
Geschichte mit dem Arm und die Sache mit Mieze. Wie der 
Franz Biberkopf dazu kommt, daft man ihn unters Auto wirft, 
so dafi er den Arm verliert? und dafi man ihm die Freundin 
ausspannt und umbringt? Das steht schon auf der zweiten 
Buchseite. »Weil er vom Leben mehr verlangt als das Butter- 
brot.« In diesem Fall nicht fettes Essen, Geld oder Weiber, 
sondern etwas viel Schlimmeres. Wonach es seine grofie Schnauze 
geliistet, das ist gestaltloser. Hunger nach Schicksal verzehrt 
ihn, das ist es. Dieser Mann muf? den Teufel al fresco immer 
von neuem an die Wand malen; es ist kein Wunder, wenn der 
immer von neuem kommt und ihn holen will. Wie dieser 
Schicksalshunger gestillt, furs Leben gestillt wird und der Zu- 
friedenheit mit dem Butterbrot Platz macht, wie der Ganove 
zum Weisen wird, das ist der Hergang der Sache. Zum Schlufi 
wird Franz Biberkopf schicksallos, »helle«, wie die Berliner 
sagen. Doblin hat dies Mannbarwerden an seinem Franz mit 



236 Kritiken und Rezensionen • 1930 

einem grofSen Kunstgriff unvergefilich gemadit. Wie die Juden 
bei der Barmizwoh dem Kind seinen zweiten Namen bekannt- 
geben, der bis dahin geheim blieb, so gibt Doblin dem Biberkopf 
einen zweiten Vornamen. Er heifit von nun an Franz Karl. 
Gleichzeitig ist aber mit diesem Franz Karl, der zweiter Portier 
in einer Fabrik wird, etwas ganz Sonderbares geschehen. Und 
dafi Doblin, obwohl er seinem Helden doch so genau auf die 
Finger sieht, dies nicht entgangen ware, wollen wir nicht be- 
schworen. An dieser Stelle namlich hat Franz Biberkopf aufge- 
hort, exemplarisch zu sein, und ist lebendig in den Himmel der 
Romanfiguren entruckt worden. HofTnung und Erinnerung wer- 
den ihn in diesem Himmel, der kleinen Portierloge, uber sein 
Gescheitersein trosten. Wir aber sehen ihm in seine Loge nicht 
nach. Denn das ist ja das Gesetz der Romanform: kaum hat der 
Held sich selber geholfen, so hilft uns sein Dasein nicht langer. 
Und wenn diese Wahrheit am grofiartigsten und am unerbitt- 
lichsten in der » Education sentimentale« an den Tag tritt, so ist 
die Geschichte dieses Franz Biberkopf die »Education sentimen- 
tale« des Ganoven. Die aufierste, schwindelnde, letzte, vorge- 
schobenste Stufe des alten burgerlichen Bildungsromans. 



Gabriele Eckehard y das deutsche Buck im Zeitalter des Barock. 
Berlin: (Verlag Ullstein) 1930. jo S. (Berliner Bibliophile Ab- 

handlungen. 4.) 

Es ist selten, dafi Sammler als solche sich der Dffentlichkeit vor- 
stellen. Sie wiinschen als Wissenschaftler, als Kenner, zur Not 
audi als Besitzer zu passieren, aber sehr selten als das, was sie 
vor allem doch sind: als Liebhaber. Diskretion pflegt ihre 
starkste, Freimut ihre schwachste Seite zu sein.Wenn ein groEer 
Sammler den Prachtkatalog seiner Schatze veroffentlicht, re- 
pj-asentiert er zwar seine Sammlung, in den seltensten Fallen 
aber sein Sammlergenie. Von diesen Regeln bildet das vorlie- 
gende Buch eine riihmliche Ausnahme. Ohne gerade Katalog 
zu sein, reprasentiert es eine der stattlichsten Privatsammlungen 
deutscher Barockliteratur; ohne gerade Entstehungsgeschichte 
der Sammlung zu sein, enthalt es die Impulse, aus denen sie sich 



Gabrtele Eckehard 237 

gebildet hat. Man redet so geme von dem »personlichen Ver- 
haltnis«, das ein Sammler zu seinen Sachen habe. Im Grunde 
scheint diese Wendung eher geschaffen, die Haltung, die sie 
anerkennen will, zu bagatellisieren, sie als unverbindliche, als 
liebenswurdig-launische hinzustelien. Sie flihrt irre. Launisch 
sind Sammler vielleicht - doch im Sinne des franzosischen luna- 
tique - nach den Launen des Mondes. Spielball sind sie viel- 
leicht - aber von einer Gottin - namlich der x\)yj\. Am ehesten 
aber wird man die Gemeinde der wahren Sammler als die der 
Zufallsglaubigen, der Zufallsanbeter zu bezeichnen haben. Nicht 
nur darum, weil sie alle wissen, dafi ihr Besitz sein Bestes dem 
Zufall dankt, sondern weil sie in ihren Besitztiimern selber den 
Spuren des Zufalls nachjagen, weil sie Physiognomiker sind, die 
da glauben, dafi nichts so Ungereimtes, Unberechenbares, Un- 
vermerktes den Dingen zustofien konne, dafi es in ihnen seine 
Spuren nicht hinterliefie. Diese Spuren sind es, denen sie nach- 
gehen: der Ausdruck des Geschehenen entschadigt sie tausend- 
fach fur die Unvernunft des Geschehens. - Soviel urn anzu- 
deuten, warum es die Sammlerin und nicht nur die Verfasserin 
dieser Schrift ruhmt, wenn wir sie eine Adeptin der Physio- 
gnomik nennen. Was sie vom Einband, von der Druckweise, 
der Erhaltung, dem Preis, der Verbreitung der Werke, mit 
denen sie es zu tun hat, aufzeichnet, sind ebenso viele Verwand- 
lungen zufalligen Geschickes in mimischen Ausdruck. So von 
Buchern zu reden, wie sie es tut, ist das Vorrecht des Sammlers. 
HofTen wir, dafi dem Beispiel, das hier - bis in Ausstattung und 
Illustration hinein - gegeben wird, so viele folgen, als wenige 
ihm vorangingen. Dafi unter diesen wenigen aber der Beste - 
Karl Wolfskehl - ein Liebhaber des Barock ist, das zeigt, dafi es 
fvir den wahren Buchersammler wenige gleich adaquate Gegen- 
stande seiner Liebe gibt wie eben die Bucher des deutschen 
Barockzeitalters. 



z$8 Kritiken und Rezensionen * 1930 

Theorien des deutschen Faschismus 

Zu der Sammelschrift »Krieg und Krieger«. Herausgegeben von 

Ernst Jiinger 1 

L£on Daudet, Sohn von Alphonse, selbst ein bedeutender 
Schrifts teller, Leader der royalistischen Partei Frankreichs, hat 
in seiner Action Francaise einmal einen Bericht iiber den Salon 
de PAutomobile gegeben, der, wenn audi vielleicht nicbt mit 
diesen Worten, in die Gleichung auslief »L'automobile c'est la 
guerre*. Was dieser iiberraschenden Ideenverbindung zugrunde 
lag, war der Gedanke an eine Steigerung der technischen Be- 
helfe, der Tempi, der Kraftquellen usw., die in unserem Privat- 
leben keine restlos vollendete, adaquate Ausnutzung finden und 
dennoch drangen, sich zu rechtfertigen. Sie rechtfertigen sich, 
indem sie auf harmonisches Zusammenspiel verzichten, im Krie- 
ge, der mit seinen Zerstorungen den Beweis dafur antritt, dafi 
die soziale Wirklichkeit nicht reif war, die Technik sich zum 
Organ zu machen, dafi die Technik nicht stark genug war, die 
gesellschaftlichen Elementarkrafte zu bewaltigen. Ohne im min- 
desten der Bedeutung der wirtschaftlichen Kriegsursachen zu 
nahe zu treten, darf man behaupten: der imperialistische Krieg 
ist gerade in seinem Hartesten, seinem Verhangnisvollsten mit- 
bestimmt durch die.klafTende Diskrepanz zwisdien den riesen- 
haften Mitteln der Technik auf der einen, ihrer winzigen mora- 
lischen Erhellung auf der anderen Seite. In der Tat, ihrer wirt- 
schaftlichen Natur nach kann die biirgerliche Gesellschaft nicht 
anders, als alles Technische so sehr wie moglich vom sogenann- 
ten Geistigen abdichten, nicht anders, als den technischen Ge- 
danken vom Mitbestimmungsrecht an der sozialen Ordnung so 
entschieden wie moglich ausschliefien. Jeder kommende Krieg ist 
zugleich ein Sklavenaufstand der Technik. Dafi aus diesen und 
verwandten Befunden alle den Krieg betrefTenden Fragen ihre 
heutige Pragung erhalten, dafi sie Fragen des imperialistischen 
Krieges sind, meint man den Verfassern der vorliegenden Schrift 
urn so weniger ins Gedachtnis rufen zu miissen, als sie Soldaten 
des Weltkriegs gewesen sind und," was immer man ihnen audi 
sonst mag bestreiten miissen, unstreitig von der Erfahrung des 

1 Krieg und Krieger. Hrsg. von Ernst Jiinger. Berlin: Junker und Dunnhaupt Verlag 
1930. 204 S. 



Theorien des deutschen Faschismus 239 

Weltkriegs ausgehen. Man erstaunt also sehr, schon auf der 
ersten Seite die Behauptung zu finden, dafi es »eine nebensach- 
liche Roile spielt, in welchem Jahrhundert, fur welche Ideen 
und mit welchen Waffen gefochten wird«. Und das Erstaun- 
lichste, dafi Ernst Junger mit dieser Behauptung sich einen 
Grundsatz des Pazifismus zu eigen macht, unter alien den 
anfechtbarsten und den abstraktesten. Allerdings nicht sowohl 
doktrinare Schablone, als ein eingewurzelter und, an alien Mafi- 
staben mannlichen Denkens gemessen, redit eigentlich laster- 
hafter Mystizismus, steht bei ihm und seinen Freunden dahinter. 
Aber sein Mystizismus des Krieges und das klischierte Friedens- 
ideal des Pazifismus, sie haben einander nichts vorzuwerfen. 
Vielmehr hat fur den Augenblick selbst der schwindsiichtigste 
Pazifismus vor seinem epileptisch schaumenden Bruder eins 
voraus, namlich gewisse Anhaltspunkte am Wirklichen, nicht 
zuletzt einige Begriff e vom nachsten Krieg. 
Gern und mit Nachdruck sprechen die Verfasser vom »ersten 
Weltkrieg«. Wie wenig es aber ihrer Erfahrung gelungen ist, 
seiner Realitaten sich zu bemachtigen, von denen sie mit den be- 
fremdlichsten Steigerungen als von dem »Welthaft-Wirklichen« 
zu reden pflegen, beweist die Stumpfheit, mit der sie den Begriff 
kommender Kriege fixieren, ohne Vorstellungen mit ihm zu ver- 
binden. Beinahe konnten diese Wegbereiter der Wehrmacht 
eineh auf den Gedanken bringen, die Uniform sei ihnen ein 
hochstes, mit alien Fibern ihres Herzens ersehntes Ziel, gegen 
welches die Umstande, unter denen sie spater zur Geltung 
kommt, sehr zuriicktreten. Verstandlicher wird diese Haltung, 
wenn man sich klar macht, wie sehr die hier vertretene Ideolo- 
gic des Krieges, gemessen am Stande der europaischen Riistun- 
gen, jetzt schon veraltet ist. Die Verfasser haben sich an keiner 
Stelle gesagt, dafi die Materialschlacht, in der einige von ihnen 
die hochste Offenbarung des Daseins erblicken, die kiimmer- 
lichen Embleme des Heroismus, die hier und dort den Weltkrieg 
iiberdauerten, aufier Kurs setzt. Der Gaskampf, flir den die 
Mitarbeiter dieses Buches auffallend wenig Interesse haben, 
verspricht dem Zukunftskrieg ein Gesicht zu geben, das die 
soldatischen Kategorien endgiiltig zugunsten der sportlichen 
verabschiedet, den Aktionen alles Militarische nimmt und sie 
samtlich unter das Gesicht des Rekords stellt. Denn seine scharf- 



240 Kritiken und Rezensionen • 1930 

ste strategische Eigenart besteht darin, blofier und radikalster 
Angriffskrieg zu sein. Gegen Gasangriffe aus der Luft gibt es 
bekanntlich keine zulangliche Gegenwehr. Selbst die privaten 
Schutzmafiregeln, die Gasmasken, versagen bei Senfgas und 
Levisit. Ab und zu erfahrt man »Beruhigendes«, wie die Er- 
findung eines empfindlichen Fernhorers, der das Surren der 
Propeller auf grofte Entfernungen hin registriert. Und einige 
Monate spater dann die Erfindung eines lautlosen Flugzeugs. 
Der Gaskrieg wird auf Vernichtungsrekorden beruhen und mit 
einem ins Absurde gesteigerten Hasardieren verbunden sein. Ob 
sein Ausbruch innerhalb der volkerrechtlichen Normen - nach 
vorhergehender Kriegserklarung - erfolgt, ist fraglich; sein 
Ende wird mit dergleichen Schranken nicht mehr zu rechnen 
haben. Mit der Unterscheidung zwischen ziviler und kampf- 
tatiger Bevolkerung, welche der Gaskrieg bekanntlich aufhebt, 
fallt die wichtigste Basis des Volkerrechts. Dafi und wie die 
Desorganisation, die der imperialistische Krieg mit sich fuhrt, 
ihn unabschliefibar zu machen droht, hat schon der letzte 
gezeigt. , 

Es ist mehr als ein Kuriosum, es ist ein Symptom, dafi eine 
Schrift von 1930, die es mit »Krieg und Kriegern« zu tun hat, 
an all dem vorbeigeht. Symptom derselben knabenhaften Ver- 
schwarmtheit, die in einen Kultus, eine Apotheose des Krieges 
mundet, als deren Verkiinder hier vor allem von Schramm und 
Giinther auftreten. Diese neue Kriegstheorie, der ihre Herkunft 
aus der rabiatesten Dekadenz an der Stirne geschrieben stent, ist 
nichts anderes als eine hemmungslose Obertragung der Thesen 
des L'Art pour l'Art auf den Krieg. Wenn aber diese Lehre 
schon auf ihrem ursprunglichen Boden die Neigung hat, im 
Munde mittelmaftiger Adepten ein Gespott zu werden, so sind 
ihre Perspektiven in dieser neuen Phase beschamend. Wer 
mochte sich einen Kampfer der Marneschlacht oder einen von 
denen, die vor Verdun lagen, als Leser von Satzen, wie sie hier 
folgen, vorstellen: »Wir haben den Krieg nach sehr unreinen 
Prinzipien gefiihrt.« »Wirklich gekampft, von Mann zu Mann 
und von Truppe zu Truppe, wurde immer seltener mehr.« 
»Selbstverstandlich haben die Frontoffiziere den Krieg oft recht 
stillos gemacht.« »Denn durch die Einbeziehung der Massen, 
des schlechteren Blutes, der praktischen, biirgerlichen Gesinnung, 



Theorien des deutschen Faschismus 241 

kurz des gemeinen Mannes, vor allem in Offizierskorps und 
Unteroffizierkorps, sind mehr und mehr dieewigaristokratischen 
Elemente des soldatischen Handwerks vernichtet worden.« Fal- 
schere Tone kann man nicht anschlagen, ungeschicktere Gedan- 
ken nicht zu Papier bringen, taktlosere Worte nicht aussprechen. 
Dafi es aber gerade hier den Verfassern so ganzlich miftgliicken 
mufite, darin ist - all ihren Reden vom Ewigen, Urtiimlichen 
zum Trotz - die unvornehme, ganz und gar journalistische 
Hast schuld, mit der sie des Aktuellen sich zu bemachtigen 
suchen, ohne Gewesenes erf afit zu haben. Kultische Elemente 
des Krieges - ja, es hat sie gegeben. Theokratisch verfaftte 
Gemeinschaften kannten sie. Und so hirnverbrannt- es ware, 
diese versunkenen Elemente am Zipfel des Krieges wieder 
heraufziehen zu wollen, so peinlich mag es fiir diese Krieger auf 
der Ideenflucht sein, zu erfahren, wieweit in der von ihnen ver- 
fehlten Richtung ein jiidischer Philosoph, Erich Unger, gegangen 
ist, wieweit die Feststellungen, die bei ihm an Hand konkreter 
Daten aus der judischen Geschichte, gewifi zum Teil mit proble- 
matischem Recht, gemacht sind, die hier beschworenen blutigen 
Schemen in nichts sich verfliichtigen lassen. Aber etwas ins klare 
zu stellen, die Dinge wirklich beim Namen zu nennen, dazu 
reicht es bei den Verfassern nicht aus. Der Krieg »entzieht sich 
jener Okonomie, welche der Verstand ubt; in seiner Vernunft ist 
etwas Unmenschliches, Mafiloses, Gigantisches, etwas, was an 
einen vulkanischen Prozefi, eine elementare Eruption erin- 
nert . . ., eine ungeheure Woge des Lebens, durch eine schmerz- 
haft tiefe, zwingende, einheitliche Kraft gerichtet, gefiihrt auf 
Schlachtfelder, die heute schon mythisch werden, verbrauchi fiir 
Aufgaben, die den Bezirk des gegenwartig Fafilichen wei'thin 
uberschreiten.« So redselig ist ein Freier, der schlecht umarmt. 
In der Tat umarmen sie den Gedanken schlecht. Man mufi ihn 
zu wiederholten Malen ihnen zufiihren und das tun wir hier- 
mit. 

Dies ist er: Der Krieg - der »ewige« Krieg, von dem hier soviel 
gesprochen wird, so gut wie der letzte - sei der hochste Aus- 
druck der deutschen Nation. Dafi sich hinter dem ewigen Kriege 
der Gedanke des kultischen, hinter dem letzten der des techni- 
schen verbirgt, und wie wenig es den Verfassern gelungen ist, 
deren Verhaltnis zueinander ins reine zu bringen, wird deutlich 



242 Kritiken und Rezensionen • 1930 

geworden sein. Aber mit diesem letzten Krieg hat es noch eine 
besondere Bewandtnis. Er ist nicht nur der Krieg der Material- 
schlachten, sondern auch der verlorene. Damit freilich in ganz 
besonderem Sinne der deutsche. Den Krieg aus ihrem Innersten 
heraus gefiihrt zu haben, konnten auch andere Volker von sich 
behaupten. Ihn aus dem Innersten verloren zu haben, nicht. Das 
Besondere an der gegenwartigen letzten Phase jener Ausein- 
andersetzung mit dcm verlorenen Krieg, die Deutschland seit 
19 19 so schwer erschiittert, ist nun, daft gerade sein Verlust flir 
die Deutschheit in Anspruch genommen wird. Die letzte Phase, 
so darf man sagen, weil diese Versuche, den Verlust des Krieges 
zu bewaltigen, eine deutliche Gliederung zeigen. Sie begannen 
mit dem Unternehmen, die Niederlage durch ein hysterisch ins 
Allmenschliche gesteigertes Schuldbekenntnis in einen inneren 
Sieg zu pervertieren. Diese Politik, die dem untergehenden 
Abendlande ihre Manifeste mit auf den Weg gab, war die 
getreue Widerspiegelung der deutschen »Revolution« durch 
die expressionistische Avantgarde. Dann kam der Versuch, den 
verlorenen Krieg zu vergessen. Das Biirgertum legte sich schnau- 
fend aufs andere Ohr, und welches Kissen war da weicher als 
der Roman? Die Schrecken der erlebten Jahre wurden zur 
Daunenfiille, in der jede Schlafmutze ihren Abdruck leicht 
hinterlassen konnte. Was nun das letzte Unternehmen, mit dem 
wir es hier zu tun haben, von den friiheren abhebt, das ist die 
Neigung, den Verlust des Krieges ernster zu nehmen als diesen 
Krieg selbst. - Was heiftt, einen Krieg gewinnen oder verlieren? 
Wie auffallend in beiden Worten der Doppelsinn. Der erste, 
manifeste meint gewift den Ausgang, der zweite aber, der Jen 
eigentumlichen Hohlraum, Resonanzboden in ihnen schafTt, 
meint ihn ganz, spricht aus, wie sein Ausgang fur uns seinen 
Bestand flir uns andert. Er sagt: der Sieger behalt den Krieg, 
dem Geschlagenen kommt er abhanden; er sagt: der Sieger 
schlagt ihn zum Seinigen, macht ihn zu seiner Habe, der Ge- 
schlagene besitzt ihn nicht mehr, muft ohne ihn leben. Und nicht 
nur den Krieg so schlechthin und im allgemeinen, sondern jeden 
geringsten seiner Wechselfalle, jeden subtilsten seiner Schach- 
zu'ge, jede entlegenste seiner Aktionen. Einen Krieg gewinnen 
oder verlieren, das greift, wenn wir der Sprache folgen, so tief 
in das Gefuge unseres Daseins ein, daft wir damit auf Lebenszeit 



Theonen des deutschen Faschismus 243 

an Malen, Bildern, Funden reicher oder armer geworden sind. 
Und da wir einen der grofiten der Weltgeschichte, einen Krieg 
verloren, in dem die ganze stoffiiche und geistige Substanz des 
Volks gebunden war, so mag man ermessen, was dieser Verlust 
bedeutet. 

Gewifi kann man denen um Jiinger nicht vorwerfen, sie hatten 
es nicht ermessen. Wie traten sie aber dem Ungeheuren ent- 
gegen? Sie haben nicht aufgehort, sich zu schlagen. Sie haben 
den Kultus des Kneges noch zelebriert, wo kein wirklicher 
Feind mehr stand. Sie waren den Gelusten des Burgertums, das 
den Untergang des Abendlandes herbeisehnte wie ein Schuler 
an die Stelle einer falsch gerechneten Aufgabe einen Klecks, 
gefugig, Untergang verbreitend, Untergang predigend, wohin 
sie kamen. Das Verlorene auch nur einen Augenblick sich gegen- 
wartig - anstatt verbissen es fest - halten zu wollen, war ihnen 
nicht gegeben. Sie haben immer zuerst und immer am bittersten 
gegen die Besinnung gestanden. Sie haben die grofte Chance des 
Besiegten, die russische, den Kampf in eine andere Sphare zu 
verlegen, versaumt, bis der Augenblick verpafk war und in 
Europa die Volker wieder zu Partnern von Handelsvertragen 
gesunken waren. »Der Krieg wird verwaltet y nicht mehr ge- 
ftihrt«, meldet beschwerdefiihrend einer der Verfasser. Das sollte 
durch den deutschen Nachkrieg korrigiert werden. Dieser Nach- 
krieg war im gleichen Mafie Protest gegen den ihm vorange- 
gangenen wie gegen das Zivil, dessen Siegel man auf jenem 
erblickte. Vor allem sollte das verhafke rationale Element dem 
Kriege genommen werden. Und gewifi, diese Mannschaft badete 
in den Dampfen, die dem Rachen des Fenriswolfes entstiegen. 
Aber sie konnten den Vergleich mit den Gasen der Gelbkreuz- 
granaten nicht aufnehmen. Vor dem Hintergrund des Kom- 
mifidienstes in Militar-, der ausgepowerten Familien in Miet- 
kasernen bekam dieser urgermanische Schicksalszauber einen 
fauligen Schimmer. Und ohne ihn materialistisch zu analysieren, 
konnte auch damals das unverdorbene Gefiihl eines freien, 
wissenden, wahrhaft dialektischen Geistes, wie jener Florens 
Christian Rang es war, dessen Lebenslauf mehr Deutschheit 
auspragt als ganze Heerhaufen dieser Verzweifelten, sich mit 
bleibenden Satzen ihnen entgegenstellen. »Die Damonie des 
Schicksal-Glaubens, da]8 Menschen-Tugend umsonst ist, - die 



244 Kritiken und Rezensionen • 1930 

finstere Nacht eines Trotzes, der den Sieg der Lichtmachte im 
Gotterweltbrand zerlodert, ... die scheinbare Willens-Herrlich- 
keit dieses Schlachtentod-Glaubens, der das Leben nicht achtend 
hinwirft fiir die Idee, - diese wolkenschwangere Nacht, die uns 
schon Jahrtausende uberlagert und statt Sterne nur Blitze zu 
Wegkiindern gibt, betaubende, verwirrende, nach denen Nacht 
nur um so dunkler uns stickt: diese grauenvolle Weltansicht des 
Welt-Tods statt Welt-Lebens, die sich in der deutschen Idealis- 
mus-Philosophie das Grauen mit dem Gedanken erleichtert, dafi 
hinter den Wolken ja Sternhimmel sei, - diese deutsche Geistes- 
Grundrichtung ist zu tiefst willenlos, meint nicht, was sie sagt, 
ist ein Verkriechen, eine Feigheit, ein Nichtwissenwollen, Nicht- 
leben- aber auch nicht Sterbenwollen . . . Denn das ist die deut- 
sche Halbstellung zum Leben: jawohl: es wegwerfen zu konnen, 
wenn es nichts kostet, in einem Augenblick des Rauschs, die 
Hinterbliebenen versorgt, und dies kurzlebige Opfer mit ewiger 
Gloriole umstrahlt.« Wenn es aber dann im gleichen Zusammen- 
hange heiik: »2weihundert sterbensbereite Offiziere hatten 
geniigt, in Berlin die Revolution niederzuwerfen - entsprechend 
an alien Orten -, aber es fand sich nicht einer. Eigentlich hatten 
ja wohl viele gerne gerettet, aber uneigentlich, das ist wirklich, 
wollte keiner so sehr, daft er den Anfang machte, sich zum Fuh- 
rer aufwarf, oder als einzelner vorging. Lieber liefien sie sich 
auf der Strafie die Achselstucke abreif?en« -, wenn so zu lesen 
steht, wird denen um Jiinger die Sprache vielleicht verwandt 
klingen. Soviel ist sicher, wer das geschrieben hat, der kennt aus 
eigenster Erfahrung Haltung und Oberlieferung derer, die sich 
hier zusammengefunden haben. Und vielleicht teilte er solange 
ihre Feindschaft gegen den Materialismus, bis sie sich die Sprache 
der Materialschlacht schuf . 

Wenn zu Anfang des Krieges der Idealismus von staats- und 
regierungswegen geliefert wurde, so war die Truppe je langer 
je mehr auf Requisition angewiesen. Immer finsterer, todlicher, 
stahlgrauer wurde ihr Heroismus, immer entlegener und nebel- 
hafter die Sphare, aus denen noch Glorie und Ideal winkten, 
immer starrer die Haltung derer, die sich weniger als Truppen 
des Weltkriegs, denn als Vollstrecker des Nachkriegs fuhlten. 
»Haltung« - in all ihren Reden das dritte Wort. Wer wurde 
leugnen, dafi die soldatische eine ist. Sprache aber ist der Pruf- 



Theorien des deutschen Faschismus 245 

stein fiir eine jede und ganz und gar nicht nur, wie man gern 
annimmt, fiir die des Schreibenden. Bei denen, die sich hier 
verschworen haben, besteht sie die Probe nicht. Mag Jiinger es 
den adligen Dilettanten des siebzehnten Jahrhunderts nach- 
sprechen, die deutsche Sprache sei eine Ursprache - wie das 
gemeint ist, verrat der Zusatz, als solche flofie sie der Zivilisa- 
tion, der Welt der Gesittung, ein unuberwindliches Mifitrauen 
ein. Wie aber kann deren Mifitrauen sich mit dem seiner Lands- 
leute messen, wenn man ihnen den Krieg als einen >machtigen 
Revisor< vorstellt, der der Zeit ihren >Puls fiihlt<, ihnen ver- 
wehrt, einen >gepriiften Schlufi< >auszuraumen<, ihnen zumutet, 
ihren Blick fiir »Ruinen« »hinter dem leuchtenden Firnis« 
zu scharfen. Aber beschamender als solche VerstoEe ist in diesen 
so zyklopisch gemeinten Gedankenbauten eine Glatte der Fu- 
gling, die jeden Leitartikel zieren wiirde, und peinlicher als die 
Glatte der Fiigung ist die Mittelmafiigkeit der Substanz. »Die 
Gefallenen«, erzahlt man uns, »gingen, indem sie fielen, aus 
einer unvollkommenen Wirklichkeit in eine vollkommene Wirk- 
lichkeit, aus dem Deutschland der zeitlichen Erscheinung in das 
ewige Deutschland ein.« Das der zeitlichen Erscheinung ist ja 
notorisch, um das ewige stiinde es aber schlecht, waren wir fiir 
sein Bild auf das Zetfgnis derer, die es so zungenfertig ablegen, 
angewiesen. Wie billig haben sie das >feste Gefiihl der Unsterb- 
lichkeit<, die Gewifiheit, man habe »die Scheufilichkeiten des 
letzten Krieges ins Fiirchterliche gesteigert«, die Symbolik des 
>nach innen siedenden Bluts< erstanden. Sie haben, bestenfalls, 
den Krieg geschlagen, den sie hier feiern. Wir werden aber 
einen nicht gelten lassen, der vom Kriege spricht und nichts kennt 
als Krieg. Wir werden, radikal auf unsere Weise, fragen: Wo 
kommt ihr her? Und was wiEt ihr vom Frieden? Seid ihr in 
einem Kinde, einem Baum, einem Tier je auf den Frieden so 
gestofien wie im Felde auf einen Vorposten? Und, ohne ihre 
Antwort abzuwarten: Nein! Nicht, dafi ihr dann nicht fahig 
wart, den Krieg zu feiern, leidenschaftlicher sogar, als ihr 
tut. Aber ihn zu feiern wie ihr es tut, waret ihr nicht fahig. 
Wie hatte Fortinbras fiir den Krieg gezeugt? Man kann aus 
Shakespeares Technik darauf schlieften. Wie er dieLiebeRomeos 
zu Julien dadurch im Feuerglanze ihrer Leidenschaft enthiillt, 
dafi er den Romeo von vornherein verliebt, verliebt in Rosa- 



246 Kritiken und Rezensionen • 1930 

linde, darstellt, so hatte Fortinbras mit einem Lob des Friedens, 
einem so betorend, sdimelzend siifkn eingesetzt, daft dann, 
wenn er am Ende seine Stimme fur den Krieg erhebt, sich jeder 
schaudernd eingestehen miifke: Was sind das fur gewaltige, 
namenlose Krafte, die diesen von dem Gliick des Friedens ganz 
Erfiillten mit Leib und Seele sich dem Kriege angeloben las- 
sen? - Hier nichts davon. Freibeuter von Fach haben das Wort. 
Ihr Horizont 1st flammend, aber sehr eng. 

Was sehen sie in seinen Flammen? Sie sehen - hier konnen wir 
uns F. G. Jiinger anvertrauen - eine Wandlung. »Es gehen 
Linien seelischer Entscheidung quer durch den Krieg; der Wand- 
lung des Kampfes entspricht die Wandlung der Kampfenden. 
Sie wird sichtbar, wenn man die geschwungenen, schwerelosen, 
begeisterten Gesichter der Soldaten des August 19 14 mit den 
todlich ermatteten, hageren, unerbittlich gespannten Gesichtern 
der Materialschlachtkampfer des Jahres 191 8 vergleicht. Hinter 
dem Bogen dieses Kampfes, der, steiler und steiler gespannt, 
endlich zerspringt, erscheint unvergefilich ihr Gesicht, geformt 
und bewegt von einer gewaltigen, geistigen Erschiitterung, Sta- 
tion urn Station eines Leidensweges, Schlacht um Schlacht, deren 
jede das hieroglyphische Zeichen einer angestrengt fortarbeiten- 
den Vernichtungsarbeit ist. Hier erscheint jener soldatische 
Typus, den die hart, niichtern, blutig und pausenlos abrollenden 
Materialschlachten durchbildeten. Ihn kennzeichnet die nervige 
Harte des geborenen Kampfers, ihn der Ausdruck der einsame- 
ren Verantwortung, der seelischen Verlassenheit. In diesem 
Ringen, das in einer immer tieferen Schicht sich fortsetzte, be- 
wahrte sich sein Rang. Der Weg, den er ging, war schmal und 
gefahrlich, aber es war ein Weg, der in die Zukunft fiihrt.« Wo 
immer man in diesen Blattern auf genaue Formulierungen, echte 
Akzente, stichhaltige Begriindungen stofk, ist es die Wirklich- 
keit, die hier getroffen, die von Ernst Jiinger als total mobil- 
gemachte angesprochen, von Ernst von Salomon als die Land- 
schaft der Front gefa£t ist. Ein liberaler Publizist, der vor 
kurzem diesem neuen Nationalismus unter dem Stichwort 
»Heroismus aus langer Weile« beizukommen suchte, hat, das 
sieht man hier, etwas zu kurz gegriffen. Jener Soldatentypus ist 
Wirklichkeit, ist ein iiberlebender Zeuge des Weltkriegs und es 
war eigentlich die Landschaft der Front, seine wahre Heimat, 



Theorien des deutschen Faschismus 247 

die im Nachkrieg verteidigt wurde. Diese Landsdiaft zwingt 
zum Verweilen. 

Man soil es mit aller Bitternis aussprechen: Im Angesichte der 
total mobil gemachten Landschaft hat das deutsche Naturgefiihl 
einen ungeahnten Aufschwung genommen. Die Friedensgenien, 
die sie so sinnlich besiedeln, sind evakuiert worden und so weit 
man iiber den Grabenrand blicken konnte, war alles Umliegende 
zum Gelande des deutschen Idealismus selbst geworden, jeder 
Granattrichter ein Problem, jeder Drahtverhau eine Antino- 
mie, jeder Stachel eine Definition, jede Explosion eine Setzung, 
und der Himmel dariiber bei Tag die kosmische Innenseite des 
Stahlhelms, bei Nacht das sittliche Gesetz uber dir. Mit Feuer- 
bandern und Laufgraben hat die Technik die heroischen Ziige im 
Antlkz des deutschen Idealismus nachziehen wollen. Sie hat 
geirrt. Denn was sie fur die heroischen hielt, das waren die 
hippokratischen, die Ziige des Todes. So pragte sie, tief durch- 
drungen von ihrer eigenen Verworfenheit, das apokalyptische 
Antlitz der Natur, brachte sie zum Verstummen und war doch 
die Kraft, die ihr die Sprache hatte geben konnen. Der Krieg in 
der metaphysischen Abstraktion, in der der neue Nationalismus 
sich zu ihm bekennt, ist nichts anderes als der Versuch, das 
Geheimnis einer idealistisch verstandenen Natur in der Technik 
mystisch und unmittelbar zu losen, statt auf dem Umweg iiber 
die Einrichtung menschlicher Dinge es zu nutzen und zu erhel- 
len. »Schicksal« und »Heros« stehen wie Gog und Magog in 
diesen Kopfen, ihre Opfer sind nicht allein Menschen- sondern 
auch Gedankenkinder. Alles Nuchterne, Unbescholtene, Naive, 
was iiber die Verbesserung des Zusammenlebens der Menschen 
erdacht wird, wandert in den abgenutzten Schlund dieser Maul- 
gotzen, die mit dem Riilpsen der 42-cm-Morser darauf er- 
widern. Manchmal kommt die Verspannung des Heroentums 
mit der Materialschlacht die Verfasser ein wenig hart an. Aber 
durchaus nicht alle und nichts ist kompromittierender als die 
weinerlichen Exkurse, mit denen hier die Enttauschung uber die 
»Form des Krieges«, den »sinnlos mechanischen Materialkrieg« 
laut wird, dessen die Edlen »orTenbar miide geworden« waren. 
Wo aber einzelne es versuchen, den Dingen ins Auge zu sehen, 
wird am deutlichsten, wie sehr fur sie der BegrirT des Heroischen 
unter der Hand sich verwandelt hat, wie sehr die Tugenden der 



248 Kritiken und Rezensionen • 1930 

Harte, der Verschlossenheit, der Unerbittlichkeit, die sie feiern, 
in Wahrheit weniger solche des Soldaten als des bewahrten 
Klassenkampfers sind. Was sich hier unter der Maske erst des 
Freiwilligen im Weltkrieg, dann des Soldners im Nachkrieg, 
heranbildete, ist in Wahrheit der zuverlassige faschistische 
Klassenkrieger, und was die Verfasser unter Nation verstehen, 
eine auf diesen Stand gestiitzte Herrscherklasse, die niemanden 
und am wenigsten sich selber Rechenschaft schuldend, auf steiler 
Hohe thronend, die Sphinxziige des Produzenten tragt, der sehr 
bald der einzige Konsument seiner Waren zu sein verspricht. 
Mit diesem Sphinxantlitz steht die Nation der Faschisten als 
neues okonomisches Naturgeheimnis neben dem alten, das in 
ihrer Technik weit entfernt sich zu lichten seine drohendsten 
Ziige herauskehrt. Im Parallelogramm der Krafte, welches beide 
- Natur, Nation - hier bilden, ist die Diagonale der Krieg. 
Es ist verstandlich, dafi fur den besten und durchdachtesten 
unter den Aufsatzen dieses Bandes die Frage der »Bandigung 
des Krieges durch den Staat« entsteht. Denn der Staat spielt in 
dieser mystischen Kriegstheorie von Haus aus nicht die geringste 
Rolle. Man wird die Bandigerrolle keinen Augenblick im pazi- 
fistischen Sinne verstehen. Es wird hier viel mehr vom Staate 
gefordert, den magischen Kraften, die er in Kriegslauften fiir 
sich mobilisieren mufi, bereits in seinem Bau und seiner Haltung 
sich anzupassen und wiirdig zu zeigen. Es werde ihm andernfalls 
nicht gelingen, den Krieg seinen Zwecken tauglich zu machen. 
Das Versagen der Staatsmacht angesichts des Krieges steht fiir 
die, die sich hier zusammengefunden haben, am Anfang ihres 
selbstandigen Denkens. Die Formationen, die bei Kriegsende 
zwitterhaft zwischen ordensartigen Kameradschaften und regu- 
laren Vertretungen der Staatsmacht standen, konsolidierten sich 
baldigst als unabhangige staatslose Landsknechtshaufen, und 
die Finanzkapitane der Inflation, denen der Staat als Garant 
ihres Besitzes fraglich zu werden begann, haben das Angebot 
soldier Haufen, die durch Vermittlung privater Stellen oder der 
Reichswehr jederzeit greifbar wie Reis oder Kohlriiben anrollen 
konnten, zu schatzen gewufit. Noch die vorliegende Schrift 
ahnelt dem ideologisch phrasierten Werbeprospekt eines neuen 
Typus von Soldnern oder besser von Kondottieren. Freimutig 
erklart einer unter ihren Verfassern: »Der tapfere Soldat des 



Theorien des deutschen Faschismus 249 

DreiSigjahrigen Krieges verkaufte sich . . . mit Leib und Leben, 
und das ist immer noch edler, als wenn man nur Gesinnung und 
Talent verkauft.« Wenn er dann freilich fortfahrt, der Lands- 
knecht des deutschen Nachkriegs habe sich nicht verkauft, son- 
dern sich verschenkt, so ist das nach Mafigabe der Bemerkung 
des gleichen Autors iiber den vergleichsweise hohen Sold dieser 
Trupps zu verstehen. Ein Sold, der das Haupt dieser neuen 
Krieger ebenso hart wie die technischen Notwendigkeiten des 
Handwerks pragte: Kriegsingenieure der Herrscherklasse, bil- 
den sie das Pendant der leitenden Angestellten im Cut. Weift 
Gott, dafi ihre Fuhrergeste ernst zu nehmen, ihre Drohung nicht 
lacherlich ist. Im Fuhrer eines einzigen Flugzeugs mit Gasbom- 
ben vereinigen sich alle Machtvollkommenheiten, dem Burger 
Licht und Luft und Leben abzuschneiden, die im Frieden unter 
tausend Burovorsteher verteilt sind. Der schlichte Bombenwer- 
fer, der in der Einsamkeit der Hdhe, allein mit sich und seinem 
Gott, fur seinen schwer erkrankten Seniorchef, den Staat, Pro- 
kura hat, und wo er seine Unterschrift hinsetzt, da wachst kein 
Gras mehr - das ist der »imperiale« Fuhrer, der den Verfassern 
vorschwebt. . 

Nicht ehe Deutschland das medusische Gef iige der Ziige, die ihm 
hier entgegentreten, gesprengt hat, kann es eine Zukunft er- 
hoffen. Gesprengt - besser vielleicht gelockert. Das soil nicht 
heifien, mit giitigem Zuspruch oder mit Liebe, die hier nicht am 
Ort sind; es soil audi nicht der Argumentation, dem iiberre- 
dungsgeilen Debattieren den Weg bereiten. Wohl aber hat man 
alles Licht, das Sprache und Vernunft noch immer geben, auf 
jenes »Urerlebnis« zu richten, aus dessen tauber Finsternis diese 
Mystik des Weltentods mit ihren tausend unansehnlichen Be- 
grifTsfufichen hervorkrabbelt. Der Krieg, der sich in diesem 
Licht enthullt, ist der »ewige«, zu welchem diese neuen Deut- 
schen beten, sowenig wie der »letzte«, von welchem die Pazi- 
fisten schwarmen. Er ist in Wirklichkeit nur dies: Die eine, 
fiirchterliche, letzte Chance, die Unfahigkeit der Volker zu 
korrigieren, ihre Verhaltnisse untereinander demjenigen ent- 
sprechend zu ordnen, das sie durch ihre Technik zur Natur 
besitzen. Miflgluckt die Korrektur, so werden zwar Millionen 
Mensdienkorper von Gas und Eisen zerstuckt und zerfressen 
werden - sie werden es unumganglich - aber selbst die Habi- 



250 Kritiken und Rezensionen * 1930 

tu£s chthonischer Schreckensmachte, die ihren Klages im Tor- 
nister fuhren, werden nicht ein Zehntel von dem erfahren, was 
die Natur ihren weniger neugiengen, niichterneren Kindern 
verspricht, die an der Technik nicht einen Fetisch des Unter- 
gangs, sondern einen Schliissel zum Gliick besitzen. Von dieser 
ihrer Niichternheit werden sie den Beweis im Augenblick geben, 
da sie sich weigern werden, den nachsten Krieg als einen magi- 
schen Einschnitt anzuerkennen, vielmehr in ihm das Bild des 
Alltags entdecken und mit eben dieser Entdeckung seine Ver- 
wandlung in den Btirgerkrieg vollziehen werden in Ausfiihrung 
des marxistischen Tricks, der allein diesem finsteren Runen- 
zauber gewachsen ist. 



ZUR WlEDERKEHR VON HOFMANNSTHALS TODESTAG 1 

Sich nicht nachbilden, nicht ubernehmen zu lassen, gehort, wenn 
nicht zum Wesen des Vornehmen uberhaupt, ganz bestimmt und 
im hochsten Grade zu dem, welches Hofmannsthal in so vielen 
Modulationen seines Wesens und seiner Geschopfe von der 
friihen bis zur reifen Zeit auspragte. Es ist nun ein Jahr her, 
dafi die Einsicht in dieses Unnachahmliche qualend, wohl nicht 
allein seinen Freunden, sich aufdrangte, als der Tod dieses 
Mannes mit einem Schlage tat, was der Lebende gewifi stets 
vermieden hatte, namlich die Unbeholfenheit der Schreibenden 
bloflstellte, die nun, da sie Hofmannsthal wollten »Gerechtig- 
keit widerfahren lassen«, glaubten, auf keine andere Weise das 
tun zu konnen, als indem sie seine Haltung und seine Sprache 
zu imitieren versuchten: und dabei traten sie beiden zu nahe. 
Aber ist es nun uberhaupt moglich, das, was Hofmannsthal 
gab, in einer anderen Sprache anzudeuten, als in der er sprach? 
Anzudeuten, gewifi nicht; auszudeuten, bestimmt. Doch um es 
auszudeuten, hatte man daran glauben mussen. Und gerade da 
fehlte es. Man war unglaubig, hatte es hier und da vielleicht 
audi aus triftigen Griinden sein konnen, war es aber zumeist 
aus den billigsten: man verstand nicht. Es versagte aber nicht 

1 Loris. Die Prosa des jungen Hofmannsthal. Mit einem Nachwort von Max Mell. 
Berlin: S. Fisdier Verlag 1930. 284 S. 



Zur Wiederkehr von Hof mannsthals Todestag 251 

nur das Publikum, das in Hofmannsthals SchafFen eigen- 
sinnig sich an das Weltlaufige, Amiisante hielt und abriickte, 
als die grofien Arbeiten anthologischer, reprasentativer Art 
kamen, die seinem Programm der »Sch6pferischen Restaura- 
tion« dienten; es verleugnete ihn genau so sein friihester Ge- 
fahrtenkreis, und wie hart und blind man unter Stefan Ge- 
orges Freunden und Schiilern gegen den »Abtrunnigen« sein 
konnte, hat noch zuletzt Wolters in seinem Buch » Stefan George 
und die Blatter fur die Kunst« in einem sehr viel fragwiirdi- 
geren Sinne offentlich gemacht, als jemals Hofmannsthal seine 
esoterischsten Schopfungen. Der grenzenlosen Entfremdung, die 
um sein Grab war, scheint nun in dieser Sammlung »Loris, die 
Prosa des jungen Hofmannsthal« der Genius des Toten weniger 
entgegenzutreten, als leidend sich zu entriicken. Nirgends ist er 
verletzbarer, nirgends aber auch unverwundbarer an den Tag 
getreten, und indem er sich wehrlos dem Obelwollen seiner 
Zeitgenossen ergibt, trifft ihn nicht ein einziges ihrer Geschosse. 
Das ist Loris, weniger aus dem Gesichtspunkt seines ersten Er- 
scheinens, als seiner heutigen Wiederkunft angesehen. Wenn 
eine Gestalt durch erlittenes Unrecht schon werden kann, dann 
ist es die Hofmannsthals, und gerade dieser Schonheit Ziige 
begegnen, dem kommenden Schicksale vorgeformt, schon in dem 
Stuck, das man diesem Bande mit Recht voranstellte - den vor- 
her ungedruckten »Stadien«. Sie stammen aus dem Anfang der 
neunziger Jahre; erstaunlich, wie tief hier der Abstand vom Er- 
lebten in das Erleben selber eingebettet ist. Ahnlich in fast alien 
wichtigen Essays dieser selbstbeschauenden Reihe, die doch nir- 
gends ins Reflexive und Analytische fallen. So nahe konnen das 
Mesquine und das Vornehme beieinanderliegen: die Nachgiebig- 
keit, das Weniger an Haltung, die Hofmannsthal hier bei Amiel 
so schroff herausstellt, sind bei ihm selber Siegel des Furstlichen. 
Bisweilen haben ihm wohl die Freunde Georges nichts mehr 
verdacht als gerade dies Furstliche, das von ihrer imperatori- 
schen Haltung so auEerst verschieden ist. Einige Stucke iiber Pa- 
ter und die Schwestern Barrison deuten an, daft er in jener 
frlihesten Zeit seine liebsten Bilder in englischem Kostiim bei 
sich empfing. Auch hat er Schoneres, Unverderblicheres nie ge- 
schrieben, als die kleine Studie iiber die Schwestern Barrison, 
»Englischer Stil«. - Wer dieser Loris gewesen ist, wird der Leser 



252 Kritiken und Rezensionen * 1930 

des Budies wohl fiihlen, erfassen wird es der Kritiker aber min- 
der aus der Betrachtung dieses Bandes, denn aus dem ganzen 
Werk selbst. Darum ist Max Mell so ganz auf dem richtigen 
Wege, wenn er in seinem Nachwort, um das Bild des Loris zu 
fassen, eine der dunkelsten Stellen im spaten Werk Hofmanns- 
thals anzieht und an die kiinftigen Kinder erinnert, denen der 
Kaiser der »Frau ohne Schatten« in der Hohle begegnet. Wenn 
auch dieses Nachwort noch nicht das Letzte iiber Loris sagt, so 
kann ein Vorwort, wie diese wenigen Zeilen es sind, nur eben 
auf seinen Schatten weisen, der keinen Platz braucht, um seines 
Weges zu Ziehen. 



Wider ein Meisterwerk 

Zu Max Kommerell, »Der Dichter als Fiihrer in der deutsdien 

KlassiW 

Gabe es einen deutschen Konservativismus, der auf sich halt, in 
diesem Buche miiflte er seine magna charta erblicken. Seit achtzig 
Jahren gibt es keinen mehr. Und so sind wir vermutlich der 
Wahrheit nicht fern mit der Annahme, dafi Kommerell kaum 
eine eingehendere Kritik gefunden hat als die folgende, die ihm 
von einer anderen Seite begegnet. Dies Buch bringt einen jener 
seltenen, dem Kritiker denkwiirdigen Momente, da keiner ihm 
die Qualitat des Werks, die Stilform, die Befugnis des Verfassers 
abfragt. Sie alle sind gar nicht anzuzweifeln. Selten ist so Ge- 
schichte der Dichtung geschrieben worden: ihre vielseitigen Dar- 
legungen, die scharf gekantete, undurchdringliche Oberflache 
jener symmetrischen, diamantenen Gewifiheit, die wir seit lan- 
gem als den schwarzen Stein in der Kaaba der Georgischen 
Schule kennen. Vom Preis des Blutes, der Verachtung der Musik, 
dem Haft der Menge bis zur Knabenliebe nicht ein Motiv, das 
nicht auf lauten oder fliisternden Appell zur Stelle, und nicht 
gewachsen ware, seit wir ihm zuletzt begegneten. Die kritischen 
Maximen, die Wertmafistabe, die noch in Gundolfs Schriften so 
meistersingerlich klappernd gehandhabt wurden, sind hier zum 

1 Max Kommerell, Der Dichter als Fuhrer in der deutschen Klassik. Klopstock, 
Herder, Goethe, Schiller, Jean Paul, Hblderlin. Berlin: Georg Bond! 1928. 486 S. 



Wider ein Meisterwerk 253 

alten Eisen geworfen, vielmehr in der Glut einer Erfahrung da- 
hingeschmolzen, die auf die hieratische Trennung von Werk und 
Leben verzichten konnte, weil sie an beiden die physiognomi- 
sche, im strengsten Sinne unpsychologische Sehart bewahrt. 
Darum ist fast alles, was sich iiber die einzelnen, und weniger 
noch iiber ihre Person als iiber ihre Freundschaften, Fehden, 
Begegnungen, Trennungen findet, von einziger Genauigkeit und 
Kuhnheit des Blicks. Der Reichtum edit anthropologischer Ein- 
sichten ist hier - wie in den Horoskopen, den chiromantischen, 
iiberhaupt esoterischen Schriften so oft - zum Erstaunen. Diesen 
okkulten Disziplinen ist ja die Georgische Lehre vom Heros 
hinzuzurechnen. Hier hebt sie in den Gestalten des weimarschen 
Musenhofs bald eine mantische, bald eine panische, bald eine 
satyrhafte, ja kentaurische Seite ans Licht. Man fiihlt, wieviel die 
Klassiker zu Pferde gesessen haben. 

Wie diese Bewegtheit iiber Gestalten kam, die so bereit sind, in 
den Posen ihrer Denkmaler zu erstarren? Der Verfasser hielt 
sich nidit an das Gewesene allein: audi was sich nicht ereignet 
hat, entdeckt er. Wohlverstanden, er erfindet es nicht - etwa als 
Phantasiebild - sondern schlicht und deutlich entdeckt er's, nam- 
lich der Wahrheit nach als ein Nichtgeschehenes. Sein Ge- 
schichtsbild taucht aus dem Hintergrunde des Moglichen auf, 
gegen den das Relief des Wirklichen seine Schatten wirft. Dazu 
stimmt, dafi nichts auf EfFekte und Glanzlichter komponiert und 
das Abgelegene und Dunkle am durchformtesten scheint. Zum 
ersten Male sind in diesem Werk die grofien Gegnerschaften - 
Jacobis wider den jungen, Herders wider den Weimarer Goethe, 
Schillers wider die Schlegel, Klopstocks wider den Konig - ge- 
staltet und erst im Wechselspiel mit ihnen haben die Freund- 
schaften der klassischen Zeit ihr festes Gefiige bekommen. Dafi 
die Darstellung dieser Gegnerschaften parteilos sei, wird man 
weder erwarten noch wiinschen. Wie aber die Akzente fallen, ist 
fur das Werk und seine geheime Absicht bezeichnend. Nichts ist 
hier Zufall, aber weniges aufschlufireicher als die Vernichtung 
der beiden Schlegel in einer Konfrontation mit Schiller. Absurd, 
darin »historische Gerechtigkeit« zu suchen. Es geht um anderes. 
Die Romantik steht im Ursprung der Erneuerung deutscher Ly- 
rik, die George vollzog. Sie steht audi im Ursprung der philo- 
sophischen und kritischen Entwicklung, die sich heute gegen dies 



254 Kritiken und Rezensionen '1930 

Werk erhebt. Sie in den Hintergrund zu riicken, ist, strategist 
gesehen, kein mufiiges, noch weniger aber ein unverdachtiges 
Unternehmen. Es verleugnet mit den Urspriingen der eigenen 
Haltung die Krafte, die aus ihrer Mitte sie uberwachsen. Jene 
Klassik, von der wir hier horen, ist eine spate und sehr staats- 
mannische Entdeckung des Kreises. Nicht umsonst unternimmt 
sie ein Schiiler von Wolters. Jede dialektische Betrachtung der 
Georgeschen Dichtung wird die Romantik ins Zentrum stellen, 
jede heroisierende, orthodoxe kann nichts Klugeres tun, als sie 
so nichtig wie moglich zeigen. 

In der Tat: das Buch begriindet mit einem Radikalismus, den 
keiner seiner Vorganger im Kreise erreichte, eine esoterische 
Geschichte der deutschen Dichtung. Dies ist Literaturgeschichte 
nur fur den profanum vulgus; in Wahrheit eine Heilsgeschichte 
der Deutschen. Eine Geschichte, die in Begegnungen, Biindnis- 
sen, Testamenten und Weisungen ablaufend, jeden Augenblick 
droht, ins Apokryphe, Unsagliche und Verdachtige umzusprin- 
gen. Eine Lehre vom wahren Deutschtum und den unerforsch- 
lichen Bahnen des deutschen Aufstiegs kreist zukunftsschwanger 
um die Verwandtschaft des deutschen und des griechischen In- 
geniums. Der Deutsche ist der Erbe der griechischen Sendung; 
die Sendung Griechenlands die Geburt des Heros. Es versteht 
sich, daft diese Griechheit aus alien Zusammenhangen gelost 
als mythologisches Kraftfeld erscheint. Auch klingt es wohl nicht 
zufallig, ob auch leise, an eine beriihmte Briefstelle Holderlins 
iiber griechisdien Geist und den deutschen an, wenn von der 
vaterlandischen Dichtung gefordert wird das innigste Durch- 
drungensein von der Art des Stammes, zugleich jedoch der 
hochste innere Abstand von ihm, und wenn ihre untriiglichste 
Beglaubigung die Scham genannt wird. Worte die ahnen lassen, 
welch bedeutende Bildung die Krafte ins Spiel setzt, die hier an 
einer germanischen Gotterdammerung dichten. Denn Rune, 
Deute, Ewe, Blut, Geschick, sie stehen nun, nachdem die Lechter- 
Sonne, die sie einst in ihre Glut getaucht hat, zur Riiste ging, als 
eben so viele Gewitterwolken am Himmel. Sie sind es, die jene 
Blitze uns zu Wegkiindern geben, nach denen, wie es Florens 
Christian Rang, der tiefste Kritiker des Deutschtums seit Nietz- 
sche, sagt, »Nacht nur um so dunkler uns stickt: diese grauen- 
volle Weltansicht des Welt-Tods statt Welt-Lebens«. Wie kraft- . 



Wider ein Meisterwerk 255 

los aber und wie weitschweifig der phraseologische Donner, der 
ihnen folgt. Er drohnt ja in alien Buchern des Kreises. Es nimmt 
nicht unbedingt fiir das, was sie lehren, ein, es iiberzeugt nicht, 
fiihlt man, wie da den Sprechenden nirgends der Atem ausgeht. 
»Dafi man bei alien Predigern und Werbern - und wiirben sie 
fiir die reinste Sache und predigten sie von nichts als Liebe - 
schlieElich leer ausgeht, weil sie audi den reichsten Menschen 
nur als Stoff fiir ihre Absicht nehmen« - diese so meisterhaft 
vonKommerellformulierteErfahrung, die Goethe anLavater zu 
machen bestimmt war, etwas von ihr vermittelt audi sein Buch 
dem Leser. Je langer, je mehr zergeht audi das Bild von Hellas 
im Blendlicht eines Morgen, »wo die Jugend die Geburt des 
neuen Vaterlandes fiihlt in gliihender Einung und im KHrren der 
vordem allzu tief vergrabenen Waffen«. »Durch diese Wirklich- 
keit«, heiftt es an anderer Stelle, »ist unser Wort >Held< noch 
nicht gegangen . . . Aber ein noch nicht Wirkliches umwittert 
dies Wort: wenn die Nachbarvolker ihre Benamung des Helden 
von den Griechen entlehnen, besitzen wir den selbwiichsigen 
Wortstamm und damit die Anwartschaft auf das Ding das er 
nennt. Wird aber unter ihm und in ihr Held zu Halbgott: wer 
scheute dann noch den hartesten Hammer und die heiEeste Esse 
unsres kiinftigen Schicksals?« 

Blumige Bildersprache? Ach nein; das ist das Scheppern stahler- 
ner Runen, der gefahrliche Anachronismus der Sektensprache. 
Ganz kann man dieses Buch nur verstehen aus einer grundsatz- 
lichen Betrachtung des Verhaltnisses, welches die Sekten zur 
Geschichte haben. Nie ist sie ihnen Gegenstand des Studiums, 
stets Objekt ihrer Anspruche. Als Ursprungstitel oder Para- 
digma suchen sie das Gewesene sich zuzuschlagen. So wird hier 
die Klassik zum Vorbild. Es ist das grofie Anliegen des Ver- 
fassers, an der Klassik den ersten kanonischen Fall eines deut- 
schen Aufstands wider die Zeit, eines heiligen Kriegs der Deut- 
schen gegen's Jahrhundert, wie ihn George spater ausrief, zu 
konstruieren. Es ware Eines, diese These zu begriinden, ein 
Zweites, nachzuforschen, ob dieser Kampf siegreich ausging, ein 
Drittes, zu priifen, ob er wahrhaft ein vorbildlicher gewesen ist. 
Fiir den Verfasser steht eins im andern, aber das dritte an erster 
Stelle. So zwar, daft er den Kampf alsParadigma ansieht, darum 
ihn fiir siegreich erklart und endlich iiber seinen Gegenstand, die 



z 56 Kritiken und Rezensionen -1930 

Stellung der Parteien, sich die Haare nicht grau werden lafit. Ja, 
wie standen die Parteien? 1st es angangig, diesen komplexen 
und gerade in seiner Komplexion - Goethe zeigt es - so be- 
driickenden Vorgang auf das Spiel und das Widerspiel des He- 
roischen und des Platten zu reduzieren? Es gibt Heroisches 
genug in den Mannern der Klassik: sie selbst war alles andere 
als eine heroische, sie war eine resignierende Geisteshaltung. 
Und keiner als der einzige Goethe hat sie bis ans Ende, ohne zu 
zerbrechen, behaupten konnen. Schiller und Herder sind an ihr 
zugrunde gegangen. Und was aufierhalb Weimars blieb, nicht 
zuletzt Holderlin, verbarg vor dieser »Bewegung« sein Haupt. 
Goethe aber - sein Gegensatz gegen das Zeitalter war der einer 
restaurativen Herrschernatur. Deren Quellen flossen nicht aus 
irgendeiner antiken Vergangenheit, sondern aus dem Urgestein 
altester Macht - ja altester Naturverhaltnisse selber. Schiller 
dagegen konstruierte historisch den Gegensatz. Seine restaura- 
tive Haltung war Gesinnung und von Urspriinglichkeit weit ent- 
fernt. Kommerell weifi das alles so gut wie ein anderer. Aber es 
gilt ihm nichts. Es ist, als ginge ihm die Antike und damit die 
Geschichte uberhaupt mit Napoleon, mit dem letzten Heros, zu 
Ende. 

Die Grofie dieses Werks ist freilich ganzlich an solche Anachro- 
nismen gebunden. Denn es nimmt die grofte Plutarchische Linie 
der Biographik von neuem auf. Damit 1st weiter noch als sein 
Abstand von der Gundolfschen Dichtergeschichte der von der 
neueren Modebiographik eines Ludwig. Plutarch stellt seinen 
Helden bildlich, oft vorbildlich, immer aber dem Leser durch und 
durch aufierlich hin. Ludwig sucht ihn dem Leser, vor allem aber 
sich, dem Autor, innerlich zu machen. Er verleibt ihn sich ein, er 
saugt ihn auf, es bleibt nichts. Der Erfolg soldier Werke liegt 
darin: sie verhelfen einem jeden zu einem kleinen »Inneren 
Napoleon«, einem »Inneren Goethe«. Wie man geistvoll aber 
richtig bemerkt hat, daft es wenige Leute gibt, die nicht einmal 
im Leben aufs Haar Millionare geworden waren, so kann man 
von den meisten sagen, dafi ihnen die Gelegenheit, ein grofier 
Mann zu werden, nicht gefehlt hat. Ludwigs Geschicklichkeit ist, 
seine Leser auf schliipfrigen Pfaden zu diesen Wendepunkten 
zuruckzufiihren und ihr verwaschenes, abgelebtes Dasein als 
grofien Aufrifi eines Heldenlebens ihnen vorzufiihren. Wenn 



Wider ein Meisterwerk 257 

Kommerell das Bild eines Goethe heraufruft, so teilt es keinen 
Augenblick die Luft, geschweige denn die Stimmung des Lesers. 
So kann es geschehen, dafi in der Entwicklung des Goetheschen 
Jugendlebens - »Der Wanderer und seine Gesellen« - das 
Werk hin und wieder die Dignitat eines Kommentars zu »Dich- 
tung und Wahrheit« hat. Goethes Jugend so unter den Begriff 
der Auseinandersetzung mit den Formen des zeitgenossischen 
Fiihrertums zu stellen ist mehr als aufschlufireich. Hier liegt der 
Grund zu seiner Darstellung von des Dichters Verhaltnis zu 
Carl August, das er als den exemplarischen Fall der Menschen- 
bildung und Erziehung in Goethes Leben erkennt und noch in 
den Beziehungen zu Napoleon und Byron beziehungsvoll wider- 
gespiegelt findet, einem Abschnitt, der zu dem wenigen Erleuch- 
teten gehort, das iiber Goethes Leben geschrieben ist. Dafi das 
Verhaltnis »Fiirst und Dichter« hier historisch und nicht nur 
zeitlos-mythologisch ergrifTen wiirde, und dafi zutage trate, was 
denn sein Besonderes im deutschen Staat um siebzehnhundert- 
achtzig war, wird man billig hier nicht erwarten. Es bleibt 
genug. Der Ton, in dem Schelling den alten Goethe in seinen 
Briefen anredet, so atemstockend in einer Ehrfurcht, der der Tod 
noch nichts von ihrer Biirde genommen hat. An solchen Stellen 
ist die »Deute« umgeschlagen, und auf der Hohe ihres Wage- 
mutes und Gelingens zum schlichten, objektiven, untruglichen 
Lesen geworden. Der Verfasser nimmt gelebte Stunden zur 
Hand wie der grofie Sammler Altertumer. Es ist nicht, dafi er 
daruber redet; man sieht sie, weil er sie so wissend, forschend, 
andachtig, geriihrt, abschatzend, fragend in der Hand dreht, sie 
von alien Seiten anblickt und ihnen nicht das falsche Leben der 
Einfuhlung, sondern das wahre der Oberlieferung gibt. Aufs 
engste dem verwandt ist des Verfassers Eigensinn; ein samm- 
lerischer. Denn wenn beim Systematiker das Positive und das 
Negative immer grundlich und weltfern auseinanderliegen, sto- 
fien beide - Vorliebe und Verwerfung - hier eng aneinander. 
Ein einziges Gedicht aus einer Liederreihe, ein einziger Augen- 
blick aus einem Dasein, wird herausgehoben, und der Verfasser 
scheidet scharf Personen und Gedanken, die gesinnungsmafiig 
sehr nahe verwandt scheinen. 

Wie wenig er im Grunde es wagen kann, eine »Rettung« der 
Klassik zu unternehmen, beweist am besten das Kapitel »Die 



258 Kritiken und Rezensionen • 1930 

Gesetzgebung«. Nicht umsonst zeigt es, wie ganzlich wir dem 
entfremdet sind, was Goethe auf seiner Italienreise die Offen- 
barung der antiken Kunst brachte; wieviel Rokoko selbst in 
seinem Werke verborgen ist, und wie unannehmbar wenn nicht 
die Maximen, so die Musterbilder seiner Kunstkritik sind. 
Kommerells Bild der Klassik, sofern es bleibend ist, lebt aus dem 
Herrschaftsanspruch, den er in ihr erkennt. Die Ohnmacht dieses 
Anspruchs aber gehort so gut zu ihrem Bilde wie seine Titel. 
»Bis heute«, sagt der Verfasser, »hat der durchschnittlich Ge- 
bildete das A und O der Weimarer Bildung nicht voll begriffen 
und bedeckt eine schimpfliche Blofie mit den theologischen philo- 
sophischen musikalischen Abzeichen des Bettlerstolzes: jenseits 
vom Scheine zu stehen.« Wenn das wahr ist - und es ist wahr - 
so mufi wohl eine gewaltige Mifiverstandlichkeit, ja Zweideutig- 
keit in ihr selber gelegen haben. Mifiverstandiich - sie war es in 
so schrecklichem Mafi, dafi, als um die Jahrhundertmitte das 
Spiefiertum entschlossen dem edelsten Erbe des Volkes den 
Riicken kehrte, es das im Namen seines Schiller tat, und dafi, um 
Zweifel an der Vereinbarkeit des Geistes von Weimar und Se- 
dan zu fassen, es eines Nietzsche bedurft hat. 
Folgerecht, dafi des Verfassers Schlufiwort uber die Klassik 
wiederum Sternen- und Schicksalsweisheit zu bleiben verurteilt 
ist. »So reifte uns ein schwer deutbares Geschick wie keinem 
andern Volke: die Teilung der Herrschaft und ein doppelter 
Augenblick, der offene und der geheime. Holderlins Oberwalti- 
gungen durch den Zeitgeist - obwohl unter dieselbe Jahrziffer 
fallend - gehoren in eine andre Ewe: sein Augenblick ist nicht 
minder wahr, deutet aber auf eine andre Mitte als der Augen- 
blick Goethes, und die Traumgestalten Jean Pauls scheinen nur 
solange blutlos bis ihre irdischen Briider iiber unsern Boden 
gehen. All dies regte sich in ratselhafter Flille im deutschen 
Umkreis zweier Jahrzehnte und an unsrem Geisterhimmel stand 
zugleich eine Tagessonne em Morgenrot und die ewigen Sterne.« 
Das ist wahr, schon und bedeutend. Wir aber mussen gerade im 
Angesicht solch blumenhaft offenen, blumenhaft flammenden 
Blicks zu der unansehnlichen Wahrheit, zum Lakonismus des 
Samens, der Fruchtbarkeit uns bekennen, damit aber zur Theo- 
rie, die den Bannkreis der Schau verlafit. Gibt es zeitlose Bilder, 
so gibt es zeitlose Theorien gewifi nicht. Nicht Oberlieferung 



Wider ein Meisterwerk 259 

kann iiber sie entscheiden, nur die Urspriinglichkeit. Das eclite 
Bild mag alt sein, aber der echte Gedanke ist neu. Er ist von 
heute. Dies Heute mag durftig sein, zugegeben. Aber es mag 
sein wie es will, man muf! es fest bei den Hornern haben, urn 
die Vergangenheit befragen zu konnen. Es ist der Stier, dessen 
Blut die Grube erfiillen mufi, wenn an ihrem Rande die Geister 
der Abgeschiedenen erscheinen sollen. Diese todliche Stofikraft 
des Gedankens ist es, welche den Werken des Kreises fehlt. 
Statt es zu opfern, meiden sie das Heute. In jeder Kritik mufi 
ein Martialisches wohnen, auch sie kennt den Damon. Eine, die 
nichts als Schau ist, verliert sich, bringt die Dichtung um die 
Deutung, die sie ihr schuldet, und um ihr Wachstum. Nicht zu 
vergessen, dafi die Kritik, um etwas zu leisten, sich selber unbe- 
dingt bejahen mufi. Ja, vielleicht mufi sie - man denke an die 
Theorien der Brlider Schlegel - sich selber den hochsten Rang 
geben. Davon ist der Verfasser sehr weit entfernt. Der Denker 
nach seinem Bilde ist »fur immer aus der schopferischen Un- 
schuld des Kunstlers verwiesen«. Dafi niemals Unschuld Schop- 
fertum bewahrt, wohl aber Schopfertum die Unschuld immer- 
fort erschafTt, auf diese unbekiimmerte Wahrheit kann sich der 
Schiiler Stefan Georges nicht einlassen. 

Ein Holderlin-Kapitel beschliefit diese Heilsgeschichte des Deut- 
schen. Das Bild des Mannes, das darin entrollt wird, ist Bruch- 
stiick einer neuen vita sanctorum und von keiner Geschichte 
mehr assimilierbar. Seinem ohnehin fast unertraglich blenden- 
den Umrifi fehlt die Beschattung, die gerade hier die Theorie 
gewahrt hatte. Darauf aber ist es nicht abgesehen. Ein Mahnmal 
deutscher Zukunft sollte aufgerichtet werden. Ober Nacht wer- 
den Geisterhande ein grofies »2u Spat« draufmalen. Holderlin 
war nicht vomSchlage derer, die auferstehen, und das Land, des- 
sen Sehern ihre Visionen iiber Leichen erscheinen, ist nicht das 
seine. Nicht eher als gereinigt kann diese Erde wieder Deutsch- 
land werden und nicht im Namen Deutschlands gereinigt wer- 
den, geschweige denn des geheimen, das von dem offiziellen 
zuletzt nur das Arsenal ist, in welchem die Tarnkappe neben 
dem Stahlhelm hangt. 



i6o Kritiken und Rezensionen • 1930 

Ein Jakobiner von heute 
Zu Werner Hegemanns »Das steinerne Berlin^ 

Seit zwei Jahrhunderten hat Berlin seine ausgedehnte Spezial- 
Iiteratur, in der es, wie die andern groften Stadte auch, seine 
Lokalgeschichte aufzeichnet und seinen OberJieferungen nach- 
geht. Es ist aber ein Schrifttum, das im Bereich der Berolinensien 
bleibt, in dem die Stadt sich mehr zu spiegeln als zu begreifen 
sucht. Selbst die sprichwortliche Kritiklust ihrer Bewohner machte 
vor der Erscheinung der Heimat mit Ruhrung Halt, nahm 
Einzelnes zur Zielscheibe ihrer Satire, bewitzelte die Derikmaler, 
aber behelligte nicht die Mietskasernen. Nun beginnt im Mafie, 
wie die Liebe des Berliners zu seiner Stadt freier wird und ihre 
provinzielle Sentimentalitat verliert, auch die Kritik an ihr zu 
erstarken. Das Schrifttum iiber die Weltstadt will offentlichen, 
ja europaischen Charakter annehmen. Diese Entwicklung in der 
Stille einer langjahrigen redaktionellen Arbeit unermudlich ge- 
fordert zu haben, ist das Verdienst Werner Hegemanns, des 
Herausgebers der Wasmuthschen Monatshefte fur Baukunst und 
Stadtebau. Hegemann, der jetzt mit einer monumentalen Bau- 
geschichte Berlins hervortritt, ist einer der ganz wenigen ent- 
scheidenden Kopfe, die ihr immenses Fachwissen nicht sowohl 
nach aufien in immer umfassenderen Kreisen erweitert als von 
innen durch immer strengere Konzentration gesprengt haben. 
Wie er sich heute darstellt, ist er ein Mann von ausgepragtester 
staatsburgerlicher Bildung, ein Mann, der an jeder Angelegen- 
heit, mit der er befafit ist, die kulturellen und politischen Funk- 
tionen in engster Wechselwirkung erlebt, ein Mann, der an die 
Planung offentlicher Anlagen in amerikanischen Stadten mit der 
gleichen Exaktheit und Phantasie herantrat wie an die histori- 
schen Studien liber die preuftischen Konige. 
Es ist freilich eine seltsame Phantasie, die im Bannkreis eines 
strengen Rationalismus seit jeher seine Arbeiten inspiriert. Sie 
ist namlich eine rebellische. »Phantasie«, sagt Chesterton, »hat 
ihren hochsten Zweck in riickschauender Verwirklichung. Die 
Posaune der Phantasie wie die Posaune der Auferstehung ruft 
die Toten aus ihren Grabern. Phantasie sieht Delphi mit den 

1 Werner Hegemann, Das steinerne Berlin. Geschichte der grofiten Mietskasernenstadt 
der Welt. Berlin: Verlag Gustav Kiepenheuer (1930). 505 S. 



Ein Jakobiner von heute 261 

Augen eines Griechen, Jerusalem mit den Augen eines Kreuz- 
fahrers.« Es ist wunderbar, wie sehr diese interessante, wenn 
audi fragwiirdige Definition auf den Historiker Hegemann zu- 
trifft. Er sieht wirklich die Dinge mit den Augen des jeweiligen 
Zeitgenossen und zwar eines grundsatzlich mifivergniigten. Man 
kann sein Mifivergniigen verstehen. Denn er hat die Quellen so 
unvergleichlich studiert, sein Wissen ist in alien Details so stich- 
fest, daft er bis auf den Grund der tausend Schwachen, der tau- 
send Unzulanglichkeiten der Menschen dringt, die ehemals - 
jemals - an der Spitze standen. Er schreibt die ewig aktuelle 
Geschichte, mit anderen Worten, die Skandal-Geschichte. Nur 
darf er sich's ausbitten, daft dies Wort im vollsten Sinne ver- 
standen werde: nach dem lateinischen scandalum, als das Arger- 
nis. So begriffen, springt die Rolle dieses Aufklarers urn, be- 
kommt einen Einschlag ins Theologische. Und unwillkurlich sieht 
man sich in den moral plays nach ihm urn, vermifk ihn; da 
scheint noch eine Stelle auf ihn zu warten: die Rolle des Queru- 
lanten beim Weltgericht. 

So verklagt er nun die Stadt Berlin vor dem Weltgericht. Wir, 
die geschundenen Steuerzahler, haben, weifi Gott, das Recht, 
diese Stadt, deren Verwaltung von einer Blamage in die andere 
taumelt, vor alien moglichen Gerichten zu belangen. Wie weit 
wir aber vor dem Weltgericht sie belasten mochten, werden wir, 
trotz allem, noch iiberlegen. »Die grofite Mietskasernenstadt der 
Welt« nennt sie Hegemann. Wer mufi es nicht mit Schrecken 
innewerden, was dieser Name bedeutet? Und wen mufi nicht 
beim Aufmarsch der Entlastungszeugen Zorn und Ekel packen, 
dieses Treitschke, der die unvergeftlichen Worte fur sie gefun- 
den hat: »So elend ist keiner, dafi er im engen Kammerlein die 
Stimme seines Gottes nicht vernehmen konnte«, und dieses 
Hobrecht, der im Jahre 1868 schon die ganze schlummernde 
Courths-Mahler-Poesie aus der Mietskaserne herausholte, wenn 
er schrieb: »In der Mietskaserne gehen die Kinder aus den Kel- 
lerwohnungen in die Freischule iiber denselben Hausflur wie 
diejenigen des Rats oder Kaufmanns auf dem Wege nach dem 
Gymnasium. Schusters Wilhelm aus der Mansarde und die alte 
bettlagerige Frau Schulz im Hinterhause . . . werden in dem 
i.Stockwerk bekanntePersonlichkeiten. Hier ist ein Teller Suppe 
zur Starkung bei Krankheit, da ein Kleidungsstiick, dort die 



z6z Kritiken und Rezensionen • 1930 

wirksame Hilfe zur Erlangung freien Unterrichtes oder derglei- 
chen, und alles das, was sich als das Resultat der gemiitlichen 
Beziehungen zwischen den gleichgearteten und wenn audi noch 
so verschieden situierten Bewohnern herausstellt, eine Hilfe, 
welche ihren veredelnden Einflufi auf den Geber ausubt.« Wer 
mochte nicht atemlos einer Verhandlung folgen, bei der sie alle 
aufmarschieren, von den Hohenzollernkonigen an, die das Ka- 
sernenwesen auf die Zivilbevolkerung ausdehnten und durch 
unsinnig hohe Bauten den Berliner Bodenwucher begriinderen, 
iiber die superklugen Polizeiassessoren, die als erste auf den 
Gedanken gekommen sind, um der Stadt die Enteignungskosten 
fur ihr Strafienland zu sparen, den Eignern fur die ihnen blei- 
benden Terrains die unbeschrankte Ausbeutung durch eine Bau- 
ordnung zu gestatten, derzufolge jeder von den drei Hofen in 
den durchschnittlichen Mietskasernen nur etwas iiber 5 Qua- 
dratmeter zu umfassen brauchte, bis zu jenen »Millionenbau- 
ern«, deren spekulativ verteuerte Terrains die Stadt bis in die 
achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts mit einem Eisengiirtel 
umgaben. Wer konnte sich der aufwuhlenden Gewalt der 
corpora delicti entziehen, die in vollendeter Wiedergabe bei den 
Akten befindlich sind: »der Spittelkolonaden als Rahmen fiir 
Litfafisaulen«, der Nummer 62b der Schonhauser Allee, deren 
stattlich muntere Fassade dem sehenden Auge die stinkende 
Ode der drei Hofe verrat, die sich hinter ihr aneinanderreihen, 
der Gegenliberstellung des Grofien Sterns in der edlen Schin- 
kelschen Planung und der tierischen wilhelminischen Ausfiih- 
rung? Hier, wo der Verfasser von der dialogischen Form seines 
»Fridericus«, seines »Napoleon« und »Christus« abging, ist er 
zur allerhochsten dialogischen, ja forensischen Spannung durch- 
gedrungen. Der Anteil, den diese weit angelegte, aber niemals 
weitschweifige Darstellung dem Leser abgewinnt, ist fiir dessen 
Kultur in ofTentlichen, ja politischen Dingen ein Mafistab. 
Hegemann hat dieses Monumentalwerk dem Andenken an Hugo 
Preufi gewidmet. Nach Wermuths Worten war dieser es, »der 
den Berliner Gedanken zum Aufbau der neuen Groftstadt die 
Form gab«. Dasselbe gilt bekanntlich von den Gedanken zum 
Aufbau des neuen Reiches: Preufi ist einer der Urheber der 
Weimarer Verfassung. Der Schlufi ist nicht zu kiihn, dafi auch 
Hegemann ein demokratischer Kopf ist. Wer hinter seinem 



Ein Jakobiner von heute 263 

fanatischen Negativismus linksradikale Tendenzen im heutigen 
Sinne vermuten wiirde, ginge sehr fehl. Dieses Faktum - man 
mag zu ihm stehen, wie man wolle - ist unbestreitbar. Und es 
ist im Grunde der Schliissel zu der hochst fesselnden, ja inkom- 
mensurablen Erscheinung des Mannes. Gewifi hat es einen 
demokratischen Fanatismus gegeben - das Jakobinertum von 
1792. Heute aber gilt nicht umsonst das demokratische Credo als 
das des in jedem Sinne Gesetzten, Gemafiigten. Der demokra- 
tische Geist ist der unserer herrschenden Ordnung. Harte und 
Grausamkeit konnen einer herrschenden Sache dienen, Fanatis- 
mus niemals. Hegemann stellt diesen Anachronismus: den fana- 
tischen Demokraten, den Jakobiner von heute, dar. Das ewig 
wache Mifitrauen Robespierres, seine unbestechliche Witterung 
fiir Korruption, seine weltfremde Lauterkeit — all* das ist in 
Hegemann auferstanden. Dem entspricht der methodische Ort 
seines Werkes. Es ist ein politisches im Sinne der Aufklarung, 
will sagen ein kritisches durch und durch. Aber in keinem Sinn 
ein entlarvendes. Was immer Hegemann entdeckt, - und sein 
Werk ist voller Entdeckungen - es sind Zufalligkeiten. Arger- 
liche, anstofiige, emporende Abweichungen von der Norm des 
Graden, Verniinftigen, niemals jedoch Auswirkungen der beson- 
deren, konkreten, verborgenen Konstellationen des geschicht- 
lichen Augenblicks. Seine Darstellung ist eine einzige imposante, 
in ihren Grundziigen gewifi unwiderlegliche Korrektur an der 
pragmatischen Geschichtsschreibung, niemals aber deren Um- 
walzung wie der historische Materialismus sie erstrebt, wenn er 
in den Produktionsverhaltnissen der Epoche die konkreten, 
wechselnden Krafte aufspiirt, die das Verhalten der Machthaber 
so gut wie der Massen ohne deren Wissen bestimmen. Lassigkeit 
und Korruption der Herrschenden, wo immer der Verfasser 
ihnen begegnet, stellt er fest. Aber noch der unbestechlichste 
kritische Geist bleibt im Pragmatischen. Das Innere der Ge- 
schichte ist dem dialektischen Blick vorbehalten. Daher das 
Problematische, ja hin und wieder Querkopfige des Werkes. 
Oder sollte der vollkommene Demokrat unserer Tage ein Quer- 
kopf sein miissen? 

Unbestreitbar ist Hegemanns Buch ein Standardwerk. Man legt 
es aber schwerlich aus der Hand, ohne sich zu fragen, woran es 
liegt, dafi es die schmale Spanne nicht uberschreiten konnte, die 



264 Kritiken und Rezensionen • 1930 

es von jener letzten Vollkommenheit trennt, welche das Sdiick- 
sal seines Buchs unabhangig von dem seines Gegenstands, ja, ein 
Schicksal dieses Gegenstands werden lafit. Wenn in dieser Welt- 
gerichtsverhandlung uber die Stadt Berlin irgend etwas zu wiin- 
schen iibrig lafit, ist es die Ventilation. Im eigentlichen Sinne so 
gut wie im ubertragenen. Der Verhandlungsraum ist nicht ven- 
tiliert, und audi die Fragen sind es nicht allseitig. Gewifi, wir 
leben in diesen Mietskasernen. Nostra res agitur. Aber hier ist 
ja nicht die Rede von dem, was ist, sondern dem, was war. Und 
da diirfte schon hin und wieder der kuhle Wind des Gewesenen 
lindernd durch die uberhitzte Aktualitat der Verhandlung strei- 
chen. Selbst beim Weltgericht miifite es einen mildernden Urn- 
stand abgeben, dafi alles schon so lange zuriickliegt. Denn der 
Zeitlauf selber ist ein moralischer Vollzug, nicht im Vorriicken 
des Heute zum Morgen aber dem Umschlag des Heute ins 
Gestern. Chronos halt in der Hand ein Leporello-Bilderbuch, in 
dem die Tage einer aus dem andern ins Gewesene zuriickfallen 
und dabei ihre verborgene Riickseite, das unbewufit Gelebte ent- 
hullen. Mit ihr hat der Historiker es zu tun. Und von ihr gilt 
das Goethesche: »Es sei, wie es wolle, es war doch so schon. « 
Sie ist versohnend. 

Gewifi ist das Leben, das Hunderttausende Jahrhunderte lang in 
diesen Berliner Gelassen gefuhrt haben, ungesund, unwiirdig 
gewesen. Gewifi driickt sich das diabolische Wesen der Miets- 
kaserne heute wie damals im Ehe- und Familienleben, in den 
Qualen der Frauen und Kinder, in der Borniertheit des Gemein- 
wesens, der Hafilichkeit seines Alltags aus. Aber ebenso gewifi 
ist es, dafi Boden, Landschaft, Klima und vor allem Menschen - 
nicht nur Hohenzollern und Polizeiprasidenten - diese Stadt 
geschaffen und ihrerseks im Bilde der Mietskaserne einen Ab- 
druck des ihrigen hinterlassen haben. Noch die planlose Rohheit 
dieser Siedlung, so gewifi ihr Kampf bis aufs Messer zu liefern 
ist, hat ihre Schonheit, nicht nur fur den flanierenden Snob aus 
dem Westen, sondern fur den Berliner, den Zille-Berliner selbst, 
eine Schonheit, die innigst seiner Sprache, seinen Sitten ver- 
wandt ist. Hegemann ware freilich kein Jakobiner, wenn er vom 
Genius der Geschlchte sich leiten, von seiner Hand den Zugang 
zu dem begnadeten Dasein - dem physiognomischen - sich 
weisen liefie. Dieser Aufklarer mit den scharf geschnittenen 



Ein Jakobiner von heute 265 

Gesichtsziigen besitzt fur historische Physiognomie keinen Sinn. 
Sein Stammbaum hat seine Wurzeln in den knorrigsten, origi- 
nalsten, aber audi blicklosesten Subjekten, die um die zweite 
Halfte des achtzehnten Jahrhunderts den norddeutschen Boden 
bevolkerten. Das ist ihm fremd, daE die Mietskaserne, so furch- 
terlich sie als Behausung ist, StraEen geschaffen hat, in deren 
Fenstern nicht nur Leid und Verbrechen, sondern auch Morgen- 
und Abendsonne sich in einer traurigen Grofie gespiegelt haben, 
wie nirgend sonst, und dafi aus Treppenhaus und Asphalt die 
Kindheit des Stadters seit jeher so unverlierbare Substanzen 
gezogen hat wie der Bauernjunge aus Stall und Acker. Eine 
historische Darstellung aber hat all dies zu umfassen. Ware es 
nicht um der Wahrheit, dann um der Wirkung willen* Nicht als 
abstraktes Negativum, als Gegenbeispiel darf vor uns stehen, 
was wir vernichten wollen. So kann es nur auf Augenblicke 
unterm erleuchtenden Blitze des Hasses erscheinen. Was man 
vernichten will, das mufi man nicht nur kennen, man mufi es, um 
ganze Arbeit zu leisten, gefuhlt haben. Oder wie der dialektische 
Materialismus es sagt: These und Antithese zu zeigen, ist gut, 
eingreifen kann aber nur, wer den Punkt erkennt, an dem die 
eine in die andere umschlagt, da das Positive im Negativen und 
das Negative imPositiven zusammenf alien. Der Aufklarer denkt 
in Gegensatzen. Ihm Dialektik zuzumuten, ist vielleicht unbillig. 
Ist es aber unbillig, dem Historiker jenen Blick in das Antlitz 
der Dinge zuzumuten, der Schonheit noch in der tiefsten Ent- 
stellung sieht? Verneinende Geschichtserkenntnis ist ein Wider- 
sinn. Nichts zeugt mehr fur die Kraft, die Leidenschaft und Be- 
gabung des Autors, als daft ihm im Herzen des Unmoglichen ein 
Werk von dieser Fulle und Gediegenheit gegliickt ist.' Nichts 
beglaubigt unwiderleglicher seinen Rang. 



266 Kritiken und Rezensionen * 1930 

Symeon, der neue Theologe, Licht vom Licht. Hymnen. (Ubers. 
und mit einem Nachwort versehen von Kilian Kirchhoff.) Hel- 
lerau: Jakob Hegener 1930. zij BL nach Art eines Blockbu- 
ches. 

Wenn ein unbekanntes Werk, das durch ein Jahrtausend von 
uns getrennt ist, deutsch herausgegeben wird, so soil das nicht 
so geschehen, wie der Franziskanerpater Kilian Kirchhoff es mit 
der Hymnenfolge »Licht vom Licht « gemacht hat. Ihr Verfasser 
Symeon, der neue Theologe, ist audi den Gebildetsten kein Be- 
griff, ihre Form auch dem Literaturliebhaber befremdlich, ihr 
Gehalt auch dem Frommen entlegen. Die ungemeine Sprodigkeit 
dieser enthusiastischen Betrachtungen entzieht sie auch den 
Handhaben, die wir in der Kenntnis spaterer Mystiker zu besit- 
zen vermeinen konnten. Nein, diese Verziickungen im Geiste 
des griechischen Katholizismus liegen vom Umkreis unserer 
religiosen Bildung weit ab. Sie haben aber - nach der vorliegen- 
den Obersetzung zu schlieften - auch kaum die Eignung, unser 
Interesse zu wecken, es sei denn, das Floskelhafte, Leerver- 
stiegene, das uns aus ihnen entgegentritt, wiche dem Gehalt und 
der Pragung wie sie, vielleicht, uns eine Interpretation erkennen 
liefie, die diesen Hymnen ihre Stelle im Schrifttum jener Epoche 
gabe, uns informierte, worin sie typisch, worin sie singular sind, 
nicht zuletzt die polemischen Untergriinde, das Wogegen er- 
klarte, ohne das kein bedeutenderes Werk zu verstehen ist- Wie 
der Obersetzer nicht nur auf all das verzichten, sondern selbst 
iiber die Formprobleme der Obersetzung soldier »Hymnen«, wie 
sie doch wohl nicht umsonst genannt werden, sich ausschweigen 
konnte, grenzt ans Unfafiliche. Das Nachwort beschrankt sich 
darauf, eine byzantinische vita des Symeon auszuschreiben. Es 
muE dem Herausgeber gesagt werden, dafi er als Obersetzer 
solchen Werkes nur erst halbe Arbeit an ihm geleistet hat, und 
wenn er die andere erklarende Halfte nicht liefert, so wird - 
ohne dem Urteil der Philologen vorgreifen zu wollen - auch der 
Wert jener ersten uns problematisch. Das Werk liegt in seiner 
neuen deutschen Gestalt kaum erschlossener vor uns als in der 
Urschrift. 



Symeon * Chichleuchlauchra 267 

Chichleuchlauchra 
Zu einer Fibel 1 

Es ist keine Zeit zu verlieren und zu versichern: der oblge Titel 
ist nicht der neuen Fibel entnommen. Wohl aber einer alten. 
Mit solchen Lautungeheuern namlich suchten die Fibeln des 16. 
und 17. Jahrhunderts den Kindern zu Leibe zu riicken. Warum? 
Wenn man dem nachgeht, kann man seine Freude daran haben, 
wie es den »Grofien« niemals an einem padagogischen Vorwand 
gefehlt hat, mit ihren jeweiligen Schrullen und Mucken sich vor 
den Kindern in Positur zu setzen.Wir lesen:Xakbak, zauzezizau 
oder spisplospruspla und brauchten gar nicht in soldier Nach- 
barschaft auf Fibelworte wie Hratschin, Jekutiel oder Nebukad- 
nezar zu stolen, um zu erkennen, daft das Spritzer der Gischt 
Hofmannswaldauscher und Lohensteinischer Alexandriner sind, 
die sich in die zeitgenossischen Fibeln verirrt haben. Aber die 
Schulmeister des Jahrhunderts hatten sich's unter ihren Periicken 
sicher ganz anders zurechtgelegt. Sie werden sich gesagt haben, 
so etwas sei niitzlich, da konnten die Kinder namlich nicht 
schwindeln und etwa statt zu lesen nur raten. Darauf, daft Le- 
senlernen zum guten Teile eben Ratenlernen ist, konnten damals 
audi die eifrigsten Padagogen nicht kommen. Denn so lange 
aller Unterricht um den Geistlichen sich gruppierte, hatten sie ihr 
Lager stets auf der Seite des Wissens, gewissermaften bei Gott. 
Und nichts ist kurioser und riihrender als die unbeholfenen 
Schritte, mit denen sie erstmals versuchten, sich dem Kinderlager 
zu nahern. Nicht jeder konnte dem Rat des Erasmus von Rotter- 
dam folgen und wie ein Schulmeister seine Kleinen ein ABC aus 
Miirbegeback in alphabetischer Reihenfolge aufessen lassen. 
Andere ersannen Buchstaben-Lotterien, Buchstaben-Wurfel und 
ahnliche Spiele. Kurz, der Gedanke, die Fibel spielhafb aufzu- 
lockern, ist alt und der neueste und radikalste Versuch, die nach- 
gelassene Fibel der Seidmann-Freud, steht nicht aufierhalb pad- 
agogischer Oberlieferung. 

Wenn dennoch etwas dies Elementarbuch aus der Reihe aller 
bisherigen hebt, so ist es die seltene Vereinigung griindlichsten 
Geistes mit der leichtesten Hand. Sie hat die geradezu dialek- 

1 Tom Seidmann-Freud, Hurra, wir lesen! Hurra, wir schreiben! Eine Spielfibel. 
Berlin: Herbert Stuffer Verlag 1930. 64 S. 



268 Kritiken und Rezensionen • 1930 

tische Auswertung kindlicher Neigungen im Dienste der Schrift 
ermoglicht. Grundlage war der ausgezeichnete Einfall, Fibel und 
Schreibheft zusammenzulegen. Selbstvertrauen und Sicherheit 
werden in dem Kinde erwachen, das seine Schrift- und Zeichen- 
proben zwischen diesen beiden Buchdeckeln anstellt. Der Ein- 
wand: aber hier ist ja kein Platz, liegt freilich nahe. Und in der 
Tat ist es gar nicht moglich, Schreiben auf dem hier ausgesparten 
Raum - so reichlich er auch bemessen ist - zu erlernen. Aber 
wie klug ist das! Verglichen mit der lahmenden Ode der Schreib- ' 
hefte, die am Anfang der Zeile, oft nur der Seite, die Vorschrift 
haben, die wie eine Kirchturmspitze aus der Schneewiiste ragt, 
und von welcher die reisende Kinderhand beim Oben sich immer 
weiter entfernen mufi, stellen diese Blatter dicht besiedelte Buch- 
stabenlander dar, und die Versuchung, mit dem Bleistift von 
Station zu Station zu reisen, wiirde sich auch ohne die Anwei- 
sung einstellen: »Schreibe diese Linien mit den neuen Buchsta- 
ben voll.« Es sind so wenige, dafi das Kind sehr schnell aus dem 
Buch herausgeht. Und damit ist ein Hauptzweck der Verfasserin 
schon erfiillt. Denn ihr kommt es darauf an, das Buch in die 
gesamte kindliche Betriebsamkeit hineinzubauen. Es ist eine 
kleine Enzyklopadie seines Daseins, in der Farbstifte und Kin- 
derpost, Bewegungsspiele und Blumensammlung als Ausmalbil- 
der, Brief kuverts, »Schreibturnen«, und Wortrubriken zu ihrem 
Recht kommen. Sogar die Unarten. Kinder lieben es, in Buchern 
zu kritzeln. Die Verfasserin macht sich das mit dem Vorschlag 
zunutze: »Streiche in dieser Geschichte aus: alle R rot, alle G 
gelb, alle B blau, alle S schwarz.« Schwarzweifi behalt fast auf 
keinem Blatte das letzte Wort, und es gibt keine Fibel, in der die 
Buchstaben so lange antichambrieren mussen, ehe sie in den 
Worten miteinander Bekanntschaft machen. 
»Worte, die mit A anfangen, Worte, die mit E anfangen«, ver- 
langt diese Fibel zwar schon auf den ersten Seiten, verlangt sie 
aber nicht gelesen oder geschrieben, sondern einfach gezeichnet. 
Wie Goethe, von Lichtenberg, wenn ich nicht irre, gesagt hat, wo 
er einen Witz mache, da liege ein Problem verborgen, kann man 
vom Kinderspiel sagen: wo Kinder spielen, liegt ein Geheimnis 
vergraben. Durch Zufall trat mir das hier Verborgene vor 
Augen. Das war in Gestalt einer Kinderzeichnung; sie steilte ein 
Auto dar. Als sie entstanden war, hatte das Funf- oder Sechs- 



Chichleuchlauchra 269 

jahrige, von dem sie stammte, gerade die Buchstaben lernen 
mussen. Dafl »Auto« mit A beginnt, war ihm gesagt worden. 
Und was gesdiah? Sein gezeichnetes Auto, das ich vor mir hatte, 
begann wirklich mit A. Die Losung - aber fur das Kind lag hier 
kein Problem - war das Ei des Kolumbus. Das Auto war in 
Vorderansicht abgebildet. Der Kiihler mit der Aussicht auf die 
Vorderrader gab den Umrifi, der Abschlufi des Kiihlers nach 
unten zu den Querstrich des A: so kam das A in Gestalt des 
Autos, das Auto in Gestalt des A mir entgegen. Will die Ver- 
fasserin dergestalt die Schreiblust aus der Freude am Zeichnen 
entwickeln, so stent sie nicht nur auf festem, sondern auf altem 
Boden. Vor siebzig Jahren schon machte der ausgezeichnete Karl 
Vogel den Vorschlag, den Unterricht im Schreiben mit der Zeich- 
nung von einem Hause, einem Rade zu beginnen, um den Kin- 
dern anschlieftend klarzumachen, man konne so ein Haus, ein 
Rad auch schreiben. 

Kunstwissenschaftler sprechen gern von der »Handschrift« der 
Graphiker. Das ist so eine routinierte Redewendung, die wohl 
am Gegenstande ebenfalls eher die Routine als den Ursprung 
trifft. Die neueste Graphologie aber kehrte die Wendung um. 
Und es ist erstaunlich, was nun herauskam. »Es ist erwiesen«, 
schreibt Anja Mendelssohn in ihrem Buche »Der Mensch in der 
Handschrift«, »daft unsere Buchstabenschrift aus einer Bilder- 
schrifl entstanden ist. Alle unsere Buchstaben waren Bilder, und 
bei einigen von ihnen ist das zugrunde liegende Bild noch ohne 
weiteres erkennbar. Es macht keine Schwierigkeiten, einem 
Kinde klar zu machen, dafj das P einen Mann mit einem Kopf 
bedeutet, daft das O ein Auge ist . . . Das Kind versteht auch 
ohne weiteres, dafi das H und E einen Zaun darstellen, und 
bereichert das E sogar mit dem vierten Querstrich, den es ein- 
mal besessen und erst in der fruhesten Periode der griechischen 
Schrift verloren hat.« Die Fibeln des 17. Jahrhunderts sind in 
Richtung auf einen solchen Biomorphismus der Lettern beson- 
ders weit gegangen: den Abgrund zwischen Sache und Zeichen 
trickhaft zu iiberwinden, war eine Aufgabe, die fiir den Men- 
schen des Barockzeitalters die ungeheuerste Faszination haben 
mufite. Tilmann Olearius stellt in seiner Fibel - der »Deutschen 
Sprachkunst« - alien Lettern ihre Gestalt in Form organischer 
Gebilde oder gelaufiger Gebrauchsgegenstande zur Seite. Nimmt 



zyo Kritiken und Rezensionen • 1930 

man dazu, dafi in den meisten Fallen diese Gegenstande audi 
die von ihnen dargestellten Anfangsbuchstaben haben, so kann 
man sich von der schwiilen Stubenluft dieser Fibeln einen Begriff 
machen. Groteske Formen nahm diese Methode - alphabeticum 
lusu nannte man sie - in spateren Fibeln aus der Mitte des 
Jahrhunderts an. Da kommen denn, beispielsweise, zu Ehren 
des W in einem Bilde das entblofke Hinterteil des abgestraften 
Schulknaben, das mit seinen Linien den Buchstaben nachbildet, 
und der vor Schmerzen aufgerissene Mund, dem der W-Laut 
entfahrt, zusammen. Eine kluge und reizende Abart dieses alt- 
modischen Biomorphismus hat nun die neue Fibel. Da gibt es 
namlich schon auf der zweiten Seite eine Reihe mit einfachsten 
Strichen gezeichneter Gegenstande: Zaun, Wagen, Giefikanne, 
Leiter, Dach usw. Die Linien dieser Zeichnungen sind von Haus 
aus schwarz. In jeder aber wird ein Teil von ihnen durch rote 
Oberstriche herausgehoben. Diese iiberstrichenen Teile machen 
die Buchstaben, so dafi die sechsundzwanzig Bildchen die Lettern 
stellen. Es versteht sich von selbst, daft die Lautspielereien der 
alten Fibeln hier beiseite geblieben sind. 

Ein anderes Blatt. Mancher Erwachsene wird es uberfliegen, 
ohne sich Rechenschaft abzulegen, was es in einem Kinder- oder 
gar Klassenzimmer bedeuten kann. Es ware mir gegangen wie 
ihm; mich fiihrte aber ein Zwolfjahriger auf den richtigen Weg. 
Dem fielen die vierzehn Kinder auf,welche da, jeweils ein Knabe 
und ein Madchen, mit zwei typischen Vornamen sieben euro- 
paische Lander vertreten. »Frankreich«, » Holland «, »Schweden« 
usw. steht in Rotdruck daneben. Der Junge stutzte, fand das 
falsch, wies auf den Lehrplan: »Die Welt ist Sexta-Pensum.« In 
der Tat, was sollen da die europaischen Landernamen in Nona? 
- Kann aber eine Fibel radikal vorgehen, ohne tief in den iiber- 
kommenen Elementarunterricht einzugreifen? Jede Vervoll- 
kommnung liegt ja hier in der Linie des Enzyklopadischen. Aus 
der Enge ist sie entstanden, als Ziel des Unterrichts aus ihr die 
letzten Seiten mit dem Katechismus waren, und zum Enzyklopa- 
dischen strebt sie, seit in der Aufklarung der Anschauungsunter- 
richt aufkam, um Mitte des vorigen Jahrhunderts sich mit dem 
Leseunterricht zu verlieren. Auch die Weltkunde mufi Platz in 
der Fibel haben. Und nichts ist unrichtiger, als alles vom metho- 
dischen Fortschreiten der »Anschauung« zu erwarten, und so 



Chichleuchlauchra 271 

schlechthin die Nahe, Heimat und was dergleichen mehr ist, zur 
Lehrmeisterin des Kindcs zu machen. »Amerika« ist dem Berli- 
ner Kind ein mindestens so vertrautes und brauchbares Wort 
wie »Potsdam«; und mehr als man denkt, kommt es auf das 
Wort an. Dafi es das Entlegenste meint, hindert die Phantasie 
nicht, sich auf schopferische Weise in ihm heimisch zu machen. 
Ich kannte ein Kind, bei dem zu Hause viel von Kupferstichen 
die Rede war. Es wufke genau, was das war. Und wenn man es 
fragte, so steckte es den Kopf zwischen den Stuhlbeinen 
durch. 

Mit einem »Geleitwort fur die Erwachsenen«, das man heraus- 
trennen kann, schliefit diese Fibel. Es sind kluge Anmerkungen; 
gewifi die fortgeschrittensten Formulierungen, die sich dem Ge- 
genstande heute widmen lassen. »Dies ist einer der wichtigsten 
Grundsatze der hier vertretenen Erziehungsmethode: Sie ist 
nicht auf >Aneignung< und >Bewaltigung< eines bestimmten Pen- 
sums gerichtet - diese Art des Lernens ist nur den Erwachsenen 
gemafi -, sondern sie tragt dem Wesen des Kindes Rechnung, 
fiir das Lernen, wie alles ubrige, von Natur aus ein grofies 
Abenteuer bedeutet . . . >Die alte Schule zwingt nur zu einem 
unausgesetzten Laufen nach Zielen, zu einem Miteinanderringen 
um das >K6nnen< von dem, was der allmachtige Erwachsene ver- 
langt. Dabei werden aber die Tiiren zu dem wirklichen Konnen 
verrammelt.<« Was unter »wirklichem Konnen « verstanden ist, 
macht der Zusammenhang unverkennbar. Es ist die unbewuEte 
Ubung durch Spiel, deren Erfolge sich hier der bewufiten nach 
Vorschrift iiberlegen erweisen sollen. Der entscheidende Durch- 
bruch des Spiels in das Zentrum des Elementarunterrichts ist 
also, unbeschadet aller friiheren Anlaufe, doch nicht moglich 
gewesen, ehe die wissenschaftlichen Grundlagen in Gestalt der 
Freudschen Lehre vom Unbewufken, der Klagesschen vom Wil- 
len als der das Gegenteil bewirkenden Hemmvorrichtung zur 
Geltung gekommen waren. Es hiefie aber oberflachlichen Ge- 
brauch von dieser anmutigen Auslieferung der Lettern an den 
Spieltrieb machen, wollte man nicht ihre Kehrseite gleichfalls 
ins Auge fassen. Wenn ein Kind mit dieser Fibel fertig ist, heifit 
es im Nachwort, wird es dadurch »gewissermafien auf eine hin- 
terlistige Weise« veranlafSt worden sein, zu lesen oder zu schrei- 
ben. Unabsichtlich, aber nur um so mafigebender, kennzeichnen 



272 Kritiken und Rezensionen • 1930 

diese Worte genau die ungemeine Fragwiirdigkeit, die das Kenn- 
zeichen unserer Bildung geworden ist. Oberall schickt die freie 
entbundene Hand iiber die ernste schwerfallige sich zu siegen an. 
Aber nicht leicht ist zu sagen, wieviel von jener Entbundenheit 
Schwache, von jener Freiheit Verlegenheit ist, Nicht die Fort- 
schritte der Wissenschaft sind ja der starkste Antrieb dieser 
radikalen Padagogik gewesen, sondern der Untergang der Auto- 
ritat. Und ob uns alle Fortschritte der Humanitat und Gesund- 
heit im Unterricht fiir den Verlust seiner grofien Solidaritat mit 
dem Gegenstand - anfangs der Lettern, spater der Wissen- 
schaft - entschadigen konnen, ob das »ChichleuchIauchra« nicht 
doch seinen guten Sinn hat, ist eine Frage, die dieses Buch grade 
in der Durchdachtheit und Ruckhaltlosigkeit seines Aufbaus 
naherlegt als jedes geringere. Kollektive Unterweisung ohne 
Autoritat zu organisieren, wird niemals glucken. Diese Fibel aber 
wendet sich weniger an das laute und eingreifende Spiel von 
Gruppen als an das in sich versunkene des einzelnen Kindes. Es 
ist diese Bescheidung, der sie ihr Gelingen verdankt. 



KOLONIALPADAGOGIK 

Es lafit sich diesem Buch 1 etwas Seltenes nachruhmen: dafi es 
namlich ganz und gar schon mit seinem Umschlag gegeben ist. 
Der ist eine Photomontage: Forderturme, Wolkenkratzer, Fa- 
brikschornsteine im Hintergrund, eine machtige Lokomotive im 
Mittelgrund und vorn in dieser Landschaft aus Beton, Asphalt 
und Stahl ein Dutzend Kinder urn die Kindergartnerin geschart, 
die ein Marchen erzahlt. - Unbestreitbar, wer sich mit den 
Maftnahmen einlafit, die der Verfasser im Text empfiehlt, der 
wird vom Marchen genau so viel mitteilen, als wer es am Fufi 
eines Dampfhammers oder in einer Kesselschmiede zum besten 
gabe. Und die Kinder werden von den Reform-Marchen, die 
ihnen hier zugedacht sind, in ihrem Herzen genau so viel haben 
wie ihre Lungen von der Zementwuste, in welche dieser vor- 
treffliche Wortfuhrer »unserer Gegenwart« sie versetzt. Nicht 

1 Alois Jalkotzy, Marchen und gcgenwart. Das deutsche volksmarchen und unscre 
zeit. Wlen: Jungbrunnen 1930. 112 S. 



Kolonialpadagogik 273 

leicht wird man ein Buch finden, in dem die Preisgabe des Echte- 
sten und Urspriinglichsten mit gleicher Selbstverstandlichkeit 
gefordert, in der die zarte und verschlossene Phantasie des Kin- 
des gleich riickhaltlos als seelische Nachfrage im Sinne einer 
warenproduzierenden Gesellschaft verstanden und die Erziehung 
mit so trister Unbefangenheit als koloniale Absatzchance fur 
Kulturguter angesehen wiirde. Die Art von Kinderpsychologie, 
in der der Verfasser beschlagen ist, ist das genaue Gegenstuck 
der beriihmten »Psychologie der Naturvolker« als gottgesandter 
Abnehmer europaischer Pofelware. Sie stellt sich auf jeder Seite 
blofJ: »Da$ Marchen gestattet dem Kinde, sich dem Helden 
gleicbzusetzen. Dieses Bediirfnis nach Identification entspricht 
der kindlichen Schwache, die es gegeniiber der Erwachsenenwelt 
empfindet.« An Freuds groflartige Deutung der kindlichen Ober- 
legenheit (in seiner Studie iiber Narzifimus), auch nur an die 
Erfahrung, die das Gegenteil beweist, zu appellieren, hiefie 
zuviel Umstande mit einem Text machen, in dem die Oberflach- 
lichkeit mit einem Fanatismus proklamiert wird, der unter dem 
Panier der Jetztzeit einen heiligen Krieg gegen alles entfesselt, 
was nicht dem »gegenwartigen Empfinden« entspricht und die 
Kinder (wie gewisse afrikanische Volksstamme) in den vorder- 
sten Linien dieses Kampfes einsetzt. 

»Die Elemente, deren sich das Marchen bedient, sind sehr haufig 
unbrauchbar, veraltet und unserem gegenwartigen Empfinden 
fremd geworden. Eine besondere Rolle spielt die bose Stief- 
mutter. Kinderschlachter und Menschenfresser sind typische Fi- 
guren des deutschen Volksmarchens. Der Blutdurst ist auffal- 
lend, die Schilderung des Mordens und Totens ist beliebt. Auch 
die uberirdische Welt des Marchens ist vor allem schreckenerre- 
gend. Die Grimmsche Sammlung strotzt von Priigelfreude. Das 
deutsche Volksmarchen ist haufig alkoholfreudig, jedenfalls nie- 
mals alkoholgegnerisch.« So wandeln sich die Zeiten. Wahrend, 
nach dem Verfasser zu schliefien, der Menschenfresser noch 
unlangst eine recht gelaufige Erscheinung im deutschen Alltag 
gewesen sein mufi, ist er dem »gegenwartigen Empfinden« nun- 
mehr entfremdet. Das mag schon sein. Wie aber, wenn die Kin- 
der, vor die Wahl gestellt, eher ihm als dieser neuen Padagogik 
in den Rachen liefen? Und so auch ihrerseits sich dem »gegen- 
wartigen Empfinden« entfremdet erwieSen? Dann wird es sie 



274 Kritiken und Rezensionen ■ 1930 

sdiwerlidi mit dem Radio wieder an sidi fesseln, »diesem Wun- 
der der Technik«, von dem der Verfasser sich eine neue Bliite 
des Marchens verspricht. 

Denn »das Marchen hat . . . das Erzahlen als wichtigste Lebens- 
aufierung notwendig«. So sieht die Sprache des Mannes aus, der 
an das Werk der Briider Grimm herangeht, um es »Bedurfnis- 
sen« anzupassen. Weil er yor nichts zuriickscheut, gibt er von 
soldier Anpassung audi nodi Proben in einem Verfahren, das 
den Spinnrocken durdi die Nahmaschine und Konigsschlosser 
durch hochherrschaftliche Behausungen ersetzt. Denn »der mon- 
archische Glanz unserer mitteleuropaischen Welt ist glucklich 
iiberwunden, und je weniger wir von diesem Spuk und Alpdruck 
deutsdier Geschichte unseren Kindern vorsetzen, um so besser 
wird es fiir die Kinder und fur die Entwicklung des deutschen 
Volkes und seiner Demokratie sein.« Nein! So tief ist die Nadit 
unserer Republik nicht, dai$ alle Katzen drin grau und Wil- 
helm II. und Konig Drosselbart nidit mehr zu unterscheiden 
waren. Sie wird noch Kraft finden, diesem lebfrischen Reformis- 
mus sich in den Weg zu stellen, fiir den Psychologie, Folklore 
und Padagogik nur Flaggen sind, unter denen das Marchen als 
Exportware nach dem dunklen Erdteil verfrachtet wird, wo die 
Kinder in den Plantagen seiner frommen Denkungsart schmach- 
ten. 



i93i 



Theologische Kritik 
Zu Willy Haas, »Gestalten der Zeit«* 

Verkapselt und unscheinbar wie der Same sind im Leben des 
Menschen seine wahrhaft zeugenden Erfahrungen. Was im hoch- 
sten Sinne fruchtbar ist, liegt in der harten Schale der Unmit- 
teilbarkeit beschlossen. Nichts scheidet echte Produktivitat von 
fehlender, vor allem aber falscher, so deutlich wie die Frage: hat 
der Mann beizeiten - im Jahrzehnt zwischen fiinfzehn und 
fiinfundzwanzig - erlebt, was ihm den Mund verschliefit, was 
ihn verschwiegen, wissend und bedenklich macht, was ihm Er- 
fahrung wurde, fur die er immer zeugen und die er nie verraten, 
niemals ausplaudern wird. Es sind unter diesen »Gestalten der 
Zeit« zwei, denen der Verfasser des Buches solch unmitteilbare, 
zur Zeugenschaft verpflichtende Erfahrungen dankt, denen er 
die Treue gehalten hat, und die nun sein Buch als Schutzpatrone 
auf dem Weg durch die Zeitgenossenschaft leiten: Franz Kafka 
und Hugo von Hofmannsthal. Beide, so wird man finden, sind 
im Herzen der Gefahr zu ihm gestofien: der erste, der in Prag, 
dem Heerlager der entarteten jiidischen Geistigkeit, im Namen 
des Judentums von ihr sich abwandte, um den drohenden un- 
durchdringlichen Riicken ihr zuzukehren; der zweite, der im 
Zentrum der zerfallenden habsburgischen Monarchic die Kraft, 
aus der sie gelebt hatte, in einer gleichsam nachgeschichtlichen 
Reife restlos in Formen verwandelte. 

Es ware gar nicht erstaunlich, wenn der Verfasser selbst die 
Akzente, die wir somit im Text seines Buches setzten, zunachst 
fiir willkurlich hielte. Was diese beiden, Hofmannsthal und 
Kafka, etwa miteinander gemein gehabt haben, diese Frage ware 
in der Tat an den Haaren herbeigezogen. Aber ganz anders die 
Frage, was sie beide einem Autor wie Haas zu bedeuten haben. 
Er hat sie in je zwei ganzlich voneinander unabhangigen Arbei- 
ten behandelt; so souveran, so unbeeinflufit von den eigenen 
Satzen und so im Innersten mit ihnen stimmig kann der Schrift- 

1 Willy Haas, Gestalten der Zeit. Berlin: Gustav Kiepenheuer Verlag 1930. 247 S. 



2j6 Kritiken und Rezensionen • 193 1 

steller sich nur seinen bedeutsamsten Themen nahern. Dabei ist 
es gewif? nicht ausschlaggebend, dafi beide, Hofmannsthal und 
Kafka, ihm nahe bekannt waren. Immerhin ist es kein gewohn- 
liches Schauspiel, wie die sparlichen, genau verzeichneten Worte 
einer kurzen Begriifiung mit Kafka hier auf sechs Seiten dessen 
Gestalt beschworen. Und auch das beriihrt nur erst einen vorlau- 
flgen Aspekt, festzustellen, wie hier im ScharTen Hofmannsthals 
die katholische, in dem von Kafka die judische Welt sich zu- 
sammendrangt. Was Haas im Jahre 1929 unter dem Eindruck 
der Todesnachricht iiber Hofmannsthal schrieb - es war in der 
gesamten deutschen Presse fast das einzige, was der Stunde 
gerecht wurde -, stellt die Gestalt in den Raum der alten katho- 
lischen Monarchic, und zwar gewissermafien als einen Ururenkel 
des Mutterlandes, welchem alle Sonne weggestorben waren, als 
ein dichterisches Staatsgenie, das zu spat kam. Das Land hatte 
keine Zukunft mehr. So rollte sich - das entwickelt der zweite 
Hofmannsthal-Essay - das Kommende der Zeit gleichsam ein, 
schmiegte sich, als Volute, ganz ins Gewesene, wurde zu einem 
Schattenreich der Zukunft, in dem nur das Alteste umging. In 
jenem Reich der »Ungeborenen Kinder«, welches die »Frau ohne 
Schatten« eroffnet, hat Haas so wie vor kurzem der Freund des 
Dichters, Max Mell, den wolkigen Kern der Hofmannsthalschen 
Bilderwelt erkannt. Bei keinem Dichter haben Bild und Schein 
sich inniger, gefahrlicher durchdrungen. Ja, eben diese verbor- 
gene Zweideutigkeit in Hofmannsthals Bildwelt gibt ihr den 
geistigen Glanz, die ideelle Bedeutsamkeit, das Zuviel, das ihren 
unterscheidenden Charakter ausmacht. Oder, wie Haas sagt: 
»Niemals ist Geist auf eine so magische Weise dichterisches 
Erlebnis geworden.« 

Das Oberraschende ist nun: je tiefer der Leser in die Gedanken- 
welt dieses Essayisten eintritt, desto deutlicher wird ihm wie ge- 
rade dies: der Schein, in hunderterlei Gestalt immer von neuem 
seinen Anteil herausfordert, ob er nun an Gide den hermaphro- 
ditischen Schein, an France den Schein der ewigen Wiederkunft, 
an Hermann Bahr den Schein des Vermittelten darstellt. In 
Wahrheit aber hat in diesen Untersuchungen die Theologie in 
der Nahe eines ihrer liebsten Gegenstande, des Scheins, ihr Zelt 
aufgeschlagen. Es ist in diesem Buche vom Talmud und von 
Kierkegaard, von Thomas von Aquin und von Pascal, von Igna- 



Theologische Kritik 277 

tius von Loyola und von Lion Bloy die Rede. Aber nicht beim 
Studium der eigentlichen Theologen erwacht die hochste Auf- 
merksamkeit des Verfassers, sondern iiber den Werken derer, 
die theologischen Gehalten in ihrer aufiersten Gefahrdung, ihrer 
zerrissensten Verkleidung Asyl geben. Eine dieser Verkleidun- 
gen ist der Schein. Die Kolportage ist eine andere. Darum stehen 
neben den musterhaften Analysen Hofmannsthals die vielleicht 
noch bedeutsameren Kafkas. Der kiinftigen Exegese dieses Dich- 
ters sind hier in einer Deutung, die mit der hochsten Energie 
iiberall zu den theologischen Sachverhalten hindurchstofit, die 
Wege gewiesen. Die Betrachtungen des Verfassers streifen dabei 
bisweilen eine Theorie der Kolportage. Es ist eine Theologie auf 
der Flucht, die er bei Kafka entdeckt, und deren Schema einigen 
Essays zugrunde liegt, die den Umkreis der Kolportage erfor- 
schen. Hierher gehort eine »Theologie im Kriminalroman«, die 
groEartige Charakteristik Ludendorffs und eine Auslegung des 
jiidischen Witzes. 

Ein Patronat iiber dieses Buch, eine schutzende Teilnahme glaub- 
ten wir den beiden Dichtern zusprechen zu diirfen, denen die 
vollkommensten Essays der Sammlung gelten. Was der Ver- 
fasser sich in ihr vorsetzt, ist schwierig und gefahrlich in dem 
Grade, daf? auch der Entschlossenste hier nach Helfern ausblik- 
ken darf. Denn was wird unternommen? Der Versuch, den Weg 
zum Kunstwerk durch Zertrummerung der Lehre vom »Gebiet« 
der Kunst zu bahnen. Die theologische Betrachtungsweise ge- 
winnt ihren vollen Sinn in einer, wenn auch verborgenen, so um 
so destruktiveren Wendung gegen die Kunst. Daft die theolo- 
gische Erleuchtung der Werke die eigentliche Interpretation ihrer 
politischen so gut wie ihrer modischen, ihrer wirtschaftlichen so 
gut wie ihrer metaphysischen Bestimmungen ist - das ist das 
Grundmotiv dieser Betrachtung. Man sieht, eine Haltung, die 
der historisch-materialistischen sich mit einem Radikalismus ent- 
gegensetzt, der sie zu ihrem Gegenpol macht. »Wo jeder andere 
nur in Kompromissen weiterkommen konnte, kann die Kirche 
noch in tief-wahren Synthesen weiterdenken«, schreibt Haas. Es 
gibt aber Falle, da diese katholische Verschlingung von These 
und Antithese in der Form einer Looping-the-loop-Schleife sich 
vollzieht. Haas befahrt sie mit schwindelnder Sicherheit. Immer- 
hin - der Anblick konnte Besorgnis auslosen - ware da nicht 



278 Kritiken und Rezensionen • 193 1 

eine Sicherheit hoheren Grades und ein besserer Verlafi: die 
Kunst fallen zu konnen. »Sein ganzes Leben im Auszug - in 
einem nicht naher errechenbaren Auszug - einsetzen konnen 
gegen irgendein kleines Detail dieser Welt: das, und nichts an- 
deres, heifit >denken<.« 1st diese tiefe Definition, die wir auf der 
letzten Seite des Buches finden, nur zufallig die vom Bewufit- 
seinszustande eines Stiirzenden? Der Verfasser wird seine hals- 
brecherischen Erfahrungen gemacht haben. Wenn er aber nach 
atemraubendem Sturze den Boden beruhrt, steht er fest auf den 
Fiifien. 

Es waren immer nur gezahlte Falle des Schrift turns, da die Sub- 
stanz eines Autors so eng wie hier sich mit der Haltung des 
Virtuosen, besser des geschulten Literaten verband. Sehr denk- 
bar, dafi sie auf der rechten Seite sich haufiger als auf der linken 
fanden. Wie dem nun sei, Haas, der Herausgeber einer im lite- 
rarischen Tageskampf nach links sich orientierenden Wochen- 
schrift - als Forscher ist er weit eher ein Schiiler der Adam 
Miiller, Burke oder de Maistre als der Voltaire, Gutzkow oder 
Lassalle. Im Grunde reicht freilich sein Stammbaum sehr viel 
weiter in die Vergangenheit. Denn um die universalhistorische 
Konstruktion, wie diese Essays sie unternehmen, als Ausdruck 
der gesamten metaphysischen Geisteshaltung, zugleich als emi- 
nent virtuose, eminent vermittelnde, wenn schon nicht immer 
synthetische Form des Schrifttums wiederzufinden, mufi man bis 
auf die Belletristik und Chronistik des siebzehnten Jahrhunderts 
zuriickgehen. Haas selbst hat diese Methode, die seine eigene ist, 
in seinem Nachruf auf Hofmannsthal vollendet beschrieben. Sie 
arbeitet eine Perspektive aus wie etwa irgendeine Buhnenmalerei 
mit Kulissen. Sie erstrebt das Plastische aus iibereinandergela- 
gerten dichten Schichten. »Das gibt nun freilich niemals korper- 
liche Plastik, aber eben perspektivische Plastik.« Dem entspricht 
die Erscheinungsform dieser seiner eigenen Gestalten. Es sind 
solche der Zeit, gewifi. Ihr Leben aber ist das epische unaus- 
getragener Vergangenheiten, in deren Widerstreit dem Ver- 
fasser das wahre Bild seiner Tage sich darstellt. 



Linke Melancholie 279 

LlNKE MELANCHOLIE 
Zu Erich Kastners neuem Gedichtbuch 1 

Kastners Gedichte liegen heute schon in drei stattlichen Banden 
vor. Wer aber dem Charakter dieser Strophen nachgehen will, 
halt sich besser an ihre urspriingliche Erscheinungsform. In Bii- 
chern stehen sie gedrangt und ein wenig beklemmend, durch 
Tageszeitungen aber flitzen sie wie ein Fisch im Wasser. Wenn 
dieses Wasser nicht immer das sauberste ist und mancherlei 
Abfall darin schwimmt, desto besser fur den Verfasser, dessen 
poetische Fischlein daran dick und fett werden konnten. 
Die Beliebtheit dieser Gedichte hangt mit dem Aufstieg einer 
Schicht zusammen, die ihre wirtschaftlichen Machtpositionen un- 
verhiillt inBesitz nahm und sich wie keine andere auf dieNackt- 
heit, die Maskenlosigkeit ihrer okonomischen Physiognomie 
etwas zugute tat. Nicht etwa, dafi diese Schicht, die nur den 
Erfolg visierte, nichts als ihn anerkannte, nun die starksten Posi- 
tionen erobert hatte. Dazu war ihr Ideal zu asthmatisch. Es war 
das kinderloser, aus unbetrachtlichen Anf angen emporgekomme- 
ner Agenten, die nicht wie die Finanzmagnaten auf Jahrzehnte 
fiir die Familie, sondern nur fur sich selbst, und das kaum iiber 
Saisonabschlusse hinaus, disponierten. Wer hat sie nicht vor 
sich: ihre vertraumten Babyaugen hinter der Hornbrille, die 
breiten weifilichen Wangen, die schleppende Stimme, den Fata- 
lismus in Gebarde und Denkungsart. Es ist von Haus aus ganz 
allein diese Schicht, der der Dichter etwas zu sagen hat, der er 
schmeichelt, indem er ihr vom Aufstehen bis zum Zubettgehen 
den Spiegel weniger vorhalt als nachtragt. Die Abstande zwi- 
schen seinen Strophen sind in ihrem Nacken die Speckfalten, 
seine Reime ihre Wulstlippen, seine Zasuren Griibchen in ihrem 
Fleisch, seine Pointen Pupillen in ihren Augen. Auf diese Schicht 
bleiben Stoffkreis und Wirkung beschrankt, und Kastner ist 
genau so aufierstande mit seinen rebellischen Akzenten die De- 
possedierten, wie mit seiner Ironie die Industriellen zu treffen. 
Das ist, weil diese Lyrik, ihrem Augenschein zum Trotz, vor 
allem die standischen Belange der Zwischenschicht - Agenten, 
Journalisten, Personalchefs - wahrt. DerHafi aber, den siedabei 

1 Erich Kastner, Ein Mann gibt Auskunft. Stuttgart, Berlin: Deutsche Verlags-Anstalt 
(1930). 112 S. 



280 Kritiken und Rezensionen • 193 1 

gegen das kleine Biirgertum proklamiert, hat selbst einen klein- 
biirgerlichen, allzu intimen Einschlag. Dagegen biifk sie der 
Grofibourgeoisie gegeniiber zusehends an Schlagkraft ein und 
verrat am Ende ihre Sehnsucht nach dem Mazen in dem StofJ- 
seufzer: »0 gabe es nur ein Dutzend Weise, mit sehr viel Geld.« 
Kein Wunder, dafi Kastner, wenn er mit den Bankiers in einer 
»Hymne« abrechnet, auf so schiefe Art familiar wie auf schiefe 
Art okonomisch ist, wenn er unter dem Titel »Eine Mutter zieht 
Bilanz« die nachtlichen Gedanken einer Proletarierfrau darstellt. 
Zuletzt bleiben Heim und Rente die Lauf bander, an denen eine 
bessergestellte Klasse den knautschenden Dichter gangelt. 
Dieser Dichter ist unzufrieden, ja schwermiitig. Seine Schwermut 
kommt aber aus Routine. Denn Routiniertsein heifit, seine Idio- 
synkrasien geopfert, die Gabe, sich zu ekeln, preisgegeben ha- 
ben. Und das macht schwermiitig. Dies ist der Umstand, der 
diesem Fall einige Ahnlichkeit mit dem Fall Heine gibt. Routi- 
niert sind die Anmerkungen, mit denen Kastner seine Gedichte 
einbeult, um diesen lackierten Kinderballchen das Ansehen von 
Rugbyballen zu geben. Und nichts ist routinierter als die Ironie, 
die den geriihrtenTeig der Privatmeinung aufgehen lafkwie ein 
Backmittel. Bedauerlich nur, dafi seine Impertinenz so aufier 
allem Verhaltnis ebensowohl zu den ideologischen wie zu den 
politischen Kraften steht, iiber die er verfugt. Nicht zum wenig- 
sten an der grotesken Unterschatzung des Gegners, die ihren 
Provokationen zugrunde liegt, verrat sich, wie sehr der Posten 
dieser linksradikalen Intelligenz ein verlorener ist. Mit der Ar- 
beiterbewegung hat sie wenig zu tun. Vielmehr ist sie als bur- 
gerliche Zersetzungserscheinung das Gegenstiick zu der feuda- 
listischen Mimikry, die das Kaiserreich im Reserveleutnant 
bewundert hat. Die linksradikalen Publizisten vom Schlage der 
Kastner, Mehring oder Tucholsky sind die proletarische Mimi- 
kry des zerfallenen Biirgertums. Ihre Funktion ist, politisch 
betrachtet, nicht Parteien sondern Cliquen, literarisch betrachtet, 
nicht Schulen sondern Moden, okonomisch betrachtet, nicht Pro- 
duzenten sondern Agenten hervorzubringen. Und zwar ist diese 
linke Intelligenz seit fiinfzehn Jahren ununterbrochen Agent 
aller geistigen Konjunkturen, vom Aktivismus iiber den Ex- 
pressionismus bis zu der Neuen Sachlichkeit gewesen. Ihre poli- 
tische Bedeutung aber erschopfte sich mit der Umsetzung revo- 



Linke Melancholie 281 

lutionarer Reflexe, soweit sie am Biirgertum auftraten, in Gegen- 
stande der Zerstreuung, des Amusements, die sich dem Konsum 
zufiihren liefien. 

Derart verstand der Aktivismus, der revolutionaren Dialektik- 
das klassenmafiig unbestimmte Gesidit des gesunden Menschen- 
verstands aufzusetzen. Er war gewissermafien die Weifie Woche 
dieses Intelligenzmagazins. Der Expressionismus stellte die revo- 
lutionare Geste, den gesteilten Arm, die geballte Faust in Papier- 
mache* aus. Nach diesem Werbefeldzug schritt sodann die Neue 
Sadilichkeit, aus der -die Kastnerschen Gedichte stammen, zur 
Inventur. Was findet »dte geistige Elite«, die an die Bestandauf- 
nahme ihrer Gefuhle herantritt, denn vor? Diese selbst etwa? 
Sie sind langst verramscht worden. Was blieb, sind die leeren 
Stellen, wo in verstaubten Sammetherzen die Gefuhle - Natur 
und Liebe, Enthusiasmus und Menschlichkeit - einmal gelegen 
haben. Nun liebkost man geistesabwesend die Hohlform. An 
diesen angeblichen Schablonen glaubt eine neunmalweise Ironie 
viel mehr als an den Dingen selbst zu haben, treibt grofien Auf- 
wand mit ihrer Armut und macht sich aus der gahnenden Leere 
ein Fest. Denn das ist das Neue an dieser Sachlichkeit, daft sie 
auf die Spuren einstiger Geistesgiiter sich soviel zugute tut wie 
der Burger auf die seiner materiellen.Nie hat man in einerunge- 
mutlichen Situation sich's gemutiicher eingerichtet. 
Kurz, dieser linke Radikalismus ist genau diejenige Haltung, 
der iiberhaupt keine politische Aktion mehr entspricht. Er steht 
links nicht von dieser oder jener Richtung, sondern ganz einfach 
links vom Moglichen iiberhaupt. Denn er hat ja von vornherein 
nichts anderes im Auge als in negativistischer Ruhe sich selbst zu 
genieflen. Die Verwandlung des politischen Kampfes aus einem 
Zwang zur Entscheidung in einen Gegenstand des Vergniigens, 
aus einem Produktionsmittel in einen Konsumartikel - das ist 
der letzte Schlager dieser Literatur. Kastner, der eine grofte Be- 
gabung ist, beherrscht ihre samtlichen Mittel mit Meisterschaft. 
Weitaus an erster Stelle steht hier eine Haltung, wie sie schon 
im Titel vieler Gedichte sich auspragt.Da gibt es eine»Elegie mit 
Ei«, ein »Weihnachtslied chemisch gereinigt«, den »Selbstmord 
im Familienbad«, das »Schicksal eines stilisierten Negers« usw. 
Warum diese Gliederverrenkungen? Weil Kritik und Erkenntnis 
zum Greifen naheliegen; aber die waren Spiel verderber und 



i%i Kritiken und Rezensionen • 193 1 

sollen unter keiner Bedingung zu Worte kommen. Da mufi denn 
der Dichter sie knebeln, und nun wirken ihre verzweifelten 
Zuckungen wie die Kunststiicke eines Kontorsionisten, namlich 
belustigend auf ein grofies und in seinem Geschmack unsicheres 
Publikum. Bei Morgenstern war der Blodsinn nur die Kehrseite 
einer Flucht in die Theosophie. Kastners Nihilismus aber ver- 
birgt nichts, sowenig wie ein Rachen, der sich vor Gahnen nicht 
schliefien kann. 

Friih begannen die Dichter Bekanntschaft mit dieser sonderbaren 
Spielart der Verzweiflung zu machen: der gequalten Stupiditat. 
Denn meist ist die wahrhaft politische Dichtung der letzten Jahr- 
zehnte heroldhaft den Dingen vorangeeilt. Es war im Jahre 1912 
und 19 1 3, als Georg Heyms Gedichte die damals unvorstellbare 
Verfassung der Massen, die im August 1914 zutage trat, in 
befremdlichen Sdiilderungen niemals gesichteter Kollektiva: der 
Selbstmorder, der Gefangenen, der Kranken, der Seefahrer oder 
der Irren, vorwegnahmen. In seinen Versen riistete sich die Erde, 
von der roten Sintflut bedeckt zu werden. Und lange ehe der 
Ararat der Goldmark als einziger Gipfel aus der Flut ragte, bis 
auf den letzten Platz von Frefisack, Gurtelpelz und Naschkatz 
besetzt, hatte Alfred Lichtenstein, der in den ersten Tagen des 
Krieges gefallen war, jene tristen und aufgeschwemmten Figuren 
ins Blickfeld geriickt, fiir die Kastner die Schablone gefunden 
hat. Was nun den Burger in dieser friihen, noch vorexpressio- 
nistischen Fassung von dem spateren und nachexpressionisti- 
schen unterscheidet, ist seine Exzentrizitat. Lichtenstein hat nicht 
umsonst eines seiner Gedichte einem Clown zugeeignet. Seinen 
Biirgern steckt die Clownerie der Verzweiflung noch in den 
Knochen. Sie haben noch nicht den Exzentrik als Gegenstand des 
groEstadtischen Amusements aus sich herausgesetzt. Sie sind 
noch nicht so ganzlich saturiert, noch nicht so ganz Agenten, dafi 
sie nicht ihre dunkle Solidaritat mit einer Ware, fiir die die 
Absatzkrise schon am Horizont heraufzieht, fiihlten. Der Friede 
kam dann - jene Absatzstockung der Menschenware, die wir als 
Arbeitslosigkeit kennenlernen. Und Selbstmord, wie ihn Lich- 
tensteins Gedichte propagieren, ist Dumping, Absatz dieser 
Ware zu Schleuderpreisen. Von alledem wissen Kastners Stro- 
phen nichts mehr. Ihr Takt folgt ganz genau den Noten, nach 
denen die armen reichen Leute Triibsal blasen; sie sprechen zu 



Literaturgeschichte und Literaturwissenschaft 283 

der Traurigkeit des Saturierten, der sein Geld nicht restlos sei- 
nem Magen zuwenden kann. Gequalte Stupiditat: das ist von 
den zweitausendjahrigen Metamorphosen der Melancholie die 
letzte. 

Kastners Gedichte sind Sachen fur Grofiverdiener, jene traurigen 
schwerfalligen Puppen, deren Weg iiber Leichen geht. Mit der 
Festigkeit ihrer Panzerung, der Langsamkeit ihrer Fortbewe- 
gung, der Blindheit ihres Wirkens, sind sie das Stelldichein, das 
Tank und Wanze sich im Menschen gegeben haben. Diese Ge- 
dichte wimmeln von ihnen wie ein Citycafe' nach Borsenschlufi. 
Was Wunder, da sie ihre Funktion darin haben, diesen Typ mit 
sich selbst zu versohnen und jene Identitat zwischen Berufs- und 
Privatleben herzustellen, die von diesen Leuten unter dem Na- 
men »MenschIichkeit« verstanden wird, in Wahrheit aber das 
eigentlich Bestialische ist, weil alle echte Menschlichkeit - unter 
den heutigen Verhaltnissen - nur aus der Spannung zwischen 
jenen beiden Polen hervorgehen kann. In ihr bilden sich Besin- 
nung und Tat, sie zu schaffen ist die Aufgabe jeder politischen 
Lyrik, und erfullt wird sie heute am strengsten in den Gedichten 
von Brecht. Bei Kastner mufi sie der Siiffisanz und dem Fatalis- 
mus Platz machen. Es ist der Fatalismus derer, die dem Produk- 
tionsprozefi am fernsten stehen, und deren dunkles Werben um 
die Konjunkturen der Haltung eines Mannes vergleichbar ist, 
der sich ganz den unerforschlichen Glucksfallen seiner Verdau- 
ung anheimgibt. Sicher hat das Kollern in diesen Versen mehr 
von Blahungen als vom Umsturz. Von jeher gingen Hartleibig- 
keit und Schwermut zusammen. Seit aber im sozialen Korper die 
Safte stocken, schlagt Dumpfheit uns auf Schritt und Tritt ent- 
gegen. Kastners Gedichte machen die Luft nicht besser. 



Literaturgeschichte und Literaturwissenschaft 

Immer wieder wird man versuchen, die Geschichte der einzelnen 
Wissenschaften im Zuge einer in sich geschlossenen Entwicklung 
vorzutragen. Man spricht ja gern von autonomen Wissenschaf- 
ten. Und wenn mit dieser Formel auch zunachst nur das begriff- 
liche System der einzelnen Disziplinen gemeint ist - die Vor- 



284 Kridken und Rezensionen • 193 1 

stellung von der Autonomic gleitet dodi ins Historische leicht 
hinuber und fiihrt zu dem Versuch, die Wissenschaftsgesdiichte 
jeweils als einen selbstandig abgesonderten Verlauf aufler- 
halb des politisch-geistigen Gesamtgeschehens darzustellen. Das 
Recht, so vorzugehen, mag hier nicht debattiert werden; unab- 
hangig von der Entscheidung iiber diese Frage besteht fur einen 
Querschnitt durch den jeweiligen Stand einer Disziplin die Not- 
wendigkeit, den sich ergebenden Befund nicht nur als Glied im 
autonomen Geschichtsverlaufe dieser Wissenschaft, sondern vor 
allem als ein Element der gesamten Kulturlage im betreffenden 
Zeitpunkte aufzuzeigen. Wenn, wie im folgenden dargelegt 
wird, die Literaturgeschichte mitten in einer Krise steht, so ist 
diese Krise nur Teilerscheinung einer sehr viel allgemeineren. 
Die Literaturgeschichte ist nicht nur eine Disziplin, sondern in 
ihrer Entwicklung selbst ein Moment der allgemeinen Ge- 
schichte. 

Das zweite ist sie gewifi. Aber ist sie wirklich das erste? Ist 
Literaturgeschichte eine Disziplin der Geschichte? In welchem 
Sinn das zu verneinen ist, wird sich im folgenden ergeben; es ist 
nicht mehr als billig, mit dem Hinweis zu beginnen, daft sie 
durchaus nicht, wie ihr Name vermuten Hefie, von Anfang an im 
Rahmen der Geschichte aufgetreten ist. Als Zweig der schon- 
geistigen Ausbildung, eine Art angewandter Geschmackskunde, 
stand sie im achtzehnten Jahrhundert zwischen einem Lehrbuche 
der Asthetik und einem Buchhandlerkatalog. 
Als erster pragmatischer Literarhistoriker tritt im Jahre 1835 
Gervinus mit dem ersten Bande seiner »Geschichte der poeti- 
schen Nationalliteratur der Deutschen« hervor. Er zahlte sich der 
historischen Schule zu; die grofien Werke sind ihm »historische 
Ereignisse, die Dichter Genien der Aktivitat und die Urteile iiber 
sie weittragende offentliche Nachwirkungen. Diese Analogie zur 
Welthistorie bleibt so innig mit der individuellen Haltung von 
Gervinus verquickt wie sein Verfahren, die fehlenden kunst- 
philosophischen Gesichtspunkte durch >Vergleichung< der grofien 
Werke mit >verwandten< zu ersetzen.« Das wahre Verhaltnis 
zwischen Literatur und Geschichte konnte dies glanzende aber 
methodisch naive Werk sich nicht zum Problem machen, ge- 
schweige denn das von Geschichte zu Literaturgeschichte. Uber- 
blickt man vielmehr die Versuche bis zur Jahrhundertmitte, so 



Literaturgeschichte und Literaturwissenschaft 285 

zeigt sich, wie durchaus ungeklart die Stellung der Literatur- 
gesdiichte, sei es in, sei es auch nur zur Historie geblieben war. 
Unter Mannern wie Michael Bernays, Richard Heinzel, Richard 
Maria Werner trat auf diese erkenntniskritische Ratlosigkeit der 
Riickschlag ein. Mehr oder weniger vorsatzlich gab man die 
Orientierung an der Geschichte auf, um sie mit einer Anlehnung 
an die exakte Naturwissenschaft zu vertauschen. Wahrend vor- 
her selbst bibliographisch gerichtete Kompllationen eine Vor- 
stellung vom Gesamtverlaufe erkennen liefien, ging man nun 
verbissen auf Einzelarbeit, auf das »Sammein und Hegen« zu- 
riick. Allerdings hat diese Zeit positivistischer Doktrin eine Fulle 
von Literaturgeschichten fiir den biirgerlichen Hausgebrauch als 
Komplement der strengen Forscherarbeit hervorgebracht. Aber 
das universaihistorische Panorama, das sie entrollen, war nichts 
als eine Art darstellerischen Komforts fiir Verfasser und Leser- 
schaft. Die Scherersche Literaturgeschichte mit ihrem Unterbau 
exakter Tatsachen und ihren grofien rhythmischen Periodisie- 
rungen von drei zu drei Jahrhunderten laEt sich sehr wohl als 
Synthese der beiden Grundrichtungen damaliger Forschung ver- 
stehen. Mit Recht hat man die kulturpolitischen und organisa- 
torischen Absichten, aus denen dieses Werk hervorging, betont 
und die Makart- Vision eines kolossalen Triumphzugs idealer 
deutscher Gestalten, die ihm zugrunde liegt, aufgezeigt. Scherer 
lafit die tragenden Figuren seiner kiihnen Komposition »bald 
aus der politischen, bald aus der literarischen, religiosen oder 
philosophischen Atmosphare entspringen, ohne den Eindruck 
hoherer Notwendigkeit, ja auch nur der aufierlichen Konsequenz 
zu erwecken, er durchkreuzt ihre Wirkungen mit solchen der 
Einzelwerke, der verabsolutierten Ideen oder Dichtungsgestal- 
ten, wodurch ein farbiger Wirrwarr, aber nichts weniger als eine 
geschichtliche Ordnung entsteht.« 

Was sich hier vorbereitet, ist der falsche Universalismus der 
kulturhistorischen Methode. Mit dem von Rickert und Windel- 
band gepragten Begriff der Kulturwissenschaften vollendet sich 
diese Entwicklung; ja der Sieg der kulturgeschichtlichen An- 
schauungsart war ein so unumschrankter, daS nun sie mir 
Lamprechts »Deutscher Geschichte« zur erkenntnistheoretischen 
Grundlage der pragmatischen wurde. Mit der Proklamation der 
»Werte« war die Geschichte ein fiir allemal im Sinn des Moder- 



286 Kritiken und Rezensionen • 193 1 

nismus umgefalscht, die Forschung nur der Laiendienst an einem 
Kult geworden, in dem die »ewigen Werte« nach einem synkre- 
tistischen Ritus zelebriert werden. Es ist immer denkwiirdig, wie 
kurz von hier der Weg bis zu den rabiatesten Verirrungen der 
neuesten Literarhistorie gewesen ist; welche Reize die ent- 
mannte Methodik den widerwartigsten Neologismen hinter der 
goldnen Pforte der »Werte« abzugewinnen verstand: »Wie alle 
Poesie zuletzt auf eine Welt der >wortbaren< Werte hinzielt, so 
bedeutet sie in formaler Beziehung eine letzte Steigerung und 
Verinnerlichung der unmittelbaren Ausdruckskrafte der Rede.« 
Wohl oder libel wird man nach dieser Mitteilung schon fiihllos 
fiir den Chock der Erkenntnis geworden sein, dafi der Dichter 
selbst diese »letzte Steigerung und Verinnerlichung« als »Wor- 
tungs-Lust« erlebe. Es ist die gleiche Welt, in der das »Wort- 
kunstwerk« zu Hause ist, und selten hat ein provoziertes Wort 
so grofien Adel an den Tag gelegt, wie in dem Falle »Dichtung«. 
Mit alledem macht jene Wissenschaft sich wichtig, welche 
immer durch die »Weite« ihrer Gegenstande, durch das »synthe- 
tische« Gebaren sich verrat. Der geile Drang aufs grofie Ganze 
ist ihr Unglikk. Man hore: »Mit uberwaltigender Kraft und 
Reinheit treten die geistigen Werte hervor . . . >Ideen<, welche 
die Seele des Dichters schwingen lassen und zur symbolischen 
Gestaltung reizen. Unsystematisch und doch deutlich genug lafit 
uns der Dichter in jedem Augenblick fiihlen, welchem Werte 
oder welcher Wertschicht er den Vorzug gibt; vielleicht auch, 
welche Rangordnung er den Werten iiberhaupt zuerkennt.« In 
diesem Sumpfe ist die Hydra der Schulasthetik mit ihren sieben 
Kopfen: Schopfertum, Einfuhlung, Zeitentbundenheit, Nach- 
schopfung, Miterleben, Illusion und Kunstgenuft zu Hause. Wer 
sich in der Welt ihrer Anbeter umzutun wiinscht, hat nur das 
neueste representative Sammelbuch 1 zur Hand zu nehmen, in 
dem die deutschen Literarhistoriker der Gegenwart sich Rechen- 
schaft von ihrer Arbeit zu geben suchen, und dem die obigen 
Zitate entnommen sind. Womit allerdings nicht gesagt sein soil, 
dafi seine Mitarbeiter solidarisch fiireinander haften; gewifi 
heben sich Autoren wie Gumbel, Cysarz, Muschg, Nadler von 
dem chaotischen Grunde, auf welchem sie hier erscheinen, ab. 

1 Philosophic der Literaturwissenschaft. Hrsg. von Emil Ermatinger. Berlin: Junker 
und Dunnhaupt Verlag 1930. X, 478 S. 



Literaturgeschichte und Literaturwissenschaft 287 

Um so bezeichnender aber, dafi selbst Manner, die sich auf wis- 
senschaftliche Leistungen von Rang zu berufen vermogen, wenig 
oder nichts von der Haltung, die die fruhe Germanistik geadelt 
hat, in der Gemeinschaft ihrer Fachgenossen zur Geltung zu 
bringen vermocht haben. Die ganze Unternehmung ruft fur den, 
der in Dingen der Dichtung zu Hause ist, den unheimlichen 
Eindruck hervor, es kame in ihr schones, festes Haus mit dem 
Vorgeben, seine Schatze und Herrlichkeiten bewundern zu wol- 
Ien, mit schweren Schritten eine Kompanie von Soldnern hinein- 
marschiert, und im Augenblick wird es klar: die scheren sich den 
Teufel um die Ordnung und das Inventar des Hauses; die sind 
hier eingeriickt, weil es so gunstig liegt, und sich von ihm aus 
ein Briickenkopf oder eine Eisenbahnlinie beschiefien lafit, deren 
Verteidigung im Biirgerkriege wichtig ist. So hat die Literatur- 
geschichte sich's hier im Haus der Dichtung eingerichtet, weil aus 
der Position des »Schonen«, der »ErIebniswerte«, des »ldeellen« 
und ahnlicher Ochsenaugen in diesem Hause sich in der besten 
Deckung Feuer geben lafit. 

Man kann nicht sagen, dafi die Truppen, die ihnen hier im 
Kleinkrieg gegeniiberliegen, iiber eine ausreichende Schulung 
verfiigen. Sie stehen unter dem Kommando der materialistischen 
Literarhistoriker, unter denen der alte Franz Mehring immer 
noch um Haupteslange hervorragt. Was dieser Mann bedeutet, 
belegt jeder Versuch materialistischer Literarhistorie, der seit 
seinem Tode hervorgetreten ist, von neuem. Am deutlichsten 
Kleinbergs »Deutsche Dichtung in ihren sozialen, zeit- und gei- 
stesgeschichtlichen Bedingungen« - ein Werk, das sklavisch alle 
Schablonen eines Leixner oder Koenig auspinselt, um sie dann 
allenfalls mit einigen freidenkerischen Ornamenten einzurah- 
men; ein reenter Haussegen des kleinen Mannes. Indessen ist 
Mehring Materialist weit mehr durch den Umfang seiner allge- 
mein-historischen und wirtschaftsgeschichtlichen Kenntnisse als 
durch seine Methode. Seine Tendenz geht auf Marx, seine Schu- 
lung auf Kant zuriick. So ist das Werk dieses Mannes, der ehern 
an der Oberzeugung festhielt, es mufiten »die edelsten Guter der 
Nation« unter alien Umstanden ihre Geltung behalten, viel eher 
ein im besten Sinne konservierendes als umstiirzendes. 
Aber der Jungbrunnen der Geschichte wird von der Lethe ge- 
speist. Nichts erneuert so wie Vergessenheit. Mit der Krise der 



288 Kritiken und Rezensionen '1931 

Bildung wachst der leere Reprasentationscharakter der Litera- 
turgeschichte, der in den vielen popularen Darstellungen am 
handgreiflichsten zutage tritt. Es ist immer derselbe verwischte 
Text, der bald in der, bald in jener Anordnung auftritt. Seine 
Leistung hat mit wissenschaftlicher sdion lange nichts mehr zu 
schaffen, seine Funktion erschopft sich darin, gewissen Schichten 
die Illusion einer Teilnahme an den Kulturgtitern der schonen 
Literatur zu geben. Nur eine Wissenschaft, die ihren musealen 
Charakter aufgibt, kann an die Stelle der Illusion Wirkliches 
setzen. Das hatte zur Voraussetzung nicht nur die Entschlossen- 
heit, vieles auszulassen, sondern die Fahigkeit, den Betrieb der 
Literaturgeschichte, bewufit, in einen Zeitraum hineinzustellen, 
in dem die Zahl der Schreibenden - das sind ja nicht nur die 
Literaten und Dichter - tagtaglich wachst und das technische 
Interesse an den Dingen des Schrifttums sich sehr viel dringlicher 
bemerkbar macht als das erbauliche. Mit Analysen des anony- 
men Schrifttums - der Kalender- und Kolportageliteratur z. B. - 
sowie der Soziologie des Publikums, der SchriftstellerbLinde, des 
Buchvertricbs zu verschiedenen Zeiten konnten neuere Forscher 
dem Rechnung tragen, haben es zum Teil auch begonnen. Aber 
dabei kommt es vielleicht weniger auf eine Erneuerung des Lehr- 
betriebs durch die Forschung als der Forschung durch den Lehr- 
betrieb an. Denn mit der Krise der Bildung steht ja in genauem 
Zusammenhang, daft die Literaturgeschichte die wichtigste Auf- 
gabe - mit der sie als »Schone Wissenschaft« ins Leben getreten 
ist, - die didaktische namlich, ganz aus den Augen verloren 
hat. 

Soviel von den gesellschaftlichen Umstanden. Wie hier der Mo- 
dernismus die Spannung zwischen Erkenntnis und Praxis im 
musealen Bildungsbegriff niveliiert hat, so im historischen Be- 
reiche die von Gegenwartigem und Gewesenem, will sagen die 
von Kritik und Literaturgeschichte. Die Literaturgeschichte des 
Modernismus denkt nicht daran, vor ihrerZeit durch eine frucht- 
bare Durchdringung des Ehemaligen sich zu legitimleren, sie 
vermeint, das durch Gonnerschaft dem zeitgenossischen Schrift- 
tum gegeniiber besser zu konnen. Es ist erstaunlich, wie die 
akademische Wissenschaft hier mit allem geht, mitgeht. Wenn 
friihere Germanistik die Literatur ihrer Zeit aus dem Kreise 
ihrer Betrachtung ausschied, so war das nicht, wie man es heute 



Literaturgeschichte und Literaturwissenschaft 289 

versteht, kluge Vorsicht. sondern die asketische Lebensregel von 
Forschernaturen, die ihrer Epoche unmittelbar in der ihr adaqua- 
ten Durchforschung des Gewesenen dienten; Stil und Haltung 
der Briider Grimm legen Zeugnis ab, daft die Diatetik, welche 
soldi Werk erforderte, nicht geringer als die grofien kunstleri- 
schen Schaffens gewesen ist. An Stelle dieser Haltung ist der 
Ehrgeiz der Wissenschaft getreten, an Informiertheit es mit 
jedem hauptstadtischen Mittagsblatt aufnehmen zu konnen. 
Die heutige Germanistik ist eklektisch, das will sagen durch und 
durch unphilologisch, gemessen nicht am positivistischen Philo- 
logiebegriff der Scherer-Schule sondern an dem der Briider 
Grimm, die die Sachgehalte nie aufierhalb des Wortes zu fassen 
suchten und nur mit Schauder von >durchscheinender<, >iiber sich 
hinausweisender< literaturwissenschaftlicher Analyse hatten re- 
den horen. Freilich ist die Durchdringung von historischer und 
kritischer Betrachtung keiner Generation seitdem in annahernd 
ahnlichem Grade gelungen. Und wenn es einen Aspekt gibt, 
unter welchem die in vieler Hinsicht isolierte, in einigen wenigen 
Stucken - Hellingrath, Kommerell - bemerkenswerte Ge- 
schichtsschreibung der Literatur aus dem Kreise Georges sich mit 
der akademischen zusammenschliefit, so ist es, daft sie auf ihre 
Art den gleichen widerphilologischen Geist atmet. Das Aufgebot 
des alexandrinischen Pantheons, das aus den Werken der Schule 
bekannt ist, Virtus und Genius, Kairos und Damon, Fortuna und 
Psyche, steht geradezu im Dienst des Exorzismus von Ge- 
schichte. Und das Ideal dieser Forschungsrichtung ware die Auf- 
teilung des ganzen deutschen Schrifttums in heilige Haine mit 
Tempeln zeitloser Dichter im Innern. Der Abfall von der philo- 
logischen Forschung fiihrt schliefilich - und nicht zum wenigsten 
im George-Kreise - auf jene Trugfrage, die in wachsendem 
Mafie die literarhistonsche Arbeit verwirrtrwieweit und ob denn 
uberhaupt Vernunft das Kunstwerk erfassen konne. Von der 
Erkenntnis, dafi sein Dasein in der Zeit und sein Verstanden- 
werden nur zwei Seiten ein und desselben Sachverhalts sind, ist 
man weit entfernt. Sie zu erofTnen ist der monographischen Be- 
handlung der Werke und der Formen vorbehalten. 
»Fiir die Gegenwart«, heifk es bei Walter Muschg, »darf gesagt 
werden, dafi sie in ihren wesentlichen Arbeiten nahezu aus- 
schliefilidi auf die Monographic gerichtet ist. Der Glaube an den 



290 Kritiken und Rezensionen • 193 1 

Sinn einer Gesamtdarstellung ist in dem heutigen Geschlecht in 
hohem Mafi verloren. Statt dessen ringt es mit Gestalten und 
Problemen, die es in jener Epoche der Universalgeschichten 
hauptsachlich durch Liicken bezeichnet sieht.« Mit den Gestalten 
und Problemen ringt es - das mag richtig sein. Wahr ist, daft es 
vor allem mit den Werken ringen sollte. Deren gesamter Lebens- 
und Wirkungskreis hat gleichberechtigt, ja vorwiegend neben 
ihre Entstehungsgeschichte zu treten; also ihr Schicksal, ihre 
Aufnahme durch die Zeitgenossen, ihre Obersetzungen, ihr 
Ruhm. Damit gestaltet sich das Werk im Inneren zu einem 
Mikrokosmos oder viel mehr: zu einem Mikroaeon. Denn es 
handelt sich ja nicht darum, die Werke des Schrifttums im Zu- 
sammenhang ihrer Zeit darzustellen, sondern in der Zeit, da sie 
entstanden, die Zeit, die sie erkennt - das ist die unsere - zur 
Darstellung zu bringen. Damit wird die Literatur ein Organon 
der Geschichte und sie dazu - nicht das Schrifttum zum StofT- 
gebiet der Historie zu machen, ist die Aufgabe der Literatur- 
geschichte. 



Das Problem des Klassischen und die Ant ike. Acht Vortrdge 
gehalten auf der Fachtagung der klassischen Alter tumswissen- 
scbafl zu Naumburg 1930. Herausgegeben von Werner Jaeger. 
Berlin, Leipzig: Verlag von B. G. Teubner 1931. X, 128 S. 

Auf gute Art unterscheidet die vorliegende Sammelschrift sich 
von der Mehrzahl derer, in denen maftgebende Vertreter eines 
Faches zusammenwirken. Hier geht es nicht um Representation, 
sondern um eine wirkliche Arbeitsgemeinschaft, die sich denn 
auch im Vorwort von Jaeger andeutungsweise, aber bewufk 
gegen den landlaufigen Kongreftbetrieb abgrenzt. Schon die 
Formulierung des Themas bekundet eine seltene Bereitschaft, es 
mit echten Fragen aufzunehmen. Denn wenn es ein Wort gibt, 
dem fiir unser Ohr der Frageklang sich ganz verschmolzen hat, 
so ist es: das Klassische. Nur ist es vielleicht eher ein Echo als 
eine Antwort, was dieser Frage aus dem wuchtigen Massiv der 
klassischen Wort- und Bildforschung - Philologie und Archao- 
logie - hier zuriicktont. Ein vielfach abgestuftes Echo, das den 



»Das Problem des Klassischen und die Antike« 29 1 

Interval 1 zwischen dem ersten und dem letzten Aufsatz der 
Reihe f ullt. 

Der Band wird eroffnet von J. Stroux mlt einer Abhandlung 
iiber die »Anschauungen vom Klassischen im Altertum«. Der 
Verfasser unterscheidet drei Hauptstiicke der klassischen Theo- 
rie vom Klassischen: Erstens die Lehre von der normativen Gel- 
tung der Gattungen, die darauf beruht, dafi sie aus dem Wesen 
der Kunst notwendig hervorgehen und in ihrer Physis das Ge- 
setz ihrer Entwicklung in sich tragen; zweitens die Lehre von der 
Symmetric und organischen Struktur des Werkes, die es haben 
mufi, um das Schone zu verwirklichen; drittens die Lehre von 
dem Geziemenden - dem Prepon - das man kurz als die Theo- 
rie von alien harmonisch zu gestaltenden Beziigen und Mafien 
fassen darf. 

Man sieht: soviel Bestimmungen, soviel Ratsel. Das Ratselhafte 
aber an diesen Aufstellungen ist ganz identisch mit dem von 
Rechts wegen - de jure, leider nicht de facto - Einmaligen an 
ihnen: dafi die Besinnung auf die Kunstubung in der klassischen 
Epoche des Griechentums von jedweder Bezugnahme auf ein 
geschichtliches Werden, einen historischen Index des eigenen 
Daseins frei ist. Man ist einem sehr einladenden Abhang 
gefolgt, als man, wie es zuletzt Georg Lukacs in seiner »Theo- 
rie des Romans« getan hat, diese Abwesenheit geschichtlicher 
Fragwiirdigkeiten im antiken Bewufttsein als ideale Natiirlich- 
keit, Naivitat im Schillerschen Sinne begriff. Demgegeniiber 
behauptet Nietzsches Entdeckung von dem heroisch exponierten 
Dasein des griechischen Menschen, den ungeheuren Spannun- 
gen, die er in sich zu uberbrucken hatte, ihr besseres Recht, wie 
sie ja auch der Gegenpol viel mehr als der Gegensatz zu Win- 
kelmanns »edler Einfalt und stiller Grofte« gewesen ist. Dem 
schwebend Gefahrdeten jener Existenz tragen solche Bestim- 
mungen viel eher Rechnung als der idealistische Humanismus, 
der schlechtweg an die Musterhaftigkeit des reinen Menschen- 
tums anschliefit und unter den Mitarbeitern der Sammelschrift 
einen radikalen Vertreter nur in Schadewaldt gefunden hat. »In 
der organischen Gestalt«, heifit es bei ihm, »lafk klassische Kunst 
die Idee der Norm am Bilde der Natur aufleuchten; so macht sie 
dem zerstiickten Leben gleichsam vor, wie es denn moglich sei, 
eines und ein Ganzes zu werden. « Mit dieser Einkorperung der 



292 Kritiken und Rezensionen * 193 1 

Norm in die Natur ist die griechische Kunst bisher nur allzu oft 
umschrieben und daher nicht sowohl der griechische NaturbegrifT 
gedeutet, als vielmehr Griechentum als Natur oktroyiert wor- 
den. 

In einer ganz anderen Welt steht man mit dem Verfasser der 
letzten Arbeit, H. Kuhn. »>Klassisch< als historischer Begriff« ist 
sein Beitrag betitelt. Es ist, wie es darin heifit, »dem Griechen- 
tum eigentiimlich, dafi es das eigene reifende Leben als etwas zu 
Vollbringendes auffafite, als eine Leistung, die, gedankenhaft 
vorausgenommen, an ihrem hochsten Entwurf als ihrer Norm zu 
messen ist«. Oder genauer: »>Klassisch< heifit die Reife einer 
geschicht lichen Entwicklung, die dem organischen Wachstum 
analog ist. GemafJ dem Charakter des menschlichen Tuns ist 
diese gewordene Vollendung zugleich Losung einer zu leistenden 
Aufgabe und als solche musterhaft. Aber wie die Vollendung nur 
im >fruchtbaren Augenblick< als Erfiillung hervortreten konnte, 
so wird sie ihre Musterhaftigkeit nur nach Mafigabe der Ge- 
schichtszeit entfalten konnen.« Wenn ein Humanist alten Schla- 
ges - und der bleibt Schadewaldt ungeachtet seiner Neigung zu 
Georgischen Denkmotiven - erklart, daf? die Klassik »allein in 
der Kunst« sich vollende, so spricht in Kuhn ein Mann, dem 
keine der Erscheinungen des klassischen Lebenskreises mehr 
selbstverstandlich - und das heifk heute sicher: falsch verstan- 
den - ist und dem die Schwierigkeit, den Begriff einer Klassik 
zu denken, »leichter einzusehen« scheint als je. »Wir erinnern 
nur an das Unternehmen, in der Kunstgeschichte mittels des 
BegrirTes vom >Kunstwollen< die BegrifTe von Bliite und Verfall 
ganz auszuschaltenjoder an die mannigfachen,an dieRomantik, 
vor allem an Bachofen ankniipfenden Versuche, das Schwerge- 
wicht in friihere als die sonst klassisch genannten Perioden zu- 
ruckzuverlegen. Diese Schwierigkeit 1st durch keine philosophi- 
sche Verfugung und durch keine Ordnung und Deutung des 
empirischen Materials aus der Welt zu scharTen. In ihr meldet 
sich die Bedeutung jenes . . . Sachverhaltes, der in die geschicht- 
liche Begriffsbildung ein Moment der Unruhe hineintragt und sie 
einer permanenten Grundlagenkrisis aussetzt.« 
Sehr schlussig greift hier mit seiner Ablehnung aller falschen 
Beruhigungsmittel B. Schweitzers Arbeit »Ober das Klassische in 
der Kunst der Antike« ein. Sie geht in der Hauptsache gegen 



»Das Problem des Klassiscben und die Antike« 293 

Wolfflins Versuch, das Klassische, wenn nicht mechanisch-, so 
historisch-zeitlos im Zuge einer autonomen Entwicklung der 
Sehweise zu bestimmen. »Sollten nicht ebenso wie die Vorgange 
der StofTwahl audi die Krafte der formal-kiinstlerischen Gestal- 
tung, die Art und Weise des Sehens historisch bedingt sein? . . . 
In der Tat, das Gegenstandliche zum Gehalt, das Formale zur 
Gestalt erhoben konnen nur als Ausdruck auf ein hinter beiden 
Liegendes bezogen werden, auf ein >KunstwolIen<.« 
Was mit dergleichen Oberlegungen punktiert erscheint, ist frei- 
lich nur die eine Achse in dem hier zur Bestimmung der Klassik 
errichteten Koordinatensystem. Die universalhistorische wird 
senkrecht von der romisch-antiken geschnitten. Diesen Schnitt- 
purikt: den der romischen Klassik - die da als erste Renaissance 
ebenso originell ist wie die griechische Urklassik - mit der 
griechischen zu bestimmen, ist zumal in Fraenkels Untersuchung 
iiber »Die klassische Dichtung der R6mer« der Gegenstand. 
Dergleichen spezielle Untersuchungen sind umso unentbehr- 
Ucher, als gerade der Reichtum der Vermittlungen, die gedank- 
liche Organisation und Verknupfung der Fakten dariiber ent- 
scheidet, wieweit der Begriff des Klassischen gegen den der Hu- 
manitat, der Natur, der absoluten Vollendung und ahnliche 
Allgemeinheiten abzudichten, wieweit seine Einbringung in eine 
Philosophic der Geschichte vollziehbar ist, die ihrer obersten 
Aufgabe, das Gegenwartige als ein historisch Entscheidendes zu 
begreifen, gerecht wird. Kein Zweifel, dafi diese Intention durch 
eine Auseinandersetzung mit aufierwissenschaftlichen Deutun- 
gen des Sachverhaltes an Scharfe hin und wieder gewonnen 
hatte. Wie nahe riihrt nicht die vorziigliche Ableitung des Klas- 
sischen aus dem Gedanken einer »koniglichen Techne«, welche 
das Griechentum »nach dem Modell der spezialisierten kunst- 
mafiigen Leistung«, der Techne iiberhaupt, sidi gebildet habe, an 
das Tiefste, was Valery iiber die Klassik zu sagen hat. Macht 
eine Forschertagung sich von den Schranken des berufsmaftigen 
Alltags einmal frei, so sahe man gern, dafi sie, wenn nicht in 
persona so im Zitat, bedeutende Denker zu Gast bate. Heute hat 
iiber Klassik kaum einer mehr zu sagen als der Verfasser des 
»Eupalinos«. Audi er aber hatte wohl nur zum Ausdruck brin- 
gen konnen, wovon die Spur in den besten Arbeiten dieser Reihe 
erkennbar ist: die dringende Frage, wie die vollendete Klassik 



294 Kritiken und Rezensionen -1931 

oder die »Herrschaft der Kunst« mit den Machten sich aus- 
einandersetzt, die von zwei entgegengesetzten Seiten her gegen 
sie anriicken: denen des religiosen Gemeinwesens, das keine 
Vollkommenheit als in Erftillung offenbarter Satzungen kennt, 
und denen einer sozialistischen Gesellschaft, die keine als die der 
menschlichen Beziehungen selber achtet. 

Diese Frage bleibt offen. Und das ist gut so. Denn eine Betrach- 
tung der Klassik, die von der Sklaverei nichts zu sagen weifi, 
kann am Ende doch nicht als abschliefiend gelten. 



WlE ERKLAREN SICH GROSSE BuCHERFOLGE? 
»Chrut und Uchrut« - ein schweizerisches Krauterbuch 

Unsere Buchkritik ist an die Neuerscheinung geheftet. Kaum 
eines ihrer Kennzeichen, insbesondere ihrer Gebrechen, das nicht 
mit diesem Tatbestand zusammenhinge. Informationen losen 
taglich oder stundlich einander ab. Erkenntnisse kpnnen die 
Geschwindigkeitskonkurrenz mit ihnen nicht aufnehmen. Da 
stehen denn Reaktionen zur Verfiigung, die in den Rezensenten 
den literarischen Reizen (der Neuerscheinung) mit der gleichen 
Geschwindigkeit antworten, mit der die Biicher aufeinander fol- 
gen. Information und Reaktion - auf dem luckenlosen Zusam- 
menspiel dieser beiden beruht die Schlagkraft des Rezensions- 
betriebes. Und was da »Urteil« oder »Wertung« heifk, das ist 
nur die Stafette, die sie im Augenblick der Ablosung einander 
zuwerfen. Dafi dem Verfahren, Biicher so zu »werten«, ein 
ganzlich anderes: sie erkenntnismafSig zu verwerten, entgegen- 
gestellt werden kann, bedarf keines Beweises. Da wird denn 
plotzlich der rein asthetische Gesichtspunkt unzulanglich, die 
Information des Publikums Nebensache, das Urteil des Rezen- 
senten belanglos. Dagegen treten eine Anzahl vollig neuer Fra- 
gen in den Vordergrund: Welchern Umstand verdankt das Werk 
Erfolg oder Mifierfolg? was hat das Votum derKritik bestimmt? 
an welche Konventionen schhefit es an? in welchen Kreisen sucht 
es seine Leser? Eine Bescheidung und Gesundung der Kritik, eine 
Sanierung, ist es, die mit solch neuem Blick sich anbahnt. Ihre 
Merkmale: unabhangig zu sein von der Neuerscheinung; wis- 



Wie erklaren sich grofie Budierfolge? 295 

senschaftliche Werke so gut zu betrefTen wie belletristische; 
indifferent gegen die Qualitat des zugrundegelegten Werkes zu 
bleiben. Niveau und Haltung, die sie im Journalismus verspielt 
hat, wird die Kritik an solchen Aufgaben am ehesten zuriick- 
gewinnen, den Anspruch auf Unfehlbarkeit von Reaktionen 
aber, auf den sie sich heute stiitzt, als widersinnig und anstofiig 
fallen lassen. Daf5 die erkenntnismafiige Verwertung von Bu- 
chern mit ihrer literarischen »Wertung« identisch wiirde, - die- 
ses seltene Optimum der Kritik setzt nicht nur den vollkomme- 
nen Kritiker voraus: selbst er kann nur zu diesem Ziel gelangen, 
wo das grofie Werk sein Gegenstand ist. 

Desto lockender, in diesem Bewufksein einem kleinen sich zuzu- 
wenden, das nicht weniger vollkommen zu sein braucht. Das 
Krauterbuch des Pfarrers Kiinzle 1 ist eine Schrift, wie nicht nur 
der Kranke, sondern audi der Rezensent sie sich dankbarer gar 
nicht wunschen kann. Der neue Rezensent wenigstens, an wel- 
clien hier appelliert wurde. Wo den alten die Wald- und Wiesen- 
breite volkstiimlicher Literatur angahnt, lockt den neuen, mate- 
rialistischer eingestellten, die griinste Weide. Griin ist natiirlich 
der Umschlag des Buches und die Auflageziffern - botanische, 
wenn nicht astrologische Zahlen - genug, die Krauter einer klei- 
nen Trift zu zahlen. 720. bis 730. Tausend - lafJt dem neuen 
Rezensenten das Herz hoher schlagen. Da hat er also eines der 
Biicher vor sich, fiir die Begnffe wie Kritik und Zeitungsinserat, 
Bibliothek und Sortimenter ihre Geltung verloren haben; ein 
Buch, unter dem die Meisterwerke der Literatur so winzig in der 
Tiefe liegen wie Festungen und Stadte, Dome und Palaste unter 
den harten Grasern der hochsten Almen. Und weil es das 
nacbst der Bibel verbreitetste Buch der Schweiz sein diirfte, so ist 
es wohl auch natiirlich, daft es - auf seine profane Weise - eine 
bibliographische Figur fiir sich macht. Man kann sogar sagen, 
daE sie, auf recht possierliche Art, das Gegenstiick der biblischen 
ist. Oder wo hatte man sonst als erstes Titelwort, und noch dazu 
in fetten Lettern, lesen miissen: »Nachdruck verboten«? Dann 
folgen auf der zweiten Seite »Worterklarung[en] fiir Nicht- 
schweizer«, und unter ihnen wirbt eine Anzeige fiir eine Schul- 

1 Johann Kunzle, Chrut und Uchrut. Praktisdies Heilkrauterbiichlcin von Joh. 
Kiinzle, Krauterpfarrer in Zizcrs bei Chur (Sdiwciz). Feldkirch: Fr. Untcrberger 1930. 
64 S. 



296 Kritiken und Rezensionen '1931 

ausgabe des Werkes, in der »alles, was fur Schiiler nicht pafit«, 
weggelassen ist. Seite 3 bringt eine Probe aus den lakonischen 
Vorworten, die das Buch auf seinem Wege durch die Hundert- 
tausende geleitet haben. Zur Auflage 140 000-180 000: 
»Der Hebe Gott hat meinem Buchlein Erfolg verliehen. Das Volk 
reifit sich darum, die alten ehrlichen Krauter kommen wieder zu 
Ehren, und die Giitterli [Flaschchen] mit hochmiitigen fremden 
Namen in Verdacht, Gott zur Ehr* und dem Volk zu Nutz wird 
das Schriftchen weiter gedruckt.« 

Wer schon ein wenig geblattert oder zwischen den Zeilen zu 
lesen gelernt hat, der merkt: dem Volke zu Nutz, den Medizi- 
nern zum Trutz. Unter der Hand namlich, aber nur desto stor- 
rischer geht es hier wie in aller Volksmedizin gegen die Arzte. 
Ein echtes Paradox, ein nur scheinbarer Widerspruch ist es, dafi 
die Schweiz, deren Arzte europaischen Ruf haben, seit Paracel- 
sus das gelobte Land jedweder Volksmedizin, von der fundier- 
testen Homoopathie bis zum windigsten Kurpfuscherwesen ist. 
Beides hangt gewifi mit dem Oberwiegen bauerischer Bevolke- 
rung zusammen. Dem Bauer ist sein Korper an alien Teilen ein 
unentbehrliches Produktionsmittel; jeder Schaden, audi der be- 
schrankteste, ist fiir den in der Landwirtschaft Tatigen schwerer 
zu kompensieren als fiir den Industriearbeiter. Daher das genaue 
Gefiihl, das der Bauer fiir seinen Korper bekommt, aber audi die 
Eifersucht, mit der er iiber ihn wacht. Fest stent, dafi Pfarrer 
Kiinzle sich beides zu Bundesgenossen gemacht hat. Dafi das 
Heil und zumal seine eigene Wissenschaft aus dem Bauernstand 
kommt und zum Bauernstand will, das zu sagen versaumt er 
keine Gelegenheit. Ja, hier, im eigenbrotlerischen Schweizer ist 
etwas wie eine Internationale des Bauernstandes zu spiiren. So 
eifernd er seine Schutzbefohlenen von den Modegecken, Uber- 
studierten, Sdimachtlappen, Stubenhockern in den Stadten son- 
dert, so generos kann er gelegentlich, wenn's urn die Bauern 
geht, mit wahrhaft Hebelscher Weltbiirgerlichkeit die Erfah- 
rungen jenes Mannes heranziehen, »der verstopft war wie eine 
alte Weinflasche; keine Pille und kein Gift half mehr auf die 
Lange. Da brachte es das Geschaft mit sich, dafi der Mann ein 
Vierteljahr unter den Bauern des nordlichen Frankreichs leben 
mufite. Dort bekam er kein Fleisch mehr« - vor dem Kiinzle 
audi den Schweizern hollisch einheizt - »aber Milch, viel Ge- 



Wie erklaren sidi grofie Bucherfolge? 297 

muse, Habermus, Diinnbier.« Und somit ist er am Bauerntische 
gesund geworden. 

Der Krautermann ist Naturkundiger - gewift. Aber das felsen- 
feste Vertrauen in sein Naturwissen gibt er den Leuten erst, 
indem er ihnen keinen Zweifel tiber seine Stellung unter den 
Menschen lafit. Nur darum mufl es den Niederen, mit denen er 
sich solidarisiert, so einleuchtend kommen, da!5 audi in der 
Natur das Unansehnlichste gerade das Beste ist, weil seine Apo- 
logie des Unkrautes nur die Kehrseite seines sozialen Bekennt- 
nisses ist. »Samtliche Unkrauter sind namlich Heilkrauter.« So 
das »gemeinste und verachtetste« unter ihnen, »der Weg-We- 
gerich; er gleicht dem armen Taglohner, der iiberall unten durch 
muft und der doch alle hinauflupft, den Graben reinigt und die 
Regierung wahlt, aber selbst in letztere nie hineinkommt« und 
ist doch in Wahrheit das »beste und haufigste aller Heilkrauter«. 
Hier ist es der demokratische Biirgerstolz, der den Ton angibt - 
immerhin einen ziemlich schrillen; bei der Mistel lauft schon 
Rebellisches unter. »Als lasuges, amtlich verbotenes und gesetz- 
lich unzulassiges, alien Gemeinderaten und Landjagern ver- 
fallenes Unkraut« ist sie »in alien 22 Kantonen eigentlich zum 
Trotz« immer noch da. Und das ist nur ein Gluck; schon der 
Pfarrer Kneipp hat sie den Bauerinnen in der Regel ans Herz 
gejegt. 

Die Tradition ist die grofie Erkenntnisquelle, die die Schlichten 
im Geist vor dem hochmiitigen Formelkram der Studierten vor- 
aushaben. Pfarrer Kneipp, der die Losung »zuriick zur Natur« 
ausgab, Pater Ludwig, »ehemals Botanik-Professor in Einsie- 
deln, jetzt verstorbener Jubelgreis«,endlich der Herr selbst, »das 
vollendetste Muster fiir das rein naturlicbe Leben, das Ideal 
eines Menschen« sind von dieser Oberlieferung die Stifter, die 
mit der Offenbarung auch dies gemein hat, dafi hin und wieder 
die Heiden sie zu verkunden wufiten. So manches Heilkraut ist 
schon vor Christi Geburt beglaubigt. Unermudlich ist dieser 
Schatz gemehrt worden, und so gibt es fast keine Krankheit, 
gegen die nicht eine grofie Anzahl von Mitteln genannt ware. 
Meist stehen sie im Verhaltnis der Steigerung, werden immer 
starker und starker. Es ist das alte Schema der Volksmedizin: 
quod ferrum non sanat . . .Bisweilen aber wird dieSachegeheim- 
nisvoll: dann ist auf einmal das letzte, starkste von alien Mitteln 



298 Kritiken und Rezensionen • 1931 

zugleich das einfachste. Neun Krauter marschieren gegen das 
Zahnweh auf, zum Schlufi aber heifit es: »Wasche jeden Morgen 
das Gesicht mit reinem kalten Wasser; trockne es aber erst ab 
nach fiinf Minuten; bringt Leuten Ruh, die sonst kein Mittel 
mehr finden.« Man braucht nur an die arztliche Ordination zu 
denken und sieht im Nu, welche Bewandtnis es eigentlich mit 
dieser Vielzahl von Mitteln hat. »So und so« sagt der Arzt; das 
ist seine Diagnose. »Dies und dies« sagt er; das ist seine Vor- 
schrift. Pfarrer Kiinzle lafk dem Patienten - seinem Instinkt, 
seinem Gliick, seinem Einfall - Spielraum. Auch holt er die 
Krankheit nicht aus dunkler Korpertiefe an das verletzende 
Licht der klinischen Wissenschaft: Blutkrankheit, Herzleiden, 
Augenweh oder Geschwulst - dabei bleibt es. Verschlagt dann 
das eine Mittel nicht, besteht noch immer Hoffnung auf das 
zweite oder dritte. Der Krauterpfarrer aber, der zehn Mittel 
kennt, weifi mehr und exponiert sich weniger als der Arzt, der 
eines verschrieben hat. Er erscheint kundiger und liberaler zu- 
gleich. 

Je langer man sich mit diesem schmalen Bandchen von vier Bo- 
gen beschaftigt, desto erstaunlicher wirkt der soziale Takt, die 
Scharfe des Klassengefiihls (von Klassenbewufttsein ist nicht die 
Rede), die auf Schritt und Tritt Wort und Verhalten des Mannes 
regeln, der scheinbar nur durch Berg und Taler unter Gottes 
freiem Himmel sich botanisierend ergeht. Denn als sollte eine 
schlichte patriarchalische Gesinnung noch besonders ins Licht 
treten, beginnt das Buch nicht etwa mit den Krankheiten, son- 
dern beschreibend: mit den Heilkrautern. Ehe es seinem offi- 
ziellen Zweck nachgeht, holt es gleichsam Atem im Bereich der 
beschreibenden Naturwissenschaft. Im ubrigen ware nichts aus- 
sichtsloser, als dieses kleine Meisterwerk »konstruieren« zu 
wollen. Konstruierbar ist es so wenig wie eine Speise, und am 
Ende geben auch ihm nicht GrundstofTe, sondern Zutaten seine 
Wiirze. Weifi Gott, dafi sie aus dem Vollen geschopft sind! Das 
ware zum Beispiel ein grober Irrtum zu meinen, der Bauernstolz, 
die Feindschaft gegen die Schulmedizin veranlasse unsern Mann, 
sich von der Wissenschaft abzukehren. Im Gegenteil. So sprode 
er sich gegen sie verhalt - ihre Primeurs sind ihm gerade gut 
genug fur sein Publikum. Warum sollte man es dem Sennen 
oder der Magd denn auch vorenthalten, dafi Sankt-Benedikts- 



Wie erklaren sich grofie Bucherfolge? 299 

Kraut oder Storchschnabel ihre Tugend der Radioaktivitat ver- 
danken? Freilich geht es bei dieser Information nicht ohne einen 
Ausfall gegen »die naseweise Wissenschaft des 18. Jahrhunderts 
ab, die alles verwarf, was sie nicht begrifT«, und die Volksweis- 
heit aus ihrenRechten verdrangen wollte. Die,vielleicht sehr viel 
naseweisere, Theologie des achtzehnten Jahrhunderts lafit Pfar- 
rer Kiinzle sich allerdings gern gefallen: »Wie gutig hat doch die 
gottliche Vorsehung bei Erschaffung der Pflanzen an die Men- 
schen gedacht.« Und die Heilkrauter hat sie dem Menschen 
iiberall »in den Weg gestreut, dafi er gern oder ungern sie immer 
zur Hand habe«. 

Ein Schufi Deismus, ein Schufi Ionentheorie - solch echtes, 
rechtes Durcheinander ist die ganze Schrift, Kraut und Ruben 
ihre Kapitelchen. Man besinne sich aber auf Bauernkalender, 
Almanache und ahnliche Drucksorten und man wird sich damit 
abfinden miissen, dafi das Volk. solche Unordnung in seinen 
Buchern liebt. Warum? Soviel ist sicher: Gewohnte Unordnung 
heimelt an; ungewohnte Ordnung wirkt frostig. Und wer gele- 
gentlich Dienstboten mit dem Nachschlagen einer Telephon- 
nummer beauftragt hat, weifi, dafi langst nicht alle, die lesen 
lernten, nachschlagen konnen. Fiir die, die es verstehen, sorgt 
hier ein alphabetisches Verzeichnis der Krankheiten, davon ab- 
gesehn aber ist die Zerfahrenheit nur die Kehrseite von dem 
enzyklopadischen Charakter des Buches, der dieser Art von 
Schriftstellerei so ausgezeichnet entspricht. Was kommt hier 
nicht alles vor und iiber wievieles, das man hier am wenigsten 
suchen wiirde, kann man beim Lesen sich seine Gedanken ma- 
chen? Da stofit man auf Babylon und New York, Kosaken und 
Bulgaren, Schleierfraulein und Naseherren, Frauenstimmrecht 
und Majestatsbeleidigung, vermummte Wilderer und Juden, 
Gesundheitskommissionen und Schutzengel, ganz zu schweigen 
von den vielen Bekannten, den Toni, Alfred, Jakob, Seppl, den 
Liseli, Babeli usw. Man betrachte nur einmal den Zug, den die 
Professoren hier anfiihren, und wird nicht wissen, ob nian es mit 
einer Doreschen Illustration zum Rabelais zu tun hat oder mit 
einem Prospekt des rheinischen Karnevals. »Professorentee« 
heifit es in grofien Buchstaben: »So benenne ich den Tee, der 
hauptsachlich fiir Leute bestimmt ist, die wie Professoren, Kom- 
mandanten, Hauptleute, Prediger, Katecheten, Lehrer, Portiers 



300 Kritiken und ftezensionen -1931 

an Bahnhofen, Ausrufer usw., viel und laut sprechen miissen.« 
Unstetes Volk sind hier die Professoren, die mit den standfesten 
Bauern in dieser Welt es nicht aufnehmen konnen. Ein andermal 
erscheinen sie in Gesellschaft der Bahnbeamten; nicht lauten 
Sprechens wegen (obwohl doch Ziige oft laut abgerufen werden), 
sondern wegen der Nachtarbeit. Beiden werden Luftkurorte ver- 
ordnet, »wo weder viel Fremde noch Klaviere und Hunde sind, 
aber dafiir viel Tannen und rauschende Bache«. Tannen und 
rauschende Bache: auf ihrem Grunde aber das verklarte Bild des 
SchweizerBauernstandes, umden alleHeilkrauter nurder Kranz 
sind. »0 gltickseliger Bauernstand, dein grofker Miststock stinkt 
bei weitem nicht so arg wie der Hochmut der Gebildeten. Nicht 
umsonst wollte der Herrgott in einem Stalle zur Welt kommen.« 
Solche Biicher sind von ihrem Erfolg nicht zu trennen. Sie sind 
bestimmt, mit zerfetzten Seiten, Eselsohren, Unterstreichungen, 
Tintenflecken den Lebensweg ihrer vielgeplagten Besitzer zu 
teilen und bald den Arzt, bald den Lehrer, bald den Dichter und 
bald den Humoristen, bald den Pastor und bald den Apotheker 
zu machen. Sie konnen dem Kritiker, dem an dem vielen Ro- 
manbrei die Zahne locker geworden sind, zeigen, was zwischen 
sie gehort. Denn die Wendigkeit, Anwendbarkeit, die in diesem 
banausischen Hausschatz mit Handen zu greifen ist, liegt, tief 
verborgen, der grofien Dichtung zugrunde. Hier beruht sie auf 
der uralten Lehre von den zwei Weltmachten: Licht und Dunkel, 
Ormuzd und Ariman, Chrut und Ucbrut. Sie alle miinden in den 
Gegensatz: Bauer-Stadter. Das ist des Pfarrers Kiinzle Men- 
schenkenntnis, gegen die seine Krauterkenntnis ein Hund ist. 



WlSSENSCHAFT NACH DER MODE 1 

An dem vorliegenden Biichlein sind einzig interessant seine ge- 
sellschaftlichen Entstehungsgriinde. Denn sein wissenschaftlicher 
Wert ist null. Aber nicht sein Wert, sondern seine Notwendig- 
keit steht in Frage. 
Diese Notwendigkeit beruht in den Verhaltnissen, aus denen die 

1 Heinz Kmdermann, Das literarisdie Antiitz der Gegenwart. Halle: Max Niemeyer 
Verlag 1930. 104 S. 



Wissenschaft nach der Mode 301 

Schrift kommt. Der Verfasser ist Hochschullehrer. Es hatte nidit 
der letzten offentlichen Kampfe bedurft, um dem Beobachter der 
Universitaten anzuzeigen, dafi ihre Angehorigen unzufrieden 
mit ihr geworden sind. Man kann dafiir viele Griinde ausfindig 
machen, der nachstliegende ist gewifi, dafi sie ihnen keine Sicher- 
heit mehr verspricht. Die Facher haben wirtschaftlich und geistig 
aufgehort Gehege zu sein. Weniger als je ist dem Studenten das 
Fortkommen in seinem Fache gewahrleistet. Der Ruf nach 
geisteswissenschaftlicher Vertiefung des Fachstudiums, der unter 
diesen Verhaltnissen laut wurde, das Streben, der Wissenschaft 
grofiere Lebensnahe zu garantieren, ist von dieser Seite nur eine 
glanzende Luftspieglung, deren elender Gegenstand das Leben 
proletarisierter Werkstudenten ist. Die freilich haben den »Kon- 
takt mit der Wirklichkeit«, aber anders, als man ihn sich vorzu- 
stellen beliebt. Und doch kann einzig dieser, als der echte, es 
sein, nach dem die Lebensnahe audi der Wissenschaft sich aus- 
zurichten hatte. Gewifi ist, dafi die akademische Forschung ein 
scharferes Bewufitsein der Umwelt, in welcher sie sich vollzieht, 
notig hat. Das wird ihr aber nur verschafTen, wer von den 
nachstliegenden Gegebenheiten ausgeht, nicht wer die ideolo- 
gischeSpiegelwelt, die dieseNot in Glanz verwandelt, um einige 
Reflexe bereichert. Am wenigsten aber wer den naiven Anschlufi 
an den merkantilen Betrieb schon gefunden hat und die »Ver- 
tiefung« schongeistiger Parolen, die Mystik von der »neuen« 
Jugend, die »Vermittlung des Kunstgenusses« zu seiner Sache 
gemacht hat. Es ist ein nicht mehr seltener Typ des jiingeren 
Hochschullehrers, von dem das gilt: der Akademiker, der die 
»Erneuerung« zu fordern glaubt, indem er die Grenzen seines 
Faches gegen den Journalismus verschleift. Weltlaufig und ge- 
schniegelt segelt er herein, um alsbald vor dem wissenschaft- 
lichen Apparat die kummerlichste Figur zu machen.- Wenn 
Komparsen wie Ginzkey oder Ebermayer, Lersch oder Wild- 
gans von namenlosen Journalisten gefeiert werden, so weifi der 
Leser, woran er ist; es wird ihm nicht weifi gemacht in einem 
heiligen Hain, fern von Geschaften, Presse, Politik auf priester- 
liche Gestalten zu stofien. Den Verfasser dagegen beherrscht ein 
fetischhafter BegrifT von Dichtung, welcher ihn gegen alle Fragen 
der Echtheit oder des Niveaus ganzlich stumpf macht. Dafi Dich- 
tung wechselnde Funktionen im Dasein der Gesellschaft hat, 



302 Kritiken und Rezensionen • 1931 

kann ihrn von seinem Konsumentenstandpunkt aus, fur den sie 
etwas ebenso Abstofiendes wie Chimarisches: ein sakrales Ge- 
nufimittel darstellt, nicht kenntlich werden. Kein Wunder, dafi 
er an dem wichtigsten Zuge der heutigen Literatur vorbeigeht: 
der innigen Durchdringung jeder grofien dichterischen Leistung 
mit der schriftstellerischen - mag man nun an Brecht oder 
Kafka, an Scheerbart oder Doblin denken. Die Synthese eines 
»Idealrealismus« freilich, fur den die Schrift im Namen der 
»Vollwirklichkeit« und einer sie reprasentierenden neuen Jugend 
sich einsetzt, beruht ganz und gar auf jenem fetischhaften Be- 
grifT der »wahren Dichtung« oder Waren-Dichtung, die »immer 
begnadet und naturgegeben« sein soil. Synthesen dieser Art 
sollte man lieber Arrangements nennen. Das lockre Handgelenk, 
aus welchem sie kommen, ist das des Dekorateurs, wie eine 
Gesellschaft, die vom Ausverkauf lebt, ihn braucht.Neu ist nur 
das Katheder als Warenstand. Aber wie elegant fliejSen nicht die 
Draperien an ihm herab: »Wie waren Roman, Kurzgeschichte 
und Novelle der neuen Jugend denkbar ohne das anekdota- 
rische (!) Meisterwerk Wilhelm Schafers, ohne Federers geheim- 
nisbeseelte Wirklichkeit, ohne Kolbenheyers realistische Vergan- 
genheitsvision, ohne Nabls steil aufragende Sachlichkeit, ohne 
Strobls greifbare Unheimlichkeitsgestaltung, ohne Hohlbaums 
Realisierung der Musikalitat, ohne Scholz' wirklichkeitsnahe 
Erfahrungstiefe, ohne Ina Seidels Glauben an die Erlebnisgewalc 
des Herzens, ohne Frank Thiefi* Streben nach einer Art Seelen- 
realismus, ohne Doblins technisierte Psychologie, ohne Bluncks 
mythischen Realismus, ohne die religiose Leidenschaftswelt der 
Handel-Mazzetti, ohne Ginzkeys lachelnde Resignation und 
SchafTners neues Sozialempfinden.« 

Und wie ware sie moglich, jene neue Jugend, ohne diese moder- 
nen, flotten, wissenschaftlichen Prospekte, in denen die Urteils- 
losigkeit abwagend, die Oberflachlichkeit griindlich, die Instinkt- 
losigkeit temperamentvoll zu Worte kommt! 



Baudelaire unterm Stahlhelm 303 

Baudelaire unterm Stahlhelm 

Ganz elende Schriften haben mit ganz vorziiglichen dies gemein, 
ihr Wesen im Sprachlichen vollkommen off enkundig und prasent 
zu haben. Jede dantesche Terzine gabe in der prosodischen Be- 
trachtung ein Schattenbild von dem, was Faktisches oder Gesche- 
henes in ihr gesagt wird. So gibt jeder Satz eines Peter Klassen 1 
das sprachliche Widerspiel der Roheit, mit der der Verfasser 
treibt, was er fur Denken halt. Es kann ihm nicht zugute gehal- 
ten werden, dafi es nicht eigene Kummerlichkeit allein, sondern 
der Verfall einer ganzen Schule ist, was ihn an diesen Punkt 
gebracht hat. Denn wie man iiber diese Schule - wir sprechen 
von der Stefan Georges - auch denken mag, so hat sie in den 
Schriften eines Hellingrath oder Kommerell doch auch Vorbilder 
eines in die Sache eingehenden Forschens gegeben. Davon ist in 
diesem nach Ton und Haltung hochst anspruchsvollen Buch, das 
einen Ossa von Klischees auf einen Pelion von Hafl tiirmt und 
damit glaubt, sich zu der Hohe Baudelaires gehifit zu haben, 
nichts zu spiiren. Die Klischees gelten dem »A11 von Machten, 
Schauern, Wuchten« als dessen >ekstatisch-traumhafter Prophet< 
der »bluthafte Ktinstlergeist« im »Weiheraum seiner Dichtung« 
thront; der HaK - hier diirfen wir uns kiirzer fassen - gilt 
Frankreich. Baudelaire, sein »dem deutschen so verwandtes« 
Denken »aus einer urspriinglichen Mysteriensicht« gespeistes 
Dasein - und als Pendant der Untermensch, der Franzose, der 
unfahig ist, »naturhaftes Wachstum anders denn als kiinstliches 
Gewirk zu betrachten«, »wie Landschaft und Leib des Menschen 
ihn erst durch kiinstliche Beformung und Aufschonung anspre- 
chen«: c'etait a trouver wie die Franzosen sagen; und aus- 
gedruckt ist das in einem Deutsch, aus welchem man mit langen 
Satzen in die fremde Sprache fliichtet. Der Schwulst, den sich 
diese Schule geschaffen hat und gegen welchen Marinismus, 
Euphuismus, Gongorismus hausbackene Varianten einer Um- 
gangssprache scheinen, hat es schwer, gegen das Deutsche sich 
durchzusetzen. Aber die Miihe ist lohnend. Denn wer wiirde 
solche Bucher noch lesen, wenn da statt des >Lebenstriebs des 
leibhaften Daseins, des Eros< etwa: Liebe, statt der »Schau des 

1 Peter Klassen, Baudelaire. "Welt und Gegenwelt. Weimar: Erich Liclitenstein Ver- 
lag (i93i). 150 S. 



304 Kritiken und Rezensionen • 193 1 

Beginnlichen« etwa: Einsicht in den Ursprung stiinde, und wenn 
er unterm »algabalhaft Vornaturischen« oder dem >weltvernich- 
tenden Geistblicke des vom Machtewind umschauerten Paria< 
iiberhaupt sich das mindeste vorstellen konnte. Der Referent 
kann es (und hat begriffen, dafi es sich hier um eine Empfehlung 
der Sklaverei vom kosmetischen Standpunkt handelt), aber eben 
darum findet er solche Biicher nicht lesenswert. Dafi ein Autor, 
welcher dergestalt alle Hande voll zu tun .hat, iiberall nach dem 
Rechten schauen, aus dem Gestaltenden das »Gestalterische«, 
aus dem Nutzen den »Nutz«, aus der Kraftlosigkeit eine »Kraf- 
telosigkeit«, dafiir dann aus der Menschenweisheit eine »Mensch- 
weisheit« machen muli, fiir Baudelaire nicht viel Zeit iibrig 
behalt, ist klar. Er entschadigt sich durch Exkurse. Die Fest- 
stellung beispielsweise, dafi »das Vordringen des demokratisch- 
freiheitlichen Geistes mit dem Vordringen der Lustseuche Hand 
in Hand ging«, wird der Leser sobald nirgend sonst finden. 
Es sei denn, er hatte das Pamphlet Baudelaires gegen Belgien zur 
Hand und stiefie auf den erschiitternden Schlufisatz des Dich- 
ters, der in jenen Monaten keinen Zweifel iiber die Natur seiner 
Krankheit mehr hegen konnte: »Nous avons tous Tesprit repu- 
blican dans les veines, comme la v£role dans les os, nous 
sommes democratises et syphilises. « Ober einen Autor, dem 
soldier Schrei gut genug ist, die orTentliche Aufmerksamkeit auf 
seine armselige Privatmeinung zu lenken, bedarf es keiner wei- 
teren Information. Fiir die Schule, die ihn sich zog, hat die letzte 
Stunde geschlagen. 



Ein Schwarmgeist auf dem Katheder: Franz von Baader 1 

Wenn die philosophischen Leistungen des nachkantischen Idea- 
Hsmus in der zweiten Halfte des neunzehnten Jahrhunderts der 
Nichtachtung anheimfielen - »Zuriick zu Kant« hiefi das Schlag- 
wort -, so war die Lehre Baaders um diese Zeit schon in Ver- 
gessenheit geraten. Kaum, dafi der Name noch in den Listen der 

1 David Baumgardt, Franz von Baader und die philosophisdie Romantik, Halle/ 
Saale: Max Niemeyer-Verlag 1927. VI, 402 S. (Deutsche Vierteljahrsschrift fiir Lite- 
raturwissensdiaft und Geistesgescfaichte; Budireihe. 10.) 



Ein Schwarmgeist auf dem Katheder 305 

Philosophiegeschichte gefiihrt wurde; auf die abstrusen, dunklen 
Schriften sich einzulassen, war die Versuchung um so geringer, 
als schwierige Kontroversen - den Einflufi Schellingscher Gedan- 
ken auf Baader, Baaderscher auf Schelling betreffend - sich an 
sie anschlossen. Wahrscheinlich um diese Zeit hat die Legende 
vom »Naturphilosophen« Baader sich entwickelt. Die Unver- 
standlichkeit wird das tertium gewesen sein, auf Grund dessen 
man zwischen Mannern wie Ennemoser, Oken, Windischmann 
auf der einen Seite und Baader auf der anderen die Gleichung 
versuchte, Berichtigt hat diese Einschatzung zunachst nicht ein 
historisches sondern ein sachliches Interesse. Ausgehend von der 
Lehre Rudolf Steiners war 191 5 Max Pulver zu einem intensiven 
Baader-Studium vorgedrungen, dessen Ertrag der Auswahlband 
des Inselverlages 2 darstellt. Diese Ausgabe ist noch heute die 
zuganglichste; die sechzehnbandige der samtlichen Schriften ist 
selten. Im Gegensatze zu Pulver setzt Baumgardt in seinem um- 
fangreichen Werke, das - nach Franz Hoffmann, dem fanati- 
schen aber unselbstandigen Schiiler Baaders - zum ersten Male 
die Gedankenwelt des Philosophen in ihrer ganzen Breite auf- 
roIlt > sich weniger werbende als wissenschaftliche Ziele. 
Im deutlichen Bewufksein der Gefahr, die gerade hier ein jeder 
laufen wurde, der, um sich seinem Gegenstande inniger zu 
nahern, zum »Konstruieren« schreiten wiirde, hat der Verfasser 
eine hochst schmiegsame, dem Gegenstande glucklich ange- 
formte, jede Gewaltsamkeit meidende Darstellung sich zu eigen 
gemacht. Wahrscheinlich ist zudem die Haltung Baaders bei aller 
Intransigenz in der Formulierung im Grunde zu eklektisch, um 
Konstruktionen an ihr nahezulegen. Noch weniger hatte man 
sich von einer laufenden kritischen Auseinandersetzung mit 
einem Denker zu versprechen, der exegetisch und kommentie- 
rend - bald auf den romischen Katholizismus, bald auf Jakob 
Bohme, bald auf die griechische Kirche gestiitzt -, dafur in der 
Form aber um so ungebundener und rhapsodischer vorgeht. 
Nein, wenn die akademische Zuruckhaltung des Verfassers hin 
und wieder zu weit gehen sollte, so ware es dem Physiogno- 
mischen gegeniiber. »Wenn Baader denken wollte, so bedurfte 
er stets - wenigstens in seinem Kopfe - eines unendlichen 
Aufwandes. Er bedurfte einer Elektrisirmaschine, einiger Galva- 
2 Franz von Baader, Schriften. Ausgew. und hrsg. von Max Pulver, Leipzig 1921. 



306 Kritiken und Rezensionen • 1931 

nischer Batterieen, einiger Scholastiker, der Mystiker ohnehin, 
zumal Jakob Bohme's, und auch wohl wo moglich einiger Bande 
von Kants Werken.« Baumgardt hat diese vorzugliche Charak- 
teristik Baaders durch Alexander Jung in dessen »Charakteren, 
Charakteristiken und vermischten Schriften« gekannt; in einer 
Anmerkung verweist er auf sie. Was seine eigene Darstellung 
angeht, so ist sie zu tief fundiert, als dafi die breitere Verwer- 
tung physiognomischen Materials - von Brieffragmenten und 
Gesprachsiiberlieferungen - ihre wissenschaftliche Dignitat hatte 
gefahrden konnen. Freilich ist solche Verfahrungsweise, die in 
Schriften uber Staatsmanner, DiditeroderKaufleuteublichist,an 
Philosophen selten versucht worden. Aberwarumeigentlichnicht? 
FiirBaader hatte sie als Motto- ich zitiere aus demGedachtnis - 
das Wort .seines Saint-Martin tragen konnen: »Ce n'est pas la 
tcte qu'il fault se casser pour saisir la verite, c'est le cceur.« 
Ohne dafi Baader es geradezu mit dem Epochenreichtum des 
Schellingschen Denkerlebens aufnehmen konnte, hat doch auch 
sein Philosophendasein die typisch romantische Pragung: auch 
sein Weg ist von weithin sichtbaren Stationen seines Innen- 
lebens geteilt, auch er verlauft in jahen Kurven, die ihn jeweils 
in neue intellektuelle Landschaften stellen. Mit seinen friihesten 
schriftstellerischen Zeugnissen, den Tagebiichern, die Baumgardt 
inzwischen an anderer Stelle 3 herausgegeben hat, erscheint Baa- 
der als bewegtes leidenschaftliches Kind der Geniezeit. Und die 
Gebarde des Sturmes und Dranges hat er - darin F. H. Jacobi 
vergleichbar - als Denker durchaus beibehalten und als Mann 
sich in die Philosopheme eines Bohme oder Pasqually mit dem 
gleichen Enthusiasmus gestiirzt, mit dem er als Heranwachsen- 
der seinen Stimmungen sich hingab. Nicht immer hat ihn dabei 
der extreme Spiritualismus geleitet, der seine Spatzeit bestimmt. 
Baader hat wie so viele Romantiker - Novalis, Steffens, G. H. 
Schubert - das Bergfach studiert und dabei physikalische und 
industrielle Tatsachen und Lehren sich zugeeignet, deren Ver- 
bindung mit den romantischen Naturtheorien zunachst ganz 
often geblieben ist. Eine Reise nach England, die er von 1792 bis 
1796 mit einem Bruder unternahm, der Ingenieur war, schien 
voriibergehend dem Empirismus eines Hobbes oder Godwin die 

3 Franz von Baader, Sccle und Welt. Franz Baader's Jugendtagebiicher 1786-1792. 
Eingel. und hrsg. von David Baumgardt, Berlin 1928. 



Ein Schwarmgeist auf dem Katheder 307 

Vorherrschaft in seiner Gedankenentwicklung zu geben. Freilich 
bleibt diese Wendung in dem Gesamtzusammenhange seines 
Daseins Episode. Aber kennzeichnend ist an ihr die Gesinnung, 
die diesen Mann mehr als irgend einen seiner Genossen darauf 
verwies, alien und selbst seinen spatesten spekulativsten Ober- 
zeugungen irgend einen Einflufi auf die Wirklichkeit zu ver- 
schafFen. So kommt ein Universalismus zustande, der wie ein 
romantisches Gegenbild zu dem gedrangt erfiillten Wirkungs- 
kreise Goethes erscheinen kann. 

Neben den fachlichen Studkn begriff sein Interesse das gesamte 
Gebiet des Okkulten ein. Versuche mit Quellenfindern und Ma- 
gnetopathen waren ihm ebenso gelaufig wie Mutungen und 
Eisenbahnbauten. Dazu kam eine, nicht nur theoretische, Befas- 
sung mit volkswirtschaftlichen Fragen; jahrelang ist er kauf- 
mannischer Leiter einer Glashtitte gewesen. Politisch hat er 
gleichfalls mit Leidenschaft eingegriffen, und die Vermutung, 
dafi der Plan zur Heiligen Alliance von 18 15 sein Werk ist, hat 
vieles fur sich, wenn sie sich auch nicht aktenmaftig belegen lafk. 
Als schliefilich Baaders politische Ziele - beherrscht von seiner 
Lieblingsidee einer Aussohnung der verschiedenen christlichen 
Bekenntnisse und vor allem des romisch-katholischen mit dem 
griechisch-orthodoxen - einen mehr und mehr chimarischen 
Charakter annahmen, haben sie ihn hart an den Rand des gesell- 
schaftlichen und wirtschaftlichen Ruins gefuhrt. So ist es wohl 
mehr oder minder mit all diesen Aktionen gewesen: sie hatten 
keine tonische Wirkung aufs Ganze seiner Lebensfuhrung, wie 
man sie bei Goethe mutmafien darf, sie markierten nur immer 
neue Brennpunkte seiner exzentrischen Geistesart. Es ist in die- 
ser rings ausgreifenden Praxis - so gut wie in seiner verrannten 
Kritik der griechischen Kunst und seinen nicht minder primitiven 
Ideen einer christlichen - ein geradezu barbarisches Element 
unverkennbar. Auch gibt es, wie Jung schon gesagt hat, »in der 
ganzen deutschen Literatur gewift keine Sprache, die in dem 
Grade barbariscb und sinnig zugleicb ware, als die Baaders«. 
Eine »gewisse Symmetric der angebrachten kleinen Barbareien« 
mag auch seine Lebensfuhrung geziert haben, vielleicht erklart 
das die Unbill, die Baader von seinen Zeitgenossen zu erleiden 
hatte, und bestimmt macht es Wilhelm v. Humboldts Urteil ver- 
standlich, der Baader zu den Menschen zahlte, »die sich fiir iiber- 



308 Kritiken und Rezensionen • 193 1 

zeugt halten, dafi man bisher auf einem ganz falschen und ober- 
flachlichen Wege gegangen ist, die eigene und tiefere Ideen liber 
das Wesen der Dinge zu besitzen meinen, die aber, gcrade viel- 
leicht wegen ihrer Tiefe, andern geradezu, besonders bei der 
Anwendung auf die leblose Natur, mystisch erscheinen«. 
Es ist im Grunde nur eine andere und gluckliche Wendung des 
gleichen Gedankens, wenn Baumgardt die besondere Figur der 
Baaderschen Lehre weniger auf eigentlicher Originalitat, denn 
»auf einer . . . hochst lebendigen und einer frappierend tiefen 
Kontrastierung mit sonstigem Denken der Zeit oder der unmit- 
telbaren Vergangenheit« beruhen sieht. Im ubrigen mag schon 
die Leidenschaft dieser Kontrastierung darauf fiihren, wieviel 
von dem, wogegen Baader sich gewandt hat, in ihm selber leben- 
dig war. Vor allem war es die Aufklarung. Sehr einleuchtend 
entwickelt Baumgardt, wie Baader in derDiagnostik der sozialen 
Lage der arbeitendcn Klassen fast alien Zeitgenossen voraus 
war. Denn so romantisch seine Theorie ist, so weltbiirgerlich war 
die Praxis, die er aus ihr entwickeln wollte. Nicht nur, wo sie 
das Verkehrs- oder Hiittenwesen betrifft, sondern genau so in 
der kirchlich-religiosen Verfassung. »Wie die Religion >die Idee 
aller Ideen<, so soil die Kirche >die Corporation aller Corpora- 
tionen<, >der Biirge alles Idealen sein< . . . D. h. iiber alle >natio- 
nalen Schranken< hinweg sollte ein solcher Klerus frei als ein 
>Geist der Humanitat< und der Liebe, als ein alien Menschen zu 
gewahrendes Licht, erst alien verwandten Corporationen, dem 
Staat wie der offentlichen Wohlfahrt und der Wohltatigkeit, 
der Wissenschaft wie der Kunst >zur sichernden Basis und zum 
Leiter dienen<.« Es ist der Tempel Sarastros, mit den »drei Gra- 
cien unseres besseren und ewigen Lebens, der Religion, der 
Speculation und derPoetik«, der imFluchtpunkt der Baaderschen 
Konstruktionen auftaucht. Darum mochte es wohl auch nicht 
buchstablich zu nehmen sein, was Baumgardt von der Eignung 
des Philosophen sagt, »auf dem entscheidenden und schwersten 
philosophischen Gang, den auch wir heute wieder zu gehen ha- 
ben, auf dem Weg zu einem neuen >Mythos< ... als. . .Ansporn« 
zu »helfen«. 

Haben wir diesen Weg zu gehen? Taten wir's, wiirden wir Baa- 
ders Lehre, die der Verfasser so f est in ihren Boden gerammt hat, 
als Weiser und nicht vielmehr als Marterl am Wege finden? 



Oskar Maria Graf als Erzahler 309 

Oskar Maria Graf als Erzahler 

Vor zwei Jahren hat Oskar Maria Graf seine schonen Kalender- 
geschichten 1 erscheinen lassen. »Geschichten vom Land« hiefi der 
eine, »Geschichten aus der Stadt« der andere Band, und man hat 
zu dieser Einteilung richtig bemerkt, daft sie seinen eigenen 
Werdenszwiespalt dokumentiert, »den Bauernsohn vom Starn- 
berger See, der in der Stadt Munchen zum Dichter wurde«. Auf 
eine festgefiigte Gesellschaft nun aber ist er in beiden Lebens- 
kreisen nicht mehr gestofien. Und so sind diese »Kalenderge- 
schichten« weniger Behaltnisse einer Moral, die ihnen jeder 
Leser entnehmen konnte, als bittend vorgestreckte Hande, denen 
man, vortibergehend, schamhaft den »Sinn« wie einen Bettel- 
pfennig zustecken mochte. Diese Geschichten waren pointenlos, 
entschadigten fiir billigen Gehalt durch eine lautere und exakte 
Beobachtung und waren schiichterne Versuche, die alten Kalen- 
dergeschichten in eine Richtung zu lenken, die eine neue Schule 
die »epische« nennt. Denn dieser Begriff, der zuerst am Theater 
exemplihziert wurde, hat doch auch fur die Prosa seinen guten 
Sinn, und da kann man sagen, daft er das Lehrhafte gegen das 
Insichgekehrte, den Erzahler gegen den Romancier zur Geltung 
bringt. Das mundlich Tradierbare, das Gut der Erzahlung, ist 
namlich von anderer BeschafTenheit als das, was den Bestand des 
Romans ausmacht. Es hebt den Roman scharf gegen alle ubrigen 
Formen der Prosa: Marchen, Sage, Sprichwort, Schwank, Witz 
ab, daf5 er aus miindlicher Tradition weder kommt noch in sie 
eingeht. Die Geburtskammer des Romans ist, geschichtlich ge- 
sehen, die Einsamkeit des Individuums, das sich uber seine 
wichtigsten Anliegen nicht mehr exemplarisch aussprechen kann, 
selbst unberaten ist und keinen Rat geben kann. Die Fahigkeit, 
Gehortes weiterzugeben und im Erlebten den Geist der Ge- 
schiclite, das Erzahlbare zu erwecken, diese simple Gabe, objektiv 
und interessant zugleich zu sein, sie ist gebunden an die reine 
Erschlossenheit des inneren Menschen. Durch jede, noch die 
schlichteste Erzahlung geht ein grower Luftzug; wir machen uns 
selten einen Begriff davon, wieviel Freiheit dazu gehort, die 
kleinste Geschichte zum besten zu geben. Jede Befangenheh 

1 Oskar Maria Graf, Kalcnder-Geschichten. 2 Bde. Munchen: Drei Masken Verlag 
(1929). 408 S., 402 S. 



310 Kritiken und Rezensionen • 193 1 

raubt dem Erzahler ein Snick seiner Sprachfertigkeit und nicht 
nur, wie man meinen mochte, ein Thema. Es ist also eine Lebens- 
bedingung des Epischen im neuen Sinne, dies Private, aus wel- 
chem der Roman sein Recht nimmt, zu liquidieren. Da nun das 
vornehme Sichselbstgemigen, die Sublimierung des Privaten in 
jenem Schweigen, an welches der Roman grenzt (wahrend das 
Erzahlen reihum geht), bei uns ein Privileg des Bildungsromans 
ist, so ist es nur natiirlich, dafi er unsern neuen Epiker provo- 
ziert. Geht also der Bildungsroman auf den Aufbau einer Per- 
sonlichkeit aus, wird der Epiker es lieber mit ihrem Abbau hal- 
ten. Im Bildungsroman hat der Held seine Erlebnisse; die for- 
men seine Personlichkeit. Hier, im epischen Raum, macht die 
Versuchsperson Erfahrungen, und die vermindern sie. Das ist 
der Fall des Bahnhofsvorstandes Bolwieser 2 , den wir in seiner 
Maienbliite im Vollbesitze eines Sexus kennen lernen, welcher 
sein armseliges Eheleben hochst prunkvoll ausstattet. Wedekind 
hatte das Damonische soldi hemmungsloser Sexualitat darge- 
stellt. Fur Bolwieser kommt es anders. Nicht Abgriinde sind es, 
die der Trieb ihn hinunterstiirzt, nur bescheidene Kellerstufen, 
die er ihn Schritt fur Schritt abwarts leitet. Da unten liegt dann, 
kiihl eingelagert wie Kartoffeln, die Moral auf seinem Wege, zu 
der die »Kalendergeschichten« nicht immer vordrangen. Natur, 
so mag sie lauten, ist gewohnt, mit Material sich zu behelfen, 
wie sie's grade hat, und das bewahrt sie, wenn's hart auf hart 
kommt, selbst am Menschenmaterial. Bolwieser, der sture Spie- 
fier, der verstockte Kleinbiirger, audi er ist nicht unverwendbar, 
man mufi ihn nur abbauen, eingehen, verkiimmern lassen, so 
wird er noch ein ganz handliches Stuck im Haushalt , Ober- 
bayerns, in den er gehort. Er stirbt der Welt und vor allem den 
Frauen ab, aber je mehr seine menschlichen Ziige schrumpfen, 
desto vertrauenerweckender treten die kreatiirlichen an ihm 
heraus, und am Ende ist der beinah namenlose Fahrmann, der 
aus dem einstigen Eisenbahner geworden ist, der unfehlbare 
. Wetterprophet der Umgegend, ohne daft er darum nach Men- 
schen fragt, geschweige von ihnen sich fragen liefie. »>Kalt Wet- 
ter wird's<, sagen die Bauern, wenn der Xaverl seine verhutzelte 
Pelzmiitze, auf der kleinen Bank vor der Hutte sitzend, aus- 

2 Oskar Maria Graf, Bolwieser. Roman eincs Ehemannes. Munchen-Berlin: Drei 
Masken Vcrlag A.-G. (1931)- 359 S. 



Griinende Anfangsgriinde 311 

bessert. Es braudit nodi lange nicht danach auszusehen. - 
>Landregen kommt<, sagen sie, wenn er das Boot nach Feierabend 
zudeckt. In der anderen Friihe fallt rundum grauer, endloser 
Regen.« Das ist kein Roman, sondern die Geschichte von einem, 
der auszog und der die Kunst lernte, niemand mehr im Wege zu 
sein. Vielleicht ist es sogar ein Marchen: Die Verwandlung des 
Brunststiers ins Wettermannchen. 



Grunende Anfangsgrunde 
Nodi etwas zu den Spielfibeln 1 

Vor einem Jahr (13. Dezember 1930) machte die »Frankfurter 
Zeitung« ihre Leser mit der ersten Spielfibel von Tom Seidmann- 
Freud bekannt. Es wurde dabei der Gedanke, die Fibel spielhaft 
aufzulockern, seiner geschichtlidien Entwicklung nach dargestellt 
und zugleich ein Hinweis auf diejenigen Umstande gegeben, die 
fur jene letzte und radikalste Losung die Voraussetzung waren. 
Inzwischen ist das Unternehmen fortgeschritten: es liegt der 
zweite Teil der Lese- und der erste Teil der Rechenfibel vor. 
Wieder haben die beiden methodischen Leitmotive sich glan- 
zend bewahrt: die restlose Aktivierung des Spieltriebs durch die 
innigste Verbindung von Schreiben und Zeichnen und die Be- 
statigung kindiichen Selbstvertrauens durch die Ausweitung der 
Fibel zur Enzyklopadie. Es ist bei dieser Gelegenheit an einen 
der entscheidenden Satze aus dem Geleitwort zur ersten Spiel- 
fibel zu erinnern: »Sie ist nicht auf >Aneignung< und >Bewalti- 
gung< eines bestimmten Pensums gerichtet - diese Art des Lernens 
ist nur den Erwachsenen gemafi -, sondern sie tragt dem Wesen 
des Kindes Rechnung, fiir das Lernen, wie a lies iibrige, von 
Natur aus ein grofies Abenteuer bedeutet.« Waren auf dieser 
Abenteuerfahrt anfangs Blumen und Farben, Kinder und Lan- 
dernamen die Inselchen im Meere der Phantasie, so tauchen nun 
schon gegliederte Kontinente, die Welt der Baumblatter und der 
Fische, der Kaufladen und der Schmetterlinge empor. Und uber- 
all ist fur Stationen oder Unterkunftshiitten gesorgt: das heifk, 

1 Tom Scidmann-Freud, Spielfibel 2. Berlin: Herbert Stuffer Verlag 193 1. 53 S.; 
dies., Hurra, wir rechnen! (Spielfibel 3.) Berlin: Herbert Sniffer Verlag 1931. 60 S. 



312 Kritiken und Rezensionen '1931 

das Kind hat nicht notig, bis zur Ermiidung fiirbaC zu schreiben, 
sondern da wartet ein Bild auf seine Unterschrift, dort eine 
Geschichte auf die in ihr fehlenden Worte, da wieder ein Kafig 
auf den hineinzuzeichnenden Vogel, oder an anderer Stelle 
Hund, Esel und Hahn auf ihr Wauwau, Ya und Kickeriki. 
Gruppierungen und Klassifikationen treten hinzu, hin und wie- 
der schon lexikalischer Art, indem die gemalten Dinge nach den 
Anfangsbuchstaben, oder realenzyklopadischer, indem sie nach 
Sachbegriffen in Facher geschrieben werden. Da sind Kastchen 
fiir ABC so gut wie fur lederne, holzerne, metallene, glaserne 
Dinge, oder fiir Mobel, Fruchte und Gebrauchsgegenstande. Bei 
alledem wird das Kind niemals vor, immer iiber den Lehrgegen- 
stand gestellt: als wiirde es beispielsweise im zoologischen 
Unterricht nicht vor das Pferd gefuhrt, sondern, als Reiter, dar- 
auf gesetzt. So ein Pferd ist hier jeder Buchstabe, jedes Wort und 
Sache des Zeichnens - das alle Stadien dieses Lehrgangs beglei- 
tet - ist es, mit seinen Kurven, wie mit Zaum und Kummet den 
Widerspenstigen unter die Gewalt des kleinen Reiters zu brin- 
gen. Es ist ganz aufierordentlich, wie die Verfasserin die Kom- 
mandogewalt, die fiir das kindliche Spiel so entscheidend ist, von 
Anfang an audi der Zahlenreihe gegeniiber zur Geltung bringt. 
Das Punktschema mufi schon nach den ersten paar Seiten ab- 
danken, dann folgen rote oder schwarze Bataillone von Fischen 
oder Insekten, Schmetterlingen oder Eichhornchen, und wenn 
das Kind ans Ende jeder Reihe deren Zahl setzt, so malt es die 
Ziffer nicht anders, als wenn es einen Sergeanten vor der Riege 
aufpflanzt. 

An jeder Stelle hat man Bedacht genommen, dem Spielenden die 
Souveranitat zu wahren, ihn keine Kraft an den Lehrgegenstand 
verlieren zu lassen und das Grauen zu bannen, mit dem die 
ersten ZirTern oder Lettern so gern als Gotzen vor dem Kinde 
sich aufbauen. So erinnert eine altere Generation zumindest sich 
gewift noch des schwer beschreiblichen Eindrucks, den die ersten 
»angewandten Aufgaben« im Rechenbuch ihr gemacht haben. 
Welche Kalte verbreitete nicht die falsche Biederkeit dieser Zei- 
len, in die ein Zahlwort hin und wieder, einer Falltiir ahnlich, 
eingelassen war. Nichts andres waren sie als ein Verrat durch 
das Vertrauteste und Liebste, was das Kind nach seiner Mutter 
hatte: die Geschichten. Und darum ist es eine ganze Welt von 



Griinende Anfangsgriinde 313 

Versohnung, die aus dem schlichten Imperativ dieser Rechenfibel 
herausklingt: »8 — 6 — 2. Erfinde dazu eine Geschichte und 
schreibe sie hierher.« Es ist der Charme - und zugleich die hohe 
padagogische Leistung - dieser Lehrbucher, auf welche Art sie 
die Entspannung, die solcher souveranen Hahung entspricht und 
die das Kind urspriinglich aufierhalb von ihnen suchen mag, in 
sich fassen. Denn schickt es sich nun an, das kaum Gelernte 
zu verquatschen, Unfug und Widersinnigkeiten mit ihm anzu- 
stellen, ist wiederum dies Buch sein bester Freund. Es hat ja 
weifie Stellen genug zum Bemalt- und Bekritzeltwerden, weite 
fruchtbare Territorien, auf denen alle Unholde und Lieblinge 
seines Besitzers geraumig angesiedelt werden konnen. Ohne 
Rodungsarbeiten geht es dabei natiirlich nicht ab: »Streiche in 
dieser Geschichte aus 

Alle A und a rot 

Alle R und r blau 

Alle D und d griin 

Alle L und 1 braun.« 
Aber zu welchen Festen sieht es nicht nach getaner Arbeit sich 
eingeladen! Da ziehen sich jene Girlanden durchs Leseland, die 
schon in der ersten Fibel als Spuren des »Schreibturms« auf- 
tauchten, und die Buchstaben geben sich zu karnevalesken Ver- 
kleidungen her. »As wer aunmel aun klaunas medchan, des 
hetta auna windarketza. Duasa ketza konnta sprachan«, fangt 
es in einer Mundart zwischen Althochdeutsch und Raubersprache 
an; daneben aber ist Platz fur die Demaskierung: »Schreibe die 
Geschichte ab, aber setze fur jedes a ein e und umgekehrt; fur 
jedes i ein u und umgekehrt.« Ganz unter der Hand ist damit 
gleichzeitig eine alte padagogische Streitfrage entschieclen: ob 
man den Kindern Falsches zur Warnung vormachen durfe? Ant- 
wort: Ja, wenn man iibertreibt. Diese erfahrene Vertraute der 
Kleinsten: die Obertreibung ist es denn audi, die ihre gewaltige 
Hand schirmend uber so viele Seiten dieser Fibel breitet. Oder 
heiftt es die Luge nicht iibertreiben, wenn eine Geschichte an- 
fangt: »Ein Junge mit Namen Eva stand morgens aus dem 
Schrank auf und setzte sich zum Abendbrot.« Kann man sich 
wundern, wenn so einer sein Tagewerk damit beschlieftt, dai? er 
sich Schokoladenplatzchen pfluckt, die im Grase wuchsen, bis er 
hungrig wurde? Bestimmt ist, dafi das Kind an solchen Geschich- 



314 Kritiken und Rezensionen • 193 1 

ten sich sattigt. Oder wenn eine andere anfangt: Adolf wohnte 
bei einem Bauern zusammen mit der kleinen Cacilie - heifit das 
nicht die Weltordnung ubertreiben, alle Hauptworter bis Yuka- 
tan und Zauberkasten in der Reihenfolge ihrer Anfangsbuch- 
staben in die Geschichte eintreten zu lassen? Heifit es am Ende 
nicht sogar die Riicksicht auf den ABC-Schiitzen ubertreiben, 
ihm Fragebogen vorzulegen wie einem Professor: was tust du 
am Montag? Dienstag? Mittwoch? usw. oder ihm einen Tisch 
mit Hniierten Tellern decken, auf die er seine Lieblingsgerichte 
schreiben kann? - Ja. Aber ubertrieben ist audi der Struwwel- 
peter, ubertrieben ist auch Max und Moritz, ubertrieben auch 
Gulliver. Obertrieben ist Robinsons Einsamkeit und was Alice 
im Wunderland sieht - warum sollen nicht Lettern und ZifTern 
durch iibertriebene Ausgelassenheit sich vor den Kindern be- 
glaubigen? Gewifi werden ihre Anforderungen noch streng 
genug werden. 

Vielleicht bewahrt der eine oder andere (so wie der Schreiber 
dieser Zeilen) noch die Fibel auf, aus welcher seine Mutter lesen 
lernte. »Ei«, »Hui«, »Maus« - so mag die erste Seite beginnen. 
Es sei nichts gegen diese Fibeln gesagt. Und wie konnte einer, 
der aus ihnen lernte, sich gegen sie auflehnen? Was von all dem, 
was ihm im spaten Leben begegnete, konnte es mit der Strenge 
und Sicherheit aufnehmen, mit der diese Ziige an ihn herantra- 
ten, welche Unterwerfung erfiillte ihn so mit der Ahnung ihrer 
unermefilichen Tragweite wie die Unterwerfung unter die Letter? 
Also nichts gegen diese alten Fibeln. Aber es war »der Ernst des 
Lebens«, der aus ihnen sprach, und der Finger, der ihre Zeilen 
entlangfuhr, hatte die Schwelle eines Reichs uberschritten, aus 
des Bezirk kein Wanderer wiederkehrt: er war im Banrikreis des 
Schwarzaufweiften, von Gesetz und Recht, des Unumstofilichen, 
des fur die Ewigkeit gesetzten Wesens. Wir wissen heute, was 
wir von dergleichen zu halten haben. Vielleicht ist das Elend, die 
Rechtlosigkeit, die Unsicherheit unserer Tage der Preis, um den 
allein wir das bezaubernd-entzaubernde Spiel mit den Lettern 
treiben konnen, dem diese Fibeln der Seidmann-Freud eine so 
tiefe Vernunft abgewinnen. 



1932 



Privilegiertes Denken 
Zu Theodor Haeckers »Vergil« 1 

» Vergil. Vater des Abendlands« heifit ein Buch, in dem Theodor 
Haecker die Wahrheiten, Lehren, Mahnungen aus dem Schaffen 
Vergils darlegt, die ihm nach dessen zweitausendjahriger Voll- 
endung die zeitigsten scheinen. Der Verfasser, obwohl Katho- 
lik, ist Schiiler von Kierkegaard, und zwar nicht nur als Theolog 
sondern ebensosehr als Polemiker. Ihrer polemischen Absicht 
nach ist auch diese Schrift zu betrachten. Es geht Haecker um 
zwei Hauptgegenstande: die Auflosung der uberkommenen 
Wertung, die Vergil in den Schatten Homers stellt, und die 
Vernichtung jeder untheologischen, genauer noch: unkatholi- 
schen Interpretation des Dichters. So unverwechselbar das Buch 
durch die Doppelheit dieser Absicht in der iibrigen Jubilaums- 
literatur stent, so ist es mit ihren wichtigeren Werken doch 
einig in dem einen Bestreben, aufierhalb Homers, aufierhalb 
nicht nur des Griechentums, vielmehr der reinen Dichtung uber- 
haupt den Standort zu suchen. Wie grundlegend sich, gewifi 
zum ersten Male seit ein paar hundert Jahren, die Dinge hier 
geandert haben, beweist ein Blick in irgendeine der landlaufigen 
Literaturgeschichten um die Jahrhundertwende: »Vergil«, so 
heifit es da schlankweg, »war kein grofier Dichter.« Demgegen- 
iiber hat sich in den verschiednen Schriften zum Feierjahr eine 
hochst positive Einschatzung des Dichters hervorgetan und 
auch, daE sie vom Religiosen ihren Ausgang nimmt. »So haben 
wir«, schreibt etwa Wjatscheslaw Iwanow, »in der Vergirschen 
Darstellung der Irrfahrten und Kriegsmiihen des >pater Aeneas< 
statt einer ruhm- und leidvollen Heldensage alten Schlages, die 
auf eine mythologische Begnindung des betrefFenden Heroen- 
kults hinausliefe, eine Art an Bibelgeschichten gemahnendes 
Heiligenleben vor uns, das eine unabsehbare Folge von Taten, 
die schon nicht mehr von ihm selbst, sondern erst von den Er- 

1 Theodor Haecker, Vergil. Vater des Abendlands. Leipzig: Jakob Hegner 193 1. 
148S. 



}i6 Kritiken und Rezensionen * 1932 

ben seiner Sendung vollbracht worden sind, einleitet und nur 
als Auftakt dient zu einer unermeftlichen Schicksalsentfaltung, 
angesichts deren er sich nicht so sehr als ihr Urheber denn als 
Vorlaufer des verheissenen Heils und als Gottes Werkzeug 
fuhlt.« »Mithin stelk sich Vergils Geschichtsdeutung zeitlich 
zwischen die Bibel und des heiligen Augustin Meisterwerk De 
Civitate Dei.« Es trifft sich, daft diese Worte eine durchaus 
brauclibare Umschreibung von Haeckers Grundkonzeptlon ge- 
ben. Ihre weitere Entfaltung bei diesem ist freilich an einen 
eigentiimlichen Aufbau gebunden. Haeckers Buch besteht aus 
Kapiteln, deren die meisten einen Vergilschen Halbvers zum 
Motto und zugleich zum Gegenstand ihrer Interpretation ha- 
ben. Diese ist demnach im wesentlichen Exegese einzelner Re- 
dewendungen, ja Worte, wie das bei einem Sprachmystiker, der 
Haecker ist, nicht iiberraschen kann. Ohne Harte geht es bei 
keiner Auslegung, geschweige denn der theologischen ab. Sie 
kann die dichterische Fiigung sprengen, um so zu machtigeren 
Grundgehalten vorzustofien und doch zugleich dem Text im 
Wortkern die fruchtbarste Entfaltung angedeihen zu lassen; sie 
kann theologisch sein, ohne die Philologie darum preiszugeben. 
Haeckers Deutung aber, die weniger den epischen als den ro- 
mischen Zusammenhang sprengt, um die Worte in einer alien 
philologischen Gehalten fremden Sphare ad majorem Dei glo- 
riam zur Entfaltung zu bringen, ist gewalttatig. (Ware hier der 
Ort, das Haeckersche Lehrgebaude darzustellen, so hatte diese 
geschichtsfremde idealistische Sprachmystik ein Hauptinteresse 
zu beanspruchen. Selbst diese Darstellung wird ihr im folgen- 
den nicht ganzlich aus dem Wege gehen konnen.) Das mystisch- 
interpretative Verfahren gibt dem Haeckerschen Werk den 
Charakter eines Traktats und dazu paEt ebenso die gehobene 
Sprache wie die autontare Bestimmtheit, mit der christliche 
Dogmen oder Dicta an jeden Vers oder Halbvers sich anschlie- 
Cen, sei es, dafi die Schlufizeile der Aeneis eine Pascalsche 
Wendung bekommt oder in dem beriihmten »sunt lacrimae 
rerum« der Rechtfertigungsgedanke beschworen oder die »Fulle 
der Vergilischen Humanitat« interpretiert wird als die Bereit- 
schaft, »das Mysterium zu ehren, also zu glauben an ein gott- 
liches Fatum ohne Beeintrachtigung des freien Willens und der 
Verantwortung des Menschen«, um dann genauer bestimmt zu 



Pri vilegiertes Denken 3 1 7 

werden als doppeltes Mysterium, das erfullt sei »durch das 
Christentum im beneplacitum des trinitarischen Gottes, der 
Geist ist und Leben, in einem beneplacitum Dei, das unerforsch- 
lich, unzuganglich ist wie das alte Fatum, aber nicht dunkel 
durch Nacht, sondern dunkel durch Licht, nicht Leiden bringend 
aus Willkiir, sondern aus Weisheit, nicht blofi vollkommene 
Gerechtigkeit, sondern Glut und Flamme der Liebe«. Einige 
weitere theologische Reflexionen, so ist das wieder ins Asthe- 
tische zuriickgeflossen: »Gott ist wahr und gut und schon; so- 
bald ein Dichter nur an den Saum der Schonheit Gottes riihrt, 
womit er zugleich auch an den Saum des Wahren und Guten 
riihrt, ist in seinem Werke notwendig ein Absolutes und Un- 
vergangliches.« Gewifi kann man in diesem Buche Tieferes und 
Griindlicheres uber Vergil finden. Das andert nichtsdaran, daft 
die entschlossene Vernachlassigung einer profanen-d. i. eigentli- 
. chen- Vergilphilologie den Verfasser ganz aufierstand setzt, sol- 
che Theologumena als das zu erkennen, was sie sind: Schablonen 
aus der Hinterlassenschaft der schongeistigen Spatromantik. 
Man mag die Invektiven, mit denen Haecker den Vergiliiber- 
tragungen von Rudolf Alexander Schroder entgegentritt, an 
mancher Stelle gegriindet finden - dennoch ist es unzweifelhaft, 
daE dessen »MarginaIien eines Vergil1esers«, die ungefahr 
gleichzeitig mit dem Werk Haeckers erschienen sind, einen bes- 
seren Weg gehen. Auch Schroder hat die Bedeutung der pietas 
fur Vergil erkannt. Indem er sie aber in ihrer historischen Kon- 
kretion und Fulle erfafke, stieft er auf einen neuen und befruch- 
tenden BegrifT des Synkretismus und war imstande, mit allem, 
was er von dem Wert Vergils fur seine Nachwelt sagt, auch 
etwas uber dessen eigenes historisches Bild auszumachen, wo- 
gegen Haecker sehr bezeichnender-, aber auch sehr anstofSiger- 
weise iiber den individuellen Seelenraum des Dichters, die 
anima naturaliter christiana, nie hinauskommt, den Durchblick 
auf die romische religio nie gewinnt. So heif^t es bei Schroder: 
»Gewiss kann eine religiose Anschauungswelt, die alle trdlsche 
Erscheinung, alles irdische Tun und Lassen in einer kaum merk- 
bar erhohten Geistesebene gleichsam redupliziert erscheinen 
lasst, dem gemeinen Sinne zum rohen Animismus, dem des 
glaubigen Aufschwungs Unfahigen zu einer Wirrsal mehr oder 
minder skurriler Observanzen entarten. Aber dahinter steht 



31 8 Kritiken und Rezensionen • 1932 

doch ein Gesamtbegriff von weltbewegender und weltbefruch- 
tender Tiefe, namlich der, dass ein Ehrfurcht gebietendes Hei- 
lige audi dem Unheiligsten der Erscheinungswelt innewohne . . . 
Der Gottesdienst, der neben Laren und Penaten dem Grenz- 
stein, dem Geschaft des Pfliigens und Saens, dem Genius der 
Erdffnung und des Schliessens und so manchen andern ... Fi- 
xierungen des schwebend entschwebenden Momentes Kranz 
und Spende weihte, mochte nicht in jedem einzelnen Fall oder 
in jeder einzelnen Person sich mit dem Bilde einer durchweg 
vergeistigten und vergotteten Welt durchdringen. Trotzdem 
war dies Weltbild als eine eigene Entelechie jedem seiner ein- 
zelnen Bestandteile eingeordnet.« Wie diirr und blafi dagegen 
Haecker: »Uns interessieren nicht mehr lebendig - das geht 
allein die Wissenschaft an - die aufieren Praktiken der romi- 
schen Staatsreligion, noch iiberhaupt der ganze Gotterhimmel, 
der in der Hauptsache - aufier den Bauerngottern - bei Vergil 
schon schone Dichtung ist von aufierlich symbolischer Bedeu- 
tung nur.« Und in gleichem Zusammenhange, den Gegensatz 
von Staatsreligion und Frommigkeit kennzeichnend: »Im reinen 
Geist ist nicht der mogliche Gegensatz zwischen aufierer From- 
migkeit, die keine ist, und innerer, die die aufiere verachtet oder 
verleumdet, denn in ihm ist alles inneni Form wie Inhalt; im 
Menschen aber ist dieser Gegensatz. « Der unscheinbare Hilfs- 
begrifT des » reinen Geistes«, der hier auftaucht, verdient Auf- 
merksamkeit. Denn niemand anders als er ist der Inhaber der 
sonderbaren Privilegien, die ein Denken, wie Haecker es prakti- 
ziert, kennzeichnen. Es hat sich schon gezeigt, dafi dieses Den- 
ken autoritar ist. Nun hat es aber mit der Autoritat eine beson- 
dere Bewandtnis. Stark und unerschiitterlich muJS sie sein - 
gewif5. Aber auch einladend muf5 sie sein und gewinnend. 
Weithin sichtbar, wenn man will eine Veste - aber mit tausend 
Toren. Das Besserwissen ist auch eine feste Burg, nur dafi man 
das Privileg hat, sie allein zu bewohnen. 

Es hat in Deutschland immer viele Leute gegeben und gibt 
heute besonders viele, die meinen das, was sie wissen und dafi 
sie es wissen, das stelle nun den Hebel der Verhaltnisse dar und 
von da aus musse es anders werden. Auf welche Weise aber 
diesem Wissen nun etwa Kurs zu geben sei und mit welchen 
Mitteln man es konne unter die Leute bringen, dariiber haben 



Privilegiertes Denken 319 

sie nur die schattenhaftesten Vorstellungen. Man miisse es eben 
sagen, betonen. Ganz fern liegt ihnen der Gedanke, dafi ein 
Wissen, das keinerlei Anweisung auf seine Verbreitungsmog- 
lichkeiten enthalt, wenig hilft, dafi es in Wahrheit iiberhaupt t 
kein Wissen ist. Und sagt man ihnen, dafi jedes wahre Wissen 
seine Wahrheit historisch daran allererst erprobt, dafi es zu 
neuen Unwissenden sich auf den Weg macht, so wird man sie 
kopfscheu machen. Nichts kennzeichnet ja ihre Hilflosigkeit, 
ihren Mangel an Wirklichkekssinn so krafi wie die klagliche 
Unmittelbarkeit, mit der der »reine Geist« in ihnen ohne viel 
Federlesen an »den Menschen« sich wendet. »Der Mensch« und 
»der Geist« haben in diesen Kopfen eine Gespensterfreund- 
schaft geschlossen, und so vereint begegnen sie audi hier. Die 
Einleitung bereits erklart in einer, vielleicht uberfliissigen, Ver- 
teidigung des »Menschen« oder des »Menschlichen«, die ja 
ohnehin alle Ehren von Modewortern geniefien: »Es wird kaum 
einer, der die zahllos verschiedenen Arten der Pflanzen und 
Tiere betrachtet und eben auf die Verschiedenheit dieser Arten 
sein Hauptaugenmerk lenkt, dariiber vergessen oder leugnen, 
dafi es die Pflanze und das Tier gibt mit ewigen unverander- 
lichen Merkmalen, wahrend es heute wohl solche gibt, die an 
eine radikale Wesensanderung des Menschen im Laufe der 
Zeiten zu glauben scheinen.« Bei einem scholastisch Geschulten, 
wie Haecker es selbstverstandlich ist, bedarf eine solche Aus- 
sage einer ungewohnlichen Freiheit von intellektuellen Skru- 
peln. Denn nirgends ist die Frage, ob es solche Gattungswesen- 
heiten gibt - ob sie ante rem seien, wie das in der Schulsprache 
hiefi — , mit ahnlicher Erbitterung ausgefochten worden wie im 
Universalienstreit, den die Nominalisten gegen die Realisten 
fiihrten. Man wird nun eine so angelegentliche Parteinahme 
post festum seitens des Verfassers, zumal an dieser Stelle, 
vielleicht kurios finden. Doch nur, solange man nicht erfafit hat, 
was sie zum Schutze der besagten Privilegien leistet. Und damit 
kehren wir nochmals zu »dem Menschen«, wie »der Geist« ihn 
schaut, zuriick. »Wir miissen sagen«, so heifit es in spaterem 
Zusammenhange, »dafi der abendlandische Mensch seit uber 
2000 Jahren das Prinzipat gehabt hat uber alle anderen Volker 
und Rassen; das will, auf die letzte Formel gebracht, sagen, dafi 
er die prinzipielle Moglichkeit, die er faktisch oft genug nicht 



320 Kritiken und Rezensionen -1932 

verwirklichte, gehabt hat, alle anderen Menschen zu verstehen, 
worin eingeschlossen ist seine faktische und seine mogliche 
politische Herrschaft. Und diese Moglichkeit und Wirklichkeit 
hat er gehabt durch seinen >Glauben<.« Es ist nicht unsere 
Schuld, wenn der Verfasser das realpolitische Aquivalent seiner 
»Idee des Menschen« in so peinliche Nahe riickt: jenes, im dra- 
stischen Sinne privilegierte, Verstandnis der nichtabendlandi- 
schen Volkcr, welches gekennzeichnet ist durch das Ineinander- 
wirken von Ausbeutung und Mission. So pflegt nun einmal die 
Kontrebande auszuschauen, die in das Musselin des reinen 
Geistes gewickelt, die Reisenden nach Wolkenkuckucksheim mit 
sich fiihren. 

Am allerwenigsten sollte die Theologie ein solches Wolken- 
kuckucksheim sein. Es slnd denn auch in der Tat theologische 
Denker gewesen, die gerade in unserer Generation erschienen, 
um den Kampf gegen die Idolatrie des Geistes aufzunehmen: 
der Jude Franz Rosenzweig von der Sprache, der Protestant 
Florens Christian Rang von der Politik her. Nun halt allerdings 
auch Haecker sich fur einen Sprachdenker so gut wie er ein 
Politiker ist, wennschon er vielleicht vorzieht, nicht dafiir zu 
gelten. Aber das eben schliefk ihn aus der Reihe der echten 
theologischen Denker aus, dafi er die Philosophic der Sprache 
wie der Politik vom Geiste aus handhaben zu konnen meint, 
ohne weder mit der Philologie noch mit der Ukonomie naher 
sich einzulassen. Freilich - und so erst riickt der Sachverhalt ins 
rechte Licht - bei Rosenzweig und vollends bei Rang handelt 
es sich um haretisch gestimmte Manner, denen es nichts Un- 
mogliches ist, die Tradition auf ihrem eigenen Riicken zu befor- 
dern, statt sie sefihaft zu verwalten. Der Moderantismus ist es, 
der Haecker um die Frucht seiner Bemuhungen bringt. Denn 
was hilft ein noch so radikaler Ruckgang auf die Quellen, die 
noch so groEe Kunst der Auslegung, wenn das Bewufksein sel- 
ber an die Konvention sich klammert, deren verraterischstes 
Kennzeichen in diesem Falle die dilettantische Fragestellung ist, 
was uns Vergil sei. Gewifi entspricht sie aufs Haar der falschen 
Unmittelbarkeit, mit der der Geist sich an den Menschen wen- 
det. (Es ist die grofie politische Bedeutung der Lehre von der 
Erbsiinde, dieser Art Unmittelbarkeit und Innerlichkeit den 
Garaus zu machen.) Ware Haecker zur echten, mittelbaren 



Privilegiertes Denken 321 

Fragestellung vorgedrungen: was die Geschichte der Vergil- 
schen Dichtung und ihrer Erforsciiung in einem Zeitpunkt uns 
lehrt, da beide ihren unfreiwilligen Abschlufi zu finden drohen, 
er hatte seine glanzenden schriftstellerischen Gaben unter Be- 
weis gestellt, ohne die Aufmerksamkeit auf seine sehr beschei- 
denen denkerischen zu lenken. An Vorbildern auf solchem 
Wege fehlte es nicht. Man denke an die wissenschaftliche Be- 
scheidung, mit welcher Bezold das »Fortleben der antiken Got- 
ter im mittelalterlichen Humanismus« untersucht hat und wird 
verstehen, wieviel bedeutsamer niciit allein Vergil sondern die 
Scholastik in einer Darstellung der Einbettung des Dichters in 
das mittelalterliche Sdirifttum zu ihrem Recht gekommen waren, 
indessen Haeckers Formeln im Grunde nur jene wiederholen, 
mit denen einst der »Zauberer Vergilius« beschworen wurde. 
»Ein der Theolpgie entleerter Humanismus wird nicht standhal- 
ten«, sagt der Verfasser. Aber der Spafi geht zu weit, einem 
Zei taker, dem dieser Humanismus denkerisch und tatsachlich 
gleich kompromittiert ist, den Thomismus zu dessen Rettung 
anzuempfehlen. Haecker lebt in einem elfenbeinernen Turm, 
aus dessen obemem Fenster er schmalend herausblickt. Und 
das schlimmste ist, dafi der Grund, auf dem dieser Turm errich- 
tet ist, nachgibt. Wie ist es anders moglich, dafi einer den Begriff 
des »adventistischen Heidentums« wie eine landlaufige Redens- 
art handhabt und doch nichts spurt von dem auf ihn und unsere 
Tage Zukommenden, das ein Adventistisches ist, auch wenn es 
marschiert; dafi einer »eine blofi philologisch-asthetische Erkla- 
rung Vergils« als »ein Falsum, eine Zersetzung des Ganzen, 
ausgefiihrt durch zersetzte Geister« bezeichnet und dennoch 
nirgends Worte fiir die barbarischen Bedingungen findet, an 
welche jeder heutige Humanismus gebunden ist. Es ist die 
Unaufrichtigkeit und der Hochmut der Geistigen, die an dieser 
Unstimmigkeit schuld sind; dieselben Ziige, die es ihnen erlau- 
ben, die Bezeichnung als »Geistige« ohne Schamrote und aus 
keinem anderen Grund hinzunehmen, als weil sie nicht imstande 
sind, sich Rechenschaft von ihrer Stellung im Produktionsprozefi 
zu geben. Taten sie's: ein Essayist vom Range Haeckers konnte 
nicht umhin, das Problem jeder wahrhaft aktuellen Vergilinter- 
pretation - die Moglichkeit des Humanisten in unserer Zeit - 
ins Auge zu fassen. Und die Betrachtung der Privilegien, kraft 



322 Kntiken und Rezensionen '1932 

deren es einer noch ist, wiirde ihn von deren hartester Ablage- 
rung befreien: jenem privilegierten Wissen um den rechten 
Weg, das die verhangnisvollste Metamorphose des Bildungs- 
privilegs darstellt. 



Gottfried Keller, Sdmtliche Werke. Hrsg. von Jonas Frankel. 
Bd. 1: Gesammelte Gedicbte, 1. Bern, Leipzig: Verlag Benteli 
AG.i93i.XXXlIl,jf2S. 

Nach langer Pause ist nun wieder ein Band der groften kriti- 
schen, von Jonas Frankel besorgten Keller-Ausgabe erschienen. 
Es wird nach allem, was wir iiber die bewegte Geschichte der 
Edition wissen, keine Ruhepause gewesen sein. Vielmehr darf 
man in diesem Neubeginn - moge es ein gutes Vorzeichen 
werden, dafi man ihn mit dem »ersten Bande« eroffnete - den 
' Sieg in harten Kampfen, nicht zum wenigsten gegen die Krise, 
die auch die Schweiz nicht auslief?, erblicken. Ein unscheinbarer 
Vermerk auf der Innenseite des Titels: »Herausgegeben mit 
Unterstiitzung des Kantons Zurich«, lafit hofTen, dafi das Un- 
ternehmen nunmehr gesichert bleibt. Wenn es einen neueren 
deutschen Schriftsteller gibt, an welchem ernsthafte Textkritik 
und echte Philologentreue Entdeckerarbeit leisten korinen, dann 
ist es Keller. Im vorliegenden Gedichtband ist der Text auf 
Grund der Handschriften und Korrekturbogen im Nachlafi an 
91 Stellen geandert worden. Ober die folgenden werden wir 
lauf end weiter berichten. 



Hans Hoffn^ann, Biirgerbauten der alten Schweiz. Frauenfeld: 
Hither u. Co. (1931). 114 5. 

Das solide mit vierundsechzig guten Tafeln ausgestattete Werk 
gibt einen Oberblick liber die Entwicklung der ofTentlichen 
Profanbauten in der Schweiz. Rathauser und Stadtwachen, Zoll- 
und Kornhauser, Zunftgebaude, Schiitzenhauser usw. werden 
in pragmatischen Beschreibungen vorgestellt. Der Verfasser gibt 
weniger eine eigentliche Entwicklung dieser Bautypen als eine 



Gottfried Keller - Hans Hoffmann 323 

Chronik ihrer Abfolge, gelangt aber damit doch zu einem 
abschliefienden Oberblick, demzufolge drei Eigenschaften die 
schweizerische Baukunst auszeichnen: »Derbe Kraft, ein leichter 
Schufi an regelwidriger Phantasie und dabei doch ein Einschlag 
von Nuchternheit, von Pedanterie.* 



Nietzsche und das Archiv seiner Schwester 

Der Baron Friedrich von Schennis, den Else Lasker-Schiiler in 
den »Gesichten« so unvergeGlich beschrieben hat, gab hin und 
wieder eine Geschichte zum besten, die gewifi nicht als verbiirgt 
gelten darf, aber selbst wenn sie erfunden sein sollte, das 
Grauen fiihibar macht, das wohlbescharTene Leute bei dem Ge- 
danken an den Betrieb des Nietzsche-Archivs wahrend der 
ersten Jahre beschlich. Er schilderte die langgezogene Tafel, die 
- mit dem oberen Ende an eine Estrade stofiend - zur Feier 
eines der letzten Geburtstage Nietzsches im Weimarer Haus, 
dessen obersten Stock er bewohnte, gedeckt war. Ein violetter 
Vorhang habe jene Estrade von dem Raume getrennt, in dem 
das Festmahl stattfand, gegen dessen Schlufi aber, berichtete 
Schennis, habe der Vorhang sich auseinandergetan, und in 
einem Sessel sei der Kranke, gekleidet in ein togaahnliches 
Gewand, sichtbar geworden. Anstofiige Episoden, von denen 
die greifbarste die Auslieferung Nietzsches an den Scharlatan 
Langbehn gewesen ist, hatten einen Kreis Kundiger friihzeitig 
mit Argwohn gegen die Haltung erfullt, in welcher die Schwe- 
ster - »die stadtbekannte Schwester des weltberiihmten Bru- 
ders«, wie S. Friedlaender sie genannt hat - das Erbe des 
Denkers antrat. Das erste Alarmsignal gab dann Bernoullis 
Buch »Franz Overbeck und Friedrich Nietzsche« und der dieser 
Publikation sich anschliefiende Prozefi, den noch heute eine 
Anzahl unkenntlich gemachter Stellen in der Originalausgabe in 
die Erinnerung rufen. Hand in Hand mit der Aufklarung jener 
Machenschaften, die den vorbildlichen Overbeck zu diskredi- 
tieren bestimmt waren, gingen die Aufschliisse iiber die Fahr- 
lassigkeiten und Willkiirakte in der Herausgabe und Verwal- 
tung von Nietzsches Nachlafi. Anlafilich der Debatte iiber die 



324 Kritiken und Rezensionen • 1932 

Schutzfrist fur Werke der Kunst und Literatur hat dann »Die 
Literarische Welt« die Forderung nach einer Lex Nietzsche er- 
hoben, die den schriftstellerischen und kiinstlerischen Nachlafi 
ganz allgemein gegen unverantwortliche Behandlung durch Er- 
ben sicherzustellen hatte. In diese Reihe gegen das Archiv 
gerichteter Aktionen sind die Schriften Podachs einzubeziehen 1 . 
Das heifit aber nicht, dafi sie Kampfschriften waren, vielmehr 
nur, dafi die Lage audi in diesem engen Sektor der Zeit- 
geschichte so kritisch geworden ist, dafi jede gewichtige Aufie- 
rung von vornherein die Waagschale findet, in die sie fallt. Im 
iibrigen muiJte gerade der Kampf gegen den Geist des Archivs 
aus den letzten deutschen Begebenheiten neuen Anstofi erhal- 
ten. Nirgends ist wahrend der wilhelminischen Ara die Mobil- 
machung provinziellen Spiefiertums, das heute seine politischen 
Friichte zeigt, sorgfaltiger als im Archiv vorbereitet worden. 
Wenn also der Kampf gegen diese Stelle zuerst einen lediglich 
privaten Charakter zu haben schien, sodann einen juristischen 
gewonnen hat, so ist zur Zeit sein politischer schon erkennbar. 
Dem vor allem, dem in dem neuen Podachschen Werk die Do- 
kumentensammlung zur siidamerikanischen Expedition Bern- 
hard Forsters vorliegt. An der Seite dieses Forster - Fiihrerin 
eher als Gefiihrte - ist 1884 Elisabeth Forster-Nietzsche nach 
Paraguay aufgebrochen, um dem Nibelungeritum eine Statte 
auf Erden zu erobern, wie sie im Geiste spater im Werk des 
Bruders ihm eine sichern wollte. Die Folge von beschamenden 
Vorfallen, die jene Kolonialprojekte zum Scheitern brachten, 
stellt der Verfasser eindringlich dar. Auch sonst fallt manch 
neues Licht auf die Menschen, die in Nietzsches naherer Um- 
gebung auftauchten, aber selten ist es ein sonniges. Alle, von 
denen hier die Rede ist, Mutter und Schwester, Rohde, Peter 
Gast, Langbehn, haben, wenn sie ihm iiberhaupt je gewachsen 
gewesen sind, in dem oder jenem Stadium seiner Entwicklung 
sich von ihm trennen mussen, und ob dem die auftere Ent- 
fremdung nun hinzutrat oder nicht, qualvoll sind diese Statio- 
nen unter alien Umstanden geblieben. Nietzsche empf and sie zu- 

1 E. F, Podadi, Nietzsches Zusammenbruch. Bcitrage zu e'mcr Biographie auf Grund 
unvcroffcntlichter Dokumente. Heidelberg: Niels Kampmann (1930). 166 S. - Erich 
F. Podach, Gestalten um Nietzsche. Mit unverofTcntlichtcn Dokumentcn zur Geschichte 
seines Lebens und seines Werks. Weimar: Erich Lichcenscein Verlag (1932). 208 S. 



Nietzsche und das Archiv seiner Sdvwester 325 

gleich als solche auf dem Wege der »Exstirpation des deutschen 
Geistes zugunsten des >deutschen Reiches<«. Das hat nicht gehin- 
dert, dafi man ihn semerseits zum Reichsgriinder gestempelt hat. 
Und audi das hat Podach erkannt, dafi der schlechten sakralen 
Stilisierung des Nietzsche-Bildes die Herabwiirdigung Overbecks 
haarsdiarf entsprach: »Was und wie iiber Overbeck von einem 
K. Strecker und R. M. Meyer bis Kurt Hildebrandt geschrieben 
wurde, stellt eine schlechthin unerreichbare Hochstleistung plum- 
pester Dienstbeflissenheit vor dem Archiv und eine beispiellose 
Ignoranz dar.« — »Die wiirdigste Gestalt, mit der Nietzsche in 
nahe Beriihrung kam, der Mann, dem der Spruch >Warum Ge- 
lehrte edler als Kunstler sind< gewidmet zu sein scheint, der bei 
aller mehr selbstaufgezwungenen als naturgegebenen Dampfung 
das besafi und unerbittlich zur Geltung brachte, was Nietzsche 
von dem tiichtigen Gelehrten forderte, >die Instinkte eines 
tiiclitigen Militars im Leibe<, der Denker, der von Nietzsche 
leidenschaftlich aufgewiihlte Probleme vor ihm, selbstandig mit 
unbestechlicher Nuchternheit absteckte, . . . dieser Mann wurde 
in der deutschen Nietzsche-Literatur bestenfalls als ein in Basel 
zunickgelassener Geldverwalter Nietzsches hingestellt.« Die Ka- 
tastrophe stellte die innere Rangordnung der Umgebung so- 
gleich aufierlich dar. Overbeck als einziger ging nach Turin. Die 
Situation dieser Katastrophe hat Podach in einem ersten Buch 
» Nietzsches Zusammenbruch« festgehalten. Es mag dahinge- 
stellt bleiben, ob dessen Ergebnisse, der Versuch, Nietzsches 
Wahnsinn psychogen verstandlich zu machen, unbedingt zwin- 
gend sind. Sicher ist, dafi sie den Versionen iiber die Krankheits- 
entstehung, die von der Umgebung des Archivs ausgehen, ins- 
besondere der beriihmten »Haschischpsychose« iiberlegen sind. 
Wenn aber noch unlangst wieder der Versuch gemacht worden 
ist, Podachs Thesen durch solche Konstruktionen zu beseitigen 2 , 
so geschah das wohl nicht nur, um der Folgerung aus dem Wege 
zu gehen, >dafi hier ein Mensch durch seine gedankliche Hybris 
wahnsinnig geworden sei<, sondern aus Scheu, die Abgriinde, 
die in jenen letzten Wochen von Nietzsches Existenz sich auf- 
taten, irgendwie seinem Gedankenmassiv mit einzubegreifen. 

2 Paul Cohn, Um Nietzsches Untergang. Beitrage zum Verstandnls des Genies. Mit 
einem Anhang von Elisabeth Forster-Nietzsdie: Die Zeit von Nietzsches Erkrankung 
bis zu seinem Tode. Hannover: Moms-Verlag (1931). 159 S. 



$i6 Kritiken und Rezensionen • 1932 

Denn es sind Abgriinde, die ihn auf immer vom Geist der 
Betriebsamkeit und des Philistertums trennen, der im Nietzsche- 
Archiv der herrschende ist. 



Hundert Jahre Schrifttum um Goethe 

Die folgende Bibliographie einiger wichtiger oder kennzeich- 
nender Schriften uber Goethe macht wissenschaftliche Anspriiche 
ebensowenig, als sie solchen geniigt. Vielmehr mufite die fol- 
gende Auswahl notwendig willkiirlich ausfallen. Dies ware viel- 
leicht unverzeihlich, bestunde ihre Absicht darin, dem Leser, auf 
welchem Umweg immer, Goethe und sein Werk naherzubrin- 
gen. Dies ist aber in keiner Weise der Fall, vielmehr obwaltete 
hier einzig das Bestreben, von der im einzelnen und dem ein- 
zelnen nicht mehr iibersehbaren Fiille von literarischen Auswir- 
kungen dieses dichterischen Lebens und Wirkens einen Begriff 
zu geben. Daher waren nicht nur Goethes Werke, Briefe, Ge- 
sprache beiseite zu lassen, sondern ebenso die der ihm Nachst- 
stehenden und der »Klassiker« iiberhaupt, dagegen neben ge- 
wissen Standardwerken, die die Vergegenwartigung Goethes 
oder aber die wissenschaftliche Erforschung seines Werkes zum 
Ziel haben, vor allem die peripheren Werke mit zu beriicksich- 
tigen. Sollte der Laie bei manchen der folgenden Titel nicht auf 
seine Kosten kommen, so wird dafiir hin und wieder der Goe- 
theforscher oder der Kulturhistoriker Anlafi finden, von dem 
oder jenem Buche Notiz zu nehmen. 

Denn die Tatsache lafit sich in Deutschland nidit wegleugnen: je 
mehr iiber einen Schriftsteller gesdirieben wird, um so weniger 
dringt er in das Bewufitsein der Menge. 
Ludwig Geiger: Der Goethekult. Deutsche Revue, September 1901. 

AUS DEM APPARAT DES GOETHEFORSCHERS 

Uber Goethe. Literarische und artistische Nachrichten. Herausgege- 
hen von A. Nicolovius. Leipzig, 1828. 

Erster Versuch einer Goethe-Bibliographie mit einem Kompen- 
dium der wichtigsten Urteile iiber Goethe. In der letzteren 



Hundert Jahre Schrifttum um Goethe 327 

,Hinsicht gestutzt auf Varnhagen v. Enses » Goethe in den Zeug- 
nissen der Mitlebenden zum 28. August i823«. Berlin, 1823. 

Goethe im Urteile seiner Zeitgenossen. Zeitungskritiken, Berichte, 
Nottzen uher Goethe und seine Werke. Gesammelt und berausgege- 
hen von Julius W. Braun. Eine Erganzung zu alien Ausgahen von 
Goethes Werken. Drei Bande. Berlin, 188}-$. 
Grundlegendes Quellenwerk fur das Studium von Goethes, in 
ihrer Tiefe gemeinhin iiberschatzten, Wirkung auf das Deutsch- 
land seiner Zeit. 

Zur Kenntnis der Goethe-Handschriften von Dr. phil. Carl Burk- 
hardt } Geh. Ho f rat, Grofiberzogl. Sachs. Archivdirektor und Her- 
zogl. Sachs. Gemeinschafil, Archivar. Wien, 1899. 
Enthalt die Faksimiies von fiinfzig Handschriften von Personen, 
die von Goethe als Schreiber beschaftigt wurden. Wichtiges 
Werk fiir die Chronologie der Handschriften. 

Katalog der Sammlung Kippenherg. Drei Bande. Leipzig, 1928. 
Die Sammlung stellt den reichsten Fonds von Manuskripten 
Goethes und seines Kreises, Zeichnungen und Bildwerke aller 
Art dar, der aufierhalb des Weimarer Archivs existiert. Der 
grofiartig ausgestattete Katalog ist eine Art Kulturgeschichte 
der oberen Zehntausend des Deutschland um die Wende des 
18. Jahrhunderts. 

Goethe als Benutzer der Weimarer Bihliothek. Ein Verzeichnis der 
von ihm entliehenen Werke. Bearheitet von Elise von Keudell. 
Herausgegeben mit einem Vorwort von Professor Dr. Werner Deet- 
jen. Weimar, 1931. 

Kein Werk gibt so wie dieses Titelregister einen BegrifF von 
dem hochqualifizierten Instrumentarium, das fiir Goethe je lan- 
ger je mehr notwendige Bedingung seiner dichterischen Arbeiten 
geworden ist. 

Chronik von Goethes Lehen. Zusammengestellt von Flodoard Fret- 
herr v. Biedermann. Leipzig, 

Versuche zu Zeittafeln des Goetheschen Lebens sind schon vor 
Biedermann, vor allem von Saupe, unternommen worden. Dem 
heutigen Leser wird dieses Inselbuch am nachsten liegen. Kein 



3*8 Kritiken und Rezensionen • 1932 

Werk iiber Goethe hat der Phantasie des Lesenden mehr zu 
sagen als diese schlichte Zusammenstellung von Namea und 
Daten. 

Zur Physiognomie Goethes 

Elegie, September 1823. Goethes Reinschrifi mit Ulrike v. Levetzows 
Brief an Goethe und ihrem Jugendbildnis. Herausgegeben von Bern- 
hard Suphan, Weimar. Verlag der Goethe-Gesellschaft, 1900. Schriften 
der Goethe-Gesellschaft 1$. Band. 

Die Handschriften, von denen u. a. die der Marienbader Elegie 
und die des Westostlichen Divan in vollendeten Nachbildungen 
der Goethe-Gesellschaft vorliegen (Faksimile der Divan-Hand- 
schrift, herausgegeben von Burdach, Wien 191 1, Schriften der 
Goethe-Gesellschaft 26. Band) sind die einzigen uns uberkom- 
menen Zeugen von Goethes Ausdrucksbewegung. 

Goethes aujlere Erscheinung. Literarische und kunstlerische Doku- 
mente seiner Zeitgenossen. Herausgegeben von Emil Schaffer. Leip- 
zig, 1914- 

Der ikonographische Teil des Buches ist weniger reichhaltig als 
Schulte-Strathaus. Dennoch hat das Werk durch die reiche 
Auswahl literarischer Beschreibungen von Goethes Erscheinung 
seinen Wert behalten. 

Goethes biographisches Schema in getreuer Nachbildung seiner Hand- 
schriften. Herausgegeben von George Witkowski. Leipzig, 1922. 
Faksimile-Reproduktion des Oktavheftes, in weichem Goethe 
am u. Oktober 1809 auf einzelnen mit Jahreszahlen iiber- 
schriebenen Blattern Stichworte zu Dichtung und Wahrheit zu 
notieren begann. Das Buch gibt einen Einblick in technische 
Kunstgriffe, wie sie audi sonst bei Goethe begegnen^ Wie denn 
der Dichter, um sich zur Vollendung einer Faustliicke zu bewe- 
gen, ein dem Umfang des fehlenden Teils entsprechendes Bun- 
del leeren Papiers seinem Faust-Manuskript einverleibte. 

Die Bildnisse Goethes. Herausgegeben von Ernst Schulte-Strathaus. 
Munchen o. /. ( Propylden-Ausgabe von Goethes sdmtlichen Werken. 
Erstes Supplement. Die Bildnisse Goethes.) 
Komplette Ikonographie samtlicher Bildnisse, zu denen Goethe 



Hundert Jahre Sdirifttum um Goethe 329 

gesessen hat, beruhend auf den Vorarbeiten von Rollet und 
Zarncke. 

Fruheste Betrachtungen uber Goethe 

Goethe aus naherem personlidoen Umgange dargestellt. Ein nachge- 

lassenes Werk von Johannes Falk. Leipzig, 1832. 

Enthalt lockere Charakteristiken von Goethes Mutter, Goethes 

Humor etc., dazu Gesprache, besser Interviews mit dem Dich- 

ter. 

Charakter und Privatleben Goethes. Erste und zweite Mitteilung. In: 
Bibliothek der ersten Weltkunde. Herausgegeben von H. Malten. 
3. Band. 7.-9. Teil. Aarau, 18 33. 

Obersetzung eines Aufsatzes aus der Edinburger Revue. Le- 
bendige, unbefangene und detaillierte Darstellung mit vorziig- 
licher Kennzeichnung der imperialen Haltung von Goethes letz- 
ter Lebensperiode. Von seinem erhabenen Gipfel herab »hat 
er die Wogen tausend verschiedener Meinungen aufeinander 
folgen und zu seinen Fiifien sich bekampfen, hat er mehrere 
Dichterdynastien sich der Reihe nach entthronen, hat er zwan- 
zig philosophische Systeme der offentlichen Meinung sich be- 
machtigen und wieder ins Nichts zusammenstiirzen sehen. Er 
hat ihre Unmacht, die ihn nicht zu erschuttern vermochte, ver- 
lacht, weil er, der Patriarch, durch keinen gewagten Schritt den 
Streichen sich ausgesetzt, unter denen die meisten Reputationen 
erliegen.« 

Unterhaltungen zur Sdoilderung Goethescber Dicht- und Denkweise. 

Ein Denkmal von Carl Friedrich Goschel. 3 Bdnde. Schleusingen, 

1834-1838. 

Goschel war ein religios gestimmter Hegelianer, und das Buch 

stellt eine mehr oder weniger lose Aneinanderreihung erbau- 

licher und asthetischer Betrachtungen dar, denen gemeinsam ist 

die Tendenz, Goethe mit dem Glauben zu versohnen. 

Uber den Goetheschen Briefwechsel. G. G. Gervinus. Leipzig, 1836. 
In dieser Schrift macht der Verfasser zum ersten Male die Re- 
serve kenntlich, mit der er als Vertreter des stammigsten deut- 



330 Kritiken und Rezensionen '1932 

sdien Liberal ismus Goethe gegeniibertritt und welche Grundlage 
seiner sehr kritischen Darstellung Goethes im 5. Bande der 
»Geschichte der deutschen Dichtung« wurde. Gerade aus seinen 
Vorbehalten gegen Goethes spatere Weimarer Periode wurde 
Gervinus der erste, dem das Phanomen von Goethes Alters- 
dichtung in das Blickf eld trat. 

Goethe im Wendepunkt zweier Jabrkunderte. Von Karl Gutzkow. 
Berlin, 1836. 

Die Sdirift wurde durch Wolfgang Menzels Ausfalle gegen 
Goethe hervorgerufen. Mit mancherlei politischen Vorbehalten 
bereitet sie jene Apologie des Dichters unter dem Gesichtspunkt 
des Genius vor, die spater in die Plattitude ausmundete. »Wenn 
sich die junge Generation an seinem Werke bildete, so konnte 
sie kein Mittel finden, das so sonnig die Nebel des Augenblicks 
zerteilte, kein Fahrzeug, das sie uber die wogenden Fluten 
widerspenstiger AngrirTe so sicher hiniiber fuhrte. Die Zeit der 
Tendenz kann beginnen, wenn man uber das Talent im reinen 
ist.« 

Goethe, zh dessen naherem Verstandnis. Von C. G. Carus. Beigegeben 
ist eine Reihe hisher ungedruckter Briefe Goethes an den Heraus- 
geher. Leipzig, 1843. 

Findet den Zugang zu Goethe von der romantischen Naturphi- 
losophie her und steht daher unter den alteren Schriften ge- 
wissen Goethe-Interpretationen der Gegenwart, - insbesondere 
den jiingsten Resultaten der Faustforschung, am nachsten. Von 
Carus zieht sich uber Bachofen eine unterirdische Tradition, die 
mit den unten genannten Versuchen von Klages auf bedeutende 
Art wiederum auf die Auslegung Goethes zunickfuhrten. 

Goethe vom menschlichen Stand punkt. Carl Griin. Darmstadt, 1846. 
Der erste Versuch kritischer Stellungnahme zum Goetheschen 
Humanismus. »Die Goethesche Praxis des Humanismus . . . 
bleibt in der Theorie stecken. Die Praxis wird asthetisch ideali- 
siert, sie wird nicht praktisch ausgeiibt, sie kann es nicht wer- 
den.« 



Hundert Jahre Schrifttum um Goethe 331 



ElNIGE ElNZELUNTERSUCHUNGEN 

Gothes Wilbelm Meister in seinen sozialistischen Elementen ent- 
wickeltvon Ferdinand Cregorovius. Konigsberg, 1849. 
Lebendige und selbstandige Studie, die unter dem Einfluf? der 
Bewegung von 1848 Goethes politische Haltung kritisch erortert. 
»Gothes politische Indifferenz verleitet ihn . . . zu der wunder- 
lichsten Illusion und dem abenteuerlichsten Unterfangen, seine 
sociale Demokratie unter beliebigen staatlichen Formen, mogen 
sie audi absolutistisch sein, realisieren zu wollen . . . Der Dichter 
vergafi hier, dafi aus den sittlichen wie den ideellen Elementen 
der Gesellschaft erst der Staatsorganismus sich gestaltet und 
daft der Staat nimmer auf einem entgegengesetzten Principe 
ruhen kann als das der Gesellschaft, welche er als die oberste 
Einheit zusammenschliefk.« 

Goethe als Staatsmann. In: Prettfiische Jahrbiicber 10. Band. Berlin, 

1862. 

Ausfuhrliche, noch heute grundlegende Studien, deren Verfas- 

ser, Adolf Scholl, der Herausgeber von Goethes Briefwechsel 

mit Frau von Stein ist. 

Goethes Theaterleitung in Weimar in Episoden und Urkunden darge- 
stellt von Ernst Pasque. 2 B'dnde. Leipzig } i86j. 
Sehr materialreiche Darstellung der Beziehungen, in denen die 
wichtigsten weimarischen Schauspieler oder Schauspielgaste zur 
Hofbiihne und zu Goethe gestanden haben. 

Goethe als Kriegsminister von Adolf Stern. In; Die Grenzboten, 
$y. Jahrgang. 1898. 

Vorzugliche Monographic, die Goethes zahe diplomatische und 
schliefilich von Erfolg gekronte Bemiihungen darstellen, den 
weimarischen Heeresetat zu vermindern. 

Fernand Baldensperger. Goethe en France. PartSj 1904. 
Eines der grundlegenden Werke fur die von Baldensperger 
begriindete Richtung der vergleichenden Literaturwissenschaft. 
Die Auswirkung der Goethesclien Dichtungen wird, mit beson- 
derer Beziehung auf den Werther und auf den Faust, in den 



332 Kritiken und Rezensionen -1932 

verschiedenen Dichterkreisen der Romantiker, Naturalisten und 
Parnassiens durch das 19. Jahrhundert verfolgt. 

Goethe als Seelenforscher von Ludwig Klages. In: Jahrbuch des 
Freien Deutschen Hochstifls 1928. Im Auftrag der Verwaltung her- 
ausgegeben von Ernst Beutler. Frankfurt a. M. 
Versuch, die Lehre des Verfassers vom Unterschiede der Er- 
scheinungswelt von der Welt der Tatsachen fur die Deutung 
der Goetheschen Denkweise, zumal in seinen naturwissenschaft- 
lichen Forschungen, fruchtbar zu machen. Goethe stellt sich als 
erster »Erscheinungsforscher« dar. In einer Anmerkung gibt 
dieser Essay eine hochbedeutsame Perspektive auf die Farben- 
lehre. 

2u GOETHES SPRACHE 

Goethes Sprache und ihr Geist. Von Dr. E. Joh. Aug. O. L. Lehmann. 
Berlin, 18 $2. 

Stilistische Analyse der Goetheschen Sprache auf Grund eines 
genauen Inventars ihrer grammatikalischen Besonderheiten. 

Zur Sprache des alten Goethe. Ein Versuch iiber die Sprache des 
Einzelnen von Ernst Lewy. Berlin, 191 3. 

Wte der Verfasser im Vorwort mitteilt, eine abgelehnte Habili- 
tationsschrift. In jedem Falle ein bedeutendes Werk der ver- 
gleichenden Schriftwissenschaft, deren Prinzipien auf die Spra- 
che des alten Goethe hier in der Weise angewandt werden, dafi 
deren Verwandtschaft mit den verschiedenen fremden Sprach- 
typen ans Licht tritt. Nicht selten kann der Autor sich auf die 
wichtige Studie »Wort und Bedeutung in Goethes Sprache von 
Ewald A. Boucke«, Berlin 190 1, stiitzen. 

Goethes Wortschatz. Ein sprachgeschichtliches Worterbuch zu Goethes 
samtlichen Werken von Prof. Paul Fischer, Geh. Studienrat. Leipzig, 

T 9 2 9 . 

Standardwerk in zwei Abteilungen. Teil 1) Deutsches Worter- 
buch, Teil 2) Fremdworterbuch. Gibt genauen Einblick in Goe- 
thes uberwaltigend grofien Wortschatz. 



Hundert Jahre Schrifttum um Goethe 333 



GOETHEKULT 

Gedanken iiber Goethe von Viktor Hehn. Berlin, 1887. 
Die Goethehuldigung des romisch gestimmten Kreises um Gre- 
gorovius. Der hervorragende Ruf dieses Buches halt einer kri- 
tischen Nachpriifung nur in wenigen Kapiteln stand, am wenig- 
sten in dem umfangreichen »Goethe und das Publikum. Eine 
Literaturgeschichte im Kleinen«. Dieser erste Versuch einer 
Geschichte der Goethe-Literatur, die wohl das ernsthafteste 
Desiderat dieses Goethejahres gewesen ware, wird durch das 
Ressentiment entstellt, das zumal in der Behandlung Bornes 
zum Durchbruch kommt. 

Rudolph Huch: Mehr Goethe. Leipzig und Berlin, 1899. 
Journalistische Variante des Goethekultes, zugleich ein Doku- 
ment des Jugendstils in der Literatur. Die Zukunftsperspektive 
der »einzig noch vorhandenen Kaufmanns- und SoIdatenschule« 
vor Augen, glaubt der Verfasser, das deutsche Volk zu Goethe 
zuruckfuhren zu konnen. 

Goethe-Kalender auf das Jahr 1906. Zu Weihnacbten 190$ herausge- 
geben von Otto Julius Bierbaum. Leipzig, 1905* 
Mit diesem Kalender beginnt die Folge der Goethes Werk und 
Lebenskreis mehr oder weniger geschmackvoll verzettelnden 
Publikationen, aus denen der eilige Schongeist seinen Bedarf an 
Zitaten und Erbauungsspriichen decken konnte. Es ist der Geist 
dieser Kalender, zu welchem die bekannten Goethe-Portrats von 
Carl Bauer das Gegenstiick im Monumentalstil darstellen. 

Dante und Goethe. Dialoge von Daniel Stern (Marie Grafin 
d'Agoult). Vbersetzt von ihrer Enkelin Daniela Thode. Heidelberg, 
1911. 

Fuhrt, wie aus dem Titel ersichtlich, in den mannigfach ver- 
zweigten Kreis deutscher Italien- und Goetheschwarmer um 
Liszt und Wagner. Die Dialoge, die hier zwischen idealen Part- 
nern in blasser, feierlicher Sprache gefiihrt werden, lehnen sich 
an die Bilderwelt eines Feuerbach an. In diesem Kontext iiber- 
raschen um so mehr die scharf formulierten Reflexionen, in de- 
nen das bittere Lebensschicksal der Verfasserin nachklingt. 



334 Kritiken und Rezensionen • 1932 

Das Buch von der Nachfolge Goethes. Berlin, 1911. 
Verfasser ist Eugen Guglia. - Das Werk ist ein Nachziigler der 
»Lichtstrahlen« oder »Harmonien«j wie sie im Biedermeier aus 
den Klassikern kompiliert wurden. 

GOETHEGEGNERSCHAFT 

Goethe als Mensch und Schriflsteller. Aus dem Englischen bearbeitet 
und mit Anmerkungen versehen von Friedrich Glover. Braunschweig, 
1823. 

Das Buch erschien pseudonym. Die Angabe »Aus dem Engli- 
schen* ist fingiert. Verfasser ist C. H. G. Kochy. Das Werk ent- 
halt im ersten Teil u. a. die apokryphe Dissertation iiber die 
Flohe. Der zweiteTeil enthalt in 38 Paragraphen Anekdoten aus 
Goethes Leben, durchsetzt mit hohnischen und obszonen An- 
spielungen. Bezeichnend das Motto: »Garstiger Mensch, wie 
erschrecken Sie mich.« 

Faust, Der Tragodie dritter Theil in drei Akten. Treu im Geiste des 
zwelten Theiles des Gotheschen Faust gedichtet von Deutobold 
Symbolizetti Allegoriowitsch Mystijizinsky. Tubingen, 1862. 
Der Verfasser Friedrich Theodor Vischer vollstreckt hier in 
Form der Parodie das Verdikt, das er in theoretischer Form 
gegen den Faust in seiner »Kritischen Bemerkung iiber den 
ersten Teil von Goethes Faust, namentlich den Prolog im Him- 
mel. Von Fr. Vischer. Zurich i857« ausgesprochen hat. Er 
schliefk mit dem Chorus mysticus: 

»Qas Abgeschmackteste / Hier wird es geschmeckt / Das Aller- 
vertrackteste / Hier ward es bezweckt / Das Unverzeihliche / 
Hier sei es verzieh'n / Das ewig Langweilige / Zieht uns 
dahin.« 

Goethe und kein Ende. Rede bei Antritt des Rector ates der Konigl. 
Friedrich Wilhelms-Universitdt am 1$. jo. 1892 gehalten von Emil 
Du Bois-Reymond, Berlin. 

Reaktion der mechanistisch-materialistischen Schule gegen den 
von Helmholtz in der Generalversammlung der Goethe-Ge- 
sellschaft in Weimar 1892 unternommenen Versuch, Goethes 
naturwissenschaftliche Betrachtungsweise zur Geltung zu brin- 
gen. »Vom Darwinismus . . . von der Entstehung des Menschen 



Hundert Jahre Schrifttum um Goethe 335 

aus dem Chaos, aus dem von Ewigkeit zu Ewigkeit mathema- 
tisch bestimmten Spiel der Atome, von dem eisigen Weltende - 
von diesen Bildern, welche unser Geschlecht so unfiihlend ins 
Auge faik, wie es sich an die Schrecknisse des Eisenbahnfahrens 
gewohnte - hatte Goethe sich schaudernd abgewandt.« 

Goethe, Von P. J. Mbhius. 2 Bande. Leipzig, 1903. 
Legt die Schablone »Genie und Wahnsinn« an Goethe an, wo- 
bei der Verfasser in der Wahl der Belege nicht wahlerisch ist. 
Seinen besonderen Akzent erhalt das Buch durch Mobius* Be- 
kenntnis zu den Gallschen Methoden. 

Aus dem Lager der Goethe-Gegner. Mil einem Anhang. Ungedruckte 
Brief e an Borne, Von Dr. Michael Holzmann. Berlin, 1904. 
Wichtigstes Quellenwerk fur die Kenntnis der gegen Goethe 
gerichteten Angriffe. Enthalt Notizen iiber und Ausziige aus 
Spaun, Spann, Pustkuchen, Grabbe, Miillner, Glover, Schiitz, 
Menzel, Hengstenberg, Knapp, Gorres, Borne. Zu vergleichen 
Julian Hirsch: Die Genesis des Ruhms, und das inhaltreiche, 
wenn audi unseriose Buch: Der unbegabte Goethe. Die Anti- 
Goethe-Kritik aus der Goethe-Zeit. Wien o. J. 

Okkultisches 

Fausts Vermdchtnis. Geister-, Seelen- und Korperwelt. Volkstumlich, 
zur F order ung allgemeiner Bildung, Menscbenliebe und Duldsamkeit. 
Karlsruhe, 1892. 

Mystisch-theurgisches Kompendium im Stile der Blavatsky. 
Verfasser Friedrich Behrends, dessen Bild ein wiirdiger Herr 
mit Vollbart, im Sammetjackchen, Melone auf dem Kopfe, auf 
einem Pliischsessel vor siidlicher Landschaft sich dem Titel ge- 
geniiber befindet. 

Goethe s Vermdchtnis. Else Frucht. Zwei Bande. Miinchen und Leip- 
zig. 

Im Anschluft an die kabbalistische Faustdeutung von Ferdinand 
August Louvier sucht die Verfasserin nachzuweisen, daft der 
Schlussel zu diesem Werke von Goethe in seinem Garten an 
der Ilm vergraben wurde, wobei das Gartenhaus den Tempel 
darstellt, unter dem sich der Schlussel befinde. An zahllosen 



33*> Kritiken und Rezensionen -1932 

Stellen des zweiten Bandes entdeckt die Verfasserin Anspielun- 
gen auf diesen Tatbestand. 

Theodor Hammacher: Von den Mysterien. Phantasien, Lieder und 
Spruche mit Weissagungen des Bakis, Hexeneinmaleins und Oberons 
Gotdener Hochzeit. 

Die beliebte Geheimniskramerei hat hier Goethesche Zeilen in 
Verschen eigener Provenienz verflochten. Spielerei eines Di- 
lettanten, der, wie er sagt, »in Gegenwart und im Umgange 
mit den Gottern sich anmafite, von dem Nektar ihrer Tafel zu 
kosten«. 

Curiosa 

Der Roman eines Dichterlebens. 1. bis 3. Abteilung. Goethes Jugend- 
jahre, Goetb'es Manner jahre. Goethes Greisenalter. Von K. Th. Zia- 
nitzka. Drei Bande. Leipzig, 1863. 

Der erste der Goetheromane, dem spater andere gefolgt sind, 
wie Klara Hofer »Fruhling eines deutschen Menschen, die Ge- 
schichte des jungen Goethe«, Leipzig, oder Albert Trentini 
»Goethe, der Roman von seiner Erweckung«, Munchen 1926. 

Goethe als Feuerwehrmann. In: Fur Feuerwehren von Ludwig Jung, 
Vorsitzender des Bayerischen Landes-F euerwehr-Ausschusses. Hefi VI. 
Munchen und Leipzig, 1886. 

Goethes Beteiligung an den Losdiarbeiten bei einem Weimarer 
Brandungluck, nach Urkunden. 

Goethe-Gedenkbuch. Bliitenlese aus den Werken des Dichters von 
Arthur v. Wyl nebst reinen Bldttern zum Eintragen selbstgewahlter 
Lieblingsstellen oder solcher von Freundeshand. Nurnberg o. /, 
Um 1900. Entfesselt alle Schrecken des Poesiealbums und stei- 
gert sie mit Hilfe von Illustrationen Goethescher Dichtung sowie 
von Ansichtskarten in Buntdruck. Unter den Illustratoren Wold, 
Friedrich, W. v, Kaulbach u. a. 

Quid boni periculosive habeat Goethianus liber qui affinizitates elec- 

tivae inscribitur scrip sit Henricus Schoen. Lutetiae Parisiorum 

MDCCCII. 

Moralphilosophische Abhandlung, im wesentlichen Kompilation 



Hundert Jahre Schrifttum um Goethe 337 

der verschiedenen in der Literatur vorfindlichen Urteile iiber die 
»Wahlverwandtschaften«, Mit einem Kapitel iiber die franzo- 
sische Obersetzung des Werkes: »Goethiis et Interpretum de- 
cend genus«. 

Goethe-Predigten, Von Julius Burggraf we'd. Pastor prim, an St. 
Ansgari in Bremen. Bearbeitet und herausgegeben von Carl Rosener, 
Pastor zu St. Andreas in Erfurt. Giejlen 191 3. 
Hier vermahlt sich das gestaltlose Goetheideal des Bildungs- 
philisters mit der auf ihren tiefsten Stand gesunkenen Kanzel- 
beredsamkeit. »So kommt denn herbei, ihr beiden gewaltigsten 
Gestalten Goethes, Faust und Mephistopheles, gefolgt hernach 
von Iphigenia und Orestes! Der Geist eures Dichters hat ein 
Recht auf unsere Kanzel!« 

Biogenetische Analyse des Faust. In: Adrien Turel; Wiedergeburt der 
Macht aus dem Konnen. Munchen, 1921. 

Aus einer »Arbeitsgemeinschaft fur biogenetische Psychologie« 
entstandene Faustdeutungen auf freudianischer Grundlage und 
in feuilletonistischer Form. 

Intermezzi Scandalosi aus Goethes Leben. Berlin, 1925. (Privat- 

druck.) 

Enthalt Eingaben Goethes an Kreis- und Polizeibehorden in 

Sachen seiner Dienstboten. Licht auf die hier beriihrten proble- 

matischen Verhaltnisse wirft ferner Anton Kippenbergs »Sta- 

delmanns Gliick und Ende«, Privatdruck der »Stadelmann-Ge- 

sellschaft«. Stadelmann war Diener bei Goethe. 

Das populare Goethebild 

Goethes Leben und Schrifien. Von G. H. Lewes. Vbersetzt von Dr. 
Julius Frese. Zwei B'dnde. Berlin, 18 $j. 

Die erste breite Goethe-Biographie, seinerzeit wirklich einem 
Bedurfnis entsprechend, da der Verfasser mit Recht sagen 
konnte: »Die Bucher iiber Goethe sind zahllos; aber es ist kein 
einziges darunter, das iiber die aufieren Verhaltnisse, in denen 
er sich bewegte, den gewiinschten Aufschlufi gabe.« Hausbak- 
ken, ohne jedes Verstandnis fiir Goethes Altersdichtung. 



338 Kritiken und Rezensionen * 1932 

Lessing, Schiller, Goethe, Jean Paul. Vier Denkreden auf deutsche 
Dichter von Moritz Carrier e. Gieflen, 1862. 

Legt die Schablone fest, nach welcher Goethes Leben zu einem 
Bestandstiick der allgemeinen Bildung wurde, wie die »Samt- 
lichen Werke« zu dem des Biicherschranks und das Stielersche 
Bildnis zu dem der guten Stube. 

Goethe, sein Leben und seine Werke. Von Alexander Baumgartner 
5. /. Drei Bande. Zweite vermehrte und verbesserte Auflage. Freiburg 
im Breisgau, 188 j— 6. 

In derber, durch keinerlei Euphemismen beschwerter Sprache 
setzt sich der Verfasser mit dem auseinander, was ihm vom 
Standpunkt seiner Konfession und seines Ordens als Goethes 
sinnliches Heidentum erscheint. Daneben ein Kompendium Wei- 
marer Klatschgeschichten aus der Goethezeit. 

Goethe. Sein Leben und seine Werke. Von Dr. Albert Bielschowski. 
Zwei Bande. MUnchen, 1896. 

»Es ist . . . der milde, geschmackvoll sublimierte Psychologismus 
dieser Betrachtungsweise, der dem Zeitgeist von 1895 und noch 
von 19 10 sympathisch entgegenkam und diesem Buche seinen 
starken Erfolg verscharTte« ) schreibt Rudolf Unger in seinen 
»Wandlungen des literarischen Goethebildes seit hundert Jah- 



Goethe, der Mann und das Werk. Von Eduard Engel. Mit 32 Bild- 

nissen, 8 Abbildungen und 12 Handschriften. 2. Auflage. Berlin, 

1912. 

Bezeichnet den Tiefstand der popularen Goethe-Literatur. Von 

jener »Selbstandigkeit« des Urteils, die das beste Kennzfeichen 

des Banausen ist. 

Goethe, Geschichte eines Menschen. Von Emil Ludwig. Volksausgabe 

in einem Band. Stuttgart und Berlin, 1924. 

Das Werk befriedigte bekanntlich die Bediirfnisse des breite- 

sten Publikums. Es ermoglichte dem Leser, wenn nicht sich in 

Goethe zurecht, so gewifi einen kleinen Goethe in sich selbst 

vorzufinden. 



Hundert Jahre Schrifttum urn Goethe 339 



Das philosophische Goethebild 

Goethe und seine Werke. Von Carl Rosenkranz. Zweite verbesserte 
und vermebrte Auflage. Konigsberg, 1856. 

Als erster hat Rosenkranz sich die Aufgabe gesetzt, ein geistiges 
Gesamtbild Goethes aufzustellen. Sein Buch besteht aus nach- 
traglichen Niederschriften ohne Konzept gehaltener Vorlesun- 
gen und ist, wiewohl auf den Grundlinien Hegelscher Philo- 
sophie beruhend, lebendig und impulsiv. Der Menge der Nach- 
folger uberlegen schon durch den Grundsatz, »die Beurteilung 
der Form nie von der Entwicklung des Inhaltes zu trennen«. 
Und so fliefien denn audi die Inhalte nicht nur der Goetheschen 
Dichtung, sondern der gleichzeitigen Geschichtsschreibung (Nie- 
buhrs), der Religionsphilospphie (Straufi 5 ), des Journalismus 
(Gutzkows) in sein Werk ein. 

Herman Grimm: Goethe-V orlesungen an der Konigl. Universit'dt. 
Zwei B'dnde. Berlin, i8jj. 

Nach Rosenkranz die erste bedeutende Gesamtdarstellung, im 
wesentlichen bei den Hohepunkten des Goetheschen Schaffens 
verweilend. Grimm fiihrt eine bilderreiche, dabei aber prazise 
und originale Sprache. Als letztes der Goethewerke hat es noch 
Anteil an einer lebendigen Tradition. Grimm war es, dem 
Marianne von Willemer im hohen Alter als erstem das Geheim- 
nis ihrer Mitverfasserschaft am Divan anvertraute. 

Houston Stewart Chamberlain: Goethe. Munchen, 191 2. 
Unter den Darstellungen, die es mit Goethe als Vorbild zu tun 
haben, die bemerkenswerteste. In Goethe »erklimmt die uns 
alien gemeinsame Natur vollbedachtig eine hohere Stufe und 
legt dort dauernde Grundlagen; hier konnen und sollen wir 
alle bauen, auf dafi wir hoher zu stehen kommen«. 

Goethe. Von Georg Simmel. Leipzig, 191 3. 

Die spannungsreichste und fiir den Denker spannendste Dar- 
stellung, die Goethe gefunden hat. Wenn Franz Mehring als 
erster das soziologische Material fiir eine zukiinftige Goethe- 
Darstellung zusammengetragen hat, so finden sich bei Simmel 
die wertvollsten Hinweise auf deren dialektische Struktur. 



340 Kritiken und Rezensionen * 1932 

Max Kommerell: Der Dicbter als Fiihrer in der deutschen Klassik. 
Berlin, 1928. 

Eine der originalsten und kiihnsten Darstellungen von Goethes 
Person mit besonderer Berucksichtigung seiner freundschaft- 
lichen und gegnerischen Beziehungen zu den Zeitgenossen. Ent- 
wirft im Sinne Stefan Georges ein Bild des weimarischen Mu- 
senhofes ohne Frauen. 

Franz Mehrlng: Zur Literaturgescbichte von Calderon bis Heine. 
Herausgegeben von Eduard Fuchs. Mit einer Einleitung von August 
Thalheimer. Berlin, 1929, 

Enthalt die ersten Versuche einer Darstellung Goethes vom 
Standpunkt des historischen Materialismus mit einer Fiille von 
wertvollen Betrachtungen iiber die gesellschaftliche Struktur des 
damaligen deutschen Biirgertumes. In anderer Weise hat Meh- 
rings Versuche fortgesetzt Walter Benjamin in semem Beitrag 
»Goethe« in der grofien Enzyklopadie des Sowjets. 



Faust im Musterkoffer 



Es existiert eine Art Muckertum im Goethekultus, das 
nicht von Produzierenden, sondern von wirklichen 
Philistern, vulgo Laien, betrieben wird. Jedes Gesprach 
wird durch den geweihten Namen beherrscht, jede neue 
Publikation iiber Goethe beklatscht - er selbst abcr 
nicht mehr gelesen, weshalb man auch die Wcrke nicht 
mehr kennt, die Kenntnis nicht mehr fortbildet. Dies 
Wesen zerflieflt eines Teils in blode Dummheit, andern 
Teils wird es wie die religiose Muckerei als Dcckmantcl 
zur Verhiillung von allerlei Menschlichem benutzt, das 
man nicht merken soil. Zu alledem dient eben die grofie 
Universalitat des Namens. 

Gottfried Keller im Jahre 1884 

Nichts kann so abgeschmackt und unverfroren sein, daft der 
historisch Unterrichtete es nicht an eine Erscheinung knlipfen 
konnte, die zu ihrer Zeit etwas RechtschafFenes darstellte. In 
Goethes Jugend beherrschten die »schonen Wissenschaften« die 



Faust im Musterkoffer 341 

Katheder. Was uns als deutlich unterschieden vor Augen steht, 
Moralphilosophie, Asthetik, Soziologie, Geschichte der Litera- 
tur, konnte damals gut und gern in einem Kolleg behandelt 
werden. Wenn uns das riickstandig und oberflachlich erscheint, 
so ist es damals wahrscheinlich Vorbedingung der unbefange- 
nen Auseinandersetzung mit den Gedanken gewesen, die von 
England und Holland aus durch Shaftesbury und Hemsterhuys 
herrschend wurden. Mag man im Werther den Nachklang die- 
ser Geistesbewegung finden, so war sie jedenfalls fur Goethe 
mit diesem Werk abgeschlossen. Und je alter er wurde, desto 
deutlicher tritt bei ihm nicht allein die entschiedenste Abnei- 
gung gegen die Schongeisterei, sondern eine Produktionsweise 
an den Tag, welche seine Werke ein fiir allemal jeder empfind- 
samen, nun gar rhetorischen Betrachtungsweise entriickt. Diese 
spateren Dichtungen, in denen Goethe dem Lauf seiner Phan- 
tasie willentlich Damme und Stauwerke hartester Realien in den 
Weg setzte, der westostliche Diwan, die Wanderjahre, der 
zweite Teil des Faust, boten denn audi der gewohnten, auf 
Genuft statt auf produktive Aneignung gerichteten eklektischen 
Betrachtungsweise so grofte Schwierigkeiten, daf? die Goethe- 
Literatur der ersten 25 Jahre sie aus dem Spiele lieft. Und das 
ist nicht der einzige lehrreiche Sachverhalt, der bei einer Be- 
trachtung der bisherigen Goethe-Literatur, ganz besonders aber 
der Faustliteratur, zu gewinnen gewesen ware. Damit steht der 
Leser des neuen Faustkommentars von Eugen Kiihnemann 1 vor 
der ersten Merkwiirdigkeit des in jedem Sinne und nicht zum 
wenigsten seinem Umfange nach monstrosen Buches: auf sei- 
nen mehr als tausend Seiten keine einzige Auseinandersetzung 
mit den Ergebnissen der Faustforschung, in seinem Register 
keinerlei Verweis auf Fischer, auf Witkowski oder Burdach. In 
der Tat, so vereinfachen sich die Dinge. Dementsprechend heifk 
es dann wirklich: »Der zweite Teil, der sich auf das klarste in 
funf Akte gliedert und damit dem regelrechten Theaterstiick 
naher steht als der erste, bietet sich von vornherein weit mehr 
als sein Vorganger dar als das Werk eines durchgehenden und 
in klarster BewuEtheit durchgef iihrten Gedankens und Plans. Je- 
der der fiinf Akte ist eine kleine Welt fiir sich, aber alle gehdren 

1 Eugen Kiihnemann, Goethe. 2 Bde. Leipzig: Insel-Verlag 1930. $24 S., 59 J S. 



342 Kritiken und Rezensionen • 1932 

sie doch als ein richtiges Planetensystem zu derselben Welt 
Einer Sonne. Die Sonne ist der dichterische Faustgedanke.« 
Da ist im Jahre 19 19 ein schmachtiges Bandchen erschienen. 
Leicht hatte Kiihnemann es einsehen konnen, denn es ist von 
einem seiner engeren Kollegen, dem Professor fur klassische 
Philologie an der Universitat Breslau, Konrat Ziegler verfafit. 
Das heifit »Gedanken iiber Faust II « 2 , und darin entwickelt der 
Autor, wie briichig und willkiirlich die Komposition dieses Dra- 
mas sei, wie Goethe immer wieder unter dem Einflufi hetero- 
gener Stimmungen und Geschafte vom Grundplan abgewichen 
sei, wie wenig daher die iiberkommene Schatzung dieses Buches 
sich halten lasse. Der Verfasser ist, wie gesagt, Philologe, und 
»wer in philologischer Methode denkt«, sagt Kiihnemann so 
von oben herab, »bleibt Philologe, audi wenn er Gegenstande 
behandelt, die herkommlich zur Philosophic gerechnet werden«. 
Es ist daher zweifelhaft, ob er seinen Kollegen, den Verfasser 
dieses querkopfigen, skeptischen Werkes, der fiir sich selbst 
nichts geltend machen kann, als dafi er Faust II sehr aufmerk- 
sam und nachdenklich durchlas, jener »Lehrstuhle des deutschen 
Geistes« wert erklaren wiirde, die »bekleidet werden von Man- 
nern, die vollwertige Philosophen und zugleich Manner des 
sicheren kiinstlerischen Verstandes und selber kunstlerische Ge- 
stalter sind«. Wie dem nun sei, dieser Ziegler hat jedenfalls den 
Blick auf einige Dinge gelenkt, die die Einsicht in die Grofle der 
Dichtung nur fordern. Wir folgen ihm um so lieber, als er uns 
den Weg weisen wird, die Obermacht der Kuhnemannschen 
Redebataillone mit ihren Schwatzregimentern und Faselkolon- 
nen, den flatternden Phrasen zu ihren Haupten und den Blech- 
kapellen an ihrer Spitze im Riicken zu fassen. 
Ein Hauptbedenken Zieglers betrifft die Vorbereitung des He- 
lena-Akts. Aus den Entwiirfen weist er nach, wie lange Goethe 
mit dem Gedanken sich getragen hat, den Faust »in des Olym- 
pus hohlem Fufi« bei der Persephone die Helena von den Toten 
sich losbitten zu lassen, und wie er dann am Ende resignierend 
auf die Gestaltung dieses Vorwurfs verzichtet habe, dergestalt 
sein Werk der grofiten dramaturgischen Unstimmigkeit preis- 
gebend. Dieses Zieglersche Problem ist der Angelpunkt der 

2 Konrat Ziegler, Gedanken iiber Faust II. Stuttgart: J. B. Metzlersche Verlagsbuch- 
handlung 1919. 75 S. 



Faust im MusterkofTer 343 

neuesten Faustforschung. Wenn das hochst bedeutsame Werk 3 , 
von dem nunmehr die Rede sein soil, spater als Kuhnemanns 
Machwerk erschienen ist, so hat das wenig zu besagen, denn 
Gottfried Wilhelm Hertz, sein Verfasser, hat den Faden nur, 
freilich mit seltenem Gltick, da aufgenommen, wo andere ihn 
fallen liefien. Kurz und gut, ein ungeheures Ringen des greisen 
Goethe steht da, wo Klihnemann »das Werk eines durchgehen- 
den und in klarster Bewufttheit durchgefiihrten Gedankens 
und Plans « sieht. Und wie das nun einmal die Art des echten 
Philologen ist (audi wenn er, wie G. W. Hertz, am Reichs- 
finanzhof amtiert), entwickelt er das atemraubendste Gesche- 
hen aus zwei Versen: 

In eurem Namen, Mutter, die ihr thront 
Im Grenzenlosen, ewig einsam wohnt, 
Und doch gesellig! Euer Haupt umschweben 
Des Lebens Bilder, regsam, ohne Leben. 
Was einmal war, in allem Glanz und Schein, 
Es regt sich dort; denn es will ewig sein. 
Und ihr verteilt es, allgewaltige Machte, 
Zum Zelt des Tages, zum Gewolb' der Nachte. 
Die Einen f afit des Lebens holder Lauf, 
Die Andern sucht der kuhne Magier auf. 
Die beiden Zeilen, die hier entscheiden, haben eine Variante 
gehabt, in der sie lauten: 

Die einen faftt des Lebens holder Lauf, 
Die andern sucht getrost der Dichter auf. 
Was zwischen diesen beiden Fassungen liegt, ist nicht nur ein 
Teil vom Schicksal der Faustdichtung, sondern ein Stuck Ge- 
schichte der Faustforschung selbst. Die spiritualistische Inter- 
pretation der Dichtung, wie Kuno Fischer, wie audi noch Wit- 
kowski sie vertritt, war nicht imstande, das hier bestehende 
Spannungsverhaltnis zu ermessen. Es bedurfte dazu der engsten 
Beziehung des Faust auf Goethes naturwissenschaftliche Stu- 
dien. Goethe gehorte zur Familie jener grof5en Geister, fiir wel- 
che es im Grunde eine Kunst im abgezogenen Sinne nicht gibt, 
ihm war die Lehre von den Urphanomenen der Natur zugleich 
die wahre Kunstlehre, wie es fiir Dante die Philosophic der 

3 Gottfried Wilhclm Hertz, Natur und Geist in Goethes Faust. Frankfurt a. M.: 
Verlag Moritz Diesterweg 193 1. VIII, 234 S. (Deutsche Forschungen. 25.) 



344 Kritiken und Rezensionen '1932 

Scholastik und fiir Diirer die Theorie der Perspektive war. Was 
bei Goethe mit diesen Versen im Streit lag, das ist das asthe- 
tisch-spiritualische Scheinwesen der Helena. Auf der einen.Seite 
ihr Wirklichsein, auf der anderen Seite ihre Erscheinung - so 
stand sie im Geiste Goethes lange mit sich selbst im Zwiespalt. 
Gesiegt hat ihr wirkliches Sein. Wahrend sie urspriinglich »als 
lebendig im Hause des Menelaus empfangen werden« sollte, 
tritt sie nunmehr, wie wiederum Goethe selbst schreibt, »wahr- 
haft lebendig« oder als die »wahre« auf. Solches Leben ihr zu 
verschaffen, war nun allerdings die Losbittung aus der Unter- 
welt nicht imstande. Was an ihre Stelle trat, wie die Einverlei- 
bung des Homunkulus in den lebendigen Ozean und damit in 
den Ozean des Lebendigen »den natiirlichen Vorgang, wodurdi 
ein Geist sich den menschlichen Korper erwirbt«, vorbildete, so 
dafi der Zuschauer sich jetzt sagen mufite, »dafi er nicht mehr - 
wie einst am Kaiserhofe - das unwirkliche Gespenst der Grie- 
chenkonigin, sondern diese selbst in ihrer vollen antiken Realitat 
vor Augen habe«, mag man bei Hertz nachlesen. Und unbedingt 
wird man ihm zustimmen, wenn er darlegt, warum denn Goethe 
das Leben der Helena fiir seinen dritten Akt weder dem Magier 
noch dem Dichter verdanken wollte, »In der Zwischenzeit von 
der Urkonzeption des Motivs im Winter 1827/28 bis zum 
Neubeginn der Arbeit im Spatsommer 1829 hatte den Faust- 
dichter . . . sein alter Hang zur Naturphilosophie von neuem 
gepackt, und so konnte er sich mit dem asthetischen Bilde nicht 
mehr begniigen;« gerade damals hielt er sich »mit Bewufksein 
in der Region, wo Metaphysik und Naturgeschichte iibereinan- 
dergreifen, also da, wo der ernste treue Forscher am liebsten 
verweilt«. Nicht minder aber ist das Verweilen die Haltung des 
wirklichen Philologen, der auch seinerseits, wie Goethe, wie- 
derum vom Naturforscher, es gesagt hat, den Phanomenen »sich 
innigst identisch macht«. Und welch erstaunliche Funde der- 
gestalt sich ihm in die Hand schmiegen, dafiir als letztes Beispiel 
die Interpretation, die Hertz fiir die benihmten Verse von den 
Miittern findet und in der er sie als die Urphanomene an- 
spricht: 

Die einen sitzen, andre stehn und gehn, 
Wie's eben kommt. Gestaltung, Umgestaltung, 
Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung. 



Faust im Musterkoffer 345 

»Der Sitz des Gesteins, die Beweglichkeit des Tierreichs, das 
Aufwartsstreben der an die Scholle gefesselten Pflanzenwelt« - 
so werden »die Bewohner der Miitterwelt hier eingeteilt ... in 
drei grofie Gruppen — in augenfalliger Obereinstimmung mit 
den Gegenstanden der drei Naturreiche: dem bewegiichen, zur 
Ortsveranderung befahigten Tiere; der zwar an ihrem Platze 
haftenden, doch aufrecht auf der Bodenflache stehenden Pflanze; 
dem Gestein, dessen Vorkommen oder Ort die Sprache mit 
Vorliebe bezeichnet als seinen Sitz.« 

Um nun aber, wie angesagt, unseren bramarbasierenden Rado- 
teur im Rucken zu fassen, bedarf es nur noch des Entschlusses, 
ihn zu Worte kommen zu lassen. Was weifi er von den Mut- 
tern? »Im gestaltenden, sich umgestaltenden Wandel der Ge- 
bilde erfiillt sich der ewige Sinn der Wahrheit als immer der- 
selbe . . . Zu den Muttern«, heifit es von Faust, »mufi er vor- 
dringen, — den , wesenhaften Wurzeln des Seins, den ewigen 
sinngebenden Gewalten und Gestalten letzter Wahrheit, deren 
Erscheinungen die Gegenstande der Wirklichkeit sind. Wer das 
Tiefste begreift, mag als hochste Gestalt dieser Wesenheiten 
die Schonheit in ihrer reinsten Erscheinung, die griechische 
Schonheit in ihrem hochsten Bild neu hervorzaubern.« Anstatt 
die Konfusion dieser letzten Satze in ihrer reinsten Erscheinung 
riickblickend aufzudecken, wenden wir uns vorwarts, der Deu- 
tung der Helena zu, um zu horen, »was Goethe mit seiner 
Helenatragodie getan hat«: »Er erfafit die Antike in germani- 
scher Seele, und zwar in der Gestalt der germanischen Seele, die 
nur durch . die Bildung des Christentums moglich wurde und 
iiberall das Seelisch-Tiefste und Letzte sucht . . . Natur und Geist 
des Menschenlebens sind zur Einheit gekommen und dadurch 
vollkommene Schonheit geworden. Die Aufgabe der Form er- 
hebt sich hier fur den Kiinstler in ihrem hochsten Sinn . . .: der 
geistige Sinn des Menschenlebens tritt in seiner letzten Tiefe 
hervor. Der Geist der Helenadichtung ist damit auf das ge- 
naueste bezeichnet.« 

Das zu lesen macht Mut und man wagt danach, auf das Ge- 
naueste audi den Geist dieser Interpretation zu bezeichnen: er 
besteht in der innersten Cberzeugung, dafi die Unterschiede 
zwischen Goethe und Kiihnemann nicht ins Gewicht fallen. So 
breit ist namlich die Unterlage fur die Geisteswissenschaft, die 



346 Kritiken und Rezensionen • 1932 

der Verfasser gestiftet zu haben erklart: »Das Hochste ware 
erreicht, wenn ein solches Bucii als tiichtiges Stuck Leben in sich 
selbst bestiinde, audi wenn man im iibrigen nicht davon wufite, 
wer Herder, Kant, Schiller, Goethe gewesen sind.« Von diesem 
Leben aber wissen wir etwas. Wir wollen es auch verraten. 
Jahrelang hat Kiihnemann als Austauschprofessor die Univer- 
sitaten der Erde bereist. Dem Schlufi seines Vorwortes ent- 
nimmt man einige Namen: New York, Los Angeles, St. Louis, 
Riga. Nun ist er zuriick von der grofien Tour und wir lernen 
(durch die Vermittlung des Verlages, der in Deutschland die 
besten Editionen Goethes herausgebracht hat) den Koffer ken- 
nen, aus dem der Verfasser im Auslande Herder, Kant, Schiller, 
Goethe bemustert vorlegte. Jeder Kaufmann ertraumt sich ein 
Monopol. Sehr verstandlich, dafi Kiihnemann mit aller Ruhe 
eine Ordnung der Dinge ins Auge fafit, da seine Biicher das 
Wissen darum entbehrlich machen, »wer Herder, Kant, Schiller, 
Goethe gewesen sirid«. Der deutsche Soldat, so erzahlte man, 
trug seinen Faust im Tornister. Nun hat ihn der Reisende abge- 
lost. Kiihnemann kennt den internationalen Markt. Hoffen wir, 
dafi die unschatzbaren Realien, die die Goethesammlung des 
Verlegers bilden, nicht da enden, wo der Autor den deutschen 
Idealismus ausbot. 



Pestalozzi in Yverdon 
Zu einer vorbildlichen Monographic 1 

»Erzieher der Menschheit zu Iferten« - so heifit es auf Pesta- 
lozzis Grabstein mit der schonen, klaren Gliederung seiner 
Lebensperioden. Das Institut zu Yverdon, die letzte grofie 
Griindung Pestalozzis, stand, wie wohl jedes seiner Werke, 
unter einer eigenen Paradoxic Als Pestalozzi, fast sechzigjah- 
rig, von Munchenbuchsee fortging, gait ihm sein praktisches 
Wirken fur abgeschlossen. Fiir Iferten hatte er eine Kommission 
ernannt, der die Leitung der Schule obliegen sollte. Als aber 

1 Alfred Zander, Leben und Erzlehung in Pestalozzis Institut zu Iferten. Nach 
Briefen, Tagebiichern und Beriditen von Schulern, Lehrern und Besuchern. Aarau: 
Verlag H. R. Sauerlander u. Co. [1932]. X, 214 S. 



Pestalozzi in Yverdon 347 

unter deren Mitgliedern eines der mafigebenden sich zuruckzog 

- und dies Ereignis liefi nicht lange auf sich warten - fiel alles 
wieder auf Pestalozzis Schultern zuriick. Da stand er nun in 
seinem siebenten Jahrzehnt und auf der Ho he seines Ruhms, 
eine gewaltige Autoritat, ein Lehrer Europas, und dennoch war 
und blieb es seine Sadie, wie in der Friihzeit, auf dem Neuhof, 
einem werdenden Gemeinwesen von seiner Wirtschaftsordnung 
bis zu seinen Andachten aus dem Grobsten herauszuhelfen. 
Wohl moglich, dafi die von jeher zerrissene Personlichkeit des 
Mannes unter der Wirkung soldier Widerspriiche ihre schroff- 
sten, aber audi erhabensten Formationen annahm. Es kenn- 
zeidinet die Zuverlassigkeit und Treue von Zanders Arbeit, 
daf5 sich in seiner Schilderung das Institut gewissermafien als 
die Projektion eines grofien Charakters in einem begrenzten 
Gemeinwesen darstellt. Und von keiner Seite diirfte dieses 
Gemeinwesen fesselnder, ja zuletzt von keiner audi noch heute 
padagogisch lehrreicher sein. 

Iferten war ein padagogischer Kongrefi in Permanenz. Seine 
Abgeordneten - Schiiler, Lehrer, Besucher - kamen aus aller 
Welt. Aus Hannover, Munchen, Konigsberg, Wurzburg so gut 
wie aus Klagenfurt oder Wien, Paris, Marseille, Orleans, Mai- 
land, Neapel, Madrid, Malaga, Riga, Smyrna, London, Phila- 
delphia, Baltimore und Kapstadt. Im Unterricht wie in alien 
Erziehungsmafinahmen sah Pestalozzi niemals anderes als Ver- 
suche, und ein jeder hatte zu ihm Zutritt. Nicht nur dafi Fremde 
im Laufe des Unterrichts eintraten, um ein Weilchen zuzuhoren, 

- die Lehrer selbst waren mehr als einmal angewiesen, unter 
die Lernenden sich einzureihen. Erwachsene auf den Schulban- 
ken zu finden, war daher ein ganz gewohnlicher Vorfall. Man 
hort in den Quellen hin und wieder Klagen iiber solche Bela- 
stung des Unterrichts. Viel ublicher, aber auch viel kennzeich- 
nender war offenbar, dafi die Lernenden miihelos den Fremden 
unter sich aufnahmen. Es handelt sich ja nicht um Klassen in 
unserem Sinne. »Die bestandige Bewegung der Zoglinge wah- 
rend des Unterrichtes, ihr Sitzen, Stehen, Gehen und Kommen, 
das Bilden und Losen von Schiilergruppen hat manchen Be- 
sucher uberrascht.« Nicht selten waren ganz verschiedene Ar- 
beltszirkel in ein und demselben Raum vereint und die vielen 
repetierenden Abteilungen, so berichtet man, machten in dem 



34 8 Kritiken und Rezensionen -1932 

Saale ein Gesumme wie die Bienen in einem Bienenstock. Gewifi 
hat Pestalozzis Natur, die unberechenbare Abfolge seiner Im- 
pulse, der blitzartige Liebesblick aus den Augen, die oft wie 
Sterne hervortraten, ringsum Strahlen werfend, oft wieder 
zuriick, als blickten sie in erne innere Unermefilichkeit, dann 
wieder sein plotzliches Verstummen im Zorn — gewifi hat all 
dies Anteil an dem grofiartigen, bisweilen die Grenze des Er- 
traglichen hart streifenden Bereitschaftszustand aller Glieder 
dieses Internats, in dem es keine Ferien gegeben hat. Der andere 
Ursprung dieser Ordnung aber war die Not. Die Lebensver- 
haltnisse in Iferten waren spartanisch. »Sein Vermogen sei ein 
Schrank auf der Hausflur, ein Pult im Zimmer, wo die Kleinen 
wohnen, ein Stuhl und ein Bett im Schlafsaal der Kleinen «, 
schreibt ein Lehrer. In solchem Zimmer schliefen sedizig Kinder. 
Und wenn sie des Morgens urn sieben niichtern und ungewa- 
schen aus der ersten Unterriditsstunde kamen, dann stellten sie 
sich vor eine der langen holzernen Rohren im Hof, wo jedem 
Schiiler aus einem Loch ein Strahl von kaltem Wasser entgegen- 
schlug. Waschbecken gab es nicht. Aber das ist nun wieder eine 
der grofien fruchtbaren Paradoxien von Pestalozzi, dafi dies 
Spartanische ganzlich frei von alien kriegerischen Ambitionen 
war; keines der Ressentiments, die sich heute hinter dem Ideal 
der Wahrhaftigkeit so gern verbergen, hatte da eine Stelle. Die 
Gesinnung in Iferten war die spartiatische der eben sich be- 
freienden Biirgerklasse. Die Harte, die die Kinder dort zu spu- 
ren hatten, war niemals die von Menschen, sondern nur die 
von Holz, Stein, Eisen oder irgendeinem der Materialien, mit 
deren Bearbeitung sie spaterhin ihre Stelle unter den Mitbiir- 
gern in Ehren sollten einnehmen konnen. »Gymnastique indu- 
strielle« nannte Pestalozzi den Werkunterricht, den er so dem 
Humanismus, wie er ihn verstand, aufs engste verband. Und 
das war iiberhaupt die Art des alten Pestalozzi, zu problema- 
tischen Erscheinungen, wie die »Buchgelehrsamkeit« der neuen 
Humanisten ihm eine sein mochte, Stellung zu nehmen. Statt 
gegen sie zu streiten, modifizierte er sie im stillen. Er war ein 
grofier Ironiker: Wir haben gar keinen Anlafi, in der Belohnung, 
die er jahrlich seinen besten Schiitzen unter den Kindern zu- 
dachte, etwas anderes als eine sehr hintergriindige Mafinahme 
zu sehen: sie bekamen Schafchen zu hiiten. 



Pestalozzi in Yverdon 349 

Im Jahre 1808, zur Zeit der Blute des Institute, schreibt Pesta- 
lozzi an Stapfer; »Freund, aber wir glaubten, ein Korn zu saen, 
um den Elenden in unserer Nahe zu nahren, und wir haben 
einen Baum gepflanzt, dessen Aste sich iiber den Erdkreis aus- 
breiten.« So schlagt er den Bogen, wahrhaft einen Regenbogen, 
iiber seiner Lebensarbeit. Er hatte den Neuhof, wo er, unbe- 
kannt, an den Kindern der Armen getan hatte, was er in Ifer- 
ten, vor den Augen der Gelehrtesten und der Herrschenden, an 
den Kindern der Reichen tat, nicht vergessen. »Seine alte Sehn- 
sucht war es, eine Schar armer, verwahrloster Kinder um sich 
zu sammeln, um ihnen Vater sein zu konnen. Statt dessen 
mufite er Direktor eines weltberiihmten Institutes werden. Wie 
litt er oft unter diesem Verzicht, wie traumte er gerne von seiner 
Armenschule! Der greise Pestalozzi war ubergliicklich, als 
Schmid 18 18 es zustande brachte, eine Armenanstalt in der 
Nahe von Iferten, in Clindy, zu griinden.« Das ist es, was man 
sich vergegenwartigen soil, wenn die Rede von Pestalozzi und 
mehr noch von »Personlichkeitserziehung« ist. Denn er meinte 
es anders als seine Nachbeter. Sein Bild von der Personlichkeit 
war nicht gewonnen im Umgang mit den Kindern der privile- 
gierten Schichten. Ihn hatten die Armen und Gebrechlichen 
gelehrt, wie unbequeme Ziige sie haben und vor allem in wie 
sehr ungelegenen Augenblicken sie sich Bahn brechen kann. 
Diese unwirsche, sprode, ja bedrohliche Personlichkeit, die er 
so grundlich in sich selbst zu spiiren hatte, war es, deren Her- 
vorbrechen er mit unablassiger Aufmerksamkeit, ja mit Zittern 
erwartete. Pestalozzi hatte nichts Beispielhaftes. Was er den 
Kindern, ohne welche er nicht leben konnte, gab, war nicht sein 
Beispiel, sondern die Hand: die Handbietung, um mit einem 
seiner Lieblingsworte zu sprechen. Diese Hand lag immer bereit, 
ob sie bei Spiel und Arbeit half oder unversehens an die Stirn 
eines vorubergehenden Kindes fuhr. Davon enthalt seine Lehre 
manches, das Beste aber die Praxis, der er in Iferten mit be- 
tonter Ausschliefilichkeit seine letzte Kraft widmete. Mehr lafit 
sich denn auch iiber das Verdienst des Werkes, das dieser Pra- 
xis erstmals wirklich nachging, nicht sagen. 



35° Kritiken und Rezensionen -1932 

Der Irrtum des Aktivismus 
Zu Kurt Hillers Essaybuch »Der Sprung ins Helled 

Seit geraumer Zeit setzt Hiller sich publizistisch fiir eine Reihe 
von hochst erstrebenswerten Dingen ein: fiir die Verhiitung 
kommender Kriege, fiir ein neues Sexualstrafrecht, fiir die Ab- 
schafFung der Todesstrafe, fiir die Bildung einer lmken Ein- 
heitsfront. Die allgemeine Absicht seines Schreibens gibt dem 
Verfasser Anspruch auf Sympathie. Man tare unrecht, aus den 
mancherlei Entgleisungen in der Sache und der ofteren Willkiir 
der Form viel Wesens zu machen. Nun stellt aber die vorlie- 
gende Sammlung, die Arbeiten des Verfassers aus der jiingeren 
Vergangenheit prasentiert, im Grunde nur die mannigfache 
Abwandlung einer einzigen und zwar irrigen These dar. Weil 
der Verfasser keineswegs mit ihr allein steht - so sehr er Mut 
und Ehrlichkeit vor vielen, die auf dem gleidien Holzweg sind, 
voraus hat -, soil iiber diese These einiges gesagt sein. 
Sie statuiert den Anspruch der Geistigen auf die Herrschaft 
oder: die »Logokratie«. Wenn wir nicht irren, war es gegen 
Ende 1918, und zwar im »Rate der geistigen Arbeiter«, dafi sich 
die Parole, fiir welche Hiller so begeistert kampft, zum ersten 
Mai nachdriicklich horen liefi. Seitdem ist er ihr treu geblieben. 
Dafi er damit im heutigen Parteibetriebe nur die Stellung eines 
Aufienseiters einnehmen kann, ist selbstverstandlich, und mit 
dieser Feststellung beginnt er seine Vorrede. Ebenso selbstver- 
standlich, dafi er »am scharfsten die Partei angreifen mufi, der 
er sich am nachsten weifi: die kommunistische«. Der Tatbe- 
stand, den Hiller so fixiert, ist, wie bekannt, fur grofie Mengen 
Intellektueller heute typisch. Es soil audi nicht geleugnet wer- 
den, dafi er zwei Seiten hat. Die eine, die sprdde Haltung, die 
die kommunistische Partei, wie jede andere, gegen Intellektuelle 
an den Tag legt, wird bei Hiller zum Gegenstande heftiger 
Polemik. Sie soil hier aus dem Spiel bleiben. Der anderen aber, 
der Art von Fiihrung, welche man beansprucht, also dem Credo 
des Aktivismus, hat man naher zu treten. Nicht so, als wolle 
man den Geistigen den Anspruch auf die Herrschaft streitig 

1 Kurt Hiller, Der Sprung ins Helle. Reden, offne Briefe, Zwiegespradie, Essays, 
Thescn, PampMete gcgcn Krieg, Klerus und Kapitalismus. Leipzig: "Wolfgang Richard 
Lindner Verlag (1931). 336 S. 



Der Irrtum des Aktivismus 351 

machen. Das uferlose Meer der Meinung uber soldie Fragen 
wollen wir nicht befahren. Wir Ziehen vor, festen Boden unter 
den Fiifien zu behalten und festzustellen: Man hat sich im Kreise 
HUlers ein Bild von »Herrschaft« zurecht gelegt, das keinerlei 
politischen Sinn besitzt, es sei denn, zu verraten, wie selbst die 
deklassierte Bourgeoisie sich von gewissen Idealen ihrer Glanz- 
zeit nicht trennen kann. Nichts zeigt das deutlicher als die Revue 
der Partner, auf die man in den zahlreichen Polemiken des 
Bandes stofit. Da trifft man Coudenhove, F. W. Foerster, Schau- 
wecker, von Schoenaich - Fiihrer derselben Art wie der Ver- 
fasser, Personlichkeiten, die einer - wie immer sonst man auch 
zu ihnen stehen mag - zehnmal besiegen, widerlegen kann, 
ohne deshalb um Handbreit seinem Ziele naher zu kommen. 
Kurz Couloirpolitiker, die nicht einmal den Korridor von einem 
Parlament zur Verfiigung haben. Wo der Verfasser aber sonst 
auf Gegner stofit - die Sozialdemokratie, das Papsttum, den 
Militarismus — » auch da sucht er sie nirgends auf historischem 
Terrain, wo sie die Massen in Bewegung setzen, sondern in 
einem eristischen Utopien auf, wo nur »2ielsetzungen« einander 
gegenuberstehen, um die sich freilich dann alles sauberlich 
gruppiert. Nur dafi es die Ordnung einer Sammlung ist, nicht 
einer Schlacht. Wenn Hiller seine Absage an die Parteifiihrer 
formuliert, so raumt er ihnen manches ein; sie mogen »in 
Wichtigem wissender sein . . ., volksnaher reden . . ., sich tapfe- 
rer schlagen« als er, eins aber ist ihm sicher: dafi sie »mangel- 
hafter denken«. Wahrscheinlich, was kann das aber helfen, da 
politisch nicht das private Denken, sondern, wie Brecht es ein- 
mal ausgedriickt hat, die Kunst, in anderer Leute Kopfe zu 
denken, entscheidend ist. Oder mit Trotzki zu reden: »Wenn 
die erleuchteten Pazifisten den Versuch unternehmen, den 
Krieg mittels rationalistischer Argumente abzuschafTen, wirken 
sie einfach lacherlich. Wenn aber die bewaffneten Massen begin- 
nen, Argumente der Vernunft gegen den Krieg anzufiihren, 
dann bedeutet das das Ende des Krieges.« Es fehlen bei Hiller, 
neben problematischen Auseinandersetzungen mit dem dialek- 
tischen Materialismus, nicht eindeutige Solidaritatserklarungen 
an die Adresse der Sowjets. Darum ist es besonders auffallend, 
dafi eine der wichtigsten Episoden der Oktoberrevolution, nam- 
lich die Sabotage des neuen Regimes durch breite Massen der 



35 2 Kritiken und Rezensionen • 1932 

Intelligenz, gar keinen Mifiklang in seine Zukunftstraume ge- 
worfen hat. 

Kurz, mit Lichtenberg mag man annehmen, dafi die Hunde, die 
Wespen und die Hornissen, wenn sie mit menschlicher Vernunft 
begabt waren, vielleidit sich der Welt bemachtigen konnten; 
die Geistigen, obwohl sie mit solcher Vernunft begabt sind, 
konnen es nicht. Sie konnen nur dahin arbeiten, dafi die Macht 
in die Hande derer gelangt, die diese Sonderspezies Mensch - 
die nichts ist als ein Stigma am geistverlassenen Korper des 
Gemeinwesens — so schnell wie moglich zum Verschwinden 
bringen. Es handeit sich mit anderen Worten darum, der Ge- 
sellschaft jene vorbehaltlose Verniinftigkeit und damit jenen 
Sinn in jeder ihrer zahllosen Funktionen zu geben, welcher die 
pathologischen Stauungen liquidiert, deren Symptom das Da- 
sein der Geistigen ist. Es steht damit nicht anders wie mit dem 
»Schopferischen« oder dem »Produktiven«: von Haus aus nichts 
als Ausdruck von menschenwurdigen Beziehungen zwischen 
Menschen, sind sie in dem Grade, da sie im Leben der Gemein- 
schaft abgestorben sind, verdinglicht, als Embleme am Privat- 
mann aufgetreten. Diese Privatleute als solche — nicht als 
»Angehorige gewisser Berufszweige«, sondern als »Reprasen- 
tanten eines gewissen charakterologischen Typus«, will Hiller 
die Geistigen definiert wissen — diese somit schon per defini- 
tionem amorphe Menge von Privatleuten politisch, etwa in 
einem Parlament der Geistigen, an die Spitze stellen zu wollen, 
ist eine ausgemachte Donquichotterie. Heute kann sie noch 
liebenswiirdig, morgen schon schadlich sein. 



GOETHEBUCHER, ABER WILLKOMMENE 

Jedes in diesem Jahre iiber Goethe eingesparte Wort ist ein 
Segen und darum nichts mehr zu begriifien als lakonische Jubi- 
laumsbiicher. Zwei dieser Art, ungleich an Wert, aber lobens- 
wert beide, seien hier vorgestellt. Von Goethe-Spezialisten sind 
sie verfafit. Beide aber haben sie diesen nicht immer empfehlen- 
den Ursprung durch geistvolle Konzeption und gewissenhafte 
Durchfuhrung gerechtfertigt. So reicht denn das eine iiber Spe- 



Goethebiicher, aber willkommene 353 

zialistentum weit in die volkstiimliclie Breite hinaus, das andere 
durch gedrungene Faktizitat in die philosophische Tiefe hin- 
ab. Wir sprechen von dem » Goethe, ein Bilderbuch « von Ru- 
dolf Payer-Thurn 1 und der »Chronik von Goethes Leben« von 
Flodoard von Biedermann 2 . Beiden Biichern ist weiter gemein- 
sam Griindlichkeit in Verbindung mit Grundsatzlosigkeit. Das 
ist eine fruchtbare Kombination. So wie die Chronik unter die 
einzelnen Jahreszahlen, in die sie iibersichtlich rubriziert ist, 
die verschiedensten Fakten von den epodialen Begegnungen 
oder Werken bis zu den abgelegensten Kuriositaten begreift, 
hat audi das Bilderbuch sich vielfach vom Portrat und der 
Lokalansicht emanzipiert, um Handschriften, Bucher, die Goethe 
las oder die er verfafite, Handzeichnungen aus Italien und 
Deutschland, Illustrationen seiner Werke, die Todesanzeige sei- 
ner Enkelin, das Gedenkblatt, mit welchem er die Gratulationen 
zu seinem fiinfzigjahrigen Dienstjubilaum bedankte, selbst sei- 
nen Reisewagen zu bringen. Wenn dem Kundigen vieles unter 
diesen Bildern bekannt ist, so haben hiibsche farbige Tafeln, die 
dem Bande beigegeben sind, das Verdienst, die Aufmerksam- 
keit des Unkundigen auf ihn zu lenken, und da ein ordentlicher 
Apparat Erlauterungen zu den Tafeln gibt, so kann er aus die- 
sem Werk audi sehr viel angenehmere und solidere Belehrung 
schopfen als aus den schablonierten Literaturgeschichten furs 
deutsche Haus. Um aber auf die Biedermannsche »Chronik« 
zuriickzukommen, so kann so kundig uberhaupt niemand sein, 
dafi er das Buch nicht mit reichem Gewinn wieder und wieder 
vornehmen konnte. Im Gegenteil, je mehr der Leser von Goethe 
kennt, desto tiefer wird diese Zusammenstellung, die sich in 
allem ausschliefSlich an Namen und an Daten halt, seine Phan- 
tasie bewegen. Es gab bisher etwas ahnliches wohl nur in der 
von H. G. Graf besorgten Ausgabe der Gedichte Goethes in 
zeitlicher Folge. Wem dort die eine oder andere Episode dieses 
Lebens durch die blofie Konfiguration der Verse, die in ihr ent- 
standen, bildhaft wurde - man denke nur an jene ungeheure 
Folge, die durch das Gedicht an den »Aufgehenden Vollmond«, 

1 Rudolf Payer von Thurn, Goethe. Bilderbuch. Sein Leben und Schaffen in 444 Bil- 
dern erlautert. Leipzig: G. Schulz Verlag [1931]. 192 S. Abb., mehr Taf., 24 S. 

2 Flodoard Frh. von Biedermann, Chronik von Goethes Leben. Leipzig: Insel Verlag 
[1931]. 86 S. (Insel-BUcherei. 415.) 



354 Kritiken und Rezensionen • 1932 

die Divanzeilen »Nicht mehr auf Seidenblatt« in Dornburg nach 
, dem Tode Karl Augusts entstand - der ist zum Studium dieser 
Chronik vorbereitet. 



Cherry Kearton, Die Insel der fiinf Millionen Pinguine. (t)ber~ 
setzt von Magda Kahn.) Stuttgart: J. Engelhorns Nachf. (1932). 
189 S. 

In diesen Zeiten kann man sidi Leute vorstellen, die, wenn es 
ihnen gelingt, der Arbeit fur einige Tage oder Wochen den 
Rucken zu kehren, am liebsten audi Ferien vom Mitmenschen 
nehmen. Denen wird dann in ihrem entlegenen Winkel ein 
Tierbuch die angenehmste Reiselektiire sein. Da es nicht jeder- 
manns Sache ist, zu Thompsen oder London zu greifen, so 
werden audi lockerere Biicher wie das vorliegende zu ihrem 
Recht kommen. Besonders wenn sie stofflich so viel Interesse 
erwecken konnen wie die felsige Insel der Siidsee, auf welcher 
Kearton das Leben der Pinguine studierte. 
Wer die Pinguine nicht aus einem zoologischen Garten kennt, 
dem sind sie vielleicht aus dem Brehm ein Begriff, und wer den 
Brehm nicht gelesen hat, hat doch vielleicht schon von der 
» Insel der Pinguine« etwas gehort, auf die Anatole France eine 
seiner bedeutendsten Satiren verlegt hat. Satirisch kann man 
die sachlichen Aufzeichnungen von Kearton nun zwar nicht 
nennen; die Komik aber, die diese Tiere durch ihren gleichsam 
naturlichen Anthropomorphismus fiir den Menschen haben, 
kommt bei ihm vollauf zu ihrem Recht. Und zwar auf liebens- 
wiirdige Weise. »Mehr als einmal«, so heifit es im Vorwort, 
»wenn ich meine Pinguine betrachtete und sie, den Kopf schief 
auf die Seite gelegt, auch ihrerseits gedankenvoll nach mir her- 
schauten, fragte ich mich, ob es der Naturforscher sei, der den 
Pinguin, eine merkwiirdige Vogelart, studierte, oder ob nicht 
vielmehr sie die Naturforscher seien, die das merkwiirdigste 
aller Geschopfe - den Menschen - studierten.« 
Wie die Insel der Pinguine heifk, verrat der Verfasser nicht. Sie 
ist eines von den zehntausenden oder den hunderttausenden 
von Felsenriffen, die zwischen den Kiisten Afrikas und Austra- 



Cherry Kearton 35$ 

liens liegen, und der Forscher hat seine Einsamkeit nur mit sei- 
ner Frau und einem Jungen vom Kap geteilt, den er als Diener 
mitnahm. Sonst gibt es da wohl noch einen Leuchtturmwarter - 
ein Leuchtturm ist auf die Karte der ungenannten Insel einge- 
zeichnet - aber der spielt keine Rolle. lm iibrigen fehlt dieser 
Weltabgeschiedenheit, was der Romantiker von ihr am aller- 
ersten sich ertraumt - die Stille. Die Nacht zumindest ist von 
ununterbrochenen Schreien der Pinguine und unzahliger ande- 
rer Vogel erfullt. Der Verfasser aber, den wir auf den zahl- 
reichen Fotos, die dem Band beigegeben sind, kennen lernen, 
macht, wie es sich gehort, mehr den Eindruck eines Trappers 
als eines Romantikers. Das hat ihn jedoch nicht gehindert, audi 
einige bildnerisch ganz aufiergewohnlich schone Fotos nach 
Hause zu bringen. Eins der vollkommensten umspannt den 
Raum vom Horizonte zum Zenit, wie er mit unermefilichen 
Vogeischaren erfullt ist. Die Pinguine selber aber erscheinen 
nicht nur in Massen - gleichsam auf Meetings - sondern audi 
in Portratstudien, die eines Hoffotografen wiirdig waren, wie 
denn Kearton eine ganze Anzahl von Originalen oder Charak- 
terkopfen unter ihnen entdeckt haben will: den Richter, den 
Landstreicher, Charlie Chaplin, den Cherub und viele andere. 
Das Buch enthalt eine Fulle von Geschichten, die manchen Leser 
auf Ratsel in der Tiernatur fiihren werden. Der Verfasser 
seinerseits hat sich mehr an die bunte Mannigfaltigkeit der 
Erscheinung gehahen. Sein Buch ist launig. Vielleicht kommt die 
Distanz zu den Tieren daruber zu kurz. Aber immer wieder 
fuhlt der Leser sich durch die Naivitat und Frische der Betrach- 
tungen entschadigt: »Kennzeichnend fur Tiere ist, daft sie es 
nidit mogen, wenn man liber sie lacht . . . Ich bin jedoch geneigt, 
die Pinguine fur die einzige Ausnahme von dieser Regel zu 
halten. Wenn man iiber sie lacht - und wer konnte schlieElich 
umhin, iiber sie zu iachen? - so legen sie den Kopf auf die Seite 
und sehen einen an . . . Nach einer Weile pflegen sie dann in 
ihrer jeweiligen Beschaftigung fortzufahren, ab und zu aber 
blicken sie immer wieder auf, wie um zu sehen, ob ihnen noch 
immer Huldigungen dargebracht werden. « Was dies betrifft, 
sind sie mit dem Verfasser bestimmt zufrieden gewesen. 



356 Kritiken und Rezensionen -1932 

Erleuchtung durch Dunkelmanner 

Zu Hans Liebstoeckl, »Die Geheimwissenschaften im Lidite 

unserer Zeit«* 

Verhaltnismafiig langsam tastet sich die Tagespresse auf 
den okkulten Gebieten vorwarts; sie bekommt gewohn- 
lidi erst recht spat Kenntnis vom Wandel der Dinge, 
dem Ehemann gleichend, der von der Untreue seiner 
Frau zuletzt erfahrt, ist (sie) uber das Wesen iiber- 
sinnlicher Erkenntnis, ganz im Widerspruch zu sonstiger 
journalistischer Fixigkeit und Tuditigkeit, noch immer 
sehr mangelhafl informiert. 

Liebstoeckl, a. a. O., S. $. 

Von jeher gab es eine Literatur, die neben dem Bildungsdrang 
zugleich dem Glikkshunger breiter Volksschichten Befriedigung 
versprach. Man fand sie in den Papierladen der Kleinstadt so 
gut wie in denen engbevolkerter Grofistadtviertel. Sie fuhrten 
in die »Geheimnisse der Liebeskunst«, das »Siebente Buch 
Mosis«, den »Schliissel zum Erfolge« oder die »Agyptische 
Traumdeutung« ein. Aus namenlosem Dunkel hat sie im Laufe 
der letzten Jahrzehnte ihren Weg in die erleuchteten Auslagen 
von anspruchsvollen Sortiments gefunden, die den Vertrieb 
okkulter Schriften zu ihrer Spezialitat machen. Einige Verande- 
rungen brachte diese Rangerhbhung mit sich. Denn wenn die 
kleinen Hefte, welche unseren Blick als Jungen auf sich zogen, 
fiir Schichten bestimmt gewesen waren, welche, von der hoheren 
Bildung ausgeschlossen, eben darum glaubten, durch die Magie 
des Blicks oder die Kunst, mit Gliick in der Lotterie zu spielen, 
mit einem Schlage sich iiber sie hinausschwingen zu konnen, so 
wenden sich die neueren an Kreise, welche an ihrer Bildung irre 
wurden. Die Dummheit, die Gerissenheit und Roheit, die beide 
Gattungen von Schriften teilen, hindert nicht, dafl sie in dem 
sich griindlich unterscheiden, wessen sie ihre Leserschaft ver- 
sichern: den kleinen Mann namlich des Aufstiegs in hohere 
Schichten, den gemachten dagegen der alleinigen Realitat des 
Geistigen und der Bedeutungslosigkeit der Wirtschaftskampfe. 
Nicht jeder freilich wagt in dieser Hinsicht sich so sehr ins De- 

1 Hans Liebstoeckl, Die Geheimwissenschaften im Lichte unserer Zeit. Zurich, Leipzig, 
Wien: Amalthea-Verlag (1932), 432 S. 



Erleuchtung durch Dunkelmanner 357 

tail wie der Verfasser der »Geheimwissenschaften im Lichte 
unserer Zeit«, der erklart, es konne, »seit die Menschheit dank 
dem Spiritismus wieder um okkulte Dinge weifi, docli wohl 
sein, dafi solch ein armer, durch seinen Zwangsbeitrag an die 
Genossenkassa, an den Bolschewismus gefesselter Proletarier, 
eines Tages in seiner elenden Stube klopfen hort . . . Das Klop- 
fen an der Wand des armen Mannes will seit jenem Tage nicht 
aufhoren. Es wird sogar immer schlimmer und dadurch ganz 
besonders unheimlich, dafi es, wenn man den Klopfgeist etwas 
f ragt, ganz prazise mit Ja oder Nein antwortet . . . Bei hellich- 
tem Tage zupft es am Armel, kneift am Ohr oder wirft plotzlich 
Gegenstande scharf vorbei; ein Tisch schwebt in der Luft, alien 
Behauptungen der Wissenschaft zum Trotze, die von Schwer- 
kraft spricht; ein Buch blattert sich von selbst auf, ein Licht- 
schein wird sichtbar, die Schritte eines Unsichtbaren schlurfen 
durch die Stube, eine Tur geht ganz von selbst auf, und es 
scharrt an der Schwelle, als ob ein Pudel Einlafi suchte. Fragt der 
Genosse heimlich die Madame oder die Kartenaufschlagerin . . ., 
so bekommt er meist eine Antwort, die er nicht versteht . . . Der 
Herr Betriebsrat aber lacht laut auf; er lacht allerdings nicht 
lange, denn schliefilich kann auch der freisinnigste Herr Be- 
triebsrat, der die hochsten Freidenkergrade miihelos erreicht 
hat, nicht anders, als zugeben, dafi hier, wahrhaftig, bei vollem 
Licht und voller Besinnung, etwas wie ein Spuk am Werke ist. 
Ich habe Arbeiter kennengelernt, die, obzwar parteigetreue 
Sozialisten, heimlich spiritistische Zirkel besuchten und sich 
nicht davon abbringen lieften, mich zu benachrichtigen, wenn 
neue Phanomene und Kundgebungen zu verzeichnen waren.« 
(S. 351 f.) Wieviel VerlaE auf die Geister ist, die derart in der 
Mietskaserne gegen den Betriebsrat aufgeboten werden, dar- 
iiber wird sich freilich der Unternehmer keine Illusionen ma- 
chen, vielmehr geneigt sein, im stillen Wolfskehls melancholi- 
sche Frage zu wiederholen: »Sollte man von den Spiritisten nicht 
sagen, dafi sie im Driiben flschen?« Mit noch grofierem Geschick 
tun das die Anhanger Steiners, welche den Verfasser jener be- 
merkenswerten Zeilen zu den ihren zahlen. Zugleich setzen sie 
ein weit hoheres Bildungsniveau voraus, als der nackte Spiritis- 
mus es tut, und eben darum konnten sie ihn im Verlauf der 
letzten Jahre in den Kreisen uberfliigeln, die neuerdings ins 



358 Kritiken und Rezensionen ■ 1932 

Obskurantentum ihr HofTen setzen. Denn wenn die »Magie« 
der guten, alten Groschenhefte ein Ietztes, kummerlichstes Ab- 
fallprodukt bedeutenderer Oberlieferungen war, so hangt die 
»Anthroposophie« samt den ihr nahestehenden Charlatanerien 
vielmehr mit der »allgemeinen Bildung« der neueren Zeiten zu- 
sammen, und zwar als deren Zersetzungsprodukt. 
Wer unternimmt, sich von der Knse Rechensdiaft zu geben, in 
welche die allgemeine Bildung in den letzten Jahrzehnten ein- 
getreten ist, wird inne werden, daf5 die Entfremdung Europas 
von den Werken und den Traditionen seiner Bliitezeit, die 
Verkiimmerung der Geisteswlssenschaften, das Aussterben der 
Kenntnis der alten Sprachen den Vorgang doch nur unzureichend 
charakterisieren. Denn die allgemeine Bildung verschwindet 
nicht spurlos, sondern unterliegt, genau betrachtet, vielmehr 
der Zersetzung. Sie ist zur Zeit an einem Punkte angekommen, 
wo die Zerfallsprodukte, mit denen sie die geistige Atmosphare 
schwangert, schon bestimmbar sind. Der Blut- und Strahlen- 
zauber in seinen hundertfaltigen Spielarten ist nur das eine von 
zwei Elementen, die im Zerfall zutage treten und von denen 
keines fur sich allein sich recht verstehen lafit. Das salbungs- 
volle Kauderwelsch der falschen Propheten - um zunachst bei 
diesen zu verbleiben - ist unschwer als Ruckstand der grofien 
humanistischen Philosophic erkennbar, die im Programm der 
allgemeinen Bildung mit der exakten Forsdhung sich verbunden 
hatte. Unter diesen Propheten sind die der Anthroposophie 
weitaus die anspruchsvollsten. Sie haben es nicht nur wie der 
Spiritismus mit Geisterwelten, nicht nur wie die Mystik mit 
ubersinnlichen Anschauungsformen und nicht nur wie die Astro- 
logie mit Gestirnen zu tun, sondern mit alien Wissenschaften 
insgesamt. Und dafi sie zu neuen Resultaten auf der ganzen 
Linie kommen, ist nicht zu bestreiten. So als Anthropologen: 
»War der physische Leib des Menschen auf dem alten Saturn 
ein Warmeleib, so ist er zur alten Sonnenzeit em Luftleib 
geworden, der, gashaft, emen weiteren Zustand der Verdichtung 
darstellt.« (S. 61.) So als Historiker: »Ohne Sinn sind diese 
grandiosen Platzsuchen und Platzwechsel der Volker (d. i. die 
Volkerwanderung) keineswegs gewesen, schon deshalb nicht, 
weil sie mit der Atherverteilung auf der Erde zusammenhin- 
gen.« (S. 228.) So als Physiker: »Einstein hat ihm (dem Ather) 



Erleuchtung durch Dunkelmanner 359 

die Tiire der Physik wohl vor der Nase zugeschlagen, aber das 
Vorhandensein von Molekeln, das Einstein, Smoluchowsky und 
Soedberg als erwiesen annahmen, macht den Leuten, die den 
Ather aus der Physik hinauswarfen, wenigstens, soweit ihr 
logisches Denken in Frage kommt, wenig Ehre.« (S. 297.) Wenn 
nun auch, wie man sieht, Plankeleien, hier mit Einstein, dort mit 
Eduard Meyer, dann wieder mit Dessoir unterlaufen, so ist bei 
Steiner so gut wie bei Krishnamurti oder Bo-Ym-Ra die grofte 
Harmonie das Ein und Alles, in dem die Einzelheiten unter- 
tauchen. Will man nun dieser Einzelheiten in den bizarren 
Formen habhaft werden, in welche der Verfall der allgemeinen 
Bildung sie versetzt hat, mufi man sich an den Gegenpol ver- 
fiigen. Daft er nicht weniger magnetisch auf die Massen wirkt 
als die verschiedenen magischen Initiationen, kann man aus 
dem beliebten »Frag mich was« entnehmen, auch aus der Rubrik 
»Wissen Sie eigentlich, daft . . .«, welche seit Jahren zum eiser- 
nen Bestande gewisser Tagesblatter gehort. Die Streuung und 
das Durcheinander der exakten Tatsachen, wie sie in solchen 
Spielereien zum Vorschein kommt, ist nicht so sinnlos, wie es 
auf den ersten Blick erscheint. Zumindest gibt es eine grofte 
Wirtschaftsmacht, die sie in ihren Dienst stellt: die Reklame. 
Man durchblattere den Inseratenteil der illustrierten Wochen- 
schriften: auf jeder Seite schlagen einem beriihmte Manner und 
Landschaften, kulturhistorische und technische Daten, klassi- 
sche Lebensregeln und statistische Tabellen, chemische und 
physiologische Satze entgegen. Es ist die Ware, die auf solche 
Weise die Welt des Wissens und des Geistes sich als Hinter- 
grund drapiert, urn desto lockender auf ihm sich abzuheben. 
Kein Wunder, daft das merkantile Amerika es war, das hier den 
ersten Schritt ins Grofte tat, indem es seine Sender stundenweise 
einzelnen groften Firmen und Konzernen vermietet, die auf ihre 
Kosten die grofiten Virtuosen, die beliebtesten Humoristen sich 
produzieren lassen - zum hoheren Ruhme ihrer Fabrikate. In 
Europa begniigt die Warenproduktion sich noch mit bilHgeren 
Kraften: sie stellt die allgemeine Bildung in ihren Dienst, um ihr 
Erzeugnis nicht allein in dem Bedurfnis, sondern auch im Gei- 
stesleben ihrer Kundschaft zu verankern. So viel iiber das 
unterirdische Wechselspiel der neueren Reklametechnik und 
Geheimwissenschaft, die beide mit dem Zerfall der allgemeinen 



360 Kritiken und Rezensionen • 1932 

Bildung ihren Aufschwung nahmen. Wenn die eine die Kunst 
versteht, die Ware zum Arkanum zu machen, so weifi die andere 
das Arkanum als Ware abzusetzen: so gut wie eine Zigarette 
als der beste Seelenarzt kann Steiners »Goetheanum« als soli- 
des Unternehmen angesehen werden und die von ihm in Umlauf 
gesetzte Geheimwissenschaft ist ein Markenartikel, der keines- 
wegs verlegen ist, die gesamte Weltgeschichte zu seiner Pro- 
paganda heranzuziehen. 

Damit fallt vielleicht audi ein Licht auf den zunachst gewifi 
befremdlichen Eifer, mit dem die Geheimwissenschaft iiber ihren 
Platz in der Presse wacht. Man beginnt zu verstehen, warum 
der Meister sich »iiber die Presse und ihre Bedeutung fur die 
Geisteswissenschaft« Gedanken machte, sofern namlich »die 
Journalisten nur die Kraft hatten, sich von Vorurteilen und 
ihrem Hang zu Fliichtigkeiten freizumachen« (S. 369). Da nun, 
wie der Verlagsprospekt bekannt gibt, mit diesem Buche ein 
Mann auf den Plan tritt, »der als Musik- und Theaterkritiker 
europaischen Ruf geniefit«, mag die Geheimlehre dieses neuen 
journalistischen Verbindungsmannes sich freuen. Der Leser aber 
wird mit einiger Wehmut an die veralteten Broschuren zuriick- 
denken, die fur zehn Pfennig Gliick im Spiele oder in der Liebe 
in Aussicht stellten und sich gestehen, wieviel lauterer sie 
erscheinen als ein Schrifttum, das Ophir und Atlantis, Buddha 
und Christus, Totenbuch und Sohar aufbietet, um die Barbarei 
an jenen Platz zu stellen, den vor hundert Jahren die Bildung 
einnahm. 



Jemand meint 
Zu Emanuel Bin Gorion, »Ceterum Recenseo* 1 

Jeder kann seine eigene Meinung haben, aber mandie 
verdient Priigel. 

Chinesisches Sprichwort 

Wenn Cato maior im Senat seiner Rede die Worte anschlofi: 
»Ceterum censeo Carthaginem esse delendam«, so war es das 

1 Emanuel Bin Gorion, Ceterum Recenseo. Kritische Aufsatze. Neue Folge. Berlin: 
Morgenland-Verlag 1932. 174 S. 



Jemand meint 361 

erste Mai nur eine Meinung. Beim vierten oder funften Mai 
war es ein Tick, beim zehnten Mai war es eine Losung und nach 
einigen Jahren der Anfang der Zerstorung Karthagos gewor- 
den. Auf Catos Wort spielt der Verfasser eines Bandes von 
Kritiken mit einer Wendung an, die im Mund eines Prager 
Gymnasiasten verzeihlich ware. Ein Polemiker - und Bin Go- 
rion halt sich fur einen - hatte dieses Diktum besser verwerten 
konnen. Es lafit sich viel aus ihm lernen. Jeder Polemiker hat 
sein Karthago und anfangs gar nichts in der Hand als seine 
Meinung. Wie schmiedet er sie aber zur Waffe um? Zum In- 
struments der Zerstorung, die er plant? Er leiht ihr seine 
Stimme, seine Gegenwart; er stattet sie mit allem Inkommen- 
surablen, Zufalligen seines privaten Daseins aus. Fur ihn, den 
wirklichen Polemiker, gibt es zwischen Personlichem und Sach- 
lichem gar keine Grenze. Nicht nur was die Erscheinung seines 
Gegners angeht, sondern vor allem, und noch mehr, die eigene. 
Ja - man erkennt ihn daran, dafi er sein moralisches und 
intellektuelles, sein publizistisches und sein privates Leben der 
offentlichen Meinung so deutlich macht wie ein Akteur sein 
Dasein auf der Biihne. Ihm ist die Kunst vertraut, die eigene 
Meinung so virtuos und bis in ihre letzten Konsequenzen zu 
verfolgen, dafi der gesamte Vorgang umschlagt und die fast 
idiosynkratische Betonung der privaten Standpunkte, Vorurteile 
und Interessen zu einer schonungslosen Invektive gegen die 
herrschende Gesellschaft wird. 

Kritik von dieser Haltung strebt seit jeher - ihre Linie von 
Swift bis Karl Kraus beweist es schlagend - zum politischen 
Pamphlet. Um diese grofie Oberlieferung fortzusetzen, N fehlt 
dem Verfasser jegliche Befugnis. Es soil hier nicht von einer 
Ignoranz in alien orTentlichen Dingen die Rede sein, die man 
bei einem Publizisten immer s tor end, bei einem Kritiker von 
Trotzkis Memoirenbande als durchaus unertraglich empfinden 
mufi. Den Strategen des Burgerkriegs in Rufiland nennt Bin 
Gorion einen charakterlosen » Mannequin der roten Tracht«. 
So unverschamt das ist, so wird man dem Verfasser immerhin 
zugute halten konnen, dafi nicht politische Verblendung ihn 
beseelt. Denn ahnungsloser kann man nicht gut sein, als sich 
Bin Gorion mit der Meinung darstellt, »dafi Kommunismus 
keine Erfindung der Neuzeit ist, sondern seit jeher gelehrt und 



362 Kritiken und Rezensionen * 1932 

von den Edlen aller Zeiten praktiziert wurde«. Es ist aber dieser 
provokatorische Ton nicht nur in den politischen Betrachtungen 
der herrschende. Er zahlt zum Reich der »Pseudo-Dichter« »et- 
wa George und Rilke, audi Hofmannsthal, Hesse«. Nach der 
Begriindung fragt man ihn vergeblich. 

Gewifi, man wird audi manchmal »seiner Meinung« sein. »Der 
Philister«, sagt Hebbel, »hat oft in der Sadie recht, aber nie in 
den Griinden.« Und mogen nun die Ambitionen eines Schrei^ 
bers noch so nobel sein - das Stuck Philister, welches in ihm 
steckt, bricht immer durch. Bisweilen recht robust. So heifit es 
hier: »Echte Kunst wirkt erhebend und adelnd; die Pseudo- 
Kunst fordert noch den Glauben an die Materie.« Oder: »Kunst 
ist Natur und bildet sich ungefragt und ungerufen: Schund 
wird auf Bestellung gefertigt.« Nicht genug an der Gedankenlo- 
sigkeit dieses Kriteriums - hat Hebel nicht viele seiner schon- 
sten Erzahlungen auf Bestellung geschrieben und ist Gold- 
schnitt-Lyrik besser, wenn sie keinen Verleger findet? - so 
fahrt der Autor fort: »Das eine wachst, das andere wird fabri- 
ziert: das eine ist Butter, deren Ursprung in der Natur ist, das 
andere Margarine, die kiinstlich hergestellt wird.« Wenn hier 
der Ausdruck lappisch und gesucht ist, ist der Gemeinplatz, den 
er deckt, nur um so breiter: die sture Gegeniiberstellung von 
Schriftstellerei und Dichtung, die am Tiefstand der heutigen 
Kritik mitschuldig ist. Kurz, eine Herabwiirdigung des »Lite- 
rarischen« ganz im Sinne der Reaktion, mit welcher der Ver- 
fasser auf seine eigene Weise kokettiert. Sein Bild vom »editen 
Dichter«, das dem Horizont der Lesekranzchen haargenau ent- 
spricht, beweist das. Wenn diesem namlich »jedes Gedicht, das 
er formt . . . Ausdruck eines inneren Erlebnisses, einer Ergrif- 
fenheit, eines Erstaunens oder einer Erkenntnis« ist, so geht 
»der Pseudo-Dichter . . . aus nicht vom Leben und nicht von der 
latenten Musik, die in der Natur vorhanden ist, sondern er 
schopft aus bereits bestehender Literatur und bewegt sich nur 
im Kreise von Vorstellungen, Gedanken und Formeln, die vor 
ihm schon ihre endgiiltige Pragung erhalten haben«. Falls die- 
sen ganzlich mufiigen Bestimmungen irgendein Sinn zukommt, 
ist es der, Schriftstellerei und Dichtung zu entzweien: der ersten 
als dem unbetrachtlichen Bezirk profaner Schreiber einen Tem- 
pelhain zu konfrontieren, in dem der »echte Dichter« seines 



Strenge Kunstwissenschaft 363 

Amtes waltet. In Wahrheit lafit sidi keine grofie Dichtung - in 
ihrer Grofie! - ohne das Moment des Technischen verstehen. 
Dieses aber ist ein schriftstellerisches. So viel von den »At- 
tacken«. 

Die »Apologien« sind belanglos. Waren sie es nicht durch ihre 
Haltung, so durch die Objekte. Der Verfasser hat weder die 
Autoritat, die die Polemik, noch jene Tradition und Bildung, 
welche die fundierende Kritik verlangt. Die hohe Schule dieser 
letzteren ist im Schrifttum der Romantiker zu finden. Kritik 
erscheint in ihm als die Entfaltung der Wahrheit, welche in den 
Werken schlummert. Es wird ihr bildliche Figur verliehen, indem 
sie derart innig mit der Beschreibung sich verbindet, dafi in den 
benihmten Mustern dieser Gattung jede Meinung des Rezen- 
senten so vernichtet scheint wie nach der klassischen Asthetik 
der Stoff im Kunstwerk. Und nicht umsonst hat diese Blute der 
Kritik um 1800 sich an den Meisterwerken Shakespeares, Cal- 
derons, Cervantes' entfaltet. Nicht wie die Kletterrose sich am 
Stamm emporrankt, sondern wie eine jener seltenen Biiiten, 
welche hin und wieder aus einer immergriinen stachligen und 
wie fur die Unsterblichkeit gepanzerten Kaktee brechen. Im 
Kommentar hat dieses kritische Verfahren seine Grenzform. 
Die kurzen StUckchen, die hier unterm Titel »Apologien« ein- 
geordnet sind, sind, ob sie Joseph Wittig oder Emil Straufi, 
Oskar Loerke oder Hans Vofi gelten, unbetrachtlich. Sie sind 
wohlmeinend. Die Meinung aber ist das Rohmaterial des Kri- 
tikers. Man sieht es ungern, wenn er mit ihm auftrumpft. Noch 
weniger gerne, wenn er einer Zeit, welche sich so nicht bange 
machen lafit, den nahen Untergang in Aussicht stellt. 



Strenge Kunstwissenschaft 
Zum ersten Bande der »Kunstwissenschafllichen ForschungeiKc 1 

(Erste Fassung) 

Als Wolfflin 1898 sein Vorwort zur »Klassischen Kunst« 
schrieb, erklarte er mit einer Geste, die die Kunstgeschichte, 
wie damals Richard Muther sie verstand, beiseite schob: »Das 

1 Kunstwlssensdiaftliche Forschungen. (Scfiriftlcitung: Otto Padit.) Bd. 1. Berlin: 
Frankfurter Verlags-Anstalt 1931. 246 S., 48 Tafeln. 



364 Kritiken und Rezensionen -1932 

Interesse des modernen Publikums . . . scheint sich heutzutage 
wieder mehr den eigentlich kiinstlerischen Fragen zuwenden zu 
wollen. Man verlangt von einem kunstgeschichtlichen Buche 
nicht mehr blofi die biographische Anekdote oder die Schilde- 
rung der Zeitumstande, sondern mochte etwas erfahren von 
dem, was Wert und Wesen des Kunstwerks ausmaciit . . . Das 
Natiirliche ware, dafi jede kunstgeschichtliche Monographic 
zugleich ein Stiick Asthetik enthielte.« »Um dieses Ziel sicherer 
zu erreichen«, so heifit es dann weiter, »ist dem ersten, histori- 
schen Teil zur Gegenprobe ein zweiter systematischer beigege- 
ben.« Diese Disposition ist umso bezeichnender, als sie nicht 
nur die Absichten sondern auch die Grenzen des damals so 
epochemachenden Versuchs erkennen lafit. Und in der Tat hat 
Wolfflins Unternehmen, durch die formale Analyse, welche er 
in die Mitte des Verfahrens stellte, der trostlosen Verfassung 
abzuhelfen, in welcher seine Disziplin am Ende des neunzehn- 
ten Jahrhunderts sich befand, nicht durchgegriffen. Er hat den 
Dualismus zwischen einer flachen, universalhistorischen Ge- 
schichte der Kunst »aller Volker und Zeiten« und einer aka- 
demischen Asthetik aufgezeigt, ohne ihn doch ganz zu iiber- 
winden. 

Wie sehr die universalhistorische Auffassung der Kunstge- 
schichte, in deren Zeichen der Eklektizismus freies Spiel hatte, 
die echte Forschung in Fesseln schlug, gibt erst der heutige 
Stand der Dinge zu erkennen. Und zwar nicht nur in der Kunst- 
wissenschaft. »Fur die Gegenwart«, heifit es in einer program- 
matischen Auseinandersetzung des Literarhistorikers Walter 
Muschg, »darf gesagt werden, dafi sie in ihren wesentlichen 
Arbeiten nahezu ausschliefilich auf die Monographic gerichtet 
ist. Der Glaube an den Sinn einer Gesamtdarstellung ist in dem 
heutigen Geschlecht in hohem Mafi verloren. Statt dessen ringt 
es mit Gestalten und Problemen, die es in jener Epoche der 
Universalgeschichten hauptsachlich durch Liicken bezeichnet 
sieht.« »Die Abkehr vom unkritischen Realismus der Ge- 
schichtsbetrachtung, das Verwelken der makroskopischen Kon- 
struktionen« sind in der Tat die wichtigsten Signaturen der 
neuen Forschung. Denn ganz entsprechend Sedlmayrs program- 
matischer Artikel, der das vorliegende Jahrbuch erofTnet: »Die 
werdende Phase der Kunstwissenschaft wird in bisher nicht 



Strenge Kunstwissenschaft 365 

gekannter Weise die Erforscbung einzelner Gebilde in den 
Vordergrund stellen miissen. Nichts ist im gegenwartigen Sta- 
dium so wichtig wie eine verbesserte Erkenntnis des einzelnen 
Kunstwerks, und nirgends versagt die bestehende Kunstwis- 
senschaft so sehr wie vor dieser Aufgabe . . . Sobald das ein- 
zelne Kunstwerk als eine eigene, noch unbewaltigte Aufgabe 
der Kunstwissenschaft angesehen wird, steht es in machtiger 
Neuheit und Nahe vor uns. Friiher blofi Medium der Erkennt- 
nis, Spur eines anderen, das aus ihm erschlossen werden sollte, 
erscheint es jetzt als eine in sich ruhende kleine Welt eigener 
und besonderer Art.« 

Es folgen, dieser Ankundigung entsprechend, denn audi drei 
streng monographische Arbeiten. Andreades stellt die Hagia 
Sophia als Synthese zwischen Orient und Okzident dar; Otto 
Pacht entwickelt die historische Aufgabe Michael Pachers; und 
Carl Linfert behandelt die Grundlagen der Architekturzeich- 
nung. Diesen Arbeiten ist gemein eine uberzeugende Liebe zur 
Sache und eine nicht minder uberzeugende Sachkenntnis. Ihre 
Verfasser haben nichts zu schafFen mit dem Typus des Kunst- 
historikers, »der eigentlich tiberzeugt war, dafi man Kunst- 
werke nicht erforschen (sondern nur >erleben<) sollte, es aber 
doch - nur schlecht - tat«. Sie wissen ferner, daft man nur 
vorwarts kommen kann, wenn man von einem Bedenken des 
eignen Tuns - einer neuen Bewufkheit - nicht eine Hemmung, 
sondern eine Forderung der wissenschaftlichen Arbeit erwartet. 
Denn eben diese Arbeit hat es nicht mit Gegenstanden des 
Genusses, formellen Problemen, gestalteten Erlebnissen und 
wie die anderen Schablonen aus der Erbschaft einer schongei- 
stigen Kunstbetrachtung heiften mogen, zu tun; fiir sie ist die 
formale Aufnahme der gegebenen Welt durch den Kiinstler 
»kein Auswahlen, sondern jedesmal ein Vorstoft in ein Erkennt- 
nisfeld, das bis zum Augenblick dieser formalen Bewaltigung 
noch nicht >vorlag< . . . Diese Auffassung wird nur durch eine 
Denkart moglich, fiir die der Anschauungsspielraum selbst mit 
der Zeit und gemafi den Wendungen seiner geistigen Lenkung 
veranderlich 1st, fiir die aber keinesfalls so etwas wie stets 
gleichartig vorhandene Dinge anzunehmen sind, deren formale 
Auspragung nur ein wechselnder >Stildrang< bei gleichbleiben- 
dem Anschauungsumkreis bestimmt.« Denn »nie darf uns et- 



366 Kritiken und Rezensioneir • 1932 

was liegen an >Formproblemen< fiir sich, als ware je eine Form 
als Ausflufi eines bloften Formproblems, oder anders gesagt: 
eine Form um ihres Reizes willen entstanden«. 
Andacht zum Unbedeutenden, mit der die Briider Grimm so 
unverwechselbar den Geist wahrer Philologie zum Ausdruck 
brachten, eignet audi dieser Art von Kunstbetrachtung. Aber 
was beseelt diese Andacht, wenn nicht die Bereitschaft, die 
Forschung bis zu jenem Grunde vorzutrelben, aus dem audi 
dem »Unbedeutenden« - nein, gerade ihm - Bedeutung zu- 
wachst. Der Grund, auf den die Forschung solcher Manner 
stofk, ist der konkrete des geschichtlichen Gewesenseins. Das 
»Unbedeutende«, das sie beschaftigt, ist nicht Nuance neuer 
Reize noch audi Merkmal, mit dem man fruher Saulenformen 
so bestimmte wie Linne die Gewachse, sondern es ist das 
Unscheinbare oder audi Anstofiige (beides ist kein Wider- 
spruch), das in den wahren Werken iiberdauert und der Punkt 
ist, an welchem der Gehalt fiir einen echten Forscher zum 
Durchbruch kommt. Man lese eine Untersuchung wie sie Hubert 
Grimme (der diesem Kreis nicht angehort) vor Jahren liber die 
Sixtinische Madonna publiziert hat um zu erkennen, was ein 
solches auf die unscheinbarsten Daten des Gegenstandes auf- 
gebautes Studium noch einem abgegriffenen Objekte abgewinnt. 
Und so ist, ihrer Materialbestimmtheit wegen, nicht WolfTlin 
Ahnherr dieses neuen Typs von Kunstgelehrten sondern Riegl. 
Die Untersuchung Pachts iiber Pacher »lst ein neuer Versuch 
jener groKen Darlegungsform, die Alois Riegl als einen Ober- 
gang vom Einzelgegenstand auf seine geistige Funktion so 
meisterhaft beherrscht hat, besonders in seiner Untersuchung 
>Das hollandische Gruppenportrat<«. Ebenso liefie sich an dessen 
»Spatromische Kunstindustrie« erinnern. Und zwar vor allem, 
weil sie beispielhaft erkennen lafk, dafi eine niichterne und dabei 
unerschrockene Forschung niemals die lebendigen Anliegen 
ihrer Gegenwart verfehlt. Der Leser, welcher heute Riegls 
Hauptwerk liest, das beinah gleichzeitig mit dem eingangs 
angefiihrten WolrTlins ist, erkennt riickblickend, wie da unter- 
irdisch schon die Krafte sich bewegen, welche ein Jahrzehnt 
spater im Expressionismus zutage traten. So darf man audi von 
Pachts und Linferts Studien vermuten, dafi die Aktualitat sie 
fruher oder spater einholen wird. 



Strenge Kunstwissenschaft 367 

Ob es nun freilich zweckmafiig ist, diese strenge Kunstwissen- 
schaft als eine »zweite« der ersten - namlich positivistischen - 
gegeniiberzustellen, wie Sedlmayr in seinem einleitenden Auf- 
satz es versucht, das unterliegt methodischen Bedenken. Denn 
Forschung, wie sie hier geiibt wird, ist gerade auf die Hilfs- 
wissenschaften - malerische Technik, Motivgeschichte, Ikono- 
graphie - so angewiesen, dafi es irrefiihrend wirken kann, ihr 
diese als die »erste Kunstwissenschaft« gewissermafien zum 
Pendant zu geben. Auch sonst erweist es sich an diesem Auf- 
satz, wie schwierig es fur eine Forschungsrichtung wie die hier 
vertretene ist, zu rein methodischen Bestimmungen ganz ohne 
ein vorgegebenes Material zu kommen. Schwierig. Aber auch 
notig? Ist es angezeigt, dies neue Wollen so beflissen unter das 
Patronat der Phanomenologie und der Gestalttheorie zu stel- 
len? Leicht konnte es dabei geschehen, dafi man auf der einen 
Seite einbiifit, was man, in etwa, auf der anderen gewinnt. 
Gewifi - der Hinweis auf »Sinnschichten« in den Werken, auf 
ihren »physiognomischen Charakter«, auf ihren »Richtungs- 
sinn« ist in der Polemik gegen die positivistische Kunstklitte- 
rung und selbst noch in der gegen die formale Analyse zu ver- 
werten. Doch fur die Selbstverstandigung der neuen For- 
schungsweise leistet er nichts Rechtes. Sie hatte mehr von der 
Erkenntnis zu erwarten, dafi der Bedeutungsgehalt der Werke, 
je entscheidender sie sind um desto unscheinbarer und inniger, 
an ihren Sachgehalt gebunden ist. Sie hatte es mit der Bezogen- 
heit zu tun, die zwischen dem historischen Prozefi und Umbruch 
auf der einen Seite und dem Zufalligen, Aufierlichen, ja Kurio- 
sen des Kunstwerks auf der andern die wechselseitige Erhellung 
stiftet. Denn wenn sich als die bedeutungsvollsten grade jene 
Werke erweisen, deren Leben am verborgensten in ihre Sach- 
gehalte eingegangen ist - man denke an Giehlows Deutung der 
»Melencolia« Diirers - so stehen im Verlaufe ihrer Dauer in 
der Geschichte diese Sachgehalte einem Forscher um so viel 
deutlicher vor Augen, je mehr sie aus der Welt verschwunden 
sind. 

Was das besagt, ist schwerlich deutlicher zu machen als es in 
Linferts Arbeit, die den Band beschliefit, heraustritt. »Architek- 
turzeichnung«, erklart sie von ihrem Gegenstande, »ist ein 
Grenzfall.« Eben der Grenzfall aber ist es, in dessen Durchfor- 



3 68 Kritiken und Rezensionen -1932 

schung die Sachgehalte ihre Schlusselposition am entschieden- 
sten geltend machen. Betrachte man die Tafeln, die in Fiille 
der Arbeit Linferts beigegeben sind. Die Unterschriften weisen 
Namen, die dem Laien, zum Teil wohl audi dem Fachmann, 
unbekannt sind. Und nun die Bilder selbst. Man kann nicht 
sagen, daft sie Architekturen wiedergeben. Sie geben sie aller- 
erst. Und seltener der Wirklichkeit des Planens als dem Traum. 
So stehen hier die wappenhaften Prunkportale eines Babel, die 
Feenschlosser, die Delajoue in eine Muschel bannte, die Nippes- 
architekturen Meissoniers, Boull^es Bibliotheksentwurf, der 
wie ein Bahnhof, Juvaras Idealprospekte, die wie Blicke in den 
Speicher eines Gebaudehandlers aussehen. Eine ganz neue, 
unberiihrte Welt von Bildern, die einem Baudelaire hoher als 
alle Malerei gestanden hatte. Hier aber iibt sich an ihnen eine 
Technik der Beschreibung, der es gliickt, in diesem undurch- 
forschten Grenzgebiet die aufschluftreichsten Sachbestimmun- 
gen zu treffen. Es gibt ja, offenkundig, eine Darstellung von 
Bauten mit rein malerischen Mitteln. Von ihr wird die Architek- 
turzeichnung genau geschieden und die nachste Annaherung an 
unbildmafiige, also vermutlich echt architektonische Darstellung 
von Bauten in den topographischen Planen, Prospekten und 
Veduten gefunden. Da audi hier gewisse »Fehler« sich alien 
naturalistischen Fortschritten zum Trotz bis spat ins achtzehnte 
Jahrhundert erhalten haben, nimmt Linfert eine eigentumliche 
architektonische Vorstellungswelt an, die sicli stark von der der 
Maler unterscheidet. Es gibt vielerlei Anzeichen fiir ihr Vor- 
handensein. Das wichtigste ist, daft die Architektur gar nicht in 
erster Linie »gesehen« wurde, sondern als objektiver Bestand 
vorgestellt und von dem der Architektur sich Nahernden oder 
gar in sie Eintretenden als ein Umraum sui generis ohne den 
distanzierenden Rand des Bildraums gespiirt wurde. Also 
kommt es bei der Architekturbetrachtung nicht auf das Sehen, 
sondern auf das Durchspiiren von Strukturen an. Die objektive 
Einwirkung der Bauten auf das vorstellungsmafiige Sein des 
Betrachters ist wichtiger als ihr »gesehen werden«. Mit einem 
Wort: die wesentlichste Eigenschaft der Architekturzeichnung 
ist »keinen Bildumweg zu kennen«. 

Soweit das Formale. Dieses aber durchdringt in Linferts Analy- 
sen sich aufs engste mit der historischen Gegebenheit. Seine 



Strenge Kunstwissenschaft 369 

Untersudiung handelt »von einem Zeitraum, in dem die Archi- 
tekturzeichnung den prinzipiellen und entschiedenen Ausdruck 
zu verlieren anfing«. Wie aber wird dieser »Verfallsprozei5« 
hier transparent! Wie tun die architektonischen Prospekte sich 
auseinander, um in ihren Kern Allegorien, Buhnenbilder, Denk- 
steine aufzunehmen! Und jede dieser Formen weist nun ihrer- 
seits verkannte Gegebenheiten, die vor diesem Forscher in ihrer 
ganzen Konkretion erscheinen: Die Hieroglyphik der Renais- 
sance, die visionaren Ruinenphantasien Piranesis, die Tempel 
der Illuminaten, wie wir sie aus der »2auberflote« kennen. Hier 
'zeigt es sich, dafi nicht der Blick furs »grofie Ganze« oder die 
»umfassenden Zusammenhange«, wie ihn die Mittelmafiigkeit 
fur sich in Anspruch nimmt, das Zeichen des neuen Forschers 
ist sondern das Zuhausesein in Grenzgebieten. Die Manner, 
die in diesem Jahrbuch sprechen, reprasentieren diesen Typus 
in seiner Strenge. Sie sind die Hoffnung ihrer Wissenschaft. 



Strenge Kunstwissenschaft 

Zum ersten Bande der »Kunstwissenschafllichen Forsdiungen« l 

(Zweite Fassung) 

Als Wolfflin 1898 sein Vorwort zur »Klassischen Kunst« 
schrieb, erklarte er mit einer Geste, die die Kunstgeschichte, wie 
damals Richard Muther sie vertrat, beiseite schob: »Das Inter- 
esse des modernen Publikums . . . scheint sich heutzutage wieder 
mehr den eigentlich kunstlerischen Fragen zuwenden zu wollen. 
Man verlangt von einem kunstgeschichtlichen Buche nicht mehr 
blofi die biographische Anekdote oder die Schilderung der Zeit- 
umstande, sondern mochte etwas erfahren von dem, was Wert 
und Wesen des Kunstwerks ausmacht . . . Das Natiirliche ware, 
dafi jede kunstgeschichtliche Monographic zugleich ein Stuck 
Asthetik enthielte.« »Um dieses Ziel sicherer zu erreichen«, so 
heifit es dann weiter, »ist dem ersten, historischen Teil zur 
Gegenprobe ein zweiter systematischer beigegeben.« Diese 
Disposition ist um so bezeichnender, als sie nicht nur die Ab- 

1 Kunscwissensdiaftlidie Forsdmngen. (Schriftleitung: Otto Padit.) Bd. 1. Berlin: 
Frankfurter Verlags-Anstalt 1931, 246 S., 48 Tafeln. 



370 Kritiken und Rezensionen -1932 

siditen, sondern audi die Grenzen des damals so epochema- 
ciienden Versuchs erkennen lafit. Und in der Tat hat Wolfflins 
Unternehmen, durch die formale Analyse der niederschlagen- 
den Verfassung abzuhelfen, in welcher seine Disziplin am Ende 
des neunzehnten Jahrhunderts sich befand und die dann spater 
Dvorak in dem Nadiruf auf Riegl so genau kennzeichnen 
sollte, nicht vollig durchgegriffen. Wolfflin hat zwar den Dua- 
lismus zwischen einer flachen, universalhistorischen »Geschichte 
der Kunst aller Volker und Zeiten« und einer akademischen 
Asthetik aufgezeigt, ihn aber doch nicht ganzlich uberwun- 
den. 

Wie sehr die universalhistorische Auffassung der Kunstge- 
schichte, in deren Zeiten der Eklektizismus freies Spiel hatte, 
die echte Forschung in Fesseln schlug, gibt erst der heutige 
Stand der Dinge zu erkennen. Und zwar nicht nur in der Kunst- 
wissenschaft. »Fiir.die Gegenwart«, heifit es in einer program- 
matischen Auseinandersetzung des Literarhistorikers Walter 
Muschg, »darf gesagt werden, dafi sie in ihren wesentlichen 
Arbeiten nahezu ausschliefilich auf die Monographic gerichtet 
ist. Der Glaube an den Sinn einer Gesamtdarstellung ist in dem 
heutigen Geschlecht in hohem Mafi verloren. Statt dessen ringt 
es mit Gestalten und Problemen, die es in jener Epoche der 
Universalgeschichten hauptsachlich durch Liicken bezeichnet 
sieht.« »Die Abkehr vom unkritischen Realismus der Geschichts- 
betrachtung, das Verwelken der makroskopischen Konstruktio- 
nen« sind in der Tat die wichtigsten Signaturen der neuen For- 
schung. Dem ganz entsprechend Sedlmayrs programmatischer 
Artikel, der das vorliegende Jahrbuch eroffnet: »Die werdende 
Phase der Kunstwissenschaft wird in bisher nicht gekannter 
Weise die Erforschung einzelner Gebilde in den Vordergrund 
stellen miissen . . . Sobald das einzelne Kunstwerk als eine 
eigene, noch unbewaltigte Aufgabe der Kunstwissenschaft an- 
gesehen wird, steht es in machtiger Neuheit und Nahe vor uns. 
Friiher blofi Medium der Erkenntnis, Spur eines anderen, das 
aus ihm erschlossen werden sollte, erscheint es jetzt als eine in 
sich ruhende kleine Welt eigener und besonderer Art.« 
Es machen dieser Ankiindigung gemai5 drei streng monogra- 
phische Arbeiten den Hauptbestand des neuen Jahrbuchs aus. 
Andreades stellt die Hagia Sophia als Synthese zwischen Orient 



Strenge Kunstwissenschaft 371 

und Okzident dar; Otto Pacht entwickelt die historische Auf- 
gabe Michael Pachers, und Carl Linfert behandelt die Grund- 
lagen der Architekturzeichnung. Diesen Arbeiten ist gemein eine 
iiberzeugende Liebe zur Sache und eine nicht minder iiber- 
zeugende Sachkenntnis. Ihre Verfasser haben nichts zu schaffen 
mit dem Typus des Kunsthistorikers, der eigentlich davon 
durchdrungen war, »dafi man Kunstwerke nicht erforschen 
(sondern nur >erleben<) sollte, es aber doch - nur schlecht - 
tat«. Sie wissen ferner, dafi man nur vorwartskommen kann, 
wenn man von einem Bedenken des eignen Tuns - einer neuen 
Bewufitheit - nicht eine Hemmung, sondern eine Forderung der 
wissenschaftlichen Arbeit erwartet. Denn eben diese Arbeit hat 
es nicht mit Gegenstanden des Genusses, formalen Problemen, 
gestalteten Erlebnissen und wie die anderen Begriffe aus der 
Erbschaft einer iiberwundenen Kunstbetrachtung heifien mogen, 
zu tun; fiir sie ist die formale Aufnahme der gegebenen Welt 
durch den Kiinstler »kein Auswahlen, sondern jedesmal ein 
Vorstofi in ein Erkenntnisfeld, das bis zum Augenblick dieser 
formalen Bewaltigung noch nicht >vorlag< . . . Diese Auffassung 
wird nur durch eine Denkart moglich, fiir die der Anschauungs- 
spielraum selbst mit der Zeit und gemafi den Wendungen seiner 
geistigen Lenkung veranderlich ist, fiir die aber keinesfalls so 
etwas wie stets gleichartig vorhandne Dinge anzunehmen sind, 
deren formale Auspragung nur ein wechselnder >Stildrang< bei 
gleichbleibendem Anschauungsumkreis bestimmt.« Denn »nie 
darf uns etwas liegen an >Formproblemen< fiir sich, als ware je 
eine Form als Ausflufi eines blofien Formproblems, oder anders 
gesagt: eine Form um ihres Reizes willen entstanden«. 
»Andacht zum Unbedeutenden«, mit der die Briider Grimm so 
unverwechselbar den Geist wahrer Philologie zum Ausdruck 
brachten, eignet auch dieser Art von Kunstbetrachtung. Aber 
was beseelt diese Andacht, wenn nicht die Bereitschaft, die 
Forschung bis zu jenem Grunde vorzutreiben, aus dem auch dem 
»Unbedeutenden« - nein, gerade ihm - Bedeutung zuwachst. 
Der Grund, auf den die Forschung solcher Manner stofit, ist 
der konkrete des geschichtlichen Gewesenseins. Das »Unbe- 
deutende«, das sie beschaftigt, ist nicht Nuance neuer Reize noch 
auch Merkmal, mit dem man friiher Saulenformen so bestimmte 
wie Linne die Gewachse, sondern es ist das Unscheinbare, das 



37 2 Kritiken und Rezensionen -1932 

in den Werken iiberdauert und der Punkt ist, an welchem der 
Gehalt fur einen echten Forscher zum Durchbruch kommt. Und 
so ist ihrer geschichtsphilosophischen Verspannungen wegen 
nicht Wolfflin Ahnherr dieses neuen Typs von Kunstwissen- 
schaft, sondern Riegl. Die Untersuchung Pachts iiber Packer »ist 
ein neuer Versuch jener grofien Darlegungsform, die Alois Riegl 
als einen Ubergang vom Einzelgegenstand auf seine geistige 
Funktion so meisterhaft beherrscht hat«. Gerade Riegl belegt 
zudem auf beispielhafte Art, dafi eine niichterne und dabei 
unerschrockene Forschung niemals die lebendigen Anliegen ihrer 
Gegenwart verfehlt. Der Leser, welcher heut sein Hauptwerk - 
die »Spatromische Kunstindustrie« - liest, das beinahe gleich- 
zeitig mit dem eingangs angefiihrten Wolfflins ist, erkennt 
riickblickend, wie da unterirdisch schon die Krafte sich bewe- 
gen, welche ein Jahrzehnt spater im Expressionismus zutage 
traten. So darf man audi von Pachts und Linferts Studien ver- 
muten, dafi die Aktualitat sie friiher oder spater einholen 
wird. 

Im iibrigen hat Riegl audi methodisch in einem kurzen Aufsatz 
»Kunstgeschichte und Universalgeschichte«, der 1898 erschienen 
ist, die altere Art universalhistorischer Betrachtung gegen eine 
neue Kunstwissenschaft abgegrenzt, der er selber die Wege 
bahnte. Es ist das jene eingehende Ausdeutung des-Einzelwerks, 
die, ohne irgendwo sich zu verleugnen, auf die Gesetze und 
Probleme der Kunstentwicklung im ganzen stofit. Diese For- 
schungsrichtung hat alles von der Erkenntnis zu erwarten, dafi 
der Bedeutungsgehalt der Werke, je entscheidender sie sind, um 
desto unscheinbarer und inniger, an ihren Sachgehalt gebunden 
ist. Sie hatte es mit der Bezogenheit zu tun, die zwischen dem 
historischen Prozefi und Umbruch auf der einen Seite und dem 
Zufalligen, Aufierlichen, ja Kuriosen des Kunstwerks auf der 
anderen die wechselseitige Erhellung stiftet. Denn wenn sich als 
die bedeutungsvollsten gerade jene Werke erweisen, deren 
Leben am verborgensten in ihre Sachgehalte eingegangen ist - 
man denke an Giehlows Deutung der »Melencolia« Diirers - 
so stehen im Verlaufe ihrer Dauer in der Geschichte diese Sach- 
verhalte einem Forscher um so viel sinnfalliger vor Augen, je 
mehr sie aus der Welt verschwunden sind. 
Was das besagt, ist schwerlich deutlicher zu machen, als es in 



Strenge Kunstwissenschaft 373 

Linferts Arbeit, die den Band beschliefk, heraustritt. »Architek- 
turzeichnung«, erklart sie von ihrem Gegenstande, »ist ein 
Grenzfall «. Schon in der »Spatromischen Kunstindustrie« er- 
wies sich ja der Grenzfall - denn das ist die Goldschmiedekunst, 
die sich dem Kunstgewerbe beizahlt - als Ausgangspunkt der 
bedeutsamsten Oberwindung der konventionellen Universal- 
historie mit ihren sogenannten »H6hepunkten« und »Verfalls- 
perioden«. Den gleichen Ansatz hat ja schliefilich auch Wolfflin 
genommen, wo er das Barock, in dem noch Burckhardt nur ein 
Zeugnis des Verfalls sehen wollte, als erster positiv verstanden 
hat. Und damit nicht genug, hat Dvoraks Forschung iiber den 
Manierismus aufgezeigt, welche historischen Aufschliisse einer 
spiritualistischen Entstellung der leergewordenen Schemen der 
reinen Klassik sich abgewinnen lassen. An alledem ist die 
periodenfeste Universalhistorie vorbeigegangen. Und doch ist 
es der von ihr verschmahte Grenzfall, in dessen Durchiforschung 
die Sachgehalte ihre Schliisselposition am entschiedensten gel- 
tend machen. 

Betrachte man die Tafeln, die in Fiille der Arbeit Linferts bei- 
gegeben sind. Die Unterschriften weisen Namen auf, die dem 
Laien, zum Teil wohl auch dem Fachmann unbekannt sind. Und 
nun die Bilder selbst. Man kann nicht sagen, daf? sie Architek- 
turen wiedergeben. Sie geben sie allererst. Und seltener der 
Wirklichkeit des Planens als dem Traum. So stehen hier die 
wappenhaften Prunkportale eines Babel, die Feenschlosser, die 
Delajoue in eine Muschel bannte, die Nippesarchitekturen Meis- 
soniers, Boullees Bibliotheksentwurf, der wie ein Bahnhof, 
Juvaras Idealprospekte, die wie Blicke in den Speicher eines 
Gebaudehandlers anmuten. Eine ganz neue unberiihrte Welt 
von Bildern, die einem Baudelaire hoher als alle Malerei gestan- 
den hatte. 

Die Analyse dieser Formwelt aber durchdringt bei Linfert sich 
aufs engste mit der historischen Gegebenheit. Seine Untersu- 
chung handelt »von einem Zeitraum, in dem die Architektur- 
zeichnung den prinzipiellen und entschiedenen Ausdruck zu ver- 
lieren anfing«. Wie aber wird dieser »VerfallsprozeE« hier 
transparent? Wie tun die architektonischen Prospekte sich aus- 
einander, um in ihren Kern Allegorien, Biihnenbilder, Denk- 
steine aufzunehmen! Und jede dieser Formen weist nun ihrer- 



374 Kritiken und Rezensionen -1932 

seits verkannte Gegebenheiten, die vor diesem Forscher in ihrer 
ganzen Konkretion erscheinen: die Hieroglyphik der Renais- 
sance, die visionaren Ruinenphantasien Piranesis, die Tempel 
der Illuminaten, wie wir sie aus der »2auberflote« kennen. Hier 
zeigt es sich, dafi nicht der Blick furs »Grofie Ganze« oder fiir 
die »umfassenden Zusammenhange«, wie ihn einst die behabige 
Mittelmafiigkeit der Griinderzeit fiir sich in Anspruch nahm, 
das Merkmal des neuen Forschergeistes ist. Vielmehr hat er den 
strengsten Prufstein darin, in Grenzbezirken sich daheim zu 
fiihlen. Das ist es, was den Mitarbeitern des neuen Jahrbuches 
ihren Platz in der Bewegung sichert, die heute von den germani- 
stischen Studien Burdachs bis zu den religionshistorischen der 
Bibliothek Warburg die Randgebiete der Geschichtswissenschaft 
mit frischem Leben erfullt. 



1933 



Hermann Gumbel, Deutsche Sonderrenalssance in deutscher 
Prosa. Struktur analyse deutscher Prosa im sechzehnten Jahr- 
hundert. Frankfurt am Main: Verlag Moritz Diesterweg 1930. 
XII, 268 S. (Deutsche Forschungen. Heft 23.) 

Die breit angelegte und sehr solide Studie von Hermann Gum- 
bel hat es mit der Stilkritik der deutschen Prosa in einer ihrer 
wenigst erforschten Epochen zu tun. Sie entschadigt sich fur die 
Sprodigkeit ihres Gegenstandes, indem sie sich zurn Programm 
einer >Stilforschung als geistiger Physiognomik< bekennt. In 
drei Ansatzen geht der Autor an die Verwirklichung dieses 
Vorhabens. Nachdem er die grammatisch-syntaktische Struktur 
der deutschen Schriftsprache furs sechzehnte Jahrhundert, und 
zwar irri engsten Anschlufi ans Lateinische, verfolgt hat, wen- 
det er sich der primitiven Seite seiner Quellen zu, um schliefilich 
in einer Reihe kunstwissenschaftlicher Begriffe seine Befunde zu 
unterbauen. Dabei umfassen seine Untersuchungen die ganze 
Breite des damaligen Schrifttums; die Prosa der Schwankbucher 
so gut wie der Chronisten oder der Prediger. Dariiber hinaus 
bemachtigt er sich der volksmafiigen Untergrunde der ganzen 
Bewegung. Ihrem besonderen Studium gilt das zweite Kapitel 
»Die primitive Struktur«. 

»Reicht uberhaupt« - so erklart der Verfasser im Anschlufi an 
Burdach - »die >inwendige Kunstform< defer hinab >in die 
Sphare des Halbbewufiten, Unbewufiten als der typische Ge- 
dankengehalt kiinstlerischer Hervorbringungen<, dann diirfte . 
fiir jene Zeit nichts so entscheidend sein als eine Neubelebung, 
ein Aufbluhen, ein Finden des Unbewufiten. Und wenn eine 
Sehnsucht nach Primitivitat iiberhaupt bewufit werden konnte, 
so nur auf Grund einer Erniichterung, Aufklarung, Ubersatti- 
gung, so nur als Wiedererwachen unmittelbarer Triebe und 
eines ursprunglicheren Verhaltnisses zum Leben des primitiven 
Fiihlens, das sich vor allem im Lebensstil und in der Lebenspra- 
xis der Allgemeinheit und der Unterschicht zeigen miifite.« Die 
Stadtflucht der augusteischen Dichter ebensowohl wie die evan- 



37^ Kritiken und Rezensionen • 1933 

gelische Verheifiung »Sq Ihr nicht werdet wie die Kinder . . .« 
stellt der Verfasser in der Aktualitat dar, die ihnen damals neu 
verliehen schien. Sodann geht er zu dem Versuche iiber, das 
Bild der primitiven Prosa jener Zeit naher durch Analogien zu 
bestimmen, welche sie zur Kindersprache aufweist. Grundlegend 
aber bleibt ihm immer das Nachwirken eines magischen Sprach- 
lebens bis in die kunstvollsten Erzeugnisse der damaligen Lite- 
ratur; ein Sprachleben, in das er wesentljch im Anschlufi an 
Cassirers »Philosophie der symbolischen Formen« (I) und die 
»Begriffsform im mythischen Denken« des gleichen Autors ein- 
zudringen sidi bemiiht. 

Kennzeichnend fiir die Gumbelsche Methode ist sodann vor 
allem eine Analyse der damaligen Zeichensetzung, die den 
zweiten Teil des Werkes abschliefit. »Ein allgemeines Wort 
daruber, wie wichtig gerade die Interpunktion fiir die Struk- 
turerkenntnis einer Spradie ist, diirfte nach allem Gesagten 
und in einer Zeit unnotig sein, in der die Forderung doch All- 
gemeingut wird, dafi Stilbegriffe ihre Verbindlichkeit und Gel- 
tungskraft gerade bis in die unscheinbarsten Aufienformen be- 
wahren.« Audi in der Zeichengebung sucht er den Impuls des 
Neuen nadizuweisen. »An die Stelle der Teilungen, des Sinn- 
hackens und des stofiweisen Trennens« ist »die organisch- 
korperliche Apperzeptionsform getreten. Da sind es jetzt Glie- 
der und Gelenke, fiir die man sinnvoll den Vergleidi mit dem 
>leib< braucht.« 

Die Darstellung gipfelt in einer Analyse der »formalen Struk- 
tur«. Hier zeigt sich der Verfasser sehr besorgt, diejenigen 
kunstwissenschaftlidien Begriffe, in welchen er die Renaissance- 
gestalt der deutsdien Prosa zu erfassen trachtet, von dem Ver- 
dachte unzulassiger Verallgemeinerung zu reinigen. Denn in 
der Tat begegnen seine Formulierungen nicht selten denen 
Heinrich WolfHins; ja gegen Ende taucht ein Schematismus auf, 
der den Kategorien, in die Wolfflin den Gegensatz von Renais- 
sance und Barock gespannt hat, andere nebenordnet, die der 
Leser in Gumbels kritischer Betrachtung deutscher Prosaisten 
des gleichen Zeitraums bereits kennen lernte. Um so grofieren 
Wert legt der Verfasser auf die Tatsache, dafi seine eigene 
Analyse solche polaren Stilbegriffe lediglich an Studien im 
eigenen Material gewonnen hat; Studien, die sich von denen 



Hermann G umbel 377 

Wolfflins audi methodiscli unterscheiden. Denn wahrend Wolff- 
lin ja bekanntlich in der Spannung seiner Grundbegriffe den 
Gegensatz von Renaissance und Barock umfafit, hat Gumbels 
Ableitung der »Benennungen keine Erleichterung, Antriebe und 
Stutzen erhalten aus der Analyse und konstruktiven Einbezie- 
hung des absoluten Gegentyps«. »Der Blickpunkt und die Rich- 
tung der Betrachtung und Analyse - die hier das eigentlich 
Entscheidende sind - bleibt also durchaus im Bereich >deutsche 
Renaissanceprosa< festgelegt, die Steigerungen, Gegenstucke 
und Gegensatze sind Relationen hierzu und storen die Ober- 
wolbung des einen Zeitstiles, der einen Stilzeit audi dann nicht, 
wenn wir in ihnen deutlich selbst jenes Moment namhaft ma- 
dien konnen, das man sich mit dem Wort >barock< zu bezeich- 
nen gewohnt hat.« 

Damit ist der Verfasser einer Forschungsart treu geblieben, die, 
wie er eingangs erklart, »in notwendig ganz langsamer und 
zaher Arbeit an den kleinsten, >unwesentlichsten< Aufienseiten 
ansetzt und von ihnen aus muhsam das Ganze aufdroselt«. 
Diesen Charakter der Muhseligkeit verleugnet die eindringliche 
und behutsame Studie freilich nicht immer. Vielleicht kommt 
mancher Leser in die Lage, sich zu fragen, ob die asketische Be- 
scheidung des Verfassers nicht ihren besten Lohn noch aus- 
stehen und von einer Fortsetzung zu erwarten habe, die 
bestimmt ist, diesen Bestandsaufnahmen ihre innere geschicht- 
liche Bedeutung zuzuordnen. 



Memoiren aus unserer Zeit 

Schlichters Buch 1 , das erste eines auf drei Bande angelegten 
Memoirenwerks, hebt sich scharf gegen den Hauptbestand der 
in den letzten hundert Jahren an den Tag getretenen Auto- 
biographien ab. Es tragt die deutlichen Symptome der Krise, 
die das Ideal ergriffen hat; Symptome, die interessanter sind 
als die literarischen Veranstaltungen, welche hier hin und wieder 
sie zu vertuschen getroffen werden. Mehr als man annimmt, 

1 Rudolf SdiHchter, Das widerspenstlge Fleisdi. Berlin: Ernst Rowohlt Verlag 1932. 
368 S. 



37^ Kritiken und Rezensionen '1933 

unterliegt der autobiographische Beridit kanonisdien Vorstel- 
lungen iiber Natur und Sinn der Lebensalter. Grade der erste 
Lebensraum, die Jugend - die der Verfasser hier von sich er- 
zahlt - erschien dem Humanismus als bevorzugt; es ist bekannt, 
wie zwanglos in seinem Ideenhimmel sich der Jiingling bewegt; 
wie sehr dagegen der Greis aus seinem Gestaltenreiche heraus- 
fallt. In idealischer Frische entsteigt im neunzehnten Jahrhun- 
dert - in den Bildungsromanen so gut wie in den autobio- 
graphischen - das anmut-, unschuldsvolle Kind dem Nichts, urn 
erst im Spiel, sodann im Dichten und im Denken, Welt und 
Erfahrung gleichsam an sich zu Ziehen. Wenn irgendwo der 
Geist des deutschen Humanismus lebensnah, dem Kantischen 
entriickt gewesen ist, so war es in der konkretesten Moral der 
Lebensalter, derzufolge denn auch, als die Krisis heraufzog, 
die Jugendbewegung als letztes Fort des Idealismus geblieben 
ist. Im ubrigen ist nur naturlich, dafi, je weiter sein Verfall 
gediehen ist, umso ausschliefilicher durchformte Memoiren- 
werke Epigonensache wurden. Einem ganz andern Typus aber 
ist angehorig, was hin und wieder vor der klassischen Epoche 
derart auftaucht. Kommt man von der Lektiire Schlichters bei- 
spielsweise zu Karl Philipp Moritzens »Anton Reiser«, so fiihlt 
man sich sofort auf bekanntem Boden; ja, man glaubt nun erst 
zu verstehn, was eigentlich in diesem neuesten autobiographi- 
schen Versuch ans Licht will. Ans Licht - und zwar aus tiefster 
Finsternis. Denn dies vor allem ist die Signatur dieser vorklas- 
sischen, heute antiklassischen Autobiographic, dafi nicht die 
Menschwerdung des zeit- und raumentbundenen Genius - 
»Dichtung und Wahrheit« darf man so umschreiben - das 
Thema ist, sondern die Retrung der Kreatur, welche aus einem 
vorgeburtlichen Schlachten- und Schreckensraum gleichsam ins 
Helle der Geburt gefluchtet scheint. Fiigt man hinzu, dafi das 
chaotische Gemacht, das noch im Raum von Anton Reisers oder 
Schlichters Kindheit waltet, mit tausend hergeschneiten Einzel- 
heiten - Musik und Priigeln, Mobiliar und Wetter, Ameisen 
und Vokabeln - innigste Verbindung eingeht, so hat man auf 
das wichtigste mindestens hingedeutet. Bekanntlich stellen 
Frommelei und Sexualitat das Muster dieser seltsamen Legie- 
rung jeder Moderne mit der ihr zubestimmten Vorwelt dar. 
Und so entspricht dem, was fur Reisers Kindheit der Pietismus 



Memoiren aus unserer Zeit 379 

war, in Schlichters recht genau der Fetischismus. Mit einem 
Wort: die Psychologie des Kirides ist nichts Fixiertes. Grade 
das kindliche Verhalten ist bezeichnet durch unerschopfliche 
Vermittelungen des zeit- und urgeschichtlichen Moments. Aufs 
innigste ist Schlichters Kinderwelt verschweifit mit jenen finstren 
und skurrilen Seiten des ausgehenden neunzehnten Jahrhun- 
derts, seinem »Lebensstil«. Da gibt es eine Tante Wilhelmine 
Nirk. In ihrem »Reitkostum von dunkelblauer Farbe mit Wes- 
pentaille, die vorne herunter mit einer Reihe Perlmutterknopfen 
besetzt war . . . hochschaftige gelbe Schniirstiefel aus feinem 
Chevreauleder mit diinnen hohen Pompadourabsatzen« an den 
Fiifien, mit weifien Glacestulpenhandschuhen und Reitpeitsche 
ausgestattet, trug sie dem jungen Schlichter etwas von jener 
Welt zu, fur welche sich Marcel Proust durch Odette ent- 
flammte. Man darf nicht fragen, was Stuttgart mit Paris zu 
schaffen hat. Denn sicher 1st, dafi in beider Kindheit, der des 
wurttembergischen Kleinbiirgersohns und jener des Pariser Ele- 
gants, die Stadte sich aufs seltsamste verpuppen, so dafi beim 
Klang der rue de Parme Proust Veilchenduft entgegenschlug, 
Schlichter aber - von der Stuttgarter Festtafel her - nach 
Jahren noch »der Geruch von Salzkartoffeln ... das Symbol der 
Groftstadt« gewesen ist. Der Reichtum des Lokalkolorits ist es, 
von dem dergleichen Stellen einen Vorschmack geben konnen. 
Und welcher Lokale: das Dorfle des Karlsruher Apachenviertels, 
das Nonnengaflle, wo die Armut seiner Heimatstadt ansassig 
war, Zuffenhausen und Bieringen, die Glaiche und G'staire der 
Flofierei auf der Nagold, die Trassen der Pforzheimer Bahn und 
die Quartiere des Backermeisters Heugle und des Posamentiers 
Dirrlam stehen in der Prallheit ihres Dialekts, im Gewimmel 
ihrer Bewohner, in der Drastik ihrer Geruche da. Und neben 
dem Volkstiimlichen mobilisieren diese Schilderungen einen ge- 
lehrten oder auch quacksalberischen Wortschatz. Diese Welt ist 
mit ihren suspekten Konzeptionen, ihren prekaren Aspirationen 
soweit wie moglich von aller Heimatkunst entfernt, und was 
bleibt dem »widerspenstigen Fleisch« da iibrig, als auch seiner- 
seits ein Fremdworterbuch zu studieren, in welchem Exhibitio- 
nismus und Sodomie, Sadismus und Koprophilie keine geringe 
Rolle spielen. Es ist ein vielspaltiges, ja ein wimmelndes Leben, 
das hier beschrieben ist. Und wenn der Ekel, wie man behaup- 



380 Kritiken und Rezensionen '1933 

tet hat, die tiefsten atavistischen Verwandtschaftsformen auf- 
zeigt, versteht man den sehr gut, den der Verfasser vor dem 
tausendfachen Tiergewimmel im Unterholz der Walder gefuhlt 
zu haben bekennt. Und auch dies entspricht der Form des 
Gewimmels, dafi die gleichen Figurationen - in diesem Fall die 
sexuellen - immer wieder an den heterogensten Stellen auf- 
tauchen. Es ist uberhaupt ein Buch, in dem alle Elemente im 
Widerstreit, einander trennend, pressend, quetschend an den 
Tag treten. Es krabbelt und wuselt wie auf Breughelschen Hol- 
lenbildern, es schwillt und strotzt wie Hexenbriiste und Huren- 
schenkel bei Hans Baldung Grien. Die Ketzer - Manichaer und 
Karpokratianer - sind Zeitgenossen dieses wurttembergischen 
Gartnersohnes. Sein Mittagstisch wird dem angehenden Fa- 
brikarbeiter im Handumdrehen zur »Frefiholle« und in den 
Fenstern seiner mutterlichen Strafie sitzen Gestalten vom Blocks- 
berg. So also in einer finstren Wolke von Trabanten tritt hier 
die Kindheit auf den Plan. Weniger der nachtliche Wald als die 
franzosische Revolution ist hier die Geisterlandschaft, in der die 
Weisungen der Kolportage die einzige Rettung sind. Karl Marx 
wird Ahnherr von Karl May. So weit der junge Schlichter. Der 
erwachsene aber baut vor, wenn auch nur mit Worten: Mit vor- 
gebauten Worten: dem Motto. »Per Evangelica dicta deleantur 
nostra delicta. Mefibuch der katholischen Kirche.« Mag das 
Bekenntnis lauten wie's will. Die Haltung eines Buches, das mit 
so schonungslosen Angaben uber die dem Verfasser Nachst- 
stehenden zu deren Lebzeiten erscheint, entspricht immer noch 
besser dem Kommunistischen Manifest als dem Missale. 



Kierkegaard 
Das Ende des philosophischen Idealismus 

Der letzte Versuch, Kierkegaards Gedankenwelt ungebrochen 
zu iibernehmen oder weiterzufiihren, ging von der »Dialekti- 
schen Theologie« Karl Barths aus. Die Wellen dieser theologi- 
schen Bewegung beriihren sich in ihren Auslaufern mit den 
von Heideggers existenziellem Denken hervorgerufenen Krei- 
sen. Der vorliegende Versuch - Theodor Wiesengrund-Adorno: 



Kierkegaard 381 

Kierkegaard 1 - geht an den Gegenstand von einer ganz anderen 
Seite heran. Kierkegaard wird hier nicht fortgefiihrt, sondern 
zuruck: Zuriick ins Innere des philosophischen Idealismus, in 
dessen Bannkreis die eigentlich theologische Intention des Den- 
kers zur Ohnmacht verurteilt blieb. 

Wiesengrunds Fragestellung ist somit, wenn man will, eine 
historische. In ihrer Bearbeitung aber erweist er, aus welch 
hochst aktuellen Interessen heraus seine methodisch so vor- 
sichtige Untersuchung entsprungen ist. Sie fuhrt zu einer Kritik 
des deutschen Idealismus, dessen Entratselung von seiner Spat- 
zeit ausgeht. Denn Kierkegaard ist ein Spading. Die von Wie- 
sengrund sehr gliicklich charakterisierte Zwitternatur seiner 
schriftstellerischen Erscheinung, die seine Produkte so oft zu 
Bastarden von Dichtung und Erkenntnis zu machen scheint, gibt 
Aufschlufi iiber die verborgensten Elemente des Idealismus, die 
in ihm wirken. Im asthetischen Idealismus der Romantik nam- 
lich kommen die mythischen Elemente des absoluten Idealismus 
uberhaupt zum Vorschein. Und deren logische und historische 
Darstellung bildet in Wiesengrunds Untersuchung den Mittel- 
punkt. 

Der Verfasser zeigt das Mythische nicht nur in der Existenzial- 
philosophie von Kierkegaard, sondern in »jeglichem Idealismus 
des absoluten Geistes« auf. Nirgends jedoch - selbst nicht beim 
spaten Schelling und bei Baader - hat es in derart originalen, 
zeitgepragten, aufschlufireichen Formationen seinen Nieder- 
schlag gefunden wie bei Kierkegaard. Die sehr prazise und 
erschopfende Aufdeckung und Beschreibung dieser Formationen 
gibt manchen Seiten der Untersuchung etwas von einer Phan- 
tasmagoric Nie aber geht die Einsicht oder Schlagkraft - wie 
das in der »Kulturgeschichte« oft der Fall ist - auf Kosten 
kritischer Genauigkeit. Und doch wird keine Kulturgeschichte 
dieses 19. Jahrhunderts es an Bildkraft mit den Konstellationen 
aufnehmen konnen, in die hier, aus dem Zentrum seines Den- 
kens, Kierkegaard bald mit Hegel, bald mit Wagner, bald mit 
Poe, bald mit Baudelaire tritt. Dem Aufrifi in der Breite des 
Jahrhunderts entspricht der in die Tiefe der Vergangenheit. 

1 Theodor Wiesengrund-Adorno, Kierkegaard. Konstruktion des Asthetischen. Tubin- 
gen: Verlag von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1933. 166 S. (Beitrage zur Philosophic 
und ihrer Geschidite. 2.) 



382 Kritiken und Rezenskmen • 1933 

Pascal und die Allegorienholle des Barock sind hier der Vorhof 
jener Zelle, in der Kierkegaard der Trauer sich anheimgibt, und 
die er mit seiner falschen Freundin Ironie teilt. 
Diese Bilderwelt, in deren Labyrinthen und Spiegelungen Kier- 
kegaards wesenhafteste Erfahrungen liegen, hat er selber aber 
als etwas Geringes, Willkiirliches, Idiosynkratisches empfunden; 
und der ganze hochmutige Anspruch seiner Existenzialphiloso- 
phie beruht auf der Oberzeugung, in ihr, als dem Bezirk des 
»Innerlichen«, der »reinen Geistigkeit«, den Schein durch die 
»Entscheidung«, die existentielle, kurz die religiose Haltung 
iiberwunden zu haben. Hier wird nun Wiesengrund in einer ein- 
dringlichen Analyse des ExistenzialbegrifTs zum unbestechlichen 
Kritiker Kierkegaards. Der »triigerischen Theologie der para- 
doxen Existenz« schaut er bis auf den Grund. Und so erkennt er 
>die ,Tiefe c Kierkegaards, will man an dem vielmifibrauch- 
ten Begriff festhalten, keinesfalls darin, unter der Hiille ideali- 
stischer Denkformen einen absoluten religiosen Ursinn wieder- 
hergestellt zu haben<. Vielmehr hat Kierkegaard als Ursinn des 
Idealismus selber »in dessen historischem Untergang mythi- 
schen Gehalt aufgehen lassen als einen zugleich historischen«. 
So bekommt die Kierkegaardsche Innerlichkeit ihren bestimm- 
ten Ort in der Geschichte und Gesellschaft. Ihr Modell ist das 
biirgerliche Interieur, in welchem historische und mythische 
Ziige ineinandertreten. Mit gutem Griff hat Wiesengrund eine 
Anzahl von faszinierenden Beschreibungen derartiger Innen- 
raume dem Werke Kierkegaards entnommen. In ihnen erweist 
sich die Innerlichkeit als »das geschichtliche Gefangnis des urge- 
schichtlichen Menschenwesens«. Es ist aber nicht, wie Kierke- 
gaard meinte, der »Sprung«, der, mit der Zauberkraft des 
»Paradoxen«, den Menschen aus dieser Gefangenschaft befreit. 
Nirgends greift Wiesengrund vielmehr tiefer, als wo er, die 
Schablonen der Kierkegaardschen Philosophic miftachtend, in 
deren unauffalligsten Relikten, den Bildern, Gleichnissen, Alle- 
gorien den Schliissel sucht. Es ist die aus chinesischen Marchen 
iiberlieferte Bewegung eines Verschwindens (des Malers) in 
dem (selbstgemalten) Bilde, das er als letztes Wort dieser Phi- 
losophic erkennt. Das Selbst wird »als Verschwindendes gerettet 
durch Verkleinerung«. Dieses Eingehen ins Bild ist nicht Erlo- 
sung; aber es ist Trost. Der Trost, dessen Quelle die Phantasie 



Brief e von Max Dauthendey 383 

ist »als Organon bruchlosen Ubergangs von Mythisch-Histori- 
schem in Versohnung«. 

In diesem Buch liegt viel auf engem Raum. Leicht moglich, dafi 
die spateren des Verfassers einmal aus diesem hier entspringen 
werden. In jedem Fall gehort es zu der Klasse jener seltenen 
Erstlingswerke, in denen ein befliigelter Gedanke in der Ver- 
puppung der Kritik erscheint. 



Briefe von Max Dauthendey 1 

»Ich bin deutscher Schriftsteller und habe in Europa in Peters- 
burg, Berlin, Munchen, London, Stockholm, Paris, Venedig und 
Sizilien Literatur, Malerei und Musik studiert.« So schreibt, 
Oktober 1897, Dauthendey - und zwar aus Mexiko, das die 
Reihe seiner aufiereuropaischen Reiseziele eroffnet. Japan und 
Neu-Guinea, Colorado und Niederlandisch-Indien sollten fol- 
gen. 

Also ein Reisebrief-Buch? Kaum. Denn eine andere Exotik 
spricht aus ihm viel kraftiger als die entlegener Landerstriche, 
welche dieser Dichter gern in den gleichen satten Farben schil- 
dert, mit denen schon die Heimat ihn berauscht. Was diesem 
Buch den Hauptreiz gibt, das ist, um es mit einem Wort zu 
sagen, die Exotik des Jugendstils. Die Briefe, die es bekannt 
macht, sind ein auiSerordentlich wertvolles Dokument dieser von 
den Historikern noch vernachlassigten Geistesbewegung. Bereits 
die Namen, die in ihnen - wenn auch selten als Adressaten - 
eine Rolle spielen, deuten darauf hin: Klinger und Munch, 
Sattler und Bocklin unter bildenden Kunstlern und unter Dich- 
tern WMe und Dehmel, Schlaf und Scheerbart, Strindberg und 
Przybyszewski. 

Gelegentlich taucht audi George auf, mit einer kurzen Bemer- 
kung, die die Wiedergabe lohnt: »Stefan George« - so heifit es 
1893 - »lebt meist in Paris und ist auf der Durchreise von Wien 
hier. Er sagte mir unter anderem, meine Sachen waren das 
einzige, was jetzt in der ganzen Literatur als vollstandig neu 

1 Max Dauthendey, Ein Herz im Larm der Welt. Briefe an Freunde. Munchen: Albert 
Langen/Georg Muller 1933. 231 S. 



384 Kritiken und Rezensionen • 1933 

dastehe. Es ware eine eigenartige Kunst, die reicher geniefien 
lasse als Musik und Malerei, da sie beides zusammen sei.« 
Derart naive Formeln sind durchaus nicht ohne Wert - von dem 
der Seltenheit ganz abgesehen. Man begegnet ihnen nur an 
versteckten Stellen, in der Fruhzeit von geistigen Bewegungen. 
Sie sagen vieles von dem, was spater zu verdecken die Aufgabe 
gereifterer Formeln ist. 

So sammelte sich damals unterm Zeichen der neuromantischen 
Bewegung nicht nur die wiederkehrende Bereitschaft fur die 
Sprache der grofien Dichtung - Klopstocks, Holderlins - und 
mithin nicht nur die Revoke gegen Plattheiten der Naturalisten, 
sondern auch ein starkes Aufgebot des Burgertums, mit dem 
zum Ietzten Mai der Versuch gemacht wurde, die Dichtung in 
dem Kreis der iibrigen Reiz- und Genufiprodukte festzuhalten. 
Daher denn das Paradoxon des Jugendstils, in dem ein hoher 
idealischer Elan sich nur in iippigen und schwelgerischen oder 
morbiden und gebrochenen Situationen und Stimmungen zum 
Ausdruck bringen kann: ein Paradoxon, das sowohl am Drama 
von Ibsen sich bewahrt wie an der Lyrik Georges. In ihrer Hal- 
tung und im Lebensstil entspricht dem die Boheme, in deren 
Kreis Max Dauthendey heraufkam und die heute in Nebeln 
einer Vorzeit zu liegen scheint. »Euch Lieben hatte ich«, so 
schildert er ein abendliches Fest bei Dehmel, »gern das Ver- 
gniigen gegonnt, diese Tafel zu sehen, wie sie angebrochen 
war, und in der schwellenden Oppigkeit die strotzende silberne 
Bowie wie eine schwere Silberdolde in der Mitte, und die Rubin- 
glaser und die griinen venezianischen Drachenglaser und da- 
zwischen die satten, roten Orangen auf dem Kristall und dem 
Damast, und mitten zwischen dem Metall und Glas hohe bleiche 
Orchideen, blafilila und in feuchtem Schmelz und stolz auf- 
gestiegen und schwer gebeugt.« Die Flammenlinie des Jugend- 
stils ist's, die in diesen Bluten aufziingelt und nicht anders muS 
die Tafel gewesen sein, an der Ejlert Lovborg »in Schonheit 
sterben« wollte. 

Dauthendey aber, der bei aller Feinnervigkeit gewichtige Re- 
serven an Lebenskraft und Lebenslust besafi, fand einen Aus- 
weg, der ihn bald in klarere Gesellschaft und in bessere Luft 
entriickte. Er fand ihn als der Traumer, der er war, indem er 
seinem Traum zu Schiffe folgte. So sah er weit mehr als die 



Briefe von Max Dauthendey 385 

halbe, so schrieb er die »geflugelte« Erde und kam in die Gesell- 
schaft jenes grofien Planetenbiirgers, der Paul Scheerbart hiefi 
und der in einer Sprache, die so klar und farblos ist wie Glas, 
die grofiten Linsen zur Vorschau in die Zukunft geschliffen hat. 
Nun blieb zwar Dauthendey ein Traumer, wahrend Scheerbart 
bei seiner Linsenschieiferei - wie einst Spinoza - Weiser 
wurde. Doch viel von den Geschopfen, weiche jener in der 
Zukunft oder im Weltraum sichtete, spricht aus den Satzen, 
die, in einem dieser Briefe, die mexikanische Reise vorbereiten: 
»Ihr habt mir immer gesagt, dafi Mexiko zu heifi sei. Fiir eine 
tiefe und ernste Kunst kann wohl keine noch so grofie Hitze 
ein Hindernis sein. Die Abende und Nachte auf den Bergen 
werden uns grofie Eingebungen schenken, und wir werden von 
den Bergen auf die Erde niederblicken wie Konige im Reich der 
Kunst. Und wir sind dann Kinder vom Herz des Weltalls. Ich 
kann mir auf diesen Bergen nur grofie Bauten und breite ein- 
fache Architektur und grofie Statuen denken. Und dort kann 
nichts Kleines sein.« 

So kiindet der noch ungestalte Wunsch, Werke zu schafTen, die 
weiter reichen als Werke einzelner, sich an. Er greift noch tau- 
melnd aus, nach Planen einer »neuen Religion fiir die Massen«, 
einer »neuen Sprache«. Das heifit nur, dafi die Zeit fiir die 
Erfiillung noch nicht gekommen war und das erklart die weiten 
Fahrten, auf denen der Dichter die eigene Sehnsucht zu betau- 
ben suchte. Bei einer dieser »Studienfahrten« wurde er durch 
den Krieg, der ausgebrochen war, von seiner Heimat abgeschnit- 
ten. Mehr als drei Jahre harrte er auf Java, bald auf das Ende 
jenes Krieges, bald auf eine Chance, nach Europa zu gelangen. 
Die Briefe dieser Jahre sind durchzogen von dem Veflangen, 
seine Frau und Wurzburg, seine Vaterstadt, zu sehen. Die zeit- 
genossischen Ereignisse in ihrem Wechsel spiegeln sich in ihnen 
kaum. Doch desto scharfer werfen kommende bisweilen ihren 
Schatten auf die Blatter. 

»Aus diesem Krieg ersteht Europa nie mehr zur alten Macht . . . 
Die Erde hautet sich. Das alte Europa verblutet. Der alte Erdteil 
Asien ist an der Reihe, aufzuleben und die Fuhrung der Erde zu 
ubemehmen. Was hilft es, wenn Deutschland auch siegt! Die 
Welt ist nicht blofi ein Futterplatz. Wir haben kein leitendes 
Ideal mehr. Das Christentum ist abgestorben. Hier in Asien 



386 Kritiken und Rezensionen * 1933 

feiert man wenigstens das Leben als ein gerauschloses tagliches 
heiliges Fest.« 

Zwei Monate vor WafTenstillstand ist dann Dauthendey gestor- 
ben. Als er auf seine Reise ging, da war die Erde eine Farben- 
kugel, um die die luftigen Schleier neuer Sprache und neuer 
Dichterinbrunst flatterten. Doch als die Reise endete, da war 
die gleiche Erde rot gefarbt und in der Luft standen die Flug- 
geschwader, Bomben auf sie herabzuwerfen. Das Leben hatte 
aufgehort, gerauschlos zu sein und selbst der Tod, es sei denn, 
daft man ihm in den Bergwaldern Tosaris begegnete, wo die 
Erde dies schwarmerische Leben mutterlich mit einem friihzei- 
tigen Ende lohnte. 



Marc Aldanov, Eine unsentimentale Reise. Begegnungen und 
Erlebnisse im heutigen Europa. Mit einem Vorwort von Balder 
Olden. (Obersetzung von Woldemar Klein.) Munchen; Carl 
Hanser Verlag [19J2]. 218 S. 

Die »Unsentimentale Reise«, die Aldanov mit dem Leser rnacht, 

spielt nicht nur eines billigen Kontrastes wegen auf die »emp- 
findsame« des Lawrence Sterne an. Die beiden haben einiges 
Verwandte. Denn so gewifi Aldanov seine Reisen im Auto oder 
im Expreft gemacht hat - dem Leser kommt es manchmal vor, 
als wenn ihm der Verfasser in einer Postkutsche Gesellschaft 
leiste. Umstandlich, aber unbefangen setzt man die chronique 
scandaleuse unseres Erdteils ihm auseinander wie vor hundert 
Jahren ein kluger, weitgereister Privatier den Reisegefahrten in 
der Diligence die Handel der Welt auf seine Art erlautert hatte. 
Und auf dem Kutschbock dieser Aldanovschen Kalesche sitzt 
hochstselber die Vernunft. Doch, wie er selbst an einer Stelle 
sagt: »Schlimm ist nur, daft die Vernunft es nicht eilig hat.« So 
ist denn zu befiirchten, daft wir selber und unser wohlbeschla- 
gener Reisemarschall nicht vor Einbruch der Dunkelheit an- 
kommen . . . 

Doch wenn die Reise auch beschaulich ist -, empfindsam ist sie 
wirklich nicht. Von alien Illusionen, welche dazu notig waren, 
hat der Autor nicht eine mehr. Aus Balder Oldens Vorrede zu 



Marc Aldanov 387 

dem Band kann man entnehmen, in wieviel wissenschaftlichen 
und dichterischen Obliegenheiten und auf wieviel Schauplatzen 
von Europa und von Asien der Verfasser sie abzulegen Anlafi 
gefunden hat. Demungeachtet geht es etwas weit, Aldanovs 
Journalismus als »Aternalismus« und sein Werk als eines, auf 
welchem »kiinftige Weltbetrachtung« fu£e, darzustellen. Alda- 
nov stellt vielmehr den altvertrauten Typus des skeptischen 
Betrachters dar. Sein Buch hat Einzelziige sowie Anekdoten, 
die sich im »Garten Epikurs« von France mit alien Ehren sehen 
lassen konnten. Wie alle echten Skeptiker entdeckt er in der 
Geschichte je und je das gleiche. Und was das fait divers, die 
Anekdote beleuchtet, ist ein solches in der Tat in vielen oder in 
den meisten Fallen: die kleine oder grofte Differenz, welche der 
Zufall zwischen Planen und Gelingen, zwischen Theorie und 
Praxis, zwischen Wollen und Bewirken legt. So wie die alten 
Gotter - eben nach der Lehre des Epikur - sich in den »Inter- 
mundien« aufhalten, jenen leeren Raumen zwischen den Wel- 
ten, wo sie nichts ausrichten konnen, so ist der Sitz des skep- 
tischen Betrachters in jenen Intermundien der Weltgeschichte, 
die man Zufall nennt. Daher die Fulle von psychologischen 
Details, von kleinen, oft pittoresken Zwischenfallen, die hier 
der spanlschen und irischen Revolution, dem Wirken Gandhis 
und der englischen Geschichte dieser letzten Jahre abgewonnen 
werden. Und da sich der Verfasser offenkundig unter Berufs- 
politikern am wohlsten fiihlt, braucht es nicht zu verwundern, 
dafi das beste Kapitel dieses Buches Genf behandelt. 
Fiir das, was sich auf dieser Biihne abspielt, sind ganz gewifi 
die Intermundien, in denen der muftige Betrachter sich verbirgt, 
die beste Loge. Nachdenklich griibelt Aldanov: »Vielleicht war 
es immer so? Wahrscheinlich. Auf dem Berliner, den Wiener 
Kongressen gab es vergoldete Uniformen statt Gehrocke. In 
Genf hat man keinen Talleyrand und keinen Bismarck. Aber 
das Durchschnittsniveau, sowohl geistig wie moralisch, ist we- 
der niedriger noch hoher.« Leicht wird man die Genugtuung 
begreifen, mit der der Autor einen Vorganger der eigenen 
Skepsis gegen diese Genfer Veranstaltungen in Voltaire ent- 
deckt. Was der vom Optimismus uberhaupt - und nun gar dem 
im Reich der Politik - gehalten hat, kann jeder im »Candide« 
finden, wenn er es nicht vorzieht, das »Sendschreiben des chine- 



3^8 Kritiken und Rezensionen * 1933 

sischen Kaisers« zu lesen, mit dem Voltaire das kindliche Pro- 
jekt Rousseaus fur einen ewigen Frieden aufnahm. Es sind in 
diesem Buch die besten Seiten, die sich an Voltaire inspirieren, 
welcher heute als Zeuge einer Zeit erscheint, in der das Burger- 
turn noch nicht am Zuckerbrot des Optimismus sich die Zahne 
verdorben hatte. 



Am Kamin 
Zum 25jahrigen Jubilaum eines Romans 1 

Von Oscar Wilde erzahlt man: Einmal fand er sich in einem 
Kreis von Leuten, und die Rede war von der Langeweile. Jeder 
hatte ein Sprikhlein; Wilde schwieg bis zuletzt. Erwartungs- 
voll sah man ihn an. Da sagte er: »Wenn ich mich langweile, 
dann nehme ich mir einen guten Roman, setze mich ans Ka- 
minfeuer und schaue ihm zu.« 

In der Tat, diese beiden passen gut zueinander: ein loderndes 
Kaminfeuer und ein aufgeschlagener Roman. Und weil wir 
einen solchen in Handen halten — jetzt, 25 Jahre nach dem 
ersten Erscheinen, ist das Hauptwerk Bennetts iibersetzt — , 
wollen wir, ohne ihn zu schliefien, einen Blick ins Kaminfeuer 
werfen. So phantasielos ist ja keiner, dafi ihm beim Blick in den 
Kamin nicht etwas einfallt. Wir wollen sehen, warum das 
Schauspiel, das er erofTnet, uns ein Gleichnis des Romans ist. 
Der Leser von Romanen halt es anders als der, der sich in ein 
Gedicht vertieft oder der einem Drama folgt. Er ist vor allem 
einsam, wie nicht nur der Mann im Publikum, sondern auch der, 
der ein Gedicht liest, es nicht ist. Der eine ist in die Masse ein- 
gesackt und nimmt an ihrer Stellungnahme teil, der andere 
bereit, an einen Partner sich zu wenden und seine Stimme dem 
Gedicht zu leihen. Der Leser des Romans ist einsam, und fur 
eine gute Weile. Mehr als das: in dieser Einsamkeit bemachtigt 
er sich seines StofTes eifersiichtiger, ausschlieElicher als jene 
beiden anderen. Er ist bereit, ihn gleichsam spurlos sich zu eigen 

1 Arnold Bennett, Konstanze und Sophie oder Die alten Damen. ([Roman.] Aus dem 
Englischen ubers. von Daisy Brody.) z Bde. Mundben: R. Piper u. Co. (1932). 414s., 
459 S- 



AmKamin 389 

zu machen, ja ihn formlich zu verzehren. Denn er vernichtet, er 
verschlingt den Stoff wie Feuer Scheiter im Kamin. Die Span- 
nung, die das Werk durchzieht, gleicht sehr dem Luftzug, der 
die Flammen im Kamin ermuntert und ihr Spiel belebt. 
Dies Gleichnis zeigt ein anderes Bild, als man es meist in der 
Erorterung des Romans als Gattung erkennen wollte. Jene geht 
in Deutschland von Friedrich Schlegel aus. So blieb es denn nicht 
ohne Folgen, dafi dieser nichts als die Kunstform im Roman - 
die Formen eines Cervantes oder eines Goethe - erkennen 
wollte, keinesfalls jedoch das breite Fundament des Epischen. 
Dies Fundament teilt der Roman mit der Erzahlung, und am 
meisten tritt es bei den Englandern zutage: Scott, Dickens, 
Thackeray, Stevenson und Kipling bleiben audi als Romancier 
vor allem Erzahler. Erzahltes stromt durch sie ins Buch und 
stromt auch als Geschichte wieder aus ihm aus. Flaubert dage- 
gen, der in dieser Sache den Widerpart verkorpert, mochte noch 
so oft sich seine Satze selbst mit lauter Stimme vorlesen: die 
rhythmische Vollkommenheit, die er derart zu priifen dachte, 
schlieEt den Leser nur um so schalldichter ins Innere seiner 
grandiosen Werke ein. Satz drangt in ihnen sich in der Tat an 
Satz wie Stein an Stein im Mauerwerk. Mehr hat es nicht be- 
durft, um - sehr zum Nutzen der anspruchsvollen Impotenz - 
die Mystik der »Konstruktion« mit ihrem Widerhall sonorer 
»Prosodie« in Kurs zu setzen. Wenn aber der Roman ein Bau 
ist, dann viel weniger im Sinn des Architekten als der Magd, 
die Holzer im Kamin aufschichtet. Nicht haltbar, sondern brenn- 
bar soil er sein. 

In einem Raum von mehr als fiinf Jahrzehnten hat Bennett die 
Ereignisse geschichtet. Gleich locker bauen sich im gleichen 
Raum Generationen aufeinander: drei. Und diese ruhen sanft 
auf der Asche der vorangegangenen. Kaufleute waren es, die in 
den Five Towns ansassig waren. Ihr Geschlecht hat sich fur jene 
fiinf Jahrzehnte in zwei Schwestern verkorpert, deren jiingere 
kinderlos sterben wird, indes die altere nur einen liebenswiir- 
digen, verwohnten Erben beider Vermogen hinterlassen wird. 
Die Five Towns, wo sie ihre Wiege und, am gleichen Fleck, 
dann spater ihre Bahre zu stehen haben, sind unentbehrlich, 
»einzig in ihrer Art. Vom Norden bis zum Siiden der Grafschaft 
stellen nur sie Zivilisation, angewandte Wissenschaft, organi- 



390 Kritiken und Rezensionen '1933 

sierte Fabrikationsmethoden und das ganze Jahrhundert vor - 
bis man nach Wolverhampton kommt. Sie sind einzigartig und 
unentbehrlich, well man ohne die Five Towns nicht Tee aus 
Tassen trinken, ohne ihre Hilfe keine Mahlzeit mit Anstand 
verzehren kann. Deswegen ist die Architektur der Five Towns 
ein Aufbau von Brennofen und Schloten; deswegen ist ihre 
Atmosphare so schwarz wie der Schmutz und Dreck auf ihren 
StrafSen; deswegen brennt und raucht es dort die ganze Nacht, 
so dafi Longshaw manchmal schon mit der Holle verglichen 
wurde.« Bennett eroffnet diese Holle nicht wie Dickens die 
Holle des fnihindustriellen London im »Raritatenladen« sichtbar 
macht. Das Dasein seiner beiden Schwestern ist gegen sie abge- 
dichtet; wenn er das nicht sagt, macht er es sinnbildlich, indem 
er sie in einem Modenmagazin aufwachsen lafk, fiir das sie 
beide schon von Anfang an bestimmt gewesen sind. Um wel- 
chen Preis weicht spaterhin die jungere dieser Bestimmung aus, 
und wie sehr scheint die Kraft, die sie aus diesem Hause reifk, 
der, die es schlieElich untergrabt, verwandt. Denn gegen Ende 
des Romans beginnt die Stadt, in der die Vater es begriindet 
haben, ihr Gesicht zu andern. Die Daseinsform, in welcher 
Arbeit und Genufi sich einst die Waage hielten, das Geschaft 
rentabel, das Leben lebenswert gestalteten, stirbt aus. Der 
Schatten der Konzerne und der Trusts beginnt sich uber die 
Five Towns zu lagern; gegen den Anfang des Jahrhunderts 
haben Konkurrenten, die mit Plakaten, mit Grammophonen 
und mit Schleuderpreisen ins Feld riicken, die alte Kaufmann- 
schaft zuriickgeschlagen. Das Leben der Schwestern fallt in eine 
Zeitenwende. Eine, die altere, halt dem Hergebrachten noch 
Treue, ubernimmt den Laden, bringt ihren Sohn zur Welt und 
hiitet das Haus, in dem sie dreifiig Jahre spater die Schwester, 
welche heimkehrt, zu sich nimmt. 

Mit diesem Hause hat es seine eigene Bewandtnis. Es ist der 
Schofi, in dem sich der Reichtum der Familie gebildet hat. All- 
mahlich, in Jahrzehnten, ist es aus drei Wohnungen zu einem 
einzigen Labyrinth geworden, in dem Wirtschaftsraume, Laden 
und Behausung zu einem Bau verschmolzen sind, der dem Kom- 
fort nicht viel, doch um so mehr der unverrtickbaren Gewohn- 
heit bietet. An diesem Haus hat der Erzahler einen von seinen 
dichterischen Zauberstreichen verubt, an denen der Roman so 



Am Kamin 39 x 

reich ist. Es ist, trotz all der Schicksalstage, die der beiden 
Frauen darin harrten, doch im Grund nie etwas anderes als der 
Bereich, in dem das Dasein der beiden spielenden Geschwister 
und der beiden alten Frauen sonderbar, schwer unterscheidbar, 
ineinander spielt. »Das Gefiihl der geraumigen Dlisternis jener 
unteren Regionen, einer Diisternis, die oben an der Kuchen- 
treppe begann und in den uniibersichtlichen Winkeln der Vor- 
ratskammern oder aber ohne alien Obergang in der Alltaglich- 
keit von Brougham Street endete - dieses eigenartige Gefiihl, 
das Konstanze und Sophie in ihren Kinderjahren erworben hat- 
ten, geleitete sie fast unvermindert bis ins spate Alter hinein.« 
Es ist ein trockenes Material, an dem sich das brennende Inter- 
esse des Lesers nahrt. Was heifit das? »Ein Mann, der mit funf- 
unddreiftig stirbt«, hat Moritz Heimann einmal gesagt, »ist auf 
jedem Punkt seines Lebens ein Mann, der mit fiinfunddreiftig 
stirbt.« Ich weift nicht, ob das richtig ist; ich glaube und hofTe, 
es ist falsch. Doch im Roman ist es vollkommen richtig; ja, 
man kann das Wesen der Romanfigur nicht besser bezeichnen 
als mit diesem einen Satz. Er sagt, daft sich der Sinn ihres 
Lebens nur erst von ihrem Tode her erschlieftt. Nun aber sieht 
der Leser im Roman Figuren, an denen er den »Sinn des Lebens« 
abliest. Er muft daher, so oder so, im voraus gewift sein, daft er 
ihren Tod erlebt. Zur Not wohl nur im ubertragenen Sinn: das 
Ende des Romans; doch besser schon, im eigentlichen. Wie ge- 
ben sie ihm zu erkennen, daft der Tod schon auf sie wartet, 
und ein ganz bestimmter, und dies an einer ganz bestimmten 
Stelle? Das ist die Frage, die den Leser so unwiderstehlich an 
seinen Roman bannt wie jene Flamme im Kamin ans Scheitholz. 
Er macht sich eigentlich mit dem Tod identisch, und er beleckt 
den Handelnden alsbald; wie Flammenzungen namlich, die den 
Ast umspielen, ehe er endlich Feuer fangt. 

Er soil zu Asche werden. Darum heiftt dies Buch, das mit der 
Madchenzeit der Schwestern einsetzt, dennoch »die Geschichte 
der alten Damen«. Bennett erzahlt in einer Einleitung, die leider 
der deutschen, sprachlich mustergiiltigen Obersetzung fehlt, wie 
der Gedanke an dies Werk ihm lange, bevor er an die Arbeit 
ging, einmal beim Anblick einer alten Frau kam, die sein Pari- 
ser Stammlokal betrat. Gedanken, wie die traurige Erscheinung 
sie in ihm weckte, kann sich jeder machen. Ihm aber wurden sie 



39 2 Kritiken und Rezensionen -1933 

zum Ursprung eines Lebens, das so gedichtet war, dafi nichts 
von ihm verloren ging. 

»Niemand«, sagt Pascal, »stirbt so arm, dafi er nicht etwas 
hinterlafit.« Auch an Erinnerungen - nur dafi die nicht immer 
einen Erben finden. Der Romancier tritt diese Erbschaft an. Und 
selten ohne tiefe Melancholic Denn was die Oberlebende der 
Schwestern hier von der Toten meint: »Sie hatte uberhaupt 
nichts vom wirklichen Leben gehabt«, das pflegt die Summe aus 
der Hinterlassenschaft zu sein, die an den Romancier fallt. Ein 
ganzes Liebesschicksal hat die Tote in weltgeschichtlichem Dekor 
durchlebt. Wie arm erscheint es ddch in dem Gedachtnis, das 
ihm der Dichter stiftet. Manchmal ahnt es die Lebende voraus. 
»Manchmal, in einem leeren Augenblick, uberkam sie der Ge- 
danke: >Wie sonderbar, dafi ich hier bin, dafi ich gerade das tue, 
was ich tue!< Aber der regelmafiige Gang ihres Lebens rifi sie 
gleich wieder mit. Zum Schlufi des Jahres 1878, des Ausstel- 
lungsjahres, nahm ihre Pension schon zwei Stockwerke statt des 
einen ursprunglichen ein.« 

Das Werk ist in vier Biicher eingeteilt; sein letztes ist iiber- 
schrieben »Was das Leben bringt«. Und dessen beide Schlufi- 
kapitel heifien »Sophies Ende« und »Konstanzens Ende«. Das 
ist von alien Gaben, die es bringt, die sicherste: das Ende. Das 
zu sagen, braucht es Romane freilich nicht. Doch ist nicht darum 
der Roman bedeutend, weil er uns fremdes Schicksal darstellt, 
sondern weil dies unter der Flamme, die es frifit, die Warme an 
uns abgibt,' welche wir aus unserm eigenen nie gewinnen. Das, 
was den Leser immer wieder zu ihm zwingt, ist seine hochst 
geheimnisvolle Gabe, ein frostelndes Leben am Tod zu warmen. 



RtJCKBLICK AUF STEFAN GEORGE 
Zu einer neuen Studie iiber den Diditer 1 

Stefan George schweigt seit Jahren. Indessen haben wir ein 
neues Ohr fur seine Stimme gewonnen. Wir erkennen sie als 
eine prophetische. Das heifit nicht, dafi George das historisdie 

1 Willi Koch, Stefan George. Weltbild, Naturbild, Menschenbild. Halle/Saale: Max 
Niemeyer Verlag (1933). VIII, 114 S. 



Riickblick auf Stefan George .393 

Gesdiehen, noch weniger, dafi er dessen Zusammenhange vor- 
ausgesehen hatte. Das macht den Polkiker, nicht den Prophe- 
ten. Prophetie ist ein Vorgang in der moralischen Welt. Was 
der Prophet voraussieht, sind die Strafgerichte. Sie hat George 
dem Geschlecht der »eiler und gaffer«, unter welches er versetzt 
war, vorausgesagt. Die Weltnacht, deren Nahen ihm die Tage 
verdiisterte, ist neunzehnhundertvierzehn angebrochen. Und 
daft er ihr Ende noch nicht ermifk, hat er in einem vielsagenden 
Titel seines letzten Gedichtbuchs ausgesprochen: »Einem jungen 
Fuhrer im ersten Weltkrieg.« Neue Lichter und Schatten haben 
in den tiefgeschnittenen Ziigen dieses Hauptes sich angesiedelt. 
Und noch kennen wir nicht den Feuerschein, mit welchem die 
Geschichte seine Zuge am Tage, da sie ihren Ausdruck fiir die 
Ewigkeit erhalten, beleuchten wird. 

Es wohnt aber in diesem Dichter selbst ein Gegenspieler des 
Propheten. Je deutlicher die Stimme des letzteren vernehmbar 
wird, desto ohnmachtiger sinkt die des andern - die Stimme 
eines Reformators - in sich zusammen. George, derh die eigene 
strenge Zucht, und angeborener Spiirsinn fiir das Nachtige, 
Vorwissen um die Katastrophe gegeben hat, vermochte doch als 
Fuhrer oder Lehrer nur schwachliche und lebensfremde Regeln 
oder Verhaltungsweisen vorzuschreiben. Die Kunst gait ihm als 
jener »Siebente Ring«, mit dem noch einmal eine Ordnung, die 
schon in alien Fugen nachgab, zusammengeschmiedet werden 
sollte. Kein Zweifel, dafi sich diese Kunst als streng und triftig, 
der Ring als eng und kostbar erwiesen hat. Doch was er faftte, 
war die gleiche Ordnung, die - wenn auch mit viel weniger ed- 
len Mitteln - den alten Machten aufrecht zu erhalten am Herzen 
lag. George ist es darum nicht gelungen, seine Dichtung dem 
Bannkreis von Symbolen zu entziehen, die keineswegs - wie 
die von Holderlin -* gleich Quellen, die aus dem Erdreich einer 
grofkn Oberlieferung gesickert waren, an die Oberflache traten. 
Vielmehr ist die Symbol ik dieses Werks sein Briichigstes. Sie 
ist im Kern nicht unterschieden von dem Aufgebot, das zu der 
Zeit, in dem der »Kreis« sich um den Meister zusammenfand, 
Barres in Frankreich an den ganzen Stamm symbolischer Vor- 
stellungen und Bilder ergehen liefi, die er in Volk und Kirche 
antraf. Sein Aufgebot hat den Charakter einer Abwehr, oft 
einer verzweifelten. So scheint der Schatz der in Georges Dich- 



394 Kritiken und Rezensionen -1933 

tung eingesenkten geheimen Zeichen heute schon als armstes, 
angstlich bewahrtes Eigentum des »Stils«. 
In seiner grofien Besprechung des »Siebenten Rings« im Jahr- 
buch »Hesperus« hat als erster Rudolf Borchardt das dichterische 
Vermogen von George abzuschatzen gesucht. Und ohne dieser 
Frage mehr Bedeutung, als ihr in dem Gesamtzusammenhange 
dieser Erscheinung gebiihrt, zuzugestehen, hat er auf eine nicht 
geringe Anzahl machtloser und verfehlter Strophen den Blick 
gelenkt. In den fiinfundzwanzig Jahren, die seit jener Ver- 
offentlichung dahingegangen sind, hat der Blick fiir solche Aus- 
fallserscheinungen sich verscharft. Es will aber im Grunde das 
Gleiche sagen, wenn etwas wie ein »Stil« in den Gedichten 
Georges mit einer Drastik sichtbar geworden ist, die bisweilen 
ihren Gehalt verdrangt und in den Schatten stellt. Stiicke, in 
denen seine Kraft versagte, fallen meist genau mit denjenigen 
zusammen, in welchen dieser Stil Triumphe feiert. Es ist der 
Jugendstil; mit andern Worten der Stil, in dem das alte Burger- 
turn das Vorgefiihl der eignen Schwache tarnt, indem es kos- 
misch in alle Spharen schwarmt und zukunftstrunken die 
»Jugend« als Beschworungswort mifibraucht. Hier taucht, zu- 
nachst nur programmatisch, zum ersten Mai die Regression aus 
der sozialen in die natiirliche und biologische Realitat auf, 
welche seitdem wachsend sich als Symptom der Krise bestatigt 
hat. Das biologische Idol verbindet in der Idee des »Kreises« 
sich dem kosmischen. Daraus entsteht dann spater die Figur 
des mythischen Vollenders Maximin. Man hat von den gequal- 
ten Ornamenten, die damals Mobel und Fassaden iiberzogen, 
gesagt, sie stellten den Versuch vor, Formen, die erstmals in der 
Technik zum Durchbruch kamen, ins Kunstgewerbliche zuriick- 
zubilden. Der Jugendstil ist in der Tat ein grofier und unbe- 
wufiter Ruckbildungsversuch. In seiner Formensprache kommt 
der Wille, dem, was bevorsteht, auszuweichen, und die Ahnung, 
die sich vor ihm baumt, zum Ausdruck. Auch jene »geistige 
Bewegung«, welche die Erneuerung des menschlichen Lebens 
erstrebte, ohne die des offend ichen zu bedenken, kam auf eine 
Riickbildung der gesellschaftlichen Widerspriiche in jene aus- 
weglosen, tragischen Krampfe und Spannungen hinaus, die fiir 
das Leben kleiner Konventikel bezeichnend sind. 
Einzig geschichtliche Besinnung, die weit iiber den Rahmen 



Ruckblick auf Stefan George 395 

literarhistorischer Behandlung hinausgreift, kann zu Schliissen 
iiher die Gestalt und iiber das Werk gelangen, welche vor vier- 
zig Jahren die »geistige Bewegung« ins Leben riefen. Audi ist 
es unbestreitbar, daft das Werk von Koch aus diesem Rahmen 
mit Entschiedenheit heraustritt. Es ist daher auch nirgends jenen 
tristen Schablonen pflichtig, welche gerade in der literarhistori- 
schen Behandlung Georges so oft begegnen. Historische Ge- 
sichtspunkte jedoch sind dieser neuen Arbeit ganzlich fremd. 
Sie tritt befangen, in der Oberzeugung von einer »ewigen« 
Geltung der Gehalte, die es bedingen, an Georges Werk. Doch 
dies geschieht dann, andererseits, mit soviel Umsicht und me- 
thodischer Gewissenhaftigkeit, daE ihre Leistung einen Platz 
behauptet, von dem sie nichts sobald verdrangen wird. 
Methode dieser Arbeit ist: die » Analyse eines dichterischen 
Werkes, die den Ausdruck nur zu verstehen vorgibt, weil sie 
den Gehalt verstanden zu haben glaubt«. Und ihre Leistung: 
eine aufschluflreiche Periodisierung dieses Werkes, die auf den 
— selbstverstandlich eng verschrankten — Phasen beruht, in 
denen sich Georges Weltbild entfaltet hat. Grundlage dieser 
Untersuchung ist ihm die schreckliche Allgegenwart, mit der 
dem Dichter George sich in aller tieferen Erfahrung der Natur 
das Chaos selbst als Grundkraft des Geschehens vor Augen 
stellt. 

Unholdenhaft nicht ganz gestalte krafte: 
Allhorige zeit die jedes schwache poltern 
Eintrug ins buch und alles staubgeblas 
Vernahm nicht euer unterirdisch rollen. 

Von fru'h auf aber hat sie dieser Dichter vernommen. Wie 
er im Sinn der christlichen Symbolik zunachst, jedoch ver- 
geblich, sich bemiiht, den Bann, der ihm entgegenwirkt, zu 
brechen und dann mit dem Erscheinen Maxlmins ihn von sich 
genommen und Versohnung sich geschenkt fiihlt - das macht 
den Gegenstand von Kochs Betrachtung. Im Sinne einer 
neueren theologischen Umschreibung des Objekts der Religion 
stellt der Verf asser die Naturerfahrung Georges unter . dem 
BegrifF des »Andern« vor. Es ist ihm leicht, mit einigen 
zwingenden Belegen das Dustere, Chthonische, das von dort- 
her ursprunglich als das Herrschende den Dichter ansprach, 



39^ Kritiken und Rezensionen • 1933 

aufzuweisen. Zugleidi gewinnt er so die Fiihlung mit Proble- 
men, wie sie dem neuen Stande seiner Wissenschaft entsprechen. 
Er nimmt darauf Bezug, dafi im besonderen seit der jiingeren 
Romantik der Blick mancher Dichter auf die Erschliefiung 
der Welt von ihrer chthonischen Seite her gerichtet gewesen 
sei. »t)ber die dichterische Behandlung dieses Problems fehlen 
noch die grundlegenden Arbeiten. Die Ursache dafiir ist in 
der Tatsache zu sehen, dafi die Literaturwissenschaft in der 
Hauptsache bis jetzt eine formal-asthetische Wissenschaft war, 
sei es, dafi ihre Bemiihungen auf die >Gestalt< als indivi- 
duelle, ideelle oder soziologische Grofie, oder auf das >Kunst- 
lerische< als Anwendung der Sprache abzielten. Der tatsachliche 
>Boden< einer Dichtung und damit auch fiir die sie betrachtende 
Wissenschaft ist aber immer im Religiosen zu suchen, aus dem 
sich Idee, Motiv, Gestalt und Sprache des Dichters erst als 
Folge ergeben.« Dafi mit einer Formulierung, in der das Sprach- 
liche als »Folge« des Religiosen erscheint - da es in Wahrheit 
doch dessen Medium darstellt - auch der gewissenhaftesten 
Forschung Grenzen gesetzt sind, die, je grofier ihr Objekt, sich 
um so enger erweisen rmissen, daran gemahnt die unvermittelte 
Gewaltsamkeit, mit der Kochs Studie abbricht. Das aber kann 
nicht hindern, auf die sehr wertvollen Feststellungen hinzu- 
weisen, welche er im Verlauf ihr abgewinnt. 
Es handelt sich dabei in immer neuen Wendungen um Georges 
Ringen mit der ihm eigenen Naturerfahrung. »Georges Bild der 
Natur als eines damonischen Wesens«, schreibt Koch, »lst in 
seinem bauerlichen Naturgefiihl verwurzelt.« Mit diesen Wor- 
ten streift der Autor die Zusammenhange, die ihm den Blick in 
die geschlchtliche Werkstatt hatten eroffnen konnen, in der 
Georges Dichtung entstanden ist. Der Bauernsohn, dem die 
Natur eine uberlegene Macht ist, »die er nie bezwingt, der er 
hbchstens einige Gewohnheiten absieht, mit der er im Kampfe 
lebt, gegen die er sich verteidigen und schutzen mufi« - ihm 
bleibt sie auch als einem Literaten, einem Bewohner grofier 
Stadte, welcher er geworden ist, in aller ihrer Macht und allem 
ihrem Schrecken gegenwartig. Die Hand, welche sich nicht mehr 
uni den Pflug balk, balk sich nodi im Zorne gegen sie. In dieser 
unversohnlichen Gebarde durchdringen sich die Krafte seines 
Ursprungs und die des spateren, von diesem Ursprung we it 



Ruckblick auf Stefan George 397 

abgelegenen Lebens, das er fiihrte. Die Natur ersciieint ihm 
»verkommen - an der Grenze volliger >Entgottung< angelangt. 
Deshalb 1st es >Weltnacht<, in der nur noch schwach vernehm- 
bar (>starr und miide<) gestaltgebende Krafte wahrgenommen 
werden.« Der Verfasser hat vollkommen recht, einen Quell- 
punkt der dichterischen Kraft Georges in den beiden beruhmten 
Strophen aus dem »Siebenten Ring« zu suchen: 

Und wenn die grosse Nahrerin im zorne 
Nicht mehr sich mischend neigt am untern borne* 
In emer weltnacht starr und miide pocht: 
So kann nur einer der sie stets befocht 

Und zwang und nie verfuhr nach ihrem rechte 
Die hand ihr pressen* packen ihre flechte- 
Dass sie ihr werk willfahrig wieder treibt: 
Den leib vergottet und den gott verleibt. 

Da6 aber der Griff, mit dem diese Flechte der natura naturans 
gepackt sein will, die Ordnung und die Umordnung der mensch- 
lichen Verhaltnisse ist, und sonst nidits — besonders nicht der 
Kult des Maximin — , das ist die Einsicht, die erst das kritische 
Vermogen des Forschers hatte befreien konnen. 
Denn es ist in aller Erkenntnis, nicht in der Kritik allein - wie 
Hegel schon gelehrt hat - das Salz Verneinung. Handeln lafk 
sich aus vorbehaltloser Bejahung heraus; denken nicht. So kann 
denn auch die »Annaherung an das Werk«, welche soeben uhter 
dem Titel »Die ersten Biicher Stefan Georges« Eduard Lach- 
mann 2 erscheinen lafit, es nicht weit bringen. Doch sein Buch 
lafit keinen Vergleich mit Kochs wertvpller Studie zu. In einem 
selbst im Schrifttum um George bemerkenswerten Mafie fehlen 
dem Autor Distanz und jede Fahigkeit, die Werke des Dichters 
anders zu bewerten als vollendete, ja anders ihnen sich zu 
nahern, als in solchem Sinn sie wertend. Die leeren Zeremonien, 
die einmal von einem Lothar Treuge vorm Altar des Kreises in 
Versen sind begangen worden, tauchen nun hier, am Ende der 
Bewegung, nochmals in Prosa auf. Schranke wird diese Schran- 
kenlosigkeit in der Bejahung aber auch Besonnenen. Die Aus- 

2 Eduard Lachmann, Die ersten Biicher Stefan Georges. Eine Annaherung an das 
Werk. Berlin 1933. 



398 Kritiken und Rezensionen • 1933 

einandersetzung mit der dichterischen Figur, die in Gestalt des 
Maximin die Schwellengottheit vor dem Spatwerk von George 
bildet, kommt bei Koch nicht mehr zustande. Vielmehr tragt 
der Verfasser kein Bedenken, dem »Maximin-Erlebnis« als dem 
»Kern der Georgeschen Religion« mit dieser Meinungsaufte- 
rung zu begegnen: »Die psychologische und die geistesgeschicht- 
liche Erklarungsmethode mufi durch eine Phanomenologie des 
religiosen Bewufkseins erganzt, ja auf diese mufi alles gegriindet 
werden. Denn das religiose V erantwortungsgefiihl 1st der nicht 
psychologisch und nicht geschichtlich erklarbare Anstofi zum 
Maximin- My thus.* 

So tritt von neuem dieser Sachverhalt ans Licht: Georges grofies 
Werk ist zu Ende gegangen, ohne im Zeitraum, den sein Wir- 
ken ausgefullt hat, auf seinen echten und ihm zugeborenen 
Kritiker gestofien zu sein. Es tritt in einem Schwann von Jiin- 
gern fast unkenntlich, doch ohne Anwalt, vor den Richtstuhl 
der Geschichte. Freilich nicht ohne Zeugen. Welcher Art sie 
sind? Sie finden sich in einer Jugend, welche in jenen Gedichten 
gelebt hat. Nicht in der, die sich im Namen ihres Meisters auf 
Kathedern eingerichtet hat, und nicht in der, welche in seiner 
Lehre Befestigungen ihrer Position im Machtkampf der Parteien 
gefunden hat. Nein, vielmehr in der, welche an ihrem besten 
Teil schon darum ihr Zeugenamt vorm Richtstuhl der Geschichte 
versehen kann, weil sie tot ist. Die Verse, die ihr auf den Lippen 
lagen, entstammten nicht dem »Stern des Bundes«, selten dem 
»Siebenten Ring«. Sie fand in jener Priesterwissenschaft der 
Dichtung, die in den »Blattern fiir die Kunst« gehiitet wurde, 
nie einen Nachhall der Stimme, die »das Lied des Zwergen« 
oder die »Entfiihrung« getragen hatte. Ihr waren die Gedichte 
von George ein Trostgesang. Trost in Betriibnissen, fiir die er 
heute schwerlich mehr ein Herz, Gesang in einer Weise, fiir die 
er heute schwerlich mehr ein Ohr hat. 

»George hat die nur asthetische Lebenshaltung durch ihre He- 
roisierung fiir sich und fiir solely die sein Werk wirklich ver- 
stehen, aus der Welt geschafTt« - so heifit es, zweideutig genug, 
bei Koch. Denn aus der Welt schaffte er mit der Haltung audi 
das Leben. Die grofie Regression des Jugendstils fiihrt dahin, 
dafi sogar das Bild der Jugend zu einer Mumie einschrumpft, 
deren Ziige nicht weniger von Ejlert Lovborg als von Maximin 



Gelehrte Registrator 399 

besitzen. Beide sterben in Schonheit. Das Geschlecht, welchem 
die reinsten und vollkommensten Gedichte von George ein 
Asyl gegeben haben, war zum Tode vorbestimmt. Jene Ver- 
finsterung, die mit dem Krieg nur iiber seinem Haupte zusam- 
menzog, was lange schon in seinem Herzen braute, schien ihm 
so wie dem Dichter, dessen Verse es erfullten, als Inbegriff aller 
Naturgewalt. George war ihm keineswegs der »Kiinder« von 
»Weisungen«, sondern ein Spielmann, der es bewegte wie der 
Wind die »blumen der friihen heimat«, welche draufien lachelnd 
zum langen Schlummer luden. Der grofie Dichter ist George 
diesem Geschlecht gewesen, und er war es als Vollender der De- 
cadence, deren spielerischeGebarung seinlmpuls verdrangte, um 
in ihr dem Tod den Platz zu schaffen, den er in dieser Zeiten- 
wende zu fordern hatte. Er steht am Ende einer geistigen Bewe- 
gung, die mit Baudelaire begonnen hat. Mag sein, dafi dieseFest- 
stellung einmal nur eine literarhistorische gewesen ist. Inzwi- 
schen ist sie eine geschichtliche geworden und will ihr Recht. 



Gelehrte Registrator 

Zu Georg Ellingers »Geschichte der neulateinischen Lyrik in den 

Niederlanden* 1 

Das vorliegende Werk stellt die erste Abteilung des dritten 
Bandes von Ellingers »Geschichte der neulateinisdien Literatur 
Deutschlands im sechzehnten Jahrhundert« dar. Es weist also 
einerseits zuruck auf die beiden umfangreichen Bande, deren 
erster die Geschichte dieser Lyrik in Italien und im deutschen 
Humanismus, deren zweiter sie insbesondere in dem Deutsch- 
land der ersten Halfte des sechzehnten Jahrhunderts verfolgt; 
es weist dann andererseits voraus auf seine zweite Abteilung, in 
der der Autor die neulateinische Lyrik des alteren und desjiinge- 
ren Scaliger einer gesonderten Betrachtung unterziehen will. 
Wie man sieht, 1st die Kontinuitat dieser Darstellungen eine 

1 Gcorg Ellinger, Gesdiidite der nculateinischen Literatur Deutschlands im sechzehn- 
ten Jahrhundcrt. Bd. 3, Abt. r: Geschichte der neulateinisdien Lyrik in den Nieder- 
landcn vom Ausgang des funfzehnten bis zum Beginn des siebzehnten Jahrhunderts. 
Berlin und Leipzig: Walter de Gruyter u. Co. 1933. VIII, 334 S. 



400 Kritiken und Rezensionen -1933 

durchaus imponierende. Man wiinschte, von ihrer wissenschaft- 
lichen Haltung das gleiche sagen zu konnen. Leider ist das nicht 
moglich. Nirgends gelingt es dem Verfasser - ja, mrgends hat 
er audi wohl nur geplant - in dem entlegenen Stoffgebiet, das 
er behandelt, eigene Wege zu bahnen. Die ausgetretenen aber, 
die er bis hinein in jenes zu verlangern sidi bemiiht, erweisen 
sich auf diesem steinigen Gelande noch biindiger als auf ande- 
rem als die falschen. Ellinger glaubt, es mit mehr oder minder 
vollkommener Lyrik im modernen Sinn - besser: im Sinn des 
vorigen Jahrhunderts - zu tun zu haben; mit Gedichten, in 
denen sich ein individuelles Erlebnis oder eine individuelle 
Stimmung derart niedergeschlagen habe, dafi sich der Leser mit 
dem eigenen Gefiihl in das Gedichtete des Dichters zu versetzen, 
es innerlich sich anzueignen vermoge. Ob eine solche Auffas- 
sung von Lyrik sich im allgemeinen als stichhaltig erweist, kann 
hier aufier Betracht bleiben. Denn dafi sie angesichts der neu- 
lateinischen der Humanisten untauglich ist, ergibt sich schon aus 
deren Funktion. Diese war keine dichterische, sondern im 
strengsten Sinne literarisch: bildungs-, staats- oder religions- 
politisch. Es ist ein Unding, so wie der Verfasser es hier ver- 
sucht, an diese Produktionen gewissermafien unverbindlich, mit 
der Haltung des Schongeistes, der in einer Blutenlese blattert, 
heranzutreten, um sodann ein Urteil nach eigenem Geschmacke 
uber sie zu fallen. Ein Unding ferner, zu glauben, dafi mit eini- 
gen sehr summarischen Hinweisen auf die niederlandische 
Geschichte dieses Zeitraums das wissenschaftlich Angezeigte 
geleistet sei. 

Erfahrungsgemafi will ein Problem, je sproder es sich darstellt, 
desto entschiedener nach jenen eigentiimlichen Mechoden stu- 
diert sein, die sich mit der strengsten Anpassung an seine 
besonderen Gegebenheiten bilden. Diese besonderen Gegeben- 
heiten aber erweisen gerade bei den sprodesten Materien sich 
stets als die von Grenzgebieten. Ein Grenzgebiet ist audi die 
neulateinische Dichtung der Humanisten. Ihre Geschichte liegt 
an der Stelle, wo die Grenzen einer Geschichte der klassischen 
Philologie, einer Geschichte der politischen und theologischen 
Ideen, einer Geschichte des gelehrten Unterrichts, einer Ge- 
schichte der Hochschulen und - gewifi erst an letzter Stelle - 
einer Geschichte der Dichtung ineinanderlaufen. Pragmatisch 



Kleiner Mann aus London 401 

sie abzuhandeln, 1st ein hoffnungsloses Unternehmen. Wie 
vielmehr Bachofen das Mutterrecht, Riegl die spatromische 
Kunstindustrie, Giehlow die Emblematik der Renaissance und 
kiirzlich erst Hertz den Faust zweiter Teil behandelt hat - nam- 
lich als Konfinium, als Grenzgebiet - so einzig ware audi die 
neulateinische Lyrik der Humanisten zu erfassen. 
Das hatte zur Voraussetzung, dafi sie, bevor sich die Betrach- 
tung einzelnen Poeten zuwendet, als ein kollektives Phanomen 
gesichtet wiirde. Den Nachdruck auf die »Wiirdigung« der ein- 
zelnen Dichter zu verlegen, ist genau so abwegig wie den Priif- 
stein der Erlebniswahrheit oder der Natiirlichkeit des Ausdrucks 
an ihre Produktionen anzulegen. Abwegig aber nicht nur im 
Zusammenhang dieser Forschungen. Ellingers Werk ist vielmehr 
uberhaupt, sowohl methodisch wie audi gegenstandlidi hinter 
dem heutigen Stand der Wissenschaft zuriickgeblieben. Es geht 
nicht an, die Darstellung der groften geistigen Bewegung, die die 
Allegorik ausmacht und zu der wir Studien grundlicher Kenner 
haben, durch den Hinweis auf »die Figuren an den Gebauden 
und auf den Platzen«, durch die »die Burger. . .an allegorische 
und mythologische Vorstellung gewohnt worden« waren, zu er- 
setzen. Genau so wenig geht es an, nach dem was Cysarz, Hiib- 
scher, Giinther Miiller gezeigt haben, in dem Barockstil weiter- 
hin nur die Entartung klassischer Vollkommenheit zu sehen. 
So bleibt der wissenschaftliche Ertrag der fleiEigen, gewifi auf 
umfangreiche Quellenstudien gestiitzten Arbeit unbetrachtlich 
und nur das melancholische Gefuhl, so zwecklos einen grofien 
Aufwand vertan zu sehen. 



Kleiner Mann aus London 1 

Der kleine Mann aus London macht seine Badereise. Es lohnt 
sich, sie zu schildern, denn es ist, seit zwei Jahrzehnten, genau 
die gleiche. Und neben Stevens, dem Familienvater, lohnen auch 
Frau und Kinder die Beschreibung. Wie gehen sie in dieser 
Badereise nicht alle auf! Und wie entfahen sie alles, was farbig, 

1 R[obert] C[edrici] Sherriff, Badereise im September. Roman. Deutsch von Hans 
Reisiger. Berlin: S. Fischer Verlag (1933). 342 S. 



402. Kritiken und Rezensionen • 1933 

liebenswert an ihnen sein mag, so unscheinbar und zuverlassig 
wie Teeblumen auf einer Wasserflache ihre bunten Rander. 
Liebenswiirdig ist die Angst, mit der Frau Stevens Jahr fur 
Jahr dem Wagenwechsel in Chapham Junction entgegensieht; 
und pittoresk in ihrer Unbeholfenheit die grofie, alljahrliche 
Begriifiung der Frau Huggett, die das Haus »Seeblick« in Bognor 
fiihrt, durch die auf ihrer Schwelle stehende Familie. Diese 
Familie ist in alien ihren Gliedern bewandert in der Kunst, sich 
ihr Vergniigen auf denkbar praktische Manier zu schaffen und 
andererseits nicht weniger geschickt, aus ihrer praktischen Ge- 
schaftigkeit sich eine Art Vergniigen zu gestalten. Vor allem 
aber hat es seinen Zauber fur diese Handvoll Menschen, Jahr 
fiir Jahr sich dichter in Gewohnheit einzuspinnen. Vielleicht 
spielt mit, dafi dieses simple und bescheidene Familienleben vor 
bedeutenderem, bewegterem Hintergrunde etwas Enges und 
Armliches bekommen konnte, indessen es vor dem soliden, den 
ihm Landschaft und Gesellschaft dieses kleinen Seebades geben, 
selbst hin und wieder einen Anflug von Abenteuer und Exotik 
annimmt. Wie weniges gehort dazu! Ein grauer und sturm- 
bewegter Tag am Meer. Auf der Promenade war man eben 
noch beisammen; da fehlt die Mutter. Auf den Wellen, in der 
Feme - ist das nicht ihr blauer Hut? Er ist es nicht. Nach weni- 
gen Schritten wird die Mutter in dem nahen, verglasten Unter- 
stand gesichtet. Aber so wenige Sekunden sind genug gewesen, 
das Bild einer Familienkatastrophe auf den Prospekt von Bog- 
nor hinzuzaubern. 

Wenn Sommerwochen an der See als hohe Zeit der Traume- 
reien und Versunkenheit in Geltung stehen, so werden sie nicht 
bald einen verlafilicheren Schilderer als Sherriff finden. Er ist 
ein Meister jener fluchtigen Gebilde, die man »Tagtraume« 
genannt hat. Und sind es die Geschopfe, die er darstellt, denn 
weniger? Wer verstiinde sich vielmehr auf solche Traumereien 
besser als der kleine Mann aus unseren grofien Stadten? Das 
Leben hat ihm mehr versagt, als es ihm gab; er hat gelernt, in 
seine Arbeit in Buro und Garten, ins Zeitunglesen und ins 
Stadtbahnfahren viel trostliche Traumstuckchen einzulegen. 
Trostlich noch, wenn sie traurig sind. Herr Stevens kann nicht 
ohne Traurigkeit des Tags gedenken, da der Fuftballklub nach 
jahrelanger treuer Arbeit, die er fiir dessen Sache geleistet hat, 



Kleiner Mann aus London 403 

das Protokoll in andere Hande legte. Doch eben diese Traurig- 
keit, die den Gekrankten selten, aber dann unabweisbar, iiber- 
kommt, spinnt dieses Mifigeschick mit jedem Jahr zartlicher 
seinem Lebenslaufe ein. 

Das ist ja wohl das Geheimnis des kleinen Mannes: das meiste 
wird ihm »Stoff zum Traumen«. Die Kraft oder das Werkzeug, 
es zu etwas anderem zu gestalten, besitzt er nicht. Sogar die 
seltenen Male, da ihm Gelegenheit geboten scheint, das Schick- 
sal fest in seine beiden Hande zu nehmen, lassen nichts zuriick 
als Dunst. Und dieser Dunst verbindet auf dem langen, ein- 
samen Herbstspaziergang des Herrn Stevens sich mit dem Mor- 
gendunst, aus welchem sich die Stimme der Erinnerung zu ihm 
findet: »>Nicht etwa als ob wir irgendwie mit Ihnen unzufrieden 
waren, Herr Stevens - im Gegenteil, wir betrachten Sie als 
einen unserer wertvollsten Mitarbeiter. Aber wir mussen mit 
der Zukunfl rechnen: wir haben schwerste Konkurrenz zu ge- 
wartigen. Wir mussen neue Markte linden, und Herr Wolsey hat 
ausgedehnte Erfahrungen im Detailhandel. Wir sind iiberzeugt, 
daft Herr Wolsey ein Mann ist, unter dem Sie ausgezeichnet wer- 
den arbeiten konnen.< - Das eine Wort im letzten Satz - das 
Wort >unter< - hatte ihn wie ein Peitschenschlag getrofTen. - Fiir 
einen Augenblick hatte er ihnen am liebsten emport den Fehde- 
handschuh hingeworfen und um seine Entlassung gebeten - aber 
dann fiel ihm ein, was im Fufiballklub geschehen war - und hier 
ging es um seine Lebensstellung - nicht nur um Sport -, und der 
Direktor hatte audi gleich wieder von etwas ganz Alltaglichem 

gesprochen .« So geht der kleine Mann in kraftigen Schuhen 

durchs regennasse Gras im Wald und nimmt sein Leben durch. 
Friiher einmal war der Schdfer der Held der Idylle; heute ist es 
der kleine Mann. Und die besondere Art seiner Naturverbun- 
denheit verrat, wie einst die schaferliche, einiges liber den Zu- 
stand der Gesellschaft, aus dem sie stammt. Ein kleiner, senti- 
mentaler Vorbehalt, ein Trick, kennzeichnet dies Verhaltnis zur 
Natur. »Ober allen« - so schildert SherrifF seine kleinen Leute 
vom Strand von Bognor — »lag ein Geist frohlicher, ungezwun- 
gener Freiheit . . . niemand fragte danach, wer oder was seine 
Mitmenschen waren: lachelten sie, so lachelte man auch -, rede- 
ten sie, so redete man auch - redete von dem, was hier um einen 
her war, und nicht von dem, was hinter oder vor einem lag.« 



4°4 Kritiken und Rezensionen • 1933 

Nun - eben diese Haltung ist es, welche heute in jenen Schich- 
ten der Gesellschaft, die nicht gerne, was vor und hinter ihnen 
liegt, betrachten mogen, die Neigung zur Idylle gefordert hat. 
Auch dieses Publikum zieht vor, mit dem, was es um sich herum 
gewahrt, sich zu befassen. Besonders, wie wir auch in Deutsch- 
land wissen, mit jenen kleinen Angestellten, die seit kurzem in 
die Romane eingezogen sind. Sie haben da bisweilen - und 
gewift bei SherrifF - fast die Rolie ubernommen, die im acht- 
zehnten Jahrhundert die Bewohner Otahaitis und, noch sparer, 
die schwarzen Kinder der Natur auf den Plantagen, auf denen 
Onkel Tom zu Hause war, gespielt haben. Die in dem Kampfe 
der Interessen und Ideen Verwickelten neiden - so scheint es 
manchmal - dem kleinen Mann die Moglichkeit, sich seinen 
grauen Alltag mit alltaglichen Traumen zu vergolden. 



Deutsch in Norwegen 
»Die Meister« — deutsches Lesebuch fur norwegische Gymnasien 

Die Volker haben gewohnlich nur ein unklares Bewufksein 
davon, wie sie sich ineinander spiegeln. Durchaus getreu ist 
diese Spiegelung niemals. Am meisten sind sie sich augenblick- 
lich in ihren technischen und sportlichen Leistungen gegenwar- 
tig. Unscharfer wird der Befund, je mehr es auf kiinstlerische 
und literarische Bereiche zugeht. Nur allzu selten stofit man hier 
auf giiltige Zeugnisse dessen, was vom eigenen Volk in dem 
Bewufksein eines fremden lebendig ist. Das vorliegende deut- 
sche Lesebuch fur norwegische Gymnasien stellt ein solches 
Zeugnis dar. 

Es lafit in jeder Hinsicht einen Schlufi auf weit und ernsthaft 
vorgetriebene deutsche Studien an diesen Schulen zu. Der Urn- 
fang des Buches ist imponierend: siebenunddreiEig Bogen deut- 
scher Gedichte, poetischer und geschichtlicher Prosa. Noch kenn- 
zeichnender fur die Griindlichkeit, mit der man an den StofF 
herangeht, sind beigegebene sprachliche, biographische, stati- 
stische und kartographische Erlauterungen. Diese alle auch 
ihrerseits in deutscher Sprache gehalten. 
Es ware verfehlt, ein Buch wie das vorliegende kurzerhand nach 



Deutsch in Norwegen 405 

literarischen Maftstaben oder auch nach padagogischen Erfor- 
dernissen, die fur deutsche Schulen gelten, zu beurteilen. Stets 
sind die Funktionen eines gegebenen Schrifttums in fremdem 
Land nach gewissen Seiten umfassender als die Aufgaben des 
gleichen Schrifttums in seinem eigenen. Norwegische Schiiler 
sind darauf angewiesen, den deutschen Texten, mit denen man 
sie vertraut macht, viele Realien zu entnehmen, die den deut- 
schen gelaufig und vertraut sind. Daher bringt man gerade fur 
den dritten und letzten Teil des Buches, der die »Historische 
Prosa« umfafk, dem im Programm des Lesebuchs enthaltenen 
Riickgang auf die Quellen besonderes Vertrauen entgegen. Je 
ferner namlich nach Kolorit und Stil die Texte unseren moder- 
nen stehen, desto greifbarer lassen sich die Realien, die in sie 
eingesenkten Sachgehalte, an ihnen aufweisen. 
Wie dem nun sei - die Auswahl dieses dritten Teils erfolgte 
leider lediglich an Hand des Stoffs. Die Quellentreue dagegen 1st 
vollstandig preisgegeben. Weder Juliana von Stockhausen noch 
Zdenko von Kraft, weder Wychgram noch Haenisch konnen als 
Meister bezeichnet werden. Gerade in diesem Teile hatte es sich 
darum gehandelt, Quellen, die in Briefwechseln und Gedenkre- 
den, Tagebuchern und Chroniken reichlich fliefien, zu ihrem 
Rechte kommen zu lassen. Freilich sind sie dem ZugrifT weniger 
parat; doch hatte die bedeutende anthologische Arbeit, die' 
Hofmannsthal und Borchardt im Rahmen der Bremer Presse 
geleistet haben, hinreichende Anhaltspunkte gegeben. Mit un- 
bestreitbarem Gewinn wiirde Loewenbergs Aufsatz iiber die 
Grimmschen Marchen der Vorrede zu diesem Buch selbst Platz 
gemacht haben. Die Darstellung Beethovens »nach« H. v. d. 
Pfordten gibt sehr viel weniger, als was Stiicken aus Gesprachen 
oder dem Heiligenstadter Testament zu entnehmen gewesen 
ware. Und Haenischs Aufsatz iiber August Bebel wiirde man 
nicht ungern durch eine von dessen Reichstagsreden vertreten 
sehen. 

Bei solcher Durchfiihrung des Quellenprinzips hatte sich ein 
Nebengewinn ergeben, der nicht zu verachten ist: namlich eine 
gewisse bibliographische Unterweisung des Lesenden. Mehr als 
geschah hatte sich jedenfalls hier tun lassen; in den sehr 
genauen und begriifienswerten »Erlauterungen«, die einen eige- 
nen Band ausmachen, ist die bibliographische Seite zu kurz 



406 Kritiken und Rezensionen '1933 

gekommen. Um so dankenswerter 1st andererseits die Beigabe 
von »Liedern mit Klavierbegleitung« in einem zweiten Heft. 
Es ist ein guter Gedanke gewesen, die erste Beriihrung mit den 
Dichtungen einer fremden Sprache unter das Protektorat der 
Musik zu stellen. Und dazu fugt sich ausgezeichnet, dafi die 
Auswahl audi dem Volkslied eine Stelle eingeraumt hat. Ja, 
gern gabe man fiir weitere Stucke im Sinn des »Wunderhorns«, 
fiirs »Bucklichte Mannlein«, f iir Riickerts »Baumlein, das andere 
Blatter hat gewollt« den neuesten Teil der Auswahl preis. Die 
Gefahr allzu geringer Sprodheit gegen das, was jeweils als 
modern in Geltung steht und die fiir Biicher solcher Art stets 
fuhlbar ist, besteht audi bei der Prosaauswahl. So sehr die 
Weite zu begrufien ist, in die man mit ihr eintritt - selbst 
Meisterleistungen des Journal ismus aus der »Frankfurter Zei- 
tung« und anderen Blattern haben Platz gefunden - so wenig 
kann man es verstehen, wie Sudermann, Frenssen oder Bloem 
in eine engere Wahl von noch nicht dreifiig deutschen Prosai- 
sten geraten konnten. Dagegen vermifit man nicht nur den 
»Armen Mann im Tockenburg«, dessen Prosa, in seiner Lebens- 
beschreibung, den schonsten Volksliedern an die Seite zu stellen 
ist, nicht nur Ernst Moritz Arndt mit seinen nie genug geschatz- 
ten Marchen, sondern sogar Johann Peter Hebel, dessen »Kan- 
nitverstahn« mit Recht zum eisernen Bestand der deutschen 
Lesebucher zahlt, von seinem »Herrn Charles « und seinem 
»Unverhofften Wiedersehen« zu schweigen. 
Das hindert naturiich nicht, daft unter den verbleibenden Stiik- 
ken sogar dem Kenner dies oder jenes wenig bekannte und 
bemerkenswerte begegnen kann. Audi ist die Sammlung viel- 
faltig genug, um ihre schliefiliche Bestimmung durch den Lehrer 
zu erfahren, der sie handhabt. Wichtiger als das alles ist der 
Beitrag, den sie zum Bild des deutschen Schrifttums, wie es sich 
in norwegischen Augen darstellt, liefert. Und da liegt der Ver- 
gleich mit einem Panorama nahe, in dem die prachtigen Alpen- 
gipfel ein wenig zu massiv und zu gedrangt sich aneinander 
reihen, dergestalt, dafi Blicke in die Taler nur selten gliicken. 
Dabei verstehen wir unter diesen Talern das Fundament des 
Volkstums, aus dem die Gipfel kiinstlerischer Schopfung sich 
erheben. Wenn fiir die hoffentlich bald bevorstehenden Neu- 
auflagen dieses Lesebuches ein Wunsch bleibt, so der: den 



Deutsch in Norwegen 407 

Blick des Lesers hin und wieder in die geheimeren Schluchten 
namenlosen oder doch unscheinbaren Schrifttums hinabzuzie- 
hen, die sich zwischen den klassischen Hohen auftun. 
»Die Meister«, ein Lesebuch fiir Gymnasien, wurde herausge- 
geben von Josef Georg Lappe bei Fabritius und Sonners Forlag, 
Oslo. Dazu erschienen: »Erlauterungen und biographischer 
Nachtrag zum Lesebuch«; sowie: »Lieder mit Klavierbeglei- 
tung«. Beide Heftchen haben den gleichen Herausgeber. 



1934 



RUCKBLICK AUF I50 JAHRE DEUTSCHER BlLDUNG 

Zu dem Buch »Die Problematik des asthetischen Mensdien in der 

deutschen Literatur« von K. J. Obenauer 1 

Die Fragen, denen Obenauer sich zugewandt hat, stehen im 
Mittelpunkt der neuesten deutschen Literaturgeschichte, sofern 
sie ihrem Gegenstand mit lebendigem Zeitbewufitsein sich na- 
hert. Die vielgenannten Pragungen, in denen Schiller das Recht 
der Anmut gegen den uneingeschrankten Anspruch der Wurde, 
welchen Kant vertritt, erhebt, mit denen Goethe der schonen 
Seele des Pietismus den asthetischen Adelsbrief verlieh, die 
Romantik die Ironie als Bliite der mannlichen Besonnenheit 
feierte, und der schone Schein, der noch bei Keller sein Lebens- 
recht dem Alltag abzutrotzen sucht - sie alle gehoren der gei- 
stigen Auseinandersetzung an, die seit der klassischen Bewe- 
gung nicht mehr zum Stillstand gekommen ist. 
Was der Volksmund mit einer ebenso biindigen wie weither- 
zigen Wendung als »Lebenskunst« anerkennt, das hat in der 
deutschen Bildungsgeschichte der letzten anderthalb Jahrhun- 
derte seine historische Problematik. Mit ihr hat der Verfasser 
es zu tun. Und zwar ist seine Darstellung in der Hauptsache 
eine literarhistorische, »mehr konkrete Seeien- als konstruktive 
Geistesgeschichte, d. h. weniger Geschichte einer abstrakten 
Idee als einer ganz bestimmten Form des Menschen«. »Beitrage 
zur geheimeren Seelengeschichte der letzten Jahrhunderte« 
nennt der Verfasser sie in einer vielleicht nicht ganz unbeab- 
sichtigten Anlehnung an Geister- und Liebesromane des Bieder- 
meier. Jedenfalls fehlt es auch seiner Darstellung nicht an weit- 
gespannten Verflechtungen, uberraschenden Zwischenspielen 
und bedeutungsvollen Entwirrungen. 

Er hat es auf sich genommen, das Schicksal der humanistischen 
Bildungsidee im Wandel ihrer gesellschaftlichen Bedingtheit 
aufzuzeichnen. Er lalk erkennen, »wie sehr in den vergangenen 

1 K[arl] J[ustus] Obenauer, Die Problematik des asthetischen Menschen in der deut- 
schen Literatur. Munchen: C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung 1933. X, 412 S. 



Ruckblick auf 1 50 Jahre deutscher Bildung 409 

Jahrhunderten asthetische Kultur, die Formwerdung des Volkes 
bedeutete, doch immer an die Entwicklungshohe einzelner 
Stande gebunden war«. Der ganze hier visierte Zeitraum be- 
kommt derart seine Gliederung und Profilierung. Es offnet sich 
die Kluft zwischen den Ardinghello und Hyperion, die in den 
grofien Resten der Antike den Aufruf der Vergangenheit an 
ihre, die eigene Gegenwart vernahmen, und jenen Klassizisten, 
die in Rom nur darum eine letzte Sehnsucht stillten, weil sie die 
Kunst urn der Kunst willen suchten. Die Hahung des spaten 
Goethe, der »in den letzten Biichern der Lehrjahre an die hohe 
asthetische Kultur des Adels positiv ankniipfU, hebt sich von 
den in Rousseaus Farben gehaltenen Sozialgemalden Jean Pauls 
ab. Und Buchners politisch genahrte Verzweiflung, die im 
Spiel Leonces und Lenas ihre Zuflucht sucht, wird ganz mit 
Recht in eine andere Landschaft eingetragen als die, in der die 
schwelgerische Schonheit der Lucinde zu Hause ist. 
Nicht ohne Sinn fur Schwellen und Nuancen ist der Verfasser 
diesen Gebilden und Bewegungen nachgegangen. Und ohne 
Auseinandersetzungen zu suchen, weifi er die eigene Haltung 
scharf genug von der der friiheren Forscher abzuheben. »Nie- 
mand«, so sagt er, »wiinscht im unklaren dariiber gelassen zu 
werden, wo die Grenzen der asthetischen Lebensidee liegen. 
Diese ins Bewufitsein zu erheben, ist heme die Aufgabe. Wir 
haben nur noch geringe Sympathien fiir diesen Typus, wir 
konnen selbst Kierkegaard zustimmen, der den asthetisch Le- 
benden in nihilistischer Schwermut enden lafit.« 
- Leider sind die Zitate nicht immer genau. So lautet der Schlufi 
von Georges »Jahrhundertspruch« (S. 403) nchtig: »In'jeder 
ewe / Ist nur ein gott und einer nur sein kunder.« 



Der eingetunkte Zauberstab 
Zu Max Kommerells »Jean PauK 1 

Als Stefan George fiir seinen Kreis die maCgebliche Auslese aus 
der Oberlieferung deutscher Dichtung in drei Banden zusam- 

1 Max Kommerell, Jean Paul. Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann (1933). 
420 S. 



410 Kritiken und Rezensionen • 1934 

menstellte, bestimmte er einen von diesen Banden Jean Paul. 
Die Anwartschaft der deutschen Leser auf das Bild Jean Pauls, 
das diese Wahl regiert hat, hat sich jahrzehntelang gedulden 
miissen. Gestalten, deren Bedeutung fiir das Deutsditum mit- 
telbarer ist als Jean Paul, besitzen langst ihr Standbild in der 
vielumstrittenen Folge von Werken, welche von Georges Schii- 
lern errichtet wurden. Kommerell zahlt zu diesen nur noch 
mittelbar. Im engeren Sinne ist sein Lehrer Friedrich Wolters. 
Und ein gewisser Abstand von dem Grunder der Schule mag 
eine unerlafiliche Bedingung fiir eine giiltige Darstellung von 
Jean Paul gewesen sein. Sproder als andere erweist sich dieser 
Dichter dem Kanon von Begriffen und von Bildern, nach dem 
die Schiiler (nicht selten allzu wendig) verfahren sind. 
Mit einem Buche iiber den »Dichter als Fiihrer in der deutschen 
Klassik« hat Kommerell schon vor zwei Jahren unverkennbar 
die Distanz bezeichnet, die seine Arbeit nicht nur von der der 
Gesinnungsfreunde, sondern nicht weniger von der zunftigen 
trennt. Und so bedenklich jenes friihere Unternehmen erscheinen 
mufite, sofern es den Versuch darstellte, die Klassiker zu 
Stiftern eines heroischen Zeitalters der Deutschen zu machen, 
so hat es dem Verfasser doch verschafft, worauf seit langem 
unter den deutschen Literarhistorikern kaum einer Anspruch 
machen konnte: Autoritat. Am unverkennbarsten bewahrte sie 
sich in der Meisterschaft physiognomischer Darstellung, in der 
Spannkraft einer Erkenntnis, die nicht nur die Charaktere, son- 
dern audi, und vor allem, die geschichtlichen Konstellationen 
ausmafi, in denen sie einander begegneten. Soldier Konstella- 
tionen gibt es nun im Leben Jean Pauls nur eine eirizige. 
Darum bedeutet fiir das Konnen des Verf assers dieser * sein 
neuer Gegenstand die starkste Belastungsprobe. Er hat sie be- 
standen. Und sein Werk erhebt, zumal an einen Referenten, 
der audi hier entscheidend sich von der Gesinnung des Ver- 
fassers geschieden sieht, den Anspruch, getreu in seinen groften 
Linien kopiert zu werden. Das wird nicht hindern, einen ande- 
ren Umrifi Jean Pauls mit leichten Strichen anzudeuten. 
Jene einmalige geschichtliche Konstellation im Leben von Jean 
Paul war seine Begegnung mit den Herren und Dichtern Wei- 
mars. Vorahnend mag er sie in der Vorrede zur »Unsichtbaren 
Loge« als seine »schonern Leser« angeredet haben, »deren 



Der eingetunkte Zauberstab 411 

getraumte, zuweilen erblickte Gestalten ich wie Genien auf den 
Hohen des Schonen und Groften wandeln und winken sah«. Es 
ist bekannt, dafi man ihn wenig gastlidi am Fufie dieser Hohen 
empfangen hat. Nicht viele seiner Weimarer Begegnungen 
haben Gestalt gewonnen; die handlichste, nicht zufallig, die- 
jenige mit Goethe, der als Tischnachbar des Dichters auf eine 
Aufierung, welche sich Jean Paul uber das Tragische erlaubte, 
eine Viertelstunde verstimmt den Teller drehte. Kommerell 
geht wenig auf das anekdotische Beiwerk dieser Lebensperiode 
ein. Der alte Nerrlich ist da ausfuhrlicher gewesen und hat 
Ziige festgehalten, die einem heutigen Betrachter StofF zu trifti- 
gen Gedanken geben konnten. Hier einer dieser Ziige: »Zu den 
Hofconcerten durften im Saal nur Edelleute erscheinen, wahrend 
fur die Burger lichen die Galerie reserviert war; als nun Jean 
Paul bedeutet wurde, dafi auch er Zutritt zum Saale erhalten 
wurde, falls er einen Degen anlege, weigerte er sich, da er hierin 
eine Degradierung sah.« Solche Ziige wird man bei Kommerell 
vergeblich suchen. Doch ist er gleich in seinem Element, wo er 
Gestalten im Pathos ihrer Distanz, im Feuer ihres Gespraches 
darzustellen hat. »Wer heute«, schreibt er, »von den Schop- 
fungen ausgehend, geneigt ist, den Schuler iiber den Lehrer zu 
setzen, vergegenwartige sich beider Gestalt, wie sie in Herders 
Studierstube auf Stiihlen sitzen und Gesprach fiihren: der eine 
von moloch-artiger Beweglichkeit, wenig seiner Wiirde achtend, 
wasserigen Auges und riesiger Kinderstirn, der andere mit dem 
Ausdruck angeborenen Priestertums im Gesicht, der durch die 
fast weibliche Lieblichkeit des Mundes und durch die Musik in 
allem, was aus diesem Munde kam, gemildert war . . . und mit 
den dunklen Augen, deren unheilbare Traurigkeit schon damals 
an den Blick eines trauernden Demeterhauptes erinnert haben 
mag.« 

In unmittelbarer Nahe soldier Vergegenwartigungen ist im 
Verfasser der Gedanke entsprungen, der vor alien anderen der 
Keim zu seiner bedeutungsvollen Konzeption gewesen sein mag. 
Es handelt sich um die Idee des Humoristen, auf welchen das 
Kapitel »Vorganger« eine perspektivische Ruckschau eroffnet. 
Der Humorist ist ein anthropologischer Typus, und das iiber 
ihm waltende Gesetz das »der unpassenden Verkorperung«. Er 
ist das Geschopf des ersten Witzes, »den diese Witzbolde nicht 



412 Kritiken und Rezensionen * 1934 

machen, sondern der sie macht«. Die falsche Verkorperung ist 
das Erlebnis des Humoristen, das, als verhangnisvolle Schickung, 
hinweggescherzt werden mu6. »Fiir den Philosophen«, setzt der 
Verfasser hinzu, »ist das im-Leib-Stecken kein Schicksal, son- 
dern ein Schein . . . Hatte da . . . der Humorist als lachender 
Philosoph den tiefern Welternst von beiden?« Das geht auf 
Fichte. Die Philosophic der »Wissenschaftslehre« hat Jean Paul 
in ein und demselben ungeheuren Witz zu sprengen und sich 
zuzueignen gesudn. Leibgeber sei ihr Schopfer (eine seiner 
Romanfiguren also). Der habe namlich den Fichte selbst erst 
»setzen« miissen, der dann Verfasser der Wissenschaftslehre 
geworden sei. Drei Dinge waren es, die im Humoristen zu- 
sammentreten: das Ausquartiertsein aus dem eigenen Leib, die 
Versatilitat des Ich, das in jedem Fremden Quartier beziehen 
kann, und das Denken, das Rahmen und Inhalt dieses Vorgangs 
zugleich ist. »Das Erlebnis der Unentrinnbarkeit des Ich und das 
Erlebnis der verfanglichen Dehnbarkeit des Geistes sind nur 
scheinbar Widerspruche.« Diese Dehnbarkeit geht in das Gren- 
zenlose. Nicht nur die vielfaltigen Balge, die das Ich als Humo- 
rist bezieht, nicht nur die schonen Traumgestalten, in denen es 
sich fur die Ewigkeit Quartier bereitet, ohne je in der Zeit in 
ihnen zu Hause zu sein, nehmen den Dichter auf. Der Weltraum 
selbst liegt ihm nicht ferner, ist ihm audi nicht unwirtlicher als 
sie. Denn »Jean Paul dachte sich nicht, wie manche Denker, in 
die Welt, sondern weg von der Welt«. Mit dem Luftschiffer 
Giannozzo gewinnt er seinen gro^ten Abstand von ihr. 
In dieser diinnen Atmosphare hat spater Paul Scheerbart, der 
Verfasser des »Kometentanzes« und der »Astralen Novellet- 
ten«, sich heimisch gemacht. Und dessen Freund Mynona hat 
in der exzentrischen Spannung des Ich als »schopferische In- 
differenz« den Ruhepunkt erblickt, um den die Weltwaage 
balanciert. Nicht umsonst hat er in einer brauchbaren Aus- 
wahl »Jean Paul als Denker« sprechen lassen. Es ware unge- 
recht zu leugnen, dafi auch Kommerell diese Dimension des 
Humors gesichtet hat. »Jean Paul entdedit«, so sagt er, »in der 
alles in sich ziehenden, brechenden, sich selbst ausmessenden 
Ichheit die bejubelte Unendlichkeit der neuen Dichtung.« Jedoch 
nicht diese Raume, die der Fernblick, sondern die dunkleren, 
die sich der Tiefsinn am liebsten wahlt, sind der Betrachtung 



Der eingetunkte Zauberstab 413 

des Verfassers die gelegeneren. Und sehr bezeichnend deutet 
er das Schicksal des Humoristen, das Jean Paul fur sich nieder- 
kampfte, auf eine deutsche Gefahr: »die Gefahr einer philoso- 
phisch iiberreizten Selbstbesinnung, also die Gefahr eines Jahr- 
hunderts. Bewufitseinsfrevel ist die Sache, zu der Jean Paul . . . 
die Gestalt erfand.« 

Von hier ist's nur ein Schritt - wenn auch ein Fehltritt - bis 
zur Diffamierung des Denkens selbst. 2war ist, wie man erst 
kiirzlich sehr mit Recht bemerkt hat 2 , jene Bewufkheit, aus 
welcher der deutsche Idealismus und Jean Paul mit ihm speku- 
liert, »nicht gescharfter Verstand oder Helle der Vernunft . . ., 
sondern Lust und Qual asthetischer Selbstbespiegelung«. Aber 
wie nahe Iiegt nicht die Verwechslung! Wie doppeit nah dem 
Autor, dreifach nah der Zeit! Kommerell ist ihr nicht anheim 
gef alien. Er schliefit sie auch nicht aus. Er scheint zu zogern. Er 
sucht die Oberwindung dieses Zweifels in der heroischen Gei- 
steshaltung. »Die Traumgestalten Jean Pauls«, so schrieb er 
schon vor Jahren, »scheinen nur solange blutlos bis ihre irdi- 
schen Briider iiber unsern Boden gehen.« Und nun riickt er ent- 
schlossener seinen Dichter in die Nahe Nietzsches. So gelingt 
ihm zum mindesten das eine: dem Humor nach seiner destruk- 
tiven Seite gerecht zu werden. Es fallen scharfe Worte iiber jene 
bequemen Geister, die Aussicht haben, »in den ewigen Vorrat 
deutschen Humors zu kommen, und noch den diirftigsten 
Scherz bejauchzt zu sehen«, weil sich >ja hinter ihm ein goldenes 
Gemut verbirgt<. Solche bequemen Geister haben es aufgebracht, 
daft dieser Humor dem Dichter »das Schicksal eines Kleist oder 
Holderlin erspart habe. Naher gemustert, war dieser Humor 
selbst etwas, vor dem sich Jean Paul zu schiitzen hatte, und 
lange nicht die gelindeste unter seinen innern Vernichtungs- 
kraften.« Schoppe, der Denker, den der Irrsinn packt, lehrt, 
»was ein Denkerlebnis ist«, und stiftet seinem Dichter, nach 
Kommerell, die Verwandtschaft mit Nietzsche. 
So fiihrt der Verfasser die Geschichte des Lachens bis zu 
Nietzsche herab. Weit unanfechtbarer und hochbedeutend ist 
die Wendung, mit der er sie bis zu Sokrates herauffuhrt. Trag- 
weite und Niveau des Werkes sind kiirzer kaum zu vermitteln 

2 K[arl] J[ustus] Obenauer, Die Problematik des asthetlschen Mensdien in der deut- 
schen Literatur. Munclien 1933. 



414 Kritiken und Rezensionen * 1934 

als mit folgendem Zitat, das lang ist: Man mag »Sokrates den 
ersten Humoristen nennen, von dem die Welt weifi. Darin dafi 
er sich selbst mit Humor behandelte, lag das Emporende seiner 
Erscheinung fur die Griechen. Nicht dafi es ihm an Schatzung 
seiner selbst gefehlt hatte . . . Aber die Selbstachtung der Grie- 
chen bezog sich auf die Gestalt . . . Sokrates stellte das Ehrwiir- 
dige in sich weit von sich weg: mit >sich< im griechischen Sinn: 
namlich mit seiner Gestalt spielte er, ja gab sie preis. Das war 
unerhort . . . Sokrates in Athen und Jean Paul in Weimar. Zwei 
grofie Storenfriede und enfants terribles, umso unausstehlicher, 
je mehr sie bewegten und bedeuteten! Einen Menschen, der von 
sich selbst absah, konnte die attische Herrenschicht oder konn- 
ten die Weimarer Herren-im-Geist als Hofnarren um sich lei- 
den - wenn er aber die andern iibersah und aufwog? Niemand 
liebt die geistige Aufhebung des Raumes in dem er sich selbst 
befindet, noch weniger, wenn er selbst ihn unter Muhen geschaf- 
fen hat, am wenigsten, wenn dieser selbe Johann Wolfgang 
Goethe heiEt. Und auch die Weimarer waren, da sie sich zu einer 
Art geistigen Herrentums erzogen hatten, betont humorlos. So 
bot die Geschichte den Stoff zu zwei grofien Komodien ... die 
eine ist geschrieben worden und heifk: die Wolken des Ari- 
stophanes. Die andre wurde blofi gelebt.« 

Gelebt aber wurde sie im Biedermeier. Das ist, fiir den Ver- 
fasser, der Augenblick, in dem das Biirgertum aufhort »Symbole 
zu haben, und der reinen Innerlichkeit anheimfallt . . . Erst mit 
dieser gibt es auch die reine Aufierlichkeit. Zwischen beidem 
liegt der Stil. Man mag das Biedermeier lieben oder schelten: 
es ist das Biirgertum als Stil - nach ihm besteht es ohne solchen 
weiter.« Das ist nun eine sonderbare Perspektive auf die letzten 
Drittel des neunzehnten Jahrhunderts: Zeitraum eines »stillo- 
sen« Biirgertums. Lassen wir sie beiseite, um zu fragen: was 
sagt denn Kommerell, wenn er das Biedermeier mit einem war- 
men und mit einem kalten Worte einen »Stil« nennt? Nichts 
Entschiedenes und nichts Entscheidendes. Er stent hier an der 
Grenze des Bereichs, das der heroischen Geschichtsbetrachtung 
faftlich ist. Der Zeitgeist, den Jean Paul wie keiner sonst beim 
Namen rief, mufi hier als Liickenbufter sein Dasein fristen. 
Kommerell lafit ihn nicht zu Worte kommen. Er scheut, ihn zu 
vernehmen, und er hat recht. Was dieser Zeitgeist anzusagen 



Der eingetunkte Zauberstab 415 

hat, ist der Zusammenbrudi der Forderung, die die Klassik an 
das deutsche Biirgertum gestellt hat. Diese Forderung hiefi: Ver- 
sohnung mit dem Feudalismus durch asthetische Erziehung und 
im Kult des schonen Scheins. Dafi nicht der Trotz des Burger- 
turns, vielmehr der Anspruch der Reaktion es war, an welchem 
die klassischen Forderungen zunichte wurden, tut zu dieser Sa- 
die nichts. Das klassische Gesetz der Menschenbildung hat 
Goethe Mignon ins Lied gelegt: »So lafit mich scheinen, bis ich 
werde.« Der Lebenslauf des Apothekers Henoch Marggraf, der 
letzte, den Jean Paul geschildert hat, ein undurchdringliches 
Gewebe aus Betrug und Wahn, das er um sich und andere 
spinnt, erscheint als boses Zerrbild jenes Beschworungsverses. 
Und nicht umsonst ist es ein Fiirstenthron, welchen der Apo- 
theker sich vorgaukelt und den anderen. Die Goetheschen 
Schutzgottinnen des Scheins - Ottilie, Mignon, Helena - sind 
versunken, und eine ganz andere Scheinwelt ist es, in der das 
Biirgertum des Biedermeier unter Jean Pauls Protektorat sich 
einrichtet. Als Protektor hat es ihn in der Tat empfunden, und 
sein Erfolg, dem bei Kommerell keine Deutung zuteil wird, hat 
hier seinen Grund. Freilich ist es dem Verfasser gelungen, die- 
ser Scheinwelt des Biedermeier von einer Seite sich zu nahern. 
Dafi alles Geistige hier ins Geisterhafte iiberzugehen trachtet, 
Spiegel- und Wachsfigur, nicht nur in den Ritter- und Rauber- 
buchern, sondern audi bei Jean Paul zu Geratschaften des 
Verhangnisses werden, spricht er aus. Diese Zersetzungserschei- 
nungen, die dem Aufschwung des spekulativen Idealismus der 
oberen in den niederen Standen entsprechen, hat er im Werk 
Jean Pauls auf das geistvollste nachgewiesen. Aber die Tagseite 
des Scheins, die innigst zu dieser seiner Nachtseite gehort, der 
schone Schein, der im Biedermeier nicht mehr, wie in der Klassik, 
sich selbst genug tut, sondern als Gegenstiick zum Blendwerk 
dies zerstreut, der Schein des Zaubermarchens beruhrt ihn 
kaum. Vielleicht weil dieser trostliche aus Schichten kam, an 
welche die heroische Geschichtsbetrachtung ungern sich verliert. 
Es sind die volkstiimlicher Oberlieferung. 

Die Kunst des Biedermeier ist von solchen Oberlieferungen 
durchdrungen, und Jean Pauls Zettelkasten war deren Archiv. 
Kommerell hat die offenkundige Verwandtschaft dieses gewifi 
barocken Dichters mit der Barockzeit der deutschen Dichtung 



416 Kritiken und Rezensionen • 1934 

keiner Ausdeutung gewiirdigt. Und doch ist hier ein Tatbestand 
gegeben, an welchem weder die Betrachtung seines Werks nodi 
seiner Zeit voriibergehen kann. Das Biedermeier sah die Auf- 
erstehung der blutigen oder geisterhaften Vorgange der barok- 
ken Buhne im Schicksalsdrama. Es sah die Nachblute der die 
Dinge verwandelnden, dem eigenen Wesen zu sinnbildlichem 
Gebrauch sie entfremdenden Allegorie im Zauber- und Feen- 
marchen. Es horte die opernhafte Sprache der Barockpoeten in 
einer Art Spieldosen-Lyrik nachklingen. Das alles vereinigt sich 
in Jean Paul. »Ein Nachziigler iiber Jahrhunderte weg« - so 
folgt nicht nur der Apotheker Marggraf dem Don Quichote, 
sondern Jean Paul dem Genius der deutschen Barockdichtung. 
Nur dafi, wie im Marchen von »Schwan kleb an«, eine unab- 
sehbare Kette von kleinen Leuten und vor alien Dingen Klein- 
biirgerinnen Deutschlands sich an ihn gehangt hat. Ins Blumige, 
Anspruchslose und Gefallige haben sich die Motive des Barock, 
die einst in der gelehrten Dichtung prunkten, umgebildet. Das 
hindert nicht, dafi sie der Zeit als Erbe, als Oberlieferung zu- 
gef alien sind. Keiner hat uppiger mit ihr geschaltet als Jean 
Paul. Dies breite souverane SchafTen macht den Blick in seinen 
Fundus unerlafilich. 

Nicht die Gestaltj der Wandel ist's, dessen Geschbpfe uner- 
schopflich sich der Dichtung aus diesem Fundus zur Verfugung 
stellen. Sein Wesen ist das der Phantasie, die die Gestalt der 
Umgestaltung zufiihrt. Dies nicht ohne sie dabei zu entstalten. 
Entstaltendes Geschehen ist der Stoff Jean Paulscher Dichtung. 
Es ist die Stelle, an der sie mit der Traumwelt sich beriihrt. So 
viel die Ahnung von diesem wolkigen Kern vermitteln kann, so 
viel - nicht mehr - enthiillt sich dem Verfasser. Er streift die 
Sache und spricht von »zarten, buntgefarbten Grenzen«, welche 
die Wirklichkeit des Dichters hat. Er sagt sie, wenn auch nur im 
Bilde, aus: »Die kleinste seiner Dichtungen ist erschaffen, so- 
bald eine Farbe des Gefuhls das Gewebe eines Vergleiches 
trankt.« Und in der Tat: die Phantasieanschauung - der Gegen- 
satz aller gestaltenden Einbildung - ist in der Welt der Farbe 
zu Hause. Aller Form namlich, allem Umrifi, den der Mensch 
wahrnimmt, entspricht er selbst mit dem Vermogen, ihn hervor- 
zubringen. Der Korper im Tanz, die Hand in ihren Gesten 
bildet ihn nach und eignet ihn sich an. Dies Vermogen aber hat 



Der eingetunkte Zauberstab 417 

an der Farbe seine Grenze; der Menschenkorper kann die Farbe 
nicht erzeugen. Er entspricht ihr nicht schopferisch, sondern 
empfangend: im farbig schimmernden Auge. Reine Farbe ist das 
Medium der Phantasie, nicht der strenge Kanon des gestalten- 
den Kunstlers. Ihre Wolkenheimat, in der Formen sich weniger 
gestalten als entstalten, ist das Reich des Wandels. »Wo ist 
denn das hin«, sagt Jean Paul, »das gefarbte Gewolk, das seit 
dreifiig Jahren 'an diesem Ich voriiberzog und das ich Kindheit, 
Jugend, Leben hiefi?« Was aber auf der einen Seite Spiel scheint, 
neigt sich auf der anderen zum Heiligen. Die Kunst, die unterm 
Waken reiner Phantasie sich der Gestalt entfremdet, nimmt 
damit vielleicht nur Bilder des tausendjahrigen Reichs vorweg. 
Kommerell irrt sich nicht, wenn er erklart: »Im Ganzen genom- 
men sind Jean Pauls Urteile chiliastisch, weshalb Herder es 
liebte, seine Namen Johannes und Richter sinnbildlich zu neh- 
men.« Und, unverwischbar in der Pragung, bezeichnet der Ver- 
fasser zuletzt als das Verhaltnis Jean Pauls zu Goethe dies: 
»Wo bleibt Jean Paul? Er behielt anders Recht - nicht wie ein 
Fiihrer, sondern wie ein weises Kind oder eine heilige alte 
Frau.« 

Jean Paul war ein Geschopf, welches »mit Staat, Sitte, Beruf, 
Weib und Geschaft blofi in der Form der Niederlage bekannt 
werden konnte«. Dafiir ist ihm »der eingetunkte Zauberstab« 
zuteil geworden, der »die Form an der materiellen Welt mit 
einem Schlage« andert. Der Zauberstab, von dem die Rede ist, 
ist der der Phantasie; die Feuchte, die ihn benetzt, die des 
Humors, den man aus unergrundlicher Quelle sprudelnd sich 
denken mag. Zu Fiifien eines biedermeierlich geblumten Fel- 
sens springt sie auf. Gelehnt an eine himmelblaue Gottin lagert 
dort der Dichter mit den melodischen Handen. Was ihm die 
Muse eingibt, zeichnet ein Fliigeikind neben ihm auf. Verstreut 
umher liegen Harfe und Laute. Zwerge im Schofi des Berges 
blasen und geigen. Am Himmel aber geht die Sonne unter. So 
hat Lyser einmal die Landschaft gemalt, in deren buntem Feuer 
die Gestalten Jean Pauls wandeln und sich verwandeln. Bei 
Kommerell zeichnet das Dichterhaupt nackt von dem grauen 
Hintergrund der Ewigkeit sich ab. 



41 8 Kritiken und Rezensionen • 1934 

NEUES 2UR LlTERATURGESCHICHTE 



Joseph A. von Bradish, Goethes Erhebung in den Reich sadelsstand 
und der freiherrliche Adel seiner Enkel. Heft j. Leipzig: Alfred 
Lorentz 1933. 240 S. (Veroffentlicbungen des Verbandes deutscher 
Schriftsteller und Liter aturfreunde in New York, Wissenschaftliche 
Folge.) 

Die Schrift legt eine ungewohnlidi wertvolle Aktensammlung 
vor. Erscheint sie als ein Nachtrag zum Goethejahr, so hebt ihre 
Bedeutung sie iiber die grofie Masse der Jubilaumsschriften 
entschieden heraus. Sie umfafit zwei Zyklen von Dokumenten, 
jeder von einer kurzen sachdienlichen Einleitung eroffnet. Der 
erste umfafit den Aktenvorgang, der in Goethes Erhebung in 
den Adelsstand durch Joseph II. , deutscher Kaiser, miindete; 
der zweite die Schriftstiicke, die 78 Jahre spater in Sachsen- 
Weimar zur Erhebung seiner Enkel in den Freiherrnstand, so- 
wie die spateren, weldie Wolfgang von Goethe die Anerken- 
nung dieses Standes in Preufien gesichert haben. Halten die 
Urkunden der ersten Sammlung sich im Rahmen eines Jahres, 
so erstrecken die der zweiten sich iiber fiinf. Man ware in 
Verlegenheit zu sagen, welche von beiden aufschlufireicher ist. 
Die erste atrnet nadi Haltung und Sprache noch die Luft des 
Romischen Kaisertums deutscher Nation; das Geschaft, das 
zwischen Wien und Weimar abgeschlossen wurde, hat ein ganz 
anderes Gesicht als die behutsamen Verhandiungen, deren 
Schauplatz auf das Grofiherzogtum Sachsen- Weimar beschrankt 
blieb. Und weiter ist bezeichnend, wie betriebsam der Enkel 
sich verhalt, wie ungemein gemessen dagegen Goethe dem 
Vorgang, der ihn angeht, von weitem folgt. Es gibt nicht viele 
Episoden in Goethes Leben, die dem Betrachter einen hoheren 
Begriff von Goethes Lebenskunst und Umsicht, einen gediege- 
neren von der Schwierigkeit der Verhaltnisse geben konnen, in 
die er in Weimar eintrat. Wenn es nicht in der Absicht des 
Autors lag, einen Beitrag zu Goethes sozialer Physiognomie zu 
liefern, so tritt sie wie von selbst in den Exzerpten, welche die 
Aktensammlung einleiten, ans Licht. Und je heller dies Licht 
urn so ratselhafter jene Physiognomie. Die seiner Enkel ist es 
dagegen weniger. Ihr funfjahriger Kampf um die »Anerken- 



Neues zur Literaturgeschichte 419 

nung« des angeblichen Goetheschen Freiherrntitels hat einen 
tragikomischen Anflug. Die beiden Briider blieben die Letzten 
des Geschlechts, dessen erbliche Wiirde sie iiber die des Dich- 
ters zu erhohen unternommen hatten. 



Georg Keferstein, Burgertum und Bilrgerlichkeit bei Goethe. Weimar: 
Verlag Hermann Bohlaus Nachf. 1933. Xll t 286 S. (Literatur und 
Leben. 1.) 

Der Titel dieser Arbeit verspricht viel; sie selbst halt wenig. 
Man mag ihren ungliicklichen Ausgangspunkt dafur verant- 
wortlich machen. Dieser besteht in der Entgegensetzung von 
Kunstlertum und biirgerlicher Existenz, fur die der Autor — was 
er nicht verschweigt — Thomas Manns Werken und Essays 
verpflichtet ist. Nun hat zwar Mann — zumal in der Studie iiber 
»Goethe und Tolstoi« — gelegentlich auf solche Kategorien 
zuriickgegriffen, aber doch nicht ohne Aufbietung seiner gan- 
zen schriftstellerischen Behutsamkeit. In Manns Romanen voll- 
ends handelt es sich in der Erscheinung des Kiinstlers um eine 
interessante, gesellschaftlich jedoch bedenkliche Variante des 
burgerlichen Typus, deren Konfrontation mit anderen Varian- 
ten des gleichen Typs gewissermaEen eine Auseinandersetzung 
innerhalb der Bourgeoisie darstellt. Es bedarf keines Worts, 
dafi Goethes geschichtliche Position ihn hoch iiber eine solche 
hinausruckt. Ohne ihr im ubrigen nachzugehen, lafit sich fest- 
stellen, dafi seine Gestalt - in ihren burgerlichen wie in ihren 
unbiirgerlichen Ziigen - zur Erscheinung nur an jenen geschicht- 
lichen Verhaltnissen kommen kann, die den Lebendigen lebens- 
grofi umgaben. Die Auseinandersetzung zwischen Feudalitat 
und Burgertum, deren Feuerschein aus dem Westen auf 
Deutschland fiel, ist ausschlaggebend fiir die Bestimmung der 
gesellschaftlichen Bedeutung Goethes. Der Verfasser, der Goe- 
thes Riesenreich aufs Gradnetz des gesunden Menschenverstan- 
des zu projizieren sucht, fordert sie nicht. Eine durch keinerlei 
geschichtliche Reflexion getriibte Vulgarpsychologie des Burgers 
ist die Grundlage seiner Betrachtung. Konfuse Gegensatze - 
etwa zwischen »Philister« und »kapitalistischem Bourgeois« - 
wechseln mit Halbwahrheiten wie: »Das Drama geht immer 
aufs Aufierordentliche«; »Der Handwerker verkorpert das 



4^0 Kritiken und Rezerisionen * 1934 

Wesen des biirgerlichen Menschen am reinsten«; »Die strenge 
Formgebung der Klassik« steht »dem Biirgertum naher . . . als 
die formlosere Romantik«. Dafi dieses Biirgertum aus Gelehrten 
und Viehhandlern, Advokaten und Hofmeistern, Pastoren und 
Manufakturbesitzern, Beamten und Handwerkern, Landwirten 
und Kramern bestanden, dafi es um die Jahrhundertwende 
Stromungen und Krisen der verschiedensten Natur gekannt, 
Goethe sie vielfaltig in sich bewegt hat - von all dem vermittelt 
diese Schrift nichts oder wenig. Wie psychologische und soziale, 
so gehen normative und geschichtliche Kategorien durcheinander 
und bringen sich gegenseitig um jene Spannkraft, die der Er- 
kenntnis unerlafilich ist. Die Wurzel des Ubels freilich mag 
tiefer stecken: in einer apologetischen Nebenabsicht, deren 
Zwecken - so lauter sie sein mogen - man die Gestalt des 
Dichters nur ungern dienstbar gemacht sieht. 



Hermann Schneider, Vom Wallenstein zum Demetrius. Untersuchun- 
gen zur stilgeschichtlkhen Stellung und Entwicklung von Schillers 
Drama. Stuttgart; Verlag W. Kohlhammer 1933. VIII, 104 S, (TU- 
binger germanistische Arbeit en. 18.) 

Schneiders Untersuchungen sind aus zwei Jahrzehnten akade- 
mischer Lehrtatigkeit hervorgegangen. Ihre Methode ist ein- 
leuchtend und solid. Es iiberrascht nicht, dafi sie einer Reihe von 
Arbeiten des Tiibinger germanistischen Seminars den Weg 
vorgezeichnet hat. Der Verfasser erklart, den Anstofi zu seinen 
Forschungen durch das eigentiimliche »Fremdheitsgefiihl« er- 
fahren zu haben, das fiir seine Generation - geschweige denn 
fur die spateren - Schillers Dramen umwittert. Er kann sich 
fiir diese unbestreitbare Wahrnehmung zudem auf das gewich- 
tige Zeugnis von Dilthey berufen. Mit kritischem Verstande 
spurt er die Ursachen dieses Fremdheitsgefiihls auf. Wenn er 
freilich in der Vorrede es als seine letzte Absicht erklart, dies 
Gefiihl im heutigen Publikum abzumildern, so ist riicht leicht 
ersichtlich, worauf diese HofTnung sich griindet. Zwar stellen 
seine Analysen, die in der des »Demetrius« gipfeln, die aus- 
gereifteren Teile dieses Dramas als diejenige Statte dar, an der 
zum ersten Male die in Schiller sich befehdenden Stilelemente 
des Shakespeareschen Historiendramas und der franzosischen 



Neues zur Literaturgeschichte 421 

Tragodie einem Ausgleich nahegekommen sind. Aber wenn das 
richtig ist - der Verfasser verficht es mit guten Griinden - so 
fallt doch diese Synthese eben aus dem Sdiillerschen Lebens- 
werke, wie es von der Biihne zu uns spricht, heraus. - Wie 
dem audi sei, die Arbeit - niichtern und ohne weite Perspekti- 
ven, wie sie vorliegt - kann sich getrost neben der Mehrzahl 
jener geisteswissenschaftlichen Untersudiungen sehen lassen, 
die heute im Schwange gehen. Deren Anspriiche sind gewifi 
grofier, ihre Ergebnisse aber vielfach geringer als die der vor- 
liegenden Betrachtungen. Dafi sie von der literarischen Analyse 
aus auf den Theaterpraktiker Schiller ein Licht werfen, ist ihr 
besonderes Verdienst. Der Verfasser hat also recht, wenn er 
sagt, er furchte nicht den Einwand, »solche Untersudiungen 
seien vor 20 Jahren am Platz gewesen, heute habe man andere 
Mittel und Methoden, um stilgeschichtliche Fragen zu losen. Es 
gibt viele Arten, einer so merkwiirdigen Erscheinung wie dem 
Sdiillerschen Dramenstil nahezukommen; ich will nur zeigen, 
dafi ein entstehungsgeschichtliches und vergleichendes Verfah- 
ren in die Lage setzt, vieles zu verstehen, manches wohl audi zu 
entschuldigen. Es ist oft ein seltsames Bild, das hier vom Schaf- 
fen des Dramatikers erwachst. Man ist gewohnt, sich das Ver- 
nal tnis von Intuition und Willensleistung, von Eigenem und 
Angeeignetem anders vorzustellen. Es gibt doch offenbar mehr 
Erlernbares und Erlerntes in der dichterischen Kunst, als man 
gemeinhin annimmt.« 

GUnther Voigt, Die humoristische Figur bei Jean Paul. Halle/Saale: 
Max Niemeyer Verlag 1934. 98 S. 

Vor kurzem hat Kommerell in einem umfangreichen Buch Jean 
Pauls Gestalt im Spiegel seiner Humoristen aufzufangen gesucht 
und ihn dabei vor einem weiten und bedeutsamen Hintergrund 
dargestellt. Jean Paul gefolgt von Schoppe, Leibgeber, Roquai- 
rol, Marggraf und seinen iibrigen Trabanten erschien als Sach- 
walter ihrer »unpassenden Verkorperung«. Audi Voigt ist nicht 
entgangen, dafi die humoristische Person bei Jean Paul ein 
»Spiegelbild des Dichters« ist. Der Hintergrund aber, den er in 
diesem Spiegel zu fangen sucht, ist weniger der ewiger Ver- 
nal tnisse und Mifiverhaltnisse im Reiche der Gestalt als - 



4*2 Kritiken und Rezensionen • 1934 

seinen eigenen Worten nach - ein geisteswissenschaftlicher, 
der der Bestimmung »des mit Jean Paul erreiditen Grades des 
Humors« dient. Zur Losung dieser Frage bringt die Einleitung 
der Schrift, in der Geschichte und Funktion der humoristischen 
Literatur im achtzehnten Jahrhundert erortert werden, wert- 
volle Ansatze. Hier interessiert zumal das Unternehmen, das 
Friihwerk von Jean Paul gewissermafien als abgekiirzte Wie- 
derholung eines Entwicklungsganges dargestellt zu sehen, der 
in Formen der Satire (Wieland), des utopisch-rhapsodischen 
Humors (Hamann) und des elegischen (Hippel) die Elemente 
gestellt hatte, aus denen dann die Meisterwerke Jean Pauls die 
Synthese gewonnen haben. ZutrefFend halt, in dieser Einlei- 
tung, der Autor den Versuchen, allgemein Jean Paul als Typ 
des Humoristen iiberhaupt zu fassen, entgegen, dieser Typus 
sei »nichts anderes als eine konstante Form fiir wechselnde 
geistesgeschichtliche Gehalte. Und die >Gestalt< des Humoristen 
bei Jean Paul ist mithin nidit von dem >Typus<, sondern von 
ihrem Gehalt her zu erfassen.« - Wir wagen nicht zu sagen, 
dafi es dem Verfasser gegliickt sei, dies vorziigliche Programm 
nach seinem ganzen Umfang auszufiillen. Es hatte dazu eines 
echten historischen Horizonts bedurft, der ja niemals mit dem 
der blofien Literatur-, ja audi nur der blofien Geistesgeschichte 
zusammenfallt. Insbesondere Jean Pauls Werk aber greift in 
Tiefen des Volkstums und der Tradition hinab, die von den 
zeitgenossischen romantischen Philosophen nur triibe und ver- 
schwommen gespiegelt werden. Nichtsdestoweniger sind sie es, 
vor denen der Schlufi der ernsten und gediegenen Arbeit das 
Bild des Dichters zu beschworen sucht. Sie mundet namlich in 
eine theologische Interpretation. »Der Dichter Jean Paul tritt . . . 
aus dem Kreise der Poeten der Zeit in den Kreis des Theologen, 
des Mystikers.« So der Verfasser. Die Apotheose, die er seinem 
Dichter dergestalt zuteil werden lafk, ist auf die Untersuchun- 
gen gestiitzt, die Benjamin in seinem »Ursprung des deutschen 
Trauerspiels« uber die Allegorie angestellt hat; Kein Kenner des 
Jean Paulschen Stils kann zweifeln, daf$ die Allegorie ihm 
wesensverwandt ist. Doch hatte das nicht hindern, vielmehr 
nahelegen miissen, aus der geschichtlichen Bestimmung, die die 
allegorische Betrachtungsweise in der genannten Schrift gefun- 
den hat, Handhaben fiir die andersartige des Jean Paulschen 



Neues zur Literaturgeschidite 423 

Standorts zu gewinnen. Leider hat Voigt das nicht unternehmen 
wollen. Er hat zu kurz gegriffen und sich so um seine besten 
Chancen oft betrogen. Was hier als theologische Quintessenz 
einer grofien Dichtung erscheint, ist viel weniger das eigentliche 
Bekenntnis des Poeten als vielmehr die Materie seines Schaf- 
f ens, die er in seiner Dichtung nicht verklart, sondern iiberwun- 
den hat. Die »ganze mitverwandte Welt«, die Jean Paul, wie, 
nach einem schonen Worte, alles Vollendete ausspricht, ist 
gewifi weniger die der Schellingschen Spekulation als die irdi- 
sche, bunte und kummerliche, reiche und bedriickte des deut- 
schen Lesepublikums um achtzehnhundert, dem Jean Paul eine 
Habe, die es vergessen hatte, aus der Zeitenferne ans Herz 
legte. 

Paul Binswanger, Die dsthetische Problematik Flauberts. Unter- 
sucbung zum Problem von Sprache und Stil in der Literatur. Frank- 
furt am Main: Vittorio Klosiermann Verlag (1934). 183 S. 

Unter den Romanciers des vergangenen Jahrhunderts hat kei- 
ner, wenn nicht durch sein Werk so durch seine Lehren, ein- 
greifender auf seine Nachfolger gewirkt als Flaubert. Daft diese 
Wirkung eine apokryphe war, die selten eingeraumt, nie zur 
Debatte gestellt worden ist, macht die Darstellung jener Lehren 
nur wunschenswerter. Zu wiinschen bleibt sie auch heute noch. 
Sie insbesondere - leider nicht sie allein - lafit Binswangers 
Studie zu wiinschen iibrig. Denn - um es kurz zu sagen - der 
Verfasser, der nirgends die geschichtliche Bedingtheit Flauberts 
erkannt hat, war eben darum aufierstande, seine geschichtliche 
Tragweite zu erfassen. Nun mag es allenfalls fiir einen Aus- 
leger der »Madame Bovary« oder »Salammbo« angehen, sie aus 
der geschichtlichen Bedingtheit, der sie in Flaubert entstammen, 
zu entriicken er wird dabei nicht viel ausrichten, aber auch 
nicht viel versehen konnen. Fiir einen Interpreten des Flaubert- 
schen Denkens mufite die Sache sehr viel boser ausgehen. Ab- 
stand in dergleichen Untersuchungen ist ja nicht nur ein metho- 
disches, sondern ein moralisches Erfordernis. Ihr Mangel macht 
sie nicht allein wissenschaftlich unergiebig; er entstellt sie. 
Denn nichts ist unerfreulicher als Impotenz, die sich den Schein 
der Kraft zu geben sucht. Binswanger, dem die wahre Kraft 



424 Kritiken und Rezensionen • 1934 

geschichtlicher Erkenntnis abgeht, gibt sich diesen Schein. Wie - 
das erraten wir. Denn sein Verfahren wurde je und je von 
denen praktiziert, die eines Gegenstandes der Geschichte sich 
ohne Abstand zu versichern suchten: sie modernisieren ihn. 
Binswanger modernisiert Flaubert; er glaubt, in seine Asthetik 
neues Licht zu bringen, indem er sie in die Sprache der Existen- 
tialphilosophie iibertragt. In Wahrheit setzt er ihr nur Lichter 
auf ; flackernde und beirrende, die freilich noch hell genug sind, 
um die zahllosen Gebrechen des Sprachleibs, in den Flauberts 
Denken hier entstellt wird, aufdringlich zu machen. Moglich, 
dafi es den regen aber primitiven philosophischen Interessen 
des Verfassers entspricht, mitten im neunzehnten Jahrhundert 
mit dem Schaffen Flauberts das diistere Zeitalter der Moderne 
anbrechen zu lassen. Das kann uns nicht dafiir entschadigen, 
dafi er nicht den Schatten eines Grundes fiir diese erstaunliche 
Chronologie anfiihrt. Plotzlich, in der Mitte des neunzehnten 
Jahrhunderts, ist die Naivitat der fruheren Zeiten verwichen. 
»In welcher Weise audi der Dichter, gleich dem Menschen jener 
noch eben nahen und nun plotzlich verwichenen Zeiten, an die 
Dinge des Lebens ruhren . . . mochte, er trat damit noch unge- 
zwungen ein, fand aus sich heraus und wies hiniiber in die 
werthafte Welt der Dinge, die in ihrem sdiauplatzmafiigen Vor- 
handensein, in ihren Vorfallen und Ereignissen, audi die ge- 
meinschaftlich wirkliche, in ihrem Grund unwandelbare war, die 
irgend positiv oder negativ betont zur Wirklichkeit hinstand 
oder in Sage, Marchen, Fabel sie umspann.« An dieser sonder- 
baren Zeitenwende erhebt sich das Werk Flauberts, in dem wir 
es »mit einem epochalen kiinstlerischen Vorstofi in das Ganze 
des Lebens zu tun haben . . ., der, nur recht zur Anschauung 
gebracht, wohl geeignet ist, das gesamte literarische Schaffen 
des Jahrhunderts unter neuen hier annihrenden Gesichtspunk- 
ten erscheinen und sich rein in sich selbst abschatten zu Iassen«. 
Diesen Vorstofi jedoch verdanken wir nach dem Verfasser einer 
Gabe, die er als selten darstellt, die es aber gewifi nicht halb 
so sehr ist wie die Gabe, sie zu entdecken, die dem Autor eignet. 
Kurz Flauberts Leistung beruht, nach Binswanger, auf einer 
»existentiellen Veranlagung«, welche es dem Dichter gestattet, 
die Welt - nein, keineswegs, vielmehr: »diese gegenstandliche 
Welt, diese gemeinschaftliche Welt der Gegenstande, noch so 



Neues zur Literaturgeschichte 425 

wie sie als Wirklichkeit ist« - zu iiberschauen. Darin begriinden 
sich schliefilich, nach Binswanger, die Tendenzen von Flauberts 
Personlichkeit, »die, in der Weise einer eigentiimlich bewufiten 
Erhobenheit zu einer grofien Sadie wie audi zugleidi in einer 
unverkennbaren Versteifung im Obliegen und in der Vertretung 
dieser Sache« zu denken geben miissen. Freilich durfte das 
Nadidenken iiber diese Probleme noch unfruchtbarer sein als 
das iiber den, der sie stellt, welches man getrost den Lesern 
seiner Schrift iiber lassen kann. 



Ronald Peacock, Das Leitmotiv bei Thomas Mann. Bern: Paul Haupt 
1934. 68 S. (Sprache und Dichtung. Forschungen zur Sprach- und 
Literaturwissenschaft. Heft 55.) 

Obwohl diese Schrift nur 68 Seiten zahlt, ist sie zu umfangreich. 
Mit langatmigen Klarstellungen, die die Form, umstandlichen 
Klitterungen, die den Inhalt der Mannschen Werke betreffen, 
steht der Autor sich selbst im Wege. Denn er hat etwas zu 
sagen. Wenn er seinen Oberlegungen die straffe Gestalt eines 
Essays gegeben hatte, so hatte er ihnen mehr Ehre erwiesen, 
als sie von dieser laxeren Fassung erwarten diirfen. Halten wir 
immerhin fest, dafi das Leitmotiv bei Thomas Mann mehr als 
ein technischer Kunstgriff, die in ihm liegende Anspielung auf 
die Wagnersche Musik hintergriindig und die Tradition des 
Protestantismus fur diese Rolle der Musik im Werke nicht ohne 
Bedeutung ist. Der Autor ist ins Zentrum vorgestofien, aus 
dem das Werk von Thomas Mann sich speist; seine Erorte- 
rung der Ironie beweist es. »Es liegt«, sagt Peacock, mit Bezug 
auf die staatsbiirgerliche und padagogische Bemiihtheit seines 
Autors, »eine Ironie in diesem Ringen nach positiver Haltung, 
nach tapferer Bejahung des Lebens, nach dem Willen zum Leben 
bei lebhaftester Beschaftigung mit fragwurdigen und todesver- 
wandten Dingen.« Dafi zu diesen Dingen an erster Stelle fiir 
ihn das Dichten selbst zahlt, ist Thomas Mann auszusprechen 
ja nicht miide geworden. Darin liegen, wie Peacock richtig 
gesehen hat, Ursprung und Sinn seines Schaffens, dessen soli- 
destes Leitmotiv Ironie ist. 



4*6 Kritiken und Rezensionen * 1934 

Ivan Bunin 

Bunin ist ein Reprasentant des alten Rufiland, dem er durch 
sein Scha£fen und seine literarisciie Laufbahn verbunden ist. Im 
Jahre 1908 erhielt er von der russischen Akademie den Pusch- 
kin-Preis, ihre hochste Auszeichnung. Bekanntlich ist diese 
Wurde ihm neuerdings durch die Verleihung des Nobelpreises 
im internationalen Mafistab bestatigt worden. Von deutschen 
Lesern ist Bunin schon langst und zumal als Novellist geschatzt 
gewesen. 

Sein bekanntestes Buch »Der Herr aus San Francisco« J ist eine 
Sammlung trauriger oder satirischer, in jedem Fall herber Ge- 
schichten, die einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hatten. 
Dem vorliegenden Werk 2 haben Jugenderinnerungen des Ver- 
fassers zum Vorwurf gedient. Es erhebt sich nur selten uber 
den stofflichen Reiz, den man dem - heute schon entlegenen - 
Gegenstande nicht absprechen kann. Der Verfasser stammt aus 
einer alten Adelsf amilie und ist auf dem grofien Gute seines 
Vaters herangewachsen. Den patriarchalischen Verhaltnissen, 
aus denen er kommt, hat er, wie der Familie, wie der Landschaft, 
seine ganze Liebe bewahrt. In diese friedliche Umwelt tritt die 
dichterische Berufung, die in den Junglingsjahren an den Ver- 
fasser ergeht, als uberwaltigendes Geschehen ein, das dem 
Jungling den Blick auf alle Sorgen und Probleme des spateren 
Daseins verstellt. Bunin erinnert sich dieses Geschehens nicht 
ohne eine oft geriihrte Ironie. Aber sei es die unvollkommene 
Gestaltung des Stoffes im Urtext, sei es eine ofters nachlassende 
Obersetzung - es fehlt dieser Ironie die Frische, dieser Riihrung 
die Diskretion. 

Haufig begniigt sich Bunin, in sehr kurzen Kapiteln Stimmungen 
des Augenblicks aufleben zu lassen. Das ist, wenn es iiberhaupt 
eine Form ist, eine sehr anspruchsvolle. Zu ihr passen nicht 
offenkundige Lassigkeiten. Selbst in einem Durchschnittsroman 
liest man ungern im Verlauf einundderselben Handlung »Die 
Nacht war angebrochen«, auf der unmittelbar darauffolgenden 

1 Iwan Bunin, Der Herr aus San Francisco. Novellen. Obersetzt von Kathe Rosen- 
berg. Berlin 1922. 

2 Iwan Bunin, Im Anbruch der Tage. Arssenjews Lcben. (Cbertragen von J. Stein- 
berg. Berlin 1922. 



I wan Bunin * A. Pinlocbe 427 

Seite »Die Nadit war noch nidit angebrochen« (Seite 242/243). 
Im Zuge einer getragenen, ja manchmal rhetorischen Darstel- 
lung ist soldi ein Verfahren anstofiig. Diese Jugenderinnerun- 
gen fiigen dem Ruhm Bunins nichts hinzu. 



A Pinloche, Fourier et le socialisme. Paris: Librairie Felix 
Alcan 1933. 198 5. 

In der ersten Septemberhalfte des vorigen Jahres hat man, in 
kleinem Kreise, das hundertste Jubilaum der Griindung der 
Fourierschen »phalansteres« gefeiert. Diesem Anlafi verdankt 
das vorliegende Buch seine Entstehung und aus gedachtem 
Kreise ist es hervorgegangen. Es ist ein apologetischer Versuch; 
seinem Verfasser ist vor allem angelegen, Fouriers Verdienste 
im Gegensatz zur Schule Saint-Simons auf der einen, im Gegen- 
satz zum Marxismus auf der anderen Seite zu unterstreichen. 
Der subjektive Einschlag ist unverkennbar und angenehm der 
Freimut, mit dem er zum Vorschein kommt. Der Verfasser, heute 
Professeur Honoraire a la Faculti des Lettres von Lille, 
leugnet nicht, es seien eigene Erfahrungen der harten Jugendzeit 
gewesen, die sein Herz der Lehre Fouriers erschlossen haben. 
»Nous nous sentions peut-etre plus porte* vers Tillustre >sergent 
de boutique< par nos propres souvenirs de >garcon de boutique< 
ayant connu comme lui toutes les duretes du proletariat com- 
mercial, et plus tard, le sort reserve a Tintrus, malgr^ les pro- 
messes des Droits de VHomme, qui ose encore se frotter aux 
fils barbeles de certaines citadelles de privilegies sociaux.« 
Im Rahmen objektiver Argumentationen ist es der Geist der 
kapitalistischen Initiative, den er den Saint-Simonisten zum 
Vorwurf macht, indessen ihn Marx vor allem der materiali- 
stischen Ideen wegen, die er dem Klassenkampfe anvertraut, 
abstofit. Sind die Saint-Simonisten »gros brasseurs d'affaires 
soutenus par la puissance des banques«, so ist, was den Marxis- 
mus auszeichnet, nach Meinung des Verfassers, Intoleranz und, 
schlimmer noch, »la haine, dirigee contre quiconque n'y sous- 
crit pas int^gralement«. Diese letztere Kluft dem Leser dra- 
stisch zu machen, hat Pinloche einige Ausziige aus dem kommu- 



4 2 8 Kritiken und Rezensionen • 1934 

nistisdien Manifest dem Buch beigegeben. Dessen wertvollster 
Teil jedoch ist in der Bliitenlese aus Fouriers eigenen Schriften 
und in Schriften seiner Anhanger zu erblicken. Bekanntlich ist 
die ideale Gesellschaftsordnung nach Fouriers Oberzeugung in 
der Natur angelegt; sie lafit sich im Verfolg ihrer aufmerksamen 
Pflege und Warning finden. Jedes gewaltsame Vorgehen des 
Menschen ist nur imstande, die Spuren zu verwischen, die in 
ihr Arkadien geleiten konnen. Der Autor hat sich bemiiht, einen 
Aufrifi dieser Lehre zu geben, in dem ihre oft utopischen und 
pittoresken Elemente zugunsten ihrer konstruktiven zuruck- 
traten. Der utopische Kern allerdings, welcher der Vorstellung 
einer gegen die Politik indifferenten Arbeit am Aufbau der 
Gesellschaft anhaftet, tritt in diesen Proben nur um so drasti- 
scher hervor. Ohne den Studien von Gide, Bougie*, Bourgin und 
anderen Abbruch zu tun, behauptet die sorgfaltige Arbeit als 
Einfiihrung in Fourier ihren Wert. 



Arnold Hirsch, Burgertum und Barock im deutschen Roman, 
Eine Untersuchung uber die Entstehung des modernen Welt- 
bildes. Frankfurt a. M.: Joseph Baer u. Co. 1934. 240 S. 

Es ist ein in doppeltem Sinne vernachlassigtes Gebiet, dessen 
sich Hirsch angenommen hat. Einmal ist die Romanliteratur des 
deutschen Barock iiberhaupt bisher wenig durchforscht worden; 
eine Fulle ihr angehoriger Werke werden bei Hirsch zum ersten 
Mai bibliographisch registriert. Zweitens hat die Periode des 
Obergangs zwischen Barock und Rokoko, die an bedeutenden 
Hervorbringungen nicht reich ist, ihrer Sprodigkeit wegen nur 
selten eine eingehendere Behandlung erfahren; und Hirsch ist 
es gerade um diese Obergangsperiode zu tun. 
Sache der wissenschaftlichen Routine ist es, den sproden Storf* 
wie jeden anderen abzuhaspeln; Sache der echten Wissenschaft 
dagegen, dem Stoff die Sprodigkeit durch eine Verschiebung 
der Fragestellung zu nehmen. Es gibt ja keinen, der bei einer 
angemessenen nicht fahig ware, intensivste Teilnahme zu finden. 
Hirsch hat fur eine solche jedenfalls zu werben gesucht. Er hat 
nach den gesellschaftlichen Bedingungen der neuen Prosalitera- 



Arnold Hirsch 429 

tur gefragt, die in Gestalt des politischen Romans und des 
Schafer-Romans vor 1700 in Deutschland auftaucht. Bezuglich 
des ersteren hat er erkannt, dafi fur das aufstrebende Biirger- 
tum »die rationale Gestaltung des Diesseits nicht an die Hof- 
karriere gebunden« ist. »Was fur den Adligen der Hof ist, das 
wird fur das Biirgertum nun der Staatsdienst, das politische 
Leben.« Und so erscheinen die » politischen Staatsromane« der 
Weise und der Riemer als weitschichtige Anweisungen fiir zu- 
kiinftige Beamte des aufgeklarten Absolutismus. Entsprechend 
hat Hirsch audi dem Schafer-Roman seinen sozialen Standort 
anzuweisen gesucht und diesen im kleinen Landadel gefunden, 
der, wenn nicht immer den Verfasser, so jedenfalls stets den 
Schauplatz dieser Erzahlungen stellt; seine geringere Verfloch- 
tenheit mit deri Hofkreisen erlaubte ihm, friiher von den poli- 
tischen und theologischen Denkformen des Hochbarock sich zu 
losen. 

Mit diesen Feststellungen hat Hirsch sich wertvolle Ausgangs- 
punkte fiir eine Stilanalyse seines Gegenstandes gesichert. 
Wenn diese dennoch kein eingreifendes Ergebnis gezeitigt hat, 
so ist daran ein Anlagefehler schuld, der bereits aus der For- 
mulierung des Titels ersichtlich ist. Dieser stiitzt sich auf den 
Begriff des »modernen Weltbilds«. Man ersieht ohne weiteres, 
dafi mit dieser Kategorie an Prazision verlorengehen muft, was 
Hirsch durch die gesellschaftliche Fragestellung sich gesichert 
hat. Der Begriff des »modernen Weltbilds« entspricht dem 
vielberufenen des »modernen Menschen«, der ja bekanntlich 
vom heiligen Franziskus - den Thode vor zwanzig Jahren als 
seinen ersten Vertreter bezeichnet hat - bis zu den Pietisten - 
die kurzlich von Gebhardt in gleichem Sinne vorgestellt worden 
sind - haltlos durch die Geschichtsepochen schwankt. So scharf 
Hirsch seinen Gegenstand nach riickwarts profiliert, so unzu- 
reichend zeigt sich die Bestimmung seiner Entwicklungsrichtung 
aufs »Moderne«. Sie fiihrt zu einer Stilanalyse, deren Unzu- 
langlichkeit sich bereits in ihren Stichworten verrat. »In diesen 
Gesellschaftsszenen bringt das Einzelne nicht . . . mahnend eine 
religiose Weltdeutung zu Bewufitsein. Das Einzelne ist >blof$< 
der selbstverstandliche Niederschlag des unmittelbaren Besit- 
zes.« »Der Realismus, der seine Wirklichkeit selbstverstandlich, 
ruhig und sicher besitzt, ist das bestimmende Lebensgefuhl der 



430 Kritiken und Rezensionen • 1934 

biirgerlichen Kultur des 18. Jahrhunderts, die dem Menschen in 
der Bearbeitung diesseitiger Lebensaufgaben einen neuartigen 
Lebensinhalt anbietet.« 

Ober so nichtssagende Formulierungen konnte man hinwegge- 
hen, legten sie nicht eine grundsatzliche Feststellung greifbar 
nahe: Innerhalb der Stilgeschichte ist die Entgegensetzung von 
Stil und Natur unter keinen Umstanden statthaft. Es kann viel- 
mehr im geschichtlichen Ablauf stets nur ein Stil den anderen 
ablosen. In der Spannung zwischen verschiedenen Stilen be- 
wegt sich eine geschichtliche Dynamik, die sich in keinerlei Rea- 
lismus je beruhigt. Realismus ist nichts als der Anspruch, mit 
dem von dieser oder jener Seite her jeder Stil der Natur gegen- 
iibergetreten ist. Die entscheidende Aufklarung liber das litera- 
rische Rokoko, die man dem Gegenstandsbereich dieser Studie 
nach hatte erwarten diirfen, hat der Autor mit seinem Begriff 
des neuen Realismus vereitelt. Sie wird dennoch, nicht zuletzt 
wegen ihrer soliden bibliographischen Grundlagen, bei kiinfti- 
gen Untersuchungen zu Rate zu ziehen sein. 



Lawrence Ecker y Arabischer, provenzalischer und deutscher 
Minnesang. Motivgeschichtliche Unter suchung. Bern: Haupt 
1934. IV, 236 S. 

Der Untertitel dieser Schrift kennzeichnet sie als »eine motiv- 
geschichtliche Untersuchung«. Ihr Hauptteil besteht dement- 
sprechend aus monographischen Studien iiber eine Fiille von 
Motiven, die zwischen den verschiedenen Auspragungen des 
Minnesangs vermitteln. Die zahlreichen Zitate aus dem Ara- 
bischen sind in deutscher, die aus dem Provenzalischen in der 
Original-Sprache mit anschliefiender Obersetzung gegeben. Dem 
Autor dieser umfangreichen Materialsammlung kommt es dar- 
auf an, Argumente fur den arabischen Ursprung des Minne- 
sangs zu versammeln. Das Dunkel, das heute iiber der Friih- 
geschichte des Minnesangs noch liegt, hofft er, mit seiner Be- 
trachtung zu Hchten. Er versucht, einen kulturgeographischen 
Aufrifi der Sache zu geben und ist geneigt, die Landschaft 
Katalonien fiir die wichtigste Etappe der Wanderung zu halten, 



Lawrence Ecker * Die deutsche Ballade 431 

welche die Motive des Minnesangs von Sudspanien nach Poitou 
fiihrte. Im Verlauf dieser Darlegungen fallen Streiflichter auf 
die Kultur des Islam und auf die Rolle, welche er den Frauen 
einraumt. Es ergibt sich, dafi gerade in dieser Hinsicht der 
Kontrast, den die bisherige Forschung zwischen dem christ- 
lichen und islamitischen Mittelalter hat aufzeigen wollen, nahe- 
rer Priifung nicht standhalt. 



Die Deutsche Ballade 

Die vorliegende »Sammlung deutscher Balladen von Burger bis 
Munchhausen* 1 ist weniger unmittelbarem Genufi zu Gefallen, 
denn als Instrument der Forschung entstanden. Hat der be- 
kannte Balladendichter von Munchhausen das Vorwort geschrie- 
ben, so ist die Auswahl das Werk einer Arbeitsgemeinschaft 
der neueren Abteilung des Berliner germanistischen Seminars. 
Die gebotenen Texte haben wissenschaftlichen Obungen uber 
die Ballade zugrunde gelegen. Den Niederschlag derselben hal- 
ten Einleitung und Nachwort fest. Die Einleitung legt den 
Schwerpunkt weder auf eine klassifizierende Typenlehre noch 
auf eine asthetische Wesensbestimmung der Ballade. Sie hat es 
vielmehr - ohne jene Fragestellungen geradezu auszuschalten - 
vor allem mit einer Geschichte der Gattung zu tun. Dabei ist 
nicht nur ihr Ursprung bis zu Ossian und Herder zuriickverfolgt 
worden; auch die weniger beachteten Elemente, welche die dem 
Bankelsang verwandte Romanze zur Entstehung der Ballade 
beitrug, sind zu ihrem Recht gekommen. »Die ganze gestellte 
Theaterwelt der Gespensterfurcht, des Kirchhofgrauens, des 
Blutrausches, der Ritterromantik, des Mondscheinzaubers ver- 
mischt sich mit dem alten Rokokogetandel der Elegien oder 
Idyllen mit ihrer mehr oder weniger verhullten Laszivitat und 
zielt auf die Abschreckungswirkung der aufklarerischen Moral. « 
Es sind demnach die mannigfachsten zeitgeschichtlichen Bewe- 
gungen, die die Balladenform bestimmen. Wenn ein Snick wie 

1 Sammlung deutsdier Balladen von Burger bis Munchhausen. Mit einem Vorwort 
von Btirries, Freiherrn von Munchhausen. Halle/Saale: Max Niemeyer Verlag 1934 
XII, 136 S. 



432 Kritiken und Rezensionen • 1934 

die »Lenore« von Burger schon die Stimmungen des Sturms und 
Drangs in sich tragt, so ist Holtys »Nonne« noch wesentlich 
vom volkstiimlichen Romanzenton bewegt, der die Atmosphare 
elegisch, die Vorgange aber derb zeichnet. Von hier aus mustert 
die Sammlung die deutsche Produktion bis ins erste Viertel des 
20. Jahrhunderts, um vor derjenigen Richtung Halt zu machen, 
die im Gefolge Wedekinds zum zweiten Male Mittel des Ban- 
kelsangs - anders gesprochen des Kabaretts - zu verwerten 
sucht. Dafi dabei unterwegs auch epigonale Stiicke mitgenom- 
men werden, rechtfertigt sich durch die erwahnte Zweckbestim- 
mung des Buches. Neben mittelmafiigen Gedichten von Simrock, 
Dahn oder Geibel aber stehen die bedeutsamen der Droste, 
C. F. Meyers, Hebbels, die oft kaum bekannter sind. Zu erwah- 
nen sind schliefilich die gelegentlichen motivischen Parallelen - 
Lore-Lay, Kaiser Otto in Quedlinburg, Heide-Balladen - sowie 
die sorgfaltigen Nachweise des Apparats. 



Das Gartentheater 

Im Jahre 1926 hat Artur Kutscher in der Festschrift »Die Ernte« 
fiir Muncker sich mit der Geschichte des Naturtheaters befafk. 
Das war einer der ersten Versuche auf diesem abgelegenen 
Gebiet der Theatergeschichte. Aus Kutschers Schule ist denn 
auch die neueste Studie aus verwandtem Bereich hervorgegan- 
gen 1 . 

Die Studie grenzt ihren Gegenstand, das Hecken- und Garten- 
theater, streng gegen das Naturtheater ab. In dem letzteren, 
das durch Goethe in Tiefurt verwirklicht wurde, erblickt sie den 
geschichtlichen Erben des Gartentheaters. In Tiefurt wurde zum 
ersten Male eine dramatische Handlung »in die freie, zur Buhne 
erhobene Landschaft« gestellt »und auf die der ungefesselten 
Natur innewohnenden Krafte bezogen«. Demgegeniiber ist das 
Gartentheater, wie schon der Name andeutet, in einer diszipli- 
nierten Natur zu Hause. Die architektonische Gartenkompo- 

1 Rudolf Meyer, Hecken- und Gartentheater in Dcutschland im XVII. und XVIII. 
Jahrhundert. Emsdetten: Verlags-Anstalt Heinr. u. J. Lechte 1934. VIII, 298 S. 
(Die Schaubiihne. 6.) 



Das Gartentheater 433 

sition, die ihre Heimat in Frankreich hat und durch Le Nostre 
vertreten ist, war der gegebene Rahmen dieser Biihne. Ihre Be- 
nutzung stellte gewohnlich nur einen unter vielen Punkten 
eines hofischen Festprogramms dar. Der Garten selbst wird im 
Barock ein Festraum. »Der franzosische Garten ist ein Palais, 
das paradoxerweise in Laubwerk, aber nach den Regeln des 
klassischen Stiles errichtet ist.« In ihm hatte das Gartentheater 
seinen vorgegebenen Ort, und zwar in der Gestalt eines Bos- 
ketts. 

»Das Boskett ist ein in sich abgeschlossener Teil des Gartens, 
nach aufien verschlossen und nur durch bestimmte Eingange 
zuganglich, in seinem Innern zu einem Saal, einem Labyrinth, 
einer Grotte, einem Schauraum plastischer Bildwerke ausgestal- 
tet, mit Springbrunnen, Wasserspielen, Figuren und seltenen 
Pflanzen geschmuckt.« Oder in der Sprache der Zeit zu reden: 
»Solche Lust-Platze (hier sind Bosketts ganz allgemein gemeint) 
werden nun grofiten Theils also formiret/ dafi man auf densel- 
bigen alle die jenige Plaisir mit Pancketen/ Tantzen/ Schau- und 
andern Spielen haben konne/ vor welche in grossen Schlossern 
auch besondere Sale und Zimmer angeordnet werden. Also 
werden erstlich rechte Theatra formiret aus geschnittenen Hek- 
ken/ damit man auf einer von Rasen gemachten Erhohung so 
wohl die Scenen als die Anzieh-Kammern formiret. Gegenuber 
machet man um einen raumlichen Platz von Rasen ubereinan- 
der erhohete Bancke/ darauf eine gute Zahl Zuschauer sitzen 
konnen. Die HerrschafFt sitzet alsdann entweder auf dem Platz 
vor den Zuschauern/ oder nach Belieben und zur Abwechselung 
hinter denselbigen in besondern Cabinetten/ so aus dern Busch 
gehauen/ und mit Hecken-Werck zierlich ausgekleidet/ auch mit 
Oeffnungen gegen dem Theatro versehen werden. « Diese Stelle 
ist einem der deutschen Theoretiker der Gartenkunst entnom- 
men, namlich Leonhard Christoph Sturms »Vollstandiger An- 
weisung/ grosser Herren Pallaste untadelich/ und nach dem heu- 
tigen Gusto anzugeben« (Augsburg 171 8). Mit Recht verweist 
der Verfasser im Zusammenhang der Theoretiker der Garten- 
kunst auf die Meister der sogenannten »Architektur, die nie 
gebaut wurde«. In der Tat hatte ein eingehenderer Hinweis auf 
die Architekturzeichnung, deren Blutezeit wie die der Garten- 
theater ins Spatbarock fallt, diesem Gegenstand vermutlich neue 



434 Kritiken und Rezensionen '1934 

Aufschliisse abgewonnen. Den Weg, der da zu beschreiten 
ware, hat kiirzlich Carl Linfert gewiesen 2 . 
Die Beschrankung, die der Verfasser der vorliegenden Schrift 
in der geistesgeschichtlichen Analyse sich auferlegt, ware dem 
Leser vielleicht weniger empfindlich, wenn er sein Buch nicht 
mit einer Fulle von archivarischem Kleinkram uberlastet hatte. 
Wenn schon die Geschichte der Gartentheater, wie der Verfas- 
ser einsichtig feststellt, an dem grofien Zusammenhang der 
Theatergeschichte keinen Teil hat, vielmehr eng mit der Ent- 
wicklung des hofischen Schaugepranges verbunden ist, so ist 
ihr doch mit Exkursen iiber die hunderte kleiner Dynasten, in 
deren Herrschaftsbereich Gartentheater entstanden sind, nicht 
gedient. Der Verfasser versucht den extrem positivistischen 
Wissenschaftsbegriff, von dem er in diesen Exkursen ausgeht, 
in einigen einleitenden Absatzen dem Leser naher zu bringen. 
Er verwahrt sich dagegen, »dafi moderne Gesichtspunkte, gesell- 
schaftskritische Ansichten des Tages in vergangene Jahrhun- 
derte . . . hineinprojiziert werden«. Er verspricht »alle modernen 
Vorurteile bei Seite zu lassen«. Aber diese hochst allgemeinen 
Formulierungen konnen ein Verfahren nicht decken, das mit 
den »Vorurteilen« audi Forschungsergebnisse ausscheidet. 
Wenn der Verfasser z. B. das steinerne Theater im Garten, das 
Ruinentheater »allein aus antikisierenden Bauvorstellungen, 
die von einer unhistorisch gerichteten Empfindsamkeit beherrscht 
werden«, zu erklaren sucht, so hatten ihn schon die Feststellun- 
gen Borinskis in seinem Werk »Die Antike in Poetik- und 
Kunsttheorie« iiber die Bedeutung der Grotte und Ruine im 
Barock eines Besseren belehren konnen. Ebensowenig stich- 
haltig ist der Pragmatismus, der den italienischen Ursprung des 
Gartentheaters auf die Gunst des sudlichen Himmels zuriick- 
fiihrt, da doch der Verfasser selber die Feststellung macht, das 
Gartentheater sei den spanischen Schlofigarten immer fremd 
geblieben. 

Ungeachtet dieser methodischen Fehler, ist die Arbeit durch 
die Fulle ihrerNachweise und nicht zuletzt durch den gediegenen 
bibliographischen Anhang verdienstlich. 

2 Carl Linfert, Die Grundlagen der Ardiitekturzeichnung. In: Kunstwissensdiaftlidie 
Forschungen. Bd. 1. Berlin 193 i.S. 133-246. 



Georges Laronze 435 

Georges Laronze, Le Baron Haussmann. Paris: Librairie Felix 
Alcan 1932. 260 5. 

Fur eine soziologische Charakteristik des zweiten Kaiserreichs 
gibt es kaum einen gunstigeren Ausgangspunkt als das Studium 
der Aktivitat, die der Seineprafekt Baron Haussmann als 
Stadtebauer an Paris entfaltet hat. Haussmann war ein Arrivist 
im Qienst eines Usurpators. Bei Napoleon III. verbanden sich 
die merkantilen und militarisohen Momente, welche auf eine 
Umgestaltung des Stadtbildes drangten, mit dem Bestreben, 
seine Friedensherrschaft in Monumenten zu verewigen. In 
Haussmann fand er eine Kraft wie er sie brauchte. Mit Recht 
nennt Laronze den Baron einen »realisateur«. Von alien Titeln 
wird man ihm diesen am wenigsten streitig machen konnen. Im 
iibrigen bemiiht sein neuer Biograph sidi um eine vorwiegend 
pragmatische Lebensbeschreibung, die ihre Hauptverdienste in 
der Charakteristik von Haussmanns Aufstieg hat. Friihzeitig 
und geschickt genug hat er die Prasidentschaft, dann das Kai- 
sertum Napoleons vorbereitet, um spaterhin den hochsten Ver- 
trauensposten in seiner Nahe einzunehmen. Die urbanistische 
Wirksamkeit, die er auf diesem Posten ausiibte, ist von gewis- 
sen Autoren abfalliger, damit aber auch pragnanter als von 
seinem gegenwartigen Biographen gekennzeichnet worden 
(Man sdilage die eingehende Charakteristik der Ara Hauss- 
mann bei L. Dubech und P. d'Espezel, »HistoiredeParis«, Paris 
1926, nadi.) Dagegen erhalten die politisdien und administrati- 
ven Hintergriinde dieser urbanistisdien Tatigkeit bei Laronze 
das gebiihrende Lidit. Derart treten vor allem die polizeilichen 
Interessen dieses gewaltigen Bauvorhabens zu Tage, dem die 
Zeitgenossen nicht umsonst den Namen »rembellissement stra- 
t^gique« gegeben haben. Die Quellen reden da eine deutlichere 
Spradie als die Festreden, mit denen der Prafekt die neuen 
Strafienziige einzuweihen pflegte. Unter Louis Philippe bereits 
hatte man Telle der Stadt mit Holz gepflastert, »um der Revo- 
lution den Baustoff zu entziehen. Aus Holzblocken«, sohrieb 
damals Gutzkow aus Paris, »lassen sioh keine Barricaden mehr 
machen. « Aber wie riickstandig erscheint dieser Eingriff, ver- 
glichen mit der radikalen Operation von Haussmann, der 
schnurgerade Strafienziige quer durch Paris legte, um die Ka- 



436 Kritiken und Rezensionen • 1934 

sernen mit den Arbeitervierteln zu verbinden, und der diese 
Straftenziige so breit anlegte, dafi keine Barrikade sie mehr 
sperren konnte. Freilich erschopft sich die »geheime Geschichte« 
der letzten Reorganisation von Paris nicht in diesen Zusammen- 
hangen. Was Hegemann so glanzend fiir Berlin geleistet hat 
- die Verklammerung der Bau- und der Sozialgeschichte einer 
Stadt - bleibt fiir das Haussmannsche Paris noch zu leisten. 
Laronze verrat nur eben genug, urn die Bedeutung der Sache 
ahnen zu lassen; er zeigt, wie sich die Rechtsprechung des Kas- 
sationshofs in den Dienst einer Opposition gegen den Prafek- 
ten stellt, in der die Gegner des Regimes - Legitimisten und 
Republikaner - sich zusammenfinden. - Der Autor hat die 
Laufbahn Haussmanns dann eingehend iiber. seinen Sturz hin- 
aus verfolgt. Und das ist dankenswert. Die Mifigriffe und 
Fehlspekulationen, die sich zu Ende seines Lebens haufen, zei- 
gen, wieviel fiir Haussmann daran gelegen war, seinem Wirken 
den glanzenden Rahmen zu schafTen, in dem es sich so lange 
behaupten konnte. Aufierhalb dieses Rahmens, im Milieu der 
Bank- und Finanzleute seiner Tage ist es das eines Grofi- 
bourgeois aus der Bliitezeit des Imperialisms. Tatkraftige Bor- 
niertheit ist der Kern des Marines, dessen Plane, so grofiartig 
sie waren, unbestreitbar der Perspektive in Vergangenheit und 
Zukunft ermangelten. Seine Vorstellung von den Aufgaben des 
Urbanismus war kaum gediegener als sein Gefiihl fur die 
geschichtliche Schonheit und Wiirde seiner Vaterstadt. 



Julien Benda, Discours a la nation europeenne. Paris: Librairie 
Gallimard (1933). 239 S. (Les Essais. 8.) 

Es wird sobald sich keiner finden, der nicht ein - zumindest 
asthetisches - Gefallen an der sonderbaren Spielart des Ratio- 
nalismus hatte, den Julien Benda in seinen Schriften zum Aus- 
druck bringt. Es ist ein Rationalismus, der weniger auf die 
rationellen Meriten der ratio als auf eine desinteressierte Liebe 
zu ihr gegriindet scheint. Die ratio - von Hause aus doch wohl 
eine furs Wirkliche - hat bei Benda ihre Schonheit, ihre Wiirde, 
fast mochte man hinzufugen: ihren Zweck in sich. Auf alle 



Julien Benda 437 

Falle hat sie, nach Benda, eine eigene Kaste ihr zugeschworner 
Diener zur Verfiigung. Das sind die clercs. Die clercs haben 
sich mit den Angelegenheiten der Offentlichkeit im Sinn der 
ratio zu befassen. Mogen sie Anwalte oder Kiinstler, Journali- 
sten oder Naturforscher sein - als Geistige haben sie den Dienst 
der ratio zu versehen. Und zur Zeit ist deren oberstes Anliegen 
die Erschaffung der nation europeenne. Warum gerade dieser? 
Und warum soil das Friedensreich, das Benda in dieser Form 
herbeiruft, so enge Grenzen haben? Die Leser semes »Discours« 
werden das sehr bald herausfinden, wenn audi der Verfasser es 
kaum ausdriicklich sagt. 

Dies Friedensreich ist namlich nach dem imperium romanum 
geformt, wie das katholische Mittelalter es plante. Die Grenzen 
dieser neuen nation europeenne sind die Grenzen des abend- 
landischen Katholizismus. Dessen Heraufkunft in seiner neuen 
verweltlichten Gestalt ist nun leider, nach Benda, an eine Reihe 
von Verhaltungs- und Denkweisen gekniipft, die samt und 
sonders denen zuwiderlaufen, die den clercs seit hundert Jahren 
die gewohnten sind. Das heifit, dafi der Verfasser ihnen Ura- 
kehr predigt. Unter seinen Sermonen gibt es beherzigenswerte. 
Kennzeichnend fiir die Unabhangigkeit, Treffsicherheit der For- 
mulierungen ist es, wenn der Autor folgendermafien sich an die 
Geistigen wendet: »Clercs de toutes les nations, si vous voulez 
faire FEurope, il vous faudra mourir a la religion barbare de 
Pinvention, de la creation, de Poriginalite. Allez au fond de 
vous-memes et vous reconnaitrez que Pidee de creation 
implique necessairement Pidee de violence, de discontinuite, de 
chose imposee au monde par un acte arbitraire. Le dieu crea- 
teur qu'adore la bible devait devenir necessairement le dieu 
des armees ... II ne s'agit point, ici, de deshonorer la puis- 
sance creatrice; il s'agit d'enseigner que d'autres sont au-dessus 
d'elle. Vous ne ferez une terre de paix qu'en proclamant, avec 
les Grecs, que la sublime fonction des dieux n'est pas d'avoir 
cree le monde, mais, sans plus rien creer, d'y avoir porte de 
Pordre, d'avoir fait un Cosmos. « Diesen Ausfiihrungen, und so 
manchen entsprechenden, sollte man ihren padagogischen Wert 
nicht absprechen. Sie sind geeignet, die Intelligenz zur Revision 
einiger allzu unbedenklich gehandhabter MaEstabe zu veran- 
lassen. Damit ist aber ihr politischer Wert noch keineswegs 



438 Kritiken und Rezensionen * 1934 

nachgewiesen. Und in der Welt der Abstraktionen, aus der 
Benda nie heraustritt, ist ein soldier Ausweis audi nidit be- 
schaffbar. So muli er folgerecht den Losungen Bendas fehlen. 
Und wiifiten wir es mcht, die Eleganz dieser Losungen ware 
ganz geeignet, es uns ahnen zu lassen. Der Verfasser ist mit 
seinen Gegebenheiten genau vertraut; er fiigt sie ohne jeden 
Fehlgriff so zusammen, wie die vielformigen Stiicke eines 
Puzzle. Nur: sind die Gegebenheiten, an denen er seinen Scharf- 
sinn bewahrt, die Gegebenheiten des Wirklichen? Daran miissen 
wir zweifeln. Er vereinfacht die Aufgabe in der bedenklichsten 
Weise. Er kummert sich namlich grundsatzlich nur um Meinun- 
gen, Ansichten, Theorien. Er versteht es, die seinigen den geg- 
nerischen gegeniiber zur Geltung zu bringen. Nie aber kummert 
er sich um die Zustande, Wirklichkeiten, Machtfaktoren, die 
diesen Anschauungen zugrunde liegen. Aus diesem Buche, wie 
aus seinen friiheren, nimmt man den Eindruck mit, es sei ihm 
an Veranderungen der ersteren eigentlich weniger gelegen als 
an einer einwandfreien Ausrichtung der letzteren. Wiederholt 
weist er auf die Geltung des mittelalterlichen imperium roma- 
num hin, das doch »zumindest in der Theorie« die nationalen 
Sonderinteressen in Schranken gehalten und »wenigstens dem 
Buchstaben nach« die blutigen Auseinandersetzungen zwischen 
Volkern in Acht und Bann getan habe. Dieses zunachst nur 
eben schrullig anmutende Interesse an einem sauberen Mei- 
nungs- und Gesinnungsbestande bei den Geistigen - deren 
reale EinfluC- geschweige Lebensmoglichkeiten in der heutigen 
Gesellschaft Benda keiner Priifung unterzieht - tritt in ein 
weniger angenehmes Licht an Stellen, an denen Benda mit 
Nachdruck die mittelalterliche Solidaritat der Geistigen - nicht 
etwa, wie es im Sinne seiner Grundauffassung moglich ware, 
dem Unrecht oder der Gewalt sondern - dem Laien gegeniiber 
mit Beifall darlegt. Die nationalen Unterschiede jener friiheren 
clercs, so sagt Benda, traten gegeniiber anerkannten Idealen 
und Methoden zuruck, »surtout s'ils comparaient ces methodes 
et ces ideaux avec ceux des laics. L'opposition des uns aux 
autres . . . etait beaucoup moins reelle a leurs yeux que Poppo- 
sition d'eux tous au monde des fonctionnaires et des mar- 
chands.« Diese Opposition ist in der Tat ebenso unabloslich von 
der mittelalterlichen Schlusselstellung der clercs als unvereinbart 



Julien Benda 439 

mit der gesellschaftlichen Ordnung der Gegenwart, in der viel- 
mehr das Kloster als ihr letztes Refugium ihren Anachronismus 
zum Ausdruck bringt. 

Zwar ist es nicht zu leugnen, dafi seit Ende des achtzehnten 
Jahrhunderts in Europa es an Versuchen nicht gefehlt hat, die 
Privilegien der clercs den Laien gegeniiber innerhalb der saku- 
larisierten Ordnung zu bewahren. Und im Verlauf des neun- 
zehnten Jahrhunderts hat man die allgemeine Bildung nicht nur 
im Interesse der Massen sondern ebenso in dem der geistigen 
Oberschichten proklamiert, deren besonderes Privileg nun nicht 
mehr dem Glaubigen sondern dem Kleinbiirger plausibel zu 
machen war. Dann eben nannte man den letzteren »gebildet«, 
wenn ihm dasselbe plausibel war. Benda scheint nicht zu ahnen, 
daft dieses Privileg nur noch ein befristetes Dasein zu hofTen 
hat. Jedem Kenner der russischen Erziehungsmethoden ist klar, 
welche Chancen das polytechnische Bildungsziel dem Ziel der 
allgemeinen Bildung gegeniiber aufweist; jeder Beobachter der 
deutschen Ereignisse ist iiber die Krise im Bilde, in der das 
Ideal der allgemeinen Bildung sich dort zersetzt. Unter solchen 
Umstanden ist es nicht moglich, die Geistigen in Europa, wie 
Benda es tut, als einen fest umrissenen - und vor allem fest 
gegriindeten - Stand anzusehen. Vielmehr ist sein ideologisches 
Fundament - das geistliche der christiamtas, wie das weltliche 
der Bildung - schwankender als je. Und gerade dem verdankt 
das Raisonnement von Benda seine unheimliche Geschliffenheit 
und Glatte, dafi es sich an einen wendet, der nicht mehr da 1st. 



1935 



Brechts Dreigroschenroman 1 



Acht Jahre 

Zwischen Dreigrosdienoper und Dreigroschenroman liegen acht 
Jahre. Das neue Werk hat sich aus dem alten entwickelt. Aber 
das geschah nicht in der versponnenen Weise, in der man sich 
das Reifen des Kunstwerks gewohnlich vorstellt. Denn diese 
Jahre waren politisch entscheidende. Ihre Lektion hat der Ver- 
fasser sich zu eigen gemacht, ihre Untaten hat er beim Namen 
genannt, ihren Opfern hat er ein Licht aufgesteckt. Er hat einen 
satirischen Roman grofien Formats geschrieben. 
Zu diesem Buch hat er weit ausgeholt. Weniges ist von den 
Grundlagen, weniges von der Handlung der Oper geblieben. 
Nur die Hauptpersonen sind noch dieselben. Sie waren es ja, die 
vor unseren Augen begannen in diese Jahre hineinzuwachsen 
und ihrem Wachstum so blutig Platz schufen. Als die Drei- 
groschenoper zum ersten Mai in Deutschland uber die Biihne 
ging, war ihm der Gangster noch ein fremdes Gesicht. Inzwi- 
schen hat er sich dort heimisch gemacht und die Barbarei ein- 
gerichtet. Erst spat weist ja auf Seiten der Ausbeuter die Bar- 
barei jene Drastik auf, die das Elend der Ausgebeuteten schon 
zu Beginn des Kapitalismus kennzeichnet. Brecht hat es mit bei- 
den zu tun; er zieht darum die Epochen zusammen und weist 
seinen Gangstertypen Quartier in einem London an, das den 
Rhythmus und das Aussehen der Dickenszeit hat. Die Umstande 
des Privatlebens sind die fruheren, die des Klassenkampfes die 
heutigen. Diese Londoner haben kein Telephon, aber ihre Po- 
lizei hat schon Tanks. Am heutigen London, hat man gesagt, 
zeigt sich, dafi es fur den Kapitalismus gut ist, wenn er sich eine 
gewisse Riickstandigkeit bewahrt. Dieser Umstand hat fur 
Brecht seinen Wert gehabt. Die schlechtgeliifteten Kontore, 

1 Bertolt Brecht, Drcigrosdienroman. Amsterdam: Verlag Allert de Lange 1934. 
494 S. 



Brechts Dreigroschenroman 441 

feuchtwarmen Badeanstalten, nebligen Strafien bevolkert er mit 
Typen, die in ihrem Auftreten oft altvaterisch, in ihren Mafi- 
nahmen immer modern sind. Soldie Verschiebungen gehoren 
zur Optik der Satire. Brecht unterstreicht sie durch die Freihei- 
ten, die er sich mit der Topographie von London genommen hat. 
Das Verhalten seiner Figuren, das er der Wirklichkeit abge- 
lauscht hat, ist, so darf sich der Satiriker sagen, um vieles 
unmdglicher als ein Brobdingnag oder London, das er in seinem 
Kopf erbaut haben mag. 



Alte Bekannte 

Jene Figuren traten also von neuem vor ihren Dichter. - Da 
ist Peachum, der immer den Hut aufbehalt, weil es kein Dach 
gibt, von dem er nicht gewartigt, dafi es ihm iiber dem Kopfe 
zusammenstiirzt. Er hat seinen Instrumentenladen vernachlas- 
sigt und ist einem Kriegsgeschaft mit Transportschiffen naher- 
getreten, in dessen Verlauf seine Bettlergarde in kritischen 
Augenblicken als »erregte Volksmenge« Verwertung findet. Die 
SchifFe sollen im Truppentransport wahrend des Burenkriegs 
eingesetzt werden. Da sie morsch sind, gehen sie mit der Mann- 
schaft unweit der Themsemiindung zugrunde. Peachum, der es 
sich nicht nehmen lafit, zu der Trauerfeier fiir die ertrunkenen 
Soldaten zu gehen, hort dort mit vielen anderen, unter denen 
auch ein gewisser Fewkoombey ist, eine Predigt des Bischofs 
iiber die biblische Mahnung, mit dem anvertrauten Pfunde zu 
wuchern. Vor bedenklichen Folgen des Lieferungsgeschafts hat 
er sich zu diesem Zeitpunkt bereits durch Beseitigung seines 
Partners gesichert. Doch begeht er den Mord nicht selbst. Auch 
seine Tochter, der Pfirsich, streift kriminelle Verwicklungen - 
aber nur so, wie es fiir eine Dame sich machen lafit: in einer 
Abtreibungssache und einem Ehebruch. Wir lernen den Arzt 
kennen, dem sie den Eingriff zumutet, und aus seinem Mund 
eine Rede, die ein Gegenstiick zu der des Bischofs ist. 
Der Held Macheath stand in der Dreigroschenoper seinen Lehr- 
jahren noch sehr nahe. Der Roman rekapituliert sie nur kurz; 
er ehrt das Schweigen iiber ganzen »Gruppen von Jahren . . . , 
das die Biographien unserer grofien Geschaftsleute auf vielen 



442 Kritiken und Rezensionen * 1935 

Seiten so stoffarm macht«, und er lafit es dahingestellt, ob am 
Anfang der Verwandlungen, in deren Abfolge aus dem Holz- 
handler Beckett der Grofikaufmann Macheath geworden ist, 
der Raubmorder Stanford Sills, genannt »Das Messer«, ge- 
standen hat. Klar ist nur so viel, dafi der Geschaftsmann treu 
zu gewissen friiheren Freunden steht, die den Weg in die 
Legalitat nicht gefunden haben. Das tragt seinen Lohn in sich, 
da diese durch Diebstahl die Warenmengen besciiafTen, die der 
Ladenkonzern von Macheath konkurrenzlos billig vertreibt. 
Macheath' Konzern bilden die B-Laden, deren Inhaber - selb- 
standige Existenzen - nur zur Abnahme seiner Ware und zur 
Zahlung der Ladenmiete an ihn verpflichtet sind. In einigen 
Zeitungsinterviews hat er sich iiber »seine entscheidende Ent- 
deckung des menschlichen Selbstandigkeitstriebes« geaufiert. 
Allerdings stehen sich diese selbstandigen Existenzen schlecht, 
und eine von ihnen geht in die Themse, weil Macheath aus 
geschaftlichen Grunden die Warenzufuhr zeitweilig einstellt. Es 
kommt Mordverdacht auf ; es entsteht eine Kriminalsache. Aber 
diese Kriminalsache geht bruchlos in den satirischen Vorwurf 
ein. Die Gesellschaft, die nach dem Morder der Frau sucht, 
welche Selbstmord begangen hat, wird niemals imstande sein, 
ihn in Macheath zu erkennen, der nur seine vertraglichen Rechte 
ausgeiibt hat. »Die Ermordung der Kleingewerbetreibenden 
Mary Swayer« steht nicht nur in der Mitte der Handlung, sie 
enthalt auch deren Moral. Die ausgemergelten Ladeninhaber, 
die Soldaten, die auf lecken Schiffen verstaut werden, die Ein- 
brecher, deren Auftraggeber den Polizeiprasidenten bezahlt - 
diese graue Masse, die im Roman den Platz des Chors in der 
Oper einnimmt - stellt den Herrschenden ihre Opfer. An ihr 
iiben sie ihre Verbrechen aus. Ihr gehort Mary Swayer an, die 
man zwingt, ins Wasser zu gehen, und aus ihrer Mitte ist 
Fewkoombey, der zu seinem Erstaunen wegen Mordes an ihr 
gehangt wird. 



Ein neues Gesicbt 

Der Soldat Fewkoombey, dem im Vorspiel in einem Verschlage 
Peachums »die Bleibe« angewiesen und dem im Nachspiel in 



Brechts Dreigroschenroman 443 

einem Traum »das Pfund der Armen« offenbart wird, ist ein 
neues Gesicht. Oder vielmehr kaum eines sondern »durchsichtig 
und gesichtslos« wie die Millionen es sind, die Kasernen und 
Kellerwohnungen fiillen. Hart am Rahmen ist er eine lebens- 
grofie Figur, die ins Bild zeigt. Er zeigt auf die burgerliche Ver- 
brechergesellschaft im Mittelgrund. Er hat in dieser Gesellschaft 
das erste Wort, denn ohne ihn wiirde sie keine Profite machen; 
darum steht Fewkoombey im Vorspiel. Und er steht im Nach- 
spiel, als Richter, weil sie sonst das letzte behalten wiirde. Zwi- 
schen beiden liegt die kurze Frist eines halben Jahrs, die er 
hintrodelt, wahrend deren aber gewisse Angelegenheiten der 
Oberen sich so weit und so giinstig entwickelt haben, dafi sie mit 
seiner Hinrichtung enden, die von keinem »reitenden Boten des 
Konigs« gestort wird. 

Kurz vorher hat er, wie gesagt, einen Traum. Es ist der Traum 
von einer Gerichtsverhandlung, In der es sich urn ein >>besonde- 
res Verbrechen« dreht. »Weil niemand einen Traumer davon 
abhalten kann zu siegen, wurde unser Freund Vorsitzender des 
grofken Gerichts aller Zeiten, des einzig wirklich notwendigen, 
umfassenden und gerechten . . . Nach langem Nachdenken, das 
allein schon Monate dauerte, beschlofi der Oberste Richter, den 
Anfang mit einem Mann zu machen, der, nach Aussage eines 
Bischofs in einer Trauerfeier fur untergegangene Soldaten, ein 
Gleichnis erfunden hatte, das zweitausend Jahre lang von aller- 
lei Kanzeln herab angewendet worden war und nach Ansicht 
des Obersten Richters ein besonderes Verbrechen darstellte.« 
Diese Ansicht beweist der Richter, indem er die Folgen des 
Gleichnisses namhaft macht und die lange Reihe von Zeugen 
vernimmt, die iiber ihr Pfund aussagen sollen. 
»>Hat Euer Pfund sich vermehrt?< fragte der Oberste Richter 
streng. Sie erschraken und sagten: >Nein.< >Hat er< - es ist von 
dem Angeklagten die Rede - >gesehen, dafi es sich nicht ver- 
mehrte?< Auf diese Frage wufiten sie nicht gleich, was sie sagen 
sollten. Nach einer Zeit des Nachdenkens trat aber einer vor, 
ein kleiner Junge . . . >Er mufi es gesehen haben; denn wir haben 
gefroren, wenn es kalt war, und gehungert vor und nach dem 
Essen. Sieh selber, ob man es uns ansieht oder nicht.< Er steckte 
zwei Finger in den Mund und pfiflF , und . . . heraus . . . trat eine 
Frauensperson und glich genau der Kleingewerbetreibenden 



444 Kritiken und Rezensionen • 193 5 

Mary Swayer.« AIs dem Angeklagten nun angesichts einer so 
belastenden Beweisaufnahme ein Verteidiger bewilligt wird - 
»Aber er mufi zu Ihnen passen« sagt Fewkoombey - und Herr 
Peachum als soldier sich vorstellt, prazisiert sich die Schuld des 
Klienten. Er mufi der Beihilfe bezichtigt werden. Weil er, sagt 
der Oberste Richter, seinen Leuten dieses Gleichnis in die Hand 
gegeben hat, das audi ein Pfund ist. Anschliefiend verurteilt er 
ihn zum Tode. - Aber an den Galgen kommt nur der Traumer, 
der in einer wachen Minute begriffen hat, wie weit die Spuren 
der Verbrechen zuriickfuhren, denen er und seinesgleichen zum 
Opfer fallen. 



Die Partei des Macheath 

In den Handbiichern der Kriminalistik werden Verbrecher als 
asoziale Elemente gekennzeichnet. Das mag fur deren Mehrzahl 
zutreffen. Fur einige aber hat die Zeitgesdiichte es widerlegt. 
Indem sie viele zu Verbrechern machten, wurden sie zu sozialen 
Vorbildern. So steht es mit Macheath. Er ist aus der neuen 
Schule, wahrend sein ebenburtiger, lange ihm verfeindeter 
Schwiegervater noch zur alten zu zahlen ist. Peachum versteht 
es nicht aufzutreten. Seine Habgier versteckt er hinter Familien- 
sinn, seine Impotenz hinter Askese, seine Erpressertatigkeit 
hinter Armenpflege. Am liebsten verschwindet er in seinem 
Kontor. Das kann man von Macheath nicht sagen. Er ist eine 
Fuhrernatur. Seine Worte haben den staats-, seine Taten den 
kaufmannischen Einschlag. Die Aufgaben, denen er zu entspre- 
chen hat, sind ja die mannigfachsten. Sie waren fiir einen Fuh- 
rer nie schwerer als heutzutage. Es gemigt nicht, Gewalt zur 
Erhaltung der Eigentumsverhaltnisse aufzubieten. Es gemigt 
nicht, die Enteigneten selbst zu deren Ausiibung anzuhalten. 
Diese praktischen Aufgaben wollen gelost sein. Aber wie man 
von einer Balletteuse nicht nur verlangt, dafi sie tanzen kann, 
sondern audi, dafi sie hiibsch ist, so verlangt der Faschismus 
nicht nur einen Retter des Kapitals sondern audi, dafi dieser 
ein Edelmensch ist. Das ist der Grund, aus dem ein Typ wie 
Macheath in diesen Zeiten unschatzbar ist. 
Er versteht es, zur Schau zu tragen, was der verkummerte Klein- 



Brechts Dreigroschenroman 445 

burger sich unter einer Personlichkeit vorstellt. Regiert von 
hunderten von Instanzen, Spielball von Teuerungswellen, Opfer 
von Krisen sucht dieser Habitue von Statistiken einen Einzi- 
gen, an den er sich halten kann. Niemand will ihm Rede stehen, 
Einer soil es. Und der kann es. Denn das ist die Dialektik der 
Sache: will er die Verantwortung tragen, so danken ihm die 
Kleinburger mit dem Versprechen, keinerlei Rechenschaft von 
ihm zu verlangen. Forderungen zu stellen, lehnen sie ab, »weil 
das Herrn Macheath zeigen wiirde, dafi wir das Vertrauen zu 
ihm verloren haben«. Seine Fiihrernatur ist die Kehrseite ihrer 
Geniigsamkeit. Die befriedigt Macheath unermudlich. Er ver- 
saumt keine Gelegenheit hervorzutreten. Und er ist ein anderer 
vor den Bankdirektoren, ein anderer vor den Inhabern der 
B-Laden, ein anderer vor Gericht und ein anderer vor den Mit- 
gliedern seiner Bande. Er beweist, »dafi man alles sagen kann, 
wenn man nur einen unerschiitterlichen Willen besitzt«, zum 
Beispiel das Folgende: 

»Meiner Meinung nach, es ist die Meinung eines ernsthaft 
arbeitenden Geschaftsmannes, haben wir nicht die richtigen 
Leute an der Spitze des Staates. Sie gehoren alle irgendwelchen 
Parteien an und Parteien sind selbstsiichtig. Ihr Standpunkt 
ist einseitig. Wir brauchen Manner, die Liber den Parteien ste- 
hen, so wie wir Geschaftsleute. Wir verkaufen unsere Ware an 
Arm und Reich. Wir verkaufen Jedem ohne Ansehen der Person 
einen Zentner Kartoffeln, installieren ihm eine Lichtleitung, 
streichen ihm sein Haus an. Die Leitung des Staates ist eine 
moralische Aufgabe. Es mufi erreicht werden, dafi die Unter- 
nehmer gute Unternehmer, die Angesteilten gute Angestellten, 
kurz: die Reichen gute Reiche und die Armen gute Arme sind. 
Ich bin iiberzeugt, dafi die Zeit einer solchen Staatsfiihrung 
kommen wird. Sie wird mich zu ihren Anhangern zahlen.« 



Plumpes Denken 

Macheath' Programm und zahlreiche andere Betrachtungen hat 
Brecht kursiv setzen lassen, so dafi sie sich aus dem erzahlenden 
Text herausheben. Er hat damit eine Sammlung von Anspra- 
chen und Sentenzen, Bekenntnissen und Pladoyers geschaffen, 



446 Krkiken und Rezensionen • 1935 

die einzig zu nennen 1st. Sie allein wiirde dem Werk seine Dauer 
sichern. Was da steht, hat noch nie jemand ausgesprochen, und 
doch reden sie alle so. Die Stellen unterbrechen den Text; sie 
sind - darin der Illustration vergleichbar - eine Einladung an 
den Leser, hin und wieder auf die Illusion zu verzichten. Nichts 
ist einem satirischen Roman angemessener. Einige dieser Stel- 
len beleuchten nachhaltig die Voraussetzungen, denen Brecht 
seine Schlagkraft verdankt. Da heifit es zum Beispiel: »Die 
Hauptsache ist, plump denken lernen. Plumpes Denken, das 
ist das Denken der Grofien.« 

Es gibt viele Leute, die unter einem Dialektiker einen Liebhaber 
von Subtilitaten verstehen. Da ist es ungemein nutzlich, dafi 
Brecht auf das »plumpe Denken« den Finger legt, welches die 
Dialektik als ihren Gegensatz produziert, in sich einschliefit und 
notig hat. Plumpe Gedanken gehoren gerade in den Haushalt 
des dialektischen Denkens, weil sie gar nichts anderes dar- 
stellen als die Anweisung der Theone auf die Praxis. Auf die 
Praxis, nicht an sie: Handeln kann natiirlich so fein ausfallen 
wie Denken. Aber ein Gedanke mufi plump sein, um im Han- 
deln zu seinem Recht zu kommen. 

Die Formen des plumpen Denkens wechseln langsam, denn sie 
sind von den Massen gescharTen worden. Aus den abgestor- 
benen lafit sich noch lernen. Eine von diesen hat man im Sprich- 
wort, und das Sprichwort ist eine Schule des plumpen Denkens. 
»Hat Herr Macheath Mary Swayer auf dem Gewissen?« fragen 
die Leute. Brecht stofit sie mit der Nase auf die Antwort und 
setzt iiber diesen Abschnitt: »Wo ein Fohlen ersoffen ist, da 
war Wasser.« Einen anderen konnte er iiberschreiben: »Wo 
gehobelt wird, gibt es Spane.« Es ist der Abschnitt, in dem 
Peachum, »die erste Autoritat auf dem Gebiet des Elends«, sich 
die Grundlagen des Bettelgeschafts vor Augen fiihrt. 
»Es ist